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Full text of "Nervöse Angstzustände und ihre Behandlung [2., vermehrte und verbesserte Auflage. Störungen des Trieb- und Affektlebens I.]"

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STÖRUNGEN 



DES 



TRIEB- UND AFFEKTLEBENS. 

I. 



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STÖRUNGEN 



DES 



TRIEB- UND AFFEKTLEBENS 



(DIE PARAPATHISCHEN ERKRANKUNGEN). 



VOM 



D R WILHELM STEKEL, 



NERVÖSE ANGSTZUSTÄNDE UND IHRE BEHANDLUNG. 



URBAN «Sc SCHWARZENBERG 

BERLIN WIEN 

N., FRIEKRICHSTRASSE 1 (<'• b I., M A XIM1 1.1 A XSTRASSE * 

1912. 



NERVÖSE 

ANGSTZUSTÄNDE 

UND IHRE BEHANDLUNG. 



VO.N 



D B WILHELM STEKEL, 

, wra». 



MIT EINEM VORWORT 

VOM 

PROFESSOR DR SIEGMUND FREUD. 

ZWEITE, VERMEHRTE UND VERBESSERTE AUFLAGE. 



; HQWSB VIEDKM GEUANKEN LAUERT 

* KL«E LKU]£KSCHAFT . . . 

Al'UUKT HTHINnHKMi. 

; J .-.....•:-.':;■, 



URBAN & SCHWARZENBERG 

BERLIN WIEN 

N., FRIEDR1CHSTRASSK 105b I., MAXIMILIANSTRASSE 4 

1912. 



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BIOLOCY 

UBttACT 



ALLE RECHTE VO BBEH A LT E ». 



Copyright, 1912, by Urban ft Schwarzenberg, Berlin. 



Vorwort. 



Meine seit dem Jahre 1893 fortgesetzten Untersuchungen über 
die Ätiologie und den psychischen Mechanismus der neurotischen 
Erkrankungen, die anfänglich nur geringe Beachtung bei den Fach- 
genossen gefunden hatten, sind endlich zur Anerkennung von Seiten 
einer Anzahl von ärztlichen Forschern gelangt und haben auch die 
Aufmerksamkeit auf das psychoanalytische Untersuchungs- und 
Heilverfahren gelenkt, dessen Anwendung ich meine Ergebnisse ver- 
danke. Herr Dr. W. St ekel, einer der ersten Kollegen, die ich in 
die Kenntnis der Psychoanalyse einführen konnte, und gegenwärtig 
selbst durch vieljährige Ausübung mit deren Technik vertraut, unter- 
nimmt es nun, ein Kapitel aus der Klinik dieser Neurosen auf Grund 
meiner Anschauungen zu bearbeiten und seine mit der psycho- 
analytischen Methode gewonnenen Erfahrungen für ärztliche Leser 
darzustellen. Wenn ich in dem eben dargelegten Sinne bereitwillig 
die Verantwortung für seine Arbeit übernehme, so scheint es doch 
billig, daß ich ausdrücklich erkläre, mein direkter Einfluß auf das 
vorliegende Buch über die nervösen Angstzustände sei ein sehr 
geringer gewesen. Die Beobachtungen und alle Einzelheiten der Auf- 
fassung und Deutung sind sein Eigentum; nur die Bezeichnung 
„Angsthysterie" geht auf meinen Vorschlag zurück. 

Ich darf sagen, daß Dr. Stekels Werk auf reicher Erfahrung 
fußt, und daß es dazu bestimmt ist, andere Arzte anzuregen, unsere 
Ansichten über die Ätiologie dieser Zustände durch eigene Bemühung 
zu bestätigen. Es eröffnet oft unerwartete Einblicke in die Wirklich- 
keiten des Lebens, die sich hinter den neurotischen Symptomen zu 
verbergen pflegen, und wird die Kollegen wohl überzeugen, daß es 
für ihr Verständnis wie für ihr therapeutisches Wirken nicht gleich- 
gültig sein kann, welche Stellung sie zu den hier gegebenen Winken 
und Aufklärungen einnehmen wollen. 

Wien, im März 1908. 

Prof. Freud. 



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Einleitung zur zweiten Auflage. 



Kenner der ersten Auflage dieses Buches werden bemerken, 
daß sich meine Auffassung des Problems „Angst" in mancherlei 
Hinsicht geändert hat. Der Weg der Erkenntnis ist der gleiche ge- 
blieben: die Psychoanalyse. Auch hat sich in dem therapeutischen 
Verfahren nichts geändert. Bloß die Art, wie ich die Angstzustände 
auffasse und sehe, wird manchmal neu erscheinen. Und doch finden 
sich die Keime der neuen Ansichten alle in der ersten Auflage. Sie 
haben sich in mir organisch weiter entwickelt. 

Ich war in der glücklichen Lage, eine Reihe neuer, interessanter 
Beobachtungen dem Werke einfügen zu können. Auch habe ich eine 
Schuld abgetragen, die mir immer wie ein Unrecht vorkam. Ich 
habe mich inzwischen intensiv mit den anregenden Arbeiten von 
Jan et beschäftigt und mich bemüht, die Brücke von Janet zu 
Freud zu schlagen. 

Immer mehr kam mir die Erkenntnis, daß das Wesen der 
Neurosen in einer Störung der Affektivität zu suchen ist. Der von 
mir seinerzeit vorgeschlagene Name „Parapathie" soll dieser Auf- 
fassung Ausdruck geben. Auch die Psychosen haben eine Parapathie 
zur Grundlage; was sie aber von den Neurosen scheidet, ist die 
hinzutretende Störung des Logos, weshalb ich sie „Paralogien" 
nenne. Doch scheinen mir zwischen Neurosen und Psychosen mehr 
Obergangsstufen zu existieren, als wir bisher zu sehen glaubten. 
Alle Schemen und Einteilungen versagen eigentlich gegenüber dem 
überwältigenden Reichtum und der bunten Mannigfaltigkeit der 
seelischen Phänomene. 

Ich habe mich entschlossen, sämtliche Störungen des Trieb- und 
Affektlebens als „parapathische Erkrankungen" zu beschreiben und 
zu einem großen Werke zu vereinigen. Es wird die Arbeit meines 
Lebens sein und meine gesammelten Erfahrungen enthalten. Als 
zweiter Band dürfte in zwei Jahren „Der Zweifel und die Zwangs- 
erscheinungen" erscheinen. Dann sollen „Die psychischen Störungen 
der Sexualfunktion", „Die Perversionen", besonders die „Homo- 
sexualität" folgen und den Schluß werden „Die Depressionen" bilden. 
Das gibt mir reiches Schaffen für ein Jahrzehnt und das Bewußt- 
sein, die mühevolle Kleinarbeit der Psychoanalyse nicht vergeblich 
geleistet zu haben. Auf diese Weise will ich die große Dankesschuld 
abtragen, zu der ich meinem Lehrer Freud verpflichtet bin. 

Wien, im Januar 1912. 

Der Verfasser. 



Inhaltsverzeichnis. 

ERSTER TEIL 

Die Angstneurose. 

3.1t. 

1. Allgemeine Gesichtspunkte 1 

II. Das Wesen der Verdrängung 6 

in. Die Grundbegriffe der Angstneurose 17 

IV. Wie entsteht eine Angstnenrose 26 

V. Klinik der Angstnenrose: Der Angstanfall 33 

VI. Klinik der Angstnenrose : Angstnenrosen mit Erscheinungen des Hertens . 42 

VII. Klinik der Angstnenrose: Die Brustangst und die anderen Erscheinungen der 
Resplrationsorgane 66 

VIII. Klinik der Angstnenrose: Störungen der Verdauung 6? 

IX. Klinik der Angstnenrose: Der Ekel und die Hyperemesis Gravidarum ... 80 

X. Klinik der Angstnenrose: Das Erbrechen 92 

XI. Klinik der Angstnenrose: Kongestionen, Ohnmacht, Schwindel 102 

XI I. Klinik der Angstnenrose: Zittern nnd Schattein, Parilsthesien. Wie entstehen 
Angstrudimente ? 119 

XITJ Klinik der Angstneurose : Vasomotorische Phänomene, periodische Abmigenmg 

und Krämpfe. Einfluß der Perioden anf die Angstanfälle und Angstäquivalente 121 

XIV. Klinik der Angstnenrose: Muskelkrämpfe, Tics nnd Schmenen 132 

XV. Klinik der Angstnenrose: Schlaflosigkeit 140 

XVI. Oie Angstneurose der Kinder 161 

ZWEITER TEIL. 

Die Angsthysterie. 

XVII. Einige einfache Beispiele von Angsthysterie 178 

XVIII. Analyse einer Angsthysterie 188 

XIX. Ein Fall von A ngstby sterie mit Obsession 196 

XX, Analyse einer Angsthysterie mit Obsession 201 

XXI. Ein Fall von Topopbobie 208 

XXII. Eine Bernfsneurose (Angst- und Konversionshysterie) 222 

XXIII. Eine Bernfsneurose 231 



VIII Inhaltaverzeiobnis. 

XXIV. Angst vor dem Erröten (Erythrophobie) . 846 

XXV. EiRenbabnangst, Prüfungsangst and psychische Impotent 256 

XXVI. Die Bernfsaearoee einer Sängerin . 270 

XXVII. Schwindel and BergangBt. Die Angst zu stürzen 293 

XXVIII. Stottern. Lampenfieber. Allgemeine Übersicht der Phobien 900 

XXIX. Die Hypochondrie .• 316 

XXX. Die psychische Behandlang der Epilepsie. (Larvierte Angsthysterie.) . . . 336 

XXXI. An der Grenze der Psychose. (Analyse zweier Fälle von Melancholie.) . . 360 

DRITTER TEIL. 

Allgemeines. 

XXXII. Allgemeine Psychologie der Furcht 366 

XXX fll. Allgemeine Diagnostik der Angstcostände . ■ . . 379 

XXXIV. Allgemeine Therapie der Angstzuattnde 892 

XXXV. Die Technik der Psychotherapie 410 

XXXVI. Ausblicke 433 

Autorenregistcr 443 

Sachregister . . . , .... 446 



Von Dr. Wilhelm Stekel erschienen im Verlage von J. F. Bergmann in Wiesbaden 
Folgende Werke: 

Dichtung und Neurose. (Bausteine zur Psychologie deB Künstlers.) 

Die Sprache des Traumes. (Eine Darstellung der Symbolik und Deutung des 
Traumes in ihren Beziehungen zur kranken und gesunden Seele.) 

Über den Selbstmord, insbesondere den ScbUleraelbstmord. (In den Diskus- 
sionen des Wiener psychoanalytischen Vereines.) 

Die Träume der Dichter. 



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ERSTER TEIL. 

Die Angstneurose. 



I. Allgemeine Gesichtspunkte. 

Ein echtes deutsches Buch mllßte eigentlich mit einer Definition be- 
ginnen. Da unser Thema sich nm Angstgefühle dreht, müßte ich nach der 
gewöhnlichen Schablone zuerst auseinandersetzen, was Angstgefühle sind. 
Müßte sämtliche Definitionen berühmter Nervenärzte heranziehen und dann 
ans allen alten eine nene zimmern. Ich müßte es tnn, wenn dies Buch 
darauf Anspruch erheben wollte, den Verfasser in den Ruf großer und 
gründlicher Gelehrsamkeit zu bringen. Allein ich betone es gleich anf der 
ersten Seite: dieses Buch ist aus der Praxis für die Praxis geschrieben. 
Es soll in klarer, kurzer und eindringlicher Weise die Entstehung und 
Behandlung der nervösen Angstzustände schildern. Es soll nns die gewaltige 
Macht der seelischen Kräfte verstehen lehren. Es soll eine Einführung in 
jene hohe Kunst werden, welche die Grundlage alles ärztlichen Wirkens 
bildet: die Psychotherapie. 

Lange Jahre haben wir uns der biologischen Errungenschaften so 
gefreut, daß wir ganz vergessen haben, daß der Mensch auch eine Seele 
besitzt. Über den Portschritten der Chemie, Physik, Bakteriologie und Pa- 
thologie haben wir verlernt, auch die psychische Komponente der Krank- 
heiten in Rechnung zu ziehen. Wir haben die seelische Erforschung des 
Menschen arg vernachlässigt und erst die wunderbaren Erfahrungen des 
Lebens führen uns mit sanfter Hand in das Reich der Psychologie zurück 
und beweisen uns, daß wichtiger als alle anderen Disziplinen für den 
praktischen Arzt eine genaue Kenntnis der menschlichen Psyche ist. Das 
Verdienst, dies Verständnis durch eine Reihe geistreicher Forschungen 
angebahnt zu haben, gebührt unstreitig Bernheim. 1 ) Durch Bernheim er- 
hielten wir einen tiefen Blick in eine neue Welt. Mit den Wundern der 
Suggestion erschloß sich uns eine neue Perspektive: Wir begannen den 
ungeheuren Einfluß seelischer Kräfte zu begreifen. 

Auch die verschiedenen Werke Janeta *) förderten das Verständnis der 
Neurosen. Durch Janet lernten wir die Bedeutung der „fixen ldee u für die 



') Die Suggestion and ihre Heilwirkung. Wien 1896, Denticke. 

*) „L'Aatomatisme psyohologiqae.* Felix Älcan, 1903. — „Nevroses et 
idees fixes." Felix Alcan, 1898. — „Les Obsessions et la Psychasthenie." Felix 
Alcan, 1903. Die beiden letzten Werke gemeinsam mit P.Raymond. Ferner: „Leg Nev- 
roses." Ernest Flammarion, 1910, eine gemeinverständliche, zusammen fassende Darstellung 
seiner Lehre. 

8t*kel, NerrdM Angttmstlnd« nod Ihr« Bahmndlucg. 5. Auii. \ 



2- '':-:'•:''.".'•'• '• ■ Erster Teil. Die Aogstnenrose. 

Dynamik der Neurosen und das Vorhandensein „unbewußter" seelischer 
Kräfte kennen. Aber erat Freud gelang es, den psychischen Mechanismus 
der Neurosen vollkommen zu enträtseln; die Entwicklung der modernen 
Neurosenlehre knüpft sich also an die Namen Bernheim, Janet und Freud. 
Alle drei stellten das seelische Phänomen in den Mittelpunkt der Forschung. 
Heute ist uns eine Medizin ohne Psychologie undenkbar geworden. Doch 
scheint sich diese Richtung allmählich vorbereitet zu haben. Schon Karl 
Philipp Moritz sagte im „Magazin für Erfahrungsseelenlehre'' im Jahre 
1782: „Da nun das Wesen der Seele vorzüglich in ihrer Vorstellungskraft 
besteht, 60 muß auch der Ursprung der Seelenstörungen in irgend einer 
zur Gewohnheit gewordenen unzweckmäßigen Äußerung dieser Kraft zu 
suchen sein." 

Ein guter Arzt muß ein guter Psychologe, ein guter 
Menschenkenner sein! 

Eine kleine, wenn auch nur homöopathische Beimischung von Phi- 
losophie ist gleichfalls unentbehrlich, wenn der Arzt seine Rolle als 
Seelenarzt mit Erfolg durchfuhren will. 

Freilich handelt es sich um Gebiete, deren systematische Erforschung 
eben in Angriff genommen wurde. Wir betreten hier gewissermaßen Neuland, 
in dessen Inneres noch keine Karte einen bequemen Weg weist. Die 
geradezu gigantische Arbeit eines Freud ist eben nur die Arbeit eines 
Menschen. Es bedarf aber zur gründlichen Durchforschung dieser Gebiete 
taugender Arbeiter. Denn die offiziellen Philosophen und Kathederpsycho- 
logen , die über die höchsten und tiefsten Erkenntnisse der Menschheit 
gegrübelt haben, sie haben für uns Ärzte so gut wie gar nichts geleistet. 
Unsere Philosophie ist die Resultierende aus den unzähligen kleinen Er- 
fahrungen des Lebens, unsere Psychologie ist die Aufdeckung fundamen- 
taler psychischer Tatsachen, welche uns das Verständnis der gesunden 
und kranken Psyche ermöglichen. Wir sind Praktiker in des Wortes 
wahrster Bedeutung. Alle Theorie würde sich auf unsere Bestrebungen 
wie ein Reif legen und die junge Saat vernichten . . . 

Und nun zu unserem Thema! Was haben wir bisher von der Angst 
gewußt? Sie galt als ein Unlustgeftthl, als ein peinlicher Affekt der Er- 
wartung, eine höhere Stufe der Furcht. Furcht und Angst wurden von 
den Ärzten in gleichem Sinne gebraucht. So sagt Löwenfdd '), der Autor, 
dem wir das gründlichste Buch über Angstzustände verdanken: „Nach 
dem gewöhnlichen Sprachgebrauche bedeutet jedoch Furcht einen geringeren 
Grad, Angst einen höheren Grad des durch Angstgefühle charakterisierten 
emotionellen Zustandes des peinlichen Erwartungsaffektes. " Er spricht 
auch abwechselnd von Furcht- und Angstzuständen, ohne damit ein Kriterium 
der Intensität abzugeben. 

Wollten wir jedoch dem feineren Sprachgefühle folgen , so sollten 
wir einen Unterschied zwischen Furcht und Angst machen. Wir sollten 
die Furcht als eine logisch begründete Unlustempfindung ansprechen, die 
sich in den Dienst des Selbsterhaltungstriebes gestellt hat. Die Furcht 
bezieht sich immer auf ein bestimmtes Objekt. Man fürchtet sieh vor Ein- 
brechern; man fürchtet einen gewalttätigen Menschen. Immer ist das 
Unlustgefühl auf eine bestimmte Ursache zurückzuführen. Man ängstigt 
sich vor etwas „Unbekanntem 1 '. Die Angst ist die neurotische 



') Die psychischen Zwangserecbeinangen. Wiesbaden 1890. 



Allgemeine Gesichtspunkte. 3 

Schwester der Furcht. Man wacht in der Nacht mit einem anbestimmten 
Gefühl der Beklemmung and Herzklopfen anfand nennt dieses Unlustgeftihl 
„Angst". Die Angst ist keineswegs eine Steigerung der Farcht. Die Stei- 
gerang der Furcht ist der Schrecken. Die Farcht ist der chronische, der 
Schrecken der akute Zustand. Der Schrecken steigert sich wieder zum 
Entsetzen, wenn er das Individuum des bewußten Handelns beraubt. Furcht, 
Schrecken, Entsetzen sind sämtlich Äußerungen eines Triebes, des Lebens- 
triebes. Ja, Möbiiu 1 ) bezeichnet die Furcht als die wichtigste Kundgebung 
des Lebenstriebes. „Sinkt in krankhaften Zuständen der Lebenstrieb,' so 
meldet sich die Sehnsucht nach dem Tode, und es ist, als ob sich fahle 
Dämmerang auf alles legte, was sonst hell und freundlich aussah."') 

Auch die Angst ist eine Äußerung des Lebenstriebes, mit einem 
einzigen Unterschiede: Sie manifestiert eigentlich das Vorhandensein eines 
„unterdrückten" Triebes. Sie ist das Produkt der sogenannten „Ver- 
drängung".') 

Wir stoßen hier zum ersten Male auf die nicht jedem Arzte ge- 
läufigen Ausdrucke „Unterdrückung" und „Verdrängung". Sie sind leicht 
zu begreifen, besonders wenn man vom Triebleben spricht. Beruht doch 
aller Fortschritt, alle Entwicklung, alle Kultur auf Verdrängung, wie die 
Erziehung, die Moral, die gute Sitte usw. Nun ist unser Triebleben noch 
6ehr wenig durchforscht, und man kann Möbitts recht geben, der da sagt: 
„Die Verkennung des menschlichen Trieblebens ist ein wirkliches Testi- 
monium paupertatis der Psychologen und nichts ist jämmerlicher als die 
Lehre von den „Vorstellungen, die wie Männerchen in der Seele handeln 
und streiten". 

Das Triebleben macht uns eine merkwürdige Tatsache verständlich. 
Wir haben früher von den Angstgefühlen als Unlastgeflihlen gesprochen. 
Das ist eigentlich nicht richtig. Angstgefühle können unter Umständen 
Lustgefühle sein. Das süße Bangen des Kindes, wenn man ihm Märchen 
erzählt; das Märchen vom Hans, der auszog, um das Gruseln zu lernen, 
beweisen dies. Noch tiefer in diese Materie führen uns die Tatsachen, daß 
„Angstgefühle" zur Erzeugung ästhetischer Kunstwirkungen dienen können. 
Auch die merkwürdigen Beobachtungen, daß Angstgefühle sich so häufig 
mit sexuellen Lustempfindungen kombinieren können, geben zu denken. 
Janet erblickt in einer solchen sexuellen Erregung eine Ablenkung der 



') Die Hoffnungslosigkeit aller Psychologie. Halle a. d. S. 1906. 

*) Vergleiche Dante: „Pronti sono a trapassar lo rio, che la divina giuBtizia gli 
sprona, si che la tema si volge in disio." 

*) Vergleiche auch den interessanten Aufsatz von Dr. Oskar Ewald : „Gespräch über 
die Farcht." Osterr. Rundschau. 1. März 1909. Die neue Literatur über Angstzustände bringt 
keine neuen Gesichtspunkte. Hoche versucht vergeblich mit alten Mitteln dem Wesen 
der Angst gerecht zu werden. (Pathologie und Therapie der nervösen Angstzustände. Ver- 
handlungen der Gesellschaft deutscher Nervenarzte. Leipzig, F. C. W. Vogel, 1911.) Daselbst 
behauptet er, daß in der Literatur nicht „immer eine Baubere Abtrennung der Angst 
von verwandten oder wohl richtiger gesagt benachbarten Zustanden durchgeführt wird". 
„Speziell wird die Angst oft fälschlicherweise mit der Furcht zusammen- 
geworfen." Hoche hat sich offenbar nicht die Mühe genommen, die erste Auflage dieses 
Buches zu lesen. Er hätte dort manchen Gedanken gefunden, der sich dann auf sonderbaren 
Umwegen Eingang in die offiziell anerkannte Literatur verschafft bat. Oppenheim (ibidem) 
gibt wenigstens zu, daB er die „Stekelsc&xe Broschüre (sie!) einer sorgfältigen Durchsicht 
gewürdigt habe". Warum aber keiner Nachprüfung? (Vergleiche die treffenden Ausführungen 
Bleulers über die Verhandlungen dieses Kongresses im Zentralblatt für Psychoanalyse, 
Band I, S. 424.) 

!♦ 



4 Erster Teil. Die Angstnearose. 

Angst. Diese Erklärung kann uns nicht befriedigen. Wir sehen hier schon die 
Erkenntnis aufdämmern, daß zwischen dem Geschlechtstriebe und der Angst 
gewisse intime Zusammenhänge existieren müssen. 1 ) 

In seinen grundlegenden Ausfuhrungen über die „Quellen der infan- 
tilen Sexualität" (Drei Abhandlungen zur .Sexualtheorie, Wien 1905) macht 
Freud darauf aufmerksam, daß alle intensiveren Affektvorgänge, selbst die 
schreckhaften Erregungen, auf die Sexualität übergreifen, was übrigens 
einen Beitrag zum Verständnisse der pathogenen Wirkung solcher Gemüts- 
bewegungen liefern könne. „Beim Schulkinde" — so sagt er — „kann die 
Angst, geprüft zu werden, die Spannung einer sich schwer lösenden Auf- 
gabe für den Durchbruch sexueller Äußerungen, wie für das Verhältnis 
zur Schule bedeutsam werden, indem unter solchen Umständen häutig ge- 
nug ein Reizgeftihl auftritt, welches zur Berührung der Genitalien auffordert, 
oder ein pollutionsartiger Vorgang mit all seinen verwirrenden Folgen. 
Die sexuell erregende Wirkung mancher an sich uulustiger Affekte, des 
Ängstigens, Schauderns, Grausens erhält sich bei einer großen Anzahl 
Menschen auch durchs reife Leben und ist wohl die Erklärung dafür, daß 
soviel Personen der Gelegenheit zu solchen Sensationen nachjagen, wenn 
nur gewisse Nebenumstände (die Angehörigkeit zu einer Scheinwelt, Lektüre, 
Theater) den Ernst der Unlustempfandungen dämpfen." 

Hier enthüllen ßich Ansätze zu einer Psychopathologie des Masochis- 
mus und Sadismus. Doch das würde uns jetzt von unserem Thema zu weit 
ablenken. Wir werden bei unseren Psychoanalysen Gelegenheit finden, 
diesen Zusammenhängen nachzuspüren. 

Wir wollten nur zeigen, daß die Zusammenhänge zwischen Angst und 
Sexualität häutig genug ohne Verschleierung zutage treten. So werde ich 
von einem Patienten berichten, der an Prüfungsangst gelitten hat und bei 
jeder Prüfung von einer oder sogar von mehreren Pollutionen heimgesucht 
wurde. Löwenfeld („Sexualleben und Nervenleiden", Wiesbaden, J. F. Berg- 
mann) berichtet über ähnliche Fälle. Sie dürften übrigens jedem erfahrenen 
Nervenarzte nicht unbekannt sein. In manchen Fällen suchen die Kranken 
die Affekte der Angst, um einen Orgasmus auszulösen. Sie arrangieren 
sich künstliche Überraschungen, gefahrdrohende Situationen, die ihre 
Affekte in Erregung bringen. (Vgl. meinen Aufsatz „Der Neurotiker als 
Schauspieler". Zentralbl., I. Bd., 1. Heft.) Auch FerS beschreibt einen sehr 
interessanten Fall einschlägiger Natur. Ein Patient sucht gefährliche Situa- 
tionen, bei denen er gesehen oder überrascht werden konnte, um zu einem 
starken Orgasmus zu gelangen. (La peur et l'explosion sexuelle. Revue de 
medecine, 1907, 1. Heft.) Dem Kundigen wird es bald klar, daß es sich 
in diesen Fällen um die Wiederholung infantiler lustbetonter Erlebnisse 
handelt. 

Zwischen der Angst und dem Geschlechtstriebe bestehen innige Zu- 
sammenhänge. Doch wir wollen darüber nicht viele Gedanken spinnen. Das 
Material der Krankengeschichten wird dafür beredter zeugen als weitschweifige 
theoretische Reden. 

Nur einige Gesichtspunkte will ich hier festhalten. 

Der Geschlechtstrieb kommt niemals allein zur Geltung, wie überhaupt 
die verschiedenen Triebe immer in Begleitung von Gegentrieben erscheinen. 

') In dem wunderbaren Märchen vom Hans, der aaszog, am das Grasein za lernen, 
wird ihm dieses Grasein erst von seiner Fraa beigebracht. So bestätigt das Märchen die von 
Freud gefundene Tatsache des Zusammenhanges zwischen sexueller Erregung and Angst. 



Allgemeine Gesichtspunkte. 5 

Der Geschlechtstrieb erscheint immer in Begleitung de6 Lebenstriebes und 
seines Gegentriebes, des Todestriebes. Ja, der Geschlechtstrieb wird mit 
dem Lebenstriebe geradezu identifiziert. Sich ausleben heißt in der Sprache 
des Volkes, seinem Geschlechtstriebe Genüge leisten. Ebenso ist eigentlich 
der Koitus nach dem treffenden Ausdruck des Wiener Philosophen Swoboda 1 ) 
ein partieller Tod. Andere zeugen heißt, sich um die Existenzberechti- 
gung bringen. Liebe und Tod hängen innig zusammen. Je kräftiger der 
Lebenstrieb entwickelt ist, desto mehr wird das Individuum den Gefühlen 
der Furcht unterworfen sein. Erst die Unterdrückung dieses mit dem Ge- 
schlechtstriebe verknüpften Lebenstriebes führt zur Angst. Die Angst ist 
immer durch Verdrängung entstanden. 

Die Angst ist also die Reaktion gegen das Vordrängen des 
Todestriebes, entstanden durch die Unterdrückung des Ge- 
schlechtstriebes. 

Jede Angst ist in letzter Linie Angst vor der Vernichtung des Ich 
— ist also Todesangst. 

Anderseits wird sich aus der Analyse der verschiedenen Angstzu- 
stände ergeben, daß sich jeder Neurotiker vor sich selbst fürchtet. 

Jede Angst ist die Angst vor sich selbst, d. h. vor den krimi- 
nellen Regungen im eigenen Innern. Auch der Todeswunsch (das Ver- 
langen nach einem Selbstmord) tritt als Angst auf.') 

Wir haben früher von „Verdrängung" gesprochen. Welcher Trieb ist 
von Jugend auf der Unterdrückung und Verdrängung am meisten aus- 
gesetzt? Natürlich der Geschlechtstrieb. Die Angst ist das Manometer, 
das diese Unterdrückung anzeigt. Angstgefühle entsprechen unterdrückten 
sexuellen Wünschen und unbewußten kriminellen Regungen. 

Das mag dunkel und verworren klingen. Ich bitte das einstweilen 
als eine Behauptung anzunehmen, die noch bewiesen werden soll. Diesen 
Beweis will ich durch sorgfältige Analysen von Krankheitsgeschichten 
nachtragen. Ich will eine große Reihe von „nervösen Angsrzuständen", 
von den einfachen Graden ängstlicher Erwartung bis zu den schweren 
Phobien anführen. Und überall soll uns eine genaue Psychoanalyse die 
Genese der Angst verständlich machen. 

Die Phobien waren bisher gewissermaßen die Hieroglyphen der 
Neurologie. 

Man sah dunkle Zeichen und konnte sie nicht deuten. Freud gebührt das 
unsterbliche Verdienst, die Geheimsprache der Neurotiker enträtselt zu haben. 

Zuerst fand er die Zusammenhänge zwischen Neurose und Sexua- 
lität und sah, daß das Problem der Angst den Kernpunkt der ganzen 
Neurosenlehre darstelle. 

Er trennte ein scharf umrissencs Krankheitsbild, die „Angstneu- 
rose", von den übrigen Neurosen. Diese Angstneurose zeigt in deutlicher 
Form die sexuelle Ätiologie. Mit ihr wollen wir uns später eingehend be- 
schäftigen. Vorher müssen wir noch an einigen praktischen Beispielen das 
Wesen der „Verdrängung" erläutern. Dabei werden wir gewissermaßen in 
nuce die Grundlagen der modernen Psychotherapie kennen lernen. 

') Die Perioden im menschlichen Organismus in ihrer psychologischen and biolo- 
gischen Bedeutung. Wien 1904, Deuticke. 

*) Eine Dame, die das dringende Verlangen hatte, sich aus dem höchsten Stockwerke 
auf das StraOenpflaster zu werfen, hatte heftige Angst, selber aus einem Parterre-Fenster auf 
die Straße zu sehen. 



6 Erster Teil. Die Angstneurose. 

II. Das Wesen der Verdrängung.') 

Unsere Kultur baut sich auf mühsam errungenem Boden auf. 
Schmutzige Gewässer mußten erst verdrängt werden, machtvolle Deiche 
errichtet werden. Kultur ist Verdrängung, ist gut funktionierende Hemmung. 

Was für die Menschheit gilt, das gilt auch für den Menschen. Die 
Verdrängung ermöglicht uns das Leben des Kulturmenschen, der allen 
ethischen und sozialen Forderungen seiner Zeit gerecht werden will. Sie 
ermöglicht uns auch jene innere Kultur, jenes Ausleben in höheren Bahnen, 
das uns von Herdenmenschen unterscheidet. 

Nicht immer bedeutet die Verdrängung einen Erwerb für unser Sein. 
Im Gegenteil. Wer nicht imstande ist, seinen Gedanken bis in die feinsten 
Zusammenhänge und Ursprünge nachzugehen, wird sich nie von ihnen 
befreien können. Verdrängung ohne Mithilfe des Bewußtseins ist die Ur- 
sache zahlloser Krankheiten, ist nicht Befreiung sondern Belastung. Was 
verschüttet unter den Hüllen des Bewußtseins liegt, es kann, in Bewegung 
gebracht, das ganze Innere erbeben machen. Vergessen dürfen wir 
nur, was wir wirklich gewußt haben. 

Als klassischen Zeugen führe ich Grillparzer an, der in seiner Selbst- 
biographie folgendes sagt: „Ich habe schon gesagt, daß ich über die 
Zeitfolge der Ereignisse in großer Verwirrung bin. Die Ursache davon 
ist, daß ich bis auf den gegenwärtigen Augenblick bestrebt war, sie zu 
vergessen. Ich fühlte mich, vielleicht in etwas hypochondrischer Weise, 
so von allen Seiten bedrängt und eingeengt, daß ich kein Hilfsmittel 
wußte, als die irritierenden Gedankenfäden abzureißen und mich in eine 
neue Reihe zu versetzen. Das hat mir übrigens auch sonst unendlich ge- 
schadet. Es hat das ursprünglich Stetige meines Wesens, um mich kantisch 
auszudrücken, zum Fließenden gemacht, nnd selbst mein Gedächtnis, das 
in der Jugend gut war, wurde durch das immerwährende Abreißen und 
Aneinanderknüpfen untren und schwach. Ich möchte jedem, der etwas 
Tüchtiges werden will, anraten, die unangenehmen Gedanken fort- 
zudenken, bis sie im Verstände eine Lösung finden. Nichts ist 
gefährlicher als Zerstreuung." 

Grillparzer hat damit aufs klarste das Wesen der modernen Psycho- 
therapie festgestellt. Sagt doch Freud in seinem Vortrage über Psycho- 
therapie (Wiener med. Presse, 1905, Nr. 1): „Diese Therapie ist also 
auf die Einsicht begründet, daß das unbewußte Vorstellen, 
besser die Unbewußtheit seelischer Vorgänge, die nächste Ursache 
der Krankheitssymptome ist. Eine solche Überzeugung vertreten wir 
gemeinsam mit der französischen Schule Janets, die übrigens in arger 
Schematisicrung das hysterische Symptom auf die unbewußte idee fixe 
zurückführt. Das Aufdecken dieses Unbewußten geht nur unter beständigem 
Widerstände von Seiten des Kranken vor sich und wegen dieser Unlust 
wird es von ihm immer wieder zurückgewiesen. In diesen Konflikt im 
Seelenleben des Kranken muß der Arzt nun eingreifen. Gelingt es ihm, 
den Kranken dazu zu bringen, daß er aus Motiven besserer Einsicht etwas 
akzeptiert, was er zufolge der Unlusterinnerungen bisher zurückgewiesen 
hat, so hat der Arzt ein Stück Erziehungsarbeit am Kranken geleistet." 



') Zum Teile aus meinem bei Paul Knepler (Wien) erschienenen Büchlein: „Die Ur- 
sachen der Nervosität." 



Das Wesen der Verdrängung. 7 

Wir werden an zahlreichen Krankengeschichten sehen, welche be- 
deutsame Rolle die Verdrttngung in der Ätiologie der Neurosen spielt. Man 
hüte sich, einfaches Vergessen indifferenter Eindrücke mit Verdrängung 
zu verwechseln. Die Verdrängung setzt einen Affekt, eine uns peinliche 
Unluetempfindung voraus. Das Vergessen dagegen, das auf Verdrängung 
beruht, ist eine aktive psychische Leistung — im Gegensatze zum ge- 
wöhnlichen Vergessen. 

Selten gelingt die Verdrängung vollkommen. Im Gegenteil, die ge- 
lungene Verdrängung, das vollständige Vergessen einer Begebenheit, eines 
Impulses, einer Phantasie, ist eigentlich in wenigen Fällen nachzuweisen. 
Affektbetonte Vorgänge werden desto schwerer verdrängt, je höher der 
Affekt ist. Gelingt es trotzdem, so kann man von gelungener Verdrängung, 
von Unterdrückung sprechen. Wir werden sehen, daß die Neurosen 
durch eine mißlungene Verdrängung entstehen. Der Affekt wird nicht 
ausgeschaltet, er wird nur verschoben. Die Symptome sind dann ein 
Kompromiß zwischen Affekt und Verdrängung. 

Die Unterdrückung hat jedoch das psychische Material, um das es 
sich handelt, vollkommen wertlos gemacht. Die Unterdrückung, die ge- 
lungene Verdrängung, wird nie die Ursache einer Neurose werden. Die 
mißlungene Verdrängung gleicht der hysterischen Amnesie. In der HypnoBe 
oder im Traume tauchen die scheinbar verlorenen Eindrücke wieder auf. 
Ob nicht bei der Verdrängung überhaupt das Stück Hysterie, das wir alle 
herumtragen, die Hauptrolle spielt, das wollen wir hier nicht entscheiden. 

Schöne Beispiele von Verdrttngung führt Grillparzer in seiner Selbst- 
biographie an. 

Grillparzer hatte einmal ein Spottgedicht gemacht oder vieiraehr, wie er sich aus- 
drückte, einen „erbärmlichen Gassenhauer". Er las die Verse seinem Vater vor, der ihn 
dringend bat, sein künftiges Schicksal nicht durch diese Reimereien in Gefahr za setzen, 
and ihm das Versprechen abnahm, es keinem Menschen za zeigen. „Das", sagt nun Grill- 
parzer, „habe ich treulich gebalten and es niemandem gezeigt." Dem angeachtet 
kam schon des anderen Tages mein Vater ganz bestürzt aas dem Gastbaase zurück and 
sagte mir, daß das Gedicht mit allgemeiner Billigung von einem der Gaste vorgelesen 
worden sei. Das war einer der Fälle in meinem Leben, wo ein von mir sorgfältig ver- 
borgen gehaltenes Gedicht den Weg, das erstemal zur Öffentlichkeit, das zweitemal an 
eine besondere Adresse nahm." Grillparzer hatte sieb in eine Sängerin verliebt und ein 
Gedicht verfaßt, in dem er ihre Reize mit einer Glat schilderte, die „ein wenig au das 
Verruckte, wohl gar an das Unsittliche streifte*. Er schloß seine Verse mit dem demütigen 
Gefühle in die Lade ein, „daß weder seine Reize noch seine Mittel es ihm erlauben 
würden, sich der Gefeierten au nähern* und „nichts in der Welt hätte mich vermögen 
können, es jemandem mitzuteilen*. 

Lange nachher lernte er den begünstigten, zahlenden Liebhaber der Heldin kennen, 
der ihm sagte, ein Gedicht hätte fast den Bruch mit seiner Geliebten herbeigeführt. Es sei 
der Sängerin, er wisse nicht wie, ein Gedieht in die Hände gekommen, das die gesteigertat« 
Liebeswerbung in den schönsten Versen aussprach. „Ich verlangte das Gedicht zu sehen, 
es war das meinige. Auf eine mir jetzt noch unbegreifliche Art hatte es den Weg zu ihr 
gefunden, und während ich mich in hoffnungsloser Sehnsucht abquälte, erwartete der schöne 
Gegenstand in Ungeduld, mir entgegenzukommen. So ist es mir aber mein ganzes Leben 
gegangen." 

Dieser sonderbare Vorgang läßt zwei Deutungen zu. Nach der einen 
hätte es sich um einen Fall von double conscience, von Spaltung des Ichs 
gehandelt und Grillparzer hätte das Gedicht als „Anderer" abgeschickt. 
Diese Erklärung nähert sich fast der .zweiten, die dahin geht, daß jeder 
von uns Menschen ein doppelter ist, einerseits der von der Welt Erzogene, 
ihren Gesetzen Gehorchende, in harte Regeln und Rücksichten Einge- 
schnürte, andrerseits der „Andere", der seinen Willen und seine Triebe 



g Erster Teil. Die Angstneurose. 

frei auslebt. Es ist ja klar, daß Grillparzer das Gedicht selbst abgeschickt 
hat und diesen Vorgang sofort kraft seiner großen Macht, unangenehme 
Gedanken zu verdrängen, vergessen hat. 

Ein sehr schönes Beispiel von Verdrängung linden wir bei .Tauet: 
„Eine junge Dame von 19 Jahren hat somnambule Krisen, in welchen sie 
von Geld, Dieben, Feuer spricht und einen gewissen Lncien zu Hilfe ruft. 
Im wachen Zustande weiß sie absolut nicht, was das zu bedeuten hat, 
und behauptet, es gebe kein Erlebnis, in dem ein Brand, Diebe und ein 
Lucien eine Rolle spielten. Da sie allein ins Spital gekommen war, haben 
wir keine anderen Angaben und sind genötigt, anzunehmen, es handle 
sich nm eine „delire imaginaire". Sechs Monate später kommen ihre Eltern 
aus der Provinz und erzählen uns das dramatische Erlebnis, welches 
der Ausgangspunkt ihrer Nervenkrisen wurde. Sie war in einem Schlosse 
bedienstet, welches in einer Nacht ausgeplündert und in Brand gesteckt 
wurde. Sie wurde damals von einem Gärtner namens Lucien gerettet. 
Wie konnte dieses junge Geschöpf ein so wichtiges Erlebnis vergessen? 
Warum sprach sie nie davon, wenn sie ihr Leben erzählte? Wie traf ein 
so merkwürdiges Vergessen mit der Entwicklung eines geheimen Ge- 
dächtnisses zusammen, das denselben Vorfall in den somnambulen Anfallen 
wieder belebte? Das ist die wichtige Frage." (Les Nevroses, pag. 4.) 
So weit Janet. Wir sehen, der geschätzte Forscher war nicht imstande, 
diese Frage allein zu lösen. Erst Freud konnte durch eine Reihe genialer 
Untersuchungen nachweisen, daß dieses Vergessen einen tiefen Sinn hatte, 
daß dem Bewußtsein peinliche Vorstellungen ins Unbewußte verdrängt 
werden mußten, weil sie unerträglich waren. — Es handelt sich um eine 
Verdrängung, nicht um ein einfaches Vergessen. 

Die moderne Psychotherapie stellt sich die Aufgabe, diesen 
Verdrängungen nachzuspüren, sie zu lösen und so den Kranken 
zu heilen. 

„A mal psychique traiteinent psychique." 

Die Psychotherapie als solche ist eine uralte Wissenschaft, ja vielleicht die älteste 
Form der Medizin. Man lese nur darüber das ausführliche Buch von /.. Löwenfeld nach, 
(Lehrbuch der gesamten Psychotherapie, Wiesbaden 1897). Daß die Priester der älteren 
Riten in grauer Vorzeit Psychotherapie betrieben , geht daraus klar hervor, nnd das ist 
eine allgemein bekannte Tatsache. Aber auch andere Autoren kannten die Methode, so im 
vorigen Jahrhundert Feuehterslcben') nnd Heil, der „Rhapsodien über die Anwendung der 
psychischen Kurmethode auf Geisteszerrüttungen " schrieb und den Satz aufstellte: „Die 
medizinischen Fakultäten werden genötigt sein, den vorhandenen zwei Graden noch einen 
dritten, nämlich die DoktorswQrde in der psychischen Heilkunde, hinzuzufügen." Trotz- 
dem hat es lange Zeit gebraucht, bis eine rationelle und wirksame Metbodo der Psycho- 
therapie, als welche ich die von Freud bezeichnen möchte, aufgebaut wurde. Was vorher 
an physischen Koren geleistet wurde, wurde einerseits mit Hilfe von Suggestion, anderer- 
seits mit Hilfe von psychischer Entlastung im Sinne der Beichte ausgeführt. Ebensowenig 
kann ich, Dubois (Die Psychoneurose und ihre psychische Behandlung, Bern 1905) und 
Levy (L'Education rationelle de la volontee, Paris 1905) als rationelle Psychotherapeuten 
anerkennen. Philosophie allein ist noch kein Heilmittel. 

Goethe, der große Seelenkenner, hatte eine Ahnung von diesen Dingen und hat 
sich in manchen Fällen als Psychotherapeut bewährt. So notiert er in seinem Tagebncbe 
vom 27. Mai 1811: Psychische Kur des Schluckens an einem Jungen. Am 26. September 
schreibt er an die Stein (Goethe, von P. J. Moebius, Barth 1903): „Gestern abend habe ich 
ein recht merkwürdiges Kunststück gemacht. Die Herder war immer noch auf das hypo- 
chondrischeste gespannt über alles , was ihr in Karlsbad Unangenehmes begegnet war. 
Besonders von ihren Haasgenossen. Ich ließ mir alles erzählen nnd beichten, fremde Un- 
arten nnd eigene mit den kleinsten Umständen nnd Folgen und zuletzt absolvierte ich sie 



') Lehrbuch der ärztlichen Seelenkunde. Wien 1845. 



Das Wesen der Verdrängung. 9 

und machte ihr scherzhaft anter dieser Formel begreiflich, daß diese Dinge nan abgetan 
und in die Tiefen des Meeres geworfen seien. Sie ward selber lastig darüber und ist 
wirklich kariert. 1 ' 

Nichts Neues anter der Sonne, unbewußt, kraft der geheimnisvollen Macht seines 
Genies, bat Goethe hier das aasgeführt, was wir modernen Therapeuten ebenfalls ver- 
suchen. Freilich nicht immer mit so raschem und glänzendem Erfolge. Die herrliche 
psychologische Kunst eines Goethe mag da intuitiv Zusammenhänge erfaßt , dunkle Ratsei 
gelöst baben, zu deren Klarstellung wir Wochen, ja vielleicht Monate brauchen. 

Auch in „Wilhelm Meister" wird ein Landpfarrer als trefflicher 
Psychotherapeut geschildert, der Wahnsinnige durch eine sinnreiche Art 
der Beschäftigungstherapie heilt. „Man errege ihre Selbsttätigkeit" — sagt 
der kluge Mann im Romane — , „man gewöhne sie an Ordnung, man 
gebe ihnen einen Begriff, daß sie ihr Sein und Schicksal mit so 
vielen gemein haben, daß das außerordentliche Talent, das größte 
Glück und höchste Unglück nur kleine Abweichungen von dem Gewöhn- 
lichen sind, so wird sich kein Wahnsinn einschleichen und wenn er da 
ist, nach und nach verschwinden." 

Auch die Tatsache der hysterischen Konversion ist Goethe, bekannt. 
Die Gräfin fürchtet, sie könnte an der Stelle einen Krebs bekommen, wo 
Wilhelm ihr bei seiner feurigen Umarmung das große, mit Brillanten be- 
setzte Porträt ihres Gemahls gewaltsam gegen die Brust gedrückt hat. 

Mit welcher genialen Sicherheit hat der große Menschenkenner das 
Wesen der Neurose erfaßt! Geheime Gedanken sind es, welche die ver- 
schiedenen neurotischen Symptome zeitigen. Da6 tiefe Schuldbewußtsein 
drückt sich in Verstimmungen ans, die nur so lange rätselhaft sind, als 
man deren inneren Grund nicht kennt. Das Merkwürdige ist eben der 
Umstand, daß der Neurotiker selber nicht weiß, wo ihn der Schuh 
drückt. Das wird uns ja nicht Wunder nehmen, wenn wir gelernt haben, 
daß er die peinlichen Gedanken vom Bewußtsein abgespalten und verdrängt 
hat. Die Kunst des Arztes besteht darin, diese Verdrängungen aufzuheben. 
Das ist eine schwierige Aufgabe und bedarf meistens eines kunstvollen 
längeren Verfahrens, das wir die „Psychoanalyse" nennen. 

Die Überrumpelung eines Neurotikers und plötzliche Hebung einer 
Verdrängung gelingt nur in seltenen Füllen. Der moderne Seelenarzt läßt 
es auch nicht darauf ankommen, wenngleich gewisse Fälle unbedingt in 
einer Sitzung zu heilen sind. Wir werden ja ähnliche Beispiele kennen 
lernen. Einen derartigen Fall aus meiner Erfahrung möchte ich als Ein- 
leitung des psychotherapeutischen Verfahrens hier anführen. Dieser Fall 
führt uns gewissermaßen in unser Thema ein. Es handelt sich um einen 
Kranken, der von Platzangst (Agoraphobie) befallen ist. 

Nr. 1. In meiner Ordinationsstunde konsultiert mich ein großer, statt- 
licher 28jabriger Mann wegen Platzangst. Verschiedene Wasserkuren, elektro- 
therapentische Verfahren hatte er ohne Erfolg durchgemacht. Ich lasse mir 
seine Angst schildern; sie hat den typischen Verlauf. Patient bleibt vor jedem 
Platze stehen , ihn überfällt nervöses Zittern , and keine Macht der Erde 
könnte ihn bewegen, allein hinüberzugehen. An der Hand eines zweiten geht 
es. Ich frage ihn nach allen jenen Erlebnissen aus, die imstande sind, eine 
Nenrose hervorzurufen, und komme auf sein Geschlechtsleben. Bei dieser Ge- 
legenheit mache ich auf eine treffliche Bemerkung Freuds aufmerksam. Freud 
hat die Erfahrung gemacht, daß zahlreiche Ärzte das Wesen der Psychotherapie 
nicht kennen and doch die Wurzel der Neurose im Sexualleben suchen, dem 
Kranken einfach ein unbeschranktes Ausleben der Sexualität empfehlen in der 



10 Erster Teil. Die Angstneurose. 

Hoffnung, derselbe werde nun genesen. „Die Sache liegt aber andere," sagt 
Freud. „Die sexuelle Bedürftigkeit und Entbehrung ist bloß der eine Paktor, 
der beim Mechanismus der Neurose ins Spiel tritt. Bestünde er allein, so würde 
eben nicht Krankheit, sondern Ausschweifung die Folge sein. Der andere un- 
erläßliche Faktor, an den man nur allzu bereitwillig vergißt, ist die Sexual- 
abneigung der Neurotiker, ihre Unfähigkeit zum Lieben, jener psychische Zug, 
den ich Verdrängung genannt habe. Erst aus dem Konflikt zwischen 
beiden Strömungen geht die Erkrankung hervor und darum kann der 
Rat der sexuellen Betatigong bei den Psychoneurosen eigentlich nur selten als 
guter Rat bezeichnet werden." 

Das halten wir uns stets vor Augen. 1 ) unser Patient gibt an, geringe 
Neigung zum Weibe zu besitzen. Er wäre im Leben noch nicht verliebt ge- 
wesen, hätte auch nicht das Bedürfnis, sich zu verlieben. Geschlechtsverkehr 
hatte er einige Male versucht, ohne dabei eine besondere Empfindung gehabt 
zu haben. Unwillkürlich drangt sieb bei dieser Aussage der Verdacht auf, daß 
es sich um einen Fall von Homosexualität handelt. Das bestreitet der alles 
freimütig eingestehende Patient entschieden nnd will nicht einmal eine homo- 
sexuelle Komponente, die sich so häufig durch erotische, homosexuelle Traume 
kundgibt, zugestehen. In solchen Fallen geht man nicht irre, wenn man an 
eine gewisse Fixation des Sexuallebens denkt. Dnd wer wäre zur Fixation 
geeigneter als eine Person der Umgebung, auf die das Kind schon früh seine 
Neigung gerichtet hat. Ich frage ihn also harmlos, ob er seine Eltern liebe. 
„Übermäßig" antwortete er. Sein Gesicht belebt sich, seine Augen erhalten 
einen feurigen Glanz. „Die Mutter etwas mehr als den Vater." Also eine Ver- 
ankerung der gesamten Sexualität (von Jugend auf) bei der Matter. 

„Sind Ihre Eltern arm?" 

.Sehr arm. Sie werden von mir erhalten." 



Welchen Beruf haben Sie denn?" 



„Ich bin Kassier in einem großen Bankhause." 



„Gehen viele Gelder durch Ihre Hand?" 

„Millionen Kronen fast jeden Tag." — — 

Wie ein Blitz kommt mir die Erleuchtung and da« Verständnis seiner 
Angstneurose. Der Mann muß mit dem Gedanken gespielt haben, 
Millionen zusammenzuraffen und damit durchzugehen! Unvermutet 
stelle ich die Frage: „Haben Sie nie den Gedanken gehabt: Da mußt hier im 
Golde wühlen und deine armen Eltern darben?" 

„Oh, diesen Gedanken habe ich sehr häufig." 

„Und ist in Ihnen nie der Wunsch aufgestiegen, mit diesem Gelde durch- 
zugehen und Ihren Eltern einen sorglosen Lebensabend zu bereiten?" 

Der Patient erblaßt plötzlich, überlegt eine Weile und sagt dann freimütig: 

„Dieser Gedanke ist mir wohl aufgestiegen, aber ich habe ihn sofort 
energisch verdrängt." 

„Selbstverständlich," antwortete ich, „wie es bei einem Ehrenmanne nicht 
anders geht." 

Wir plauderten noch eine Weile and endlich fragt er mich um meinen 
Rat. Ich sage ihm ganz aufrichtig: 



') Wie viel T'nheil ist schon von Ärzten gestiftet worden, weil sie jede Nearose als 
Symptom geschlechtlichen Bedürfnisses aufgefaßt haben. Ich sah Frauon, denen geraten 
wurde, sich wegen einer Zwangsneurose einen „Hausfreund" anzuschauen. Die Folge war 
eine Verschlimmerung des Leidens. Denn alle Neurotiker sind eigentlich Ubermoralische 
MenscheD, im Innern religiös nnd machen sich schon über Gedankenstinden Vorwürfe. 



Das Wesen der Verdrängung. \\ 

„Ihre Krankheit ist entstanden durch Verdrängung des Gedankens, mit 
einer großen Summe durchzogenen.') Ich sehe kein anderes Mittel zo Ihrer 
Heilung, als daß Sie den Posten eines Kassiers gegen einen anderen vertauschen, 
der Ihnen vielleicht mehr Arbeit, aber weniger Versuchungen bereitet." 

Er meint«, es wäre onmöglich, es würde auffallen, was ich mit Rücksicht 
auf seinen neurotischen Zustand, der eine Beschäftigung mit Zahlen und Geld 
verbietet, verneinte. 

[Hier sehen wir einen verdrängten Wunsch als Ursache der Angst. 
Der Platz symbolisiert gewissermaßen die große unbekannte Zukunft, den 
Ozean, über den er nach Amerika fliehen wollte. Jeder Neurotiker ist ein 
Schauspieler, der eine bestimmte Szene spielt. Unser Neurotiker spielte 
auf dem Platze das Durchgehen nach Amerika.*)] 

Nach einem halben Jahre höre ich von seiner Familie, daß er den 
Posten aufgegeben habe und von sämtlichen Beschwerden vollkommen ge- 
heilt sei. Ob ich ihn im Leben wiedersehen werde, weiß ich nicht. Und 
das ist wohl das Seltsame bei den psychischen Kuren: Während bei anderen 
Erfolgen die geheilten Patienten den Arzt preisen und ihn möglichst weiter 
empfehlen, verschweigen sie nach einer psychischen Kur aller Welt gegen- 
über, daß sie ihre Heilung dem Psychotherapeuten verdanken. 

Erstens hat er sie auf Schleichwegen, auf unbewußten Gedanken 
ertappt, hat gewissermaßen den in jedem Menschen lebenden Verbrecher 
aus ihnen herausseziert, zweitens fürchten sie, er könnte etwas von dem 
herausgeschälten Rüde, das bei keinem Menschen vorteilhaft ist, einem 
andern verraten. Und so kommt es, daß sie ihre Leiden fast wie in einem 
Beichtstuhl, wo sie den Beichtvater nie mehr sehen können, aussprechen. 
Nach vollzogener Kur meiden sie den Arzt. Ich will aber bei dieser Ge- 
legenheit gleich betonen, daß es auch Ausnahmen gibt, die den Arzt von 
Zeit zu Zeit aufsuchen, weil sie sich auf diese Weise von irgend einer 
kleinen Belastung befreien können. Hören wir noch einen zweiten Fall an. 

Nr. 2. Es bandelt sich um eine Dame, die mich ob der merkwürdigen 
Eigenschaft konsultiert, sie könne nicht im Zimmer bleiben, wenn keine zweite 
Person bei ihr sei, und zwar dürfe dies keine fremde sein, sondern es müsse 
eine ihrem Manne nahestehende Verwandte sein. Ein Vorschlag zur psychischen 
Behandlung stößt auf Widerstand, weil diese Knr nur in Gegenwart ihres 
Mannes durchgeführt werden könnte. Nun ist eine Beichte unter sechs Augen 
ein Ding der Unmöglichkeit. Trotzdem versuche ich ein etwas näheres Eingehen 
auf das Wesen der Erkrankung. 

Patientin war bis zu ihrer Hochzeit ganz gesund, sie ist ungefähr 8 Jahre 
verheiratet. Und nun erfahre ich, daß ihr Mann mehrere Jahre nach der Hoch- 
zeit impotent war und den Beischlaf nicht ausführen konnte. Jetzt habe sich 
sein Zustand gebessert, er genüge seiner Pflicht, wenn auch nur in schwachem 
Maße, sie sei Mutter eines Kindes geworden. Sie ist eine lebhafte, phantastische 
Natur, die von Jugend an viel geträumt, Romane gelesen hat und deren Ideal 
der Männlichkeit jedenfalls mit dem erreichten nicht übereinstimmt. Sie ist 



') Wir werden später Beben, daß das Wichtigste in diesem Falle der verdrängte 
Inzestgedanke war. Ich habe in dieser Sitzung nicht die Neurose, sondern nur ein Symptom 
der Neurose geheilt. Wollte man den Mann vollkommen heilen nnd gegen Rezidiven sichern, 
so müßte man mit ihm eine psychoanalytische Kur durchfuhren. 

*) Vergleiche meine Mitteilung: Der Nearotiker als Schauspieler. „Zentralblatt 
für Psychoanalyse", I. Jahrgang, I. Heft und den Aufsatz „Schauspieler des Lebens" 
in „Nervöse Leute*. (Verlag Paul Kuepler, Wien.l 



12 Erster Teil. Die Angstneurose. 

offenbar sexuell unbefriedigt und von zahlreichen erotischen Vorstellungen be- 
herrscht. Der Mechanismus der Angstvorstellung war gauz klar. Ihre leiden- 
schaftliche Liebe und Zuneigung zu ihrem Manne kämpften mit dem Wunsche, 
ihm die Treue zu brechen. Sie mag in sich die Gewißheit getragen haben, 
daß sie bei erster Gelegenheit, wo sie mit einem anderen allein wäre, ihm 
untreu würde. Sie fühlte nicht die Kraft in sich, fremden Werbungen Wider- 
stand zu leisten. Als Reaktion auf diesen Wunsch, der sich in diesem Falle 
mit der Angst identifizierte, trat die Angstvorstellung ein, nicht allein im 
Zimmer bleiben zu können. Ihr Mann oder ein Verwandter mußte es sein, um 
ihre Ehre zu bewachen. Die Angst als Tugendwächter!-) (Wir werden bei 
Besprechung der Angsthysterien ähnliche Fälle genau analysieren.) 

Dies Beispiel zeigt in klarer Weise, wie der Konflikt zwischen 
Sexualabneigung und Sexualneigung das neurotische Symptom auszulösen 
imstande ist. 

Diese zwei Fälle mögen genügen, nm die große Bedeutung der Psy- 
chotherapie für die ärztliche Praxis zu rechtfertigen. Nur auf seelischem 
Wege lassen sich seelische Krankheiten heilen. An Hand ausführ- 
licher Analysen soll hier gezeigt werden, welche Wege der Arzt einschlagen 
muß, um in den komplizierten Mechanismus einzugreifen. Hier möchte ich 
noch einen Fall erwähnen, den ich mit Hilfe eines Beichtvaters geheilt 
habe, wo nicht ich der Beichtvater war, sondern wo ich die entsprechende 
Aufgabe der Kirche Überlassen habe. 

Nr. 3. Eine Dame konsultierte mich wegen eigenartiger Zitteranfälle mit 
Bewußtseinsverlust, an denen sie seit ihrer Kindheit leidet. Den Anfällen geht 
ein starkes Angstgefühl voraus. Der erste Anfall sei am Weihnachtsabend auf- 
getreten, während sie ein Gebet gesprochen habe. Sofort machte ich mich er- 
botig, ihr die Stelle zu nennen, bei der der Anfall eingetreten sei. 

„Ich wäre sehr neugierig, ob Sie das erraten." 

„Vergib uns unsere Schuld! — wird wohl die Stelle gewesen sein." 
— Und so war es auch. 

Das 14jährige Mädchen war von einem Klavierlehrer in schamlosester 
Weise behandelt worden. Es hatte demselben alles gestattet bis auf den Koitus 
und ihn nnr deshalb verweigert, weil sie in dem Wahne lebte, abnorm gebaut 
zu 6ein. (Übrigens eine fast allgemeine Angst der Mädchen!) Sie war sehr 
fromm und gläubig. Der Konflikt zwischen Frömmigkeit und Sünde hatte 
diesen Anfall erzeugt. Die Wiederholung dieses Anfalles in den letzten Jahren 
ließ einen ähnlichen Konflikt vermuten. Dies gestand sie mir auch zu. Sie 
unterhielt ein Verhältnis mit dem Manne ihrer besten Freundin. Eine psycho- 
analytische Kur war nicht möglich, da die Dame sich in Wien nur einige Tage 
aufhalten konnte. 

Ob sie noch fromm sei? Das bejaht sie, meint aber, sie sei schon jahre- 
lang nicht beichten gewesen. Ich empfehle ihr die Beichte uud spreche die 
Hoffnung aus, wenn sie einen vernünftigen Beichtvater finde, würden die An- 
fälle sicherlich verschwinden. Davon hängt nämlich sehr viel ab. Ist der Priester 
auch ein Seelenarzt (leider ist er das nicht immer), kann er in den Herzen der 
Kranken lesen, so vermag ein beruhigendes Wort die ganze psychische Last 



') Freud bat diese Arten von Phobien „Schutzroaüregoln" genannt. (Nearolug. Zcntral- 
blatt. 1895. Beitrüge zur Neurosenlebre, I. Bd., S. 67. Über die Berechtigung usw.) Adler 
nennt sie treffend .Sicherungstendenzen". Die Neurose steht im Dienst einer vom Unbewußten 
als oberste Instanz akzeptierten Moral. (Die psychische Behandlung der Trigeminusneuralgie. 
Zcntralblatt für Psychoanalyse. Bd. I, Heft 1, S. 19, 1910.) 



Das Wesen der Verdrängung. igt 

abzuwälzen und den Konflikt zn lösen. Er verstärkt die Hemmungen von der 
einen oder anderen Seite. Jagt er ihr Schreckbilder vor die Augen, droht er 
mit Hölle nnd Strafen, so kann er die Krankheit verschlimmern und den Konflikt 
in einer Weise steigern, daß er fast nicht mehr heilbar ist. In diesem Falle 
jedoch kam es, wie ich gehofft hatte. Die Patientin beichtete und die rätsel- 
haften Anfalle, gegen die ein dreimonatlicher Aufenthalt in einer renommierten 
Wasserheilanstalt fruchtlos war, waren nach einer Beichtstunde verschwunden. 
Welchen Anteil ich an dem Erfolge habe, das wage ich nicht zu ent- 
scheiden. 

Vielleicht möge hier eine Bemerkung über das Verhältnis von 
Religion und Neurose Platz finden. Alle Neurotiker sind im Innern 
tief gläubige Menschen. Ihr Ideal ist Lust ohne Schuld. Der Glaube 
ist im Intellekte Überwunden und wurzelt tief im Affekte. Oder noch 
schärfer präzisiert : Der Glaube ist im Infantilen verankert und erst durch 
Psychoanalyse ist der Konflikt zu lösen. Die Kranken sind weder fromm 
noch ungläubig. Sie müssen eines von beiden werden. 

Ein wirklich frommer Mensch kann schon durch die Beichte 6eine 
Heilung findet. Wenn er gläubig ist, und wenn er weiß, was ihm fehlt und 
was er wtinscht. Leider ist das sehr selten der Fall ; dem Neurotiker sind 
seine verbrecherischen Wünsche gar nicht bewußt. 

Was jedoch den Gläubigen und Frommen der Beichtstuhl der Kirche 
ist, das muß für alle Seelenleiden der Beichtstuhl des Arztes sein. 

Muthmann (Zur Pathologie neurotischer Symptome. Eine Studie auf 
Grund der Neurosenlehre Freuds. Halle a. d. S., Karl Marhold, 1907) macht 
mit Recht, ohne über den Wert der Beichte ein Urteil auszusprechen, auf 
die Tatsache aufmerksam, daß in den protestantischen Ländern deutscher 
Nationalität der Selbstmord am häufigsten, in den katholisch-romanischen 
am seltensten ist. Doch wie wenige Menschen, moderne Menschen, können 
die Wohltat der Beichte benutzen! Für diese muß der Arzt den milden 
Priester abgeben, den Priester, den Nietzsche in der „Fröhlichen Wissen- 
schaft" so treffend schildert. „Das Volk verehrt eine ganz andere Art von 
Menschen . . . das sind die milden, ernst einfältigen und keuschen Priester- 
naturen, vor denen es ungestraft sein Herz ausschütten, in die es seine 
Heimlichkeiten, seine Sorgen und Schlimmeres los werden kann. Hier ge- 
bietet eine große Notdurft: Es bedarf nämlich auch fUr den seeli- 
schen Unrat der Abzuggräben und der reinlich reinigenden 
Gewässer darin, es bedarf reicher Ströme der Liebe und starker, 
demütiger, reiner Herzen, die zo einem solchen Dienste der nicht öffent- 
lichen Gesundheitspflege sich bereit machen und opfern." 

Der Psychotherapeut, der den Verdrängungen nachforschen will, 
muß eine solche keusche und ernste Natur sein. Mit solcher Gesinnung 
können wir über alle Dinge sprechen, die andere Leute alB „Schweinereien" 
verdammen. Allein wir können uns die Ursachen der Neurosen nicht 
wählen. Wir müssen sie so nehmen, wie sie uns die allgtitige Mutter 
Natur entgegenbringt. Doch tun wir der Natur nicht unrecht. Die Natur 
hat mit den Neurosen nichts zu tun. Die Kultur ist die einzig Schuldige, 
weil sie sich anmaßt, die Natur ungestraft vergewaltigen zu können. Alk- 
Krankheiten sind doch im tiefsten Kern nichts anderes als Sünden gegen 
die Natur. 

Ich glaube durch die drei angeführten Beispiele den Zusammenhang 
zwischen Verdrängung und Angst illustriert zu haben. Kehren wir nach 



14 Erster Teil. Die Angstneurose. 

dieser wichtigen Auseinandersetzung zu unserem Thema, zu den „nervösen 
Angstzuständen ", zurück. 

Dieses Kapitel mögen die sehr anschaulichen Schilderungen eines 
Kranken beschließen, der jahrelange von heftigen Angstgefühlen gequält 
erst durch eine psychoanalytische Kur geheilt wurde. Er leitete die 
Schilderungen seiner Krankheit mit der nachfolgenden, allgemeinen Be- 
trachtung ein, die ich wegen ihrer wunderbaren Selbsterkenntnis, trotz 
mancher falscher Anschauungen, wörtlich wiedergebe: 

„Wer kennt nicht jenes unheimliche, in uns immer mehr wachsende 
Gefühl der Unruhe, die als Vorbote der nahenden Angst betrachtet 
werden kann? Wer wüßte nichts zu sagen von dem finsteren Gesellen, 
der leise, leise ins Herz schleicht, es entweder zu rascherem Tempo an- 
eifert oder es hindert, seine regelmäßigen Schlage zu vollziehen? Wer 
fühlte noch nicht den kalten Angstschweiß auf der Stirne. das Zittern in 
den Händen und Füßen, die Blässe in den Wangen, das Schwinden der 
Gedankenfolge und wie sie alle heißen mögen, die treuen Begleiter 
der Angst? 

Zahllos sind die Varianten, in denen die Angst auftritt. Tausende 
Ursachen — eine Wirkung! — Aus welchem Grunde immer hervorge- 
rufen, wird die Angst, wenn sie uns einmal erfaßt hat, die Herr- 
schaft über fast alle anderen Gefühle erringen, jede andere Äußerung des 
Organismus übertönen und nur vor einer Empfindung Halt machen, die 
mächtig genug ist, selbst die Angst zu verdrängen, dem Schmerze! 

Der Schmerz wird wohl stets das Angstgefühl als Begleiter mit 
sich führen, jedoch muß nicht umgekehrt jede Angst mit Schmerz ver- 
bunden sein. 

Die Angst beim Kinde zeigt sich in besonders mannigfaltigen 
Formen. Wer unsere Kleinen genau studierte und sie in dem Stadium der 
Angst beobachtete, wird erstaunt sein über die vielen Abarten, die der 
Stempel der Angst dem kindlichen Gesichte, seinem Wesen und Ge- 
baren und seinem Sprechen aufdrückt. Das Schuldbewußtsein (wenn das Kind 
etwas Strafbares tat!) kommt sogleich als Angst zum Vorschein — als 
Angst vor der Strafe! Die gleiche Furcht befällt ja auch den bisher un- 
bescholtenen Erwachsenen, wenn er als Angeklagter vor Gericht er- 
scheinen muß. Hierbei kommen selbstredend die diversen Abstufungen in 
Betracht, die sich von der gelinden Furcht des „leichten" Übeltäters bis 
zur qualrollen Todesangst des Mörders hinziehen. 

Wir kennen Nervöse, die anfangs ein völlig unbegründetes Angst- 
gefühl verspüren, das sich immer mehr ausbreitet und in seinem weiteren 
Verlaufe zu einem förmlichen Angstkomplex wird. Zuerst die Angst — 
die Stadt zu verlassen, oder die Furcht vor der Reise überhaupt. — 
Später die Angst, aus der Straße, in der man wohnt, zu treten und 
größere Spaziergänge zu machen. Dann der Trieb, im Hause zu bleiben 
und endlich die Furcht, das sichere Wohnzimmer zu verlassen, wo man 
sich geborgen fühlt und keine Anfälle erleidet. 

Immer kleiner wird das Feld des an der geschilderten Angstneurose 
Leidenden ; seine Gründe, um die dem Gesunden lächerlich erscheinende 
Furcht plausibel zu machen, zeigen eine geradezu bewundernswerte Fertig- 
keit, Ausreden zu konstruieren. Bald hat man „viel zu tun", bald wieder 
ist das „Wetter zu schlecht", dann fühlt man 6ich „gerade heute" 



Dm Wesen der Verdrängung. Ift 

nicht ganz wohl, ferner erwartet man einen der Phantasie entsprungenen 
.Besuch" usw. 1 ) 

Der Nenrotiker wird nie in Verlegenheit geraten, wenn er 
irgend ewas erdichten maß, um seine innere kindische Angst 
nach außenhin zu bemänteln und sich als „vollständig gesund" zu 
kennzeichnen. Die Zumutung einer eigentlichen Krankheit wird er über- 
legen lächelnd zurückweisen, nicht ohne im gleichen Momente schon 
Furcht vor dieser Krankheit zu empfinden und sie eine halbe Stunde 
später bereits — zu besitzen! — Kein Leiden ist ihm .dazu chronisch 
genug! Mit akuten „Kleinigkeiten" gibt er sich nicht ab. Es muß min- 
destens der Anschein eines lebenslänglichen Dahinsiechens vorhanden 
sein, sonst ist es für den bedauernswerten Märtyrer keine ihm passende 
Krankheit. 

Die Versuche von Eltern, Geschwistern, Verwandten und Freunden, 
ihm die Angst und „Einbildungen" auszureden, sind zwecklos! Im Gegen- 
teil ! Je mehr die Umgebung durch Hohn oder Gleichgültigkeit über seine 
„Krämpfe" und „Anfälle" hinweggeht, desto hartnäckiger werden die 
Zwangsvorstellungen im überreizten Gehirne des Neurotikers und wenn 
der Karren einmal so weit verfahren ist, daß die krankhafte Blässe 
des Gesichtes, die Abmagerung des unterernährten Körpers und die Ver- 
störtheit des Melancholikers Zeugnis von den Verheerungen ablegen, die 
die Neurose an dem oft jugendlichen Patienten angerichtet hat, dann ist 
es gewöhnlich schon zu spät. 

Die Angstzustände des Kranken haben ihn bereits zum willenlosen 
Sklaven seines Ichs gemacht. Er denkt in grenzenlosem Egoismus Minute 
für Minute des ganzen Tages nur an sich und seinen Zustand. Jede 
Lebenslust ist verschwunden und nur eine tiefe seelische Depression zu- 
rückgeblieben. Es tritt in Begleitung der Furcht der entsetzliche — Ekel 
auf. — Alles wird mit Widerwillen betrachtet. Jede Speise wirkt ekel- 
erregend und weckt die Angst vor dem Erbrechen und Krankwerden. 
Fleisch und Würste sind für ihn etwas, das Vergiftung und Erkrankung 
bedeutet. Obst wird zur unreifen Frucht — also weg mit dem Obst! 
Brot ist schwer verdaulich! — also weg mit dem Brot! Milch ist oft 
nicht frisch und geronnen oder gewassert — also fort mit der Milch ! usw. 

Alle Speisen werden, wenn überhaupt, dann nur mit Angst ge- 
gessen und sogleich tritt die Furcht vor den Folgen dieser Nahrungs- 
aufnahme zutage. Was normale Menschen als Verdauungsstündchen 
höchst angenehm verbringen, wird dem Nenrotiker zur Marterstunde. Den 
Geschmack unsympathischer Speisen wird er den ganzen Tag nicht mehr 
los und macht natürlich hierdurch immer wieder alle Qualen des 
Essens mit. 

Daher stammt also die Furcht vor dem Essen als Vorbote der 
Angst, die sich nach dem Speisengenusse einzustellen pflegt. So weit 
kann die Angst vor dem Essen und die hierdurch hervorgerufene Abmage- 
rung den Nenrotiker herunterbringen, daß er dem Tode verfällt. 

Als weiteres Angstsymptom .möchte ich die Furcht vor größeren 
Menschenansammlungen, z. B. Rennplätzen, Theatern, Kaffeehäusern usw. 
anfuhren. 



') Diese Tendenz bezeichnet Jones sehr treffend als „Rationa I isat ion*. Der 
Nenrotiker .rationalisiert" seine Angstgefühle, d. h. er bemüht sich, unmotivierte Angst 
in motivierte Furcht zu verwandeln. 



16 Erster Teil. Die Angstnearose. 

Dieses eigenartige Angstgefühl beginnt bereits beim Verlassen des 
Hauses, wenn man ein gewisses Ziel vor Augen hat. Sogleich be- 
ginnt im Innern der Seele die nervöse Unruhe als Vorbote der Angst. 
Der Krankheitskobold ruft immerwährend: „Bleibe zn Hause, gehe nicht 
in ein Gedränge; dort kannst du einen Anfall bekommen, es wird dir 
schlecht werden, du kannst erbrechen müssen, mitten unter fremden, 
herzlosen Menschen, die dich nicht pflegen, dir nicht beistehen werden, 
dich höchstens neugierig begaffen und warten, bis der schrille Pfiff des 
Rettungswagens ertönt, der dich nach Hause bringt, wo die alte Mutter 
händeringend immer wieder jammert: „Ich habs ja gewußt! Warum 
folgt er mir nicht? Ich sagte ja immer: „Bleib zu Hause!" Solche und 
ähnliche Gedanken durchkreuzen das Gehirn des Neurotikers und siehe 
da! Kaum will er diese Empfindungen abschütteln und weiter seinem 
Ziele zuschreiten, so beginnt ein erbitterter Kampf zweier Mächte in 
seinem Innern. 

Das Gesunde an dem jungen Körper sträubt sich gegen die Zu- 
mutung einer Furcht vor dem Nichts! Aber der Kampf ist zwecklos — 
die Furcht bleibt zuletzt doch die Siegerin! Erst leise, dann immer 
stärker hervortretend, beginnt sie die Füße schwankend zu machen, 
SchwindelgefUhle hervorzurufen und den Kranken zu ermatten! Dann ist 
er präpariert! Nun kann die eigentliche Angst in ihre Rechte treten. 

Sie beginnt mit einem unbehaglichen Gefühle in der Magengegend 
und steigt bis zum Kehlkopf, wo sie würgend verweilt. Das blasse Gesicht 
wird fieberhaft gerötet, der Gang ist der eines Trunkenen, die Hand sucht 
einen Stutzpunkt und tappt ins Leere. Die Straße mit den vielen Menschen 
versinkt in ein bleifarbenes Grau, der Blick wird starr und sucht ein 
Ziel, an dem er haften bleiben kann. Dabei wird der Neurotiker stets be- 
müht sein, seinem Wesen keine Veränderung anmerken zu lassen; er 
wird Bekannte lächelnd grüßen, tänzelnd die Straße überqueren, galant 
den Damen Platz machen usw., nur um kein Aufsehen durch irgend 
ein abnormales Gebahren hervorzurufen. Er sucht, immer bemüht, rasch 
nach Hause zu kommen, die Sonne auf, damit sie sein Antlitz röte 
und er gesund, gebräunt aussehe etc. 

Mit dem Momente, wo ihn die Furcht packt, ist der Neurotiker 
ihr vollständig ausgeliefert. Er ist eines klaren Gedankens nicht fähig. 
Sein einziges Streben ist nur nach Hause, in die gewohnte, stille Gasse, 
in das gemütliche Heim, zu den vertrauten Möbeln, Bildern und zum ge- 
treuen Schreibtisch! Dort wird alles wieder gut werden! Der Anfall 
wird schwinden, die fürsorgliche Mutter wird ein warmes Tuch über die 
Magengegend legen, das wird beruhigend auf den erregten Körper ein- 
wirken und der gewöhnliche, normale Zustand wird zurückkehren! 

So lullt der Neurotiker seine Angst selbst ein, er wird ein Kind, das 
man in die Arme nimmt, wenn es sich fürchtet und tatsächlich, wenn der 
Kranke in die Nähe seines Wohnhauses kommt, schwindet die Angst 
leise, so wie sie kam, und ein wohliges Gefühl der Ermattung durch- 
strömt als Reaktion den ganzen Körper. 

Wer solche Anfälle 2 — 3mal erlebte, beginnt sich vor der Furcht 
zu — fürchten und es tritt sodann die unheimlichste Form der Angst 
auf, nämlich: Die Angst vor der Angst! 

Unaufhörlich peinigt den Neurotiker die entsetzliche Furcht, daß ihn 
wieder auf der Straße, im Cafe, im Garten etc. ein Anfall packen könnte 



Die Grundbegriffe der Angstneurose. \ 7 

und dnrch die Konzentration seiner Angstgefühle auf dieses gefürchtete 
Stadium seines Empfindens ruft der Leidende tatsächlich die eigentliche 
Herzensangst hervor, für die es keine Hilfe gibt, da sie nnr dnrch sich 
selbst zu heilen ist, wenn sie in das zerfällt, woraus sie hervorging : Aus 

dem Nichts! 

Wohl dem vernünftigen Menschen, der die Gesondheit besitzt und 
diesen kostbaren Schatz zu hüten weiß ; der sie noch nicht kennen lernte, 
die finsteren Mächte, die Seele und Körper mit einem Schlage zerstören 
und aus jungen, lebensfreudigen Menschen dahinwelkende Scheingestalten 
machen, die sich und den Ihren zur Last, trostlos und verloren ihr ein- 
förmiges Dasein verbringen, stets eine Beute der endlosen Angst, die 
ihre sonstigen Empfindungen übertönt und ertötet. Ich konnte die Angst 
wahrheitsgetreu schildern, denn ich habe sie bis zu meiner Heilung 
durch sechs lange Jahre selbst erlebt!" 

Dieser geheilte Kranke hat die Erfahrungen der Psychoanalyse rasch 
verwertet. Denn da lernte er, daß keine Angst aus dem' „Nichts" entsteht 
und daß jedes seelische Übel seine seelische Ursache haben müsse. Es wird 
meine Aufgabe sein, auszuführen, wie sich eine solche Tyrannis des Un- 
bewußten entwickeln und aus einem erwachsenen, kräftigen Menschen ein 
hilfloses Kind machen kann. Wir werden dann mit Erstaunen lernen, daß 
alle diese Beschwerden und Qnalen auch einen geheimen Lustgewinn 
verschaffen, jene gefährliche Lnstprämie, die dem Kranken die Tendenz 
verleiht, sich in die Krankheit zu flüchten und der Heilung zu widerstreben. 
Vorerst müssen wir die einfachen und wenig komplizierten Formen der 
„Angstneurose" kennen lernen. 

Was ist überhaupt eine Angstneurose und durch welche Faktoren 
kommt sie zustande? Auf diese Fragen soll uns das nächste Kapitel 
eine erschöpfende Antwort geben.') 



III. Die Grundbegriffe der Angstneurose. 

Kaum hatte Beard das Krankheitsbild der Neurasthenie beschrieben, 
als von allen Seiten Mitteilungen über diese interessante Krankheit strömten. 



') „Es ist interessant, daß selbst große Männer, deren Taten nnd Werke uns mit Be- 
wunderung erfüllen, sich nicht immer gegen Angstgefühle wehren konnten. Cäsar A ngas tu s 
zitterte am ganzen Leibe, wenn es zu donnern begann; er flüchtete dann in die tiefsten 
Kellerräume seines Palastes und bedeckte, um das Rollen des Donners nicht zu hören, sein 
Haupt mit dicken Pelzen. Erasmus konnte aus der Fassung geraten, wenn er einen Fisch 
sah, nnd Pascal gar fürchtete tausenderlei, Friedrich der GroBe soll gegen neue Uni- 
formen und Überhaupt gegen jedes neue Gewand einen wahren Widerwillen gehabt haben; 
er soll oft einer Ohnmacht nahe gewesen sein, wenn er einen neuen Bock anziehen sollt«. 
Bernardin de Saint-Pierre, der Verfasser von „Paul nnd Virginia", Newton nnd 
Paganini empfanden Furcht und ein übelkeitsgefübl, wenn sie an Wasserbassins vorüber- 
gehen maßten. Mozart nahm Reißans, wenn er eine Trompete oder ein Jagdhorn erklingen 
horte. Schopenhauer zitterte vor einem Basiermesser. Carlyle wagte nie den Fuß in 
einen Kanfmannsladen zu setzen j er urteilte in scharfer Weise über Helden und Heldentaten, 
hatte aber Angst vor einem gewöhnlichen Krämer. Edgar Allan Poe, Musset, Schumann 
nnd Chopin fürchteten sich vorder Finsternis. Dostojewski zitterte zeitlebens vor etwas 
Unfaßbarem, Unbegreiflichem, das ihm eines Tages als .etwas Wirkliches, Grauenvolles, 
Widerliches" entgegentreten könnte. Maupassant endlich hatte eine Art Furcht und 
Abscheu vor geöffneten Türen." — Wer die Zusammenhänge zwischen Genie nnd Neurose 
kennt, wird sich darüber nicht wundern. Vergleiche meine Schrift „Dichtung und Neurose". 
Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens. J. F. Bergmann, 1909. 

St»ksl, Nor-rüne Ang»Uu«l»nde and ihr« Behandlung. 1. Auil. 2 



lg Erster Teil. Die Angstneaxose. 

Man freute sich besondere flir die mannigfaltigen nervösen Leiden, für die 
man bisher nicht das richtige Verständnis hatte aufbringen können, einen 
Namen gefunden zu haben, freute sich dunkle und halbdunkle Gebiete 
von neuem Lichte erhellt zu sehen. Die Hysterie hatte eine Schwester be- 
kommen, neben der man höchstens nur noch die Hypochondrie als sehr 
selten vorkommende Krankheit sui generis gelten lassen wollte. Was man 
so lange übersehen hatte, begann man nun klar zu erkennen. Die halbe 
Welt wurde als „neurasthenisch" erklärt. Und die Neurasthenie wurde die 
Modekrankheit des 19. Jahrhunderts. 

Es gehörte der tiefe Entdeckerblick eines Freud dazu, um aus dem 
Gewirre neurasthenisch-hysterischer Symptome eine eigene Krankheit 
scharf herauszuschälen. „Über die Berechtigung, von der Neurasthenie 
einen bestimmten Symptomenkomplex als Angstneurose abzutrennen" 11 ), 
heißt die Arbeit von Freud, die den exakten klinischen Nachweis lieferte, 
daß eine große Anzahl von sogenannten Neurasthenikern ein von der 
typischen Neurasthenie ganz abweichendes Krankheitsbild zeigen. Dieses 
Krankheitsbild nannte Freud „die Angstneurose" nach dem Haupt- 
symptom derselben, der Angst, um welche sich alle Übrigen Symptome 
gruppieren. Das Krankheitsbild ist nicht immer klar zu erkennen, die 
Diagnose nicht immer leicht zu stellen. Es gibt nämlich eine große Anzahl 
von Symptomen, die als Angstäquivalente, ohne von Affekten der Angst 
begleitet zu sein, auftreten, ein Umstand, auf den schon E. Hecker a ) auf- 
merksam gemacht hat. Kennt man aber einmal die typischen Symptome 
oder Angstäquivalente der Angstneurose, 60 wird es nicht schwer, bei 
einiger Übung auch die verschwommenen Fälle der Angstneurose heraus- 
zufinden. Die leichten Fälle sind ja ungemein häufig. Fast jeder beschäf- 
tigte Praktiker hat mindestens einmal täglich Gelegenheit, eine Angst- 
neurose zu sehen, wenn er sie nicht übersieht. Die Angstneurose kommt 
entweder in rudimentärer Form oder ausgebildet vor; sie findet sich in 
den seltensten Fällen als reine Angstneurose, in den meisten gemischt mit 
Symptomen der Hysterie. 

Ich will hier zuerst das Krankheitsbild schildern, wie es Freud in 
seiner grundlegenden Arbeit ein für allemal festgesetzt hat. 

Das nie fehlende kardinale Symptom ist eine allgemeine 
Reizbarkeit, welche sich in einer abnormen Reaktion auf alle Reize von 
innen und außen her manifestiert. Diese Reizbarkeit erstreckt sich auf alle 
Sinnesorgane, besonders, wie Freud hervorhebt, auf das Gehör, so daß 
eine solche Gehörshyperästhesie entstehen kann, daß sie eine Ursache der 
Schlaflosigkeit bildet. 

Ein weiteres Symptom ist die große Zerstreutheit und Vergeß- 
lichkeit dieser Kranken. Die meisten klagen, sie könnten sich nicht 
konzentrieren, keinen Namen merken, sie würden Aufträge und Vorsätze 
sehr leicht vergessen, so daß sie wegen der Abnahme der Gedächtniskraft 
erschreckt sind. Sie zeigen das bekannte Symptom der „Furcht vor dem 
Wahnsinn". 

Ferner leiden die Kranken an dem Zustande „der ängstlichen 
Erwartung". Sehr treffend schildert diesen Zustand der erfahrene 

') Neurologisches Zentralblatt, 1895 and in den „Beiträgen zur Neurosenlehre'', Bd. 1. 
Franz Deuticke. Wien und Leipzig 1910. 

') Über larvierte and abortive Angstzsstinde bei Neurasthenie. ZentrAlblatt fllr 
Nerven heilkunde. 1893. 



Die Grundbegrifl'e der Angstneorose. 19 

treffliche Kliniker Lötoen/eld 1 ): „Das harmloseste Unternehmen, wie 
ein Ausgang bei ungünstigem Wetter, eine Spazierfahrt, führt zu den maß- 
losesten Befürchtungen für Leib und Leben; ein flüchtiger Schmerz an 
irgendeiner Körperstelle läßt an schwere Krankheit denken, eine geringe 
Verspätung der Angehörigen bei einem Ausgange ruft die schlimmsten Be- 
sorgnisse in betreff derselben wach. Ein Geräusch in der Wohnung wird 
sofort auf Einbrecher und Mörder bezogen, eine geschäftliche Transaktion 
von geringer Bedeutung führt zu Befürchtungen unübersehbarer Verwick- 
lungen und Nachteile. Es ist begreiflich, daß diese extrem Ängstlichen 
ihres Lebens nur selten froh werden; sie sehen zum großen Teil das 
Grundlose und selbst Lächerliche ihrer Befürchtungen ein und versuchen 
oft mit dem ganzen Aufgebote ihres vernünftigen Ichs, sich gegen den 
Zwang ihrer Befürchtungen zu wehren, zumeist jedoch ohne genügen- 
den Erfolg." 

„Die abnorme Angstdisposition bekundet sich nicht immer in gleicher 
Weise bei den einzelnen Anlässen, welche gemeinhin Furcht oder Bedenken 
zu erregen geeignet sind. Neben den Fällen, in welchen sich bei den ver- 
schiedenartigsten Gelegenheiten, 6oferne dabei nur die entfernteste Möglich- 
keit eines Nachteiles vorliegt, Befürchtungen geringerer oder schwererer 
Art in gleicher Weise einstellen — allgemeine Ängstlichkeit — , begegnen 
wir andern, in welchen die Angstdisposition sich vorzugsweise oder aus- 
schließlich auf einzelnen Gebieten der persönlichen Interessen manifestiert." 
Löwenfeld unterscheidet folgende Formen der Angstneigung: „a) Die 
Ängstlichkeit, welche speziell die eigenen Gesundheitsverhält- 
nisse betrifft, hypochondrische Ängstlichkeit. Diese kommt sowohl als 
angeborene wie als anerzogene, resp. durch Einflüsse der Umgebung bedingte 
Eigentümlichkeit vor. Sie kann sich auch im Gefolge seelischer Erschütte- 
rungen und anderer das Nervensystem schädigender Momente entwickeln. 
b) Die moralische Ängstlichkeit, welche die harmloseste Handlung 
oder Unterlassung zum Ausgangspunkte sittlicher oder religiöser Skrupel 
macht und dadurch sehr häufig zn einer überaus fruchtbaren Quelle von 
Zwangsvorstellungen wird. Eine Unterart dieser Spezialängstlichkeit betrifft 
die Wahrung der äußeren Formen der Welt gegenüber und führt zur maß- 
losen Furcht vor Verstößen gegen Höflichkeit oder Sitte und damit zu ex- 
tremer Pedanterie in der Wahrung von Formen oder in der ganzen Lebens- 
führung, c) Die abnorme Ängstlichkeit in bezug auf die Gesund- 
heitsverhältnisse der nächsten Angehörigen (Kinder, Eltern, des 
Gatten). Man beobachtet diese Form insbesondere nach schweren gemüt- 
lichen Erregungen, die durch Krankheit oder Todesfälle in der Familie 
verursacht wurden. Die mit dieser Form Behafteten geraten bei unbedeutenden 
Erkrankungen in ihrer Familie in die peinlichste Aufregung, während sie 
ihren eigenen körperlichen Leiden oft nicht einmal die nötige Beachtung 
schenken mögen, d) Die abnorme Ängstlichkeit in bezug auf Ver- 
mögens- oder Berufsangelegenheiten. Hierher gehören die Schwarz- 
seher und Pessimisten, die überall Verluste oder Nachteile wittern, wegen 
geringfügiger Schwierigkeiten sich endlose Sorgen bereiten." 

Dr. Wilhelm Strohmayer ( „Die Beziehungen der Sexualität zu Angst- 
zuständen", Journal für Psychologie und Neurologie, Band XII, Heft 2/3, 
1908) betont die Störung der Ich-Gefühle. Er sagt: „Von besonderem 



') We psychischen Zwangserscheinungen. J. F. Bergmann, Wiesbaden. 



20 Erster Teil. Die Angstnenrose, 

Interesse aber waren mir bei den hierher gehörigen Patienten immer die 
Zustände, die in engster Beziehung zur Angst stehen and sich als ein 
mangelndes Hervortreten des Ich-Gefühls im Ablaufe derldeen- 
as80ziation oder als eine momentane Unfähigkeit charakteri- 
sieren, bestimmte Empfindungen oder Vorstellungen mit dem 
Ich-Bewußtsein in normale assoziative Verknüpfung zu bringen. 
Die eigenartigen Zustände treten, wie die Angst, anfallsweise auf. Oft ist 
nicht zu entscheiden, was früher da war, die Angst oder die Störung des 
Ich -Gefühls. Die Kranken geben an, daß sie ihr Ich nicht fühlen oder 
daß sich ihr Ich anfallsweise so verändere, daß es dem normalen Ich nicht 
entspricht. Sie sind Ortlich und zeitlich genau orientiert, aber die eigene 
Person kommt ihnen so „fremd" vor, als bandle, denke und empfinde eine 
andere. Der eigene Körper, das Gesicht, die Stimme erscheint fremdartig. 
Dieselben Kranken unterscheiden von diesem Symptom ein zweites: ein 
stückweises Bewußtwerden der eigenen Persönlichkeit oder das störende 
Unvermögen, Organempfindungen mit dem Ich-Bewußtsein zu verknüpfen. 
Sie fühlen den Kopf, die Arme, die Hände, aber als etwas, das außerhalb 
des gewohnten Gesamtempfindens des Körpers steht, oder die einzelnen 
Teile in unheimlichen Dimensionen. Endlich ist noch einer anderen Variation 
zu gedenken. Es tritt eine eigentümliche Leere im Kopfe auf; das Ich- 
Gefühl bleibt unverändert; aber die Außenwelt stellt sich dem Beschauer 
ganz anders dar, als normalerweise. Plötzlich ist alles in der Umgebung 
„so ganz anders", „so fremd", „so komisch". Trotz vollständiger Orien- 
tierung mangelt der Umgebung die Bekanntheitsqualität. Manchmal ver- 
knüpft sich damit der Eindruck des Entfernten, Verkleinerten. Diese Zu- 
stände waren stets bei meinen Kranken mit höchster Angst verknüpft, weil 
sie dem „Wahnsinn ins Gesicht zu sehen glauben". 1 ) 

Das auffallendste Symptom der Angstneurose ist der Angst- 
anfall. Angstanfälle können plötzlich, unvermutet mit großem psychischen 
Apparate auftreten oder durch eine langsame Steigerung rudimentärer An- 
fälle entstehen. Die Patienten haben das Gefühl, ihr Leben gehe zu Ende, 
es treffe sie der Schlag, etwas verwirre sich in ihrem Gehirne, „der Schädel 
wolle ihnen zerspringen", sie würden wahnsinnig, das Herz bleibe Btehen, 
jemand drossele sie und sperre ihnen den Atem ; so sei einem Sterbenden 
zu Mute. Alle Symptome, wie sie 8onst den Affekt der Furcht und des 
Schreckens begleiten, können auch beim Angstanfall auftreten. Die Patienten 
werden blaß, sie verlieren das Gleichgewicht, müssen sich niederlegen. Sie 
ringen vergeblich nach Worten und Atem (vox faueibus haesit !). Die Arme 
und Beine schlottern wie im Schüttelfrost, es wirft manche Kranke in die 
Höhe, heftiger Schweiß bricht am ganzen Körper ans, die Haare sträuben 
sich, es rieselt ihnen kalt über den Rücken (Cutis anserina). Ein heftiger 



') „A. Piek (Neurol. Zentralbl. 1903, Nr. 1) hat ähnliche Znstände durch einen anfalls- 
weise auftretenden Aasfall des „BekanntheitsgefühU" erklärt. Er hat, wie ans seinen Aus- 
führungen hervorgeht, aneh bei Epileptischen und Hysterischen des öfteren ohne nachweis- 
bare psycho-sensorische Anästhesie oder Parästhesie über einen veränderten, fremdartigen 
Eindruck der Umgebung klagen hören." — Lötrcufeld (Die psychischen Zwangserscheinungen, 
Wiesbaden 1904) reibt diese Symptome unter dns „Zwangsgefdhl des Fremdartigen" and 
anter die „Zwangsempßndungen" ein. Di einer neuen Arbeit „Cber traumartige und ver- 
wandte Zustände" (Zentralbl. f. Nervenhlk. u. Psych., 1909, XX. Bd.) macht derselbe Autor 
auf die Bedeutung des AtTektes für das Zustandekommen dieses Phänomens aufmerksam. 
Vgl. das Kapitel „Das Gefühl des Fremden im Leben und im Traume* in meinem Bache 
„Die Sprache des Traumes" (J. F. Bergmann, 1911). 



Die Grundbegriffe der Angstneurose. 21 

Harndrang führt eine unwillkürliche Harnentleerung herbei. Oder ein stür- 
mischer Stuhldrang Äußert sich in Tenesmus, Abgang von Winden, Bauch- 
krämpfen und Diarrhöen. Auch unwillkürliche Stuhlabgänge kommen vor. 
Die Pupille erweitert sich (nach Fließ prämonitorisch die linke). Die 
Speichelsekretion versiegt 1 ), der Mund wird trocken. Häufig kommt es zu 
Ohnmacht, Migräne, Schwindel oder zu Tachykardieanfällen von außer- 
ordentlicher Intensität. Verschiedene Schmerzen treten auf, Herzschmerzen, 
Brustschmerzen, Magenschmerzen, Kopfschmerzen, Neuralgien usw. Alle 
diese Erscheinungen kommen von den einfachsten bis zu den schwersten 
Graden, isoliert oder in mehrfacher Kombination und Variation vor. 8 ) 

Ebenso wichtig wie das Verständnis des akuten Angstanfalles in seiner 
ausgesprochenen Form ist die genaue Kenntnis der rudimentären Angst- 
anfälle, der sogenannten „Angstäquivalente". Es läßt sich fast eine Skala 
solcher Rudimente aufstellen, welche vom einfachen Unbehagen und der 
plötzlichen Verstimmung, von einer anfallsweise auftretenden Müdigkeit bis 
zu den höchsten Graden der Ohnmacht führt, da die Patienten plötzlich 
niedersinken, das ganze Haus alarmieren, und Arzt und Umgebung sich be- 
mühen müssen, um die Störung des Organismus zu beheben. Die Kenntnis 
der rudimentären Angstanfälle ist für den Praktiker von größter Bedeutung. 

Freud nennt folgende Äquivalente des Angstanfalls: 

a) Störungen der Herztätigkeit, Herzklopfen mit kurzer Arhythmie, mit 
länger anhaltender Tachykardie bis zu schweren Schwächezuständen des 
Herzens, deren Unterscheidung von organischer Herzaffektion nicht immer 
leicht ist; Pseudoangina pectoris (ein diagnostisch heikles Gebiet!). 

b) Störungen der Atmung, mehrere Formen von nervöser Dyspnoe, 
asthmaartige Anfälle u.dgl. Freud hebt hervor, daß selbst diese Anfälle 
nicht immer von kenntlicher Angst begleitet sind. 

c) Anfälle von Schweißausbrücben, oft nächtlich. 

d) Anfälle von Zittern und Schütteln, die nur zu leicht mit hysteri- 
schen verwechselt werden. 

e) Anfälle von Heißhunger, oft mit Schwindel verbunden. 

f) Anfallsweise auftretende Diarrhöen. 

g) Anfälle von lokomotorischem Schwindel. 

hi Anfälle von sogenannten Kongestionen, so ziemlich alles, was man 
früher vasomotorische Neurasthenie genannt hat. 

i) Anfälle von Parästhesien (diese selten ohne Angst). 

j) Das plötzliche Aufschrecken der Erwachsenen im Schlafe (als wür- 
den sie einen Berg herunterfallen). 

k) Harndrang. 

I) Muskelkrämpfe. 

Ich möchte dieser Liste einige wichtige Erweiterungen hinzu- 
fügen: 

m) Plötzliches tiefes Aufseufzen. 



') «In Indien soll der Braach bestehen. Hansdiebe in dieser Weise zu entlarven, daß 
man die Dienerschaft herbeiholen laßt und jedem Reiskörner in den Mund gibt. Man er- 
klärt jenen als Dieb, bei dem die Reiskörner trocken bleiben, von der Ansicht ausgehend, 
daß die Angst seinen Speichelfluß sistiere." Alois Pick, „Zar Kenntnis der Neurosen des 
Verdauungstraktes'. (Med. Klinik, 1909, Nr. 40.) 

') Einem meiner Kranken fährt beim Anschreien , bei einem Geräusch oder im 
Angstanfall der Schrecken in die Hinterbacken. Er fohlt ein Gemisch von Hitze und Kälte, 
Pelzigsein der Backen und hat das Gefühl: „ Jetzt werde ich abgetan." 



22 Erster Teil. Die Angstneurose. 

n) Ein unvermutet eintretendes Mudigkeitsgefühl , das sich bis zur 
Ohnmacht steigern kann. 

o) Erbrechen nnd Magenschmerzen (sehr wichtiges Symptom!), auch 
schmerzhafte Blähungen mit polterndem Abgang reichlicher Winde. 

p) Plötzliches Absterben eines Fingers, der ganzen Hand oder eines 
Armes. 

q) Migräne. 

r) Große Unruhe, zielloses Herumlaufen. 

Wie entstehen solche Angstäquivalente? Wir wollen vorläufig nur 
mitteilen, daß sich eben einzelne Symptome in den Vordergrund drängen 
und das ganze Bild der Angstneurose vertreten. Freilich, bei genauem Nach- 
forschen zeigt es sich, daß auch viele andere Symptome (Reizbarkeit, 
ängstliche Erwartung usw.) vorhanden sind und es läßt sich bald das 
typische Bild einer Angstneurose nachweisen. 

Freud war früher bereit, noch verschiedene Phobien unter die Formen 
der Angstnenrose einzureihen. Heute steht er auf Grund seiner und meiner 
Analysen auf dem Standpunkt, daß es sich bei den „Phobien" um ,, Angst- 
hysterien" handelt, die wir später gesondert besprechen werden. Wie be- 
merkt, sind reine Fälle von Angstneurose in leichter Form enorm häufig, 
die schwereren Fälle ohne Komplikationen sind selten ; wir werden daher 
immer eine kleinere oder größere Mischung von Hysterie wahrnehmen 
können. Nichtsdestoweniger gestatten manche Fälle eine reine Scheidung. 
Die Differentialdiagnose fai nach dem Erfolge der Therapie sehr leicht zu 
stellen. Denn die Angstneurose entsteht durch irgend eine aktu- 
elle schädliche Form des sexuellen Lebens. Korrigiert man diese 
schädliche Form, so schwinden die Symptome der Angst, der ängstlichen 
Erwartung und der Reizbarkeit. Dies erklärt uns die Heilerfolge, welche 
ältere Ärzte mit dem Ratschlage erzielt haben j „Sie müssen noch ein Kind 
erhalten, damit sie gesund werden" oder: „Sie müssen heiraten!" Nach 
diesem Ratschlage wurde eben der Coitus interruptus oder die Abstinenz 
aufgegeben und durch normalen Verkehr ersetzt. Die Heilung ist dann auf 
die Regelung des Geschlechtsverkehrs zu setzen. Eine Angsthysterie wird 
durch Beseitigung der sexuellen Anomalien selten geheilt werden. Hier 
spielen noch psychische Ursachen mit; hier handelt es sich noch um die 
Lösung von verdrängten Vorstellungskomplexen, hier mnß der Arzt das 
ganze Denken und Fühlen des Patienten korrigieren. Hier hindern oft die 
widrigen Verhältnisse die vollständige Heilung. 1 ) 

Für die Genese der Angstneurose kommen verschiedene Schädlich- 
keiten des Sexuallebens in Betracht. Freud (1. c.) behandelt die Bedingun- 
gen für Männer und Frauen gesondert. Nach seinen Erfahrungen kommt 
die Angstneurose bei Frauen in folgenden Fällen vor: 

„a) Als virginale Angst oder Angst der Adoleszenten. Eine Anzahl von 
unzweideutigen Beobachtungen hat ihm gezeigt, daß ein erstes Zusammen- 



') Ich müchte aber an dieser Stelle betonen, daß der Unterschied zwischen Angst- 
nenrose und Angsthysterie in diesem Buche ans didaktischen Gründen schärfer heraus- 
gearbeitet wurde, als es den praktischen Erfahrungen entspricht. Die sexuelle Schädlichkeit 
birgt schon den Keim des psychischen Konfliktes in sich. Der anbefriedigte Mann wird sich 
nach andern Objekten sehnen, bei denen er eine volle Libido erwartet. Ebenso die unbe- 
friedigte Frau. Das gibt in der Ehe eine Reihe von traumatischen Wonschphantasien, die 
ein quälendes Schuldbewußtsein erzeugen. 



Die Grundbegriffe der A ngsrneurose. 23 

treffen 1 ) mit dem sexuellen Problem, eine einigermaßen plötzliche Ent- 
hüllung des bisher Verschleierten, der Anblick eines sexuellen Aktes, eine 
sexuellerregende Mitteilung oder Lektüre bei heranreifenden Mädchen eine 
Angstneurose hervorrufen kann, die fast in typischer Weise mit Hysterie 
kombiniert ißt. 

b) Als Angst der Neuvermählten. Junge Frauen, die bei den ersten 
Kohabitationen anästhetisch geblieben sind, verfallen nicht selten der Angst- 
neurose, die wieder verschwindet, nachdem die Anästhesie normaler Emp- 
findlichkeit Platz gemacht bat. 

c) Als Angst der Frauen, deren Männer Ejaculatio praecox oder sehr 
herabgesetzte Potenz zeigen; und 

d) deren Männer den Coitus interrnptus oder reservatus üben. Diese 
Fälle gehören zusammen, denn man kann sich bei der Analyse einer 
großen Anzahl von Beispielen überzeugen, daß es nur darauf ankommt, ob 
die Frau beim Koitus zur Befriedigung gelangt oder nicht. Im letzteren 
Falle ist die Bedingung für die Entstehung der Angstneurose gegeben. Da- 
gegen bleibt die Frau von der Neurose verschont, wenn der mit Ejacn- 
latio praecox behaftete Mann den Congressus unmittelbar darauf mit 
besserem Erfolge wiederholen kann. Der C'ongressus reservatus mittelst 
des Kondoms stellt für die Frau keine Schädlichkeit dar, wenn sie 6ehr 
rasch erregbar und der Mann sehr potent ist : im anderen Falle steht diese 
Art des Präventiwerkehres den anderen an Schädlichkeit nicht nach. Der 
Coitus interrnptus ist fast regelmäßig eine Schädlichkeit ; für die Frau wird 
er es aber nur dann, wenn der Mann ihn rücksichtslos Übt, das heißt, 
wenn er ihn unterbricht, sobald er der Ejakulation nahe ist, ohne sich um 
den Ablauf der Erregung der Frau zu kümmern. Wartet der Mann im 
Gegenteile die Befriedigung der Frau ab, so hat ein solcher Koitus für 
letztere die Bedeutung eines normalen. Es erkrankt aber dann der Mann 
an Angstneurose. 

e) Als Angst der Witwen und absichtlich Abstinenten, nicht selten in 
typischer Kombination mit Zwangsvorstellungen. 

f) Als Angst im Klimakterium während der letzten großen Steigerung 
der sexuellen Bedürftigkeit." 

Bei den Männern stellt Freud folgende Gruppen auf, die sämtlich ihre 
Analogien bei den Frauen finden: 

„u) Angst der absichtlich Abstinenten, häufig mit Symptomen der 
Abwehr (Zwangsvorstellungen, Hysterie) kombiniert. Die Motive, die für 
absichtliche Abstinenz maßgebend sind, bringen es mit sich, daß eine An- 
zahl von hereditär Veranlagten, Sonderlingen u. dgl. zu dieser Kategorie 
zählt. 

b) Angst der Männer mit frustraner Erregung (während des Braut- 
standes), der Personen, die (aus Furcht vor den Folgen des sexuellen Ver- 
kehrs) sich mit Betasten und Beschauen des Weibes begnügen. Diese Gruppe 
von Bedingungen, die übrigens unverändert auf das andere Geschlecht zu 
übertragen ist (Brautschaft, Verhältnisse mit sexueller Schonung), liefert 
die reinsten Fälle der Neurose. 



') Eigentlich ist es nicht das erste Zusammen treffen. In der Kindheit gab es 
wichtige sexuelle Erlebnisse und Phantasien, für die aber nach der Pubertät infolge der 
Verdrängung eine vollständige Amnesie eingetreten ist. Die Psychoanalyse weckt die Er- 
innerungen, hebt die Verdrängungen auf. 



24 Erster Teil. Die Angstneurose. 

c) Angst der Männer, die Coitus interruptus üben. Wie schon bemerkt, 
schädigt der Coitus interruptus die Frau, wenn er ohne Rücksicht auf die 
Befriedigung der Frau geübt wird. Er wird aber zur Schädlichkeit für den 
Mann, wenn dieser, um die Befriedigung der Frau zu erzielen, den Koitus 
willkürlich dirigiert, die Ejakulation aufschiebt. Auf solche Weise läßt sich 
verstehen, daß von den Ehepaaren, die den Coitus interruptus pflegen, ge- 
wöhnlich nur ein Teil erkrankt. Bei Männern erzeugt der Coitus interruptus 
übrigens nur selten eine reine Angstneurose, meist eine Vermengung der- 
selben mit Neurasthenie. 

d) Angst der Männer im Senium. Es gibt Männer, die wie die 
Frauen ein Klimakterium zeigen und zur Zeit ihrer absteigenden Potenz 
und zunehmenden Libido Angstneurose zeigen." ») 

Endlich — bemerkt Freud — muß ich noch zwei Fälle anschließen, 
die für beide Geschlechter gelten: 

e) „Die Neurastheniker, infolge von Masturbation, verfallen in Angst- 
neurose, sobald sie von ihrer Art der sexuellen Befriedigung ablassen. 
Diese Personen haben sich besonders unfähig gemacht, die Abstinenz zu 
ertragen." 

Freud betont hier als wichtig für das Verständnis der Angstneurose, 
daß eine irgend bemerkenswerte Ausbildung derselben nur bei potent ge- 
bliebenen Männern und bei nicht anästhetischen Frauen zustande kommt. 
„Bei Nenrasthenikern, die durch Masturbation bereits eine schwere Schädi- 
gung ihrer Potenz erworben haben, fällt die Angstneurose im Falle der 
Abstinenz recht dürftig aus und beschränkt sich meist auf Hypochondrie 
und leichten chronischen Schwindel. Die Frauen sind ja in ihrer Mehr- 
heit als „potent" zu nehmen ; eine wirklich impotente, d. h. anästhetische 
Frau ist gleichfalls der Angstneurose wenig zuganglich und ertragt die 
angeführten Schädlichkeiten auffällig gut." 

f) „Die letzte der anzuführenden ätiologischen Bedingungen scheint 
zunächst überhaupt nicht sexueller Natur zu sein. Die Angstneurose ent- 
steht nämlich, und zwar bei beiden Geschlechtern, auch durch das Moment 
der Überarbeitung, erschöpfender Anstrengung, z. B. nach Nachtwachen, 
Krankenpflegen und selbst nach schweren Krankheiten." 

(Aus unserem Materiale wird sich ergeben, daß die letztere Ursache 
nur ein auslösendes Moment bildet. Ein erschöpfter Körper kann dem Aus- 
bruche einer sich schon lange vorbereitenden Angstneurose keinen Wider- 
stand entgegensetzen. Dann werden wir aus einzelnen Beispielen ersehen, 
daß das Individuum bei solchen Gelegenheiten in schwere psychische 



') Diese Form der Angstneurose wurde von Kurt Mendel als besondere Form, als 
„Das Klimakterium des Mannes* beschrieben. (Die Wechseljahre des Hannes. Neuro). Zen- 
tralblatt, 1910, Nr. 20.) Ebenso wurden die Herasymptome der Angstneurose von Herz 
nacbentdeckt und als „Phrenokardie" beschrieben. Ein underes Symptom, den Schwindel, 
bat Oppenheim seebzebn Jahre nach Freud» Publikation veröffentlicht. (Ober Dauer- 
schwindel. Neurolog. Zentrnlbl., 1911, Nr. 6.) Jones bemerkt im Zentralbl. f. P. A„ I. Bd., 
S. 594) sehr treffend: -Es hat den Anschein, als ob die Existenz von Freuds „Angstneurose" 
mit der Zeit von den konventionellen Autoritäten anerkannt werden sollte, allerdings auf 
einem merkwürdigen Umweg der Neubenennung. Es ist jetzt eine Form der Angstneurose 
nach der anderen unabhängig ('.') entdeckt und beschrieben worden. Zuerst bat Herz 
die kardialen Symptome entdeckt, dann Mendel die speziellen Symptome im männlichen 
Klimakterium, ebenso Church und de Fleury, und jetzt kommt Oppenheim mit seiner 
Entdeckung der Schwindelerscheinungen.* 



Die Grundbegriffe der Angstneurose. 25 

Konflikte gebracht und aas seinem seelischen Gleichgewichte gerissen 
wird. ') 

Die Ausführungen Freuds bedürfen noch einiger Ergänzungen. 

g) Es gibt eine große Menge von Varianten, wie ein Coitus pro- 
longatns erzielt oder ein Orgasmus verlängert wird. So erinnere ich 
mich eines Falles, daß ein Mann während des Coitus die Zeitung oder 
einen Roman las, so daß er eisen Beischlaf in der Dauer von einer halben 
Stunde erreichen konnte. Ein anderer zählte bis 1000, der dritte sagte 
die Römischen Kaiser auf. Diese Menschen litten alle an einer Angst- 
neurose. Ebenso versuchen Frauen die Libido zu unterdrücken 1 ), um eine 
Gravidität zu verhindern, und erkranken an schwerer Angstneurose. 

h) Bei manchen Männern bildet sich eine merkwürdige Vorstellung 
aus, der Verlust des Sperma sei sehr schädlich und raube dem Körper die 
besten Kräfte. Solche Menschen bringen es dazu, einen Coitus sine 
ejaculatione zu erzielen, eine besonders schädliche Form des Beischlafes. 
Dieser Coitus interruptus sine ejaculatione ist häufiger, als man 
annehmen sollte, die Ursache einer Angstneurose. 

i) Auch die „Mastnrbatio interrupta" und die „Pollutio interrupta" 
spielen eine Rolle bei Entstehung einer Angstneurose. Auf die sehr wich- 
tige und häufige Form der Masturbatio interrupta hat zuerst Rohleder auf- 
merksam gemacht (Zeitschrift für Sexualwissenschaft, 1908, Nr. 8, und 
„Vorlesungen über den Geschlechtstrieb und das gesamte Geschlechtsleben 
des Menschen"). Die Pollutio interrupta wurde von P. Näcke beschrieben. 
(Einiges über Pollutionen. Neurol. Centralbl., 1909, Nr. 20 und Über die 
Pollutio interrupta. Münch. med. Wochenschr., 1909, Nr. 34.) 

j) Auch die Masturbatio prolongata ist eine Ursache der Angstneurose. 
Einer meiner Patienten war imstande, zehnmal in einer Nacht zu ma- 



') Noch ein paar aufklärende Worte: Diese Form der Angstneurose geht nach letzten 
Erfahrungen nur auf psychische Ursachen zurück. Allerdings kommt ja anch in Be- 
tracht, daß viele dieser Pflegepersonen in langer Abstinenz leben müssen, z. B. die 
ihren kranken Mann pflegende Ehefrau usw. Meistens handelt es sieb in diesen Fällen um 
einen verdrängten Todeswunsch. Der böse Wunsch: .0 — möchte der Kranke sterben, 
dann bin ich frei und alle Möglichkeiten stehen vor mir", blitzt für eine Sekunde auf und 
wird die Quelle eines schweren Schuldbewußtseins, das sieb dann in aufopfernder, über- 
triebener Sorge und Pflege and im Falle des Todes in einer prolongierten (unnatürlich 
schweren und langen) Trauer äußert. 

: l Eine an Angsthysterie erkrankte Dame erzählt : .Ich leide unter der Angst vor der 
Sexaalempflndung. Ich kämpfe mit aller Kraft dagegen an, versuche mich abzulenken, 
denke an alle möglichen Sachen, rege mich dabei riesig auf. Ich leide entsetzlich unter der 
Angst, ich könnte etwas fühlen. Es wird mein Tod sein. Es schadet mir. Es ist die Ursache 
meiner Krankheit. Immer diese quälende Angst, jetzt, jetzt wird die Empfindung kommen. 
Wenn es kommen will, schreie ich auf, arbeite mich mit aller Kraft rücksichtslos heraus, 
springe au8 dem Bett, reiße das Fenster auf. Im ganzen Körper fühle ich etwas Schauder- 
haftes, als müßte ich sterben. Ich habe ein Gefühl der vollkommenen Vernichtung. Ich ver- 
suche mich abzulenken. Ich denke an gleichgültige Dinge, betrachte das Muster der Tapete, 
denke aus welcher Fabrik sie sein mag, was für ein Muster sie bat, beobachte krampfhaft 
die Geräusche auf der Straße, beschäftige mich mit der Lampe, zähle die Fensterscheiben, 
sehe nach, ob der Mond scheint, ob es dunkel oder bell ist, usw." "Vergleiche das treffliche 
Buch von Otto Adler „Die mangelnde Gescblechtsempfindnng des Weibes, 
(Fischers med. Buchhandlung, H. Kornfeld, Berlin W. 35), IV. Kapitel: Viele Frauen hüten 
sich vor der Empfindung aus Angst vor Kindersegen. „Dieser Glaube beherrscht nicht nur 
diejenigen, bei denen der Wunsch der Vater des Gedankens ist, jene Unverheirateten, die 
nun in gequälter Angst ihrem von der Welt geächteten Matterschicksal entgegensehen, 
sondern auch die verheirateten Frauen, die bereits geboren and „empfunden" haben und 
die, jetzt mit hinreichendem Kindersegen bedacht, absichtlich ein Gefühl zurückgehalten 
haben, um den Kreis ihrer Nachkommen nicht noch weiter zu vergrößern." 



26 Erster Teil. Die Angstneurose. 

6turbiercn, ohne eine Ejakulation zuzulassen. Er zeigte die Symptome einer 
schweren Angstneurose. Dagegen konnte ich bei einem jungen, mittelkräf- 
tigen Manne, der die Masturbation mit Ejakulation 5 — lOmal hintereinander 
in einer Stunde betrieb, gar keine neurotischen Symptome nachweisen. 
Erst als er die Onanie aufgab, begannen schwere neurotische Symptome 
aufzutreten. Das ist eine Erfahrung, die jeder Arzt sehr leicht machen kann. 

k) Eine An^stneurose entsteht ferner, wenn Milnner oder Frauen 
ßich eine andere Pereon während des Beischlafes vorstellen oder die Phan- 
tasie zu Hilfe nehmen, um einen Orgasmus zu erzielen. 

I) Ferner trifft man gar nicht selten Menschen, die normalen Koitus 
ausführen und trotzdem an Angstneurose erkranken. Forscht man längere 
Zeit nach — denn diese intimen Dinge erfährt man nicht in der ersten 
Sprechstunde — so erfährt man, daß es sich um Menschen handelt, deren 
Sexualverlangen nach einer anderen Art der Befriedigung steht, z. B. ein 
verheirateter Homosexueller wird trotz der sogenannten normalen Befrie- 
digung an Angstneurose erkranken. Ebenso eine perverse Frau, der der 
normale Coitus eigentlich einen onanistischen Akt bedeutet. (Relative 
Abstinenz!) 

Wir kommen damit zu einer einheitlichen Formel für die sexuellen 
Ursachen der Angstneurose, die lautet: 

Jedes Individuum, das die ihm adäquate Form der Se- 
xualbefriedigung nicht findet, erkrankt an einer Angstneurose. 

Doch davon später! 

Versuchen wir etwas tiefer in das Problem einzudringen. Wie hängen 
Sexualität und Angstneurose zusammen? Wo ist das Geleise, auf dem 
somatische und psychische Ursachen zusammentreffen, um an dem Karren 
der Krankheit gemeinsam zu ziehen?') 



IV. Wie entsteht eine Angstneurose. 

Den Mechanismus der Angstneurose sucht Freud in der Ablenkung 
der somatischen Sexualerregung vom Psychischen und einer dadurch ver- 
ursachten abnormen Verwendung dieser Erregung als Angst. 

Die Freudsche Angstneurose wäre demnach der Typus einer durch 
somatische Ursachen (z. B. Coitus interruptus) hervorgerufenen Neurose. 
Ich will gleich betonen, daß ich bei jeder Neurose nach psychischen 
Wurzeln, nach dem psychischen Konflikt gesucht habe, und daß mir der 
Nachweis dieser psychischen Wurzel bisher in allen Fällen gelungen ist. 
(Siehe meine Broschüre : Die Ursachen der Nervosität. Wien, 1006, Paul 
Knepler.) Auch in dem Aufsatze von Freud findet sich eine Bemerkung, 
welche dieser psychischen Komponente bei der Angstneurose für einzelne 

') Die Angstneurose wird unter zahlreichen Namen neu entdeckt und beschrieben. 
So stellte Kräptfin eine neue Krankheitsform „Die Erwartungspsychose" auf. Dr. Max 
hatrtin (MUnchener med. Wochenschr. , 1908. Nr. 27) trennt sie scharf von den Phobien, 
von denen sie sich durch die leichte Heilbarkeit unterscheide. Während die Phobie eine 
schlechte Prognose gebe, .weiche die Envartungsneurosc der nypniise". Es handelt sich 
otlenbar um leichte Fälle von Angstneurose und Angsthystorie. Alle Angstneurotikcr leiden 
an dem Symptom der ängstlichen Erwartuug. Ebenso ist es ganz überflüssig, eine eigene 
.Angstpsychose" zu beschreiben, wie es viele deutsche Auture-u getan halten. Ffirster 
lehnt in seinem Buche „Die klinische Stelluug der Angstpsychose" (Berlin. S. Karger. 1910) 
die Angstpsychose als selbständige Krankbeitsform ab. 



Wie entsteht eine Angstnenrose? 27 

Formen Rechnung trägt. Er sagt daselbst : „Doch kommt für den Fall der 
Abstinenz gewiß die absichtliche Verdrängung des sexuellen Vorstellungs- 
kreises hinzu, zu welcher die mit der Versuchung kämpfende abstinente 
Frau sich häufig entschließen muß, und ähnlich mag in der Zeit der Me- 
nopause der Abscheu wirken, den die alternde Frau gegen die übergroß 
gewordene Libido empfindet." 

Auch die Angstneurosen des jungen Mädchens, das plötzlich vor 
Tatsachen des sexuellen Problems gestellt wird, wenn 6ie ein Liebespaar 
im zärtlichen Zusammensein belauscht hat, wäre dann nur der Ausdruck 
eines heftigen psychischen Konfliktes zwischen Libido und Ekel, zwischen 
Sexualerregung und Sexualverdrängung. Der Onanist, der die Onanie auf- 
gibt, erkrankt sicher nur infolge seines psychischen Konfliktes an der 
Angstneurose. Wie jeder Hungernde leicht zum Diebe werden kann, so 
wird auch der libidoarme Abstinent von einem Liebeshunger befallen, der 
ihn zum Spielball der bizarrsten Phantasien macht. Vor diesen Wünschen 
erschreckt das Bewußtsein und schützt sich gegen die Realisierung durch 
Angst (Schutzmaßregeln Freuds, Sicherungstcndenzen Adlers). Jedesmal 
wenn zwei Wünsche um die Herrschaft in unserer Brust ringen, mani- 
festiert sich der schwächere als Angst. Ist der Wunsch, keusch zu bleiben, 
momentan noch der herrschende, so entschleiert sich die Angst unschwer 
als verdrängte Sexualität. 

Zweifellos steckt hinter den Angstgefühlen der Xeurotiker ein im 
Unbewußten fixierter Wunsch. Aber trotzdem will es mir scheinen, daß 
gerade die Angstneurose die Krankheit par excellence ist, um nachzu- 
weisen, wie physische und psychische Einflüsse sich vereinigen können, 
am ein Krankheitsbild zu schaffen. Auffallend ist die große Ähnlichkeit 
der Angstneurose mit Vergiftungserscheinungen nach chronischer Einnahme 
eines Alkaloids. 

Unwillkürlich drängt sich die Frage auf, ob die Angstneurose nicht 
durch die Mitwirkung eines uns unbekannten Toxins zustande kommt. 
Und einige klinische Tatsachen scheinen dieser Annahme einen großen 
Wahrscheinlichkeitswert zu verleihen. Vor allen Dingen fällt jedem Be- 
obachter und ist auch Freud die große Ähnlichkeit der Angstneurose mit 
dem Morbus Basedowii aufgefallen. Auch die an Basedow Erkrankten 
sind außerordentlich reizbar, auch sie befinden sich im Zustande ängst- 
licher Erwartung. Sie leiden auch an Herzklopfen, Schwindel, Diarrhöen, 
Schweißen, Kongestionen, Parästbesien. Nur daß sie noch grobe physische 
Störungen, die Struma und den Exophthalmus, manifestieren. Fast hat es 
den Anschein, daß der Basedow nur eine Steigerung der Angstneurose 
wäre. Und der Umstand, daß so viele Autoren den Basedow geradezu als 
Neurose betrachtet haben (Ckarcot-Gauthier und Buschan) und daß er so 
häufig mit der Hysterie zusammen vorkommt, geben uns zu denken. Sagt 
doch Moebius in seiner Monographie (Die Basedowsche Krankheit, Noth- 
nagels spezielle Pathologie und Therapie), daß Hysterie sehr häufig neben 
dem Basedow vorkomme, daß jede bei Basedow auftretende Anästhesie die 
Anwesenheit einer komplizierenden Hysterie verrate. Aber auch andere 
Störungen der inneren Sekretion zeigen eine auffallende Ähnlichkeit mit 
der Angstneurose. Die verschiedenen neurotischen Symptome nach Ent- 
fernung der Ovarien bei Frauen oder nach der Kastration bei Männern, 
die psychischen Symptome bei Tumoren der Hypophyse (Reizbarkeit, 
Angstzuständc , Depressionen, Unruhe, nächtliche Schweiße usw.) können 



28 Erster Teil. Die Angstneuroge. 

das typische Bild einer Angstneurose vortäuschen. (Vgl. meine Mitteilung 
„Zur Differentialdiagnose psychischer und organischer Erkrankungen". 
Zentralbl. f. Psychoth., Bd. I, Heft 1.) Auch die Abstinenzerscheinungen 
nach Entziehung eines Giftes, an das der Organismus gewöhnt ist, ähneln 
der Angstneurose, 60 daß begreiflich wird, daß französische Autoren diese 
Krankheit als „Toxikose" auffassen. Allerdings am auffallendsten ist die 
Ähnlichkeit mit dem Basedow. 

Es fragt sich aber, ob der Zusammenhang nicht enger ist, als wir 
bisher geglaubt haben, ob sich nicht eine fortlaufende Reihe von den 
leichtesten Formen der Angstneurose bis zu den schwersten Formen des 
Basedow konstruieren ließe. 

Ich habe bei vielen Fällen von schwerer Angstneurose und Angst- 
hysterie, die ich zu behandeln Gelegenheit hatte, eine merkwürdige Be- 
obachtung gemacht. Entweder waren es Kranke mit deutlich ausgeprägter 
.Struma, oder es handelte sich um Menschen von jenem myxödematösen 
Typus, dem man so häufig begegnet und dem Fließ eine so große Bedeu- 
tung beimißt: Fettleibigkeit, Sprödigkeit der Haut, frühzeitiges Ergrauen. 
Ebenso häufig traf ich eine chronische Erkrankung der Geschlechtsdrüsen, 
eine Prostatitis, Ovarialcysten, Adnexschwellungen. Die chronische Gonorrhöe 
spielt eine große Rolle in der Anamnese der Neurosen. 

Unwillkürlich drängt sich der Zusammenhang zwischen der Angst- 
neurose und den Blutdrüsen auf. Dabei bestätigt jeder Fall, daß die 
Ansicht Freuds, die Ursache der Angstneurose sei im ab- 
normen Sexualleben zu suchen, vollkommen richtig ist. Eb muß 
sich aber unbedingt ein Kompromiß zwischen beiden Tatsachen finden lassen. 

Der Zusammenhang: zwischen der Schilddrüse ODd den Geschlechtsorganen ist schon 
den ältesten Ärzten aufgefallen, bat schon lange dem Volksbewußtaein gedämmert. Catvil 
erwähnt schon den Amnienbrauch, an der Schwellung des Halses die stattgehabte Defloration 
zu entdecken. 

Non illam genitrix orienti luce revisens 
Hesterno poterit Collum circnmdare Mo. 
(In der Übersetzung von Heyse : Nicht wenn der Tag ergraut und es kommt sie zu grüßen 
die Amme, wird sie den Hals ihr können nmfahn mit dem gestrigen Schnürlcin.) 

Vom Wiener Frauenarzt Dr. Isidor Fischer existiert eine sehr interessante, ältere 
Forschungen zusammenfassende Arbeit „Über die Beziehungen zwischen der Schilddrüse 
und den weiblichen Geschlechtsorganen" (Wiener med. Wochenschrift, 1896, 6 — 9'). 

In der Pubtertät. so fährt er aus, schwillt die Schilddrüse an, sie vergrößert sich 
während der Menstruation. „Daß sich oft alle Symptome des Morbus Basedowii", sagt 
Fischer, „namentlich seine nervösen Begleiterscheinungen vor und während der Menstruation 
steigerten, ist häufig zu verzeichnen gewesen." In einem Drittel seiner Fälle konnte er die 
Vergrößerung der Schilddrüse während der Gravidität beobachten. Freund (Vater) hat bei 
basedowkranken Franen regelmäßig als konstanten Befund eine Pnrametritis chronica 
atrophicans gefanden. Kurz, Fischer kommt zum Schlüsse, daß gewisse Vorgänge 
im Bereiche der Genitalorgane sehr hünfig eine Vergrößerung der Schild- 
drüse herbeiführen nnd daß der Ausfall der SchilddrüsenBekretion häufig 
mit atrophischen Vorgängen im Geschlechtsapparate einhergehe. 

In den letzten Jahren ist dies Thema anch experimentell angegangen worden und 
jedesmal wurde der erwähnte Zusammenhang nachgewiesen. Von neueren Autoren betont 
besonders Fließ (Der Ablauf des Lebens, 1906) den Antagonismus zwischen Schilddrüse 
und Genitale und behauptet, das Erbrechen der Schwangeren regelmäßig durch Verab- 
reichung von Schilddrüsentabletten stillen zu können. Das Thema steht überhaupt jetzt 
im Mittelpunkte des allgemeinen Interesses, Wichtige Beitrüge zu diesem Thema liefern 



') Ich habe die neuere Literatur über diese Materie, die seit der ersten Auflage 
dieses Buches enorm gewachsen ist. nicht mehr berücksichtigen können. Sic findet sich in 
umfassender Weise in dem großangelegten Werke von Biedl „Die innere Sekretion" (Urban 
und Schwarzenberg, Wien und Berlin, 1910). 



Wie entsteht eine Angstneurose ':■ 29 

auch die Re.hachtungen und Studien viin Dr. Xikolai Krön. (Die Hasrdowsehe Krankheit 
und das Geschlechtsleben des Weibes. Berliner klin Wochensohr., 1907, Nr. 50 und 51. ferner 
mit ausführlichen Literaturangaben in der Dissertation desselben Autors. Berlin 1907). 
Krön kommt zum Schlüsse, daB die Wnsei/otrsche Krankheit sekundär die Veränderungen 
im Geschlechtsleben des Weibes hervorruft, und faßt den Basedow als eine Stoffwechsel- 
krankheit auf. Der erste Teil der Annahme ist in dieser Form bestimmt unrichtig. Nach 
meiner Erfahrung über diesen Gegenstand ist die Veränderung im Geschlechtsleben immer 
dns primäre. Krön verwechselt hier Ursache und Wirkung. Doch werden wir ja bald über 
diesen Zusammenbang ausführlich sprechen. 

Auch die Gravidität wirkt auf die Schilddrüse ein. Kodier fand, die Schild- 
drüse zeige bei Gravidität ein ähnliches Verhalten wie bei Basedow. (Ge- 
ringer ,lod- und höherer Phosphorgebalt.) Hat ja doch schon Charcot auf den wichtigen 
Einfluß der Graviditüt auf den Basedow aufmerksam gemacht. 

Schon die einfachen physiologischen Vorgange der Menstruation können eine An- 
schwellung der Schilddrüse herbeiführen. Hermann t'okn erwähnt ein junges, blühendes 
Mädchen, das bei der Menstruation leichten Exophthalmus, leichte Hypertrophie der Schild- 
drüse und Herzklopfen bekam (zitiert nach Krön). W'inlernil: erzählte in der Wiener 
Gesellschaft der Ärzte die Entstehung eines akuten Basedow. Ein junger, kräftiger Offizier 
zog sich mit einer Dame in ein Hotel zurück, woselbst ihn die überaus sexuell erregle 
Frau drei Tage lang zurückbehielt. Die ganze Zeit verging in sexuellen Erregungen. Als der 
Offizier das Hotel verlassen wollte, snh er in den Spiegel und bemerkte zu seinem Entsetzen 
die Glotzaugen. Er war an einem Basedow erkrankt. 

Der Zusammenhang zwischen den Sexualorganen nnd der Schilddrüse ist also eine 
feststehende Tatsache. Nach dem heutigen Stande der Lehre von der inneren Sekretion der 
verschiedenen Drüsen kimnen wir uns auch eine Hypothese von dein Zusammenhang der 
Dinge machen, eine Hypothese, die wenigstens den Schein der Wahrheit für sich hat. Wir 
müssen ans denken, daß bei der inneren Sekretion die Geschlechtsdrüsen (Ovarien. Hoden, 
Prostata) gewisse Toxine absondern, die durch die Antitoxine der Schilddrüse unschädlich 
gemacht werden. Mit diesen Toxinen hängt auch wahrscheinlich die Empfindung der Libido 
zusammen. Der Rausch der Libido wäre eine akute oder chronische Intoxikation, wie ein 
Alkoholrausch. Diese Gcschlechtsgefüble werden von der Schilddrüse reguliert und vice versa. 
Wäre das wahr, so müßte die Kastration auch einen Einfluß auf die Schilddrüse ausüben. 
Tatsächlich fand Gruber (Untersuchungen einiger Organe eines Kastraten. Archiv für Ana- 
tomie. 1897, zitiert bei llfoebius. Über die Wirkungen der Kastration, 1903) bei einem 
Eunuchen eine auffallend kleine Schilddrüse. I'elikan (Gerichtlich-mediz. Untersuchungen über 
Skopzen. Gießen 1826) fand im Alter ungewöhnlich großen Leib, dicke Beine, ödemntöse 
Füße, also myxodeinatösen Typus. Zu ähnlichen Resultaten kommen auch J. Tandler und 
S. Groß, .Untersuchungen an Skopzen*. (Vortrag in der k. k. Gesellschaft der Arzt« in 
Wien, 1908.1 

Wir denken ans den normalen Verlauf eines Geschlechtsaktes folgendermaßen: Durch 
Überfullung der Drüsen mit dem Sekret wird auf das zerebrale Geschlechtszentrum ein 
mächtiger Reiz ansgeübt, der das Individuum zur Geschlechtsbetätigung treibt. Nach dem 
normalen Koitus ist das seelische and physische Gleichgewicht wieder hergestellt. Die 
Losung der sexuellen Spannung, der Höhepunkt der Intoxikation wird als Lust empfunden. 

Alle diese Verhältnisse linden sich des eingehenden erörtert in den „ Abhandlungen 
zur Sexualtheorie" von Freud (Deuticke. 15)05). Er supponiert daselbst: .Durch die ge- 
eignete Reizung erogener Zonen wie unter den anderen Verhältnissen, unter denen sexuelle 
Miterregung entsteht, werde ein im Organismus allgemein verbreiteter Stoff zer- 
setzt'), dessen Zersetzungsprodukte einen spezitischen Reiz für die Renroduktionsorgnne 
oder das mit ihnen verbündete spinale Zentrum abgeben." Er verweist auf die große Ähn- 
lichkeit gewisser Neurosen mit den Intoxikations- und Abstinenzerscheiuungen bei habitueller 
Einführung von lnsterzeugenden Giften, besonders Alkaloiden. 

Beim „Coitus interruptas" — am zu unserem Thema zurückzukehren — kämen nun 
folgende Momente in Betracht. Bei der Fraa bleibt das Gefühl der befreienden Entspannung 
durch das Lustgefühl aus. Es muß zu einem chronischen Reizzustand des Ovariiims kommen. 
Erfahrenen Frauenärzten ist die enorme Schädlichkeit des Coitus interruptus für die Frau 
schon längst aufgefallen. Valenta bezeichnet ihn als die Hauptursache der chronisrhen Me- 
tritis, Gräfe sah Oophoritis, Eli.ichcr Perimetritis, Messint/a Odem der Portio als Folge- 
erscheinung des Coitus interruptus. Xeiii/ehauer will sogar bei der Mehrzahl der Frauen 
mit Uteruskarzinom in der Anamnese Coitus interruptus konstatiert habin. 



'I Nach Xerkin wäre dieser Stoff das Mucin. 



30 Erster Teil. Die Angstneurose. 

Ausführliche Angaben darüber rinden sich bei Kisek (Das Geschlechtsleben des Weibes, 
Urban & Schwarzenberg, 1904), der ans seiner reichen Erfahrung ebenfalls eine Reihe von 
Frauenleiden auf diese Art des Geschlecbtsverkebres zurückführt. Er will auch die Frage 
in Diskussion stellen, ob nicht die auffällige Zunahme der Neoplasmen in dem weiblichen 
Genitale mit den schädlichen antikonzeptionellen Methoden zusammenhängen mag. 

Was geschieht nun durch den Coitus interruptus, notabene nur durch jene Form, bei 
der die Frau nicht befriedigt wird? Was durch die frustranen Erregungen der Männer? 
Dns Geschlechtsorgan wird mächtig gereizt, hyperämiscb (siehe Kiach!) und die innere Se- 
kretion der Geschlechtsdrüsen nimmt zu. Diese innere Sekretion der weiblichen Geschlechts- 
drüsen ist insbesondere durch die wichtigen experimentellen Arbeiten von Haibon bewiesen 
worden. (Die Beeinflussung der Menstruation durch die Ovarien erfolgt auf dem Wege der 
Blutbahn.) Das ist keine willkürliche Annahme. Mir stehen einige diesbezügliche Beobach- 
tungen an Männern zur Verfügung. So teilt mir Kollege Dr. F. mit, er habe im Braut- 
stande an einer heftigen chronischen Prostatitis (nicht gonorrhoischer Natur!) wie an einer 
ausgesprochenen Angstneurose gelitten. Er hat auch eine Struma. (Vielleicht ist in manchen 
Fällen die Struma nicht die Folge, sondern die Ursache der Intoxikation. Die Toxine der 
Geschlechtsdrüse finden keine Antikörper vor.) Dr. Porosz (Über Epididymitis sympathica. 
Monatshefte für prakt. Dermatologie, Bd. 33) hat eine Form von Nebenhodenentzündung 
beschrieben, die dem Laien schon, als „Bräntigamsentzündung" bekannt ist. Professor 
Dr. Watsch (Über Epididymitis erotica. Münchener med. Wochenschrift, 1907, Nr. 60) 
beschreibt rasch auftretende Schwellungen des Nebenhodens, der sich auf das drei- biB vier- 
fache vergrößert. Ziehende Schmerzen in den Leisten gehen voraus, auch Schmerzen im 
Oberschenkel werden angegeben. Die Schwellung tritt dann auf, wenn geschlechtliche Er- 
regungen, sei es durch psychische oder mechanische Reize ausgelöst wurden, aber nicht 
zum normalen Abschluß, zur Ejakulation gelahrt haben. Es erinnert an die chronische Pro- 
statitis und Urethritis bei Masturbanten und bei Personen, welche den Coitus interruptus 
ausführen. Die Prostata ist in solchen Fällen vergrößert und entleert ein katarrhalisches 
Sekret. Diese Entzündungen entstehen durch Hyperämie und fuhren selbst zu chronischen 
Zustanden mit Gewebsneubildung und Verhärtung. Moriz Porosz berichtet auch über „Die 
Reflexneurosen der Prostata" (Zeitschrift für Urologie, 1908, Bd. II. Jl 9). Die Reime vieler 
Neurasthenien seien in der Prostata zu finden. Die Prostatitis werde behoben dureb Heilung 
der Neurasthenie und vice versa.') Waeltch unterscheidet drei Grade: 1. die akute Hyper- 
ämie (Bräutigamsschmerz); 2. chronische Hyperämisierung ; 3. chronische Entzündung. (Ver- 
größerungen des Nebenhodens und der Prostata.) — Diese Beobachtungen geben zu denken ! 
Vielleicht kommen wir noch darauf, daß die Prostatahypertrophie eine Folge solch schäd- 
licher sexueller (frustraner) Erregungen ist. 

L. Droburg (Wratschebnaja Gazetta, 1907, Nr. 16 u.17, Zentralbl. fürinn. Med., S. 423, 
1908) berichtet in einem Aufsatze „Die chronische Prostatitis als ätiologischer 
Faktor der Neurasthenie" über seine Beobachtungen an 168 Patienten: 

1. 90% chron. Prostatitis mit folgender Neurasthenie. 

2. ebron. Gon. ohne Prostat, macht nur in 7°/o Neurasthenie. 

3. Die Entzündung des Collicul. sem. + Prostatitis erhöht den Prozentsatz der 
Neurosen. 

4. Mit Ausheilung der Prost, in 93 — 94°,, auch Heilung der Neurasthenie, 
o. Ein sehr schlechter Erfolg bei Entzündung der Collicuii. 

l' in 46'9°/ sex. Neurasthenie. 

6. Chron. Prostat, bat als Folge: - «Sgl Cer . eb ' 0Sp - Xenr - 

* „ 4'3"/ card. Nenr. 

[ „ 4'97„ gastr. Neur. 

Neben Heredität und Degeneration spielten die Prost, und Collicul. die Hauptrolle 
als Ursachen der Neurasthenie wie bei Frauen die Erkrankung der Ovarien und des Uterus. 

Wie hängen also diese Störungen der inneren Sekretion mit der Angstneurose zu- 
sammen ? Wir müssen annehmen, daß diese Veränderung des Stoffwechsels uns das somatische 
Entgegenkommen repräsentiert, jenen Faktor, den Freud als den „konstitutionellen" 
bezeichnet, den ich aber lieber den „okkasionellen" nennen möchte. 

Die Thyreoidea trachtet dieser gesteigerten Produktion von Toxinen eine gesteigerte 
Produktion von Antitoxinen entgegenzustellen, um die Gesundheit des Organismus zu er- 
halten. Diese gesteigerte Produktion von Scbilddrüsenprudukten führt zu einer Vergrößerung 
der Schilddrüse. So wurden also Angstneurose und Schilddrüse zusammenhangen. Dabei ist 



') Ob die Liebe im hohen Alter, der „.Johannistrieb", nicht auf die Hypertrophie 
der Prostata zurückzuführen ist? 



Wie entsteht eine Angstnearose '/ 81 



noch eines zu bedenken. So lange die beiden Drusen sich das Gleichgewicht halten, mag 
die Schwere der Intoxikation keine besondere sein. Wenn aber die Ovarien aus irgend 
einem Grande ihre innere Sekretion verringern, erhält die Schilddrüse das Übergewicht. 
Aal' diese Weise mag der Basedow, die typische Intoxikationskrankheit mit Schilddrüsen- 
toxinen, entstehen. Deshalb tritt die Angstneurose so häufig am Beginn des Klimakteriums 
— mit der beginnenden Involution der Geschlechtsdrüsen auf. Deshalb die Angst der 
Männer im Senium. Deshalb das Ausbrechen der Angstneurose, wenn der Neurastbeniker 
zu onanieren aufhört. Denn es entfallen dann die permanenten Reize auf die männlichen 
Geschlechtsdrüsen nnd die Thyreoidea bat das Übergewicht. Auch eine direkte Intoxikation 
mit Sexaaldrüsenprodukten wäre ja in Betracht zu ziehen. Ein Fingerzeig für eine ratio- 
nelle Therapie!') 

Das wäre ein Versuch, die somatische Komponente der Angstneu- 
rose in Rechnung zu bringen. Bei den reinen Fällen von Angstneurose 
wird — wie gesagt — die Beseitigung der Schädlichkeiten eine rasche 
Heilung herbeiführen. 

Das ist schon vielen Ärzten bekannt gewesen, die die Angstneurose 
aU solche nicht gekannt haben. Sie wurden eben durch die Erfahrungen 
der Praxis auf den Zusammenhang zwischen Sexualität und Neurose ge- 
bracht. So finden sich bei Kaan (Der neurasthenische Angstattekt bei 
Zwangsvorstellungen. Wien 1893) eine Reihe solcher Beobachtungen, von 
denen ich hier zwei anführe. Es sind beide kompliziertere Fälle und 
trotzdem wirkte der normale Koitus bei ihnen geradezu als ein ideales 
Heilmittel. 

Nr. 4. Herr Dr. X, 44 Jahre, Vater neuropatbiscb, I'ntient bis zum 35. Jahre gesund, 
nur fettleibig geworden. Wurde nach Überanstrengung in der Praxis nervös, agorapho- 
bisch durch das Gefühl von Schwanken beim Geben. Er wurde ängstlich, fürchtete Fettherz, 
litt an Ohnmachtsan Wandlungen, beständiger Pamstigkeit in Fingern und Zehen (Gefäfi- 
krampf ?). Er konsultierte die verschiedensten Kapazitäten und bekam die verschiedensten 
Diagnosen und therapeutischen Ratschlage zu hüren, denen er mit negativem Erfolge nach- 
kam; besonders eine Entfettungskur wirkte ungunstig. Patient leidet an Atembeklemmungen, 
Herzklopfen, Ohrensausen, Druckgefubl unter den Augen nnd halbseitigem Schwitzen (Sym- 
pathikus?). Er ist pastos, etwas anämisch, das Herz vollkommen normal. Seine agora- 
phobischen Zwangsvorstellungen werden durch Koitus jeweils wie durch 
Zauber beseitigt. 

Nr. 6. Herr Seh., 24 Jahre. Patient, selbst von jeher neuropatbiscb, machte viele 
Kinderkrankheiten durch, war auffallend schreckhaft. Mit 19 Jahren erzählte ihm seine 
Schwester, wie einen Bekannten der Schlag getroffen ; dies machte auf Patienten einen 
tiefen Eindruck, er fürchtete von nun an, auch vom Schlage getroffen zn werden, besonders 
abends auf der Straße. — Stets starker Esser und Biertrinker, leidet Patient seit drei 
Jahren an Verdaoungsbeschwerden, welche sich als Gefühl von Aufgetriebensein und von 
Pulsationen an verschiedenen Körpcrstellen äußern. Ferners Gefühl von Hitze und Kälte im 
Kopf, Kopfdruck nach längerem Studium nnd eine ganz unmotivierte Angst zu sterben. 
Jede körperliche Sensation bringt ihm die Vernicbtungsideen wieder znm Bewußtsein. Bei 
längerem Studium werde ihm unbehaglich, er fürchte, umznfallen, müsse dann zwang9mäßig 
an Bart und Kleidern herumznpfen. Wenn ihn die Angst auf der Straße überkomme, müsse 
er die Stirn runzeln und durch Herumgreifen am Halse sich überzeugen, ob der Puls noch 
gehe. Dn Wasser habe er das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Patient ist 
sich des Lächerlichen seiner Handlungen vollkommen bewußt und fürchtet sich auch nicht 
vor dem Tode. Hat bisher sexuell abstiniert. Patient erlangte nach regelmäßiger 
Ausübung des Koitns in anderthalb Jahren vollkommene Heilung. 



') Vergleiche die obenerwähnten Resultate von Flirß beim Erbrechen der Schwan- 
geren nach Darreichang von Schilddriisentabletten. (Der Aufbau des Lebens. 1906, Deu- 
licke.) Auch konnte ich immer die Beobachtung machen, daß die Struma der Angstneu- 
rotiker in der Behandlung kleiner wurde, wenn es ihnen besser ging. Geheilte Patienten 
müssen sieb meistens neue Wäsche anschaffen, da ihnen Kragen und Hemd zu groß werden. 
Frauen merken dies an ihren Blusenkrägen. Auf psychische Einflüsse verringert sich das 
Volumen der Schilddrüse oder wird größer. 



32 Erster Teil. Die Angstneurose. 

Nr. ("i. Einen geradezu klassischen Fall einer Angstnenrose können wir 
an J. J. Konssean studieren. Er erkrankt im 23. Lebensjahr an einem Gefühl 
der Erschöpfung, Beklemmung, Kurzatmigkeit, Herzklopfen, schwermütiger 
Stimmung, Abmagerung. Er ist mutlos, zeigt Neigung zum Weinen, zur Schreck- 
haftigkeit (!) nnd zn hypochondrischen Einbildungen. 

Moebius (über J. J. Rousseaus Jugend. Beitrage zur Kinderforschung, II, 
1899) weiß mit dieser Krankheit nichts Rechtes anzufangen. Ähnliche Krank - 
heitsbilder habe er wiederholt bei jungen Mannern zwischen 19 und 25 Jahren 
beobachtet. Er hütet sich, dafür den Modeausdrock „Neurasthenie" zu ge- 
brauchen. Das Bild erinnert ihn auffallend an einen .... Morbus Basedowii. 
Vielleicht babo das Wasser in Channettes anf seine Schilddrüse gewirkt (!). 

Wir wissen es heute besser, was Rousseau gefehlt hat. Er lebte damals 
bei Frau Warrens, die er als seine Mutter betrachtete und mit der er trotz- 
dem ein Verhältnis hatte. Er reiste nun, schwer krank, nach Montpellier, um 
einen berühmten Arzt aufzusuchen, unterwegs traf er eine schöne Dame, die 
ihn und die er eroberte .... und siehe da, er wurde vollkommen gesund, ehe 
er noch nach Montpellier kam. Allerdings sagt er im Vergleiche zu Frau 
Warrens „mais c'etait ponr cela meine, que je la possedais cent fois 
mieux". Frau Warrens scheint aus Angst vor dem Kindersegen Coitns inter- 
ruptus ausgeführt zu haben. Auch der psychische Konflikt kommt in Betracht. 
Bei Frau Warrens war seine Lust immer durch eine Empfindung von Traurig- 
keit getrübt. Ablenkung vom Somatischen aufs Psychische 1 Er sagt: „Pres de 
maman ') (er nennt sie immer Mntter!) mon plaisir etait toujours trouble par un 
sentiment de tristesse, par un secret serrement de coeur, que je ne surmontais 
pas saus peine au lieu de me feliciter de la posseder; je me reprochais 
de l'avilir. Pres de madame N. (der Nachfolgerin) an contrair fier d'ßtre 
homme et d'etre heureux, je me livrais ä mes aeus avec joi, avec confiance." 

Dort psychischer Konflikt, hier reines Genießen. 

Die Diagnose ist ja vollkommen klar. Eb handelte sich um eine Angst- 
neurose, bei der sich der Mann unter schweren 8eelenk*mpfen zum Koitus — 
vielleicht zu einem Coitus interruptus — gezwungen hat. Der normale Ge- 
schlechtsverkehr mit einer normalen Frau führte eine rasche Heilung herbei. 
Hier kann man ruhig aus dem post hoc auf das propter hoc schließen.*) 

Solche Heilerfolge wie die von Kaan und die von Rousseau zitierten 
beweisen, daß die Ursache der Angstnenrose in einer schädlichen Form des 
Geschlechtslebens zu suchen ist. Wir werden wiederholt Gelegenheit haben, 
aus meinem Materiale ähnliche Schlußfolgerungen ziehen zu können. Ob es 
sich aber nicht um einen Dualismus in der Ätiologie der Neurosen handelt? 
Ich glaube, wir denken in der Medizin immer noch zu flächenhaft. 

Noch wissen wir nicht, welche Rolle die Blntdrllsen bei der Angst- 
neurose spielen. Aber wir können annehmen, daß der Organismus unter 
dem Einflüsse von Toxinen steht, welche gewisse Hemmungen aufheben, 
Unterdrückte Regungen freimachen und dadurch zu Reaktionsbildungen 
psychischer Natur führen, die sich als Angst vor der Stärke der eigenen 
Triebe äußern. Das Individuum mit unbefriedigten sexuellen Instinkten 
muß zu einer Phantasietätigkeit kommen, welche durch Begehrungsvor- 
stellungcn neue psychische Konflikte zwischen moralischer Pflicht und 
erotischem Bedürfnis schafft. So arbeiten zwei Faktoren vereint, der 



'I An anderer Stelle heißt est „J'etois comme si j'avois commis an inceste". 

*) Vergleiche die psychologische .Schilderung der Praa Warrens bei Otto Adler (1. o.). 



Klinik der Angstneurose : Der Angstanfall. 33 

somatische und der psychische, am das klinische Bild der Angst- 
nearose zu erzengen. Ob diese Angst nur eine reine Umwandlung der 
Libido darstellt, wie uns Freud gelehrt hat, oder ob schon bei der gewöhn- 
lichen Form der Angstneurose der psychische Faktor (Die Unterdrückung 
des Sexuellen und Kriminellen) eine notwendige Rolle spielt , das möchte 
ich heute noch nicht zu entscheiden wagen. Ich gestehe aber, daß ich fllr 
letztere Annahme eine gewisse Neigung habe. 



V. Klinik der Angstneurose: Der Angstanfall. 

Der Angstanfall ist der Mittelpunkt der Angstneurose. Er steht an Be- 
deutung dem großen hysterischen Anfall nicht nach. Er hat auch die 
gleiche psychische Schöpfungsgeschichte. 

Mit Recht weist Freud darauf hin, daß die Symptome des Angstan- 
falles gewissermaßen Surrogate der unterlassenen spezifischen Aktion auf 
die Sexualerregnng darstellen. Er sagt: „Ich erinnere zur weiteren Unter- 
stützung dieser Auffassung daran, daß auch beim normalen Koitus die Er- 
regung sich nebenbei als Atenibeschleunignng. Herzklopfen, Schweißaus- 
bruch. Kongestion u. dgl. ausgibt. Im entsprechenden Angstanfall unserer 
Neurose hat man die Dyspnoe, das Herzklopfen u. dgl. des Koitus isoliert 
und gesteigert vor sich." 

Der große Angstanfall, wie er bei der Angstneurose vorkommt, zeigt 
tatsächlich eine auffallende Ähnlichkeit mit dem Bilde des Koitus. Dieses 
aber bietet sicherlich tausend verschiedene Variationen. 

Ebenso zahlreiche Variationen bietet das Bild des Angstanfalles. Nur 
ein Symptom ist allen gemeinsam: eine quälende, nicht bestimmbare, un- 
sagbare Todesangst. In manchen Fällen steht die Angst allein im Vorder- 
grunde des Bewußtseins. Die Patienten klagen über Angstgefühle und 
lokalisieren sie verschieden. Der eine ftlhlt die Angst im Herzen, der andere 
in der Brust, der dritte im Bauche, der vierte gar in der Blase, der fünfte 
im Kopfe. 1 ) Manche nur eine dumpfe Beklemmung. (Man beachte die 
sprachlichen Ausdrücke der Angst, die alle eine gewisse Enge vorstellen 
sollen : Angst — enge : Beklemmung — Klamm !) 

Der Angetanfall kann urplötzlich oder nach gewissen psychischen 
Vorboten eintreffen. Manchmal geht eine gewisse Reizbarkeit, leichte Ver- 
stimmung voraus. Die Kranken Bind an diesem Tage schlecht gelaunt. Das 
ist aber nicht die Regel. Denn der Anfall kann auch plötzlich, wie ein 
Blitzstrahl aus heiterem Himmel erscheinen. Allerdings läßt eine genaue 
psychische Analyse immer einen im Unbewußtsein auftauchenden Affekt 
nachweisen. Wir finden dann die geheimen Assoziationen, die vom schein- 
bar harmlosen letzten Eindruck oder vom Traumbild zum verdrängten 
peinlichen Gedanken führen. 

Der Anfall imitiert das Bild des Koitus. Die Kranken klagen über 
Druck auf der Brust, der Atem erscheint ihnen gesperrt, sie fühlen quälendes 
Herzklopfen, fangen zu keuchen an, machen allerlei unruhige Bewegungen. 



') Cramer („Zar Symptomatologie und Therapie der Angst." Deutsch, med. Wochensohr., 
1910, Nr. 32) behauptet, ihm sei mit verschwindenden Ausnahmen kein Fall vorgekommen, 
daß ein Nervöser die Angst in den Kopf, in die Beine oder in eine andere Stelle des Kor- 
pers außer in die Herzgegend lokalisiert habe. Das widerspricht meinen Erfahrungen. 
Slekel, NanrOM AsgiUaiUnde and ihr« Bthindlnng-. 2. An«. 3 



34 Erster Teil. Die Angstnearose. 

Sie werden blaß, der Puls wird klein und frequent, oft arhythmisch ; es 
kommt zn Schattelfrösten, Mnskelkrämpfen, Parästhesien usw. (siehe S. 13). 

Jedoch nicht jeder Angstanfall ist leicht als solcher zu erkennen. Die 
Angst kann im Hintergrunde stehen nnd ein bestimmtes Symptom (z. B. das 
Herzklopfen) drängt sich vor. Das nennen wir dann ein „Angstäquivalent''. 
Doch auch hier bestimmt meist das Sexualleben die Form des Anfalles. 

Das Angstäquivalent holt sich von den individuellen Begleiterscheinun- 
gen eine besondere charakteristische heraus. Eine Frau, die während des 
normalen Koitus Zeichen von Dyspnoe zeigt, wird als Äquivalent des Angst- 
anfalles leichter nervöses Asthma produzieren können als eine, deren Haupt- 
symptom Herzklopfen ist. Diese letztere wird als Angstäquivalente Attacken 
von heftigem Herzklopfen erleiden, welche wieder sekundär durch Erregung 
hypochondrischer Vorstellungen, sie hätte einen Herzfehler, der Ängstlichkeit 
neue Nahrung zuführen. Wir werden in den folgenden Kapiteln bei genauer 
Besprechung der Angstrodimente Gelegenheit haben, auf diese Verhältnisse 
näher einzugehen. 

Doch genug der Theorie. Ich halte es für richtiger, wenn wir die 
einzelnen sich aufdrängenden Fragen an Hand verschiedener Beispiele, wie 
sie uns das tägliche Leben des praktischen Arztes bietet, erläutern. Und 
nun will ich die Wanderung durch das so ungeheure Gebiet der nervösen 
Angstzustände mit der Schilderung von einigen Fällen reiner, wenig kom- 
plizierter Angstneurosen beginnen. Sie sind in ihren schweren Formen 
außerordentlich selten, denn die reinen Angstneurosen, d. h. die leichten, 
imponieren nicht als Krankheit. Bei den meisten als Krankheit imponieren- 
den Fällen gelingt es, außer der sexuellen Ätiologie auch einen psychischen 
Konflikt oder eine komplizierte Hysterie nachzuweisen. Das habe ich schon 
einmal hervorgehoben. Doch lehrt die Erfahrung des täglichen Lebens, daß 
mit Beseitigung der sexuellen Schädlichkeit (siehe die beiden Fälle von 
Kaan und den Fall Rousseau) alle Krankheitesymptome schwinden oder 
sich zumindestens bedeutend bessern. Würde noch ein Zweifel an dem 
Zusammenhange zwischen frustraner Erregung nnd Angstneu- 
rose bestehen, die Erfahrungen der Praxis müßten einen in 
kürzester Zeit zum überzeugtesten Anhänger dieser Theorie 
machen. Der Volksinstinkt hat hier längst den Zusammenhang geahnt und 
manche durch die Liebe zustande gekommene Heilung schwerer Leiden 
war nichts anderes als die Heilung einer Angstneurose nach Regelung der 
geschlechtlichen Verhältnisse. 

Beginnen wir also mit einigen einfachen Fallen aus meiner Erfahrung: 

Nr. 7. Frau I. 1., eine 30jährige Witwe, organisch vollkommen gesund, 
befand sich eines Abends ganz wohl und guter Dinge im Kreise ihrer Familie. 
Ein Buch, das sie gerade mit großem Interesse las, begeisterte sie plötzlich bei 
einem Kapitel derart, daß sie beschloß, dasselbe ihrem Bruder vorzulesen. Kaum 
hatte sie mit der Lektüre begonnen, als ihr auf einmal angstlich zumute 
wurde. Um ßich zu beschwichtigen, und weil sie sich selbst beruhigen wollte, 
las sie mit tränendem Auge und in aufgeregter Stimmung weiter. Auf die Frage 
ihres Bruders, was sie denn habe, verfiel sie in einen Weiukrampf und wurde 
traurig und niedergeschlagen. Nun jagten die schwärzesten Gedanken durch 
ihr Gehirn. Sie wollte nicht zu Bette gehen, weil sie sich vor dem Einschlafen 
fürchtete; hatte auch das quälende Angstgefühl, sie werde nicht mehr auf- 
stehen. Es begann ihr vor den Augen zu flimmern, heiße Schauer liefen ihr 
über den Körper, sie glaubte bestimmt, daß sie Fieber haben müsse. Allein 



Klinik der Angstneurose: Der Angstanfall. 35 

das Thermometer zeigte eine vollkommen normale Temperatur. Plötzlich qoälte 
sie die Vorstellung, sie würde ihr liebes Töchterchen nicht mehr sehen, nnd sie 
begann sich mit der Frage abzumartern, was mit dem Kinde geschehen werde, 
wenn sie nicht mehr leben würde. Es war ein schrecklicher Zustand, als ob sie 
„wer weiß wie krank wäre". Am nächsten Tage stellte sie sich mir vor 
mit der Bitte, sie genau zu untersuchen, sie möchte beizeiten dazuschauen, um 
nicht zu früh sterben zu müssen. 

Die Untersuchung ergab vollkommen normale Organe; sie war auch here- 
ditär absolut nicht belastet. (Gerade bei der Angstneurose kommen in einem 
verschwindenden Bruchteile der Fälle hereditäre Einflüsse in Frage.) Natürlich 
interessierte mich das Buch, aus dem sie vorgelesen hatte, weil ich hier eine 
Assoziation zu einem sie beherrschenden verdrängten Vorstellungskomplex suchen 
wollte. Der Ausdruck „Komplex" ist von Bleuler geprägt worden und bewährt 
sich in der Sprache der Psychotherapie für die von Freud festgestellte Tatsache 
der Verdrängung einer bestimmten Vorstellungsgruppe als gangbare Münze. 
Tatsächlich war es eine Liebesszene, die sie mit Emphase vorgelesen hatte und 
die ihr das eigene liebesarme Leben vor Augen führt«. Eine mächtige sexu- 
elle Erregung muß von dieser 8zene ausgegangen sein. Natürlich auf dem Wege 
der Kontrastwirkung. 8ie war nämlich Witwe und lebte schon seit zwei Jahren 
in völliger Abstinenz. Im letzten Jahre hatte sie einen Mann kennen gelernt, 
der auf sie einen sehr guten Eindruck übte nnd in den sie sich verliebte. 
Erotische Träume, in denen dieser Mann eine Rolle spielte, traten immer hef- 
tiger auf. Zugleich eine unerklärliche Verstimmung und Reizbarkeit. Sie freute 
sich nicht mehr über ihre schönen Kleider (sehr charakteristisch!), 
hatte für Kunst kein Interesse mehr nnd befand sich in einem Zustande ängst- 
licher Erwartung, als müßte sie etwas erleben, das sie aus ihrem Gleichge- 
wichte bringen würde. Vor zirka vier Wochen hatte sie mit dem betreffenden 
Manne eine Zusammenkunft, die jedoch nur zu einer frustranen Erregung führte. 
Sie hatte schon in den letzten Monaten hie und da unter leichten Angstgefühlen 
und Herzklopfen gelitten. Seit damals verschlimmerte sich jedoch ihr Zustand 
ron Tag zu Tag bis am 28. Tage (wir werden später die Wichtigkeit dieser 
Zahl für das Eintreffen der Anfälle kennen lernen), bis nach der Lektüre des 
Buches der erste akute Anfall einsetzte. Nach weiteren drei Monaten hatte ich 
Gelegenheit, die Patientin wiederzusehen. Sie war vollkommen gesund. Angst- 
anfälle und ängstliche Befürchtungen waren geschwunden. Allerdings hatte sie 
schließlich doch den Mut gefunden, sich über verschiedene Vorurteile hinweg- 
zusetzen und sich dem Manne ihrer Liebe hinzugeben. 1 ) 

Wir sehen an diesem Beispiele deutlich den Mechanismus der Ent- 
stehung einer Angstneurose. Infolge erzwungener Abstinenz bei großer 



') Nachträglich lernte ich die wichtigste Komponente dieser Angst kennen. Sie hatte 
damals noch einen zweiten Bewerber, der ihr gesagt hatte: „Wenn Sie kein Kind hätten, so 
wfirde ich Sie aaf der Stelle beiraten." Die Phrase: „Was aus dem Kind werden konnte, 
wenn sie nicht mehr leben würde", ist eine heuchlerische TJmkebrung eigener krimineller 
Gedanken gegen das Kind und sollte heißen ; „Wenn das Kind nicht am Leben wäre, so 
wärest du jetzt im glücklichen Besitze eines Mannes. Töte es!" Gegen diesen kriminellen 
Wunsch reagierte sie mit Angst. Ähnliche Motive scheinen mir such ans dem Falle Jane!» 
(Nr. 12) hervorzuleuchten. Alle Flucht ist eine Flucht vor dem eigenen leb, vor den bösen 
Gedanken des Innern, alle nutzlose Erregung, die sieb in Akten wie l'mstürzen von Möbeln, 
Zerbrechen von Vasen usw. äußert, ist ein Ersatz für einen kriminellen Akt. Ja, es gibt 
Kranke, die direkt mit der Hand eine stoßende Bewegung machen, als wenn sie jemanden 
erdolchen wollten, die Faust wie zum Schlage ballen oder die Bewegung des Erdrosseins 
ausführen 

3» 



36 Erster Teil. Die Angstnenrose. 

Libido bereitet sieb die Angstnenrose alimählich vor. bis sie ans irgend 
einem erregenden Anlaß und noch dazu an einem kritischen Tage mit 
voller Heftigkeit zum Ausbrach kommt. Wir werden später einige Fälle von 
Fließ anführen, die das Auftreten an kritischen Tagen ziffernmäßig be- 
weisen. Ich war nicht so glücklich, es in jedem Falle nachweisen zu können. 
Ja wiederholt, eigentlich in der Regel, konnte ich beobachten, daß sich die 
erste Angstkrise unmittelbar an eine frustrane Erregung anschloß, daß 
also von irgend einem periodischen Einfluß keine Bede sein konnte. 
Andrerseits habe ich einige Fälle, darunter auch den angeführten gesehen, 
die, wie Fließ hervorhebt, den Einfluß einer Periode aui das Zustande- 
kommen der Angstanfälle dokumentieren. Für die Angstrudimente jedoch 
und besonders für bestimmte Formen derselben scheint mir ein gewisses 
periodisches Auftreten entschieden nachweisbar. Doch wenden wir uns 
einem zweiten Falle zu! Wir werden im Laufe unserer Ausführungen 
Gelegenheit haben, die sich uns hier aufdrängende Frage genau und ein- 
gebend zu besprechen. 

Nr. 8. Herr 6. N. fühlte sich eines Tages auf der Straße heftig uawohl. 
Eis war gerade Sonntag und er ging mit seiner Braut über den Ring dem 
kunsthistorischen Museum zu. Er mußte in ein Haustor treten und sich an die 
Wand lehnen, um nicht umzufallen. Er hatte die Empfindung, als wenn eine 
Übelkeit ihm aus dem Magen aufsteigen würde. Es war ihm zumute, als ob er 
sterben müßte. Nach einigen Minuten ging der Anfall vorüber und er fühlte 
sich vollkommen wohl. Sonderbarerweise hatte seine Braut kaum eine halbe Stunde 
später im Museum eine ähnliche Empfindung. Es wurde ihr dunkel vor den 
Augen, sie mußte sich rasch auf eine Bank setzen und verlangte, an die Luft 
geführt zu werden. Beide stellten sich mir noch am selben Tage vor. In einem 
solchen Falle denkt man leicht an eine Schädigung durch verdorbene Speisen, 
um so eher, als ja Herr S. N. das Bedürfnis zu brechen hatte und einige Zeit 
danach von heftiger Diarrhöe befallen wurde. Es ließ sich jedoch keine Speise 
finden, die man als an diesem Vorgange schuldig hatte bezeichnen können. 
Auch fühlten sich beide Teile nach den Anfallen vollkommen wohl. Herr S. N. 
aber gestand, unter den Anforderungen des Brautstandes sehr zu leiden. Er ist 
ein ungewöhnlich potenter und sesuell bedürftiger Mensch, der früher den 
Koitus mehrmals wöchentlich ausführte. Seit vierzehn Monaten lebte er voll- 
standig abstinent, weil er sich vor einer Infektion fürchtete und weil es ihm 
auch unmöglich war, ein anderes Weib zu begatten. Ein Versuch bei einer 
Puella publica mißglückte vollends und es kam zu keiner Erektion, wahrend er, 
wenn die Braut auch nur im selben Zimmer war, von heftigen Erektionen 
geradezu gepeinigt wurde. Dieser Anfall wiederholte sich noch zweimal in ge- 
ringerem Maße, nachdem er sich durch Brom, eine hydropathisebe Kur uud durch 
eine vom Arzt empfohlene längere Trennung von seiner Braut erholt hatte. 
Dagegen nahm die Diarrhöe heftig zu und wich keiner Behandlung. Besonders 
wenn er von seiner Braut in seine entfernte Wohnung ging, war er sicher, um 
Wege zwei Kaffeehauser aufsuchen zu müssen. Des Nachts hatte er häufige 
Anfalle von plötzlichem Aufschrecken, auch begann er im Gegensatze zu früher 
an periodischer Schlaflosigkeit zu leiden. Auch die Braut fühlte sich nicht voll- 
kommen gesund. Sie litt an Angstzustanden, Schwindel, Herzklopfen, Parasthesien. 
Eine Woche nach der Hochzeit waren bei ihm wie bei seiner 
Braut alle bezeichneten Beschwerden geschwunden. Es hatte sich um eine 
Angstneurose infolge Abstinenz bei entsprechend gesteigerter Libido ge- 
handelt. 



Klinik der Angstneurose: Der Angstanfall. 37 

Nr. 9. Herr L. W., 69 Jahre alt, erkrankt Dach dem Tode seiner Gattin 
an einer leichten melancholischen Verstimmung und an häufigem quälenden 
Angstanf allen, für die er keine Motivierung angeben kann. Er fühlt, er werde 
»einer Frau sehr bald in den Tod folgen. Besonders beunruhigt ihn häufiges 
An/treten von Blnt im Drine. Er schlaft sehr schlecht, wobei er fortwährend 
an den Tod denken maß. Er Ängstigt sich, er weiß selbst nicht wovor, nnd 
kann kaum den Morgen erwarten. Eine typische Angstnenrose '. Gerade bei 
Mannern im Senium ist das Auftreten einer Angstnenrose eine häufig zn beob- 
achtende Tatsache. Als psychischer Faktor kommt dabei in Betracht, daß die 
Leute sich schämen, noch von Libido geplagt zu sein. Die Angstneurose tritt 
eben nur bei Greisen auf, die noch eine heftige Libido haben. Eines Tages 
überrascht mich der Patient mit der Frage, ob es ihm schaden würde, wenn er 
einmal die Woche den Geschlechtsverkehr ansahen würde. Seit dem Tode seiner 
Frau lebe er in Askese nnd werde von den heftigsten Erektionen geplagt. Ich 
gestatte ihm einen maßigen Geschlechtsverkehr unter gewissen Vorsichtsmaß- 
regeln. Er fohlt sich danach bedeutend besser und knüpft ein festes Verhältnis 
an, wobei er mehrere Male der Woche den Koitus normalerweise ausübt. Alle 
Angst symptome schwinden, selbst die Blasen blutungen treten im Verhältnis zum 
früheren Zustand in geringerer Intensität, viel schwächer und in längeren Inter- 
vallen auf. Sein Aussehen wird frischer, es ist, als ob er eine zweite Jugend 
erleben würde. Noch heute, mit 74 Jahren, muß er jede Woche den Geschlechts- 
verkehr ausüben, sonst kann er nicht schlafen. 1 ) 

Hier Rehen wir bei einem Greise infolge (dreijähriger) Abstinenz eine 
ängstliche Verstimmung, Angstanfälle, hypochondrische Vorstellungen nnd 
Schlaflosigkeit eintreten. Alle diese Erscheinungen bessern sich, seit der 
Patient häufigen Geschlechtsverkehr ausübt. 

Die rasche Heilung nach der Regelung seiner sexuellen Bedürfnisse 
ist das sichere Kennzeichen einer reinen, nicht komplizierten Angstneurose. 

Wir werden solchen Fällen nicht häufig begegnen. Ich werde jetzt bei 
Besprechung der einzelnen Symptome der Angstneurose auch jene Beob- 
achtungen vorführen müssen , denen eine ordentliche Dosis von Hysterie 
beigemischt ist und wo sich bedeutende Verdrängungen nachweisen lassen. 
Diese Fälle gehören eigentlich der Angsthysterie (den Phobien) zu. Allein 
es gibt tausend Übergänge und Variationen. Auch Kombinationen mit 
Psychosen, Zwangsneurose und Hypochondrie werden wir kennen lernen. 

Das Leben kennt eben keine Schulfälle. Wir wollen es daher 
nicht so genau nehmen und alle Fälle, wo die Angstnenrose überwiegt, im 
Zusammenhange mit derselben besprechen. 

Betrachten wir einmal einen Fall, der eine deutliche hysterische 
Struktur zeigt. 

Nr. 10. Herr A. W., 52 Jahre alt, klagt über epileptische Anfälle. Er 
erzählt, daß er eines Nachts mit einem fürchterlichen Schrei aus dem Bette 
sprang. Er hatte die Empfindung, er müsse sich mit dem Schreien vor der Be- 
täubung und dem Ersticken retten. Das passierte ihm im Hotel. Sein Bruder, 
der mit ihm schlief, glaubte, es wäre etwas Schreckliches geschehen und „starb 
fast vor Angst" Dieser Anfall fand am 5. November 1907 statt. Der erste dieser 



•) Kurt Mendel („Die Wechseljahre des Mannes". Nenrolog. Zentralbl., 1910, Nr. 20) 
führt die Angstnenrose im Senium aof Hypofanktion der Keimdrüsen zurück. Diese Beob- 
achtung beweist das Gegenteil. Der Mann hatte eine leichte Prostatahypertrophie. 



3b Erster Teil. Die Angstnearose. 

Anfalle begab sich am 25. Juni 1905, der zweite am 12. Juni 1906. 1 ) Wie in 
diesem Falle scheinbar ohne besonderen Anlaß. 

Er schreit auch normalerweise öfters ans dem Schlafe. Das bezeichnet er 
als seine „kleinen" Anfalle. Die „großen" Anfalle nennt er „epileptische Anfalle", 
weil er als Kind angeblich an Epilepsie gelitten hat. Er war 6 Jahre alt, als 
er eines Nachte erwachte nnd die ganze Stadt in Feuer war. Nachher litt er 
an „epileptischen" Anfallen. Sie traten immer bei Nacht auf. Er soll bei diesen 
Anfallen heftig geschrien haben (Pavor noctnrnns!). An die näheren Details 
erinnert er sich nicht. Diese Anfalle dauerten zirka 3 Jahre. (Er hat nie an 
Bett.iiif.ssen gelitten.) Mit 14 Jahren lernte er die Onanie. Er setzte sie viele 
Jahre fort. Mit 20 Jahren begann er den Koitus auszuführen, litt schon damals 
an Ejaculatio praecox. 

Mit 29 Jahren heiratete er nnd vollführte den Beischlaf anfangs etwas 
besser. Seit 5 — 6 Jahren ist die Potenz sehr herabgesetzt. 

Seine Frau ist angeblich anasthetisch, sie bittet ihn immer, sie in Rnhe 
zu lassen. Deshalb führt er den Koitus sehr selten, in Pausen von 6 Wochen 
aus. Außerdem ist ihm der Koitus zuwider, weil seine Frau ein Gummipessar 
tragt. Er hat noch heute immer ein großes sexuelles Bedürfnis, das sich zeit- 
weilig in gehäuften Pollutionen äußert. Es ist ja klar, daß es sich gar nicht 
nm Epilepsie, sondern um Anfalle von Pavor nocturnus handelt, die sich bis in 
die letzten Jahre fortsetzten. Allein eine Analyse ergibt interessante Details zur 
Psychogenese des Anfalls. 

Vor dem angeblichen (letzten) „epileptischen" Anfall hat er einen Roman 
gelesen. Dort war von einer Operation die Rede. Einem erblindeten Menschen 
wurde der Star gestochen. Er ist übertrieben angstlich. Er geht sehr un- 
gern zum Arzt, weil er fürchtet, er werde etwas Unangenehmes erfahren. Sein 
Herz beginnt stürmisch zu schlagen und sein Pnls Bteigt bis auf 140 — 160 
Schlage. Die Lektüre hatte sein ängstliches Gemüt gewaltig erschüttert. 

Er erinnert sich auch an einen Traum, den er knapp vor dem Anfall 
geträumt hat. „Er kondolierte Herrn W., dessen Sohn vor 4 Wochen plötzlich 
gestorben war." Dieser junge Mann war unvermutet von einer Blinddarment- 
zündung befallen worden und nach zwei Tagen eine Leiche. Dieser schreck- 
liche Tod beschäftigte ihn schon einige Tage, überhaupt durfte er nichts von 
Krankheiten nnd Sterben hören; er wurde dann verstimmt und traurig. 

Die Anfalle waren sicher nicht epileptischen Charakters (er war nicht 
einen Moment lang bewußtlos — hatte bloß eine namenlose Angst) und ent- 
sprachen den Pavor nocturnns-Anfallen, die er als Kind gehabt hat. Sie wurden 
ausgelöst durch seine bestandige Todesangst, die wieder ein Symptom seiner in- 
folge von Abstinenz entstandenen Angstneurose ist. Er ist außerdem leicht 
reizbar, in bestandiger angstlicher Erwartung, leidet auch an nächtlichen 
Schweißen, Herzklopfen und Diarrhöen. Seine Reizbarkeit äußert sich in dem 
Benehmen seiner Frau gegenüber. Er macht ihr „unmotiviert" die heftigsten 
Szenen. In Wirklichkeit, weil sie ihm den Koitus verweigert, ohne den er un- 
glücklich ist. Seine Angst ist die frei flottierende Angst infolge der Angstneu- 
rose, die disponibel ist nnd in hypochondrische Angst umgewertet wird. 

Seine Frau wird von mir entsprechend belehrt. Der Mann kann unge- 
hindert seinen Koitus 2 — 3 mal die Woche ausfuhren. Die Gattin heuchelt dabei 



') Der periodische Zusammenhang dieser DateD ist später von einem Schaler von 
Fließ nachgewiesen worden. 



Klinik der Angstneorose : Der AngsUnt'all. 39 

EmpfiDdangen, was ihm eine große Genugtuung bereitet and Bein Selbstbewußt- 
sein gewaltig stärkt. 

Die Anfälle verschwinden vollkommen. Seine Reizbarkeit nimmt ab, seine 
Ängstlichkeit bessert sich von Tag zd Tag. Auch seine relative Impotenz, die 
zom großen Teil auf ängstliche Befürchtungen nnd anf den Ekel vor dem 
Pessar zarQckzofflhren war, läßt sich beheben. Die Ehe wird bob einer unglück- 
lichen, unerquicklichen, von Streit nnd Haß erfüllten, eine glückliche, rahige, 
beide Teile befriedigende. 

Epikrise: Zwei Jahre später! Nach einem Streite mit seiner Frau kommt 
es zu nenen Anfällen. Die Analyse ergibt Todeswllnsche auf seine Frau und 
eine starke Neigung zn einer Verwandten. Als er den ersten Anfall erlitt, war 
der Mann dieser „Verwandten" in demselben Zimmer. Der Mann hat unbewußte 
kriminelle Ideen, die Frau und den Mann der Verwandten zu töten. Der 
psychische Mechanismus dieser Anfälle ist klar. Er träumt von dem Verbrechen 
und erwacht mit Schrecken über die bösen Dämonen in seiner Brust. (Vgl. das 
Kapitel „Die psychische Behandlang der Epilepsie".) 

Hier sehen wir einen akuten Angstanfall, der den Patienten schein- 
bar in voller Ruhe überfällt. Ein Anfall, der auf somatische und psychische 
Ursachen zurückzuführen ist. 

Nr. 11. Frl. J. K., 24 Jahre alt, empfindet plötzlich im Geschäfte eine 
Beklemmung auf der Brust. Sie maß sich niedersetzen , da sie ein Schwindel 
umzuwerfen droht, und ringt ouch Atem. Eine namenlose Angst befällt sie: 
Jetzt ist der Tod gekommen und es trifft sie der Lungenschlag. Sie beginnt 
stoßweise keuchend zu atmen. Ein kalter Schweiß perlt ihr von der Stirne. 
Nach einigen Minuten löst sich die Beklemmung in einen heftigen Wein- 
krampf auf. 1 ) 

Seit diesem Anfall leidet sie chronisch an Atemnot. 8ie muß immer tief 
aufatmen, seufzend nach Luft schnappen, oft zehnmal hintereinander, bis sie 
den „richtigen" Atem erhält. Sie magert ab. Sie kann nicht viel essen, weil 
sie das Essen im Magen „drückt". Ihr sonst tiefer, rahiger Schlaf wird un- 
ruhig. Sie schläft schwer ein, leidet unter unruhigen Träumen: Sie sieht Leichen, 
wird von Einbrechern überfallen, man stößt ihr ein Messer in den Baach, 
wütende Hände und wilde Stiere, wiehernde Pferde verfolgen sie. Sie erwacht 
mit Herzklopfen schweißbedeckt aus diesen (typischen!) Angstträumen. Auch 
bei Tag wird sie von unmotivierter Angst, Herzklopfen, Schwindel gepeinigt. 
Manchmal strömt es wie Fieber durch ihre Adern. 

Die Organe sind vollkommen gesund. Ihr junger Chef jedoch, in 
den sie heimlich verliebt ist, hat vor einigen Wochen geheiratet. 
Ihr erster Anfall trat eine Viertelstunde später auf, nachdem sie das junge Paar 
in einem Nebenraume in inniger Umarmung überrascht hatte. Auf Validol und 
Entfernung aus dem Geschäfte auffallend rasches 8chwinden aller beschriebenen 
Erscheinungen. 

Hier sehen wir einen Angstanfall, der als „nervöses Asthma" impo- 
niert. Im Falle Nr. 8 waren Magenbeschwerden , im Falle Nr. 9 Blasen- 
störungen das am meisten in die Augen springende Symptom. 

Die Angst kann die wunderbarsten Verkleidungen annehmen. Manchmal 
tritt der Angstanfall nur so auf, daß der Kranke eine heftige Unruhe 
fühlt und am liebsten davonlaufen möchte. (Eine wichtige Wurzel der 



') Sehr häutig bei Angstnearosen zu beobachten! 



40 Erster Teil. Die Angstnenrose. 

fogues!) Einen klassischen Fall erzählt Janet in seinem bekannten Buche 
„Les Obsessions et la Psychasthenie. II., Paris 1903. Felix Alcan. S. 88.) 

Nr. 12. Eine 38jährige Dame läuft zwölfmal im Tage aufgeregt im 
Zimmer herum und stürzt die Möbel um. Sie wird im Gesichte rot, sie 
keucht, ihr Herz schlägt stürmisch und sie jammert: „Ach, mein Kopf tut 
mir so weh, meine Schläfen hämmern. Ach, mein Hals, mein Magen, mein 
Herz, mein Bauch. Ich werde nie gesund, ich werde sicher sterben." Nichts 
ist imstande, diese Erregung zu beruhigen. Allmählich wird sie stiller und 
ruhiger, bis das Spiel von neuem beginnt. So verläuft ein Angstanfall 
einer Angstneurose. Janet und Reymond verweisen auf die Ablenkung der 
Angst in Muskelerregung und Schmerz. Diese Kranke zeigt noch ein 
anderes, sehr merkwürdiges, gar nicht seltenes Symptom. Sie redet während 
des Anfalles ohne Unterbrechung. (Agitation intellectuelle Janeta) 

Nr. 13. Ein ähnlicher Fall eigener Beobachtung : Es handelt sich um 
einen überaus kräftigen Mann von 43 Jahren, der an einem so ausgesproche- 
nen Schwächegeftihl leidet, daß er sich wie eine Fliege vorkommt. Beson- 
ders am Morgen ist er unfähig, das Bett zu verlassen (aboulie) und jedes 
Wort, das er spricht, muß er einer heftigen Atemnot abringen. Er steht 
auf und hat das Gefühl, er müsse zusammenstürzen. Das Leiden begann 
plötzlich vor 15 Jahren mit einem sonderbaren Angstanfall. Er wachte des 
Nachts auf, rang nach Atem, hatte gar keine Empfindung am ganzen 
Körper und stürzte aus dem Bette. Er kleidete sich notdürftig an, ging in 
ein Cafe", um etwas zu sich zu nehmen. Er lief dann einige Stunden ruhe- 
los wie besessen herum. Seit damals klagt er über große Schwäche (Ady- 
namie), Empfindung von Müdigkeit, Kopfschmerzen und daß der Boden 
versinkte, wenn er mit jemandem spreche. 

Er hat vom ISj bis zum 18. Lebensjahre sehr fleißig onaniert. Dann 
wurde er plötzlich abstinent. Er hat bloß dreimal im Leben den Koitus 
ausgeführt, und zwar bei Puellis pnblicis. Er konnte die Erektion nur da- 
durch erzielen, daß er sich eine sehr schöne hochstehende Dame seiner 
Bekanntschaft vorstellte. 

Auf die psychischen Wurzeln dieses sehr komplizierten Falles wollen 
wir gar nicht eingehen. Interessant ist das plötzlich akute Einsetzen der 
Neurose. In diesem Falle gelang es, nachträglich einen Traum jener Nacht 
zu erinnern. Es handelte sich um einen Inzest mit der Schwägerin. Seine 
Flucht ans dem Hause hatte gute Gründe. Seine Schwägerin schlief im 
benachbarten Zimmer und sein Bruder war in jener kritischen Nacht ver- 
reist. Unser Patient hatte alle Ursache, sich vor seinen Begebrnngsvor- 
stellungen zu fürchten. Wieder eine Bestätigung des Satzes, daß alle Angst 
die Angst vor sich selbst ist! 

Nr. 14. Ein anderes Bild eines akuten larvierten Angstanfalles bietet 
der nächste Fall. Ein 34jähriger Mann sitzt am Schreibtisch und liest. 
Auf einmal bildet sich im Gehirn ein Knollen, als ob sich etwas zusammen- 
ballen wollte. Dann eine Empfindung, als ob sich alles herumdrehen würde. 
Dnrch sein Gehirn zuckt der Gedanke: Wenn das nicht bald aufhört, so 
bist du hin. Er wurde blaß und begann zu erbrechen. In den Ohren hörte 
er ein mächtiges Rauschen, sein Körper wurde kalt. Ein kolossaler 
Schweiß brach aus allen Poren, er mußte auf den Abort laufen, woselbst 
ein reichlicher Stuhlabgang erfolgte. Nach drei Stunden klang der Anfall 
ab und er fühlte sich ausnehmend wohl, bis auf eine nicht unangenehme, 
süße Schlaffheit im ganzen Körper. 



Klinik der Angstneorose: Der Aogstaafall. II 

Wegen Verdacht auf einen Meniere wurde das Ohr untersucht. Nor- 
male Verhältnisse. Dieser Anfall wiederholte sich einige Male im Jahre, 
jedesmal ohne ein Angstgefühl. Nach und nach trat die Angst in den Vor- 
dergrund des Krankheitsbildes, bis er an Platzangst erkrankte. Auf der 
Straße hat er die Angst, es könnte noch so ein Anfall kommen. 

Dieser akute Ausbruch einer Angstneurose nach einer traumatischen 
Szene ist sehr häutig und hat zur Aufstellung einer eigenen Neurose, der 
„Schreckneurose'' oder „Traumatischen Neurose" geführt. Unsere 
Analysen belehren uns, daß die Disposition zur Erkrankung schon vor dem 
Unfälle gegeben war. Die Kranken litten schon beim Erleiden des Traumas 
an einer latenten Angstnenrose. Man wird wiederholt von Patienten erzählen 
hören, von welchem Erlebnis an die Angstneurose eingesetzt habe. So er- 
zählt die Patientin Janeis (Fall Nr. 12), bei der Geburt des dritten Kindes 
habe die Wärterin plötzlich aufgeschrien und ausgerufen: „Ich glaube, 
das Kind atmet nicht mehr, das Kind ist tot!" Dem Kinde fehlte nichts, 
aber die Wöchnerin fühlte plötzlich einen Wirbel im Kopfe, so daß sie 
wie ausgewechselt wurde. Diesen Schrecken wird jedermann begreiflich 
linden. Wie soll man es aber verstehen, wenn nach der Genesung der 
Arzt sie auffordert, eine Urinanalyse machen zu lassen und sie darauf so 
erschrickt . daß sie wieder schwer krank wird ? Er sagte bloß, er wolle 
nach Eiweiß nachsehen. „Ce mot que lui rappellait vaguement la maladie 
dune voisine produisit la meme effet nefaste que la phrase de la bonne: 
duale uns de täte, trouble general, angoisses." Sie kann kaum heimkommen 
und die Krankheit bricht wieder aus. 

In diesem Falle gibt es geheime Zusammenhänge, die nur die Psycho- 
analyse aufdecken kann. Wir werden bei der Besprechung der Angst- 
hysterien auf dieses hochinteressante Thema zurückkommen. Bei der Angst- 
110 1) rose kann der Angstanfall häutig das traumatische Erlebnis kopieren. 
Eine Kranke klagt , ein schwerer Körper laufe ihr über beide Beine, sie 
habe das Gefühl, sie werde überfahren usw. Ihre Angstneurose brach nach 
einem Eisenbahnunfall aus. Trotzdem hat dieses Überfahren eine symboli- 
sche Bedeutung, die wir noch kennen lernen werden. Auch die Angst- 
äquivalente repräsentieren sehr häutig etwas Symbolisches. 

An diesen Fall möchte ich noch einen Angstanfall mit Störungen 
der Respiration aus dem Werke von Janet und Reymond (1. c. ), S. 1 1 3, 
anschließen. 

Nr. 15. Es handelt sich um eine 30jährige Dame, die sehr müde 
und mit großem Schlafbedürfnis sich zu Bette legt. Sie schläft nach einiger 
Zeit ruhig ein. Nach 10 bis 15 Minuten wird der Schlaf tief (complett). 
„A ce moment eile se reveille en sursaut avec une sentiment du peur et 
nne Sensation d'ettouffement." Instinktiv klammert sie sich am Bettrand an 
und bemüht sich vergeblich, sich zu beruhigen; das Erstickungsgeftlhl 
steigert sich, das Herz klopft stürmisch ; sie fühlt die Kontraktionen in allen 
Gliedern und beginnt verzweifelt zu heulen. Sie schlägt mit Füßen und 
Fäusten um sich herum, sie windet den Körper und stößt delirierend ein- 
zelne Worte aus, ruft um Hilfe und klagt über diese oder jene Person. 
Diese Krise ist kurz, sie dauert 5 bis 6 Minuten. Sie beginnt ruhig zu 
atmen, hat das Bedürfnis, einige Schluck Wasser zu sich zu nehmen, die 
sich manchmal mit etwas Blut färben. Erschöpft von Müdigkeit legt sie 
sich zurück, fühlt von neuem den Schlaf kommen und schläft noch tiefer 
ein als das erste Mal. Dann beginnt das alte Spiel und das dauert so fort 



42 Erster Teil. Die Angstneurose. 

bis in den Morgen. Gegen Morgen hat sie dann noch eine Krise, viel 
heftiger als alle anderen, und erhebt sich dann beruhigt und bat den 
ganzen Tag Ruhe. 

Ein ähnlicher Fall Janets war dnreh einen unangenehmen Traum 
provoziert, der sich immer einstellte. Wahrscheinlich ist ein krimineller 
Traum auch die Ursache dieser Anfälle. 

Ja, das Bild der Angstneurose ist so ungeheuer variabel, so wech- 
selnd, so bunt, daß ich gezwungen bin, die einzelnen Symptome be- 
sonders zu behandeln. Der Angstanfall kann sich durch Herzklopfen und 
Herzschwäche, durch Asthma und Beklemmung, durch Schwindel und 
Schweißausbruch, Erbrechen, Diarrhöen, Ohnmacht äußern. 1 ) Wir müssen auf 
die einzelnen Formen der Angstneurose näher eingehen. Ich mache also 
den Versuch, eine Klinik der Angstneurose zu schaffen, wobei ich auf die 
Differentialdiagnose der verschiedenen Symptome ausführlich zurückkommen 
werde. Dabei will ich zwanglos verschiedene wichtige Zusammenhänge, 
wie sie die Materie ergibt, besprechen. 



VI. Klinik der Angstneurose : Angstnenrosen mit 
Erscheinungen des Herzens. 

Bevor man die Diagnose „nervöse Herzangst" stellt, müssen erst alle 
somatischen Ursachen der Herzbeschwerden ausgeschlossen werden. Mit 
diesen müssen wir uns also in erster Linie beschäftigen. 

„Angstgefühle" begleiten sehr viele organische Krankheiten. Wohl am 
häufigsten die Herzkrankheiten. Die ersten Stadien einer „Angina pectoris" 
können sich als kaum fühlbarer Schmerz, begleitet von heftigen Angstge- 
fühlen, manifestieren. Wie leicht kann es einem da passieren, eine nervöse 
Angst zu diagnostizieren! während es sich schon um den Beginn einer 
Arteriosklerose handelt. Merkwürdigerweise kommt das Gegenteil viel 
häufiger vor. Zahllose Fälle von Herzbeschwerden, die als „organische" 
aufgefaßt werden, sind nur nervöse, sind das Resultat einer psychischen 
Projektion, bei der die unbestimmten Angstgefühle auf ein bestimmtes Ob- 
jekt geschoben werden, in diesen Fällen eben auf das Herz. 

Deshalb stellt die Diagnose „nervöse Herzangst" an den ärztlichen 
Scharfblick große Anforderungen. Die Symptome einer Angina pectoris 
6ind ja bekannt: Schmerz in der Herzgegend, besonders in den linken Arm 
ausstrahlend, Todesangst, Oppressionsgcfühl, Blässe, Schweißausbruch, Ohn- 
macht, vasomotorische Störungen, Krämpfe. Doch macht schon Letibe 
(Spezielle Diagnoße der inneren Krankheiten. Leipzig 1902) darauf aufmerk- 
sam, daß auch hysterische Formen der Angina pectoris vorkommen. Noch 
häufiger sind meiner Meinung nach stenokardische Anfälle auf Grund einer 
Angstnenrose. 

Amerikanische Arzte haben eine Reihe objektiver Symptome angegeben, mit deren 
Hilfe man die Diagnose einer Koron&rsklentsc stellen knnn, ehe noch die bekannten Er- 
scheinungen am Herzen nnd am Pulse die anatomische Veränderung manifestieren. Head, 
Mackenirie und Schmoll haben auch das Auftreten des Schmerzes in gewissen Segmenten 
lochte? Zervikal- und erstes Dorsalsegroent) betont. Linker Schmerz soll für die linken Er- 



') Htrz hat den Angstanfall in einen „phrenokardiselicn Anfall" verwandelt und neu 
entdeckt. Näheres über diese Neuentdeckung im nächsten Kapitel. 



Klinik der Angstneurose : Angstneurosen ni( Erscheinungen des Herzens. 43 

krankungen der linken Kammer, der rechts lokalisierte für die der rechten sprechen. Weitere 
Symptome sind: Eine tonische Kontraktion des Pectoralis major. Lähmungserscheinungendes 
linken Armes, vasomotorische Erscheinungen (Totenblässe mit nachfolgender Zyanose des linken 
Armes), hyperästhetische Zonen der im Anfall ergriffenen Segmente. ((iänsehautreflex beim 
Streichen mit einer Nadelspitze nnd Erweiterung der Pupillen.) In seltenen Fällen unästhe- 
tische Zonen. Allerdings weist Sehmoll (Über motorische, sensorische und vasomotorische 
Symptome, verursacht durch Koronarsklerose und sonstige Erkrankungen der linksseitigen 
Herzbälfte. Münchener med. Wochenschr., 8. Oktober 1907) darauf hin, daß diese Symptome 
auch bei anderen Herzaffektionen, bei Klappenfehlern usw. vorkommen können. Damit ver- 
lieren sie viel von ihrem Werte. Und ein hysterischer Kranker kann alle Zonen (besonders 
die anasthetiseben), den Tonus des Pectoralis major, die Schmerzen dnreh Konversion 
produzieren. Gerade aber Läbmungserscneinungen des linken (oder rechten) Annes, Einschlafen 
einer Hand können aneb bei der Angstneurose (gar nicht selten!) vorkommen. Dr. 31. Friril- 
mann (Mannheim) „Cber lokalisierte Rückenwirbelempfindlichkeit bei Herz- 
neurosen* (Neurolog. Zentralblatt, 1910, Nr. 8) beschreibt ein objektives Symptom der 
Herzneurose: Bei kräftigem Drucke des III. Rückenwirbels empfindet der Kranke heftige 
Schmerzen. 

Rombery kam auf der III. Jahresversammlung der Gesellschaft deutscher Nerven- 
ärzte zum Schlüsse, daß eine sichere Difl'erentialdiagnose zwischen nervösen Herzbeschwerden 
und organischen Herzleiden heutzutage nicht möglich sei. Besonders schwierig sei die 
Differenzierung leichter Fälle von Angina pectoris. Pulsiis irregularis perpetuus nnd altemans 
seien stets organischen Ursprunges (was mit meinen Erfahrungen nicht übereinstimmt). 
Weder Herzgeränscbe noch Extrasystolen, die zu genauester Untersuchung auffordern, lassen 
eine Herzneurose ausschließen. 

Hoffmann machte auf demselben Kongresse darauf aufmerksam, daß Herzklopfen 
meistens psychogen sei und daß alle möglichen Arhythmien bei organisch Gesunden vor- 
kämen. Treupel gab damals noch 50"/ Erotik zu. Erben gibt ein neues differentialdiagno- 
stisches Mittel an: Beim Niederbocken findet bei nervösen Leiden eine Verlangsamung des 
Pulses, bei organischen Leiden keine Verlangsam ung statt. (Referate und Diskussionen 
über „Die Lehre von den HerzneuroBen". Münchener med. Wochenschr., 1909, S. 2082.) 
Bemerkenswert ist, daß Hoffmann sexuelle Hygiene, jedoch nicht im Sinne Freuds empfiehlt. 
Nach Herz (.Die ZwerchfeUberzneurese", Wiener klin. Wochenschr., 19U8, Nr. 41) strahlen 
die anatomisch verursachten Herzschmerzen in das Projektionsbereich dieses Organes oder 
unter die obere Sternalhälfte, von dort rechts und links ausstrahlend, während bei der 
„Zwerchfellberzneurose" der Schmerz ausnahmslos auf eine Gegend unterhalb und links 
von der Mamilla lokalisiert wird, was ich leider nicht ausnahmslos bestätigen konnte. 

Eine sehr eingehende Darstellung der Differentialdiagnose der verschiedenen Herz- 
sebmerzen findet sich bei Ortner .Über Herzschmerz und Schmerzen in der Herzgegend" 
(Jabreskurse für ärztliche Fortbildung, 1911, 2. Heft). „Bei der Coronarangina hält sich der 
Kranke vollständig ruhig; bei der nervösen schreit nnd stöhnt der Patient und zeigt einen auf- 
fallenden Bewegungstrieb." Dooh sei dieses Merkmal nicht ausschlaggebend. „Der Hysterische 
charakterisiert seinen Schmerz häufiger als einen Schmerz der Dehnung, der Völle im Thorax 
nnd den Sitz der Empfindungen mehr hinter dem unteren Sternum, während bei der Coronar- 
angina meist das Gefühl des Zusammengeschnürt-, des Gepreßtseins, das Gefühl, als läge ein 
schwerer Amboß auf der Brost, als würde diese mit einem Schraubstocke geklemmt, vorherrscht." 

Doch gerade diese letzteren Klagen habe ich anch bei der hysterischen Angina gefunden, 
besonders bei Frauen durch die Phantasie des Koitus mit einem starken, schweren Mann. 
Für sexuelle Neurose spräche Beklemmung, Druck, Schmerz in der Herzgegend, Angst- 
gefühl, selbst Kollaps, heftiges Berzklopfen (ein der echten Angina fremdes Symptom!), 
Lokalisatinn der Schmerzen nicht hinter das Sternum, sondern in das Herz selbst, 
ferner Hyperästhesie der Haut über dem Herzen. 

Oft kann erst eine genaue Psychoanalyse des Falles die volle Klar- 
heit bringen. Ich will später einige solcher Fälle anfuhren, bei denen 
Herzbeschwerden für „Angina pectoris" gehalten wurden nnd die doch nur 
durch eine reine Neurose ohne somatische Komplikation verursacht waren, 
da sie durch psychische Behandlung und Abstellung der sexuellen Schäd- 
lichkeit vollkommen geheilt wurden. 

Aber nicht nur die Sklerose der Koronararterien, auch die verschie- 
denen Erkrankungen des Herztleisches und der Herzklappen, besonders das 
Fettherz, die Myokarditis und die .Stenosen können die Ursache schwerer 
Angstgefühle sein. Doch schon aus der Beschreibung der einzelnen Anfalle 



44 Erster Teil. Die Angstneurose. 

kann man sich ungefähr ein Bild machen, am welche Form der Herz- 
angst es sich handelt. Daß eine genaue Untersuchung conditio sine qua 
non ist, brauche ich nicht erst zu betonen. 

Die „Herzangst" ist die häufigste Form der Angstgefühle. Das ist 
leicht begreiflich. Auch bei der gewöhnlichen Furcht schlägt das Herz 
immer rascher. Die Kranken fohlen entweder eine heftige Erregung des 
Herzens, die sich als Herzklopfen äußert, oder sie klagen über „ Stille- 
stehen des Herzens". (Ich hatte eine Patientin, die an Adam-Stokesscher 
Krankheit litt. Es kam entweder zu apoplektiformen Anfällen mit Bewußt- 
seinsverlust, bei denen der Puls auf 20 Schläge zurückging, oder zu hef- 
tigen Angstattacken, bei denen über Stillestehen des Herzens geklagt wurde.) 
Auch daß sich die rhythmischen Bewegungen des Herzens plötzlich in 
arhythmische verwandelt hätten, wird geklagt. Die Patienten geben an, daß 
das Herz zu „flattern" anfängt. Andere beschreiben: Ich empfinde ein Vi- 
brieren, als wenn ich kein Herz hätte, ein Gefühl der Leere, als wenn 
ein Stein drinnen wäre, es drückt mich so schwer, als wäre das Herz ein 
fremder Körper. Eine Dame beschreibt: Ein unbestimmtes Gefühl, daß mir 
alles zu eng ist, daß das Herz heraus müßte. Ich fühle eine Beklemmung, 
ein Ziehen, als ob ein Gummi drinnen wäre. Manche klagen i „Mein Herz 
ist nicht in Ordnung. Erst schlägt es sehr rasch, dann setzt der Puls aus 
und dann geht es wieder ganz langsam. Etwas muß daran ver- 
dorben sein." 

Freilich, die häufigste Form der nervösen „Herzangst" ist das Herz- 
klopfen und die Beschleunigung des Pulses, die oft eine ganz außer- 
ordentliche sein kann. Ich habe einmal 180 Pulse beobachten können, 
wobei es sich nur um eine neurotische Angst gehandelt hat. Gerade die 
Neurotiker vertragen oft die ungeheuere Steigerung der Pulsfrequenz auf- 
fallend gut. 

Mit der Konstatierung eines organischen Herzleidens ist 
die Diagnose „nervöse Herzangst" oder „nervöse Stenokardie" 
noch nicht ausgeschlossen. 

Man darf nicht vergessen, daß auch Herzkranke neurotisch veran- 
lagt sein können. Die sichere Diagnose einer Mitralstenose oder einer 
Aorteninsuffizienz, einer Arteriosklerose ist noch kein Beweis, daß die An- 
fälle nur auf die organischen Ursachen zurückzuführen sind. Ich will dies 

durch die nachfolgenden Beobachtungen erhärten. 

• 

Nr. 16. Frau H. F. steht schon seit 10 Jahren mit einer Mitralstenose 
in meiner Behandlang. Das Vitium ist nicht vollkommen kompensiert. Von Zeit 
zu Zeit treten leichte Ödeme nm die Knöchel herora anf. Strophantus, Herz- 
kühlapparate, Teilwaschungen, leichte Rückenklopfungen führen immer eine 
vorübergehende Besserung des Zustande» herbei. 8ie beschließt auf Zureden 
einer Freundin, nach EUter zn geben, nm die jetzt so beliebten Kohlensaure- 
bsder zu gebrauchen. Dort befindet sie sich anfangs ganz vorzüglich. Nach dem 
fünfzehnten Bade erwacht sie des Nachts mit einem heftigen Angstgefühle. Das 
Herz klopft ihr zum „Zerspringen". Der Arzt wird gerufen. Er verordnet mit 
Rücksicht anf den kleinen Pols Digitalis. Sie bleibt einige Tage im Bette 
liegen, wobei sie sich elend fühlt. Die Eohlensäurebftder werden als „zu auf- 
regend" unterbrochen. Die Patientin fahrt nach Hause. 

Hier angelangt, klagt sie über die kolossale Verschlechterung des Be- 
findens. Hie sei «chon ganz „parterre". Sie müsse jetzt Digitalis nehmen. Das 



Klinik der Angstneurose: Angstnenrosen mit Erscheinungen des Herzens, 45 

sei schon das „ Letzte". Das wisse sie genau. Sie zeigt mir ihre Ödeme. Sie ist 
medizinisch sehr genau unterrichtet and kennt ihren „Bilz" fast aaswendig. 

Eis würde za weit führen, hier die genaue Psychoanalyse dieses Falles 
anzuführen. Ich will nur kurz erwähnen, daß der erste Anfall sich an 
einen Traum angeschlossen hat, in dem sie von drei Msnnern Über- 
fallen und vergewaltigt wurde. Am Tage, der dem Anfalle vorausging, hatte 
sie dem Konzerte der Kurkapelle gelauscht. Dort sind ihr drei 6ehr schöne 
Manner aufgefallen. Sie ist seit zwei Jahren Witwe. Angeblich ist sie sexuell 
immer „anästhetisch" gewesen. Sie könne gar nicht begreifen, wie sie, diese 
„kühle" Person, zu so einem Traum gekommen sei. Offenbar weil tags vor- 
her in den Promenadewegen ein ihr bekanntes junges Mädchen überfallen 
wurde, das sich nur durch lautes Schreien von einem Angriff auf ihre Ehre 
gerettet hatte. Dieser Vorfall hatte sie sehr erschreckt. Sie fürchtete sich dann, 
ohne Begleitung auf den einsamen Wegen zu promenieren, denn sie ist über- 
zeugt, daß sie bei einem solchen Überfall sterben würde. Ihr krankes Herz 
würde das nicht aushalten. Der Abscheu über dieses Attentat und die Angst 
vor einem solchen hätten ihr den „ekelhaften" Traum verursacht. 

Schon dieses erste Beispiel zeigt uns Angst und Ekel als verdrängte Se- 
xualgefühle. Denn es ist ja offenbar, daß es ein Wunsch der Patientin ge- 
wesen ist, überfallen zu werden. Die Vergewaltigung spielt in der Phantasie Hy- 
sterischer eine große Rolle. Speziell in Rußland, wo die traumatische Hysterie 
unter den Jaden förmlich gezüchtet wird, gibt es heute eine Menge hysterischer 
Mädchen, deren Augstträume von Vergewaltigungen erfüllt sind. Es entspricht 
dies einem typischen Traume, den so viele Frauen träumen, die unbefriedigt 
sind. Bald sind es Einbrecher, Räuber, bald fremde, schwarze Männer, die 
durch das offene Fenster in das Zimmer steigen. Wir werden uns mit diesen 
Träumen, die in den Angsthysterien eine große Rolle spielen, noch des öfteren 
zu beschäftigen haben. 

In unserem Falle lag es nahe, an eine Angstneurose, entstanden durch 
lange sexuelle Abstinenz, zu denken. Die Patientin freilich gab an, eine voll- 
kommen kalte Natur zu sein, die glücklich sei, „diese Dinge losgeworden zu 
sein". Sie habe nur über intensives Flehen des seligen Mannes sich zu einem 
Koitus herbeigelassen. 

Man kann daraus ersehen, was man von der Wahrhaftigkeit der Frauen 
in sexuellen Dingen zu halten hat. Wer eich mit dieser Auskunft begnügen 
würde, der könnte leicht das Axiom aufstellen, Sexualität und Neurose stünden 
in gar keinem Zusammenhang. Oder könnte in diesem Falle beweisen, daß 
durch ein Herzleiden erregende Phantasien produziert werden. 

Nun besteht die große Kunst des Psychotherapeuten darin, beharrlich 
das „Nein" der Patienten zu überhören und vorsichtig auf sein Ziel loszu- 
steuern. In diesem Falle war mir die Sache besonders leicht gemacht worden. 
Die Patientin wußte nämlich nicht, daß ihr Mann etwa ein Jahr vor seinem 
Tode mich in seiner Herzensangst aufgesucht und meinen Rat in einer schwie- 
rigen Situation gefordert hatte. Seine Klage lautete damals: Seine Frau ver- 
folge ihn mit ungerechten Vorwürfen, die einer geradezu krankhaften Eifer- 
sucht entstammten. Täglich gebe es im Hause eine große Szene, wenn er nur 
einige Minuten später nach Hause komme. Am peinlichsten sei ihm jedoch der 
Umstand, daß seine Gattin strenge Rechnung über die Kobabitationen führe. 
8ie sei maßlos in ihren Forderungen. Sie verlange einen täglichen Beischlaf, 
was er wegen seiner Nerven nicht leisten könne. Ich möge ihm doch vor 
seiner Frau den Koitus für einige Zeit verbieten. Heute habe ihm seine Frau 



46 Erster Teil. Die Angstneurose. 

direkt vorgeworfen, daß er Beiue Kraft bei anderen Weibern vergeude. „Was 
du tun kannst, das kann ich auch tun" — habe sie geschrien — „ich werde 
mir auch jemanden auf der Gasse finden". So sei sie ohne Hut aas dem 
Hause gelaufen. 

Ich hüte mich wohlweislich diese Reminiszenz der Dame vorzuhalten. 
Versuche ihr die Bedeutung des Traumes klarzulegen, um ihr Vertrauen zu ge- 
winnen. Endlich gesteht sie zögernd, daß sie viel unter sexuellen Erregungen 
leide und die Anfalle regelmäßig nach einem sexuellen Traume (Pollution !) auf- 
getreten seien. Die Vermutung lag nun nahe, daß die Anfalle mit dem Herzen 
gar nichts zu tun halten. Ich ließ die Patientin einige Abende vor dem Schlafen- 
gehen 'ig Brom nehmen, und beruhigte sie über den Zustand des Herzens. Ver- 
zichtete 'uif Digitalis und Stropbantus und verordnete zweimal taglich 6 Tropfen 
Validol wahrend des Tages. Außerdem laue Sitzbader gegen das spater zuge- 
standene Jucken in der Scheide. Schon nach der ersten Bromgabe und nach 
dem ersten Sitzbad (24° C) verschwanden die Angstanfalle. Erotische Traume 
kamen selbstverständlich wieder. Aber die Über die Natur ihrer Erregung be- 
lehrte Patientin beruhigte sich bald und konnte bald einschlafen. Es handelte 
sich um eine Angstneurose infolge sexueller Abstinenz. 

Wir sehen, wie schwer die Differentialdiagnose: neurotische Angst oder 
somatische Todesfurcht sein kann. 

Nr. 17. Muthmann (1. c.) berichtet aber einen ähnlichen Fall. Es handelte sich um 
eine junge Dame, die infolge eines Herzleidens längere Zeit bettlägerig wurde. Essteilten 
sich heftige gegenstandslose Angstznstände ein, unter denen die Kranke heftig 
litt. Es lag nahe, den organischen Herzfehler für dieses Verhalten verantwortlich zu machen. 

Muthmann hypnotisierte die Kranke nach der fraktionierten Methode Brodmanna. 
Kaum war die Hypnose etwas tiefer, so erwachte die-Patientin mit der Angabc, es überfalle 
sie eine starke Angst, (/.eichen eines heftigen, unbewußten Widerstandes gegen das Verraten 
des Geheimnisses.) Der Seelenarzt erklärte ihr jedoch, sie müsse sich hypnotisieren lassen, 
weil man nur so die I'rsacbe der Angst finden konnte. Von neuem eingeschläfert, begann 
die Kranke heftig zu weinen, erwachte und erzählte nun etwas Schreckliches, das ihr ein- 
gefallen sei. Sie habe sich im 18. Lebensjahre von einem Arzte untersuchen lassen müssen, 
der wegen seines ausschweifenden Lebens berüchtigt und ibr widorwärtig gewesen sei. „Er 
habe sie auch gynäkologisch untersucht, um festzustellen, ob das Periodonblut abrliellen 
könne. Bei dieser Untersuchung habe sie ein eigentümliches, ihr bis dahin unbekanntes Ge- 
fühl in den Geschlechtsteilen empfunden, es habe sie eine starke Angst befallen, sie 
nahe das Gefühl gehabt, sich schämen zu müssen, habe das Vorkommnis sorgsam zunächst 
verschwiegen und bald vergessen (Verdrängung!). Die Angst, die sie jetzt während des 
Krankseins empfinde, entspreche geoau derjenigen, die damals eingetreten sei." 

Es handelt sich also um eine Angstneurose, die beim scheinbar ersten Zusammen- 
treffen mit der Sexualität aufgetreten ist. Offenbar eine sexuell byperasthetisehe Dame, die 
unter der Herrschaft machtvoll verdrängter Sexaalkomplexe stebt. Die Angst beim Arzt 
zeigt, daß sie Wiederholung der traumatischen Scene in der Hypnose fürchtet. 

Wir werden wiederholt Gelegenheit haben, darauf hinzuweisen, wie 
häufig die neurotischen Symptome der Angst für Folgen irgend eines orga- 
nischen Leidens gehalten werden. 

Sehr charakteristisch ist der nachfolgende Fall, über den Strohvuujer 
(„Beziehungen der Sexualität zu den Angstzustanden ") berichtet. 

Nr. IS. Max V., Gutsbesitzer, 37 Jahre alt, vom 10. Jahre an viel 
ntasturbiert, verführt von Kameraden. Auf dem Gymnasium viel Herzklopfen, 
besonders bei fremden Leuten, z. B. beim Arzte. Die Masturbation wurde 
etwa bis zum 18. Lebensjahre fortgesetzt. Beim Militär machte er die 
ersten Versuche zum sexuellen Verkehr; r cr reüssierte nicht recht", weil 
er immer zu sehr Herzklopfen hatte. -Mit zunehmenden Jahren nahmen 
Libido und Potenz ab. Die Coitusversuche endeten alle mit Ejaculatio 
praecox. Vor zwei Jahren trat der erste Angstanfall ohne Grund im Eisen- 



Klinik der Anjcstneurose: Anpstoeurosen mit Erscheinungen des Herzens. 4" 

bahncoupe auf: starkes Herzklopfen und der Gedanke, verrückt zu werden. 
•Seitdem war Patient dauernd krank. Er klagte immer über Herzklopfen, 
Herzschwäche, Atemnot nod Angat. Man diagnostizierte bei ihm .juvenile 
Coronarsklerose" (!), anderweitig chronische Nikotinvergiftung. Der Zustand 
verschlimmerte sich vou Monat zu Monat; allmählich traute sich Patient 
nicht mehr aus dem Hause, auch im Zimmer hatte er Angst vor Herzschlag. 
Beim Eintritt in die Behandlung bot Patient das typische Bild der Angst- 
neurose: er hatte Hinterkopfschmerz oder Benommenheit des Kopfes; im 
Gespräch verliert er oft den Faden ; es plagen ihn Brustbeklemmungen mit 
Atemnot, Angstgefühlen und Schweißausbruch. Er kann aus Angst nicht 
im Wagen fahren, nicht allein auf der Straße gehen, nicht im Restaurant 
oder Theater sitzen. Auch im eigenen Zimmer kommen ängstliche Ge- 
danken: es ist ihm, als ob etwas „ Ängstliches" im Rücken sitze, so daß 
er sich darnach umdreht; er fürchtet, er könne plötzlich losschreien oder 
ganz verrückt werden. Er grübelt viel über seinen Zustand nach, ist reiz- 
bar, deprimiert und überempfindlich. Nachts träumt er lebhaft und hat Pe- 
rioden von gehäuften Pollutionen, während welcher er viel ängstlicher ist. 
Kurz vor dem Einschlafen und meist nach der Mittagsmahlzcit bei der 
Ruhe auf dem Sofa beginnt bei geschlossenen Augen ein „Bilderjagen", 
d. h. ein Vorüberziehen von gleichgültigen Gestalten, Männern, Frauen, 
Kindern usw., das Angst erweckt. Libido ist nicht vorhanden." 

Diese Beobachtung von Strohmayer ist sehr charakteristisch. Wir 
sehen, wie eine Angstneurose für „Juvenile Arteriosklerose" ge- 
halten wird. Was für Unheil i6t schon durch solche übereilte Diagnosen 
gestiftet worden ! Ich kenne schwere, schier unheilbare Angstzustände, chro- 
nische Depressionen, Verzweiflungsausbruche mit ernsthaften Suizidver- 
snchen, die nach solchen leichtfertigen Diagnosen ausbrachen. 

Es ist an und für sich eine unerhörte Grausamkeit, einem Kranken 
mitzuteilen, er sei herzkrank. Das läßt sich ja in den meisten Fällen um- 
gehen. Es scheint aber viele „unbewußte" Sadisten unter den Ärzten zu 
geben; anders kann ich mir nicht erklären, daß Kranke zu mir kommen 
und mitteilen, der Arzt X oder der Professor Y habe ihnen gesagt, sie 
müßten sich schonen, sie hätten einen Herzfehler. Oder sie hätten eine 
„beginnende Verkalkung", was die Kranken mit Recht als eine Art Todes- 
urteil auffassen. Dabei handelt es sich in den meisten Fällen um einfache 
Angstneurosen oder Angsthysterien ! In vielen Fällen ist es nur Unwissenheit. 
Besonders wenn der unerfahrene Arzt, der die Angstneurosc nicht kennt, 
zu einem Angstanfall mit Tachykardie gerufen wird, kann er leicht durch 
die enorme Steigerung des Pulses, die Totenblässe, das Zittern der Kran- 
ken verleitet werden, ein „Vitium" zu diagnostizieren und mit Äther- und 
Kampferinjektionen rettend einzugreifen, wo einige beruhigende Worte, 
Brom und unter Umständen auch Morphium oder Pantopon Wunder tun. 
Der Anfall von Herzklopfen kann manchmal durch künstliche Atem- 
sperre kupiert werden. Solche Patienten zeigen das Phänomen des „Pulsus 
paradoxus". Der Puls setzt in der tiefen Atmung aus. Das wird wieder 
für Arhythmie und Extrasystole gehalten. Dabei vertragen die Kranken 
Pulssteigernngen bis zu 200 Schlägen ohne Schaden und zeigen gar keine 
Lageveränderung des Herzens, wie eine Arbeit von Rudolf Beck, der im 
Anfalle das Herz röntgenisicren ließ, beweist. (Analyse eines Falles von 
paroxysmaler Tachykardie, Med. Klinik, 1011.) 



48 Erster Teil. Die Angstnearose, 

Ich wiederhole: Eine Unzahl von Menschen, die mit der Dia- 
gnose „Organisches Herzleiden" herumlaufen, sind Opfer der 
Angstneurose und einer plumpen Diagnostik! 

Am häufigsten ist das wohl bei der Sklerose der Koronararterien der 
Fall. Ich bin überzeugt, daß ein guter Teil der Kranken, welche an „An- 
gina pectoris" leiden, Neurotiker sind, daß ihre Herzbeschwerden sich anf 
psychische Ursachen zurückführen lassen. Es ist dies ja selbstverständlich, 
weil die Laien das Zentrum des Lebens im Herzen suchen. Das Herz 
Bchlägt bei Leid und bei Freud mit, das Herz schmerzt vor Leid, es 
hüpft vor Freude, es bricht im Kummer usw. Deshalb werden seelische 
Schmerzen gar so gerne auf das Herz projiziert. Von den jungen Leuten, 
die über „Herzschmerzen" klagen, sind die meisten, ja man kann dreist 
sagen fast alle Angstneurotiker, die einen schweren Kummer, eine geheime 
Sorge, eine drückende Verpflichtung, eine unglückliche Liebe mit sich 
herumtragen, bei denen die sexuelle Schädlichkeit die Grundlage des 
Leidens bildet. 

Nr. 19. Fräulein E. Z. wird mir vou ihrer Mutter in ihrer Wohnung 
vorgestellt. Sie leidet an Obstipation und heftigen „Herzachmerzen". Beide Be- 
schwerden sind erst seit 3 Monaten aufgetreten. Seit damals kommt das früher 
blühende Madchen immer mehr and mehr herunter. Die Herzschmerzen sind oft 
so stark und quälend, daß das arme Madchen heftig uud krampfhaft weinen 
muß. Sie ist sehr reizbar, mißgestimmt, leidet sehr viel an ängstlichen 
Traumen. Auch am Tage gibt es ihr oft einen Ruck, daß sie zusammenfahrt. 

Eine genaue Untersuchung ergibt vollkommen gesunde Organe. Der erste 
Blick Überzeugt mich, daß hier psychische Ursachen vorhanden sein mttssen. 
Das Madchen macht einen trübseligen, gedruckten Eindruck. Ich beruhige die 
erregte Mutter, verspreche rasche Besserung des Zustandes und bestelle die 
Tochter für den nächsten Tag in meine Ordination. Vorwand: um ihr Herz 
galvanisch zu behandeln. Das tae ich in der Hoffnung, sie werde vielleicht 
allein kommen. Tatsachlich ist das der Fall. Ich gehe gleich in medias res. 

„Kraalein, ich habe Sie sehr genau untersucht und Ihr Herz vollkommen 
normal gefunden. Ich vermute, daß Sie einen schweren Kummer mitgemacht 
haben, von dem die Ihrigen nichts wissen können, vielleicht nicht wissen 
dürfen. Wollen Sie sich mir offen anvertrauen, damit ich Ihnen Heilung brin- 
gen kann?" 

Meine freimütige Ansprache findet gleich ein williges Verständnis. Sie 
erzählt mir, daß sie schon seit zwei Jahren ohne Wissen ihrer Mutter eine 
Liebschaft mit einem jungen Manne unterhalte. Sie habe sich bestimmte Hoff- 
nungen gemacht, er werde sie heiraten. Ihr Verhältnis sei immer in den 
Grenzen der Ehrbarkeit geblieben; sie trafen sich nur auf der Straße. Nur 
kurze Zeit vor ihrer Erkrankung hätten sie zusammen einen Ausflug gemacht. 
Da habe er von ihr gänzliche Hingabe gefordert, was sie mit dem Hinweis 
verweigerte, ein anstandiges Madchen erwerbe man sich durch die Heirat. Er 
versuchte auch durch brutale Gewalt sein Ziel zu erreichen, was sie durch 
Schreien verhinderte. Am nächsten Tage erschien der Geliebte nicht mehr beim 
gewöhnlichen Rendezvous und ein langer Brief belehrte sie, daß er infolge 
seiner schlechten materiellen VerhSltnisse gezwungen sei, ein reiches Mädchen 
zu heiraten. Er werde sie niemals vergessen usw. 

Im Anschlüsse an diese Erfahrungen waren die heftigen Herzschmerzen, 
war die Verstopfung, waren die nächtlichen Angstaufftlle aufgetreten. Schon 
der Deflorationsversuch konnte eine Angstneurose produzieren. Hier handelt es 



Klinik der Angstnearose: Angstneurosen mit Erscheinungen des Herzens. 49 

sich auch um einen heftigen Affekt, den sie nicht in gewöhnlicher Weise mit 
Weinen, Entrüstung, Zetern, Toben abreagieren konnte. Breuer und Freud 1 ) 
nannten dies einen „eingeklemmten Affekt", dem man durch die Rede 
Gelegenheit zur Abfuhr gebeu müsse. Darin bestand die erste Aufgabe der ur- 
sprünglichen Psychothorapie (Kathartische Methode) , die von der Ansicht 
aasging, der eingeklemmte Affekt wirke als psychisches Trauma und die 
Heilang in der Lösung des Affektes erblickte. (Die Bedeutung dieses psychi- 
schen Traumas ist beim Auftauchen der ersten Erkenntnisse sehr überschätzt 
worden, ebenso die Bedeutung des „eingeklemmten Affektes". Wir sprechen 
heute einfach von seelischen „Verdrängungen", von psychischen Konflikten, 
und nennen die Methode nach Freud die „analytische".) Das Mfidchen hatte 
keinen Menschen, mit dem es über das traurigste Erlebnis ihres Daseins reden 
konnte. Auch war sie da mit der ganzen rohen Brutalität der Sexualität be- 
kannt geworden. Sie war eine sogenannte „ideale" Natur, das heißt ein Mensch, 
der sein Triebleben verdrängt, der sinnliche Kräfte in übersinnliche ver- 
wandelt. Das rohe Triebleben kam ihr mit einem Male in seiner ganzen Kraß- 
heit zum Bewußtsein. Die Mutter hatte ebenso wenig eine Ahnung von ihrem 
Verhältnis wie ihre Schwestern, mit denen sie nicht auf bestem Fuße lebte. 
Eine Freundin besaß sie nicht und den „sogenannten" Freundinnen wollte sie 
sich nicht anvertrauen. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als die Sache mit 
«ich allein auszutragen. Erst quälten sie die Angstgefühle, dann kam es zur 
Verstopfung. Man würde es nicht glauben, wie häufig hinter den 
hartnäckigsten Obstipationen psychische Ursachen stecken! Schwere 
8orgen, drückender Kummer, besonders Geldsorgen, die quälende Er- 
kenntnis, es gehe etwas nicht recht vorwärts, eine allgemeine Depression des 
Seelenlebens äußern sich in hartnäckiger Verstopfung, weil ja diese Gefühle 
ohnedies eine gewisse Herabsetzung des Vitalitätsgefühles und des Stoffwechsels 
herbeiführen. Über die intimen Assoziationen zwischen Geld und Stuhl be- 
lehren uns die Traumanalysen , ebenso das Stecken in Miseren , das Märchen 
vom Männlein, das Dukaten per anum in die Welt setzt. 

Die offene Aussprache hatte in diesem Falle eine großartige Wirkung. 
Die hartnäckige Verstopfung wich sofort, die Herzschmerzen wurden geringer. 
Ich hatte noch einige Unterredungen mit dem Mädchen, die sich darauf be- 
schränkten, sie zu trösten, ihr klar zu machen, daß ein hübsches Mädchen im 
Alter von 19 Jahren noch keinen Grund zur Verzweiflung habe. Besser eine 
rflckgegangene Liebschaft als eine unglückliche Ehe. Kurz und gut — sie 
konnte sich über die peinliche Sache in jeder Hinsicht vollkommen aussprechen. 
Nach einer Woche waren Herzbeschwerden, Weinkrämpfe (und Obstipation) ver- 
schwunden. Die einzigen Symptome, die sie noch quälten, waren Angstträume und 
ängstliches Zusammenfahren. Auch diese begannen langsam abzuklingen. 

Nr. 20. Einen ähnlichen Fall teilte mir Kollege Dr. Ed. Hitschmann 
mit Eine 38jährige Virgo, latent hysterisch, erkrankt an Angst, Herzklopfen 
(im Liegen und nachts mit Schlaflosigkeit), sowie Furcht vor Herzleiden. Als 
zeitlich zusammenfallende Veranlassung gibt sie nebeu Gemütsbewegungen an : 
Ihr „Freund", mit dem sie seit Jahr und Tag eine platonische, sich auf Küsse 
und Umarmungen beschränkende Beziehung unterhält, legte sich in plötzlicher 
Aufwallung auf ihren Brustkorb, als sie auf dem Sofa ausruhte. Sie erschrak 
und seit damals leidet sie an „Herzschmerzen". Objektiv außer einer etwas 
labilen Pulsfrequenz (78 — 90) nichts nachweisbar. 



') Stadien aber Hysterie (Wien 1896). 
3t«k«l, M«rrMe AngstiaiUade and ihre Bebudluag. 9. Aufl. 



50 Erster Teil. Die Angstneurose. 

Man wird also gut tan, hinter Herzschmerzen immer nach psychi- 
schen Ursachen zn forschen. Selbst wenn eine aasgebildete Arteriosklerose 
vorhanden ist, sollte man wenigstens an eine komplizierende Angstneorose 
oder Angsthysterie denken, bevor man die anheilschwere Diagnose einer 
Angina pectoris stellt. Der bereits an anderer Stelle 1 ) von mir publizierte 
Casus T. D. zeigt nns das in drastischer Weise : 

Nr. 21. Herr I. D., seinem Berufe nach Tonkunst i er, von gesunden 
Eltern stammend, ein herkulisch gebauter Mann, der bisher nie krank gewesen, 
wacht eines Nachts auf und bat die Empfindung, als ob ihn jemand würgen 
würde. Er ringt mühsam nach Atem, stöhnt, fohlt mit Schrecken, es sei sein 
letztes Stündchen gekommen. Der Anfall geht bald vorüber und er führt ihn 
anf eine allzu reichliche Mahlzeit am Vorabend zurück. Nach einigen Tagen 
wiederholt sich die schreckliche Szene wieder in der Nacht und von da an 
immer häufiger, auch mehrmals am Tage auftretend. Herr D. ist Philosoph, 
nicht sonderlich ängstlich, glaubt jedoch, sich Klarheit über den Zustand schaffen 
zu müssen und sucht daher einen ihm befreundeten Professor auf, um sich 
dort Rat zn holen. 

r lch habe noch", sagt er seinem Freunde, „wichtige Angelegenheiten zu 
ordnen, bevor ich sterbe. Sage mir offen und ohne Hinterhalt — du kennst 
mich ja — , wie lange ich leben werde. Daß ich den Tod nicht fürchte, das 
weißt du. Auch kannst du mir die Art und den Namen meines Leidens rahig 
mitteilen." 

Der Professor untersucht den Kranken sehr genan und konstatiert eine 
beginnende Arteriosklerose. Er teilt dem Kranken mit, daß er bei entsprechend 
schonender Lebensweise noch zwei Jahre leben könne. Die Folgen dieser Mit- 
teilung waren fürchterliche. Der Patient begab sich auf den Rat seines Freundes 
in eine Anstalt, aus der er nach kurzer Zeit förmlich flüchtete, and machte 
dann eine Seereise, wobei er gewahr wurde, daß er sich auf dem Schiffe aus- 
nehmend wohl fühlte und von keiner Angstempfindung gequält wurde. Aber 
am Lande ging's ihm miserabel! Zu seinen Angstanfällen gesellte sich nun die 
Vorstellung von dem nahen Tode. Er kam immer mehr herunter, bis er sich 
schließlich meiner Behandlung unterzog. 

Es stellte sich nun heraus, daß trotz der bestehenden Arteriosklerose diese 
merkwürdigen Anfälle nicht als Angina pectoris zu deuten waren, sondern als 
rein neurotisches Symptom. Der Mann stand unter der Herrschaft eines schweren 
psychischen Konfliktes. Er hatte seine Geliebte, mit der er seit fünf Jahren 
ein Verhältnis hatte, bei dem er sie nicht schwängern durfte, durch seinen 
besten Freund verloren, den er vertrauensvoll bei ihr eingeführt hatte. Wochen- 
lang hatte er mit dem Gedanken gekämpft: Du wirst dem Elenden seine Beute 
entreißen and ihn erwürgen. Und eines Tages trat dann als Ersatz für diese 
verdrängte Vorstellung dieses eingangs geschilderte Symptom auf. Es ist dies 
ein Vorgang, den wir Konversion nennen. Diese Bezeichnung stammt von Freud, 
dem wir die Erkenntnis dieses interessanten Phänomens verdanken. Hysterische 
sind imstande, ihnen peinliche Gedanken aus dem Bewußtsein zn verdrängen 
und ins Unbewußte zu versenken. Diese peinliche Vorstellung kann sich ent- 
weder in ein körperliches Symptom verwandeln, wie in dem Falle des Musikers, 
was wir dann eben „Konversion" nennen, oder aber sich an eine andere, dem 
Bewußtsein minder peinliche Vorstellung knüpfen, wodurch dann eben eine 

') Stekel, Nervöse Angstzustände und deren Behandlung. Medizinische Klinik, 1907, 
Vr. 35 und 36. 



Klinik der Angstneurose : Angstnearosen mit Erscheinungen des Herzens. 51 

Phobie entsteht. In unserem Falle handelt es sich um eine Mischung von Kon- 
version nnd Phobie. Ich will nur kurz erwähnen, daß die Anfalle nach der 
gelungenen Psychoanalyse vollständig geschwanden sind and der Patient sich 
jetzt, viele Jahre nach der düsteren Prophezeiung seines Freundes, vollkommen 
wohl und arbeitefreudig befindet. 

Aber der Fall zeigt ans mit großer Klarheit, wie schwierig die Entscheidung: 
NeuroBe oder organische Krankheit ist, and daß es für den Arzt ebenso wichtig 
ist, an die eine wie an die andere Ursache zu denken. 

Es ist nicht ausgeschlossen, daß sich die Symptome der Angstneurose 
mit denen der Arteriosklerose mengen können. Ich habe auch solche Fälle 
beobachtet. Immerhin wird man gut tun, selbst in schweren Fällen die 
psychische Komponente nicht zu vergessen und nach sexuellen Schädlich- 
keiten zu forschen. Oft wirkt die Regelung des Geschlechtsverkehrs geradezu 
Wunder. Andrerseits wird sich der erfahrene Praktiker hüten, die organi- 
schen Beschwerden zu unterschätzen. Diese Frage ist oft von größter 
Bedeutung bei jener Form der Angstneurose, die im Senium auftritt, wo 
die Arteriosklerose eine fast physiologische Erscheinung ist. 

Die Kranken fragen den Arzt direkt, ob sie noch Geschlechtsverkehr 
pflegen dürfen. Sie fürchten, daß sie dabei vom Schlag getroffen werden 
könnten. Andere fürchten einen Anfall von Angina pectoris, eine Ohnmacht, 
wenn sie sich gerade bei einer Puella publica befinden, und den Skandal, 
der sich daran schließen würde. 

Diese Frage erfordert immer große Überlegung. Im großen und ganzen 
halte ich die Angstneurose für das schlimmere, d. h. quälendere Leiden. 
Ich habe oft völliges Schwinden der anginösen Beschwerden bei alten 
Personen gesehen, wenn sie einen Koitas ausgeübt haben, konnte auch nie 
einen schädlichen Einfluß auf die Arteriosklerose beobachten. Es heißt in 
diesen Fällen mit großem Takt und noch größerer Vorsicht bei Berück- 
sichtigung der Individualität den Ausweg finden. 

Man halte sich dabei an folgende Erfahrungen: Der Koitus in der 
Ehe, und besonders in einer lange dauernden Ehe, geht selten mit hoch- 
gradiger Erregung und Steigerung des Blutdruckes vor sich. Auch die Auf- 
regungen Bind nur geringe. (Alle Fälle von Ruptur des Uterus nach einem 
stürmischen Kongressns, die in der Literatur bekannt sind, kamen bei 
außerehelichem Koitus vor.) Man empfehle älteren Personen ein ständiges 
Verhältnis, wenn sie eben nicht verheiratet sind und es die Verhältnisse 
gestatten. 

Eine kurze Erwähnung verdienen noch die Anfälle von Herzklopfen 
und „paroxysmaler Tachykardie", die in den meisten Fällen nur Äquiva- 
lente eines schweren Angstanfalles darstellen. Oft sind die Patienten dabei 
hochgradig ängstlich. Es wurde darüber diskutiert, was das Primäre wäre : 
die Angst oder die Tachykardie. Nach meinen Erfahrungen ist die Angst 
immer das Primäre. Oft wird die Angst so maskiert, daß sie fast in den 
Hintergrund tritt. Hie und da ist die Tachykardie ganz ohne Angstzustand 
zu beobachten. Dann ist eben die Tachykardie als völlig adäquates Angst- 
äquivalent zu betrachten. 

Nr. 22. Eiu etwa 3 5 jähriges Fräulein, Masseurin, erkrankt plötzlich an 
Anfallen von Tachykardie. Sie hat dabei kein Angstgefühl, wird aber blaß, die 
Haut kühl anzufühlen; leichter Schweißausbruch. Sie trinkt nicht, raucht nicht, 
fröhnt auch keinem übermäßigen Tee- oder Kaffeegenusse. Dagegen unterhalt 
sie seit drei Jahren ein Liebesverhältnis, das aus Angst vor etwaigen Folgen in 

4» 



52 Erster Teil. Die Angstneurose. 

frnatranen Erregungen verläuft. Rasche spontane Heilung nach Aufgeben des 
Verhältnisses. 

Weitere Fälle von „nervösen" Herzbeschwerden werden wir noch hei 
der Besprechnng der Angsthysterien vorfuhren. 

Diese wenigen Beispiele mögen genügen, nm zu illustrieren, wie 
wichtig die Kenntnis der Angstneurose für den Praktiker ist. Sie schützt 
ihn bei der Beurteilung von Herzaffektionen wiederholt vor schweren Miß- 
griffen nnd Irrtümern. 

Diese Ausfuhrungen der ersten Auflage haben eine sonderbare Bestätigung 
dnrch Max Herz*) gefunden, der eine „neue" Krankheit, die Phrenokardie, 
sechzehn Jahre nach der berühmten Publikation Freuds und ungefähr ein 
Jahr nach der Publikation dieses Buches entdeckte. Noch wunderbarer ist das 
Betonen der sexuellen Ätiologie , wobei der Schaden der Abstinenz in eine 
harmlosere „Sehnsucht nach Liebe" umgewandelt wurde. Der Herzschmerz, den 
wir als Ronversionssymptom auffassen, soll durch die Zerrung des Zwerchfelles 
entstanden sein. Die von uns beschriebenen Angstanfalle paradieren als „phre- 
nokardische Anfalle". Freud und Stekel existieren nicht und werden, der 
erstere flüchtig erwähnt, der zweite gar nicht genannt, obwohl die Kenntnis 
der Literatur und mündlicher Hinweis dies verlangen würden. 

Da wir unsere Priorität schon gewahrt haben , so wollen wir gerne zu- 
geben, daß Herz das klinische Bild der Angstneorose sehr scharf erfaßt und 
ein sehr prägnantes klinisches Bild geliefert hat. So bat er die ziemlich zu- 
treffende Beobachtung mitgeteilt, daß der Herzschmerz der Angstoeurose „stets 
in die linke Brustseite unter die Herzspitze verlegt wird". Dies stimmt für die 
meisten Falle, aber nicht für alle. Ich habe Falle gesehen, wo der Schmerz in 
die Magengrube und in die Mitte des Herzens verlegt wurde. Immerhin stimmt 
die Angabe für viele Falle. Herz faßt diesen Schmerz als Muskelschmerz auf. 

„Die Beziehungen zur Atmung machen es im höchsten Grade wahrscheinlich, 
daß wir nicht fehlgehen, wenn wir annehmen, daß es diejenigen Teile des Zwerch- 
felles sind, welche sich au der linken unteren Brustapertur inserieren, in denen 
wir den Schauplatz der eigenartigen Empfindungen zu suchen haben. Dies hat 
mich bewogen, für den Schmerz, der das hervorstechendste Symptom in unserem 
Krankheitsbilde darstellt, den Terminus „Phrenodynie" vorzuschlagen. Er- 
innern wir uns der oben zitierten Angaben der Patienten, dann liegt der Ver- 
gleich mit einer anderen schmerzhaften Empfindung, welche ebenfalls in eine 
große Muskelmasse verlegt wird, nämlich mit der Lumbago nahe. Geradeso 
wie dieser Schmerz nicht kontinuierlich ist, sondern nur plötzlich in Stichen, 
meist bei ungewollten Bewegungen auftritt, können wir uns auch den an- 
geblichen Herzschmerz durch Zusammenziehungen des Zwerchfelles entstanden 
denken, welche hei der normalen, ruhigen Atmung nicht stattfinden. Eine be- 
friedigende Erklärung für das Zustandekommen der Empfindung aus anatomi- 
schen Veränderungen fehlt uns da und dort." 

Ich glaube nicht an diese Ätiologie. Der Herzschmerz schwindet bei diesen 
Personen, wenn sie glücklich werden und keinen seelischen Kummer mehr 
haben. 

Die Klugen der an „Phrenokardie" Erkrankten sind dieselben, die wir bei 
der Angstneurose kennen gelernt haben : 

„So klagen die Patienten über unbestimmte Gefühle in der Herzgegend, 
wie sie auch bei organischen Herzerkrankungen häufig sind. Wenn sie ganz 



M Herz, „Die Phrenokardie". (Verlag Wilhelm Branmöller, Wien 1909.) 



Klinik der Angatneurose: Angstneurosen mit Erscheinungen des Herzens. 53 

undefinierbar 8ind, klagt der Patient darüber, daß er seit einiger Zeit wisse, 
daß er ein Herz habe, andere sprechen von einem Vibrationsgefühl, einem 
Rieseln, Blasenspringen, Tropfenfallen n. dgl. Wieder andere haben die Emp- 
findung einer Schwache in der Herzgegend und sprechen anch kurzweg von 
einer zeitweisen Herzschwache, einem Ausdruck, durch den man sich nicht irre- 
leiten lassen darf. Wieder andere haben das Gefühl einer beängstigenden Leere 
in der Brust und dergleichen." 

Wertvolle eigene Beobachtungen teilt Herz Aber die Differentialdia- 
gnose mit: 

„Mit dem nervösen Herzklopfen darf die starke Empfindung nicht ver- 
wechselt werden, welche einzelne Extrasystolen hervorrufen, die auch bei 
nervösen Herzkranken so häufig sind. Diese Äußern sich bald durch einen hef- 
tigen Ruck in der Herzgegend, bald als Gefühl eines momentanen Herzstill- 
standes, bald steigt eine Empfindung vom Herzen gegen das Gehirn auf, bald 
scheint ein Finger von innen her gegen die Brustwand anzutupfen, bald eine 
üasblase im Herzen aufzusteigen u. dgl." 

„Bezüglich des Auftretens der subjektiven Herzbeschwerden bemüht man 
sieb seit langem, Unterschiede zwischen den organischen und den nervösen Er- 
krankungen aufzufinden. Der nächstliegende Gedanke war stets der, zu unter- 
suchen, wie sich die Verhältnisse bei körperlicher Arbeit gestalten, und da 
man a priori erwarten zu dürfen glaubte, daß ein dnreh gewebliche Verände- 
rungen insuffizient gewordenes Herz bei kleiner Muskelarbeit, ein bloß nervöses 
Herz dagegen erst bei größeren Leistungen aus dem Gleichgewicht gebracht 
werden dürfte, wird dieses Verhalten zumeist als das gesetzmäßige und differen- 
tialdiagnostisch zu verwendende angesehen. Die Tatsachen hingegen entsprechen 
dieser Regel durchaus nicht. Es bieten sich uns so häufig nervöse Herzkranke 
dar, welche ebenso wie die an Herzmuskelentartung leidenden bei jedem Ver- 
such, einen ansteigenden Weg oder eine Treppe zu nehmen, sofort von Herz- 
klopfen befallen werden. Es sind dies Patienten, welche unter dem Einflüsse 
einer gleichzeitig bestehenden Neurose an einem Gefühl großer Müdigkeit und 
Abgescblagenheit leiden, welchem objektiv eine bedeutende funktionelle Muskel- 
schwache entspricht, die wir dorch die Untersuchung mit dem Dynamometer 
nachweisen können. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß die Muskulatur des 
Herzens sich dabei ebenso verbalt wie die übrige Körpermuskulatur, d. h. daß 
ihre Leistungsfähigkeit tatsächlich herabgesetzt ist und wir hier eine wirkliche 
nervöse Herzschwache vor uus haben, gegen deren Annahme sich Krehl 1 ) mit 
Entschiedenheit ausgesprochen hat." 

Ferner ein differentialdiagnostisches Moment: 

„Daß es nicht die Größe der geleisteten Arbeit, sondern nervöse, vor 
allem psychische Einflüsse sind, welche hier maßgebend sind, wird auch durch 
den gesetzmäßigen Ausfall jener Funktionsprüfung des Herzens bestätigt, welche 
ich seinerzeit als ßelbsthemmungsprobe bezeichnet habe. 

Die Selbsthemmungsprobe besteht darin, daß man den Kranken veranlaßt, 
seinen rechten Arm so langsam und gleichmaßig als möglich zu beugeu und 
wieder zu strecken. Ich habe ihr diesen Namen beigelegt, weil ich derartige 
langsame Bewegungen, bei denen keine äußere Arbeit geleistet wird, als Selbst- 
hemmungsbeweguugen bezeichnet habe. Sie wirken dadurch, daß die Aufmerk- 
samkeit auf das äußerste angespanut wird. Unter solchen Verbaltnissen nun zeigen 
sich charakteristische Unterschiede in dem Verhalten von gesunden und auf ver- 



') Münchener med. Wochenschrift, 1906, Nr. 4. 



54 Erster Teil. Die Angstuearose- 

schiedene Art erkrankten Herzen. Bei gesunden Herzen ändert sich die Pulszahl 
kaum, ein degenerierter Herzmuskel verlangsamt zumeist bei angespannter Auf- 
merksamkeit seine Schlagfolge, wahrend das nervöse Herz eine oft 
enorme Steigerung seiner Frequenz aufweist. 

Eine Herabsetzung der Pulsfrequenz, die bei Herzneurosen anderer 
Art nach meiner Erfahrung nicht so selten ist, als man gewöhnlich glaubt, 
habe ich bei der sexuellen psychogenen Berzneurose niemals konstatieren können. 
Hingegen sind Intermittenzen des Pulses, welche stets auf Extrasystolen 
zurückzufahren sind, ein häufiges Vorkommnis. Ob sie direkt in dem Wesen 
unserer Krankheit begründet sind oder dadurch entstehen, daß die Reflexe von 
anderen Organen, besonders vom Darm aus, welche auch sonst Extrasystolen 
zu erzeugen pflegen, hier leichter zustande kommen, durfte schwer zu ent- 
scheiden sein." 

Immer konnte Herz im „phrenokardischen Anfall" eine mehr oder 
weniger hochgradige Tachykardie und die sogenannte Hachardsche Embryo- 
kardie konstatieren. (Die beideu Herztöne gleichmäßig — wie das Ticken 
einer Uhr!) 

„Der Schmerz der Angina pectoris sitzt niemals wie derjenige der 
Phrenodynie unter und außerhalb der linken Mamilla, sondern er macht sieb 
stets in den mittleren oberen Partien der vorderen Brustwand, 
hauptsächlich unterhalb des Sternums geltend und breitet sich 
von da verschieden weit aus. Ausstrahlungen des Schmerzes in die 
linke oder auch in dio rechte obere Extremität kommen da und 
dort vor. 1 ) Der phrenokardische Schmerz gleicht, wenn er knrz ist, einem 
ßtich, bei längerer Dauer wird er als schneidend bezeichnet. Bei der Schil- 
derung des Schmerzes der Angina pectoris hören wir immer Vergleiche, in 
denen ein kompakter, fester Körper eine Rolle spielt. Bald druckt eine schwere, 
harte Masse von innen nach außen, bald findet scheinbar eine Einschnürung 
statt, die auf die Oberfläche wirkt. Stets wird bei unserer Neurose mehr die 
Intensität und bei der Stenokardie die nicht zu schildernde entsetzliche 
Qualität des Schmerzes von dem Kranken in den Vordergrund gestellt." 

Als die Ursache dieser Schmerzen glanbt Herz eine Zerrung durch das 
Zwerchfell ansprechen zu dürfen. Ich habe immer eine psychische Ursache (un- 
glückliche Liebe, eingebildetes Herzleiden usw.) finden können. Sehr deutlich 
schildert diese Konversion seelischer Phänomene ins Körperliche eine eigene 
Beobachtung von Herz: 

Nr. 23. „Es handelt sich um ein junges Mädchen, welches über die 
angeblichen Herzschmerzen und Atemsperre und zeitweises Herzklopfen klagte. 
Diese Symptome pflegten sich gegen Abend, besonders zur Zeit des Zubette- 
gebens intensiver zu äußern. Mit der Zeit trat der sie begleitende Affekt, der 
anfangs nur der natürlichen, durch die Beschwerden erzeugten psychischen 
Verstimmung entsprach, sich aber immer deutlicher zur Verzweiflung eines un- 
gerecht Leidenden entwickelte, in den Vordergrund. Daraus entwickelten sich 
regelmäßig wiederkehrende Anfälle der früher geschilderten Art. Mit der Zeit 
schien sich das Bewußtsein der Patientin während der Anfälle zu trüben und 
sie überraschte durch gelegentliche Äußerungen, welche darauf hinwiesen, daß 
sie Stimmen zu hören und Gestalten zu sehen glaubte. Die Halluzinationen 
nahmen allmählich bestimmte Formen an und man erkannte, als die Kranke in 



') Ich mache auf die Differenzen in den Angaben von Ortner (S. 43) und Urrz 
infmerksam. 



Klinik der AngBtneorose: Angstnearosen mit Erecbeinangen des Herzens. 55 

ihren Anfällen von verschiedenen Gegenden , deren Anblick sie entzückte, 
schwärmte, Bilder ans ihrer Vergangenheit. Regelmäßig schloß sich später an 
dieses schwärmerische Stadium ein solches an, in welchem die Patientin bald 
exaltierte Reden führte-, in denen sie ihre angeblichen Verfolger bat, von ihr 
abzustehen, bald tobte und schrie, Fluchtversuche unternahm n. dgl. In diesem 
letzten Stadium spielte eine Vorstellung eine wichtige Rolle, und zwar diejenige 
eines Feindes, der mit einem Messer in die Gegend unterhalb ihres 
Herzens stach, was ihr naturgemäß große Schmerzen bereitete. Oft erst nach 
Stunden endete der Anfall entweder mit einem tiefen Schlaf oder mit einer 
Rückkehr zur zeitlichen und örtlichen Orientierung. Dieser Fall endete mit 
einer vollständigen Heilung durch Eheschließung." 

Diese Beobachtung hätte Herz überzeugen können, wie seelische Kräfte 
beim Znstandekommen der Herzschmerzen die wichtigste Rolle spielen.') Die 
Vorstellung eines stechenden Messers (übrigens nach unseren Erfahrungen 
die symbolische Darstellung eines Geschlechtsaktes! Verlegung von unten 
nach oben!) löst einen heftigen Schmerz aus. Also wieder das uns schon 
bekannte Phänomen der Konversion. 

Doch was nützen uns solche Beobachtungen, wenn sie sich in der 
klinischen Schilderung der Symptome erschöpfen und uns die geheimen 
seelischen Kräfte nicht enthüllen !*) Zum Vergleiche möchte ich mit einer 
eigenen Beobachtung von Herzschmerzen schließen, die sehr lehrreich ist 
und in mancher Hinsicht interessante Gesichtspunkte bietet. 

Nr. 24. Herr I. Ch., ein BOrodiener, klagt über einen eigentümlichen 
stechenden Schmerz in der Herzgegend, der so unerträglich ist, daß er 
ihn nicht einschlafen läßt. Manchmal bat er das Gefühl, als ob etwas sehr 
Schweres auf ihm lasten würde. Der Schmerz wechselt ab mit Angstge- 
fühlen, besonders Angstgefühlen vor einem Herzschlag. Er hat die unbestimmte 
Angst, er müßte sich wegen eines Verbrechens verantworten und 
er habe doch keines begangen! Er fühlt sich sehr matt und niedergeschlagen, 
arbeitsunfähig, ist hartnäckig obstipiert. Er klagt auch über ein eigentümliches 
Springen und Zucken in den Muskeln, besonders im Oberschenkel und Oberarm. 
Zeitweilig leidet er an flüchtigem Schwindel, als ob etwas aufsteigen würde, 
— ein Ruck, und die Erscheinung ist vorüber. Er hat schwere Träume. Er 
stürzt eine grundlose Tiefe herunter, es reißt den ganzen Körper, er 
soll eine schwere Prüfung bestehen und ist nicht vorbereitet. Den Schmerz 
im Herzen lokalisiert er links von der Herzspitze (zirka 2 cm). Er ist 18 Jahre 
verheiratet. Ein Kind ist 16, das andere 8 Jahre alt. Mit Ausnahme der 
Schwangerschaften übte er die ganze Zeit Coitus interruptus aus. 

Diesem Kranken wurden von einem Arzte Koblensäurebäder verordnet. 
Difficile est non satiram scribere! Wenn man heutzutage zu einem Arzte kommt 
und über Herzbeschwerden welcher Natur immer klagt, verläßt man das Ordi- 
nationszimmer sicher mit einer Anweisung für Koblensäurebäder. Hier erfolgte 
nach den ersten Bädern eine enorme Verschlimmerung der Beschwerden. Das 
ist eine Beobachtung, die man bei der Angstneurose sehr häufig machen kann. 
Diese Kranken vertragen Koblensäurebäder sehr schlecht. Sie steigern 



') Diese Art von Konversion ist poetisch von Heine in der Wallfahrt nach Kevlaar 
verwertet worden. 

*) Einen sehr schonen, lehrreichen Fall von Herznenrose beschreibt M. Wulff (Bei- 
trag lor Lehre von den Herznenrosen. Angstnearosen. Deutsche Med. Wocbensohr., 1910, Nr. 2.) 



56 Erster Teil. Die Angstneorose. 

die Libido infolge des starken Hautreizes und vermehren das Herzklopfen. 
Viele sind außerstande, veiter zu baden. 

Bei unserem Patienten besteht eine typische Angstneurose. Wer sich mit 
dieser Diagnose begnügen wflrde, hatte doch das Wichtigste in diesem Falle 
Übersehen. Es sind eine Reihe von Erscheinungen, die auf einen psychischen 
Konflikt deuten. Ich frage ihn, ob er in seiner Ehe glücklich lebt. 

„Jetzt schon, seit wir allein sind." 

„Waren Sie früher nicht allein?" 

„Nein, wir haben mit den Schwiegereltern zusammen gelebt und da hat 
es immer Streit gegeben." 

Es würde zu weit gehen, die ganze Unterredung zn schildern. Ich will 
nur das Resultat wiedergeben. Er hatte früher die ganze Zeit gehofft und ge- 
wünscht, daß die alten Leute bald sterben würden. Dann werde er Ruhe im 
Hause haben. Eine kleine Erbschaft kam auch in Frage. Nach dem Tode der 
Schwiegereltern begann er sieb Vorwürfe zu machen, er habe nicht alles getan, 
um sie zu retten. Er ist ein sehr frommer Mensch. Diese Vorwürfe waren die 
moralische, religiöse Reaktion auf seine Todeswünsche. 

Jetzt erst verstehen wir seine Schmerzen uud Klagen. Es lastet etwas 
Schweres auf seiner Brust. — Was i>t das anderes, als seine schwere Schuld? 
Er müßte sich wegen eines Verbrechens verantworten. — Natürlich vor Gottes 
Richterstuhl wegen der sündigen Todesgedankeu. Seine Träume verraten dem 
Kenner den religiösen und kriminellen Komplex. Der Sturz ist der Sündenfall 
und der 8turz in die Hölle. Die Prüfung ist die Prüfung vor Gottes Richter- 
stuhl. (Von anderen Determinationen wollen wir jetzt absehen.) 

Dieser Fall zeigt uns auch deutlich die Genese des kranken Herzens und 
der Herzschmerzen '), denn der Mann ist noch dazn unglücklich verliebt uud 
hat dieselben Todeswünsche gegen seine Frau wie gegen die Schwiegereltern. 
Seine schwerste Schuld ist der Gedanke: „Wenn jetzt noch deine Frau 
stirbt (und zwei deiner Wünsche sind ja in Erfüllung gegangen!), dann bist 
du ein freier Mann und kannst die andere heiraten!" 

Wir sehen, wie fortgesetzte organische Schädigungen (der langjährige 
Coitus interruptus) und tiefe seelische Konflikte zusammenwirken, am ein 
Krankheitsbild zu erzeugen, das kurzsichtige Ärzte dann „Neurasthenie" 
oder, wenn sie sehr modern sind, „Psychasthenie" benennen. 

Eine jedeNeurasthenie zeigt dasselbe Bild: Einen schweren 
psychischen Konflikt und das bekannte Bild der Angstneurose. 
Mit anderen Worten: Es gibt keine Neurasthenie und keine 
Psychasthenie. Es gibt nur Seelenkrankheiten, die bei beson- 
ders disponierten Individuen (Heredität, Milieu, Erziehung, 
Störungen der inneren Sekretion usw.) die verschiedensten 
somatischen Störungen hervorrufen. 



VII. Klinik der Angstneurose : Die Brustangst und die 
anderen Erscheinungen der Respirationsorgane. 

Nächst den Herzkrankheiten kommen als Ursache von Angstgefühlen 
die Erkrankungen der Atniungsorgane , besonders die Lungenkrankheiten, 
in Betracht. Bei erschwerter Nasenatmung (Polypen, Deviationen des Scp- 



Klinik der Angstneorose: Die Brustangst etc. ä7 

tums, Hypertrophien der Muscheln, adenoiden Vegetationen, akutem und 
chronischem Schnupfen) treten besonders in der Nacht häufig Üppressions- 
gefUhle mit Angsterscheinungen auf. Ferner gibt es eine Reihe organischer 
Lungenkrankheiten, die alle mit schweren Angstgefühlen einhergehen. 
Meistens ist es der Lufthunger, der 6ich in einer Angst vor Erstickung 
äußert. So wird man es begreiflich finden, wenn ein Kranker mit einem 
großen pleuritischen Exsudate über Oppressionsgefühle, Lufthunger und über 
Brnstangst klagt. Merkwürdigerweise können wir sehr häufig beobachten, 
daß manche Lungenkrankheiten mit den objektiven Zeichen der schwersten 
Dyspnoe verlaufen, ohne daß die Kranken über Atemnot klagen. Man sieht 
Lungenentzündungen, bei denen die Zahl der Respirationen auf 40—50 iu 
der Minute steigt. Die Kranken sind schwer cyanotisch, Bie röcheln, der 
Pols ist kaum fühlbar und trotzdem empfinden sie den Lufthunger nicht 
als Angstgefühl - 

Das charakteristische Kennzeichen der nervösen Brust- 
angst ist eben dieses Mißverhältnis zwischen dem objektiven 
Befunde und den subjektiven Beschwerden. Bei keiner Krankheit 
tritt dieses Mißverhältnis so deutlich zutage wie bei den sogenannten ner- 
vösen Formen des Asthmas. Ich sage „den sogenannten nervösen Formen 
des Asthmas ", weil es sehr fraglich ist, ob überhaupt noch andere Formen 
existieren. Wir unterschieden bisher ein kardiales Asthma und ein Bron- 
chialasthma, nannten kardiales Asthma dasjenige, bei welchem wir das 
Asthma auf Veränderungen des Herzens zurückzuführen glaubten, Bron- 
chialasthma dasjenige, bei welchem wir zahlreiche objektive Erkrankungen 
an der Lunge (Emphysem, verschiedene Geräusche usw.) beobachten 
konnten. Aber schon älteren Beobachtern fiel es auf, daß die beiden Formen 
sehr häufig zusammen vorzukommen pflegen, daß sich einerseits bei einem 
Bronchialasthma die Qualität des Pulses bedeutend verschlechterte, anderer- 
seits das kardiale Asthma mit charakteristischen Erscheinungen von Seite 
der Lunge kombinierte. Eine Zeitlang glaubte man, die Anwesenheit von 
t'Aarcotechen Kristallen und Curachmannschea Spiralen gebe einen sicheren 
Anhaltspunkt für die Diagnose. Allein, wie schon Leyden betont, sind 
beide für die Diagnose des Asthmas absolut nicht charakteristisch. Sie sind 
im Wesen als Produkte des Katarrhs anzusehen, und wir werden sehr 
bald sehen, daß dieser Katarrh etwas Sekundäres ist, daß er etwas durch 
das Asthma Erzeugtes darstellt. 

In sehr vielen Fällen ist das Asthma nur der Ausdruck einer beson- 
deren Form der Angstneorose. 1 ) Die Angst tritt gewissermaßen maskiert 
als Lufthunger auf. Sie ist, wie ich schon wiederholt ausgeführt habe, 
vom Psychischen auf das Organische verschoben. Brügelmann, der genaue 
Kenner des Asthmas, sprach schon vor Jahren Freud gegenüber die An- 
sicht aus, das Primäre eines Asthmaanfallcs sei immer die Angst und erst 
sekundär träten der Lufthunger und die verschiedenen Erscheinungen der 
Bronchien auf. Diese Ansicht ist längst von bedeutenden Klinikern in ge- 
wissem Sinne, d. h. teilweise, akzeptiert worden. Der Zusammenhang 
zwischen Nervosität und Asthma drängte sich so auf, daß man eine ganze 



') Diese in der ersten Auflage vertretene Ansicht ist mittlerweile durch viele ander- 
weitige Beobachtungen und Erfahrungen gestützt worden. Auch Sndger, dem meine Mit- 
teilungen offenbar entgangen sind, wirft die Frage auf: „J.Bt das Asthma bronchiale 
eine Sexualneurose?" (Zentralb), für Psychoanalyse, I. Jahrgang, Heft n/6, Seite 200) 
and kommt zu den gleichen Resultaten wie ich, so daß er die Frage bejahen kann. 



58 Erster Teil. Die Angstnenrose. 

Gruppe des Asthmas als nervöses Asthma oder als Reflexasthma von dem 
eigentlichen Bronchialasthma sonderte. Um Mißverständnissen vorzubeugen, 
müssen wir gleich betonen, daß wir unter Asthma nicht den Lufthonger 
verstehen, wie er z. B. einen Emphysem atiker plagt, dessen Katarrh sich 
gerade verschlimmert hat, sondern jene charakteristische Erscheinung, bei 
der es zu Anfällen von Atemnot, mitunter auch sehr plötzlich, bei bestem 
Wohlbefinden, kommt, welche Anfälle kürzer oder länger dauern, mit oder 
ohne Katarrh der Bronchien einhergehen und dann mehr oder weniger 
rasch abklingen. Nun machte man die Beobachtung, daß eine große Zahl 
solcher Asthmakranker auch andere Zeichen der Nervosität zeigten. Man 
glaubte also das Asthma werde durch Neurasthenie kompliziert. Nasen- 
ärzte weisen auf den Zusammenhang zwischen Veränderungen in der Nase 
und Asthma hin. Es gelang durch Abtragung oder Ätzung von Hypertro- 
phien, von besonders empfindlichen Schleimhautstellen, durch Entfernung 
von Polypen etc., die Asthmaanfälle vorübergehend oder dauernd zu be- 
seitigen. Dieser Zusammenhang wird uns nicht wundern, wenn wir das 
Asthma als eine besondere Form der Angstnenrose auffassen. Wir wissen, 
daß die Nase, und Fließ ») hat das ja genau bewiesen, gewissermaßen einen 
Knotenpunkt für jenes Nervengeflecht darstellt, das die Geschlechtsorgane 
versorgt. Der Zusammenhang zwischen Geschlechtsorganen und Nase ist 
durch bo viele einwandfreie Beobachtungen bewiesen, daß wir die Heiler- 
folge bei nervösem Asthma von der Nase aus auf die Beeinflussung der 
Geschlechtssphäre zurückfuhren müssen. Leyden glaubt, die Uterusnerven 
könnten ein Astbma auslösen, weil manche Anfälle regelmäßig zur Zeit 
der Menstruation auftreten. Das beweist gleichfalls die intimen Zusammen- 
hänge zwischen Sexualleben und Asthma. Die Beziehungen zwischen Angst- 
neurose und Sexualität haben wir ja, ich glaube gründlich und überzeugend, 
besprochen. Weshalb die Angst sich einmal auf das Herz, das anderemal 
auf die Lunge verschiebt, das ist noch nicht klar. Möglicherweise spielen 
dabei auch die hypochondrischen Befürchtungen, denen selbst normale 
Menschen unterworfen sind, eine gewisse Rolle. Jeder, der von Haus aus 
fürchtet, er sei im Herzen nicht ganz in Ordnung, wird bei einer Angst- 
neurose sehr leicht Erscheinungen von Seite des Herzens produzieren. Da- 
gegen wird jeder, der von Natur aus zu Erscheinungen des Lufthungers 
disponiert ist, der beispielsweise hie und da an chronischem Bronchial- 
katarrh leidet (locus minoris resistentiae — Minderwertigkeit des Organes 
im Sinne Adlers 2 ) einen solchen Anfall sehr leicht als Asthma empfinden, 
da die Angst beim Asthmaanfalle häufig in den Hintergrund tritt. Da auch 
die anderen Erscheinungen der Angstneurose von den vorspringenden Sym- 
ptomen des Lufthungers vollständig verdeckt werden, ist es kein Wunder, 
daß man zur Entlarvung des Asthmaanfalles als Angstäquivalent lange 
Jahre gebraucht hat. Jetzt allerdings scheint die Erkenntnis, Asthma bron- 
chiale wäre Angst, zu allgemeiner Geltung zu gelangen. Auch Goldscheider 
(„Über Asthma bronchiale", Zeitung für ärztliche Fortbildung, 1907, Nr. 23) 
glaubt, daß das Vorhandensein der spezifischen Asthmakristalle und Spiralen 
für Asthma absolut nicht beweisend ist. „Es ist möglich", sagt er, „daß 
die forcierten Exspirationsbewegungen den Katarrh erzeugen." Für diese 

') Beziehungen zwischen N'ase und weiblichen Geschlechtsorganen. Wien und Leipzig, 
Franz Ileuticke. 

') Alfred Adler, Studie ober Minderwertigkeit von Organen, l'rban * Schwaraen- 
berg, Wien 1907. 



Klinik der Angstneurose: Die Brust angst etc. 59 

Annahme sprechen Versuche, welche von Talma und Strübing unabhängig 
voneinander vorgenommen worden sind und welche ergaben, daß Gesunde, 
welche die Asthma-Atembewegung nachahmten, unter Umständen 
Hustenreiz und Katarrh bekamen." 

Ich kenne Kranke, welche nach einem Angsttraume, der auf dem 
Boden einer Angstneurose entsteht, mit Asthma erwachen, und auch der 
Gewährsmann Goldscheiders, J. Gad, hat an sich solche Beobachtungen 
gemacht, woraus er schließt, daß die Kohlensäureanhäufung im Blute nicht 
die Veranlassung des Asthmas sein könne. Goldscheider bsstätigt, daß das 
Nervensystem bei den Anfällen von Bronchialasthma eine ganz wesentliche 
Rolle spielt. 

Er sagt: „Daß das Nervensystem bei den Anfällen von Bronchialasthma 
eine ganz wesentliche Rolle spielt, ist außer Zweifel. Die Plötzlichkeit und 
Launenhaftigkeit der Attacken, die oft offenbare Abhängigkeit von psychischen 
Einwirkungen and nervösen Reizen ist Beweis genug. Manche der Patienten 
kann man geradezu als „Atmunganeurastheniker" bezeichnen. Die Vorstellung, 
einen Astbmaanfall zu bekommen, vermag bei solchen Personen einen Anfall 
wirklich auszulösen. Man muß eine gesteigerte Reizbarkeit gewisser Anteil« des 
Nervensystems, eine asthmogene Veränderung annehmen. Diese Auffassung 
finden wir fast durchweg bei den moderneu Autoren ausgesprochen, von welchen 
eb A. Fränkel und F. Kraus hervorhebe." 

Die Auslösung des Asthmaanfalles durch psychische Bewegungen ist 
analog den Ausdrucksbewegungen der Affekte und beruht auf der Assozia- 
tion verwandter Gefühle und Stimmungen. Mit dem Asthmaanfalle ist 
Angst nnd Erstickungsnot verbunden; psychische Erregungen, wie Schreck, 
Angst usw., können infolge der Verwandtschaft der Gefühle die begleitende 
Affektbewegung des Asthmas hervorrufen. 

Auch die Therapie nimmt Rücksicht auf diese Erfahrungen. Gold- 
scheider empfiehlt, den Asthmatiker wie einen Neurastheniker zu be- 
handeln ; allgemein tonisierende Maßnahmen, hydriatische Prozeduren, Ruhe 
bei Überarbeiten, ablenkende Beschäftigung bei gesteigerter Selbstbeobach- 
tung, beruhigender Zuspruch bei Verängstigten, Abhärtung bei Erkältungs- 
furcht. Als Grundlage der Behandlung betrachtet er die psychische Behand- 
lung und sagt sehr treffend: „Die psychische Behandlung muß auch in der 
anfallsfreien Zeit durchgeführt werden. Man suche bei dem Patienten das 
Vertrauen zu befestigen, daß seine Anfälle im hohen Grade von seiner 
Nervenstimmung abhängen und daß er durch ängstliche Vorstellungen dem 
Eintreten des Anfalles Vorschub leiste, daß er durch regelmäßiges Atmen 
und Bewahren geistiger Ruhe imstande ist, dem beginnenden Anfall mit 
Erfolg entgegen zu treten." 

Auch Georg Avellis (Verhandlungen der Deutsch. Laryng. Gesellsch. 
Dresden 1907), ein genauer Kenner des Asthmas, betont, daß ein Angst- 
gefühl bei nervösen Menschen, etwa die Vorstellung, keine Luft mehr 
zu bekommen, den natürlichen unbewußten Atemtypus in einen be- 
wußt anormalen verwandeln (Übertreibung der Inspirationsgröße!) und 
gleichzeitig auch sekretorische Veränderungen im Vagusgebiete hervorrufen 
kann. (Ronchi und Rasseln.) Durch Narkose kann das Aufhören 
der krankhaften Geräusche erzielt werden. Ebenso kann bei „hyp- 
notisch Veranlagten", die schon an Asthma gelitten haben, ein Anfall durch 
Hypnose provoziert werden. 



60 Erster Teil. Die A°gstneurose. 

A. Stegmann („Zur Ätiologie des Asthmas bei Kindern", Med. Klinik, 
1908, Nr. 19) hat drei Fälle von Asthma bei Kindern durch Hypnose 
geheilt. A. Friedländer konnte in einem Falle von Heufieber bei einem 
jungen Manne, der schon 16 Jahre daran litt, eine wesentliche Besserung 
der Beschwerden und ruhiges Atmen durch die Hypnose erzielen. (Zur 
Therapie des Heuhebers. Miinch. med. Wochenschr. 190b, Nr. 37.) Ich wül 
gleich betonen, daß die Hypnose nur durch die momentane Beruhigung 
wirkt und keinen Dauererfolg erzielen kann, wenigstens nicht in allen 
Fällen. Es ist immer notwendig, auf die sexuelle und psychische Ätiologie 
zurückzukommen. 

Es ist jetzt Mode geworden , von Diathesen zu sprechen. Die Fran- 
zosen, and Janet besonders, sprechen bei diesen Zustünden gerne von der 
„arthritischen Diathese". Czerny hat neuestens den Begriff der „exsuda- 
tiven Diathcse" aufgestellt und aufmerksam gemacht, daß zwischen Er- 
scheinungen der Kindheit, wie Ekzemen, Strophulus infantum, Urtikaria 
und dem späteren Asthma Zusammenhänge bestehen und Strümpell hat 
besonderen Wert auf diese Zusammenhänge gelegt. Das kommt wohl 
daher, daß es sich um Nenrotiker handelt, die schon in der Kindheit 
verschiedene neurotische Symptome zeigten. Selbstverständlich treten diese 
Symptome derart auf, daß sie die konstitutionelle Schwäche verraten. Die 
Erscheinungen von Asthma sind nur die stärkste Ausprägung von den 
Störungen der Respiration, die allen Angstncurotikern eigen sind und im 
Angstanfall so charakteristisch zur Geltung kommen. Nur darf man nie 
vergessen, daß die Angst das Primäre ist und die Respirationsstörung 
sekundär auftritt. Janet (Les nevroses, pag. 221) behauptet irrtümlich: 
„Viele Angstzustände der Psychastheniker sind nur Respirationsstörungen. " 
Im Gegenteil! Die Störungen der Atmung sind Ausdrucksformen der Angst- 
neurose. Sehr richtig ist die weitere Bemerkung Janeta: „Alle Phobiker 
fühlen Beklemmungen auf der Brust und glauben, daß ihnen der Atem 
ausgehe. Ich fühle, daß ich ersticke; ich fühle, daß sich nichts in meiner 
Brust rührt, und es scheint mir, daß die anderen Menschen auch nicht 
mehr atmen. — Das ist das allgemeine Ende. Alle Welt stirbt an Er- 
stickung. Wenn man in solchen Fällen Respirationskurven aufnimmt, 
so findet man alle Arten von Unregelmäßigkeiten , sakkadiertes Atmen, 
sehr sonderbare Zitterbewegungen des Bauches, Polypnoe und Seufzer- 
krampf. " 

Diese Störungen betreffen nicht nur die Lunge allein, sondern auch 
Nase und Rachen. Viele Fälle von hartnäckigem, jeder Behandlung trotzen- 
dem Schnupfen sind Angstneurosen. Ich kenne Patienten, die nach jeder 
großen Erregung, besonders aber nach frustranen sexuellen Vergnügungen 
einen sehr heftigen Schnupfen bekommen, der wochenlang dauern kann 
und sich durch allerlei quälende Begleiterscheinungen auszeichnet. Die Se- 
kretion ist ungeheuer stark, so daß man mit Recht von einer nervösen 
Hydrorrhoe (Bosworth) sprechen kann. {Janet beobachtete eine Rhinorrhoe, 
bei der 600 c»t» Flüssigkeit im Tage entleert wurden!) In meinem Falle 
trat in der Psychoanalyse Heilung des Zustnndcs ein. ohne daß ich mich 
mit dieser Erscheinung näher beschäftigte. Es handelte sich um eine schwere 
Phobie nnd die Rhinorrhoe war einerseits eine Schutzmaßregel (der Patient 
erkrankte, wenn er zu einer Frau gehen wollte!), andererseits die Folge von 
Identifizierung mit seiner an chronischem Schnupfen leidenden Er- 
zieherin. 



Klinik der Angstneurose: Die Brustangst etc. 61 

Auch das Henfieber ist nur eine Neurose, wie Morton Prince aus- 
geführt hat (Journal of abnormal Psychology). Andere Erscheinungen sind : 
bellender Husten, Würgen im Rachen, Kitzeln im Kehlkopf usw. 

Bevor wir zur Analyse von einem Falle von Asthma schreiten, möchte 
ich noch eine Beobachtung von Janet anführen, die er an einer Kranken 
gemacht hat. von der er sagt: .11 y a cependant une variete morbide snr 
laqnelle diffcrents auteurs attirent l'attention depuis quelque temps; c'est 
la maladie qui n'est constituee que par des crises d : emotion excessives, 
c'est L'etat d'anxietc dont parlait autrefois Morel, les decharges 
emotives de Wcir- Mite hei, les etats d'angoisse de Mac Farlan, 
les Panphobies de Beard et plus recement la nevrose d'angoisse 
de Freud." Man sieht, Janet wirft alle Autoren in einen Topf, obwohl 
seine Kenntnis der Arbeit Freuds ihn hätte belehren können, daß wir 
damit eine fundamentale Erweiterung unseres Wissens erfahren haben. 
Nun zu seiner Beobachtung. 

Nr. 25. Eine 34jährige Dame schreibt an den Autor: „Ich habe kein 
anderes Leiden als eine unerträgliche Angst vor Krisen, die drohende Emp- 
findung eines Leidens. Manchmal kommt es zu keiner Krise, aber ich fahle 
die Drohung. Die Angst, die Furcht, es komme die Krise." — Sie beschreibt die 
Krise als .ein Zusammenschnüren der Brust", „einen eisernen Gür- 
tel um die Brust und Lenden", als ein ErstickungsgcfQhl mit einem stür- 
mischen Pochen des Herzens. Die Brust macht ihr den Eindruck „einer 
Flasche, die man schüttelt", Übelkeiten, Brechreiz, Schwindel, Sausen in 
den Ohren und eine exzessive Salivation vervollständigen das Bild. Die Krankheit 
geht auf die Kindheit zurück. 8ie hatte schon als Kind eine solche Krise, als 
sie vor Arbeitern auf dem Dache der Pension sich fürchtete. Sie ist unglück- 
lich verheiratet und kann nicht allein sein, sonst kommt es zu einer ...Krise". Es 
Ist nicht sehr schwer, aus dem Gefühle eines eisernen Gürtels und dem Druck- 
gefüble auf der Brust die Phantasie einer Umarmung herauszulösen, deren 
Libido infolge der Verdrängung als Angst auftritt. Das Bild von der geschüttelten 
Flasche spricht deutlich genug. Man kann nicht genug auf die symbolischen 
Ausdrucksformen der Kranken achten. Sie erzählen uns alles. 

Der Zusammenhang zwischen sexueller Erregung und der Angst ist 
kaum an einem zweiten Beispiele so leicht nachzuweisen wie beim Asthma. 
Aber man maß eben die Augen offen haben. 

Blättern wir in den Krankengeschichten über Asthma, die andere 
Ärzte veröffentlicht haben, so werden wir vergeblich nach jenen Momenten 
fahnden, welche nach unseren Erfahrungen imstande sind, eine Angstneu- 
rose hervorzurufen. Fragt man aber in der Praxis die Asthmatiker nach 
solchen Momenten, so wird man immer finden, daß auch andere Zeichen 
der Angstneurose vorhanden sind und daß auch das sexuelle ätiologische 
Moment nicht fehlt. Ich will hier einen Fall aus meiner Praxis anfuhren, 
der geradezu beweisend flir den Zusammenhang zwischen Asthma und 
Angstneurose ist. 

Nr. 26. Herr 0. N. leidet seit ca. 12 Jahren an Asthma. Unvermutet 
treten die Anfalle meist des Nachts auf, wobei er immer als Ursache eine Ver- 
kühlung, ein ungeheiztes Zimmer, das heiße Kaffeehaus etc. anspricht. Ver- 
schiedene Kuren, die er in Reichenhall, Davos etc. durchgeführt hat, waren 
bisher ohne Erfolg geblieben. Eine gründliche Behandlung der Nase und Ent- 
fernung von Hypertrophien, einer Crista septi führten wohl eine vorüberge- 
hende Besserung herbei, waren aber nicht imstande, eine vollständige Gene- 



62 Erster Teil. Die Angstneurose. 

sung zu schaffen. Dazwischen gab es Intervalle, ja hie und da fast ein Jahr, 
wo er keine Anfalle erlitt. Er führte das immer auf besondere Verhaltnisse 
zurück: Auf die Wirkung eines ßommeraufenthaltes an der See, auf eine tro- 
ckene Wohnung, auf regelmäßige Verdauung usw. Aus seinem Sexualleben er- 
fahre ich folgeudes: Der Mann ist ca. 18 Jahre verheiratet. Die ersten 4 Jahre 
seiner Ehe litt er nicht an Astbma. Damals fahrte er den normalen Koitus aus. 
Du seine Frau im vierten Jahre seiner Ehe eine lebensgefährliche Entbindung: 
durchpemaeht hatte, beschloß er, sich auf das eine Kind zu beschranken und 
den Coitus interroptus anzuwenden. Zwei Jahre darauf begann er an Astbma 
zu leiden. Die Anfalle steigerten sich, um nach einer Kur in Reichenhall auf- 
zuhören. Allerdings war damals seine Frau trotz des Coitus interruptus in die 
Hoffnung gekommen und er konnte wieder 8 Monate lang normalen Verkehr 
pflegen. So laßt sieb an der Hand seiner Krankengeschichte klar nachweisen, 
daß die jedesmalige Besserung in seinem Befinden mit der Regelung seiner 
sexuellen Verhaltnisse Hand in Hand ging. Da der Patient nicht zn bewegen 
war, den Coitns interruptus aulzugeben oder in einen Coitus condomatus zu 
verwandeln, seine Frau sich gegen die Einführung eines Pessars sträubte, dürfte 
auch das Asthma vorlaufig nicht zu heilen sein. Er hat auch noch andere 
Zeichen der Angstneurose. Er leidet an heftigem Schweißausbrnch , ist sehr 
reizbar, ängstlich, bat Anfalle von Heißhunger und Diarrhöen, Migräne. 

Nr. 27. Der zweite Fall bietet auch einiges Interesse. Frau R. G., eine 
42jährige Dame, leidet seit 6 Jahren an Asthmaanfallen. Das Asthma überfallt 
sie nicht nur des Nachts, sondern auch am Tage, besonders heftig nach Auf- 
regungen. Bei einem solchen Anfalle hatte ich Gelegenheit, sie zu untersuchen 
und merkte zu meinem Erstaunen, daß an der Lunge objektiv nichts zu kon- 
statieren war. Ich versuchte eine plötzliche Suggestion und schrie sie heftig an : 
„Benehmen Sie sich nicht so aufgeregt! 11 und befahl ihr, meine ruhigen Atem- 
bewegungen nachzumachen. Und siehe da ! Der Anfall, der sonst mehrere 
Stunden gedauert hatte, war in einigen Minuten vorbei. Diese Dame führt seit 
6 Jahren Coitus interruptus aus, ist in den letzten Jahren immer sexuell an- 
ästhetiscb, was ja eine Schutzvorrichtung des Organismus ist, um sich gegen 
die frustranen Erregungen zu schützen. Sie zeigt auch viele andere Symptome 
der Angstneurose. Sie leidet an Ohnmächten und Herzschwächen, Absterben 
eines Fingere, Ameisenlaufen, Scbwindelanfällen, Reizbarkeit, ängstlichen Er- 
wartungen. Sie hat typische Angsttraume, in denen sie von Pferden über- 
fahren wird, wilde Stiere verfolgen sie, sie sieht Gespenster und Leichen und 
sie erwacht sehr häufig mit einem Asthmaanfalle, welcher meistens mit heftigen 
Schmerzen in der Herzgegend kompliziert ist. Rasche Heilung nach Regelung 
des Sexualverkehres (Pessar!). 

Stegmann (Ergebnisse der psychischen Behandlung einiger Fülle von 
Asthma. Zentralbl. für Psychoanalyse, I. Bd., S. 377) erzählt von einer 
Kranken, die immer den Anfall erleidet, wenn ihr Mann, mit dem sie 
schlecht lebt, in die Stadt fährt und sie allein läßt. Derselbe psychische 
Mechanismus, wie im Falle Nr. 25. Auch jene Dame erkrankte, wenn sie 
allein war. Da kommen offenbar die Phantasien von einem Überfall und 
einer Vergewaltigung und lösen eine Angst aus, die im Grunde genommen 
ein Wunsch ist. Man würde es nicht glauben, was für eine große Rolle 
die Vergcwaltigungsphantasien bei den Frauen spielen. Alle Frauen, die 
nicht allein sein können, fürchten ihre eigene Schwäche und die überlegene 
Kraft des aggressiven Mannes. Dabei ist die Vergewaltigung ein starker 
Wunsch und ein unbewußtes Ideal. Denn es ermöglicht einen Zustand, den 



Klinik der Angstneurose : Die Brustangst etc. ß3 

alle Nenrotiker herbeisehnen, und den ich „Lust ohne .Schuld" be- 
zeichnet habe. In den weiteren Analysen werden wir genügend solcher 
Fälle kennen lernen. 

Der zweite Fall von Stegmann betrifft eine 45jährige Dame, die seit 
21 Jahren an schwerem Asthma leidet. Diese Dame führte das Leiden aaf 
Gemütsbewegungen zurück. „Nachdem sie das eine Weile getan 1- — erzählt 
Stegmann — , erklärte sie eines Tages spontan, sie habe gefunden, daß 
jedesmal sexuelle Themata auftauchten, wenn sie den Gedankengängen 
folge, die vom Asthmaanfall rückwärts führten. Je mehr sie nun auf 
diese Weise ihre früheren JugeDderinnerungen wieder erweckte, um so seltener 
kamen die schweren Attacken, während leichte Beklemmungsgefühle bis 
in die jüngste Zeit hinein fast allnächtlich auftraten." 

In diesem Falle kam es zur Regression auf die Vorläufer des Asth- 
mas, die wir in jedem Falle konstatieren können. Dann kamen schließlich 
eine Reihe sehr gewichtiger Traumen zum Vorschein, die man in der interes- 
santen Arbeit Stegmanns nachlesen kann. Ich wollte hier nur auf die Vor- 
boten des Asthmas aufmerksam machen, die in der Analyse zutage traten. 
In dieses Gebiet gehören auch die bekannten Erscheinungen des 
Stimmritzenkrampfes, die bei Erwachsenen meistens psychogenen 
Ursprunges sind, aber auch bei Kindern häutig ein sehr brauchbares Mittel 
des Trotzes') sind. Manche Patienten verlieren bei großen Affekten die 
Stimme and fangen zu krähen an. Wiederholt habe ich im Angstanfalle 
leichtere und schwerere Erscheinungen von Stimmritzenkrampf, kombiniert 
mit der Empfindung, es würge die Kranken eine fremde Hand, beobachtet. 
(irümeald (Über psychisch bedingte Erscheinungen im Bereiche der oberen 
Luftwege. Münchener med. Wochenschrift, 19U9, Nr. 33) faßt diese Er- 
scheinung als „Störung der automatischen Funktion durch das Dazwischen- 
treten der Aufmerksamkeit" auf. 

In dasselbe Kapitel gehören die bekannten Erscheinungen vom Ge- 
fühl des Fremdkörpers im Halse, die Empfindung, es stecke etwas im 
Kehlkopf. (Der bekannte Globus bystcricus.) 

Die Asthmaanfalle sind die extremen Formen der Lungenangst oder 
Brustangst. Von diesen extremen Formen zieht sich gewissermaßen eine 
Skala bis zu jenen leichten Formen, bei denen der Kranke nur gähnt oder 
nur tief aufseufzt. Das Gähnen ist ein sehr häufiges Symptom der 
AngstneuroBe. Es sind Erscheinungen von Lufthunger, die in einer Se- 
kunde vorübergehen. Gewöhnlich äußert sich die Brustangst als dumpfe 
Beklemmung, der Kranke glaubt, er müsse ersticken, er schnappt nach 
Luft. Dieses Aufseufzen ist dem Praktiker als „nervöses Asthma" wohl 
bekannt. *) Es tritt am häutigsten des Nachts auf. Die Patienten erwachen 
aus einem Angsttranm, machen eine tiefe Inspiration, und der ganze An- 
fall ist vorüber. Manchmal bleibt ihnen jedoch diese Gewohnheit auch bei 
Tag, und sie müssen des Tags wiederholt stehen bleiben, einen tiefen 
Atemzug machen , gewissermaßen nach Luft schnappen oder aufseufzen 
und fühlen sich nachher wieder vollkommen wohl. Die meisten dieser 
Kranken gewöhnen 8ich an die sehr lästige, häutige Unart des Luft- 
schluckens. Sie müssen dann die Luft wieder aufstoßen, weil der prall ge- 

*) Vergleiche die Arbeit von AI/red Adler „Trotz und Gehorsam" (Monatsheft« für 
Pädagogik, September 1910). 

*) Anch dieses Symptom der Angstnenrose ist von Max Herz Dachentdeckt worden. 
(Wiener klin. Wochenschr. 1909, Nr. 39: Ȇber Seafzerkrampf.") 



64 Erster Teil. Die Angstnearose. 

spannte Magen ein unangenehmes Angst- und Oppressionsgeftlkl erzeugt. 
Fast alle seufzenden Neurotiker sind Luftesser. (Für die Praxis sehr wichtig. 
Vergleiche das Kapitel VIII.) Meistens ist das Aufseufzen eine Begleiter- 
scheinung einer Neurose. Aber dieses Symptom muß nicht absolut ein ner- 
vöses sein. Es kommt auch häufig bei organischen Krankheiten vor, be- 
sonders bei leichten Formen von Pleuritis. Ich erinnere mich, daß meine 
Pleuritis, die ich vor Jahren durchgemacht habe, so begann. Ich erwachte 
des Nachts mit einer tiefen Inspiration, als konnte ich ersticken und 
mußte nach Luft schnappen ; das dauerte einige Sekunden, dann legte ich 
mich auf die andere Seite und schlief weiter. Ich empfand auch am Tage 
zeitweilig einen heftigen Schmerz am vorderen linken Thorax in der Ge- 
gend der dritten Rippe. Eine genaue Untersuchung eines gewiegten Kli- 
nikers ergab ein negatives Resultat. Auch andere Kollegen untersuchten 
mich und zögerten nicht mit der Diagnose eines „nervösen" Asthmas und 
„nervösen" Schmerzes. Erst nach einer Woche kam es zur Exsudatbildung. 
Merkwürdigerweise war diese Brustangst dann schon vollkommen ge- 
schwunden und trat erst in der Rckonvaleszenzperiode wieder auf. 

Ich habe seit dieser persönlichen Erfahrung diesem „prämoni torischen 
Symptom" große Aufmerksamkeit geschenkt und es tatsächlich in einigen 
Fällen von Pleuritis entdeckt. Eigentlich sollte ich sagen, es habe mich 
auf eine bestehende Pleuritis sicca oder den Beginn einer Pleuritis exsu- 
dativa aufmerksam gemacht. 

Man darf eben mit der Diagnose ^nervöses Asthma" nicht allzu rasch 
bei der Hand sein. Kleine pleuritische Exsudate, ein akuter Pneumothorax, 
gewisse ambulatorische Formen der Pneumonie können von heftigen Angst- 
gefühlen der Beklemmung und des Lufthungers begleitet sein. Von dia- 
gnostischem Interesse ist der folgende Fall: 

Nr. 28. Herr J. 0. klagt seit einigen Togen Ober Beklemmungen in der 
Brustgegend, die von seinem Kassenarzt als „nervöses Asthma" gedeutet werden. 
Auf der Poliklinik wird ihm eine milde Kaltwasserkur angeraten. Am vierten 
Tage muß er von der ßtiege mit heftigen Schmerzen in der Brust und hoch- 
gradiger Atemnot heimkehren. Ich werde als der nächste Arzt gerufen und 
konstatiere einen ausgebreiteten Pneumothorax. Da die Lungen sonst ganz ge- 
sund waren, mußte an eine traumatische Ursache gedacht werden. Das war 
tatsächlich der Fall. Patient war Radfahrer. Einen Tag vor Beginn des „ner- 
vösen Asthmas" wollte er einem Automobile ausweichen und fuhr an einen 
Laternenpfahl an. Er erinnert sich nicht, damals einen Schmerz empfunden zu 
haben. Aber offenbar mußte infolge der tiefen, krampfhaften Inspiration, wie 
sie bei solchen plötzlichen Schreckaffektionen vorzukommen pflegt, das Luugen- 
und Pleuragewebe an einer Stelle eingerissen sein, und der Kranke begann 
wie durch eine Ventilklappe sich Luft einzupumpen. Strümpell berichtet über 
einen Pneumothorax, der beim Aufhangen von Wäsche, eineu auderen, der beim 
Rudern entstand. Der Pneumothorax heilte nach 6 Wochen vollkommen. In den 
letzten Wochen kamen noch häufiges Aufseufzen und nächtliche Beklem- 
mungen vor. 

Doch diese Fälle sind ja ziemlich selten. Viel häufiger dürfte es vor- 
kommen, daß die verschiedenen Formen der Brustangst als Symptom einer 
organischen Erkrankung aufgefaßt werden. Besonders mag das für die 
schweren Formen von Brustangst gelten, die unter dem Bilde einer akuten 
Dyspnoe verlaufen. Vom charakteristischen Bilde des Asthma haben wir 



Klinik der Angstneurose : Die Brustangst eto. 65 

schon gesprochen. Eis erübrigt uns noch einige Worte über den psychischen 
Mechanismus des Dyspnoeanfalles zu sprechen. 

Bei diesen Formen spielt auch das Herz eine große Rolle, da die 
Atemnot mit Herzklopfen verbanden erscheint. Anfalle von kurzdauernder 
Dyspnoe, bei der man objektiv an den Lungen nichts findet, sind immer 
sehr verdächtig und verraten dem kundigen Arzte leicht ihren Ursprung. 
Wir kennen ja einen physiologischen Akt, bei dem es zur Dyspnoe und 
Herzklopfen kommt. Es ist dies der Koitus. Solche Angstanfälle verraten 
ihre sexuelle Ätiologie durch die genaue Kopie eines Koitus. Im hyste- 
rischen Anfall ist diese Ähnlichkeit oft eine vollkommene, bis auf alle Be- 
wegungen des Unterleibes richtig imitierte. Aber kleine nächtliche Anfälle 
von Dyspnoe können auch die Folge einer sexuellen Phantasie oder den 
Durchbrach unbewußter Strömungen durch die Hemmungen des Bewußt- 
seins bedeuten. 

Nr. 29. Frau A. B. klagt über qualende nächtliche Asthmaanfälle. Sie 
wacht gewöhnlich nach Mitternacht auf und hat die Empfindung, sie müsse 
ersticken. Sie atmet so rasch als möglich. Nach einigen Minuten fühlt sie eich 
merkwürdig matt und schlaft wieder ein. Einige Male bat sie das Bett 
dabei naßgemacht. Ein Arzt erklart die Anfalle für Reflcxasthma von der 
Nase aus. Von einem Spezialisten wurden ihr die Hypertrophien in den Mu- 
scheln entfernt. Nach der Operation eine leichte vorübergehende Besserung. Dann 
traten wieder die alten Zustande mit erneuter Heftigkeit auf. Nach weiteren 
zwei Monaten fast vollständiges Aufhören der Anfalle. Diese sonderbaren 
Schwankungen erklären sich auf sehr einfache Weise. Ihr Mann mußte eine 
größere Reise über den Ozean unternehmen. Er blieb mehr als ein Jahr aus. 
In dieser Zeit der vollkommenen sexuellen Abstinenz treten die nächtlichen 
Angstanfalle mit Dyspnoe auf. Also eine typische Angstneurose. Bevor ihr 
Mann nach Hanse kam, ließ sie sich von dem Spezialisten operieren. Die 
Besserung im Befinden ist also anf Rechnung des ehelichen Zusammenlebens 
zn setzen. So wohl hatte sie sich im Leben nicht gefühlt. Bekanntlich pflegt 
nach derart langen Pausen und schwerer Trennung das Sexualbedürfnis aus- 
giebig gestillt zu werden. Die neuerliche Verschlimmerung hangt mit der Bade- 
reise zusammen, welche die Dame ihren Kindern zuliebe unternehmen mußte. 
Ein zweites interessantes Symptom dieser Angstneurose — nämlich fast täg- 
liches Erbrechen — verdient Erwähnung. Sie ekelt sich häufig vor ihrem Manne. 
Er bat einen Foetor ex ore. Ihre Asthmaanffllle leiten erotische Träume ein, in 
denen sie ihrem Mann die Treue bricht. Lernt sie heute einen Mann kennen, 
der ihr gefällt, so träumt sie schon die nächste Nacht eine intime Szene, an 
die sich ein Asthmaanfall anschließt. 

Diese Beobachtung beweist uns, daß viele Fälle von „nervösem 
Asthma" und Reflex-nAsthma" durch Störungen des Sexuallebens ent- 
standen sind, und daß wir die Pflicht haben, bei jedem Asthma an eine 
Angstnenroee zu denken. Ich kann die Worte von M. Saenger (Über 
Asthma und seine Behandlung. Berlin, 8. Karger, 1910) nur bestätigen: 
„Das Asthma wird durch seelische Einflüsse ausgelöst, ist eine 
traumatische Neurose und durch ein psychisches Trauma ent- 
standen." Nur möchte ich hinzufügen: In den meisten Fällen handelt es 
sich um ein sexuelles Trauma — und das Asthma ist nur eine be- 
sondere Form der Angst. 

St«k*i, N«iy6m AnRfUnitlnda and Ihre Babandlnng. 2. Ann. 5 



6(> Erster Teil. Die Angstneurose. 

Ein sehr merkwürdiges Bild eines Angstanfalles, bei dem die Respi- 
rationsorgane in erster Linie beteiligt sind, möge die Reihe dieser Kranken- 
geschichten beschließen : 

Nr. 30. Eine 29jährige zarte Frau erkrankt nach leichten Vorboten, wie 
Mißstimmung, allgemeine Schwäche, Kopfschmerzen an einem Leiden, das 
dem Heuschnupfen sehr ähnlich sieht. Ihre Augenlider werden rot und ge- 
schwollen; die Conjunctiven sind auffallend gerötet und sezernieren einen 
dilnnen Schleim; die Augen tränen sehr stark. Die vorher blasse Nase 
wird intensiv gerötet und sieht wie entzündet aus. Manchmal, aber nicht 
immer, verstopfen sich die Nasengänge infolge Schwellung der Schwell- 
körper. Im Halse quält sie ein anangenehmes Gefühl, als ob sie jemand 
erwürgen wollte. Ein heftiges Angstgefühl begleitet diese Erscheinungen. 
Der Puls wird klein und fadenförmig. Sie spricht leise vor sich hin: „Ich 
sterbe jetzt. Laß mich noch das Kind vor meinem Ende sehen. Gib mir 
die Hand, daß ich sie noch einmal drücken kann, usw." 

Ich werde zu so einem Anfall gerufen. Es gelingt mir durch freund- 
lichen und doch zugleich energischen Zusprach, die Kranke in einer 
halben Stande vollkommen zu beruhigen. Der Weinkrampf, der sonst 
einen solchen Anfall zu beenden pflegte, bleibt aus. 

Die Anamnese ergibt eine Ehe mit einem ungeliebten Gatten. Sie ist 
beim Koitus vollkommen anästhetisch. Hie und da wird ein Orgasmus 
durch die Vorstellung erzwangen, sie lasse sich von einem Freunde, der 
mit ihrer Freundin verheiratet ist, umarmen. 

Der Anfall imitiert das Sterben und die Veränderungen infolge hef- 
tigen Weinens, die sie nach dem Tode des Vaters an ihrer Mutter bemerkt 
hatte. Merkwürdig ist, daß diese Veränderungen (gerötete Lider und Nase) 
hier den Weinkrämpfen vorausgehen. 

Solche Fälle bilden einen Übergang zu deu schweren Formen des 
Hcutiebers, von dem ich einen sehr schönen Fall in Erinnerung habe. 

Nr. 31. Ein zirka 30jahriger Mann erkrankt an heftigem Heufieber, so- 
bald er Veilchen riecht. Diese seine Idiosynkrasie ist so stark, daß auch das 
ParfCrn von Veilchen bei ihm einen Anfall auslöst. Der Anfall beginnt mit einem 
unangenehmen Kribbeln nnd Brennen der Nase, dann röten sich die Lider nod 
e6 beginnt eine profuse Absonderung einer wasserklaren Flüssigkeit ans der 
Nase. So ein Anfall, der meist mit Hasten and leichtem Fieber kompliziert ist, 
dauert einige Tage bis zu einer Woche. Einmal ging Patient zu einer Prostituierten 
und erkrankte nachher an Heufieber. Er kam wieder und verbat sich jedes 
Veilcbenparfüm. Sie beschwor, daß sie niemals dieses Parfüm verwendet habe. 
Nach einem längeren Aufenthalt bemerkte er uach der Miktio des Mädchens 
wieder den ihm verderblichen Geruch von Veilchen. Das Mädchen hatte zur 
Verbesserung ihres Geruches auf Empfehlung eines Arztes Terpentinkapseln 
eingenommen. Nach Terpentin tritt bekanntlich ein sehr intensiver VeilcheDgeruch 
des Urins auf. 

Die längere Analyse ergab eine merkwürdige Ursache dieser Idiosyn- 
krasie. Seine Erzieherin hatte ihn immer mit einer Art Veilchenpader einge- 
stäubt, wenn ihm nach seiner Stuhlentleerung ein schlechter Geruch anhaftete. 
Die Erinnerung an verschiedene lustbetonte skatologische Erlebnisse der Jugend 
war vollkommen verdrängt worden. Der Veilchengeruch hob auf assoziativem 
Wege alle die Erlebnisse, die er mit seiuem Bruder im Abort durchgemacht hatte. 

Dieselbe Erzieherin hatte eine böse Gewohnheit. Sie pflegte ihn in die 
Höhe zn schupfen und so fest an die Brust zu drücken, daß ihm der Atem 



Klinik der Angstneurose: Störungen der Verdauung. 67 

verging. Seine Heufieberanfftlle, gegen die er schon vergeblich das „Pollen- 
serum" gebraucht hatte, wechselten mit verschiedenen Kespirationsetörnngen ab, 
-welche eigentlich nichts anderes waren, als die hartnackig mit Lost nnd Angst 
festgehaltene Erinnerung an die Spiele der Erzieherin. 

Strümpell hat in einem sehr instruktiven Artikel (Über das Asthma 
bronchiale nnd seine Beziehungen zur sogenannten exsudativen Diathese. 
Med. Klinik, 1910, Nr. 23) darauf aufmerksam gemacht, daß die Asthma- 
kranken eine psychopathische Konstitution und eine exsudative Vergangen- 
heit zeigen. Er verweist darauf, daß diese Kranken auch an der Colica 
mueosa (dem Darmasthma), an Ödemen, an Speichelfluß, Sehnenentzön- 
dungen und intermittierenden Gelenkschmerzen leiden. In der Kindheit 
waren sie schon nervös und waren mit Urtikaria, Strophulus und Ekzemen 
behaftet. 

In dem Kapitel „Die Angstneurose der Kinder" will ich dann den 
Nachweis liefern, daß alle diese Erscheinungen ins Gebiet der Angstneu- 
rose gehören. Die „Diathese" ist Überhaupt ein rätselhafter, mystischer 
Begriff und paßt in die moderne Medizin nicht hinein. Was heutzutage an 
harnsaurer und exsudativer Diathese geleistet wird, grenzt schon an das 
Komische.') Wo ein klarer Begriff und eine deutliche Einsicht fehlen, da 
stellt sich zur rechten Zeit die Belastung, Degeneration und Diathese ein. 
Nicht daß ich die Wichtigkeit konstitutioneller Faktoren leugnen wollte, 
aber es ist ehrlicher, einzugestehen: Ignoramus! — als mit medizinischen 
Phrasen herumzuwerfen. 

Doch zurück zu unserem Thema. Aus allen Beobachtungen er- 
gibt sich die Tatsache, daß psychische Einflüsse beim Asth- 
ma und den verwandten Krankheiten eine ungeheuere Rolle 
spielen. In vielen Fällen muß man die Krankheitserforschung 
bis auf die Kindheit ausdehnen, wenn man einen dauernden 
Erfolg erzielen will. Hinter der Larve des Angstanfalles steckt 
der uns schon bekannte Angstanfall der Angstneurose. 



VU1. Klinik der Angstneurose: Störungen der 

Verdauung. 

Die Begleiterscheinungen der Angstgefühle von Seite der Verdauungs- 
organe sind auch dem Laien wohlbekannt. Die Angstdiarrhöe ist ein 60 
populäres Symptom, daß sie selbst in modernen Witzblättern satirisch ver- 
wendet wird. Auch die anderen Symptome: Magenschmerzen, Erbrechen, 
eine lebhafte Peristaltik mit lauten Geräuschen, Aufstoßen und Würgen 
sind in Begleitung eines Angstanfalles und als Symptome einer Angstneu- 
rose nicht unschwer zu deuten, wenn sie von deutlichen Angstgefühlen 
begleitet sind. Wir finden bei den meisten Angstneurosen Störungen der 
Verdauungsorgane; Appetitlosigkeit, Erbrechen, Obstipation, Magendruck, 
Heißhunger, Diarrhöen, Krämpfe können mit den anderen charakteri- 
stischen Symptomen der Angstneurose kombiniert vorkommen und es bleibt 



') Vergleiche meine Broschüre „Harnsäure nnd kein Ende!" Hygienische Zeit- 
rragen, Nr. 3 (6. Tausend. Verlag Paul fclnepler, Wien). 

6« 



68 Erster Teil. Die Angstneurose. 

dann der klinischen Beobachtung vorbehalten, zu entscheiden, was orga- 
nisch bedingt nnd was die Folge der Angstnenrose ist. 

Viel schwerer zu diagnostizieren sind die larvierten Angstzustände 
der Verdauungsorgane. Freud nennt in erster Linie „Anfälle von Heiß- 
hunger, oft mit Schwindel verbunden" und „anfallsweise auftre- 
tende Diarrhöen". Ich kann aus eigener Beobachtung noch drei Fälle 
von nervösem Erbrechen beitragen, die ich analysiert habe. Auch 
Magenschmerzen können als larvierte Angst auftreten, wie der nächste 
sehr charakteristische Fall beweist. 

Nr. 32. Herr N. V. leidet an einem hartnackigen Magenübel, das sich 
vorzugsweise in heftigen Magenschmerzen äußert. Er wird mißgestimmt, nieder- 
geschlagen, verliert seinen Appetit nnd sieht elend ans. Die Schmerzen sind 
von den Mahlzeiten unabhängig. Er erwacht öfters des Nachts ans einem Angst- 
traum mit qualenden Magenschmerzen. Er ist wahrend dieser Zeit hochgradig 
erregt, leidet auch an Herzklopfen nnd Sehweißen. Er unterhielt damals Be- 
ziehungen zu einer Dame, deren Mann gerade im Sterben war. Die Dame ließ 
mit Rücksicht auf den Znstand ihres Mannes aas ethischen Gründen keinen 
Koitus zu. Herr N. V., der ihr nicht untreu werden wollte, lebte in dieser Zeit 
vollkommen abstinent. Die Magenkrämpfe waren ein Äquivalent eines Anget- 
anfalles. Seine Krankheit eine Angstneurose. Denn als er nach dem Tode des 
Mannes den regelmäßigen Koitus mit ihr aufnahm, fanden alle Beschwerden 
und auch die Krämpfe ein rasches Ende. Im nächsten Sommer blieb Patient in 
Wien, während die Dame seines Herzens auf ein Landgut zu ihren Eltern 
ziehen mußte. Um diese Zeit der neuerlichen Abstinenz traten die Magenkrämpfe 
mit alter Vehemenz wieder auf. Im Herbste, da die intimen Beziehungen wieder 
aufgenommen wurden, aanatio completa. Dieses Phänomen wiederholte sich im 
zweiten, dritten und vierten Sommer, worauf die Dame heiratete. Patient folgte 
ihrem Beispiele und ist seit damals vollkommen gesund. 

Eine sehr markante, scharf umschriebene Form der Angstnenrose 
bildet jene Spezies der nervösen Magenkrankheiten, die sich vorzugsweise 
in hypochondrischen Angstgefühlen vor einem Diätfehlcr äußert. Ein großer 
Teil dieser nervösen Magenleiden beruht direkt auf einer Angsthysterie 
nnd soll dann später bei der Besprechung der Hypochondrie speziell er- 
wähnt werden. Ein anderer Teil jedoch, der gar keine hysterischen Züge 
aufweist, entsteht auf dem Boden der Angstneurose. Wir haben ja wieder- 
holt betont, daß die bei der Angstneurosc disponible Angst sehr häufig auf 
das Organische verschoben wird, d. h. die frei flottierende Angst klammert 
sich an ein Objekt, und dazu erscheint nächst dem Herzen und der Lunge 
der Magen ganz besonders geeignet. Solche Kranke zeigen eine ganz spe- 
zielle Form der Furcht. Sie fürchten einen Diätfehlcr, sie leiden an allerlei 
Beschwerden, wie pappigem Geschmack im Munde, Appetitlosigkeit, Magen- 
drücken, Schmerzen, Erbrechen, Aufstoßen von Luft (Aerophagie), wegen 
der sie die verschiedensten Arzte aufsuchen, nach Karlsbad, Kissingen, 
Marienbad fahren, sich massieren und elektrisieren lassen, eine Kaltwasser- 
kur durchmachen. Das Wichtigste für sie ist jedoch eine Diät; je strenger, 
desto lieber. Da die Beschwerden jedoch auf ganz andere Motive zurück- 
zuführen sind, so gibt es keine Diät, die ihnen ein ganz schmerzloses 
Dasein verschafft. Sie haben aber die Gewohnheit, ihre Leiden immer auf 
die letzte Speise, die sie gegessen haben, zu schieben. Infolgedessen engt 
sich die Auswahl der Speisen, die sie vertragen, immer mehr ein. Zuerst 
sind es nur fette, pikante Speisen, die schädlich erscheinen, bald kommt 



Klinik der Angstneurose: Störungen der Verdauung 69 

das Obst dazu, später Gemüse, Alkohol, Kaffee, Tee, dann das schwarze 
Fleisch, endlich finden sie die Milch schädlich, versuchen es mit dem Vege- 
tarianismos, kurz, sie kommen dann soweit, daß sie nur von einigen aus- 
gewählten Speisen leben. Infolgedessen nehmen sie natürlich sehr ab, 
kommen immer mehr und mehr herunter und bieten tatsächlich das Aas- 
sehen schwer kranker Menschen. Da sie ihren Magen außerordentlich 
verwöhnen, vertragen sie auch schließlich die schwereren Speisen nicht, 
empfinden nun nach jeder Mahlzeit ein unangenehmes Drucken im Magen, 
stecken oft den Finger in den Mund, um zu brechen, brechen etwas Wasser 
oder Schleim, worauf sie sich dann viel besser fühlen. Sehr häufig kann 
man beobachten, daß die Schmerzen, die solche Kranke empfinden, eigent- 
lich nichts anderes sind als Hunger. In diesen Fällen ist es möglich, 
wenn man die Grundlage der Angstneurose, die abnorme vita sexualis, 
korrigiert, geradezu hervorragende Erfolge zu erzielen. Zur Illustriening 
dieser Tatsache will ich nachfolgenden sehr charakteristischen Fall erzählen, 
der nicht der einzige ist, bei dem ich durch ein so energisches Vorgehen 
einen glänzenden Erfolg erzielte: 

Nr. 33. Es sind schon vier Jahre her, da stand vor mir ein schwäch- 
liches, kleines Männchen, ein Kaufmann aus W . . . , Herr T. W. Die Augen 
lagen tief in den Höhlen, glanzlos und trocken; die blassen Hände zitterten 
bei jeder Bewegung in feinen Schwingungen. Seine Stimme klang tonlos und 
heiser- Er machte den Eindruck eines Kranken, der an einem unheilbaren 
Leiden dahinsiechte und dessen Lebenstage gezahlt waren. Was die Menschen 
mit grausamem Witz einen „Todeskandidaten" nennen. 

Der Mann erzählte eine lange Leidensgeschichte. Er war ein Magen- 
kranker, der schon viele Jahre an Verdauungsbeschwerden zu leiden hatte. Er 
hatte die verschiedensten Ärzte konsultiert und auch in Karlsbad wegen „über- 
schüssiger Harnsäure" mehreremal vergeblich Heilung gesucht. „Obwohl ich 
die strengste Diät einhalte", so klagte der Mann, „leide ich fürchterliche 
Schmerzen, quälendes Aufstoßen, vollkommene Appetitlosigkeit. Meine Kräfte 
schwinden von Tag zu Tag. Ich bin kaum mehr imstande, meinem Berufe — 
ich biu Kaufmann — nachzukommen. Offenbar ist meine DiBt nicht streng 
genug. Oder nicht die passende. Bitte, verordnen sie mir eine genaue, zu- 
treffende Diät." 

Es war auf den ersten Blick zu erkennen, daß der arme Mann offenbar 
ausgehungert war. Seine Schmerzen waren wahrscheinlich eine sehr gewöhn- 
liche Empfindung — der Hunger. Eine genaue Untersuchung bestätigte diese 
Annahme. Ich wollte einmal ein kühnes Experiment machen. Der Mann war 
vollkommen appetitlos, wie er sagte. Vielleicht nur, weil er immer dieselben 
faden Speisen zu sich nahm, vor denen er sich schon ekelte? 

„Versprechen Sie mir, genau zu befolgen, was ich Ihnen vorschreibe?" 
„Selbstverständlich. Ich befolge immer die Anordnungen der Ärzte in 
strenger Weise." 

„Gut. Sie geben mir Ihre Hand darauf!" 
„Ja. Hier meine Hand!" 

„Zuerst beantworten Sie mir eine Frage. Welche Speisen haben 8ie 
schon jahrelang nicht gegessen? Nach welchen von diesen Speisen sehnen Sie 
■ich? Auf welche hatten Sie Appetit?" 

„Mein Gott! Was nützt denn das Reden, so daß mir das Wasser im 
Munde zusammenlauft, wenn ich doch diese Speisen nicht essen darf!" 
„Bitte, nennen Sie mir diese Speisen." 



70 Erster Teil. Die Angstneurose. 

„Also, wenn es sein muH: Ein Gullascb, ein Geselchtes mit Knödel, ein 
Rahmstrudel, das wären so meine liebsten Speisen. Anch ein junges Gansei, 
eine Ente, ein Hase — die wären nicht za verachten." 

„Gut! Dann gehen Sie in das nächste Gasthau6 und lassen 8ie sich einige 
von diesen Speisen geben. Essen Sie überhaupt einige Wochen, was Ihnen 
schmeckt, ohne auf ihrgend eine Di.it Rücksicht zn nehmen." 

„Nein! Um Gotteswillen, nein! Das kann ich nicht machen I Das wäre 
mein sicherer Tod. Die Schmerzen würde ich nicht ertragen können." 

„Im Gegenteil, jetzt gehen Sie mit Ihrer Diät in den sicheren Tod. Und 
was die Schmerzen betrifft, sind Sie denn bei der schweren Diät vollkommen 
schmerzfrei?" 

„Was Ihnen nicht einfallt. Ich leide fast den ganzen Tag die fürchter- 
lichsten Schmerzen." 

„Sehen Sie. Dann ist es ja entschieden besser, Sie essen sich ordentlich 
satt. Schmerzen haben Sie in jedem Falle. Wozn sich denn so unbarmherzig- 
kasteien, wenn Sie nichts damit erzielen?" 

Das schien dem Kranken einzuleuchten. Er versprach mir, den Versuch 
zu machen und zwei Wochen so zu leben, als wäre er niemals magenkrank 
gewesen. 

Wer beschreibt meine freudige Überraschung, als derselbe Mann eich mir 
nach vier Wochen vorstellte und ich ihn zuerst gar nicht erkannte. Er sah 
jetzt geradezu blühend aus, mit vollen Wangen und feuchten glänzenden Angen, 
die von Lebensfreode sprühten. Er war im wahren Sinne des Wortes ein anderer 
Mensch geworden. Gleich am ersten Tage nach nnserer Unterredung hatte er sich 
zum Entsetzen seiner Bekannten ein Menü der schärfsten und schwerst verdau- 
lichen Speisen vorsetzen lassen nnd geradezu mit Heißhunger verschlungen. 
Ihm war zumute, als wäre dies seine letzte Mahlzeit, er hatte die Empfindung, 
die ein zum Tode Verurteilter hat, dem man die Erlaubnis gegeben hat, sich 
sein letztes Mahl nach Belieben zu wählen. 

Gleich nach der ersten Mahlzeit fühlte er sich ein wenig erleichtert. Er 
harrte nun mit Bangen der quälenden Schmerzen, die seine Verdauung zu be- 
gleiten pflegten. Sie blieben aus. Er konnte den Gedanken gar nicht fassen, 
daß er „alles" essen sollte. Aber durch den ersten Erfolg kühn gemacht, be- 
gann er lustig darauf los zu essen und zu trinken, wie es ihm in den Sinn 
kam. Und täglich wuchsen seine Kräfte, täglich sein Selbstvertrauen. Täglich 
besserte sich sein Aussehen, bis er eines Tages zur verblüffenden Erkenntnis 
kam, er wäre nun gänzlich geheilt, und ihm fehle im Grunde genommen gar 
nichts. Seit er ordentlich und nach Belieben zu essen angefangen, waren alle 
seine Schmerzen und Beschwerden verschwunden. 

Allerdings habe ich anch das sexuelle Leben des Mannes geregelt. 
In den letzten Jahren führte er ans Angst, Bich zu schwächen, überhaupt 
keinen Koitns ans. Vorher pflegte er durch mehrere Jahre den Coitns inter- 
raptns. Nachdem seiner Frau ein Pessar eingeführt wurde, begann er wieder 
regelmäßigen Geschlechtsverkehr auszuüben. Ich glaube, diese Maßregel hat 
nicht wenig zu der raschen Heilung beigetragen. 

Andere Kranke hören zu essen auf, weil sie sich vor einer Blind- 
darmentzündung furchten. Auch diese Fälle können psychisch sehr tief 
motiviert sein; es kann sich am eine Phobie handeln, die hysterischer 
Natur ist. Aber auch eine Angstneurose kann ihre Angst in Blinddarm- 
entzündnngsfarcht verwandeln. Die Kranken sind dann sehr wählerisch in 
der Diät und sehr ängstlich in der Beobachtung ihres Stuhles. Nun gibt es 



Klinik der Angstnenrose : Störungen der Verdauung. 71 

kein besseres Mittel, den normalen Verlauf der vegetativen Funktionen 
zu stören als die Selbstbeobachtung. Fängt jemand zu beobachten an, wie 
er schläft, wie er verdaut, wie sein Stuhl beschaffen ist, so wird sicherlich 
der Schlaf sehr bald gestört, die Verdauung in Unordnung und der Stuhl 
angehalten sein. Wir dürfen nicht vergessen, daß die Angstneurose unge- 
heuer verbreitet ist. Das Meiste, was früher als Neurasthenie angesprochen 
wurde, ist entweder Angstneurose oder Hysterie. 1 ) 

Durch die Angstneurose ist eben bei jedem Menschen ein großes 
Quantum Angst aufgehäuft, das nach Entladung lechzt, weil der Mensch 
viel lieber die schrecklichste Angst verträgt, wenn er sie in Furcht um- 
wandeln kann, d.h., wenn er sie auf ein bestimmtes Objekt bezieht, während 
die echte Angst, die Angst vor etwas Ungewissem, Unbestimmtem, für ihn 
einfach unerträglich ist. Darum hat die Angst gewisse Modeformen, in der 
sie sich äußert, in unserer Zeit die Angst vor Gehirnerkrankungen, vor 
dem Wahnsinn, die Angst vor Harnsäure und nicht in letzter Linie die Angst 
vor Blinddarmentzündung. 

Nr. 34. Herr E. V. stellt sich mir in meiner Ordination als mit chronischer 
Blinddarmentzündung behaftet vor; er steht knapp vor einer Operation- Er ist 
zoci Skelett abgemagert, leidet die fürchterlichsten Sehmerzen, besonder« wenn 
er eine etwas größere Mahlzeit eingenommen hat. Infolgedessen ißt er in der letzten 
Zeit so wenig wie möglich. Jedesmal, wenn ihn ein Schmerz befallt, denkt er: 
Jetzt bin ich an Blinddarmentzündung erkrankt, werde bald operiert werden 
usw. Er hat nie einen Anfall mit Fieber gehabt! Trotzdem raten ihm die Ope- 
rateure, sich den Wurmfortsatz entfernen za lassen. Er bat aber eine ebensolche 
Furcht vor der Operation wie vor der Krankheit. Dieser Kranke bot einen er- 
bärmlichen Anblick. Ich habe einen solch exzessiven Grad von Abmagerung 
noch nicht gesehen. Ich glaubte, es handle sich bei ihm um ein Neoplasma 
oder um Tuberkulose. — Es war aber objektiv nichts nachzuweisen. Ich ver- 
mutete eine Angstneurose und erkundigte mich nach seinem Geschlechtsleben. 
Er hatte schon drei Jahre ein Verhältnis mit einem Madchen, das er nicht 
schwängern durfte, und mit dem er sich in allerlei frustranen Erregungen ver- 
gnügte. Ich gab ihm nun den Rat, dieses Verhältnis ganzlich aufzulösen, respek- 
tive das Madchen zu heiraten oder mit ihr nicht zusammenzukommen, bis er 
in der Lage sein werde, sie heiraten zu können. Mittlerweile möge er mit 
Schutzmitteln den normalen Koitus ausführen. Außerdem verordnete ich ihm 
gegen die Schmerzen drei Eßlöffel Olivenöl taglich, gegen Obstipation Ölklistiern, 
und gab ihm die Versicherung, er werde jetzt täglich mehr essen könneu. Die 
Schmerzen hätten keinerlei Bedeutung und seien nichts anderes als der Ausdruck 
seines Hungers und seiner nervösen Erregung. Käme es schließlich unter dem 
Einflüsse des Essens zur Blinddarmentzündung, so wäre es besser, er mache die 
Krankheit einmal durch und ließe sich operieren, bevor er in ewiger Angst 
bernmgehe. Dem Patienten leuchtete dies auch ein. Er nahm in der ersten 
Woche bereits um 1 kg und im Laufe von drei Monaten um 15 kg zu, worauf 



') Diese Ausführungen der ersten Auflage kann ich heute dahin ergänzen, daß ich 
seit drei Jahren keinen Fall von Neurasthenie mehr gesehen habe. Alle diese Kranken, die 
mit der Diagnose Neurasthenie za mir kamen, zeigten einen psychischen Konflikt and waren 
mehr oder weniger seelisch zu heilen. Ausführliches über dieses Thema an anderer Stolle. 
Die Tatsache mochte ich wiederholen: Es gibt keine Neurasthenie. Was als Neura- 
sthenie herumlauft, ist entweder Angstnenrose, Angstbysterie, Zwangsneurose, eine Toxikose 
von einer Blatdrnse oder eine nicht diagnostizierte milde Form einer Psychose (Dementia 
praecox, Cyklothymie usw.). 



72 Erster Teil. Die Angstneorose. 

er dann erst ein normales, menschenwürdiges Aussehen erhielt. Er war vorher 
bei einer Höhe von 175 cm 50 kg schwer gewesen, also ca. 25 kg im Unter- 
gewichte. Die Schmerzen verschwanden vollkommen. Er heiratete bald danach 
nnd fühlt sich seither, es sind schon drei Jahre, vollkommen gesund. Mittler- 
weile hat er weiter zugenommen nnd ist heute ein starker, kräftiger Mann mit 
einem Gewichte von 80 kg. 

Die Beziehungen zwischen der Appetitlosigkeit nnd der Libido sind 
ans der folgenden Beobachtung schon zn entnehmen. Viele Kranke, die 
Über Appetitlosigkeit klagen, haben das sexuelle Verlangen verloren nnd 
leiden unter unbewußten Ekelvorstellungen. Der Patient, den ich jetzt 
vorführen werde, zeigt auch eine charakteristische Atemstörnng und schließt 
an die Beobachtungen des vorgehenden Kapitels an. 

Nr. 35. Herr D. B., ein Tischlermeister von 48 Jahren, klagt über Appetit- 
losigkeit nnd Atembeschwerden. Ferner über eine exzessive Körperschwache, 
die ihn am Arbeiten hindere. Er leidet an peinlichen Anfällen. Er fühlt sich 
so ziemlich leidlich, plötzlich empfindet er eine Herzschwäche und eine große 
Atemnot, so daß er sich sofort niedersetzen maß, sonst würde er umfallen. Er 
reißt den Mund weit auf und der Atem wird krampfhaft und unregelmäßig. Der 
Zustand wird schlimmer und es treten Angstgefühle auf, so daß er sich nieder- 
legen muß. Innerlich fühlt er ein Frösteln, es friert ihn, dann wird ihm heiß 
und ein heftiger Schweiß bricht aus, womit der Anfall vorüber iBt. Solche An- 
falle erlitt er vier innerhalb von 6 Monaten. Der Arzt konstatierte Herz- 
schwache und verordnete Strophantus. Dann fuhr der Kranke nach dem Süden, 
wo er sieh einigermaßen besser fühlte. 

Als er wieder nach Hause kam, hatte er seinen ganzen Appetit verloren. 
Er fürchtet, er sei lungenleidend, denn er habe schon als Knabe an einem 
Lungenspitzenkatarrh gelitten. 

Auf die Frage, ob er mit seiner Frau verkehre, antwortet er: „Nein, 
seit ich so appetitlos bin, fühle ich mich zu schwach. Auch bin ich jetzt voll- 
kommen impotent." 

„ Leiden Sie an Pollutionen?" 

Der Kranke errötet. Er antwortet zögernd, fast stotternd: „Ja — Nein 
— Hie und da." 

„Können Sie sich an den Traum erinnern, der die Pollution begleitet?" 

Ich vermutete nämlich, daß sein sexuelles Begehren von der gealterten 
Frau auf irgend ein jüngeres Wesen abgelenkt worden sei. Meine Vermutung 
war richtig, denn Herr B. sagte ärgerlich: 

„Ich bitte Sie! Für seine Traume ist man doch nicht verantwortlich! 
Man träumt allerlei dummes Zeug zusammen!" 

„Also erzählen Sie mir das dumme Zeug." 

„Nun, wenn Sie es durchaus wissen wollen, ich träumte diese Nacht, 
daß ich mit der Nichte meiner Frau verkehrt habe. So ein Unsinn! Nicht 
einmal im Traume habe ich an sie gedacht." 

„Sie strafen sich ja Lügen! Sie haben doch im Traume an sie ge- 
dacht! ■ 

Mir war schon beim ersten Besuche ein bildhübsches scheues Mädchen 
aufgefallen, die seit einem halben Jahre im Hause war, um die Frau zu ent- 
lasten. Unbewußte Begchrungsvorstellungen zielten auf das junge Wesen und 
die Frau verlor für ihn jeden Reiz. Er verlor den Appetit auf seine Frau 
und damit den Appetit für das Essen! 



Klinik der Angstneurose .- Störungen der Verdauung. 73 

Die Bessernd!* im Süden kam durch die Entfernung von dem permanenten 
seelischen Konflikte. Die in einem solchen Falle unausbleiblichen Todeswünscbe 
gegen die brave trene Gattin vervollständigten den Konflikt und waren die 
tiefere Wurzel der Angstanfälle. Vielleicht waren auch kriminelle Gedanken 
mit im Spiele. So weit konnte ich in der Analyse mit dem einfachen Menschen 
nicht kommen. 

Die Therapie war sehr einfach. Ich empfahl ihm gegen seine heftige 
Opposition, das Madchen aus dem Hanse zu entfernen. Darauf wollte er nicht 
eingeben. Aber das Mädchen fand bald in der Großstadt einen Verehrer. Der 
Onkel überraschte sie bei einem Rendezvous ond jagte sie ans dem Hanse. 
Nach einigen Monaten war er wieder bei Appetit and Kräften and konnte 
wieder mit seiner Frau verkehren. Den Erfolg schreibt er einem Reklame - 
praparat zn, das er aas Trotz gegen die bösen Ärzte genommen hatte. 

Doch nicht alle Fälle sind einfach and leicht aufzulösen. Die Störun- 
gen der Ernährung spielen eine große Rolle ond die Angst vor dem Essen 
nimmt die wunderlichsten Formen an. Selbstredend sind es schon kom- 
plizierte hysterische Störungen, zu deren Analyse man viele Monate be- 
notigt. 

Ich kenne Patienten, die aus Angst vor den Schmerzen sehr wenig 
essen. Die Unterscheidung von einem organischen Magenleiden ist manch- 
mal recht schwierig. 1 ) Freilich, wenn eine Kranke, bei der man Verdacht 
auf Ulcus hat, feste Speisen anstandslos verträgt und nach den Flüssig- 
keiten Über Schmerzen jammert, wird die Diagnose nicht schwer sein. 
Auch die Absurdität mancher Angstvorstellungen verrät den neurotischen 
Ursprung. Es stellt sich meistens heraus, daß die Schmerzen nicht so groß 
sind nnd nur dazu dienen , die verschiedenen Idiosynkrasien zu „ratio- 
nalisieren". Manche Kranke fürchten, der Bissen könnte stecken bleiben; 
sie haben ein förmliches Zeremoniell beim Essen, andere scheuen die 
Speisen, die Blähungen verursachen. Die einen essen nur kalt, die anderen 
warm, die einen können kein Fleisch essen, die anderen kein Gemüse. 
Wahrlich, man müßte ein ganzes Buch schreiben, wollte man diesem Heer 
von neurotischen Beschwerden und Variationen gerecht werden. 

Für den Praktiker ist es von der größten Bedeutung, zu wissen, daß 
es Angstneurosen gibt, die unter dem Bilde eines schweren Ulcus ventri- 
culi verlaufen. Die Diagnose ist sehr schwer nnd manchmal nur mit 
Hilfe aller modernen Hilfsmittel zu stellen, wie die nächste Beobachtung 
beweist: 

Nr. 36. Herr J. M., ein 46jahriger Mann, leidet seit einigen Jahren an 
heftigen Magenschmerzen. Die Schmerzen treten nach dem Essen und nach Auf- 
regungen auf. Er steht in Behandlung eine» sehr tüchtigen Spezialisten, des 
Dozenten X. Es wird ihm eine entsprechende Diät und innerlich Belladonna 
verordnet. Die Schmerzen werden immer größer nnd unerträglicher. Der vor- 
sichtige Arzt macht den Patienten darauf aufmerksam, daß er an Erosionen, 
vielleicht gar an einem Geschwür leide nnd verlangt von ihm 4 Wochen Bett- 
rohe und absolute Milchdiät. Der Kranke befolgt diese Anweisungen aufs 
strengste. Allein die Schmerzen werden immer größer und unerträglicher. Er 



*) Piek (1. c.) weist darauf hin, daß bei organischen Erkrankungen des Magens sich 
der Druckpunkt von Boas leicht konstatieren lasse. (Links vom Dornfortsatz des elften 
and zwölften Brustwirbels!) Bei den neurotischen Störungen des Magens findet sich eine 
große Druckempflndlichkeit zwischen den Schulterblättern nnd an den Dornfortsätzen 
selber. 



74 Erster Teil. Die Angstneurose 

windet sich des Nachts in Krämpfen, das ganze Hans kann nicht schlafen. 
Heiße Umschlage, Thermophor, Morphium bleiben ohne Erfolg. 

In diesem Zustande werde ich znm Kranken gernfen, dessen Familie ich 
seil vielen Jahren behandle. Er selber hatte für sein Magenleiden immer nur 
Professoren and Spezialisten konsultiert. 

Der ganze Magen ist außerordentlich druckempfindlich. Die Zange 
dick belegt. 

Auf ein diagnostisches Hilfsmittel möchte ich bei dieser Gelegenheit auf- 
merksam machen. Nervöse projizieren ihre Magenschmerzen meist auf die Magen- 
grube, die Mittellinie oder diffus auf die ganze Magengegend. Beim Ulcus findet 
man stets an einer Stelle eine scharf umschriebene Druckempfindlichkeit. 

Der Kranke gibt an, daß er sich das Leben nehmen werde, wenn er so 
weiter leben müsse. Das dauere schon einige Jahre und werde immer arger. 
Er komme immer mehr herunter. 

Mein Verdacht, daß es sich um eine Angstneurose handelt, wird durch 
andere Symptome bestätigt. Er leidet an Schüttelfrösten, nachtlichen Schweißen, 
macht sich Sorgen Ober die Znknnft der Familie und übt seit zehn Jahren den 
C'oitus interruptus aus. 

Ich erkenne, daß die nächtlichen Anfälle Hunger sind. leb kann es nur 
wiederholen: Viele Schmerzen bei Menschen, die eine strenge Diät 
halten, sind Hunger. Da unser Patient nie Blut gebrochen hatte, stand bei 
mir fest, es handle sich um eine Magenneurose, die dem gewiegten Internisten 
entgangen war. Bei vielen Diagnosen gibt der Eindruck den Ausschlag, der 
diagnostische Flaire. Ich ließ auch den Stuhl untersuchen: kein Blut nachzu- 
weisen. Eine Röntgenuntersuchung des Magens mit Wismut ergab auch keinen 
Anhaltspunkt für ein Magengeschwür. 

Ich verordnete für die nächste Nacht ein ausreichendes Nachtmahl: Ein 
faschiertes Beefsteak, Kompott (passiert) und drei gut gekaute Semmeln. Dazu 
ein Glas Pilsnerbier, das der Kranke einst leidenschaftlich gerne getrunken 
hatte und das ihm verboten wurde. Und siebe da! Die Nacht verlief besser. 
Durch diesen Erfolg dreist gemacht, ging ich ohne Ubergaug zur gewöhnlichen 
Kost über. Der Kranke hätte noch drei Wochen liegen sollen. Ich ließ ihn 
aufstehen und empfahl ihm, ins Büro zu gehen. Ich machte ihm klar, daß es 
sich um eine nervöse Angst vor dein Essen bandelte. Er mußte nun reichlich 
zum Abendbrot essen: Schwarzbrot mit Butter, Käse, Braten usw. 

Nach drei Tagen waren die Schmerzen vollkommen ge- 
schwunden! 

Über solche Beobachtungen verfüge ich jetzt, da ich auf den Zustand 
aufmerksam gemacht wurde, genügend. Ich empfehle, alle Magen- 
leidenden genau nach einer Angstneurose zu untersuchen und 
nach der Angst vor dem Essen zu fahnden. Ich bin überzeugt, 
daß über die Hälfte, ja vielleicht zwei Dritte! aller Magen- 
kranken an Angstneurose oder Angsthysteric leiden. 

Die Erkenntnis dieser Tatsachen ist für den praktischen Arzt von 
außerordentlicher Bedeutung. Immer müssen wir hinter den sogenannten 
nervösen Krankheiten eine Angstneurose vermuten und nach Angstvorstel- 
lungen fahnden. Man glanbt es nicht, wie häufig der Patient diese Dinge 
verschweigt , wenn man nicht selbst danach fragt. Forscht man jedoch 
nach, so wird man finden, daß es sich um eine neurotische Angst handelt, 
welche im Grunde genommen eigentlich nur verdrängte Sexualität darstellt. 
Immer ist auch eine gute Mischung von Hysterie dabei. Aber auch 



Klinik der Angstnenrose - Stürungen der Vcrdauan«. 75 

diese gibt keine schlechte Prognose. Gelingt es, die Angstnenrose als 
solche zu heilen, so pflegen auch die schweren hysterischen Symptome zn 
weichen. Eine Reihe von solchen Fällen, die man als Hypochondrie be- 
zeichnen könnte, soll noch später bei den Phobien besprochen werden. Ich 
will jetzt nur betonen, daß Hypochondrie als solche eigentlich gar nicht 
existiert, nnd daß es sich eigentlich nur nm einen Sammelnamen handelt, 
unter welchem verschiedene Krankheiten eingereiht sind. Darunter jedoch 
vorzüglich Angstneurosen, bei denen die Angst in eine nosophobische Vor- 
stellung verwandelt wurde. Je jünger der Zustand ist, desto rascher kann 
die Heilnng vonstatten gehen. Schwerer ist es schon bei der ausgebildeten 
Hysterie, bei der infolge psychischer Verdrängungen eine größere psycho- 
analytische Arbeit vonnöten ist. Wird dem Leiden nicht rechtzeitig Einhalt 
geboten, so fixiert sich die Angst, es bildet sich zwischen dem Angstgefühle 
and dem Angstobjekte eine feste Assoziation, die zur überwertigen Idee 
wird und das ganze .Seelenleben des Kranken beherrscht. Sie ist nicht mehr 
korrigierbar und maß schon als „Wahn" bezeichnet werden. Dreyfuß (Die 
nervöse Dyspepsie) hat in vielen Fällen von nervöser Dyspepsie eine milde 
Form vom Zyklothymie konstatieren können. Ich kann diese Erfahrungen 
nicht bestätigen. Alle Neurotiker sind Periodiker und zeigen Schwankungen 
zwischen Euphorie und Depression. Nur die schweren Hypochonder sind 
chronisch deprimiert. 

Die hartnäckigste Form dieser Spezies sind die sogenannten Stuhl- 
hypochonder, die jeden Flatus ängstlich nachzählen, den Stuhl täglich 
förmlich abmessen, die teuersten Abführmittel gegen eine gar nicht existie- 
rende Verstopfung einnehmen, aus Angst vor der Ansammlung des Stuhles 
zu essen authören usw. 

Die einfachen Formen entstehen auf dem Boden einer Angstneurose. 
Es ist dasselbe Spiel, das ich schon früher bei den Magenerkranknngen 
genau geschildert habe. Die Kranken beginnen sich zu furchten, sie hätten 
zu wenig Stuhl. Die Angst stammt natürlich aus anderen Quellen und wird 
auf die Funktionen des Stuhles verschoben. Dabei spielen gewisse symboli- 
sche Beziehungen mit, die uns noch später beschäftigen werden. Jetzt 
beginnt die peinliche Beobachtung der Endprodukte unseres Stoffwechsels, 
es beginnen die Experimente mit den verschiedenen Diätformen , den 
Laxantien, der Massage. Meistens wird bei solchen Formen die Diagnose 
einer „spastischen Obstipation" gestellt. Denn ihre Verstopfung entsteht 
nicht durch Schwäche der Darmmuskolatur, sondern durch Erregung des 
Darmes. 

Solche Kranke sind so häufig zu beobachten , daß ich mir die illu- 
strierende Krankengeschichte ersparen kann. 

Auch die „nervöse Diarrhöe" ist nur eine besondere Ausdrucksform, 
der Angstneurose. 

Besonderseine Form der Diarrhöen, die sogenannte „Colica mueosa", 
ist eine Begleiterscheinung der Angstneurose. Manchmal werden dabei enorme 
Mengen Schleim mit Lustgefühlen sezerniert. Die Diarrhöe ist in solchen 
Fällen geradezu das Surrogat einer Pollution, wobei die Libido entweder 
offen oder als Angst zutage tritt. 

Die Zusammenhänge zwischen Angst und Darmtätigkeit erfordern 
keine genauere Besprechung. Schon die Furcht bei kleinen Kindern kann 
durch plötzliche Erregung des Vagus die Macht des Sphincter ani über- 
winden. Aber auch Erwachsenen ist unter dem Einflüsse von Furcht, 



76 Erster Teil. Die Angstneu rose. 

Schrecken oder Angst etwas Ähnliches passiert. Häufig sind die Srahlab- 
gänge unwillkürlich, ohne daß der davon Betroffene es in der Erregung 
merkt. In den meisten Fällen wird das Angstgefühl nur von einer Diar- 
rhöe begleitet. Manche dunkle Fälle von , nervösem Darmkatarrh" oder 
„nervöser Dyspepsie" finden so ihre einfache Erklärung. Sehr hübsch er- 
hellt dies aus folgender Beobachtung. 

Nr. 37. Herr F. 0. leidet seit vielen Jahren an „nervöser" Diarrhöe. 
Alle Diätkuren sind gegen das Leiden machtlos. Eine Kar in Karlsbad, bei 
der ihm seine Frau Gesellschaft leistet, verschlimmert die Krankheit derart, 
daß sich seine Erregung dort noch steigert und er noch viel hanfiger laufen 
muß. Er wird jetzt meistens des Morgens (sehr charakteristisch für die ner- 
vösen Diarrhöen!) von einer Diarrhöe geweckt 1 ), der noch 3 — 4 im Tage 
folgen. Eine Kaltwasserkur in einer Anstalt bringt leichte Besserung. Aber 
immerhin bat er auch nachher täglich seine 2 — 4 Diarrhöen, niemals einen 
festen Stuhl. Sonderbar ist nur der Umstand, daß er diese Diarrhöen auf der 
Reise vollkommen verliert, obwohl er lange nicht so strenge Diät halt wie zu 
Hause. Im Gegenteil, er muß in den verschiedenen Gasthäusern, in den Speise- 
wagen oft Speisen sehr zweifelhafter Qualität essen. Dieser Mann leidet aneu 
an zeitweiligen Anfallen von Schwindel, der ebenfalls anf der Reise niemals 
auftritt. Die psychische Erforschung des Patienten ergibt einige interessante 
Tatsachen. Er ist ein hochgradig erotischer und sehr polygam angelegter Mann. 
Seine um einige Jahre altere Frau reizt ihn langst nicht mehr. Er zwingt sich 
znm Koitus, indem er sich eine andere vorstellt. Um seine Frau zu befriedigen, 
schiebt er die Ejakulation hinaus, indem er krampfhaft das kleine Einmaleins 
auszurechnen beginnt, oder das ABC einigemal aufsagt, also die psychische 
Aufmerksamkeit vom Koitus auf eine andere Vorstellung verschiebt und den 
Ablauf des Reflexaktes verzögert. Es ist dies eine Form des Geschlechtsver- 
kehres, die den Mannern besonders schädlich ist. Jede schöne Frau, die er 
tagsüber sieht, erregt in ihm erotische Vorstellungen. Er stellt sich immer vor, 
wie er sie besitzt, wie sie sich auszieht u. dgl. Des Nachts im Traume wieder- 
holen sich diese Phantasien, unterbrochen von der Angst, seine Frau könnte 
ihn dabei erwischen. Der Nenrotiker ist selbst im Traume nicht glücklich. Seine 
Erotik schließt mit einem Angstaffekt. Die Diarrhöe am Morgen, die ihn weckte 
und zwang hinaus zu laufen, war ein „rudimentärer" Angstaufall oder eine 
Begleiterscheinung eines Angsttraumes. Auf der Reise pflegte er den sogenann- 
ten „feschen Kerl" zu spielen, vergnügte sich mit den Stubenmädchen der 
verschiedenen Hotels, machte die wohlfeilen Eroberungen, die seiner Eitelkeit 
schmeichelten und sein erotisches Bedürfnis stillten. Deshalb besserte sich seine 
Angstneurose auf der Reise und seine Diarrhöen verschwanden. 

Strohmayer (Beziehungen der Sexualität zu Angstzuständen) 1. c. sagt : 

„Neben den psychischen Symptomen der Angstneurose finden wir 
oft Störungen des Magendarmtraktus (Übelkeit, Erbrechen, Diarrhöen mit 
dem sekundären Zustand der „ nervösen" Unterernährung, der keiner Mast- 
kur weichen will)" und erzählt folgenden Fall: 

Nr. 38. „Frau Margarete M., 30 Jahre alt, als junges Mädchen bleich- 
süchtig, mit 21 Jahren verheiratet, mit 27 Jahren erste Geburt. Die Patientin 
war seit der Verheiratung aufgeregt und nervös. Besonders störend war ein 
nervöser Blasendrang ; sie wurde nach Wildungen geschickt, wo man Oxal- 



') Solche Morgendiarrhiien sind immer auf einen Angsttraum zurückzuführen. Der 
Traum springt meistens gar nicht über die Schwelle des Bewußtseins. 



Klinik der Angstneurose Störungen der Verdauung, 77 

orie feststellte. Vor zwei Jahren zweite Geburt. Darnach große „Kopf- 
schwäche", während das Befinden in der Schwangerschaft ausgezeichnet 
war. Patientin mußte sich schonen, konnte nicht lesen und nicht schreiben. 
.Seit einem Jahre traten Diarrhöen auf, gewöhnlich vormittags zu 
bestimmten Stunden („Überschüssige Säure"). Patientin hat in den 
letzten zwei Jahren 25 Pfund abgenommen. Der Zustand ist annähernd 
immer der gleiche geblieben : regelmäßige Durchfälle, gewöhnlich des mor- 
gens, Angst vor allem, Furcht, daß etwas passieren könnte, besonders 
ihrem Kinde, Verstimmung, großes SchwächegefUhl. „Die Angst erschwert 
das Essen und Essen reizt sofort zum Stuhlgang." Während der Behand- 
lung erfolgte fast regelmäßig zwischen 9—10 Uhr vormittags Stuhldrang 
und mehrmalige diarrhöische Entleerung. Der Schlaf war schlecht, die 
Körperkrüfte trotz stetiger Gewichtszunahme minimal, die Stimmung depri- 
miert-reizbar. Tagsüber traten öftere Anfälle von Angst und innerer Un- 
ruhe, Herzklopfen und Kongestionen nach dem Kopfe und proportional 
der vermehrten psychischen Reizbarkeit Blasendrang mit alkalischem, 
trübem, stark sedinientiertem (Kalksalze) Urin auf. — Patientin gestand, 
daß die erste Kohabitation (abgesehen von frustranen sexuellen Reizungen) 
rite erst nach fünfjähriger Ehe stattfand und sofortige Konzeption zur 
Folge hatte, die zweite und letzte während der ganzen zehnjährigen Ehe 
im März 1905 mit nachfolgender zweiter Gravidität. Das erste Kind war 
vier Tage nach der Geburt gestorben. Die Patientin wünschte sich Kinder, 
der bequeme und feminine Ehemann war dagegen und beleidigte auch 
sonst die weiblichen Gefühle seiner Frau aufs gröblichste." 

Charakteristisch für diese nervösen Diarrhöen ist der Um- 
stand, daß die Kranken dabei blühend aussehen, während sie 
durch einen wirklichen Darmkatarrh sehr herunterkommen. 

Komplizierter werden die Neurosen, wenn die Kranken an der Angst 
vor der Angst, d. h. in diesem Falle der Angst vor der Diarrhöe leiden. 
Die Ärmsten trauen sich in keine Gesellschaft, in kein Theater, in keinen 
Eisenbahnzug, wenn sie nicht ein rettendes Klosett in der Nähe wissen. 
Diese Angsthysterien erfordern eine längere psychoanalytische Behandlung. 
Manchmal verlegen die Patienten den Sitz der Angst in den Magen. 
Der Anfall ähnelt einem stenokardischen, nur daß die Kranken angeben, 
der Schmerz strahle von der Magengrube aus. Bei älteren Personen werden 
wir mit der Diagnose „neurotischer Magenschmerz" — als Angstäqui- 
valent oder Begleiterscheinung der Angst sehr vorsichtig sein. In den 
letzten Jahren sind uns erst die verschiedenen Formen der Arteriosklerose 
der Bancharterien bekannt geworden. Speziell die Arbeiten der Wiener 
Schule von Schnitzirr, Ortner haben uns die Diagnose ermöglicht. Ein 
wertvolles diagnostisches Hilfsmittel besitzen wir im Thcobrominum natrio- 
salicylicum (Diuretin). Nothnayrl und sein Schüler Breuer haben an Hand 
klinischer Beobachtungen den Nachweis geliefert, daß die durch Arterio- 
sklerose der Arterien entstandenen Schmerzen nach Darreichung großer 
Dosen Diuretin oder des ähnlich wirkenden Agurin rasch besser werden. 
Auch Strophantus kann zur Differcntialdiagnose benutzt werden. Krampf- 
hafte Schmerzen in der Magen- oder Herzgegend, die nach Diuretin oder 
Strophantus besser werden oder schwinden, sind fast Bicher als arterio- 
sklerotisches Leibweh oder als Angina pectoris zu deuten. Umgekehrt 
wirkt Brom oder Yalidol bei nervösen Schmerzen fast spezilisch. Wenn 
Leibschmerzen nach 10 — 15 Tropfen Validol wie weggewischt erscheinen. 



7H Erster Teil. Die Angstnearoae. 

oder wenn nach Einnahme von 2—3 g Bromnatrium des Abends die Nacht 
ohne Leibschmerzen verläuft, kann man mit ziemlicher Sicherheit eine 
neurotische Ursache der Schmerzen diagnostizieren. 

Freilich darf man nicht vergessen, daß es Mischformen gibt, bei 
denen sich die Symptome zweier Krankheiten vermengen. 

Manche Patienten haben die Empfindung, „es liege ihnen etwas 
im Magen". Man gewöhne sich, scharf auf die Worte der Kranken zu 
achten. Manchmal sind es Menschen, denen tatsächlich jemand im Magen 
liegt (z. B. ein Ehemann, vor dem sich seine Frau ekelt). Auch Blähun- 
gen spielen eine große Rolle in der Angstnenrose, ebenso wie die Angst 
vor den Blähungen. Blähungen sind ein hantiges Angstäquivalent. 

Zwei Angstäquivalente von einer gewissen diagnostischen Bedeutung 
haben wir nur flüchtig erwähnt: das Erbrechen und den Heißhunger. 
Manche Patienten werden auf der Gasse zu ungewohnter Stunde oder des 
Nachts von einem förmlichen Heißhunger überfallen. Ich erinnere mich in 
unangenehmer Weise an den ersten Patienten, der sich mir mit diesem 
Symptom vorstellte, weil ich mit der Diagnose Überaus voreilig gewesen 
war und beim häufigen Zusammentreffen mit dem Behandelten immer 
wieder an meine Unvorsichtigkeit gemahnt werde. 

Nr. 39. Herr J. R., 54 Jahre alt, klagt über plötzliches Auftreten eines 
Heißhungers — besonders am Vormittage. Er befindet eich auf der Gasse oder 
bei irgend einer Kundschaft (auch im Traniwaywagen, im Omnibus, im Bad ist 
es ihm passiert), da tritt plötzlich ein so intensives Hungergefühl ein, daß er 
in das nächste Gasthaus gehen und sofort etwas essen muß. Das Hungergefühl 
richtet sich nicht nach einer bestimmten Stunde. Es kommt relativ am häufigsten 
vormittags, gleichgültig, ob er reichlich gefrühstückt hat oder nicht. Er ver- 
sucht schon durch ein frühzeitig eingenommenes zweites Frühstück diesem 
peinlichen Gefühle zu entgehen. Vergeblich. Nach einer Frist von 1 — l '/, Stun- 
den kam das Hungergefühl wieder zum Vorschein. Charakteristisch ist, daß 
selbst reichliche Nahrungsaufnahme es kaum zu stillen vermag. Des Nach- 
mittags ist der Anfall noch nie aufgetreten, aber schon einige Male des Nachts, 
so daß Herr R. nie schlafen geht, ohne sich einige Semmeln, Obst oder 
Backereien auf das Nachtkästchen hingelegt zu haben. 

Ich denke an einen Diabetes und forsche nach Durst und Polyurie, nach 
Trockenheit im Halse, Jucken und den anderen bekannten Symptomen. Die 
Antwort spricht für ein Zuckerleiden. Der Durst ist zeitweilig fast ebenso 
quälend wie der Heißhunger. Am Vormittag habe er schon manchmal vier 
Krügel Pilsnerbier trinken müssen, um Hunger und Durst zu stillen. Er müsse 
des Nachts oft 3— 4mal zum urinieren aufstehen, leide auch des Tags sehr 
häufig an geradezu quälendem Harndrang. Er müsse jede halbe Stunde urinieren 
und habe dabei die Empfindung, daß er nicht ganz ausuriniert habe. Ein son- 
derbares Jucken uud Kitzeln in der Harnröhre reize ihn dann zum urinieren. 
Trockenheit im Halse, Kratzen im Schlünde, leichter Pruritus werden auch zu- 
gegeben. Die Untersuchung des Urins ergibt positiven Nylander. Ich stelle die 
Diagnose auf Diabetes und verordne eine entsprechende Diät. Nach einer Woche 
finde ich im Urin nicht eine Spur von Zucker und ich war gerne bereit, diese 
Besserung auf Rechnung meiner Diät zu stellen. Zögerte auch nicht, das dem 
Patienten mitzuteilen. Man kann sich meine unangenehme Überraschung vor- 
stellen, als Patient mir mitteilt, er habe seine Diät nicht um ein I-Tüpfel ge- 
ändert. Ein Freund habe ihm geraten, seinen Urin in einem „Chemischen La- 



Klinik der Angstneurose : Störungen der Verdauung. 79 

boratorium" untersuchen zu lassen. Dort sei nicht eine „Spur" von Zucker ge- 
funden worden. 

Wie ich erst jetzt erfuhr, hatte er des Nachts vor meiner Untersuchung 
eine große Menge Süßigkeiten zu sich genommen. Es hatte sich um eine „ali- 
mentäre Glykosurie" gehandelt Aber selbst meine Prophezeiung, daß solch ein 
Befund lange vor Ausbruch der schweren Symptome eineu beginnenden Dia- 
betes verraten könne, verfing nicht bei dem Patienten. Er lasse sich durch der- 
artige „Theorien" nicht in seinem Lebensgenüsse stören. Und merkwürdiger- 
weise hat er Recht behalten. Nach sechs Jahren untersuchte ich wieder den 
Drin, Patient wollte wahrend dieser Zeit von eiaer Analyse nichts wissen, und 
ich fand nicht eine Spur von reduzierenden Substanzen. Dieser Fall beweist, 
wie vorsichtig man mit seinen Diagnosen und Prognosen sein muß. Auch ge- 
nügt nie eine einzige Zuckerprobe. Es können ja im Harne auch andere redu- 
zierende Substanzen (Harnsaure !) in großer Menge vorhanden gewesen sein. 
Die Aufklärung dieses Heißhungers und der Polyurie ward mir erst nach 
einigen Jahren, als ich durch einige ahnliche Falle nnd durch Kenntnis der 
Arbeiten Freuds ein größeres Verständnis für neurotische Symptome erlangte. 
Herr J. R. hatte damals au einer Angstneurose gelitten, die ich einfach nicht 
erkannt hatte. Er hatte sich gerade damals nach vielen Zwistigkeiten von seiner 
Gattin getrennt und lebte allein mit seiner hochbetagten Mutter. Die plötzliche 
sexuelle Abstinenz fiel ihm sehr schwer. Er litt unter häufigen Erektionen. Er 
ängstigte sich vor venerischen Krankheiten und konnte sich nicht zu einem 
Verkehr mit einer Pnella publica entschließen. In der Zeit dieses psychischen 
Konfliktes zwischen Libido und Angstvorstellungen traten der Heißhunger und 
die Symptome der Reizung des Urogenitaltraktes auf. Schließlich griff der ge- 
quälte Mann, dem auch die Mittel zur Befriedigung der erotischen Gelüste 
fehlten, zu jener Methode, die ihm in der Jugend geholfen hatte. Er begann 
zu onanieren. Damit verschwanden die verschiedenen Symptome der Angstneu- 
rose. Er war offenbar unfähig, die Abstinenz zu ertragen, und die Onanie war 
die geringere Schädlichkeit für seinen Organismus. Einige Jahre nachher suchte 
er mich wieder auf, um mich wegen eines Schreibkrampfes zu konsultieren. 
Außer einer leichten Erregbarkeit, Disposition zum Weinen, Kopfdruck (Neu- 
rasthenie) und dem erwähnten Schreibkrampf, der sich durch psychische Be- 
handlung rasch bessern ließ, fühlte er sich vollkommen wohl. Wahrend der 
psychischen Behandlung des Schreibkrampfes, der sich mühelos als „Unlust zur 
Arbeit" enträtseln ließ, erfuhr ich die jetzt nachgetragenen Details der Kran- 
kengeschichte. Auch gestand er, daß er noch immer 1 — 2mal die Woche ona- 
nieren mtlese. 

Ein ähnlicher Fall ist der folgende (Nr. 40): Herr H. H., ein von ge- 
sunden Eltern stammender 36jähriger Mann, der verheiratet ist und mehrere 
gesunde Kinder hat, von denen das jüngste fünf Jahre alt ist, leidet seit 
4 1 /* Jahren an verschiedenen Magenbeschwerden. Meistens hat er den 
ganzen Tag über ein „ Drücken nnd Zucken" im Magen. Zwischen 10 und 
1 1 Uhr vormittags befallt ihn ein quälender Heißhunger. Nachmittags 
zwischen 5 und 6 Uhr hat er seinen Anfall. (Schwindel, Ohnmacht, Üb- 
lichkeiten und Schweißausbruch.) Er schläft sehr schwer ein und muß 
dann wiederholt schwer aufseufzen, als ob er ersticken würde. Er trägt 
die Hose immer ganz locker um den Bauch, weil der Magen immer so 
gebläht ist. Bei Nacht sind diese Blähungen am quälendsten. Er muß auch 
wiederholt aufstehen, um zu urinieren. Dabei hat er schon beim Ein- 
schlafen die unangenehmsten Gedanken. „Ich werde bald sterben und 



80 Ereter Teil. Die Angstneurose 

meine Familie unversorgt zurücklassen." Oder: „Durch meine Krankheit 
werde ich meinen Posten verlieren und vielleicht betteln müssen." Sein 
Kopf ist immer eingenommen, als wenn er einen Helm tragen würde. Der 
Stuhl ist etwas angehalten. Zunge leicht belegt. Magengröße normal. 
(Dabei Platschern! Ein häufiges Symptom der Angstneurose!) 

Die Beschwerden gehen auf eine sehr charakteristische Aerophagie 
zurück. Durch das Aufseufzen pumpt er Bich große Mengen Luft in den 
Magen, die ihm dann verschiedene Sensationen auslösen. 

Seit fünf Jahren treibt er Coitns interruptus. 

Therapie: Ein Messingapessar und entsprechende Belehrung über 
die Unart der Aerophagie. Schon nach einigen Wochen eine auffallende 
Besserung des Zustandes, der nach einigen Monaten vollkommen ver- 
schwindet. 

Dieser plötzliche Heißhunger wie der Hunger überhaupt hatte sehr 
interessante Beziehung zur Libido. Ein heftiges Begehren kann sich als 
quälender Hunger äußern. Es ist der bekannte Hunger nach Liebe. In 
diesem Falle hatte der Umstand, daß die Anfälle immer Vormittags zwischen 
10 und 11 Uhr auftraten, seine besondere Begründung. Um diese Zeit war sein 
Stubenmädchen allein in der Wohnung, da die Frau einkaufen ging. Der 
in der Ehe infolge des Coitus interruptus unbefriedigte Mann richtete seine 
Begehrungsvorstellungen auf ein anderes Objekt. Der Heißhunger sagt 
eigentlich: Gehe nach Hause und befriedige dich beim Stubenmädchen. 
Dieser Gedanke kam dem hochmoralischen Manne nicht ins Bewußtsein. 
Als Ersatz dafür trat der Heißhunger ein. Ich kenne manche ähnliche 
Fälle. Lebenslust und Liebeslust äußern sich durch starke Steigerung des 
Appetites, während die Appetitlosigkeit häufig nur dazu dient, das mangelnde 
oder abgelehnte sexuelle Begehren auszudrücken. An diese seelische Be- 
deutung des Heißhungers müssen wir in jedem Falle denken. 

Plötzliche Anfälle von Heißhunger, insbesondere wenn sie Bich mit 
Schwindel, Parästhesien, Kongestionen, Blähungen, Angstneurosen, Diar- 
rhöen kombinieren, wecken immer die Vermutung, es handle sich um ein 
Symptom einer Angstneurose oder um larvierte Angstanfälle. Viel klarer 
wird das Krankheitsbild, wenn die Anfälle von Heißhunger oder „Leere 
im Magen" von einem Angstgefühl begleitet sind. 

Oft entscheidet der Erfolg der Therapie die Diagnose. Eine Regu- 
lierung der sexuellen Schädlichkeiten und eine beruhigende Aussprache 
bringen rasche Besserung. Aber nicht immer. Bei vielen Fällen kommt 
noch eine psychische Komponente in Betracht. Es handelt sich um 
„Zwangsneurosen" und „Hysterien des Alltagslebens", für die eine Be- 
freiung und Lösung der verdrängten Gedanken die Hauptsache ist. Wir 
werden in den nächsten Kapiteln einige derartige Fälle kennen lernen. 



LX. Klinik der Angstneurose: Der Ekel und die 
Hyperemesis Gravidarum. 

Auch Singultus, Aufstoßen, Rülpsen, Brechreiz, selbst ein chronisches 
Erbrechen können Symptome einer Angstneurose oder einer Angsthysterie 
sein und sich mit Angstgefühlen kombinieren, häufig jedoch alternierend 
mit denselben auftreten. Es ist dies ein dunkles Gebiet, wo noch sehr viel 



Klinik der Angstneurose : Der Ekel and die Hyperemeeis Gravidarum. 81 

zu leisten ist. Das sogenannte „ nervöse Erbrechen" ist viel häufiger, als 
man es glanbeii sollte. Gewöhnlich handelt es sich um verdrängte Vor- 
stellungen, an die sich Affekte des Ekels knüpfen. Die Ekelgefühle' werden 
auf einer sehr ausgefahrenen Bahn in Brechneigung und Erbrechen kon- 
vertiert. Mancher Fall von rätselhaftem Erbrechen klärt sich durch die 
psychoanalytische Methode in verblüffender Weise. 

Ekel and Begierde sind die zwei Pole, zwischen denen all unsere Lust- und Dnlast- 
gefühle bin- und herpendeln. 

Ekel ist die Angst vor der Berührung, die Begierde der Wunsch naoh 
derselben. Die Erfahrung des täglichen LebenB beweist eB unB, daß der Gedanke an ver- 
schiedene, den Menschen widerwärtige Dinge nur dann das Ekelgefühl produziert, wenn sieb 
mit diesem Gedanken ein Kontaktgefühl kombiniert. Wir können ruhig einen anderen eine 
Speise verzehren sehen, die uns ekelhaft erscheint; werden wir aufgefordert, an der Tafel 
teilzunehmen, so taucht schon der Gedanke der Berübrong auf und wir empfinden das Ekel- 
gefühl, das sich beim Versuche, es za fiberwinden, eventuell bis zur schärfsten Abwehr- 
reaktion des Organismus, bis zum Brechakt steigern kann. Das Brechen ist die mechanische 
Antwort, die die Angst vor der Berührung in grobsinnlicher Weise ausdrückt. 

Bekanntlich teilt man mit Moll den Sexualtrieb in zwei Komponenten, in den Kon- 
trehtations- (Berührung«-) and den Detumeszenz-(EntleerungB-)trieb. Mit dem Detameszenz- 
trieb als solchem scheint der Ekel wenig zn tun zu haben. Dagegen ist er direkt dem Kon- 
trektationstrieb entsprungen, er ist der negativ betonte Berfibrungstrieb. 

Wir werden die Psychologie des Ekels am besten verstehen, wenn wir seiner Ent- 
stehung nachspüren. Das Kind als solches kennt das Ekelgefühl nicht. Man merkt auch, daß 
es alles in den Mund steckt, daß es alles mit der Znnge betasten will, nbne sieb daran zn 
stoßen, ob wir Erwachsene das Ding ekelhaft Anden oder nicht. Hier setzt nun die Erzie- 
hung ein und sagt dem Kinde: „Pfui, laß das, das ist kaka" oder irgend einen anderen 
onomatopoetischen Ausdruck, der sich meist auf die Defäkation bezieht, oder: „Das ist 
häßlich, das ist abscheulich, das ist ekelhaft, ein braves Kind macht so etwas nicht." Da- 
durch wird das Ekelgefühl in direkten Zusammenhang mit der Nahrungsaufnahme und 
Nahrangsabgabe gebracht. Andrerseits ersehen wir daraus, daß das Ekelgefühl nioht ange- 
boren ist, sondern daß es dem Menschen erst anerzogen wird. Es ist gewissermaßen ein 
Schutzwall gegen atavistische Regungen, eine Barriere unserer instinktiven Gefühlswelt. 

Noch eine zweite Beobachtung machen wir im Kindesalter, die sich logisch aus der 
ersten ergibt. Ist das Ekelgefühl nicht angeboren, sondern nur anerzogen, so muß es bei 
verschiedenen Menschen verschieden sein, es muß nach Sitte und Ursprung wechseln, es 
maß ein relatives Gefühl sein. Daß das Gefühl relativ ist, erkennen wir aus verschiedenen 
Beziehungen des täglichen Lebens. Wir ekeln uns zum Beispiel vor den Ausscheidungen der 
Kinder nicht, der Arzt betrachtet mit Interesse die Ausscheidungen der Kranken, während 
sie uns bei Erwachsenen und den Arzt bei anderen Menschen abstoßen. Wir stellen uns hier 
unwillkürlich auf den Standpunkt der Kinder, für die diese täglichen Funktionen durchaus 
nichts unschönes sind. 

Schamgefühl und Ekelgefühl müssen erst anerzogen werden und sind 
die ersten Empfindungen, die das Rind vor der Außenwelt gegen seine 
eigenste Überzeugung zeigen muß. Beide gewinnen so den Charakter des Versteckten 
und Verhüllten, der alle sexuellen Empfindungen auszeichnet. So erhält der Ekel seine erste 
Betonung eines Sexualgefühles, und diese Betonung ist es, die seine tiefste Bedeutung aus- 
macht. Der Ekel ist ein Sexualgefübl par excellence, oder genauer ausgedrückt: er ist der 
treue Begleiter aller Sexualgefühle. Beim Kinde gehören die täglichen Funktionen seiner Ver- 
dauung zur Sexualempfindung, ein Kind differenziert nicht so genau wie der Erwachsene: 
Was in der erogenen Zone vor sich geht, gehört mit zur Sexualität. Die Defäkation and 
Mostikation sind für das Kind Sexualempfindungen. Von der Umgebung darauf aufmerksam 
gemacht, daß diese Begriffe ekelhaft sind, verbindet es nun den Begriff des Ekelhaften für 
sein ganzes Leben mit dem des Sexuellen. Diese Empfindungen, daß die Defäkation asw. mit 
zur Sexualität gehört, verschwinden beim Erwachsenen bis auf dnnkle Reste vollkommen, 
aber nicht ganz und nicht bei allen Menschen. Bei manchen Menschen fixiert sich diese 
erogene Zone für das ganze Lehen, und wir sprechen bei einer solchen krankhaften Fixation 
von Perversität. 

Alle Perversitäten sind ja bekanntlich Fixierungen erster Sexual- 
empfindungen. Ist diese krankhafte Fixierung sehr ausgesprochen, so können Handlungen 
begangen werden, die dem normalen Menschen heftigen Ekel erregen. Das Kind steckt alle 
Gegenstände in den Mund. Der Mund ist beim Kinde ebonfallB eine erogene Zone. Der Sang- 
akt für Kind und Mutter ein sexueller Vorgang. Havelock Ellia („Das Geschlecbtsgefübl u , 

3t*ko), Nervo» AoffaUDstlode and ihre Behuidlaog. 2.Aoft. Q 



82 Erster Teil. Die AngstneuroBe. 

eine biologische Studie, Würeburg 1903) sagt sehr treffend, da er von der Auffassung des 
Geschlechtstriebes spricht: „Eine ähnliche Beziehung besteht zwischen Säugling und Nähr- 
mutter. Die Mutter verdankt dem Binde die angenehme Empfindung der Entlastung ihrer 
gespannten Brüste, und wenn auf einer höheren geistigen Stufe intellektuelle Momente diese 
Seite der natürlichen Ernährung in den Hintergrund drängen, ist in primitiven Verhältnissen 
und bei Tieren der Wunsch nach dieser Erleichterung ein wirkliches Band zwischen der 
Matter und ihrer Nachkommenschaft (gewissermaßen ein Detumeszenztrieb). Die Analogie ist 
in der Tat sehr eng : die erektile Warze entspricht dem erektilen Penis, der gierig wässernde 
Hund des Säuglings der feuchten, zuckenden Vulva, die lebenspendende, albuminöse Milch 
dem lebenzeugenden, albuminüsen Sperma. Die vollkommene gegenseitige körperliche and 
seelische Befriedigung durch die beim Saugen stattfindende Übertragung einer wertvollen 
organischen Flüssigkeit ist das einzig wirkliche physiologische Analogon zwischen Mann and 
Frau auf der Höhe des geschlechtlichen Verkehres." Ferner verweist Ellis auf den spanischen 
Soziologen Salilas, der nachgewiesen bat.^daß die spanische Volkssprache diesem Analogon 
einen deutlichen Ausdruck gegeben hat. 

Die Nahrungsaufnahme ist also der erste sexuelle Akt des Kindes. Jetzt werden wir 
es begreifen, warum sämtliche Sezualgefühle sich mit Ekelgefühlen kombinieren. Wir werden 
die Zusammenhänge zwischen Verdauungsvorgängen und Sexualität, das uralte Zusammen- 
arbeiten von Hunger und Liebe in seiner tiefsten Wurzel fassen können. Nur von diesen 
Voraussetzungen ausgehend werden wir jene widerwärtigen Erscheinungen verstehen können, 
die dem Psyobopathologen als sexuelle Kopro- und Urolagnie bekannt Bind, das beißt „jene 
Formen der Perversität, die die Vorgänge und Produkte der letzten Ausscheidungen des 
Stoffwechsels mit der Libido sexualis verknüpft und aus ihnen eine geschlechtliche Befrie- 
digung schöpft". (Iwan Bloch, Beitrage zur Pathologie der Psycbologia Bexualis, Dresden, 
Verlag von H. Dorn, 1903.) Sehr treffend führt dieser Autor ans, daß er nach eingebenden 
Studien dieser Frage sich überzeugt hat, daß man es hier eigentlich nicht mit einer krank- 
haften Erscheinung au tun bat, da die verschiedensten Forscher, darunter Tarnowshx und 
er, bei vollkommen Geistesgesunden derartige Neigungen beobachten konnten. 

Es bilde sich von der .Tugend aus — wie wir bereits ausgeführt haben — eine Ideen- 
assoziation zwischen den geschlechtlichen Verrichtungen und der großen und kleinen Kloake. 
Er sagt: „Daher kann man nicht den Ekel vor sich selbst und der soeben begangenen 
Handlung, der die Kopro- und Drolagnisten nach vollendetem Geschlechtsakte befällt, dafür 
geltend machen, daß jene Handinngen in einem unzurechnungsfähigen Znstande begangen 
worden seien.* Dieser moralische Katzenjammer trete nach allen Geschlechtsakten auf. Er 
zitiert Kuttnburg: „Wie jedem großen körperlichen und seelischen Genuß ein bitterer Nach- 
geschmack der Ernüchterung, der Enttäuschung, ein Stadium physischen und moralischen 
Jammers unvermeidlich zu folgen pflegt, so folgt auch dem am heißesten ersehnten und oft 
am schwersten erkämpften Gennsse, der geschlechtlichen Befriedigung, ein Gefühl von Wider- 
willen und Ekel." Dieses Ekelgefühl könne daher nicht als Maßstab für die Gesundheit und 
Krankheit angesehen werden. Eine Reihe von Faktoren vereinige sieb, um dies zu beweisen. 
Wie Bchon der Haut gout gewisser Feinschmecker einen Anklang an diese Empfindung hat. 
so führen ähnliche Brücken von ekelhaften Vorstellungen zur Sexualität. 

Sagt doch v. Hippel, die Unsauberkeit wäre ein Ausbängeschild der Venus pandemos 
und Krauss berichtet von den Südslawen, daß dort die l'nreinlichkeit der Geni- 
talien und ihrer Umgebung als sexuelles Stimulans hochgeschätzt wird und 
demgemäß diese Teile niemals gewaschen werden, wobei besonders die durch 
den Geruchssinn vermittelte Wirkung auf die Libido sexualis hervorgehoben 
werde. Die Skatologie spielt auch im Folklore, im Mythus, im Aberglauben und in der 
Literatur aller Völker eine große Rolle. 

Der Beweise gibt es unzählige. Das große Sammelwerk von Bvrke, Scatologic Bits 
of oll Nations, Washington 1891 die italienischen, französischen und deutschen Volkslieder 
geben unzählige Beweise; die in aufdringlicher Weise dieselben Vorgänge schildernden Lieder 
aus Ragusa und Bosnien seien hier auch erwähnt. Die Vierzeiler aus den deutsch-österrei- 
chischen Alpen schwelgen geradezu in koprolagnistischen Vorstellungen und Schilderungen. ') 
Block führt auch das florentinische Sprichwort an: Amore merda e venere son tre cose 
teuere, überhaupt, sagt er, macht man sich kaum einen Begriff, welche außerordentliche 
Freiheit und Ungeniertheit in Italien und Spanien in bezug auf die Verrichtungen dieser 
natürlichen Bedürfnisse herrscht. Hierdurch wird ganz gewiß außerordentlich häufig jene für 
die Genesis der Koprolagnie maßgebende Ideenassoziation zwischen der Libido sexualis und 
den Akten der Defakation hervorgerufen, man bat eine Erklärung für die befremdende Tat- 



') Vergleiche das reiche Material der „Authropophy teia" von Krauss. 



Klinik der Angstneurose : Der Ekel and die Hyperemesis Gravidarum. #3 

sacbe, daß gerade in den romanischen Ländern die Kopro- nnd Urolagnie so hantig vor- 
kommt, wie die verschiedenen erotischen und pornographischen Schriften und Dichtungen 
zeigen. Sehr interessant ist der Hinweis Blochs auf die verschiedenen skatologi sehen Gott- 
heiten, anf den göttlichen Schutzgeist der Crepitus ventris bei den Römern, der Venus kloakina 
und der Götter Crepitus, Stercus, Stercutus, die die Obhut Ober die Bedürfnisanstalten und 
ihre Besucher hatten. Auch die Assyrier sollen eine Venns kloakina gehabt haben , da 
Lukian berichtet, dal) man der assyrischen Venus Fäkalien als Opfergabe darbrachte. 

Großes Interesse bietet die anthropologische Erforschung der Skatologie. Bei den 
Weibern auf Tahiti und bei den Hottentotten lassen sich deutlich solche skatologische Akte 
nachweisen; sehr charakteristisch ist die Verknüpfung von Sexualität und Defäkation in 
den Hochzeitsfeierlichkeiten der Hottentotten. Witmalt berichtet, daß die Braut und der 
Bräutigam vom Priester in einer Art und Welse geweiht werden, wie sie von uns als höchste 
Demütigung aufgefaßt wurde. 

Nach Kenntnisnahme dieser Tatsachen wird man es also begreiflich finden, daß die 
Leichtigkeit, mit der sich Beziehungen zwischen der Vita sexualis und den Ausscheidungen 
der Endprodukte des Stoffwechsels herstellen, sogar eine allgemein menschliche Erscheinung 
ist. Die Ungeheuerlichkeit des Aktes ist durchaus kein Kriterium für seinen psychopathischen 
Ursprung. Wir sehen deshalb, daß heutzutage, und gewiß schon früher und zu allen Zeiten, 
derartige Akte zu den alltäglichen Torkommnissen gehören. Diese Akte verknüpfen sich sehr 
häufig mit sadistischen nnd masochistiBchen. Genug davon; wir aber werden verstehen 
lernen, wieso das Ekelgefühl in so innige Verwandtschaft zum Sexualgefühl gekommen ist, 
wir werden verstehen können, weshalb es keine Sexualempfindung ohne Ekel gibt. Je höber 
die Libido, je großer das Begehren, desto kräftiger wird das Ekelgefühl unterdrückt, aber 
immer nur vorübergehend. Der Ekel mnß einmal eintreten, er ist unausbleiblich, 
weil er ein wirkliches Stück der Sexualempfindung überhaupt ist: Post ooitum 
omne animal triste! Wahrlich, dies häufige Auftreten von Ekelgefühlen unmittelbar nach 
dem Koitus ist eine sonderbare Erscheinung. Das vorher begehrenswerte Wesen wird mit 
einem Male zum Ziele unserer Ekelgefühle. Ich kann diesen Zustand nur mit dem Breohen 
nach der Narkose vergleichen. Als ob der unbekannte Sexualstoff, der unser Gehirn betäubt 
und unR in eine gewisse Narkose versetzt, die uns zur Detumeszenz treibt, die zur Ent- 
leerung unserer Geschlechtsdrüse führt, als ob dieser unbekannte Sexualstoff eben in diesen 
Geschlechtsdrüsen ein Antitoxin hätte, nach dessen Entleerung das Gegengewicht dieses Anti- 
toxins wegfiele und nur die ekelerregende Komponente zurückbliebe. Das ist wohl der Sinn 
des bo viel besprochenen Post coitnm omne animal triste. Nicht Stunden. Tage nachher — 
wie Swoboda meint — , sondern unmittelbar darnach tritt das Ekelgefühl auf. Je geringer 
die Libido, desto größer der Ekel, je größer die Libido, desto geringer der Ekel. Auch der 
Widerstand steht in einem gewissen Verhältnis zum Ekel, weil er auch mit der Libido zu- 
sammenhängt. 

Wir haben früher betont, daß der Ekel seine Kraft aus dem Kontrektationatrieb er- 
hält. Ist die Detumeszenz einmal eingetreten, so ist die Kontrektation, d. i. der Wunsch 
nach Berührung überflüssig, und dieses Gefühl äußert sich dann in der Angst vor der Be- 
rührung, in dem Ekel. 

Die beste Stütze erhält unsere Theorie durch die Analyse der Physiognomik des 
Esels. Charles Darwin hat in seinem trefflichen Werke: „Der Ausdruck der Gemütsbewe- 
gungen bei Menschen und Tieren" darauf hingewiesen , daß der Ekel gewöhnlich von Ge- 
bärden begleitet ist, „als wollte man den widrigen Gegenstand fortstoßen oder sich vor ihm 
bewahren", Bewegungen, die in einem Ausstrecken der Hände besteben, oder in einem An- 
ziehen des Unterarmes, der gewissermaßen den Mund vor Berührung schützt, beides Be- 
wegungen, die dasselbe ausdrücken wie die erwähnte Definition : die Angst vor der Berührung, 
beides Bewegungen, wie sie der Mensch ausführt, wenn er fürchtet, von einem Gegenstand 
getroffen zu werden. Auch macht Darwin auf den Umstand aufmerksam, daß das Ekelgefühl 
relativ ist. Er sagt: „Es ist merkwürdig, wie leicht dies Gefühl durch alles Ungewöhnliche 
im Aussehen nnd Geruch unserer Nahrung erregt wird. Im Feuerlande berührte ein Einge- 
borener mit dem Finger etwas konserviertes Fleisch , das ich in unserem Biwak aß und 
zeigte dabei deutlich seinen höchsten Ekel über die Weichheit desselben, während ich selbst 
den höchsten Ekel darüber empfand, daß mein Essen von einem nackten Wilden berührt 
wurde, obgleich seine Hände nicht schmutzig schienen. Ein Suppenrest auf eines Mannes 
Bart erscheint ekelhaft, wenn schon natürlich an der Suppe selbst nichts ekelhaftes ist. 
Ich vermute, daß dies von der starken Assoziation herrührt, die in unserem Geiste zwischen 
dem Anblick von etwas Genießbarem und der Vorstellung, dasselbe zu essen, besteht." Diese 
Vermutung Darwins ist entschieden richtig. Ekel wird nur dann hervorgerufen, wenn wir 
uns vorstellen, daß wir den Gegenstand des Ekels genießen, das heißt, wenn uns die Phan- 
tasie einer Berührung beschäftigt. Die weitere Physiognomik des Ekels deckt sich mit all 
jenen Bewegungen, die dem Erbrechen vorhergehen, wie ja das Erbrechen direkt aus dem 

6» 



84 Erster TeU. Die Angstneurose. 

Ekel entsteht und, mit ihm innig assoziiert, ans als Ausdruck des Ekels noch genauer be- 
schäftigen soll. 

Zur Anthropologie des Ekels gibt Darwin wertvolle Beiträge. Ekel ist auf der ganzen 
Welt verbreitet, und die Zeichen, mit denen er beim Menschen angedeutet wird, sind überall 
so ziemlich dieselben. Auch erwähnt er des Speiens als einer Bewegung des Ekels. Ich fasse 
das Spacken beim Anblick einer ekelhaften Speise als symbolische Entfernung des ekel- 
haften Gegenstandes auf. Wir sehen eine ans ekelhafte Speise, das Ekelgefühl stellt sich 
zugleich mit einem reichlichen Speichelflüsse ein, der ja eigentlich dazu dient, die Ver- 
dauung dieser ekelhaften Speise zu fördern. Wir machen nun diesem Akte rasch ein Ende, 
indem wir den Speichel entfernen, so als wenn wir im Geiste zur ekelhaften Speise sagen 
wollten : Du wirst von mir nicht eingespeichelt und verdaut werden. In entschiedenem Irr- 
tum befindet sich Danpin, wenn er behauptet, er habe Ekel nie deutlicher ausgedrückt ge- 
sehen als auf dem Gesichte eines Kindes im Alter von fünf Monaten, als er ihm zum ersten 
Male etwas kaltes Wasser und. einen Monat später eine reife Kirsche in den Mund legte. 
.Es zeigte sich, daß der ganze Mund eine Form annahm, die seinem Inhalte gestattete, 
schnell herauszulaufen oder zu fallen, wobei auch die Zunge vorgestreckt wurde. Diese Be- 
wegnng war von einem kleinen Schauer begleitet." Nun. es ist sehr zweifelhaft, ob wir es 
hier mit dem wirklichen Ekelgefühl zu ton haben. 

Wie ich eingangs bereits ausgeführt habe, wird das Ekelgefühl den Kindern aner- 
zogen und nicht angeboren; es dürfte viel eher das Gefühl der Überraschung and des Un- 
gewohnten gewesen sein, das allerdings eine gewisse Verwandtschaft zum Ekel hat, was ja 
daraus erhellt, daß ans fast jede neue, angewohnte Speise mehr oder weniger ekelhaft erscheint 
und erst nach Überwindung gewisser Widerstände verzehrt werden kann. Darwin scheint 
auch das empfunden zu haben, denn er setzt fort: „Das war um so komischer, als ich 
zweifle, daß das Kind wirklich Ekel empfand, denn Auge und Stinte drückten große Über- 
raschung and Nachdenken aas." Das Vorstrecken der Zange, sagt er weiters, bei Fallen- 
lassen eines garstigen Gegenstandes aas dem Monde dürfte zur Erklärung dienen, woher es 
kommt, daß das Aasstrecken der Zange als Zeichen von Verachtung und Haß gilt. Diese 
Erklärung, wenn sie nicht ganz abzulehnen ist, scheint doch den Sinn dieser symbolischen 
Handlung nicht zu erschöpfen. Sowie das Anspeien dem Angespieenen klar machen soll, daß 
er für uns ein ekelerregendes Objekt darstellt, so dürfte aach das Hervorstrecken der Zunge 
zam Teil diese Empfindung andeuten. Es läßt sich aber nicht von der Hand weisen, daß 
mit dieser symbolischen Handlung eine andere Schmähung gemeint ist, die dnreh Goethes 
„Götz von Berlicbingen" literarische Rechte erlangt bat. Der bekannte franzosische Psycho- 
loge Richet („Lee CanseB de degout", 1887) meint, daß es das Gefährliche and Nutzlose sei, 
was Abscheu errege. Da die Verdaaangs- and Geschlechtsexkremente entweder nutzlos oder 
nach weit verbreiteten primitiven Anschauungen sogar höchst gefährlich wären, wnrde die 
genito-anale Region zum gemeinsamen Mittelpunkt des Ekels. Die Unhaltbarkeit dieser Hypo- 
these ist leicht zu erweisen. Da in der Kindheit die anale Gegend mit zu den erogenen 
Zonen gehört, ist es selbstverständlich, daß das genito-anale Gefühl in allen sexuellen Ge- 
fühlen, und solche sind Scham und Ekel, entschieden erhalten bleibt. Trotzdem gibt es eine 
Menge nutzloser Dinge, vor denen die Menschen absolut keinen Ekel empfinden. Die einen 
essen zum Beispiel Austern mit großem Behagen, während sich die anderen davor entsetz- 
lich ekeln. Das Nutzlose allein erklärt diesen Ekel nicht, er hat, wie wir später aasführen 
werden, viel tiefere sexuelle Wurzeln. Aach das Gefährliche erregt keinen Ekel, denn es 
gibt eine Unzahl giftiger Speisen, die höchst gefährlich sind und ohne jegliches Ekelgefühl 
genossen werden können. Aaeh kann uns ein Weib ekelhaft erscheinen, ohne gefährlich und 
natzlos zu sein. Havelock Ellis mochte diese Hypothese mit der Tatsache stützen, daß bei 
den Eskimos der Urin als höchst geschätzte Flüssigkeit aufbewahrt wird und das Urinieren 
bei Tische nicht im mindesten als ekelerregend oder schamlos angesehen wird. Ja, nach 
Burke obliege es häufig der Tochter des Hauses, während der Mahlzeit auf die Bedürfnisse 
der Gaste bedacht zn sein. 

Das beweist aber nur, daß eben die Eskimos in dieser Hinsicht auf einem infantilen 
Standpunkt stehen geblieben sind. Ebensowenig wie der Mutter die Urinausscheidnngen 
ihres Säuglings, von denen sie mehrere Male im Tage beschmutzt wird, ekelhaft erscheinen, 
ebensowenig wie die Kinder selbst dabei irgend ein Gefühl des Ekelhaften empfinden, im 
Gegenteil erst darauf aufmerksam gemacht werden müssen, diese Dinge als .Kaka" zu be- 
trachten, ebensowenig hat sich bei diesen Völkerschaften die Assoziation zwischen Urin und 
Ekel gebildet. Es bat eben in dieser Hinsicht keine Sexualverdrangung stattgefunden. Die 
Kinder sind alle leidenschaftliche Koprophilen. Ich glaube, man geht nicht fehl, 
einen eigenen Schmatztrieb anzunehmen, der sich in direkter Form als Mysophilie äußert, in 
der Verdrängung als Reinlichkeitswahn und Ekel. 

Wir haben schon darauf hingewiesen, wieso Ekel und Nahrungstrieb aus einer und 
derselben Handlung stammen. Havelock Ellis macht mit Recht darauf aufmerksam, daß sich 



Klinik der Angstneurose- Der Ekel and die Hyperemesis Gravidarom. §5 

eine Verquickuug dieser Gefühle noch jetzt bei verschiedenen wilden Volkerstämmen zeige. 
Nach Cook sollen die Tahitier selbst in der eigenen Familie nie gemeinsam essen, sondern 
immer einige Meter von einander entfernt, mit dem Rücken zu einander gewendet, sich er- 
nähren. Cameron fand, daß die Warna in Zcntralufrika ein Tuch vors Gesicht halten, während 
sie trinken. Die Bakairi in Zentralbrasilien kennen das Schamgefühl bezüglich ihrer Nackt- 
heit nicht, aber essen doch nicht gemeinsam. Havelock Ellis sagt: „So löst also das Essen 
dieselben Gefühle ans, wie bei nns das ananständige Bloßstellen des Körpers' und führt dies 
Gefühl merkwürdigerweise anf die beginnende soziale Empfindung zurück, wo das einzelne 
Individuum ein Gefühl von Arger und Abneigung überwinden muß, um zuzusehen, was die 
anderen genießen und was ebensogut dem eigenen Magen hätte zugeführt werden können. 
Es ist anglaublich, daß ein so gewiegter Forscher wie Havelock Ellis zu so gewagten Er 
klamngen seine Zuflucht nehmen maß. Der Umstand, der die Wilden dazu treibt, nicht vor 
einander zu essen, ist genau derselbe, weshalb manche Damen nicht gerne in Gesellschaft 
essen. Es ist bekannt, daß manche Schönheit ihren Beiz verliert, sobald sie zu essen beginnt. 
Dies wissend, vermeidet sie das in gezwungener, höchst lächerlicher Weise. Mit anderen 
Worten ; sie hat die Angst, Ekel zu erregen, eine Wurzel des Schamgefühls, die kein zweiter 
so scharf wie Havelock Ellis selbst hervorgehoben hat. Wieder sehen wir mit voller Deut- 
lichkeit den Seiualcharakter des Ekelgefühls, ja die Scham, wohl das bekannteste Sexual- 
gefahl des Menschen , erweist sich in vielen Fällen als ein auf eine zweite Person 
projiziertes Ekelgefühl. Jeder erfahrene Arzt kann die Beobachtung machen, daß Damen 
sieb nicht untersuchen lassen wollen, auch wenn sie die größten Schmerzen 
leiden, wenn sie beispielsweise nicht gewaschen sind, keine reine Wäsehe 
haben nsw. — sie fürchten, dem Manne ekelhaft zo erscheinen. In diesem Falle 
würde, selbst unbewußt, das Schamgefühl sich als deutliches sexuelles Manometer erweisen, 
denn die Furcht, dem anderen ekelhaft zu erscheinen, d. h. bei einem anderen Individuum 
die Angst vor der Berührung auszulosen, ist im Grande genommen nichts anderes als der 
Wunsch nach Berührung. Das Schamgefühl würde sich aach in diesem Falle als negativ be- 
tonter Kontrektationstrieb entschleiern. 

Als weitere Stütze unserer Anschauungen dient die verschiedene Form des Scham- 
gefühls bei verschiedenen Völkerschaften. Der Sitz des Schamgefühles ist nicht immer die 
Schamgegend, sondern, wie Havelock Ellis trefflich aasführt, viel öfter der After, weshalb 
viele Völkerschaften ihre Schürzen nicht vorne, sondern rückwärts tragen. Die Kleidang 
hätte in solchen Fällen, wie sie es ja auch in der Vorgeschichte der Zivilisation in Wahr- 
heit tut, nur die Aufgabe, das Ekelhafte fremden Blicken zu entziehen. Je nach den ver- 
schiedenen anthropologischen Sitten wird Scham and Ekelgefühl wechseln. So ist es bekannt, 
daß die mohammedanischen Frauen sich vor dem Arzte entblößen nnd geradezu schamlos 
untersuchen lassen, während sie das Gesicht ängstlich dicht verschleiert halten. Die Wurzel 
dieses Brauches dürfte auf die schon betonte, bei wilden Volkern vorkommende Sitte, allein 
zu essen, zurückzuführen sein. Der Brauch bestand schon bei den Arabern, woselbst auoh 
auffallend schöne Männer ihr Gesicht verschleierten, um sich vor dem bösen Blick zu schützen. 
Lombroso und Ferrero schließen sich ebenfalls der Anschauung an, daß die Furcht, Ekel 
einzuflößen, die einzige Ursache des Schamgefühles sei, wie sie auch heute noch die einzige 
Form des Schamgefühles wäre, die Prostituierte zeigen. 

Daß religiöse Gebräuche sich mit allen diesen Fragen verquicken, nimmt den Psycho- 
logen, der die enge Verwandtschaft zwischen Religion und Sexualität kennt, nicht wunder. 
Selbstverständlich bilden sich aus individuellen Gefühlen soziale, die im Laufe der Zeit ver- 
ändert und Kublitniert werden, so daß es schwer fallen dürfte, für jeden einzelnen Fall die 
Wurzeln aufzufinden. In einer Beibe von Fällen dürfte dies gelingen, und es wäre für den 
Anthropologen und Psychologen ein dankbares Feld wissenschaftlicher Forschung. 

Verlassen wir dieses Gebiet, das wir Raummangels wegen nur flüchtig 
betreten konnten, nnd kehren wir zu dem Ekel des taglichen Lebens zurück. 
Forscht man bei einer Reihe von Menschen nach Gegenstanden, vor denen 
sie sich ekeln , so trifft man vor allem immer auf gewisse sexuelle Symbole. 
Eine mir bekannte Dame gab an, daß sie sich vor Mausen, Schnecken nnd 
Würmern ekle. Nun ist die Maus ein sexuelles Symbol, das nicht naher erklart 
zu werden braucht. Die Schnecke leugnete die betreffende Dame energisch als 
sexuelles Symbol ab, aber schon am nächsten Tage erzählte sie mir einen Traum, 
in dem ausgeführt wurde, daß in einem Chambre separäe Schnecken serviert 
wurden, wobei sich bei näherer Analyse ergab, daß sie unter Schnecken direkt 
die Vagina verstand. Ähnliche Erfahrungen habe ich mit Würmern, Schlangen, 
Austern nnd mit allen Speisen gemacht, die glitschig, klebrig, schlüpfrig sind. 



$6 Erster Teil. Die Angstneurose. 

Andererseits können ekelhafte Speisen auch jene sein, an die wir nicht gewöhnt. 
sind. Wo die festgefügte Assoziation zwischen Speise und Hunger fehlt, dort 
kann es sehr leicht zum Ekelgefühl kommen. So ekelt sich der Jude vor den 
an sich appetitlichen, aber nicht ritaeil zubereiteten Speisen, die seiner Ansicht 
nach unrein sind. Das sind schon Übergange, die znm symbolisierten Ekelge- 
fühle führen — Ekel vor einer gewissen Kunstrichtung, Ekel vor verderbten 
politischen Zustanden, Ekel vor dem Berufe. 

Im ganzen und großen können wir sagen: Wir ekeln uns vor dem 
ungewohnten; eine reine Speise, insoferne sie mit gewissen unangenehmen 
Vorstellungen assoziiert ist, erscheint uns ekelhaft. Ich kann Quargel nicht 
essen, weil ich in der Jugend gehört habe, daß sich Würmer darin befinden 
und diese Vorstellung ein Ekelgefühl hervorruft. Hatte ich sie von Jugend an 
gegessen, so würde diese Assoziation zu den durch Gewohnheit überwundenen 
Ekelgefühlen zählen. Viele ekeln sich vor Nieren, weil sie daran denken, daß 
sie vom Harn bespült werden, andere können Hirn nicht verzehren, weil sie 
dabei an Men6chenhirn denken. Mit der Zeit jedoch können diese Assoziationen 
in den Hintergrund gedrangt werden, der Ekel verschwindet. Die Gewohnheit 
kann also den Ekel verdrangen. 

Andererseits sehen wir auch das Gegenteil — die Gewohnheit erzeugt 
Ekel. Eine mehrmals gegessene Speise wird zum Überdruß eklig werden. Es 
ist die monotone Wiederholung der gleichen Reize, die den reizhungrigen Or- 
ganismus zur Reaktion aufpeitscht. Daraas erhellt, daß der Ekel ein wichtiger 
regulativer biologischer F;,ktor ist. Ohne den Ekel, den Katzenjammer aller 
Freuden, würde nicht jene Wellenbewegung, jene Abwechslung zwischen Wellen- 
berg und Wellental entstehen, die für unser Leben unerläßlich ist. 

Post coituin omne animal triste. Die Überwindung des Ekels fordert großen 
psychischen Kraftaufwand. Sicoboda wollte in seinem bekannten Buche „Die Perioden 
des menschlichen Organismus in ihrer psychologischen und biologischen Bedeutung" 
(Deuticke, 1904) ausführen, daß der Ekel sich in dem von ihm wohl nicht 
als erstem gefundenen, aber doch als erstem genau präzisierten Gesetze der 
Periodizität ftußere, das genau nach 23 Stunden oder Tagen, eventuell bei 
Frauen nach 28 Tagen nach einem sexuellen Akte eintrete. Er wundert sich, 
daß der Gedanke an einen Sexualakt Ekel hervorrufen könne, und sagt: „Da 
findet eine Reaktion auf eine Vorstellung statt, und diese Reaktion ist als solche 
ganz sinnlos. Denn eine bloße Vorstellung kann dem Menschen keinen 
Schaden zufügen. Das Phänomen des Ekels hat sich entwickelt; es stellt die 
Erinnerung dar an die Reaktion bei faktischer Berührung. Der Ekel ist eine 
im Laufe der Phylogenese erworbene Abwehrreaktion der Instinkte für das, 
was uns innerlich schadet. Dem Hysterischen schadet das Geschlechtsleben, es 
ist die Scheu vor dem Tode, der schon sexuelle Vorstellungen einen solchen 
Einfloß anf den Organismus verleiben." 

Es ist natürlich nicht richtig, daß eine bloße Vorstellung keinen Schaden 
zufügen kann; wir wissen, daß auf bloße Vorstellungen hin sich die schwersten 
Nervenkrankheiten bilden können. Falsch ist es ferner, daß den Hysterischen das 
Geschlechtsleben schadet. Im Gegenteil: wir wissen, daß sie daran zugrunde 
geben, falls sie den Konflikt zwischen Libido und Ekel nicht lösen können und 
ihr entwickelter Geschlechtstrieb keine Betätigung findet. Richtig ist, daß das 
Ekelgefühl bis auf die faktische Berührung zurückgeht und daß es als Abwehr- 
reaktion, als Instinkt eine große Rolle spielt. Ich zahle den Ekel zu jenen 
psychischen Hemronngsgefühlen, die, wie der Anker im Getriebe 
des Uhrwerkes, den richtigen Gang garantieren. Vor dem Koitns wer- 



Klinik der Angstneurose : Der Ekel und die Hyperemesis Gravidarum. 87 

den die Hemmungsvorstellungen des Individuums durch die Begierde über- 
wunden, nach dem Geschlechtsakte werden die Hemmungen frei, das unge- 
hemmte Aufflackern des Geschlechtstriebes ohne HemmnngsgefUhle würde der 
Existenz des Einzelindividuams gefahrlich sein. Andrerseits können diese Hem- 
mungsgefühle die Lustgefühle verdrängen, und hanfig genug hat der Arzt Ge- 
legenheit zu sehen, daß solche HemmnngsgefUhle die Ursache schwerer psy- 
chischer Impotenz sind. Als Lostinktgefühl spielt der Ekel eine ungeheure Rolle. 
Wie die Begierde hilft er bei der natürlichen Zuchtwahl die Art veredeln, sorgt 
wie der Selbsterhaltungstrieb fUr die Sicherheit des Individuums. 

Merkwürdig ist die Ähnlichkeit des Ekels mit dem Znstande der See- 
krankheit: haben doch die Alten deshalb den Ekel schon nansea von naus (das 
Schiff) genannt. Heute wissen wir, daß die Seekrankheit durch Störnng des 
Gleichgewichtsorganes im Ohre, des Labyrinthes, entsteht. Der Ekel ist ein 
Zeichen des gestörten seelischen Gleichgewichtes. Halten sich Lust- und ünlust- 
gefflhle die Wage, so bleibt er aus. Schnellt die eine Schale in die Höhe, so 
kommt es unerläßlich zum Ekelgefühl. 

Auch somatisch zeigt der Ekel große Ähnlichkeit zar Seekrankheit. Wir 
sehen Blasse des Gesichtes, Würgebewegungen, Aufstoßen und endlich Erbrechen. 
Das Erbrechen ist die primitive Reaktion des Organismus, das Bestreben, sich 
von ihm schädlichen Substanzen zu befreien. Wahrend ein geringes Ekelgefühl 
durch Speien ausgedrückt wird, führen die heftigen Ekelgefühle zu Würgebewe- 
gungen und schließlich zum Erbrechen. 

Darwin meint, man müsse sich das Erbrechen beim Ekel so erklaren, 
daß unsere Urahnen ursprünglich das Vermögen besaßen, Speisen, die ihnen 
nicht bekamen, willkürlich auszuwerfen, Ähnlich wie auch Tiere diese Fähigkeit 
besitzen sollen. Diese Vermutung erhalt angeblich ihre Unterstützung durch die 
Tatsache, daß die Affen in zoologischen Garten häufig bei vollkommenem Wohl- 
sein erbrechen, wodurch es den Anschein gewinne, als taten sie es willkürlich. 
Dem ist wohl entgegenzuhalten, daß bei vielen Tieren, gleichwie bei 
Kindern, das Erbrechen ein rein mechanischer Akt ist, wobei durch gewisse 
Bewegungen der überfüllte Magen gedrückt und so mechanisch der Inhalt zum 
Teil entleert wird. An der Pathologie des Erbrechens sehen wir deutlich, daß 
wir es mit einer Selbsthilfe des Organismus zu tun haben. Jeder schwer Er- 
krankte bricht, weil auf diese Weise eine Menge Toxine entfernt werden. Der 
Migrankranke bricht (nach meinen Forschungen scheint die Migräne auf eine Auto- 
intoxikation des Körpers zurückzugehen), weil er ebenfalls seine Gifte entfernt. l ) 
Den Ekel begleitet das Erbrechen deshalb, weil es wohl diejenige Bewegung 
ist, die gleich dem Speien am besten die Angst vor der Berührung, die Ent- 
fernung des ekelhaften Gegenstandes andeutet. Wir wissen ja, daß es Individuen 
gibt, die bei Ekelgefühlen Sohweißausbrüche haben, Urindrang empfinden oder 
auch von Diarrhoe befallen werden. All das zeigt dasselbe Streben der Natur, 
sich von Giften auf den bisher gewohnten Wegen zu befreien. Allein befreien 
wir uns von der einseitigen Betrachtung der Probleme. Intoxikation und 
Psyche wirken offenbar vereint, um ein Symptom wie das Brechen zu erzeugen. 

Wir gelangen nun zur psychologischen Erklärung eines Phänomens, 
dag bisher sehr dunkel war und jeder Behandlang getrotzt hat. Es ist dies 
das bekannte Erbrechen der Schwangeren. Bekanntlich ist die weib- 



') Vergleiche Dr. Wilhelm Stehet, .Die moderne Pathologie und Therapie der 
Migräne*. (Wiener med. Wochenschr., 1897. Nr. 46— 48) und „Migräne und Wärme- 
bildung". (Wiener med. Wochenscbr., 1900, Nr. 32— 35.) 



88 Erster Teil. Die Angstnenrose. 

liehe Begierde bei ihrem Entstehen von zwei mächtigen Unlustgeftthlen 
begleitet — Angst und Ekel. Beide mli66en überwunden werden, beide durch 
die Macht de8 Triebes. Je größer aber diese Unlustgeftlhle sind, desto größer 
ist der weibliche Widerstand gegen die Begattung. Tritt nun als deren 
Folge Schwangerschaft ein und ist diese Schwangerschaft aus irgend einem 
Grunde unerwünscht, so mag in der Seele der graviden Frau der Wunsch 
auftauchen, ihr Widerstand wäre damals größer gewesen, mit anderen 
Worten: Angst und Ekel hätten besser gewacht, und gerade wie sich die Knl- 
turfrau für die einmalige (mißlungene) Wahl des Ehemannes durch eine 
schreckliche Unsicherheit in allen ihren Entscheidungen des kleinen Lebens 
entschädigt, geradeso sollen die nachfolgenden Brechakte den psychischen 
Ersatz für den ausgefallenen großen Ekel vor der Begattung bilden. 

Ich kenne einen Fall, der mir für diese Ansicht beweisend erscheint. 
Eine Frau, die nicht von ihrem Manne, sondern von einem Liebhaber ge- 
schwängert wurde, wurde derart von Erbrechen geplagt, daß man schon 
zur Einleitung einer Frühgeburt greifen wollte. Bei ihrer zweiten Gravidität, 
die von ihrem Manne herstammte, blieb dies Erbrechen vollkommen aus. 
Es ist, als ob sich die Gewissensbisse, die Selbstvorwürfe dieser Frau, 
vielleicht sogar die Ekelgefühle vor der eigenen Schuld zum physischen 
Brechakt umgewertet hätten. Daher neigen die nervösen Frauen viel mehr 
zum Erbrechen in diesem Zustand als die nervenstarken, mit einem robusten 
Gewissen behafteten. Ich zweifle nicht, daß sich manche der Schwanger- 
schaftsbeschwerden auf diese Weise werden erklären lassen. Die krank- 
haften Gelüste der Schwangeren sind ebenfalls psychische 
Äquivalente eines im Unbewußten als krankhaft bezeichneten 
sexuellen Verlangens. 

Das Erbrechen der Schwangeren war uns bisher ein dunkles Rätsel. 
Welche Hypothesen wurden nicht ausgesponnen, um diese Erscheinungen zu 
erklären! Seit ich auch den psychologischen Faktor berücksichtigt habe, 
wurde es mir klar, warum die einen Graviden brechen und die anderen 
nicht. Dabei zeigt gerade diese Erscheinung die Richtigkeit meiner An- 
nahme, daß bei der Angstneurose zwei Faktoren vereint wirken müssen, 
um die Krankheit zustande zu bringen : Die Intoxikation und der psychische 
Konflikt! 

Schon die gewöhnlichen Störungen der Menstruation sind häutig durch 
nervöse Einflüsse bedingt. Aus Angst, es könnte die Menstruation ausbleiben, 
bleibt sie tatsächlich aus und kommt verspätet, wie ich es aus zahlreichen 
Beobachtungen meiner Praxis beweisen könnte. Wie häufig kamen Frauen 
und Mädchen zu mir und gestanden, sie hätten gegründete Ursache, eine 
Gravidität zu furchten. Sie hätten in nervöser Spannung den Tag der Menses 
erwartet und diese seien zu ihrem Schrecken nicht erschienen. In vielen Fällen 
kommt diese Störung von seelischen Einflüssen. Beruhigung tut da Wunder. 
Die Frauenärzte unterschätzen den Einfluß der Psyche und man kann 
Rudolf Denker recht geben, der ausführt: r Frauenärzte kennen das Weib 
bloß äußerlich, innerlich kennt sie nicht einmal Gott, der sie erschaffen 
haben soll." Es ist daher ein großer Fortschritt, wenn Hugo SellJmm seine 
Kollegen daran mahnt, das psychologische Moment nicht zu vergessen 
(„Einiges über die Verwertung der Psychologie in der Frauenheilkunde." 
Med. Klinik, 1910, Nr. 50). und Veit („Über Dysmenorrhoe". Münchener 
med. Wochenschr., 1908, Nr. 47) führt aus: 



Klinik der Angstneurose: Der Ekel and die Hyperemesis Gravidarum. 89 

„Es ist uns allen klar, daß eine große Zahl von Fällen von Dys- 
menorrhoe auf mangelhafte Anlage des Nervensystems zurückgeführt werden 
muß. Aber ebenso ist es ftlr den Gynäkologen klar, daß bei mangelhafter 
Anlage des UteruB die dauernden Erregungen dnrch die Menstruation, be- 
sondere wenn diese sexuellen Reize noch künstlich gesteigert werden, sei 
es dnrch Masturbation, sei es durch Impotenz des Mannes oder malthusia- 
nistische Manipulationen, Veränderungen des Ovarinms und davon abhängige 
abnorme Schwellungszustände des Endometriums zustande bringen können. 
Diese letzteren können aber dazu fuhren, daß mechanisch die Ausstoßung 
des blutigen Sekretes — Schleim, Blut und Scbleimhautpartikelchen — 
erschwert wird und mechanisch ein FolgezuBtand sich geltend macht, der 
zuerst bedingt durch mangelhafte Anlage und funktionelle Störung, auch 
als selbständiges Leiden bestehen bleiben kann. Dysmenorrhoe ist wieder 
die Folge. Beweis dafür die Fälle, wie sie als Endometritis dolorosa oder 
Endometritis dysmenorrhoica beschrieben sind." 

Daß nach Guüceit (Dreißig Jahre Praxis. Wien, Wilhelm Braumüller. 
1 873) die sexuelle Abstinenz bei Mädchen die Hauptursache der Dysmenorrhoe 
ist, sei hier nur in Parenthese erwähnt. Ebenso sei auf die wichtigen 
Forschungen von Fließ kurz hingewiesen. 

Die Gravidität unterstützt das Zustandekommen einer schweren Angst- 
neurose. Man wird selten Gravide finden, die nicht deutliche Zeichen von 
Angsrneurose zeigen und ganz gesund Bind. Wenn wir uns vor Augen 
halten, wie wichtig das Gleichgewicht der inneren Sekretion für die Ge- 
sundheit ist, und bedenken, daß ich in allen Fällen von Angstneurose Stö- 
rungen der inneren Sekretion nachweisen konnte (vgl. Kapitel IV), so wird 
ans das Entstehen der Angstneurose in der Gravidität leicht verständlich. 
Dr. 0. Fellner (Die Tätigkeit der sekretorischen Organe des Ovarinms in 
der Schwangerschaft. Wiener med. Wochenschr., 1908 und die Abhandlung 
desselben Autors in der VolkmunnBchen Sammlung) glaubt, daß bei der 
Graviditätstoxikose(!) eine Untersekretion des Ovarinms in Frage kommt, 
und gibt auch die Möglichkeit einer internen Uterussekretion zu. Das Toxin 
mag mitwirken, aber nach meiner Erfahrung kommt noch ein zweites 
Moment hinzu : das Psychische. Sonst könnte man solche Erfolge, wie sie 
Schatte und andere Ärzte erzielt haben (Suggestivbehandlung der Hyper- 
emesis gravidarum. Monatsschr. für Geburtshilfe, XXVII, H. 5) nicht er- 
klären. ') Der toxischen Theorie würde der Befund von Fließ entsprechen, 
der die Hyperemesis gravidarum durch Darreichung von Schilddrtisentabletten 
heilen konnte. 

Die Erscheinungen bei Schwangeren sind ja bekannt. Sie decken 
sich in auffallender Weise mit den Symptomen der Angstneurose. Die be- 
kannteste Erscheinung ist die Änderung der Geschmacksrichtung in bezug 
auf das Essen. Besonders häufig ist das Symptom, daß die Schwangeren 
kein Fleisch vertragen können. Bei vielen tritt ein solcher Ekel vordem 
Fleisch ein, daß sie keinen Bissen herunterbringen können. (Symbolischer 
Ausdruck der Sexualablehnung!) In manchen Gegenden wird aus diesem 
Symptom die Diagnose auf Gravidität gestellt. Das Erbrechen ist ebenso 
häutig und wird manchmal so unstillbar, daß die Gravidität künstlich unter- 
brochen werden muß. Bei anderen treten merkwürdige Gelüste auf, die an 



'! Cazeaux berichtet, daß das unstillbare Erbrechen bei einer Graviden plötzlich 
Ranz aufhörte, als ihr Mann an einer Darmeinklemmung lebensgefährlich erkrankte. 



90 Erster Teil. Die Angstnenroae. 

die Gelüste der Hysterischen and Chlorotischen erinnern. Neigung zu Ohn- 
macht, Herzklopfen, Atemnot, Diarrhoen oder Obstipation, Speichelfluß, 
Krämpfe, Schüttelfröste vervollständigen das Bild. 

Im Vordergrunde der Neurose steht jedoch die Angst, die naturgemäß 
auf die Geburt bezogen wird und sich in objektivierte Furcht wandelt. 
Die Graviden Bind von bösen Ahnungen erfüllt. Sie wußten es bestimmt, 
diesmal würden sie sterben usw. Melancholische Verstimmungen, Neigung 
zum Weinen steigern sich oft zu echter Melancholie, wie es ja überhaupt 
bemerkenswert ist, daß ein großer Prozentsatz aller weiblichen Suizidver- 
suche entweder während der Menses oder in der Gravidität ausgeführt wird. 

Wie das Erbrechen mit psychischen Vorgängen zusammenhängt, das 
soll uns der nächste Fall beweisen. 

Nr. 40. Frau P. K., 33 Jahre alt , litt in ihrer dritten Gravidität an 
heftigem Erbrechen, Ohnmächten, Angstgefühlen, Verstimmungen. Alle Versuche 
des Hausarztes, das Erbrechen zu stillen, blieben ohne Erfolg. Sie mußte man- 
chen Tag bis dreißigmal brechen und kam schrecklich herunter. Schließlich 
traten sehr sonderbare Zungenkr&mpfe auf, wahrend deren sie die Zunge rhyth- 
misch hin und her bewegte nnd kein Wort sprechen konnte. Beim Versuche 
zu essen kam es auch zu diesen Zungenkrämpfen. 

Dieser Krämpfe wegen suchte sie meine Ordination auf. Aus der Anamnese 
wäre hervorzuheben, daß sie jede Libido verloren hatte und sich seit der letzten 
Gravidität weigerte, mit ihrem Gatten geschlechtlich zu verkehren. Sie schrie, 
wenn er ihr nahe kam: „Rühr' mich nicht an — Rühr' mich nicht an 
— denn — ". Nach einem solchen Vorfall sei der erste Zungenkrampf auf- 
getreten. 

Nun kam es mir sofort in den Sinn, daß die Fortsetzung des Satzes: 
„Ruhr' mich nicht an, denn — " das Ratsei dieses Falles enthalten mußte. 

„Können Sie mir nicht sagen, was Sie Ihrem Manne gegenüber unter- 
drücken wollten oder mußten? Denn . . . ." 

„Ich weiß es nicht. Ich glaube, — denn ich bin krank oder unappetit- 
lich. Nicht wahr, eine schwangere Frau ist doch unappetitlich?" 

„Das möchte ich nicht behaupten. Aber ich habe eine andere Vermutung. 
Wollten Sie nicht sagen: „Rühr 1 mich nicht an, denn ich bin unrein?" 

Nun wollte die Frau antworten und bekam den Zuugenkrampf. Sie steckte 
die Zunge zuerst weit hinaus und zog sie rasch zurück. Dann rollte sie sie 
ein und klemmte sie zwischen die Zahne. Eudlich rollte und bewegte sie sie 
im Munde rasch hin und her. Mit einem tiefen Seufzer, einem leichten Er- 
blassen nnd einem Drehen der Augen nach oben 6chloß der Anfall, der am 
Ende das deutliche Bild eines Orgasmus ergab. 

Dann konnte sie erst reden. Ich erfuhr, daß sie sich in ein Liebesver- 
hältnis mit einem ledigen Freunde ihres Mannes eingelassen hatte. Sie war der 
festen Überzeugung, daß das Kind nicht von ihrem Gatten war. In diesem Ver- 
hältnisse hatte es der raffinierte Verführer verstanden, die Frau in alle Per- 
versitäten einzuweihen. Auch der Liebe per os wurde fleißig gehuldigt, wie 
mir ja ihre Zungenbewegungen verraten hatten. Den ersten Monat der Gravidität 
hatte sie sich sehr gut befunden. Dann kam ihr die Kunde, daß ihr Geliebter 
sich verlobt hatte. Da setzte das Erbrechen ein und sie fühlte das Hedürfnis, 
ihrem Manne ein offenes Geständnis zu machen. Davor retteten sie die Zungen- 
krampfe, die allerdings dem Kundigen ebensoviel erzählten, als die Frau den- 
noch verschweigen wollte. 



Klinik der Angstneurose : Der Ekel und die Hyperemesis Gravidarum. 91 

Nach mehreren längeren Aussprachen besserte sich der Zustand, am nach 
der Geburt eines toten (luetischen!) Kindes vollkommen zu verschwinden. 

Das Erbrechen der Schwangeren wird nns verständlich, wenn wir 
bedenken, daß es viele Franen gibt, die nach jeder Kohabitation mit dem 
Gatten brechen müssen. Fleißige Untersuchungen über das Erbrechen der 
Graviden hat auch E. Hermann Müller (Beiträge zur Kenntnis der Hyper- 
emesis gravidarum. Psych. -Neurol. Wochenschr., X. Jahrg.) anf der Universi- 
tätsklinik Zürich durchgeführt und ist zu gleichen Resultaten gekommen: 

„1. Der Vomitus marutinus gravidarum ist ein psychogenes Symptom. 

2. Die Hyperemesis ist keine Krankheit sui generis, sie ist ein Symptom. 

3. Die Hyperemesis ist in der Mehrzahl der Fälle ein psychogenes Sym- 
ptom (Hysterie). Wir können indes nicht ausschließen, daß die Gravidität 
als solche, die eventuell sehr unerwünscht sein kann, sowie gewisse Einflüsse 
vom Uterus oder den Adnexen oder von beiden zusammen als alleinige 
Ursache des Erbrechens oder als Disposition wirken, auf deren Boden die 
psychischen Mechanismen zur Wirkung kommen. Allerdings kennen wir 
diese Einflüsse noch nicht. 4. Die Hyperemesis ist in seltenen Fällen 
Symptom, eventuell Frühsymptom von Blasenmole , Chorionepitheliom, 
Eklampsie, Neuritis pnerperalis." 

Seine Kasuistik (34 Fälle) zeigt überall die Besserung des Zustande* 
auf freundliches Zureden, Isolierung und Beruhigung. Ich vermisse aber 
in allen Fällen die psychologische Analyse. Warum brechen die Frauen? 
Welche unbewußte Ekelvorstellungen bewirken diesen Akt. 

Ich bin überzeugt, daß (die seltenen Fälle von organischen Erkran- 
kungen ausgenommen) die psychoanalytische Untersuchung der Frauen 
mit Hyperemesis gravidarum meine Ausführungen bestätigen wird. Bei 
diesem Symptom spielt der Ekel die wichtigste Rolle. 

Wir sehen die Wichtigkeit psychologischer Untersuchungen eines jeden Falles von 
Ekel. „Was verbirgt sich hinter dem somatischen Ekel?" — sollte jedesmal unsere Frage 
sein, denn die anthropologische Forschung zeigt uns. wie relativ das Ekelgefühl, wie innig 
verknüpft es sich mit unserem Gefühlsleben darstellt. Ein Schwarzer wurde gefragt, welches 
Fleisch ihm besser schmecke, das der Weißen oder das der Eingeborenen, worauf er mit 
Bezug auf die Weißen unter allen Zeichen des Ekels ausrief: „Gott bewahre, schreckliche 
Übelkeit." Uns wieder ist der Kannibalismus als solcher eine ekelhafte Vorstellung. Das 
hängt auBer den verschiedenen ethischen und sozialen Gefühlen mit dem mächtigsten In- 
dividualgefühl, dem Selbsterhaltungstrieb, zusammen. 

Das führt uns zur Ansicht von Steoboda, für den jeder Geschlechtsakt einen partiellen 
Tod des Organismus bedeutet. So wäre denn der Ekel wieder das Zeichen des sich meldenden 
Selbsterhaltungstriebes, der uns zuruft: Halte ein, du tütest dich. Andrerseits sehen wir, 
daS der Selbsterhaltungstrieb den Ekel überwindet: die belagerten Pariser bezahlten eine 
fette Ratte mit hundert Franks: Schiffbrüchige stürzen sich auf ihre Mithrüder, um sie zu 
verspeisen. Das beweist uns eine gewisse Homopathie der Affekte. Gewohnheit überwindet 
und erzeugt den Ekel; der Selbsterhaltungstrieb ebenso. Wir sehen mit deutlicher Klar- 
heit, daß es ein und dieselbe Kraft ist, die bald positiv, bald negativ die verschiedensten 
Reaktionen auslost.') 

In meinem Werke „Die Sprache des Traumes" habe ich das „Gesetz 
der Bipolarität" des Ausführlichen dargestellt. Der Ekel, der mit der Be- 
gierde abwechselt, ja ein Teil der Begierde ist, beweist uns, wie bedeutsam 
für das Verständnis des Seelenlebens die Kenntnis der Bipolarität ist. 

Daß der Ekel sich zum Weltekel steigern kann und eine Kraft werden 
kann, welche zum Selbstmord führt, wäre einer besonderen Untersuchung 
wert, die nns hier zu weit von unserem Thema abbringen würde. 

') Zum Teil einer gröüeren Arbeit von mir, „Der Ekel" (Die Wage, 1903), entnommen. 



92 Erster Teil. Die Angstneurose. 



X. Klinik der Angstneurose: Das Erbrechen. 

Der Ekel ist, wie wir in dem vorhergehenden Kapitel gelernt haben, 
gleich der Schani ein Sexualgeflihl mit negativem Vorzeichen. Er ist ein 
Produkt der Verdrängung. Eb gibt filr die Psychoanalyse bald kein dank- 
bareres und interessanteres Gebiet. 

Fälle von Magendruck mit Ekelgefühlen kommen bei der Angst- 
neurose sehr hantig vor. Mitunter können 6ich bedeutende differential- 
diagnostische Schwierigkeiten ergeben, besonders wenn die eigentlichen 
Angstgefühle fehlen und das Erbrechen als Angstäqaivalent auftritt. Das 
ist namentlich der Fall, wenn die Sexualabneigung über den Sexualdrang 
siegt. Bekanntlich ist der psychische Konflikt, unter dem die meisten 
Neurotiker leiden, ein heftiger Kampf zwischen dem vom Unbewußten 
heraufdrängenden Sexualtrieb und der durch Hemmungsvorstellungen des 
Bewußtseins beschwerten Sexualabneigung. Wo diese Sexualabneigung einen 
sehr hohen Affektwert erlangt, dort kommt es zu „nervösem" Erbrechen. 
Der folgende Fall zeigt deutliche hysterische Züge. Ich will ihn jedoch 
hier besprechen, weil auch die Symptome einer Angstneurose nachzuweisen 
sind. Die drei Fälle von Erbrechen, deren Analyse in diesem Kapitel vor- 
gefahrt wird, bringen uns zu den komplizierten psychischen Mechanismen 
nnd fordern zur Nachprüfung in ähnlichen Situationen auf. 

Nr. 41. Herr Z. K., 36 Jahre alt, wendet Bich an mich wegen eines 
sonderbaren Leidens. Er wird taglich nach dem Mittag von heftigen Schmerzen 
befallen. Diese Schmerzen werden nicht besser, ehe er den Finger in den Mund 
gesteckt and die ganze Mahlzeit erbrochen hat. Manchmal kommt das Erbrechen 
auch spontan. Er hat gegen das Übel fast alle bedeutenden Ärzte nnd Profes- 
soren Wiens konsultiert. Ein Stoß von Rezepten (Rhenm, Belladonna, Natr. 
bicarbonic, Menthol, Argentnm nitricnm, Kokain, Morphinm, Auästhesin) be- 
weist, daß er bereits alles versacht hat, was man gegen solche Leiden sonst 
mit Erfolg anwendet. Die meisten Ärzte stellten die Diagnose „oervöBes Magen- 
leiden". Eine Kaltwasserkur, eii.e strenge Milchkur blieben ohne Erfolg. Es ist 
ganz belanglos, was er ißt. Er erbricht alles. Am besten geht es ihm noch, 
wenn er auf das Mittagessen ganz verzichtet, wie er es auch hanfig tut. 

Anamnestisch ist nachzutragen , daß das Erbrechen das erstemal im An- 
schlüsse an eine heftige Migräne vor zirka 4 Jahren aufgetreten ist nnd daß der 
Patient vor 6 Jahren durch hartnäckigen Kopfschmerz veranlaßt warde, einen 
Arzt aufzusuchen, der ein ausgebildetes luetisches Exanthem am ganzen Körper 
und einen versteckten Primaraffekt entdeckte. 

Objektiv war bei dem Patienten absolut nichts nachzuweisen, nicht einmal 
eine druckempfindliche Stelle. Ich lasse mir den Verlauf des Anfalls nochmals 
schildern. Ob der Schmerz sehr bedeutend sei? Patient schildert jetzt den Auf all 
ganz anders. Eigentlich sei es kein ausgesprochener Schmerz. Viel eher ein 
quälender Druck. Es werde ihm dabei ängstlich zumnte. Dann qnale ihn das 
Drücken nnd die Beklemmung so sehr, daß er das Brechen herbeiführe. Ob er 
auch nach anderen Mahlzeiten solch ein Drücken empfinde? Keine Spur. Nur 
nach dem Mittag. Ich frage weiter: 

„Haben Sie noch niemals nach dem Nachtmahl gebrochen?" 

„Nein!" 

„Essen Sie am Abend weniger ?** 



Klinik der Angstneurose . Das Erbrecheo. 93 

„Das kann ich nicht sagen. Da ich öfters mittags nar einen Kaffee trinke 
oder alles erbreche, so esse ich oft des Abends viel mehr. Aber ich schlafe bald 
ein nnd es kommt gar nicht zn einer unangenehmen Empfindung. u 

„Haben Sie nie versacht, nach dem Mittagessen ein kleines Schlafchen 
einzuschieben nnd so den Druck zu überwinden?" 

„Das ist mir unmöglich. Ich speise nie des Mittags zn Hause." 

„Wie — Sie speisen nie zu Hanse? Sie sind doch seit 3 Jahren ver- 
heiratet? 11 

„Ja — aber ich habe immer außerhalb des Hanses zn tnn nnd esse ge- 
rade, wo es mir bequem ist." 

Das war mir nnn sehr verdachtig. Die Ehe mußte offenbar eine unglück- 
liche sein. Denn sonst würde der Mann, wie viele andere Manner, gerne nach 
Hanse kommen, nur nm den Vorteil einer Hansmannskost zn genießen. 

Ich forsche also in dieser Richtung vorsichtig weiter nnd erfahre, daß 
der Mann tatsachlich sehr unglücklich verheiratet ist. Mehr konnte ich am ersten 
Tage nicht herausbringen. Nach zwei Tagen kommt er wieder und Bteht dies- 
mal viel williger Rede und Antwort. Ich erfahre, daß er seine Frau bereits 
einige Male auf unlauteren Wegen ertappt bat. Er habe Briefe gefunden, die 
das beweisen. Übrigens habe er noch sicherere Beweise, d. i. die Gestandnisse 
zweier Liebhaber. Er ist Reisender und Platzagent. Ihn verfolgt hier und auf 
der Reise immer der Gedanke: Wahrend da hier arbeitest, betrügt dich 
deine Frau. 

„Nun finde ich es begreiflich, daß Sie zu Hause nicht essen wollen. Aber 
ich verstehe nicht, wie Sie überhaupt mit Ihrer Frau leben können." 

„Ich habe Sie auch vor zirka drei Monaten, als ich anf die letzte Lieb- 
schaft gekommen bin, davongejagt. Sie stand aber weinend vor der Türe und 
flehte um Einlaß. Sie versprach, sich zu bessern. Da habe ich sie ans Mitleid 
aufgenommen." 

„Ist es nicht möglich, daß sie sich tatsächlich bessert?" 

„Ausgeschlossen. Ich bin überzeugt, daß ich sie demnächst wieder er- 
wische. Ich werde ihr sagen, daß ich auf die Reise gehe, und will dann heimlich 
zurückkommen." 

„Ich hoffe, Ihre Frau wird aus den Erfahrungen der letzten drei Monate 
gelernt haben nnd Sie werden keinen Grund mehr haben, ihr zn zürnen." 

„Oh — nein — ich werde sie bestimmt erwischen. Sie ist zn dumm 
nnd zu sinnlich!" 

Jetzt war es mir klar, daß das Erbrechen irgend einen Zusammenhang 
mit seiner Ehe haben müßte, daß es sich nm verdrängte Vorstellungen, sexuelle 
Abwebrs vmptome handeln müßte. In diesem Falle konnte es nnr der Ekel vor 
der eigenen Frau sein. Es waren nur noch einige Punkte dieses Ehelebens 
aufzuklaren. 

Unsere Unterredung wurde fortgesetzt: 

„Wie leben Sie jetzt mit Ihrer Frau?" 

„Ich schaue sie nicht an. Sie möchte immer mit mir zärtlich sein und 
mich küssen. Ich lasse mich nicht berühren und schreie sie an: „Rühre mich 
nicht an. Mich ekelt vor dir. Du bist eine Hure!" 

„Haben Sie mit ihr diese drei Monate geschlechtlich verkehrt?" 

Patient wird sichtlich verlegen und zögert einen Moment lang mit der 
Antwort. Ein leises Erröten zieht über sein blasses Gesicht. 

„Ich muß Ihnen doch in allen Stücken die Wahrheit sagen. Feh verkehre 
fast taglich mit ihr." 



Q4 Erster Teil. Die Angstneurose. 

„Wer gibt den AnlaB?" 

„Natürlich meine Frau. Ich habe eine Üble Gewohnheit: Wenn ich den 
Magen voll habe, werde ich sinnlich und brauche ein Frauenzimmer. 
Des Abends aber lege ich mich gleich in das Bett. Meine Frau kommt zn mir 

und beginnt mit ihren Zärtlichkeiten. Ich wehre aber strenge ab and 

schlafe ein. Des Morgens beim Erwachen finde ich mich dann immer bei meiner 
Frau." 

„Haben Sie früher — als Bie jung verheiratet waren — auch des Nach- 
mittags den Beischlaf ausgeübt?" 

„Ja — es ist schon vorgekommen. Nach einer reichlichen Mahlzeit. Ich 
bin ein sehr sinnlicher Mensch und kann ohne Frauenzimmer nicht leben. Was 
soll ich denn jetzt machen? Soll ich zn fremden Dirnen gehen und noch be- 
zahlen? Ich küsse meine Frau niemals bei unseren sexuellen Akten. Ich mache 
das so, als ob ich bei einer „öffentlichen" w&re. Oft sage ich ihr nachher: 
Du bist doch nur eine ganz gewöhnliche Dirne!" 

Jetzt war dieses dunkle Erbrechen schon viel verständlicher. Eine weitere 
Analyse des Falles ergab folgendes: Patient gehörte zu jenen Menschen, bei 
denen ein voller Magen heftige Libido hervorruft. Der Alkohol, den er beim 
Essen trinkt, ist auch in Rechnung zu ziehen. Er hat das dringende Bedürfnis, 
mit einer Frau zu verkehren. Eine Fremde will er nicht aufsuchen. Vor der 
eigenen Frau ekelt er sich. „Sie liegt ihm im Magen." (Die Eonversion dieser 
Vorstellung erklärt das Symptom des Magendruckes und des Schmerzes.) Was soll 
er da machen? Er erinnert sich (unbewußt) an jene einmal im Monat auftreten- 
den Anfalle von Migräne, die nach dem Erbrechen besser werden. Der Mecha- 
nismus einer Schmerzerleicbterung durch Brechen war ihm wohl bekannt. Was 
tat er nun? Er trachtet, die Speisen los zn werden, die seine Sexualempfindungen 
geweckt hatten. Der Ekel vor seiner Frau verwandelt sich in Ekel vor den 
Speisen. Er steckt den Finger in den Mnnd nnd zwingt sich zum Erbrechen. 
Oder die Ekelvorstellungen nehmen einen solchen Grad an, daß er sich ohne 
Hilfsmittel übergibt. Des Abends erbricht er nicht, weil die Sexnalablehnnng 
unterliegt. Weil seine Libido größer ist als sein Ekel. Freilich habe ich noch 
die Vermutung, es stecke hier noch eine Perversion (fellatio) dahinter. Sonst 
hätte der Mann die Frau doch davon gejagt. Aber sie scheint eine Form der 
Sexualbefriedigung (fellatio?) an ihm auszuüben, die er nicht bei jeder fremden 
Dirne erreichen nnd die er bei seinen bescheidenen Mitteln nicht bezahlen 
kann. Wir werden einen Ahnlichen Fall unter den Analysen schwerer Angst- 
hysterien später noch eingehend studieren. Auch dieser für den Praktiker sehr 
bemerkenswerte Fall trägt einen hysterischen Stempel. Nach der Psychoanalyse 
bessert sich der Zustand. Erbrechen und Schmerzen treten viel seltener auf nnd 
scheinen abzunehmen. 

Meine Vermutung war, wie ich später erfahren habe, richtig: Zwischen 
ihnen gab es nur fellatio. Er fürchtete als Luetiker eine kranke Nach- 
kommenschaft. 

Wir werden in jedem Falle von nervösem Erbrechen nach einer 
Angstnenrose oder nach Hysterie forschen. Wir werden immer auf sexuelle 
Schädlichkeiten, auf tiefe Verdrängungen, auf unbewußte Ekelvorstellungen 
kommen. 

Einen zweiten, geradezu klassischen Fall will ich an dieser Stelle 
publizieren und mich bestreben, die Genese der Psychoanalyse in möglichst 
genauer Weise zu schildern. 



Klinik der Angstnenrose : Das Erbrechen. 95 

Nr. 42. Ich werde in der Nacht zu eiuer Schwerkranken gerufen. Eine 
alte Frau steht im Vorzimmer and weint. Die Tochter wäre gefahrlich krank. 
Sie glaube fest, es wäre ihr letztes Stündchen gekommen. Die ganze Nacht habe 
sie gebrochen and Ober fürchterlich« Magenschmerzen geklagt. Es sei nicht 
mehr zo ertragen. Ich möchte am Gottes Willen rasch kommen. Ich eile, so 
schnell ich kann, za der Kranken. Ich finde ein zartes, ziemlich erschöpft aus- 
sehendes 2 2 jähriges Mädchen, dessen klare blaue Aogeo gar nicht den Eindruck 
einer schweren Kranken machen. Das Brechen sei heute nicht das erste Mal 
aufgetreten. Sie müsse ein Magengeschwür oder einen Krebs haben. Seit un- 
gefähr drei Jahren leide sie am Magen. In der letzten Zeit habe sie jeden 
Morgen brechen müssen. Aber so arg wie heute nachts wäre es noch nie ge- 
wesen. Dabei diese fürchterlichen Schmerzen. Es könne nicht ärger sein, wenn 
man eine „Geburt" zu Oberstehen habe. Auch nm die Zeit des „Unwohlseins" 
hübe sie immer ähnliche Schmerzen. Ich möge nur um Gottes Willen rasch 
helfen. 

Der objektive Befand deckt sich in keiner Weise mit den subjektiven 
Angaben. Ich frage sie, ob sie in letzter Zeit viel'Seeleokämpfe, viel Aufregungen 
mitgemacht habe. Das verneint sie. „Nicht mehr wie immer." Ich sage ihr, 
daß es sich am ein „nervöses" Magenleiden handle nnd daß irgend eine „ekel- 
hafte" Vorstellung der Grand des Erbrechens and der Magenschmerzen sein müsse. 
Sie weiß sich auf nichts derartiges zu besinnen. Ich verschreibe ihr Kirsch- 
lorbeertropfen und etwas Morphium and verspreche, nächsten Tag wieder zu 
kommen. 

Ich finde sie am nächsten Tage viel ruhiger, viel gefaßter. Sie wünscht 
mit mir allein zu sprechen. Und nun nehme ich sie scharf ins Gebet. Ich er- 
fahre folgendes: Sie ist seit drei Jahren verliebt, steht mit ihrem Bräutigam in 
geschlechtlichem Verkehr, allerdings, wie ich später erfahren habe, war es kein 
Koitus, den sie ausübten. Sie war noch demivierge. Gegen die eheliche Verbindung 
tflrmen sich unüberwindliche Widerstände. Der Vater ist ein strenger Katholik, 
ein Christlichsozialer, der Geliebte ein Jade. Das führt zu fortwährenden Reibereien 
im Hause und läßt ihr keine ruhige Minute. 

Natürlich ist damit das Erbrechen nicht erklärt. 

„Haben Sie nicht irgend eine ekelhafte Vorstellung gehabt, die Sie be- 
herrscht bat?" frage ich. „Nicht daß ich wüßte. Oder richtig, es fällt mir ein. 
Als ich gestern in die Schale ging — ich bin nämlich Lehrerin — , war mir 
schon nicht recht wohl. Ich begegnete vielen Menschen, deren Gesicht mir so 
ekelhaft erschien, daß mir fast das Brechen ankam. Ich maßte wegscbaaen, 
wenn ich einen solchen Menschen sab." „Wie sahen diese Menschen aus?" 
„Wodurch unterschieden sie sich von den anderen?" „Das kann ich nicht 
sagen. Sie waren mir ekelhaft." „Warum?" „Das weiß ich nicht." „Sehen Sie, 
da maß noch eine andere ekelhafte Vorstellung mitgewirkt haben, eine andere 
Komponente ihres Seelenlebens, eine Komponente, die der Abneigung gegen 
Ihr Verhältnis entsprochen bat." „Nicht daß ich wüßte. Mein Bräutigam ist 
mir sehr sympathisch." „Aber vielleicht, weil er Jude ist?" „Nein", sagte sie, 
„ich habe von Jugend auf eine große Vorliebe für die Juden and am liebsten 
mit ihnen verkehrt. Allein jetzt fällt es mir ein. Ich habe eine Freundin ge- 
habt, die mit mir in einem Bureau war — ich war früher Kontoristin — nnd 
die ich sehr geliebt habe. Wir haben ans in allem verstanden. Jetzt habe ich 
mit ihr gebrochen." „Warum denn?" „Ich wurde erst auf ihr Wesen auf- 
merksam." „Worio besteht dieses Wesen?" „Wissen Sie, Herr Doktor, sie hat 
gewisse schlechte Eigenschaften der Leopoldstädter Jüdinnen." „Bei welcher 



96 Erster Teil. Die Angstnenrose. 

Gelegenheit hüben Sie gebrochen?" ') „Sie ist an einem Purimfeste in Männer- 
kleidern in einen anderen Bezirk gegangen. Da habe ich ihr gesagt, daß sieb 
dies für ein anständiges Madchen nicht schicke. Seit damals sind wir nicht 
mehr beisammen gewesen." „Sonst hat es keinen Konflikt gegeben?" „Nein." 
„Und Ihr Bräutigam hat die Freundin nie gesehen?" „Ja, er Bagte mir, er 
begreife nicht, daß ich mit einer Person von solchen Eigenschaften verkehret) 
kann. Er hat mir eigentlich die Augen geöffnet." „Was hat Ihre Freundin 
von dem Bräutigam gesagt?" „Er war ihr sehr sympathisch und sie sagte 
mir: Siehst du, in den Menschen könnte ich mich gleich verlieben. Den könnte 
ich gleich heiraten." „Also nicht Ihr Bräutigam, sondern die Eifersucht hat 
Ihnen die Augen geöffnet. Sie haben offenbar gefürchtet, bei weiterem Verkehr 
könnte der Bräutigam mit ihr noch oft zusammenkommen." Sie schweigt. Nach 
einer Weile fährt sie fort: „Jetzt fällt mir ein Herr ein, der immer zu uns 
kommt, eigentlich gekommen ist und der sich um mich beworben hat." „Auch ein 
Jude?" „Nein, er hat mich so geliebt, daß er mir gesagt hat, wenn ich ihn 
nicht beirate, so werde er sich erschießen, worauf ich ihm erwidert habe: Und 
wenn ich Sie heiraten müßte, so würde ich mich am Tage der Hochzeit er- 
schießen. Also ein Menschenleben muß dabei verloren gehen und Sie werden 
begreiflich finden, daß mir das meine näher geht." „War dieser Herr in den 
letzten Tagen bei Ihnen?" „Ja, er war vor drei Tagen hier, um mir zu gratu- 
lieren, und mein Vater hat so eine Anspielung gemacht, wie schön das wäre, 
wenn ich den jetzt heiraten würde." 

Sie schweigt wieder eine Weile. „Jetzt fällt mir der Bruder dieses Herrn 
ein, der jahrelang bei uns als Zimmerherr gewohnt hat." „Wie stehen Sie zu 
diesem?" „Er ist mir in hohem Grade unsympathisch." „Welche Männer sind 
Ihnen so ausgesprochen unsympathisch?" „Sinnliche Naturen." Die starke affekt- 
reiche Betonung macht mir diesen Ausspruch sehr verdächtig. Wo eine so 
leidenschaftliche Abneigung vorhanden ist, muß entschieden die Anlage zu einer 
starken Neigung dagewesen sein. Nach einer Pause sagt sie: „Jetzt fällt mir 
etwas ein, was mir einen großen Ekel erzeugt hat. Meine Schwester bat vor- 
gestern christliche Bratwürste nach Hause gebracht und die wollte ich nicht 
essen. Ich sagte, ich werde mir „jüdische" holen. Gesagt, getan! Ich hole mir 
ein Paar Bratwürste aus der jüdischen Selcherei. Während ich sie aß, sprach 
meine Schwester allerlei ekelhafte Dinge, um sie mir zu verleiden: Ekelst du 
dich nicht, solche Würste zu essen? Weißt du denn nicht, welchen Mist die 
Leute dort hineintun? Sie spucken dort hinein, sagte sie, und noch ärgere 
Dinge fügte sie hinzu, die zu wiederholen ich mich geniere." 

„Sehen Sie, das war die ekelhafte Vorstellung, die Sie von 
Ihrem Bewußtsein verdrängen wollten und die die Ursache Ihres 
angeblichen Magenleidens ist, die Ursache Ihres Erbrechens, die 
Ursache Ihrer Magenschmerzen. Im Unbewußten haben Sie eich gedacht: 
Vielleicht ist doch etwas wahr daran, vielleicht wird doch in die Würste hinein- 
gespuckt und diese unbewußte Vorstellung war es, die dieses unstillbare Er- 
brechen hervorgerufen bat. Allein, ich wage die Behauptung, daß der Konflikt 
noch weiter geht. Ihr Bräutigam liegt Ihnen im Magen. Sie würden am 
liebsten mit ihm brechen und den anderen nehmen, wenn Sie sich ihm nicht 
schon hingegeben hätten. Mit anderen Worten: Sie würden jetzt die Brat- 
würste Ihrer Schwester lieber essen, wenn Sie nicht schon die jüdischen in 



'i Man brachte hier die mehrfache Determ i nierang des „Brechens" 



Klinik der Angstaeorose: Das Erbrechen. 97 

Ihrem Magen hatten, und das Erbrechen ist. nichts anderes als das symbolische 
Bestreben, sich aas dieser Situation zu befreien." *) 

Am nächsten Tage kommt sie zn mir. Die schwerkranke Patientin, die 
mich mit der Diagnose empfangen hatte, sie habe ein „Magengeschwür", war 
bald nach meinem Weggehen angestanden nnd konnte noch am nächsten Tage 
QDterrichten. Gebrochen hatte sie nicht ein einziges Mal mehr. 

Was ihr jedoch zurückgeblieben, war ein Druckgefflhl im Magen. Ein 
unerklärliches Angstgefühl, es werde etwas „Schreckliches" mit ihr geschehen. 

Weitere Untersnchnngen ergeben, daß alle ihre Beschwerden von ihrem 
Liebesverhältnisse aasgehen, bei dem die Angst vor Gravidität nnr frastrane 
Erregungen gestattet. Sie redet sich in eine Liebe hinein, die nicht mehr 
existiert. Schließlich mache ich ihr diese Verhaltnisse klar. Sie bestreitet alles 
mit großem Affekt. Da spiele ich mein wichtigstes Argament ans: 

„Warum heiraten Sie den Mann nicht, wenn Sie ihn so gl übend lieben ? 
Ist er in der Lage, eine Frau zu erhalten?" 

„Freilich. Früher war er es nicht. Allein er hat sich selbständig gemacht, 
and es geht ihm materiell sehr gnt." 

„Nun, einer guten Partie gegenüber wird auch der Widerstand Ihres 
Vaters nicht standhalten. Alle anklaren Verhältnisse sind bei solchen Leiden 
von Schaden. Bewegen Sie ihn, nm Ihre Hand anzuhalten." 

Sie verspricht, meinem Rate Folge zu leisten. 

Nach einer Woche erscheint sie wieder bei mir. „Sehen Sie, Herr Doktor, 
es ist alles gekommen, wie ich es vorausgesehen habe. Mein Bräutigam hat 
sich als Ehrenmann erwiesen. Er bat sofort an meinen Vater einen Brief ge- 
schrieben nnd feierlich um meine Hand angehalten." 

„Und der Vater?" 

„ — erklärte, daß er von dieser Heirat nichts wissen wolle. Vielleicht 
hätte er trotzdem noch nachgegeben, weil die Matter auf meiner Seite war. 
Aber die Schwester, die eine fürchterliche Antisemitin ist, erklärte dezidiert, 
daß sie in dem Moment, wo ich einen Juden heirate, sich das Leben 
nehmen werde." 

„Welches ist nun Ihr Entschluß in dieser Sache?" 

„Sagen Sie selber, Herr Doktor! Kann ich die Ursache des Todes meiner 
Schwester sein? Ich bin in einem fürchterlichen Zwiespalt. Ich weiß nicht, was 
ich machen soll. Raten, helfen Sie mir!" 

Ich mache die Patientin anf die Worte aufmerksam, die sie dem abge- 
wiesenen Bewerber, der mit Erschießen gedroht, geantwortet hat: „Einer von 
uns maß sterben. Maß ich es sein?" Ich verweise darauf, daß die Drohung 
der Schwester nicht wörtlich zn nehmen Bei. Sie werde sich bestimmt nicht 
erschießen. 

Dies bestreitet die kleine lebhafte Dame sehr energisch: „Sie wird sich 
bestimmt erschießen. Sie kennen meine 8chwester nicht. Wenn die es sagt, 
wird sie es gewiß tan." 

„Und fürchten Sie nicht, daß sich Ihr Bräutigam das Leben nimmt, wenn 
Sie ihn jetzt verlassen." 

„Ich denke ja nicht daran. Ich kann ja ohne ihn nicht leben. Aber ich 
glanbe, er würde sich bald trösten." 



') Eine andere Determination dieses Erbrechens geht aal" die Vorstellung einer Fel- 
lutio zaräck (Wurstel sind phaellisohe Symbole ! ) 

Biskai, Narrte« AngBtsnBtand« and ihn BAhuidliing. 3. Aufl. 7 



98 Erster Teil. Die Angstneorose. 

Nun war es mir klar, daß ihr Widerstand gegen diese Verbind ung ebenso 
groß war, wenn nicht größer als ihre Neigung zn dem Manne. Ich beweise 
ihr, daß ihre Liebe keine große sein könne, daß eine Liebende Vater und 
Matter nnd selbst die Schwester (mit der sie notabene immer sehr schlecht 
lebt) verlaßt nnd dem geliebten Manne folgt. Sie bestreitet das energisch nnd 
klammert sich nur an die Motivierung: „Sie wolle nicht den Tod ihrer 
Schwester am Gewissen haben". Sie verlangt von mir einen bestimmten Rat. 

Nnn wird sich der erfahrene Psychotherapeut wohl hüten, in dem Streite 
widersprechender Empfindungen Partei zn ergreifen, wenn es nicht unumgäng- 
lich notwendig ist. Er verlegt nur den Kampf aus dem unbewußten ins Be- 
wußte. So tat ich es auch. Ich analysierte ihre Empfindungen und überließ ihr 
die Entscheidung. 

Nach drei Monaten treffe ich sie auf der Gasse. Sie sieht blühend ans. 
Nicht zum Erkennen. 

„Wie geht es Ihnen?" 

„Sehr gut. Ich habe 8 Kilo zugenommen." 

„Sind Sie schon verheiratet?" 

„Gar keine Rede. Ich habe damals nach reiflicher Überlegung meinem 
Bräutigam abgeschrieben. Oh — ich bin so glücklich, weil es mir körperlich 
so gut geht. Ich habe Appetit, schlafe ruhig, bin so zufrieden, so glücklich, 
wie nie im Leben." 

Erst vor einigen Tagen — zwei Jahre nach dem letzten Gespräche — war 
sie in meiner Ordination. Sie ist noch immer sehr glücklich, als wenn sie 
einer Gefahr entronnen wäre. Die Angstneurose ist vollkommen geheilt, seit sie 
die sexuellen Schädlichkeiten vermeidet. 

Ich brauche nicht zn erörtern, was in diesem Falle mit der Patientin 
geschehen wäre, wenn man sie nicht psychotherapeutisch behandelt hätte. 
Jedenfalls wäre sie wegen eines organischen Magenleidens mit dem ganzen 
Rüstzeug der modernen Pharmakopoe in überflüssiger Weise gequält 
worden wie der Fall Nr. 41. Jeder Fall von Erbrechen, dem eine gewisse 
Dosis Angst beigemengt ist, ist zu mindestens auf eine Neurose verdächtig. 
Ich bin in der glücklichen Lage, noch einen interessanten Fall von ner- 
vösem Erbrechen mitzuteilen. Auch in diesem Falle mischten sich Angst 
und Ekelgefühle in merkwürdiger Weise. Dieser Fall ist auch deshalb so 
bemerkenswert, weil es mir gelungen ist, in einer Sitzung das hartnäckige 
Erbrechen zu heilen, bei dem schon durch 14 Tage verschiedene Spezia- 
listen ihr Glück ohne Erfolg versucht hatten. 

Nr. 43. Ich finde Frau L. K. im Bette. Ihr geradezu blühendes Aus- 
sehen kontrastiert seltsam mit ihrer Klage: Sie hatte angeblich schon durch 
14 Tage nichts essen können. Sie erbreche alles, was sie esse. Sie bekomme 
ein unangenehmes Ekelgefühl, eine unbestimmbare Angst und schon sei ein so 
heftiges Erbrechen da, daß sie keine Zeit habe, nach einem Gefäße zu langen. 
Professor N. und Professor P. hatten sie schon ohne Erfolg behandelt. (Gal- 
vanisation, Karlsbader, Jodtinktur, Kreosot, Alkaloid usw.) 

Ich mache der sehr intelligenten Dame begreiflich, daß es sich offenbar 
um verdrängte Vorstellungen handelt, denen irgend eine Phantasie oder ein 
wirkliches Erlebnis zugrunde liegen müsse. Ob sie sich einer Psychoanalyse 
unterziehen wolle? Sie willigt ein und ich beginne. Ich lasse sie die Augen 
schließen. Sie möge mir dann sagen, was ihr einfalle. Natürlich antwortet sie 
wie die meisten Patienten: „Gar nichts. Mir fällt absolut gar nichts ein." In 
solchen Fällen ist der Widerstand gegen das Preisgeben des unbewußten Ge- 



Klinik der AngstneuroHe: Das Erbrecheu. 99 

heimnisses ein so großer, daß man oft Wochen and Monate braocht, um ihn 
zu überwinden. Es gibt eine Reihe von Wegen und Mitteln, wie man diesen 
Widerstand brechen und in die starre Negation eine Bresche schlagen kann. 
Eines der besten Hilfsmittel ist der Traum. Nach einer gelungenen Traumana- 
lrse, der die Patientin überzeugt, bricht ihr Widerstand rasch in sich zu- 
sammen. 

Ich frage also, ob sie von lebhaften Träumen gequält wird. Das bejaht 
sie. Sie erwacht fast jede Nacht mit einem schrecklichen Traum. Meist sind 68 
Träume von Toten, von Mördern und Einbrechern oder von wilden Tieren. 

„Was haben Sie heute Nacht geträumt?" 

„Das habe ich schon vergessen. Oder warten Sie — es fällt mir soeben 
ein. Ja, richtig. Ich träumte: Ich war im Dianabad und habe mit 
meinem Buben gebadet Plötzlich tauchte ich ihn unter. Einige- 
mal wiederholte ich das Untertauchen, bis er fast ertrunken 
wäre. Da erwachte ich in Schweiß gebadet und glücklich, daß es nur ein 
Traum war." 

Die Angstträume der Neurotiker haben einen typischen Charakter. Wir 
werden später an anderer Stelle tlber diese typischen Angstträume ausführlich 
sprechen. Jetzt will ich nur soviel verraten, daß dieser Badetraum auch ein 
typischer ist. Ihn träumen die jungen Mädchen, wenn sie mit dem Wunsche 
spielen, sich einem Manne zu ergeben. Es ist das Kind, die Folge 
dieser Liebesfreuden, das sie ertränken. Junge Frauen, die in der Ehe nicht 
befriedigt sind und denen ein anderer Mann, der sich um ihre Gunst bewirbt, 
besser gefällt, träumen ihn. Das Kind ist das Hindernis für eine neue Ehe. 
Sie räumen es aus dem Wege. (Das Kind ist im Fruchtwasser ertrunken!) 
Denn ein Angstneurotiker ist in seinen Träumen von unglaublicher Grausam- 
keit. Der Traum wird zum Angsttraum, weil der unterdruckte Wunsch der 
schwächere ist. Jedesmal, wenn zwei Wünsche gegensatzlicher Natur um die 
Herrschaft streiten, manifestiert sich der schwächere, unterlegene, unterdrückte 
als Angst. Hier in diesem Falle ist der Wunsch: 0, wäre ich kinderlos! der 
schwächere. Der Wunsch : 0, möge mir das Kind am Leben bleiben ! der 
stärkere. Der Traum, die Domäne des Unbewußten, erfüllt den einen Wunsch. 
Doch diese Erfüllung kontrastiert grell mit den Wünschen des Bewußtseins. 
Man erwacht mit allen somatischen Zeichen der Angst (Herzklopfen — 
Scbweißausbruch — Zittern). 

Ich hüte mich wohl, diese Deutung der Patientin vorzulegen. Ich will 
nichts in den Tranm hineinanalysieren. Sie soll mir die Deutung selber vor- 
bringen, sodaß es kein Entrinnen mehr gibt. Ich frage also weiter, ob sie im 
Traume allein im Dianabade gewesen. 

„Nein, eine Freundin war mit dabei. Richtig — die war so 
ekelhaft im Traume. Sie hatte mehrere Geschwüre, so daß man sie 
binausweisen wollte. Aber ein Herr mischte sich drein und sagte: 
„Ich kenne den Ausschlag. Er ist nicht ansteckend." 
„Was fällt Ihnen zur Freundin ein?" 

„Sie ist eine Konservatoristin. Sie lernt singen — ebenso wie ich, bei 
demselben Professor. Neulich klagte sie über Schmerzen und zeigte mir ein 
Geschwür am Bein. Das war wirklich ekelhaft." 

„Sehen Sie, da hätten wir ja eine verdrängte ekelhafte Vorstellung. 
Doch fahren Sie fort. Wer war denn der Herr, der sich im Traume dreinge- 
mischt hat." 

7» 



100 Erster Teil. Die Angstneurose, 

Die Patientin wird rot and stockt einige Minuten. Dann sagt sie rasch 
in wegwerfendem Tone: „Das ist eine ganz gleichgültige Person, die mit mir 
nichts zu schaffen hat." 

„Bitte — sagen Sie mir alles, was Sie Ober den Herrn wissen. Es gibt 
keine gleichgültigen Personen im Traume. Ich habe die Vermutung, daß Sie 
mir etwas verschweigen." 

„Warum denn? Ich habe keinen Grand dazu. Der Herr ist auch ein 
Sanger und verkehrt viel im Hanse der Freundin, von der im Traume die 
Rede ist." 

„Was ist das für ein Mensch?" 

„Ein auffallend großer und schöner Mann, der allen Damen den 
Hof macht." 

„Anch Ihnen?" 

„Leider — " 

„Warum sagen Sie leider?" 

„Weil es keine Ehre ist, wenn Herr X. einem den Hof macht. Übrigens 
ist er nicht gesund." 

„So? Was fehlt ihm denn?" 

„Darf ich es Ihnen sagen? Sie verraten doch niemandem etwas von diesen 
Dingen, die ich hier vorbringe?" 

„Das ist meine Pflicht." 

„Er ist angesteckt. Er ist syphilitisch." 

„Wann haben Sie das erfahren?" 

„Vor zwei Wochen kam ich zu meiner Freundin. Mir fiel ein ekelhafter 
Geruch nach Jodoform auf. Herr X. wohnt nämlich im Zimmer nebenan bei 
ihrer Mutter. Ich frage : was riecht hier so greulich? Denken Sie sich, da sagt 
mir meine Freundin, X. hatte sich was Schönes geholt. Er sei angesteckt. Sie 
habe eine solche Heidenangst, ob sie sich nicht etwas geholt habe. Bei dieser 
Gelegenheit zeigte sie mir das Geschwür am Bein. Das war übrigens ein harm- 
loser Furunkel." 

„Also vor 14 Tagen war das. Haben 8ie Herrn X. vorher häufig 
gesehen?" 

„Natürlich, er hat mir ja — wie allen Damen — den Hof gemacht." 

„Hat er Ihnen auch gefallen?" 

„Na — ja — er ist ja ein sehr schöner Mann, obwohl ich auf 
solche Sachen Gewicht lege." 

„Obwohl 6ie auf solche Sachen Gewicht legen?" 

„Ich habe mich versprochen. Ich wollte sagen: Obwohl ich auf solche 
Sachen kein Gewicht lege." 

Das „Versprechen" gehört zu jenen Symptomhandlungen, durch deren 
Analyse sich Freud 1 ) ein unvergängliches Verdienst geschaffen hat. Es ent- 
hüllt uns die Wahrheit aus dem Unbewußten, eine Wahrheit, die sich gegen den 
Willen und die Kontrolle des Bewußtseins durchgesetzt hat. 

So gab es in diesem Falle keinen Widerstand mehr. Ich trieb die Pa- 
tientin in die Enge, bis sie mir gestand, daß sie von ihrem Mann wohl erregt, 
aber nie befriedigt werde. (Er leidet an einer Bjacnlatio praecox.) Herr 
X. habe sich leidenschaftlich um ihre Gunst beworben. Vor 14 Tagen sei sie 
direkt hingegangen, um mit ihm ein Rendezvous zu besprechen. Wie sie die 
Wahrheit erfahren, sei sie davongelaufen und in unglaublicher Erregung nach 



') Zar Psychopathologie des Alltagslebens. Berlin 1907, S. Rarger. 



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Klinik der Angstnenrose: Das Erbrechen:-- ••",:.-• ■' • JQJ 

Hause gekommen. Da habe sie ein zu fettes Schweinernes gegessen und sich 
gründlich den Magen verdorben. 

„Nun, das Schweinerne ist sicher nicht die C rasche Ihres Erbrechens. Sie 
haben sich vor Herrn X. geekelt. Sie haben Rene empfanden Aber Ihre 
Schwachheit und haben sich gedacht, wenn ich zwei Tage vorher nachgegeben 
hatte, bo wäre ich jetzt anch angesteckt. Diese „unbewußte ekelhafte Vor 
Stellung", die Angst vor einer Infektion war die Ursache des Erbrechens, und 
Sie lieben den Mann noch immer. Der heutige Traum bedeutet eine Wunsch- 
erfüllung: Das Kind ist aas dem Wege geräumt, der Aasschlag der Freundin 
ist nicht ansteckend." 

Patientin sieht mich mit großen Augen verwundert an. „So etwas Ähn- 
liches habe ich mir am ersten Abend gedacht. Dnd Sie glauben, daß das wirk- 
lich die Ursache des Erbrechens gewesen?" 
„Wir werden ja sehen — " 

Am nächsten Tage empfing mich die Dame außer Bett. Sie laßt mich 
gar nicht zu Worte kommen: 

„Herr Doktor — Sie müssen heute meinen Buben ansehen. Sein Husten 
beunruhigt mich." 

„Und wie geht es Ihnen ? Ihr Erbrechen ? — " 

„Ist vorüber. Ach — ich komme jetzt in zweiter Linie daran. Bitte, sehen 
8ie sich den Buben an." — 

Sie war in einer Sitzung geheilt. Die Sache war erledigt. Es war ihr 
peinlich, auf diese unangenehmen Dinge noch einmal zurückzukommen. 

Wenn die Angfitneurosen besondere bei Frauen von Erbrechen be- 
gleitet sind, so wird man nie fehlgehen, wenn man nach affektativ ge- 
färbter Sexual ablehn ung sucht oder in anderen Worten nach Ekel. 
Solche Patientinnen sind häufig sexuell anästhetisch. 
Das Stadium der sexuellen Anästhesie ergibt immer wieder, daß es 
eigentlich anästhetische Menschen nicht gibt. Irgend eine unterdrückte, 
unbewußte Perversion hat alle Libido in Beschlag gelegt, so daß für den 
normalen Geschlechtsakt nichts übrig bleibt. Auch Otto Adler >) , fl. c.) 
empfiehlt die psychoanalytische Methode bei Behandlung der Anaestheaia 
sexualis. Nur durch Auffindung der Verdrängung läßt sich die gebundene 
Libido frei machen. Die armen Frauen brechen oder leiden an hartnäckiger 
Appetitlosigkeit und kommen schrecklich rasch herunter. Hier spielt außer 
der mangelnden Befriedigung auch die infolgedessen oft kräftige, un- 
bewußte, verdrängte Abneigung gegen den Gatten eine große Rolle. Die 
Männer müssen dann eine Menge Vorwurfe anhören. Die Frau ist mit 
ihnen immer unzufrieden. Aber hinter allen Vorwürfen steckt immer der 
eine Vorwurf: „Du befriedigst meine Libido nicht." 

Das Unglück mancher Ehe beruht nur auf fehlerhaften sexuellen 
Praktiken, auf einer relativen Impotenz des Mannes. In solchen Fällen kann 
ein vernünftiger Hausarzt mit etwas Menschenkenntnis Wunder wirken. 
Der berühmte Rat des kaiserlichen Leibarztes Van Surieten gilt auch für 
manche dieser Fälle. Er lautet: „Ceterum censeo, vulvam illam illustrissi- 
mam ejus majestatis ante coitum esse titillandam." Es ist Sache ärztlichen 
Taktes, herauszufinden, was die „unglückliche Ehe" verursacht hat, und 
die notwendigen Ratschläge zu erteilen. In der ars amandi sind wir 

') Die mangelnde GescbJechtsempflndung des Weibes. II. Auflage. Berlin 1911, 
H. Kornfeld. 



"lüg- '-.' "...:.*- ..* Kreter Teil. Die Angstneurose. 

eigentlich jämmerliche Stümper. Viele Männer sind brutal, egoistisch und 
denken gar nicht daran, daß die Franen nicht nur gereizt, sondern auch 
befriedigt sein wollen. Gegen frustrane Erregungen schützen sich viele 
Frauen durch Anästhesie oder sogar Sexualablehnung, die sich im Ekel 
äußert. Auch die Gefühllosigkeit und der Ekel 6ind „Sicherungen" gegen 
schädliche Reize. 



XI. Klinik der Ängstneurose: Kongestionen, Ohnmacht, 

Schwindel. 

Eine besondere Form der Angst ist die als „Kopfangst" bezeichnete. 
Sie tritt entweder in Verbindung mit einem Angstgefühl oder auch als 
Angstäquivalent auf. Die Kranken klagen über „Kongestionen". Das ganze 
Blut steigt ihnen zu Kopf, es wird ihnen beiß im Gesichte, es rauscht 
ihnen in den Ohren, es flimmert ihnen vor den Augen. Oder es ist, als ob 
sich ein Vorhang vor die Augen senken würde. Das Gesicht rötet sich und 
sie haben das Angstgefühl, es könnte sie der „Schlag" treffen. Manchmal 
verbinden sich die Symptome der Kopfangst mit einem leichten Schwindel- 
gefühl. Der Schwindel kann mit Erbrechen und profusem Schweißatisbruch 
verbunden sein, so daß das Krankheitsbild einem Meniere ähnlich ist. Auch 
Erscheinungen von Seiten der Lange und des Herzens sind damit kombiniert. 
Die Kranken müssen krampfhaft tief atmen, oder der Anfall schließt mit 
einer heftigen Tachykardie. Einer meiner Patienten mußte lange gähnen, 
bis der Anfall vorüber war. 

Nr. 44. Herr J. V., ein 46j4hriger, herkulischer Mann, mit gesunden 
Organen, weichen Arterien, klagt seit drei Jahren über Kongestionen und Schwindel. 
Plötzlich steigt ihm das Blut za Kopfe, er fühlt, sein letztes Btlludlein sei ge- 
kommen, der Schlag werde ihn jetzt treffen. Er maß eich sofort niederlegen 
and darch längere Zeit kalte Umschläge auf den Kopf machen lassen. Erst bis 
er am Schloß des Anfalles mehrere Winde laßt, fühlt er eine gewisse Erleichterung. 
Das Blut „verteilt" sich langsam. Er führt das Leiden auf „verschlagene Winde" 
zurück. 

In Wirklichkeit handelt es sich am eine Mischung von Hypochondrie und 
Angstneurose. Patient, früher Onanist, übt seit sechs Jahren mit einer Witwe, 
die er nicht schwängern darf, Coitus interraptas aus. Zo einer puella publica 
traut er sich nicht hinzugehen, weil er fürchtet, es könnte ihn dort der „Schlag" 
treffen und alle Welt würde so auf sein lasterhaftes Leben kommen. Rasche 
Heilung durch Regulierung des Sexualverkehres. (Kondom!) 

Auch die Anfälle krampfhaften Gähnens können als Rudimente 
eines Angstanfalles auf dem Boden einer Angstneurose entstehen. Viel häufiger 
jedoch als alle anderen Symptome, vielleicht das geradezu typische Sym- 
ptom einer Angstneurose ist der Schwindel, der zu den seltsamsten diagno- 
stischen Irrtümern führen kann. Er ist in seinen leichtesten Fällen nur ein 
„Taumel", eine blitzschnell vorübergehende Erschütterung des statischen 
Sinnes. Freud beschreibt ihn (1. c.) folgendermaßen: „Der Schwindel der 
Angstneurose" ist weder ein Drehschwindel, noch läßt er, wie der Menih-e- 
sche Schwindel, einzelne Ebenen und Richtungen hervortreten. Er gehört 
dem lokomotorischen und koordinatorischen Seh winde! an, wie der Schwindel 
bei Augenmuskcllähmunff; er besteht in einem spezifischen Mißbehagen, 



Klinik der Angstnenross : Kongestionen, Ohnmacht, Schwindel. 103 

begleitet von den Empfindungen, daß der Boden wogt, die Beine versinken, 
daß es anmöglich ist, sich weiter aufrecht zu halten, and dabei sind die 
Beine bleischwer, zittern oder knicken ein. Zum Hinstürzen fuhrt 
dieser Schwindel nie. Dagegen mischte ich behaupten, daß ein solcher 
Seh wind elanfall auch durch einen Anfall von tiefer Ohnmacht vertreten 
werden kann. Andere ohnmachtartige Zustände bei der Angstneurose 
können von einem Herzkollaps abhängen. Der Schwindelanfall ist nicht 
selten von der schlimmsten Art von Angst begleitet, häufig mit Herz- und 
Atemstörongen kombiniert. Höhenschwindel, Berg- und Abgrundschwindel 
rinden sich nach meinen Beobachtungen gleichfalls bei der Angstneurose 
vor; auch weiß ich nicht, ob man noch berechtigt ist, nebenher einen 
Vertigo a stomacho laeso anzuerkennen." 

Der Schwindel ist ein sehr häutiges Symptom der Angstneurose und 
drückt in somatischer Form den Gedanken aus: Ich bin meiner nicht sicher, 
ich stehe nicht fest, ich werde fallen. Dieser Fall ist der Sttndenfall. Des- 
halb geben die meisten Kranken an, daß es sie nach links 1 ) (nach der 
Seite der Sünde) hinzieht. 

Diese Schwindelanfälle Btehen oft im Mittelpunkte des Krankheitsbildes. 
Da gerade der Schwindel ein wichtiges prämonitorisches Symptom einer schweren 
organischen Krankheit darstellt, ist eine gründliche Untersuchung des Kranken 
unerläßlich. Immerhin wird der erfahrene Praktiker, der seinen Blick für das 
prägnante Bild der Angstneurose geschärft hat, schon hanfig nach der ersten 
Untersuchung (bei Abwesenheit organischer Lasionen) den neurotischen Schwindel 
diagnostizieren können, insbesondere wenn die Ätiologie nnd die anderen Sym- 
ptome (allgemeine Reizbarkeit, angstliche Erwartung, Angstanfalle und Angst- 
äquivalente) stimmen. Für Angstneurose spricht der nach links gehende 
Schwindel. Aach können die meisten dieser Kranken mit geschlossenen Augen 
auf einem Bein stehen, ohne eine Spar von Schwindel zu zeigen. Trotzdem 
kann ich gerade bei diesem Symptom nicht genug zur Vorsicht and zar Auf- 
nahme eines genauen klinischen Status mahnen. Speziell bei älteren Personen 
kann der Schwindel das erste Prodrom einer Apoplexie darstellen. Er entsteht 
durch kleine Blutungen aus sogenannten Miliaraneurysmen nnd kann ganz 
geringfügiger Natur sein. Von Wichtigkeit ist auch eine Untersuchung des 
Auges durch einen erfahrenen Augenarzt. Nicht korrigierte oder mangelhaft 
korrigierte Akkommodationsanomalien, Augenrouskellähmungen, die muskuläre 
Insuffizienz, wie sie bei Neurasthenikern so häufig vorkommt [will doch Prof. 
Wilhelm Schön 1 ) im „Höhenschielen" die Ursache aller Phobien erkennen und 
berichtet über Heilerfolge bei verschiedenen Neurosen nach Verordnung einer 
Brille; auch Kaan (1. c.) bat eine ahnliche Hypothese aufgestellt], Nystagmus 
als Symptom einer beginnenden multiplen Sklerose, eine Stauungspapille, eine 
Neuritis nervi optici, kapilläre Blutungen in der Retina können wichtige An- 
haltspunkte für organische Krankheiten geben. Auch eine genaue Untersuchung 
der Ohren ist gerade bei diesem Symptom unerläßlich (MeniZre!). Ich kann 
über einen Fall berichten, da der Schwindel bei einer gewisse Symptome der 
Angstneurose zeigenden Person durch Zeruminalpfröpfe reflektorisch ausgelöst 
wurde. Erbrechen kann ebenso bei der Angstneurose wie bei Meniäre auftreten. 
Aach darf nicht außer acht gelassen werden, daß der Schwindel bei Epilepsie 



') Vergleiche das Kapitel „Rechts und Links im Traume" in meinem Bnche „Die 
Sprache de9 Traumes" (J. V Bergmann, 1911). 

>) Das Schielen, 8. 92, München 1906, J. F. Lehmann. 



104 Erster Teil. Die Angstneurose. 

nicht nur als Prodrom, Bondern auch als Äquivalent mit sehr kurzem BewnBt- 
seinsverluat vorkommen kann. (Hitzig, Der Schwindel. Alfred Holder, 1898.) 
Auch bei chronischer und akuter Nikotinvergiftung ist Schwindel ein gar nicht 
so seltenes Symptom. Von internen Leiden kommen noch die Chlorose and 
andere anämische Znstande, die Nephritis, Helminthiasis in Betracht. Der von 
Freud bezweifelte „Vertigo a stomacho laoso" ist nach meinen Beobachtungen 
gar nicht so selten und in der Praxis durch den prompten Erfolg der Therapie 
nachzuweisen. Ich habe wiederholt Falle von Schwindel gesehen, die als Dann- 
achwindel aufzufassen waren. Es handelte sich um Autointoxikationen infolge 
von Obstipation. Eine kleine Dosis von Rheum und Natr. bicarb. aa. am Abend 
befreite die Kranken in rascher Weise von ihrem Schwindel. Eine entsprechende 
Kar (Massage, Faradisation, Gymnastik, Diät) fahrte dann eine dauernde 
Heilung herbei. Sehr auffallend ist der heftige Schwindel bei Fisch-, Wuret- 
und Fleischvergiftung. Speziell die Wurstvergiftung kann mit so geringfügigen 
Symptomen von Seite des Verdaunngstraktes einhergehen, daß der Schwindel 
das am meisten hervortretende und besorgniserregende Symptom ist. 

Eine 67jährige Dame erwacht eines Nachts im Bette mit heftigem Schwindel. 
Sie hat die Empfindung, als ob sich das ganze Zimmer mit ihr drehen würde. Arterien 
rigide, Pols stark gespannt, ausgesprochen arbytbmiscb. Die Frage nach einem Diätfehler 
wird verneint. Nach eingehendem Befragen gibt sie zu, am Vorabend von einer Warst, die 
alle Hausgenossen ohne Schaden gegessen haben, ein dünnes Scheibchen gekostet zu haben. 
Nach einigen Tagen erat treten die Symptome einer Wurstvergiftung in den Vordergrund 
(Fieber, gastrische Störungen-, kein Milztnmor; Widal negativ!). Der Schwindel dauert 
3 Wochen in voller Intensität und klingt nur sehr langsam ab. 

Nr. 45. Im Gegensatze zu dieser Beobachtung steht der nächstfolgende 
Fall. Frau A. R., eine 62jährige Witwe, erkrankt eines TageB an heftigem 
Schwindel. Sie bat die Empfindung, als ob das Bett auf- und niedergehen wurde. 
Manchmal, als ob sie mit dem Kopfe recht tief und mit den Beinen in der Höhe 
liegen wurde. Ihre Arterien dem Alter entsprechend rigide; Puls hart, gut ge- 
füllt, normale Spannung, leichte Arhythmie. Sie hat niemals vorher an Schwindel- 
anfallen gelitten. Kein DiStfehler. Wurst, Fisch und Konserven hatte sie 
wochenlang vor dem Anfall nicht gegessen. Stuhl regelmäßig. Ein Abführmittel 
und Salol mit Mentholbeisatz bleiben ohne Erfolg ; ebenso Jodnatrium, das einige 
Tage spater verabreicht wird. Nach einer Woche hören die Schwindelanfalle 
von selber auf. Ungefähr sechs Monate spater werde ich zu derselben Dame 
gerufen. Sie klagt Aber einen qualenden Geruch in der Nase, der sie ganz un- 
glücklich mache. Objektiv ist gar kein übler Geruch nachzuweisen. Nase und 
Nasenrachenraum, in dem znfolge der interessanten Angaben Kirsteins über 
unangenehme subjektive Geruchsempfindungen nach eitrigen Lakunen gesucht 
wird, erweisen sich als vollkommen normal. Der Geruch ist durch gar kein 
internes und externes Mittel zu vertreiben. Patientin ist geradezu verzweifelt. 
„Jedesmal, wenn mein Sohn da ist" — ruft sie aus — , „muß ich so schwer 
erkranken". Dieser Ausruf bringt mich anf eine Fahrte. 

„War das letztemal Ihr Sohn auch da, als Sie an Schwindel gelitten 

haben ?" 

„Freilich! Es war wie verhext. Als er ankam, erkrankte ich — nnd 
einen Tag nach seiner Abreise war ich vollkommen gesund." 

„Lebt Ihr Sohn nicht in Wien?" 

„Nein — er ist das ganze Jahr über in Deutschland. Er kommt nur 
von Zeit zu Zeit nach Wien, um mich zu besuchen. Wissen Sie — er hat 
sich mit den anderen Geschwistern nicht vertragen. Sie sind eigentlich Stief- 
geschwister." 



Klinik der Anpstneuro.se: Kongestionen, Ohnmacht, Sehwindel. 105 



„So ist er der älteste?" 

-,)•!, von meinem ersten Mann, der mir leider so früh gestorben ist." 

.Nim, Sie haben ja bald wieder geheiratet?" 

„Ja — aber es war nicht dasselbe. Die erste Ehe war eine Liebesheirat; 
die zweite eine Vernunftehe. Beide Manner waren gute Menschen. Aber der 
erste . . . ." 

Ihr Gesicht verklärt sich. Wir reden weiter. Ich erfahre, daß sie in der 
zweiten Ehe sexuell anästhetisch gewesen, daß sie immer an den ersten Mann 
gedacht habe. Der zweite Mann sei ein „schwacher" Mensch gewesen. Immer 
kränklich. Sie hat viel an Angstzuständen gelitten. Sie gibt zu, daß sie wieder- 
holt in den letzten Jahren noch sexuelle Träume gehabt, über die sie ganz ent- 
setzt war und deren sie sich schämte. Eine Frau in ihren Jahren! Sie ist 
enorm reizbar, immer in ängstlicher Erwartung, häufig schlaflos. Pavor noc- 
turn us. 

Der erste Schwindelanfall war mir jetzt mit allen seinen Symptomen 
(Auf- und Niederwogen des Bettes!) vollkommen klar. Der Sohn stand vor ihr 
wie das leibhaftige Ebenbild des Vaters. Die heiße Liebe zu dem Kinde brachte 
die nie erstarrten Glutmassen aufs nene in Fluß. Der Schwindel war das Sym- 
ptom einer Angstneurose, wie sie sich häufig aus dem Klimakterium bis ins 
hohe Alter hinein fortsetzt. Aber was sollte nun der abscheuliche Geruch be- 
deuten? 

Ich versuche in diesem Falle eine Technik, auf die ich noch zurück- 
kommen werde und die sich als eine Verbesserung der Jung&chen') Assoziations- 
technik darstellt. Ich sage der Patientin: „Nennen Sie mir einige beliebige 
Worte, die Ihnen gerade einfallen. Als erstes müssen Sie „Geruch" sagen. Also: 
Geruch — " 

Sie beginnt „Geruch — Gestank — widerlich — Erbrechen — 
Ekel — Magendrücken — Appetitlosigkeit — " diese Worte kommen 
ziemlich rasch hintereinander. Dann macht sie eine Pause. Es dauert zirka eine 
halbe Minute, bis die weiteren Worte mit merklichen Pausen nachfolgen: „Rosa, 
Donau, Fluß, Professor, Kasse, Mitleid," wieder eine größere Pause, 
dann: „Sohn, Tochter". Jetzt hört sie auf. 

Ich folge nun den Assoziationen, die sie entwickelt hat. „Geruch bis 
Appetitlosigkeit" ist vollkommen verständlich. Sie leidet diese Tage tatsächlich 
an Anorexie und kämpft fortwährend mit den Ekelgefühlen, weil sich der 
schreckliche Geruch in jede Speise mengt. Ich komme jetzt auf die Pause. 
Diese ist nach den Forschungen Jungs immer verdächtig. Es handelt sich um 
bedeutsame Wideretände unbewußter Vorstellungskomplexe. „Wer ist Rosa?" 
frage ich barmlos. 

„Rosa? Das wissen Sie nicht? Die Frau meines Sohnes. Meine Schwieger- 
tochter." 

„Welcher Sohn ist da gemeint?" 

„Nun — der eben angekommen ist." 

„So — und was hat diese „Rosa" mit der „Donau" zu tun?" 

„Ich weiß es nicht. Das ist mir nur so zufällig eingefallen. Sie haben 
doch gesagt, daß ich die Worte nennen soll, die mir zufällig einfallen." 

„Ja — aber es gibt bei diesen Dingen keinen Zufall. Leidet ihre 
Schwiegertochter nicht an einem Frauenleiden?" 

-Woher vermuten Sie das?" 



') Diagnostische Assoziationsstudien. Leipzig I'.kmj J. A. Barth. 



106 Erster Teil. Die Angstneurose. 

„Weil anf Donau „Fluß" kommt." 

„Richtig. Sonderbar. — Sie leidet seit vielen Jahren an einem weißen 
Floß. Wissen Sie, im Vertrauen. Mein armer Sohn ist zu bedauern, sie stinkt 
ja. Was das meinem 8ohn schon Geld gekostet hat! Alle Professoren Wiens 
sind schon bei ihr gewesen!" 

„Wandern Sie sich noch, daß Sie immerwahrend einen Üblen Geruch in 
der Nase empfinden? Seit Ihre Schwiegertochter in Wien ist, werden Sie von 
diesem Geruch gequält. Sollte das nicht von einer verdrängten Vorstellung 
herrühren, die etwa so lauten würde: „Jetzt ist diese ekelhafte Person 
mit ihrem stinkenden Frauenleiden wieder in Wien. Mein armer Sohn, 
wie kannst du das aushalten?" 

„Aber Herr Doktor! B 

„Bitte, lassen Sie mich ausreden. Jetzt produzieren Sie vor Ihrem Sohne, 
wie einem ein solcher Geruch das Leben verbittern kann. Sie leben anch sonst 
nicht gut mit der Rosa? Ich wette: Sie waren eifersüchtig." 

„Nun! Das gerade nicht. Es ärgert mich nnr, daß Sie mir die Liebe 
meines Sohnes entzieht und gegen mich hetzt. Am Anfang war ich vielleicht 
ein bißchen eifersüchtig. Heute keine Spur." 

„Jetzt verstehe ich. Ihr Sohn lebt nicht in Wien, weil Sie sich mit seiner 
Frau nicht vertragen können. Stimmt das?" 

-Das stimmt." 

„Dann ist auch das andere richtig." 

Am nächsten Tag war der ekelhafte Geruch 1 ) vollkommen geschwunden. 
Die Patientin führt diese Heilnng auf eiu Hausmittel zurück, das ihr eine Nach- 
barin empfohlen hat. 

Einen sehr prägnanten Fall von Schwindel will ich an dieser Stelle 
anführen : 

Nr. 46. Herr L. M., ein noch jugendlich aussehender Mann von 64 Jahren, 
dessen blonder Vollbart nur spärliche graue Haare aufweist, kommt mit einem 
langen Zettel in meine Sprechstunde. Der Zettel enthält die Liste der Medika- 
mente und Kuren, die ihm gegen seinen Schwindel und seine Fußschmerzen 
verordnet wurden. Die Liste war sehr stattlich und füllte vier Folioblätter aus. 
Seine Beschwerden waren folgende: Er konnte kaum ein paar Schritte gehen 
nnd mußte schon zu hinken anfangen, so heftig begann der Fuß zu schmerzen. 
Hatte er aber einmal einen besseren Tag, so wurde er von Schwindel ge- 
peinigt. 

„Nach welcher Richtung geht der Schwindel?" 

„Immer nach links. Dabei kann ich auf einem Beine stehen und zugleich 
die Augen schließen. Ist Ihnen schon so etwas vorgekommen? Mein Hausarzt 
bat mich znm Professor 0. geschickt, der sagte mir, „ich leide an Verkalkung 
der Arterien". Ich habe das „intermittierende Hinken". Aber es ist gar nicht 
intermittierend ! Ich hinke nämlich immer. Dabei war ich ein so leidenschaft- 
licher Naturfreund. Ich habe jetzt gar kein Vergnügen mehr. Wenn es so 
weiter geht, so nehme ich mir das Leben. Der Professor hat mir auch jeden 
Geschlechtsverkehr verboten. Wozu lebe ich denn?" 

„Wie lange haben Sie mit Ihrer Frau nicht verkehrt?" 

„Mit meiner Frau? Du lieber Himmel! Schon 20 Jahre nicht. Obwohl 
ich sie sehr liebe. Wenn sie heute stürbe, ich würde mär gleich das 
Leben nehmen." 



') Vgl. Erwin Kobrek, „Über subjektive Kakosmie". (Med. Klinik, 190a Nr. 48). 



Klinik der Angstnenrose : Konpestionen, Ohnmacht, Schwindel. 107 

„Also wenn es nicht Ihre Frau war, so . . ." 

„Ich habe eine Gelegenheit, wo ich regelmäßig ohne Gefahr der An- 
steckung hingehen kann." 

Da ich keine Spar einer Arteriosklerose gefanden habe, beruhige ich den 
Kranken and empfehle ihm, ohne Ruckeicht auf die Schmerzen weiter zu gehen. 
Ich hatte es bald herausgefunden, daß die Schmerzen „Sicherungen" 
gegen die Spaziergänge zur Geliebten waren. Er fühlte sich seiner Frau gegen- 
ober als ein arger Sünder. Er war schon ein alter Mann und sagte sich: Es 
ist Zeit, daß du einmal aufhörst und ein solider Mensch wirst. Dazu hatte er 
nicht die Kraft und flüchtete sich in die Krankheit, wobei ihn der Rat des 
Professors, nicht zu verkehren, unterstützte, ihn aber in schwere psychische 
Konflikte brachte, da er nach jedem Rückfall in die Sünde sich die heftigsten 
Vorwürfe machte, er habe sein Leben verkürzt usw. 

Ich empfahl ihm Aufnahme des regelmäßigen Verkehres und hatte die 
Freude, ihn auffallend gebessert und noch jugendfrischer nach einigen Wochen 
wieder zu sehen. Er kam nur, um sich zu bedanken. Schmerzen und Schwindel 
seien seit der letzten Unterredung mit mir wie weggeblasen ! 

Allein nach einigen Monaten kam er wieder. Der Schwindel war in einer 
Intensität aufgetreten, daß er sich nicht traute, allein auf die Gasse zu geheu. 
Ich drang auf weitere Erforschung und kam auf eine höchst denkwürdige Tat- 
sache. Dieser Mann lebte zwanzig Jahre — sage zwanzig Jahre — mit zwei 
Frauen ! Die eine hatte von der Existenz der anderen keine Ahnung. Die eine 
war seine angetraute Gattin, mit der er eines Frauenleidens halber nicht ver- 
kehren durfte. Die andere war seine Geliebte, bei der er unter einem falschen 
Namen verkehrte. Er verehrte seine Frau und liebte die andere glühend. Er 
war aber in doppeltem Sinne ein Schwindler! Er lebte in steter Angst, die 
Geliebte oder die Frau könnten auf sein Doppelspiel kommen und hatte nicht 
die Kraft, mit der Geliebten zu brechen. Die Todeswünsche gegen seine Frau 
äußerten sich in der Karikatur der Verdrängung als Angst um ihr Leben. 
Aus diesem unlöslichen Konflikte flüchtet er in die Krankheit. Vor einigen 
Tagen glaubte er aus einer Bemerkung der Geliebten zn entnehmen, daß sie 
seinen wahren Namen kenne. 

Ich riet ihm, sich mit der Geliebten auszusprechen. „Ist sie eine kluge 
Frau?" 

„Das will ich meinen!" 

„Nun, dann kennt sie wahrscheinlich laugst die Wahrheit und läßt Sie 
nur bei dem Glanben, sie wisse sie nicht." 

Das bestreitet der Kranke energisch. Allein nach einigen Tagen kommt 
er ganz glückstrahlend zu mir: „Sie haben recht gehabt. Sie hat alles gewußt 
und mich nur ausgelacht Jetzt bin ich ja neugeboren." 

Der Schwindel war vollkommen geschwunden. Den Ärmsten hatte es 
wirklich nach der linken Seite gezogen und er war im wahrsten Sinne des 
Wortes ein Schwindler. 

Andere Krankengeschichten berichten über das aknte Auftreten des 
Schwindels mit Angstgefühlen und profusem Schweiß. (Im Aborte beim 
Stuhlgang, vor dem .Schreibtisch, auf einem Ausfluge, vor einem steilen 
Abhänge usw.) Manchmal folgt dem Schwindel, der in diesem Falle neben 
der toxischen Basis immer noch psychisch determiniert ist, eine mehr oder 
minder schwere Ohnmacht. Diese Neigung zn Ohnmächten ist charakteri- 
stisch für die Angstnenrose. 



108 Erster Teil. Die Angstneurose. 

Nr. 47. Die Psychogenese der Ohnmachtsanfälle erläutert folgende Beob- 
achtung: Fran M. B., 35 Jahre alt, von gesunden Eltern, nie ernstlich krank 
gewesen, ist seit dem 18. Lebensjahr verheiratet, hat fünfmal normal entbunden. 
Seit zwei Jahren, seit der Geburt des jüngsten Kindes, leidet sie an Angstan- 
f allen. Plötzlich wird ihr „schlecht", wie sie sich ausdrückt, sie empfindet ein 
heftiges ßchwindelgef ühl. Dieser Angstanfall tritt fast jede Woche ein ; aber auch 
am Tage, wenn sie sich rasch blickt, tritt ein leichter Schwindelanfall mit 
Herzbeklemmungen auf. Nach großen Aufregungen treten schwerere Anfalle mit 
Bewußtseinsverlust auf. Diese Anfalle fangen mit stürmischem Herzklopfen an 
und dauern ca. 12 — 15 Minuten. Nach den Anfallen besteht noch stundenlang 
eine gewisse Erregung des Herzens. Außerdem leidet Patientin an plötzlichen 
Kongestionen. Sie wird mit einemmal blutrot im Gesicht und hat die Empfindung, 
als würde sie mit Blut Übergossen. Überdies klagt sie, daß ihr immer der 
Schleim tief im Halse stecken bleibe. Hie und da treten Ohnmachtsanfalle auf, 
bei denen sie ein n 6üßes Ul ) Gefühl empfinde. 

Ich hatte Gelegenheit, einen der großen Anfalle der Patientin zu beob- 
achten. Er war nach einem Streit mit der Hausbesorgerin aufgetreten, die ihren 
ältesten Sohn einen „Lausbuben" genannt hatte! Es war das charakteristische 
Bild eines hysterischen Anfalles. Am nächsten Tage erkundigte ich mich, wes- 
halb sie sich denn so aufgeregt habe. 

„Ja", sagte sie, „weil das mein ältester Sohn ist, der schon in die dritte 
Bürgerschulklasse geht. Der ist kein Lausbub. Der ist schon ein ganzer Mann. " 

Anamnestisch erfahre ich folgendes: Sie will ein unerfahrenes Mäd- 
chen gewesen sein and nie onaniert haben. Für die Erlebnisse vor der 
Pubertät besteht vollkommene Amnesie. Dagegen hat sie mit 15 Jahren 
einen „Anfall" erlitten, als ihre Matter eine grausliche Geschichte von Toten- 
köpfen erzählt hatte. Mit 16 Jahren diente sie bei ihrem Göd. Eines Tages 
rief er sie in ein entferntes Zimmer und wollte sie vergewaltigen. Sie schrie 
heftig und ein zufällig des Weges daherkommender Weghllter rettete sie, 
ehe sie erliegen konnte. Von da an kannte sie keine Nachtruhe mehr. 
Immer versteckte sie Bich in dem Winkel einer Scheune aus Angst, über- 
fallen zu werden. Schließlich schrieb sie ihren Eltern und bat, sie nach 
Hause zu nehmen, da auch die Frau des Göd sie mit Eifersucht plagte. 
Bald nachher lernte sie auch ihren Mann kennen, den sie, ohne ihn zn 
heben, nur um sich zu versorgen, heiratete. Dieser ist 14 Jahre älter als 
sie und sexuell scheinbar sehr bedürfnislos, denn er lebt mit ihr bereits über 
ein Jahr zusammen, ohne ihr beigeschlafen zu haben. Auch sie gibt an, 
anästhetisch zu sein und meint, dieses Jahr, wo ihr Mann ihr Ruhe ge- 
lassen habe, sei das „glücklichste Jahr" ihres Lebens gewesen. Sie ist nie 
im Verkehre befriedigt worden, besonders in letzterer Zeit. Überhaupt, wenn 
sie die Wahrheit sagen soll, so ekelt es sie manchmal vor ihrem Manne, 
der sonst ein braver Mensch sei. Besonders wenn er sich nackt auszieht, 
macht sie ihm die heftigsten Vorwürfe und meint, es gehöre sich nicht 



') Hier verrät sich die „süße" Ohnmacht als Ersatz eines Beischlafes. Auch die 
großen hysterischen Anfälle, die durch denselben psychischen Mechanismus zustande kommen, 
können durch eine solche „sfißo" Aura eingeleitet werden. Deshalb halte ich die großen 
Anfälle Doatojeicskijs, im Gegensatze zu Dr. Tim-Sigaloff (Die Krankheit Dostojewskijs, 
Müncben 1907). nicht für epileptische, Sein Glücksgefühl vor einem Anfalle war so groß, 
dnü er Jahre seines Lebens dafür schenken wollte . . . Heiner Ansicht nach ist der holde 
Wahnsinn, in dem des Dichters Auge rollt, jenes Stück Hysterie, das wir alle mit uns 
herumtragen. 



Klinik der Angstneurose: Kongestionen, Ohnmacht, Schwindel. 109 

vor den Kindern, in Wirklichkeit nur, weil sie sich den Anblick ersparen 
will. In die Enge getrieben, gibt sie zu, daß sie onaniert hat, daß sie aber 
als Frau Bücher in die Hände bekommen hat, welche sie davor gewarnt 
hätten. Sie hat das Laster aufgegeben, weil sie nicht nnterleibskrank 
werden will. Seit damals treten die .süßen" Ohnmachtsanfälle anf. Ihren 
Mann aber liebe sie gar nicht, weil sie einmal ein Gespräch belauscht 
habe, das sie nicht vergessen könne; er habe zu seinen Freunden gesagt: 
„Ich habe meine Frau nur aus Trotz geheiratet, damit ich ihre Schwester, 
die ich nicht haben kann, oft sehen kann." Seit damals könne sie ihn 
überhaupt nicht mehr ausstehen. 

Die Krankheit ist eine Mischung einer typischen Angstneurose und 
einer Hysterie. Hysterie, entstanden durch das psychische Trauma und 
durch Terdrängte Inzestgedanken anf den eigenen Sohn. Deshalb verfiel 
sie in einen hysterischen Anfall, weil man ihren Sohn, der der Inbegriff' 
ihres sexuellen Ideales ist, .Lausbub" genannt hat. Die Angstnenrose 
qnält sie, weil sie infolge der Kälte ihres Mannes vollständige Abstinenz 
übt und weil sie infolge des Aufgebens der Onanie für sexuelle Erregun- 
gen keine Abfuhr findet. Die Kongestionen sind Angstäquivalente. 

Ihre Anästhesie, ist — wie die meisten Anästhesien der Frauen — 
nur eine relative. Infolge der Abneigung gegen ihren Mann kann keine 
Libido aufkommen. Nachträglich erfahre ich, daß sich auch ein Freund des 
Mannes um sie beworben hat. Obwohl sie in seiner Gegenwart in große 
sexuelle. Erregung gerate, habe sie doch immer widerstanden und den Ver- 
kehr ganz abgebrochen. Sie könne ihrem braven Manne „so etwas" nicht 
antun. Die Träume verraten ein reiches, ja sogar überreiches Sexualleben. 

Nach psychotherapeutischer Kur vollständiges Schwinden der großen 
Anfälle. Die t süßen" Ohnmächten persistieren. 

Xr.48. Herr J.L., 32 Jahre, von gesunden Eltern stammend, war bis zum 
30. Jahre immer vollkommen gesund. Damals begann er an Schwindel- 
und Angstgefühlen zu leiden. Meistens trat der Schwindel morgens nach 
langem Schlaf auf. Vor dem Anfall trat eine Spannung im Kopfe auf, als 
wenn er bersten und zerspringen müßte. 1 ) Dann eine heiße Sensation, die. 
vom Magen zum Kopfe aufsteigt und dann eine wunderbar angenehme, 
berauschende Bewußtlosigkeit, in der die Erinnerung an die 
zeitlich nahe liegenden Ereignisse verschwindet. ,Ein allge- 
meines wohliges Gefühl durchströmt mich. Ich frage mich: Was ist jetzt? 
Was war gestern?" Eine kleine Weile kann ich mich nicht orientieren. All- 
mählich kommt mir die Erinnerung. Ich fühle noch einen Druck im 
Magen. Ich fühle mich sehr schwach und sehe ganz blaß aus. 

Er übt seit sechs Jahren Colins interruptus aus. 

Ein anderes Bild I 

Nr. 49. Ilerr J. H. klagt seit vier Wochen aber Heraklopfen und Angstgefühle auf- 
der Straße. Des Abends, wenn er sich niederlegt, hat er vor dem Einschlafen ein Angst- 
gefühl, als wenn er sterben müßte. Als wenn das Hera stehen bleiben and der Atem ver- 
sagen würde, als wenn er für immer einschlummern müßte. Seine Frau rüttelt ihn heftig, 
Ms er wieder zu sich kommt. 



') Symbolischer Ausdruck für das Unvermögen, einen verdrängten Gärtanken zurück- 
zuhalten. Immer wieder kann man die Beobachtung machen, daß langer Schlaf den Neuro- 
titerti nicht zuträglich ist. Die unbewußten Wünsche loben sich zu lange aus. Auch bei 
diesem Kranken lost der lange Schlaf einen Dämmerzustand aus, in dem sich die verdräng- 
ten Komplexe ins Bewußtsein drängen wollen, was durch eine Ohnmacht und Amnesie ver- 
hindert wird. 



HO Erster Teil. Die Angstneurose. 

Seine Frau schildert den Anfall als eine leichte Ohnmacht. Sexualleben vollkommen 
normal. Er raucht 20—30 Zigaretten täglich. Sechs Tage nach Aufgeben des Kauebens 
hören die Anfälle aaf. Die Angstgefühle verschwinden. 

Nr. 50. Mit einem typischen Fall von Ohnmacht infolge von Angstnea- 
rose möchte ich diese kleine Kasuistik beschließen. 

Frau D. T., 50 Jahre alt, Matter von sieben Kindern, fällt eines Tages 
ohne äußere Veranlassung in Ohnmacht. Der herbeigeholte Arzt konstatiert 
einen sehr kräftigen Puls. Sie ist dabei im Gesicht auffallend gut gefärbt. Sie 
kommt nach einigen Sekunden zu sich, bat gar kein unangenehmes Gefühl . 
Im Gegenteil. Es ist, als ob ein heißer Strom durch ihren Körper ziehen würde. 
Dann empfindet sie ein leichtes Angstgefühl und ein Jucken in der Scheide (!). 
Seit damals erleidet sie jeden Monat einen Ohnmachtsanfall; manchmal hat sie 
auch Anfalle von Übelkeit, Trockenheit im Munde und Schüttelfrost. Hie and 
da Schwindel. Dann denkt sie: „Jetzt werde ich sterben. Der Tod ist ja gar 
nicht so schrecklich." Die meisten Anfalle endeu mit lebhaftem Aufstoßen oder 
Gähnen. Sie ist sehr ängstlich geworden, macht sich über alles Gedanken. Ob 
das Geschäft nicht bald zugrunde gehen werde. Ob die Kinder nicht an einer 
Krankheit sterben würden. Ein anderes Mal erscheint sie teilnahmslos und fast 
egoistisch. Eine Kur in Marienbad brachte keine Besserung. Kohlensäurebäder 
regen sie fürchterlich auf. In letzter Zeit fürchtet sie ein schweres chronisches 
Heraleiden. 

Anamnestisch ist eine wichtige Tatsache zu eruieren. Ihr Mann ist seit 
zwei Jahren vollkommen impotent. Sie hat zahlreiche erotische Traume. Sie ist 
eine sehr üppige, fast jugendliche Frau und menstruiert noch regelmäßig. Die 
Ohnmachtsanfälle treten immer einen oder zwei Tage vor der Periode auf. 

Nach der Menopause rasche Heilung ohne jede Behandlung. (Onanie?) 



XII. Klinik der Angstneurose: 

Zittern und Schütteln, Parästhesien. 

Wie entstehen Angstrudimente? 

Mitunter kann die Angstneurose durch interkurrente Ursachen zum 
Vorschein kommen. Freud verweist diesbezüglich auf das Moment der 
Überarbeitung, der erschöpfenden Anstrengung, z. B. nach Nachtwachen, 
Krankenpflege, oder auf die Rekonvaleszenz nach schweren Krankheiten. 
Es handelt sich offenbar um Menschen, welche die Schilden frustraner Er- 
regungen bisher noch gut vertragen haben. Wird aber die Widerstands- 
kraft des Körpers aus irgend einer Ursache geschwächt, so entsteht die 
Angstneurose ; aber nicht infolge der Nachtwachen, Krankenpflege, sondern 
infolge der sexuellen Schädlichkeiten. Die Schädlichkeiten des Berufes und 
des Hauses haben nur das auslösende Moment abgegeben. Viele dieser 
auslösenden Momente sind mit schweren psychischen Konflikten verbunden. 
So ist mir ein Fall bekannt, daß eine junge Frau nach Pflege ihres kranken 
Mannes an schwerer Angstneurose erkrankte. Zu den schädlichen Folgen 
der Abstinenz, der Nachtwachen kam hier der Kampf mit einem quälenden, 
im Unbewußten fortwährend bohrenden Gedanken: „Wenn dein Mann 
jetzt 6tirbt, so kannst du Herrn W. heiraten, der zu dir besser paßt." Wie 
äußerte 6ich die Wirkung dieser unbewußten Gedanken, die nur zeitweilig 
ins Bewußtsein emportauchten ? Als Reaktion auf diesen sündhaften Wunsch 



Klinik der Angstneurose: Zittern and Schütteln, Parüstbesien etc. Hl 

trat eine Übertriebene Liebe zu dem kranken Manne auf, die sich in einer 
neurotisch exaltierten Ängstlichkeit äußerte. Stieg die Temperatur um 
einige Zehntel, so wurde der Doktor telephonisch „dringendst" gerufen. 
Täglich mußte ein anderer Professor an das Krankenbett kommen. Unter 
keiner Bedingung wollte die Frau die Pflege mit anderen Personen teilen. 
Sie gönnte sich keine Ruhe, keinen Schlaf, keine entsprechende Nahrung, 
kurz, sie war das potenzierte Ideal einer aufopfernden Krankenpflegerin. 
So entstehen unsere Tugenden häufig — man könnte sich vermessen zu 
sagen, fast immer — als Reaktion auf die unterdrückten Laster, und die 
gute Tat ist oft nur ein Haarbreit am Verbrechen vorbeigegangen. Inter- 
essant ist, daß sich die Patientin einmal durch eine Symptomhandlung fast 
verraten hätte. Sie hatte ihrem teuern Krauken einmal des Nachts statt 
20 Tropfen Morphium einen ganzen Kaffeelöffel gegeben. Natürlich war sie 
untröstlich und verzweifelt. Aber solche Symptomhandlungen sind uns jetzt 
seit Freuds 1 ) Aufklärungen vollkommen verständlich. Sie entsprechen 
einem unterdrückten Wunsche, der sich doch durchgesetzt hat. Kurze Zeit 
nachher hatte ich Gelegenheit, bei einer zweiten, ebenso bewußt unbeab- 
sichtigten Vergiftung zu intervenieren. Ein hoffnungslos mit Phthise dar- 
niederliegendes Kind soll zur Beruhigung während des Nachts einige 
Kaffeelöffel einer schwachen Morphiumlösung erhalten. Denn es quält sich 
schon viele Wochen, und die Eltern warten eigentlich ungeduldig auf den 
Tod des Kindes, der für alle Teile eine Erlösung bedeuten wird. Einige 
Tage vor dem Tode bemerkt die erschreckte Mutter, duß sie des Nachts 
dem Kinde Terpentin statt der Medizin eingegeben habe. Auch diese Frau 
zeigte alle Zeichen einer Angstneurose. Aber auch bei ihr hatte nicht das 
Nachtwachen, die Pflege des Kindes, sondern der psychische Konflikt und 
der abnorme sexuelle Verkehr die Krankheit ausgelöst. 

Sehr deutlich zeigt sich der Einfluß sekundärer Schädlichkeiten — 
die frustrane Erregung nenne ich die primäre — am folgenden Beispiele. 
Nr. 51. Herr M. 8., 52 Jahre alt, hereditär nicht belastet, leidet seit 
Jahren an Malaria. In den Tropen vertrag er diaselbe in froheren Jahren 
ziemlich gat. Entsprechende ChinindoBen verschafften ihm immer ein ziemlich 
langes, andauerndes Wohlbefinden. Heuer erkrankte er in den Tropen anf 
einer Reise wieder an Malaria und konnte sich seiner Angabe nach nicht so 
bald erholen. Er wurde nachts von leichten Schwindelanfallen geplagt. Er hatte 
die Empfindung, als ob sich ein Schleier vor seine Augen legen wurde. Dann 
hatte er eine Zeitlang Ruhe und fühlte sich vollkommen gesund. Als er jedoch 
wieder nach Hause kam, fand er das Geschäft in arger Vernachlässigung vor. 
Er mußte bis spat in die Nacht hinein arbeiten, hatte große Aufregungen. 
Eines Vormittags erlitt er auf der Tramway einen Anfall, der ihn sehr er- 
schreckte. Einen Moment lang schlief ihm die rechte Hand ein und 
fiel schlaff herunter, als ob sie gelähmt wäre. *) Nach zwei Tagen war 
der Versöhnungstag. Er ist ein frommgläubiger Jude und fastete. Auf dieses 
Fasten führte er einen heftigen Schwindelanfall zurück, den er an diesem Tage 
erlitten. Er hatte die Empfindung, er müsse nmfallen, uod klammerte sich an 



') Znr Psychopathologie de» Alltagsleben*. Berlin 1907, S. Karger. 

*) Symbolisch drücken tote Finger, eingesehlaiene Glieder die Impotenz uns oder den 
Todeswunsch gegen ein Familienmitglied. Solche Symbole spielen in der Angsthysterie eine 
große Bolle. So beobachtete ich eine Frau, die immer an kalten Füßen litt. Da lernte sie 
einen Offizier kennen und lieben and die kalten Füße verschwanden. Lachend gestand sie 
mir: „Ja, für meinen Mann konnte ich mieb niemals erwärmen." 



112 Erster Teil. Die Angstnenrose. 

seine Frsa. In einigen Sekunden war alles vorüber. Am nächsten Tage wieder 
ein Anfall von Ameisenlaufen in der rechten Hand. Hie und da fühlte er ein 
heftiges Jucken, als wenn ein elektrischer Strom den ganzen Körper durch- 
fließen wurde. Auch des Nachts reißt es ihn mitunter, daß er erschreckt auf- 
wacht. (Pavor nocturnus der Erwachsenen.) Manchmal kann er vor Erregung 
nicht einschlafen. Ein direktes klares Angstgefühl hat er nicht. Ihn quält am 
meisten das plötzliche Finsterwerden vor dem linken Auge. Bein häufigstes 
Symptom jedoch ist ein leichtes Ohnmachtsgefttbl. Das war besonders im 
alten Kontor der Fall. Er führt es auf dunkle, schlecht gelüftete 
Räume zurück. 

Die Untersuchung eines Augenarztes ergibt normalen Augenbefund. Aach 
die genaue interne Untersuchung verrat keine organische Grundlage für seine 
Beschwerden. 

Dagegen beweist die Anamnese deutliche Schädlichkeiten aus dem Sexaal- 
leben. Seit zirka 14 Jahren übte er mit Ausnahme der Graviditätsjahre — 
d. i. jedes fünfte Jahr — Coitus interruptus aus. Seine Angstneurose äußerte 
sich nur in den kleinen Ohnmachtsanfallen, die er auf die schlechte Luft zu- 
rückführte. Allein auch beim normalen Koitus hat er ein leichtes Gefühl 
der Ohnmacht. Er kopiert nur die normale Angstkomponente {Fließ 1 ) der 
Lust. Bei herabgesetzter Widerstandskraft (Malaria, Fasten usw.) treten erst 
die Symptome der Angstneurose in den Vordergrund. Er leidet jeden Monat an 
einer rezidivierenden Angina mit Belag und stürmischen Fiebererscheinungen. Die 
Symptome der Ohnmacht kommen nur in den Tagen der Rekonvaleszenz. Man 
könnte ja diese Erscheinungen auf die Schwäche zurückführen. Allein der Er- 
folg der Therapie zeigt deutlich die Ätiologie. Nach Regulierung der sexuellen 
Schädlichkeit (Verwendung eines Mensinga-Pessars) tritt rasch vollkommene 
Heilung ein. 

Nach einigen Monaten kommt es zu einem kleinen Rückfall. Ich kann 
dann, mit besseren Kenntnissen ausgerüstet, seinen psychischen Konflikt heraus- 
finden. Seine Frau ist sehr eifersüchtig und zwang ihn, ein reizendes Schreib- 
mascbinenfräulein zu entlassen, weil sie mit ihm zu freundlich war. Sie lernte 
selbst Mascbinschreiben , um den Verlust zu ersetzen. Damals kam der erste 
Anfall zustande. Es waren Todes wünsche gegen die Frau. (Lähmung 
der rechten Hand! Die Frau ist seine rechte Hand im Geschäfte!) Er klammert 
sich in den Anfällen an seine Frau. (Überkompensation krimineller Wünsche 
durch Liebe!) Er flüchtet vor den unerträglichen Gedanken in eine Ohnmacht. 
Einen ähnlichen Mechanismus habe ich bei der Pseudoepilepsie hysterischer 
Natur nachweisen können. 8 ) 

Eine häufige Begleiterscheinung der Angstneurose (auch hie und 
da ein Angstäquivalent!) ist das Zittern eines Armes oder einer Hand. 
Manchmal kann das Zittern am ganzen Körper auftreten. Auch Fälle 
von Schüttelfrost sind keine seltene Erscheinung, ich verweise nur auf 
den Fall Nr. 50. Ebenso ist Schlottern der Beine ein bekanntes Symptom 
der Angst. 

Nr. 52. Herr S. C-, Leutnant, 24 Jahre alt, hereditär nicht belastet 
(eine Schwester leidet an Hysterie und Angstneurose), klagt über Herzdruck. 
Er bat die Empfindung, daß das Herz zu stark klopft. Ferner wacht er des 

') Fließ, Der Auftau des Lebens. Wien 1906, Deuticke. 

*) Vgl. das Kapitel: Die psychische Behandlung der Epilepsie. 



Klinik der An^stneurose: Zittern and Schütteln, Parästhesien etc. 113 

Nachts auf nnd wird von Angstgefühlen gequält: der Schlag werde ihn treffen, 
ihn werden Rauber Überfallen, sie werden ihn erdolchen. Auch auf der Straße 
hat er manchmal das Gefühl, er müsse umfallen. Zittern der linken Hand, bald 
starker, bald schwacher . (Das Leiden trat nach dem Tode seines Vaters, an 
dem er sehr hing, und nach anderen großen Aufregungen auf.) Außerdem ist 
er sehr leicht erregbar und leicht reizbar. In der Aufregung fangt er zu 
zittern an, die [Seine schlottern, die Sprache versagt ihm. Oft tritt dieser Zu- 
stand bei den kleinlichsten Anlässen auf. Als einen aolchen Anlaß nennt er 
beispielsweise die Erregung, wenn er einem Soldaten begegnet, der nicht 
stramm genug salutiert. Da kann er in solche Erregung geraten, daß er um- 
zufallen droht. 

Die Analyse ergibt vor allen Dingen, daß Patient sexuell scheinbar ein 
sehr kühler und wenig bedürftiger Mensch ist. Er liegt mit seiner Besatzung 
auf einem einsamen Fort, wo es keine Frauenzimmer gibt. Hat während eines 
Jahres überhaupt kein Bedürfnis gehabt, den Koitus auszuüben. Auch vorher 
in einer größeren Garnison hat er ihn nur alle drei Monate einmal ausgeübt. 
Allein da nur sehr ungern und ohne Libidogefühl. Er hatte früh, bei Eiutritt 
in die Kadetteoschule zu onanieren begonnen, mußte bald darauf als Knabe 
mit seinen Kameraden die Bordelle besuchen, weil er sich schämte, uiebt 
mitzutun. 

Die Frauenzimmer hätten ihn dort immer angewidert. Es hatte immer 
lange gedauert und verschiedener Manipulationen bedurft, bevor überhaupt eine 
Erektion zustande kam. 

Er war auch in seinem Leben uie verliebt gewesen. Unterhielt sich lieber 
mit alten Frauen (!) als mit jungen Mädchen. Er ist eigentlich ein Weiberfeind. 

Weitere Nachforschungen ergaben eine deutliche homosex uelle Anlage. 
Er liebte den Vater viel mehr als die Mutter, liebt den Bruder mehr als die 
Schwester. In der Kadettenschule war es sein größtes Vergnügen, gewisse 
Knaben ausgezogen zu sehen. Die Schwimmschule war sein größter Genuß. Mit 
einem Kameraden hatte er ein reines Freundschaftsverhältnis, das fast den 
Charakter einer Liebe trug, obwohl sie über „diese Dinge" nie gesprochen haben. 

An Träume homosexuellen Charakters kann er sich nicht erinnern. Er 
hat jedoch die typischen Vergewaltigungsträume, wie sie die unbefriedigten 
Frauen haben. (Einbrecher steigen durchs Fenster, der Mann mit dem Dolche, 
wobei Dolch, Messer, Revolver, Säbel, Bogen, Lanze immer Traumsymbole für 
den Penis bedeuten.) 

In diesem Falle bandelt es sich um eine Mischung von Angstneurose und 
Aogsthysterie. Die Hysterie dokumentiert sich aus der mächtigen Verdrängung. 
Seine Homosexualität ist ihm nicht bewußt. Es sind auch Inzestgedanken bei 
ihm nachzuweisen, die sich auf die ältere Schwester beziehen. Diese ist sehr 
energisch, hat männlichen Habitus, männliches Auftreten. Daher seine Neigung 
für ältere Frauen, bei denen er noch die relativ stärkste Potenz zeigt. Meistens 
tritt diese Spielart des Erotismus bei Iuzestgedauken auf die Mutter ein. In 
diesem Falle war es, wie die Analyse nachwies, die um 20 Jahre ältere 
Schwester, die auch seinen homosexuellen und masochistischen Neigungen am 
meisten entgegen kam. Interessant ist, daß die Schwester aus denselben Ursachen an 
derselben Krankheit leidet. Für Hysterie spricht ferner die vollkommene Am- 
nesie für alle Erlebnisse vor der Kadettenschule. Leider ist eine genaue Psy- 
choanalyse unmöglich, da Patient nur für einige Tage nach Wien gekommen 
ist. Diese würde sicherlich die infantilen Szenen reproduzieren, die als Trauma 
oder Phantasie den Kern seiner Hysterie bilden. 

Stekel, N'trrön- Angntnrtande und ihre Rehudlunir. S. AoB g 



114 Erster Teil. Die Angstneorose. 

Dieser Kranke ist ein Homosexueller ohne Bewußtsein seiner 
Homosexualität. Er kann die ihm adäquate Befriedigung nicht 
finden nnd muß daher an einer Angstneurose erkranken! Wie 
alle Homosexuellen ist er bei Mutter und Schwester verankert. Die 
Homosexualität ist die Flucht vor dem Weibe, das er von seinen 
nächsten Verwandten nicht differenzieren kann. So lebt er zwischen 
zwei erotischen Zielen, die beide für ihn unerreichbar sind. 

Eine Reibe von Symptomen sind nur durch die sexuelle Abstinenz her- 
vorgerufen. Er war starker Onanist und hat die Onanie infolge der Lektüre 
belehrender Bücher aufgegeben. Er ist unfähig, die Abstinenz ohne Schaden zo 
ertragen. Einzelne Symptome finden eine mühelose psychologische Erklärung. 
Er zittert, wenn ihm ein Mann schlecht salutiert. Die Nachfrage ergibt, daß es 
gerade der schönste Bursche der Kompagnie ist, der seine erotischen Empfin- 
dungen geweckt hat. Bei seinem Anblicke erwachen die verdrängten Gedanken. 
Ein Affekt ans dem unbewußten macht sein Inneres erbeben. Er verschiebt 
jedoch den Affekt auf eine nebensächliche Erscheinung. Der Soldat habe ihn 
nicht ehrerbietig genug gegrüßt. Was er in Wirklichkeit von diesem Soldaten 
begehrt, ist nicht Ehrerbietung sondern Liebe. Das Zittern der linken Hand 
ist ein typisches Angstäquivalent, das ich bei vielen Patienten beobachten 
konnte. Es gibt uns Gelegenheit, der Entstehung der Angstäquivalente in psy- 
chologischer Hinsicht näherzutreten. Dieser Offizier schämte sich seiner Angst. 
Er trachtete, die Angst als solche zu unterdrücken. Durch Unterdrückung der 
Angst ist das Angstäquivalent entstanden. Auch die Wahl des linken Armes 
ist nicht ein bloßer Zufall. Mit der linken Hand (er ist ein Linkshänder!) bat 
er onaniert. Diese Hand ist gewissermaßen seine erogene Zone. Das Angst- 
gefühl wird hier auf organische Ursachen verschoben. Dos Herz sei krank, 
das Gehirn müsse in Gefahr sein. Aber der Mechanismus der Entstehung des 
Angstäqnivalentes bangt nur mit der heftigen Reaktion gegen die Angst nnd 
die Verlegung der Sensationen von den allgemeinen Empfindungen bei der se- 
xuellen Erregung auf eine oder mehrere erogene Zonen zusammen. Ich 
möchte nicht behaupten, daß dies immer der Fall ist. Aber zu mindestens sehr 
häufig. Die Ursache der Äquivalentbildung ist ja klar: Ein Symptom drängt 
sich vor und beherrscht das ganze Krankheitsbild. Welches Symptom ? Warum 
gerade das eine Symptom? Das ist eben die Frage. 

Eine große Rolle spielen dabei die „erogenen Zonen". Freud 
hat in seinen „Drei Abhandinngen zur Sexnaltheorie" darauf hinge- 
wiesen, daß jeder Mensch infolge von Konstitution und infolge Fixierung 
infantiler Empfindungen über eine Reihe von erogenen Zonen verfugt. 
Das heißt mit anderen Worten Körperstellen, deren Reizungen sexuelle 
Lust- nnd Unlustgefühle auslösen. Bei Kindern Bpielen die erogenen 
Zonen die Hauptrolle beim Lu6tenverb. Da nach demselben Forscher der 
Neurotikcr diesen infantilen Zustand der Sexualität für sein Leben 
festhält, so ist gerade die Kenntnis der kindlichen Sexualität für den 
Seelenarzt von größter Bedeutung. Denn in der Kindheit entscheidet sich 
eigentlich das Schicksal des Menschen. Von da aas führen drei Wege, 
deren Bahnen ursprünglich parallel laufen, mit zunehmendem Alter jedoch 
weiter auseinander gehen: Perversion, Neurose oder normales Geschlechts- 
leben. Solche erogene Zonen können der Mastdarm, die Afteröffhung, ein- 
zelne Körperteile (Wurzel des Fetischismus!) usw. sein. Erogene Zonen 
können auch die Zunge und Mundschleimhäute sein und für das ganze 
Leben bleiben. Schon das sogenannte Lutschen des Kindes verrät er- 



Klinik der Angstnearose: Zittern and Schütteln, Parasthesien etc. 115 

fahrenen Ärzten sehr deutlich seinen sexuellen Charakter. Gerade an diesem 
Beispiele kann man die Bedeutung der erogenen Zonen für das Geschlechts- 
leben erkennen. Freud (1. c.) sagt darüber : 

„Nicbt alle Kinder latschen. Es ist anzunehmen, daB jene Kinder dazu 
gelangen, bei denen die erogene Bedeutung der Lippenzone konstitutionell ver- 
stärkt ist. Bleibt diese erhalten, so werden diese Kiuder als Erwachsene Kuß- 
feinschmecker werden, zu perversen Küssen neigen oder als Manner ein kräf- 
tiges Motiv zum Rauchen und Trinken mitbringen. Kommt aber die Verdrän- 
gung hinzu, so werden sie Ekel vor dem Essen empfinden und hysterisches 
Erbrechen produzieren. Kraft der Gemeinsamkeit der Lippenzone wird die Ver- 
drängung auf den Nahrungstrieb übergreifen. Alle meine Patientinnen mit Eß- 
storungen, hysterischem Globns, Schnüren im Hals und Erbrechen waren in 
den Kinder jahren energische Ludlerinnen gewesen." 

Ich möchte dem hinzufügen : Gerade solche erogene Zonen sind auch 
geeignet, bei der Entstehung von Angstäquivalenten eine gewisse Rolle 
zu spielen. 

Auch Jnnet kennt die Erscheinung der Angstäquivalente und wenn 
man seine . Psychasthenie" dnrch die Angstneurose ersetzt, erhält man in 
seinen Schilderungen ein klares Bild über die Lokalisation der Angst 
und ihre merkwürdigen Metamorphosen. Er beschreibt folgenden Fall : 

Nr. 53. „Diese Frau von 35 Jahren ist sehr reich an verschiedenen 
Schmerzen. Mit 17 Jahren zeigte sie nach einer Aufregung Störungen der Respi- 
ration. Sie litt an Erstickungsgefüblen unangenehmer Art, als deren Folge ein 
heftiger und beängstigender Schmerz in der Brust, ungefähr in der Mitte des 
Stemams, zurflckblieb." 

„Daran schloB sich ein Schmerz in der Speiseröhre, so daß sie die Speisen 
kaum hinunter würgen konnte; mit 20 Jahren wanderten diese Schmerzen in 
den Magen. Jede Verdauung ging unter großen Qualen vor sich und endete 
mit einem Erbrechen einiger weißlicher Schleimpatzen. Mit 23 Jahren saß der 
Schmerz schon im Uterus. Sie hatte das seltene Phänomen, daB sie un- 
geheure Flüssigkeitsmengen aus dem Uterus absonderte. Diese Aus- 
scheidungen gleichen der nasalen Hydrorrhoe und dürfen nicht mit einer 
Metriti8 verwechselt werden. Mit 30 Jahren saß ihr Schmerz im Rücken und 
jetzt hat er sich im Gesichte festgesetzt." 

Die Untersuchung des Gesichtes ergibt in Bezug auf die Sensibilität ganz 
normale Verhältnisse und keine Veränderung der Hautoberfläcbe. 

„Wo sitzt aber der quälende Schmerz?" Die Kranke sagt es selbst: 
„Was mich am meisten schmerzt, das ist meine Brust, weil icb ersticke, mein 
Herz, weil es pocht, mein Kopf, weil ich den Verstand verliere." Der wirk- 
liche Schmerz sitzt also nicht im Gesichte, er wohnt im ganzen Körper, dieser 
angebliche Gesichtsschmerz ist eigentlich eine allgemeine Angst. 
Das beweist uns der Umstand, daß eigentlich der Schmerz in den 
verschiedenen Organen der gleiche gewesen ist; wenn sie angab, 
im Uterus oder im Rücken Schmerzen zu haben, war das wesent- 
liche Phänomen immer dieselbe Angst, wie jetzt, da der Schmerz im 
Gesichte lokalisiert ist. Aber welche Rolle spielt dabei das Organ, 
in dem der Schmerz sitzt? Es fügt einfach eine kleine Nuance zur 
Angst „en y melant ses sensations propres" la douleur que ressent 
la malade c'est de l'angoisse en pensent au dos, au ventre ou bien 
l'angoisse en pensent k la figure." Gleich wie der Tic eine motorische 
Erregung ist, die sich an die Vorstellung eines bestimmten Gliedes bindet, so 

8» 



116 Erster Teil. Die Angstneurose. 

sind die Algien nur systemisierte Angstzustande, in denen die allgemeine 
Angst sich mit der Vorstellung eines Organ es mengt, welches zn schmerzen 
scheint." 

„II est certain qu'il y a des malades qoi n'ont pas de tendances a syste- 
matiser leurs angoisses tandis que d'autres rapportent tont de snite les troubles 
qu'ils eprouvent k tel ou tel org.in. Cela üont probablement a des differen- 
ces de caractere, d'intelligence et d'education. Certains de ces malades ont no 
sentiment vif d'incompletude, d'insuffisancc de lenr pensee, ils ont le besoin 
de comprendre, d'expliquer, de preciser, cela d'aillears va en conduire quelques 
ans a tonte» les manies mentales de preciaion et d'interrogation. Ils ne 
se bornent pas ä avoir une angoisse vague, ils cherchent quelle 
sngoisse ils eprouvent, k quoi eile tient, de qooi eile depend. Snr- 
vient une petite doolear quelconque parfaitement reelle d'aillears, 
comme il en survient tant chez les arthritiques, ä 1'eBtomac, an 
ventre, ä la matrice, a la peau de la face. La pensee de cette dou- 
leurs s'associe avec l'angoisse concomitante, eile la precise et en 
cela eile satisfait nn peu ces esprits tonjoars avides des preciaion. 
II en resulte que l'angoisse ainsi precisee correspond mienx aux 
tendances de l'esprit dn pBychasthenique. Le Systeme de pensee ainsi 
constitue est loin d'etre parfait et complet, le malade est loin de delirer et 
de prendre parfaitement au serieux sa pretendue maladie localisee. Remarques 
que cette dame ne peut pas s'empöcher de rire quand eile nous parle de sa 
maladie derriere la peau de la figure, eile a au fond des doutes sur son Inter- 
pretation des ses souffrances, eile n'accepterait pas du tout un traitement rigou- 
reux de la peau de la face. Seulement, comme eile le dit elle-meme, il faudrait 
un effort pour changer cette Interpretation et cette association d'images, et 
puis eile ne saurait qae mettre a la place: les angoisses vagues n'en sont 
que plus penibles et eile effrayent davantage l'imagination." 

Diese Ausführungen Janets beweisen, wie genau dieser Forscher die 
Angstaqaivalente kennt nnd wie nahe er immer an der Wahrheit vorbei- 
gegangen ist. Die psychologische Erklärung, warum die Kranke die 
Schmerzen einmal im Rücken, das anderemal im Gesicht hatte, fehlt voll- 
kommen. Wir werden aus verschiedenen Analysen lernen, daß diese Lokali- 
sationen immer motiviert sind. Das zeigt uns besonders der Fall Nr. 55. 

Nr. 54. Ein weiterer Fall beleuchtet diese Form der Angst&quivalente : 
Frau M. S., 51 Jahre alt, eine noch sehr gut erhaltene, lippige Witwe, 
erkrankt fast jeden Monat an einem heftigen Schüttelfrost. Sie beginnt am ganzen 
Körper zu zittern, versucht durch mehrere Decken, durch eine Warmeflasche, 
durch heißen Tee sich zu erwarmen. Sie klagt über kein ausgesprochenes Angst- 
gefühl. Sie hat das Gefühl einer schweren Krankheit. Das Herz scheint stille zu 
stehen. Sie bekomme gewiß eine Lungenentzündung. Ich werde gewöhnlich ge- 
rufen und konstatiere jedesmal sowohl im Rektum als axillar normale Tempe- 
raturen. Nach Einnahme von 20 Tropfen Validol rasches Schwinden aller beun- 
ruhigenden Symptome. Den nächsten Tag empfindet sie eine fast „süße"' 
Madigkeit und Schlaffheit, so daß sie im Bette liegen bleiben muß. Solche An- 
falle ereignen sich merkwürdigerweise fast immer vor Sonn- und Feiertagen, so 
daß ihr das Zubetteblelben keine Dngelegenheiten macht, während sie sonst 
im Geschäfte schwer zu entbehren ist. 

Hier ist die Angstneurose nur durch die lange Abstinenz entstanden. Sie 
hatte auch normalerweise beim Koitus Sensationen der ganzen Haut, ist 



Klinik der Angstneuroge : Zittern und Schütteln, Parästhesien etc. 117 

sehr kitzlich uud zeigt deutlichen Dermagraphismus. (Die Haut als erogene 
Zone !) 

Einmal erkrankte sie an einem ganzen Status von solchen Anfallen. Vier 
Nftchte hintereinander hatte sie die heftigsten Attacken. Es war — verständ- 
licherweiBe — ihr Hochzeitstag — und die Anfalle waren durch Gegenüber- 
stellung des Gegensatzes von einst und jetzt entstanden. Auch sonst zeigen ihre 
Anfalle einen gewissen periodischen Charakter, bei dem weibliche und männliche 
Perioden durcheinanderlaufen. 

Vorübergehend auch Angstanfalle mit Bchwindelgefühl, heftiger Migräne. 
Nach Aufregungen leichte Urtikaria am Nacken. 

Aber auch Pruritus-Parästhesien sind nicht selten bei der Angstneu- 
rose zu beobachten. Häufig begleiten sie den Angstaffekt, sie können aber 
auch als Rudimente eines großen Anfalls allein auftreten und dem ängst- 
lichen Patienten Grand zu verschiedenen hypochondrischen Grübeleien geben. 
Die Parästhesien können mitunter so lästig sein, daß sie Schlaflosigkeit im 
Gefolge haben. 

Besonders der Pruritus vulvae ist häufig zu beobachten und ftthrt 
dann zu Kratzen, was als eine larvierte Form der Onanie aufzufassen ist. 
Plötzlich hört mit einem leichten Lustgefühl der Pruritus auf und die vorher 
erregten Frauen beruhigen sich und können einschlafen. Auch Suddutk 
hebt den beruhigenden Charakter der Onanie hervor. Bemerkenswert ist 
der Fall von Scheuer. (Über einen Fall von Masturbation, hervorgerufen 
durch Pruritus genitalium. Münchener med. Wochenschr., 1909, Nr. 25.) 
Da trat der Pruritus erst nach der Onanie auf. Eine solche Umkehrung 
der Symptome ist bei der Hysterie gar nicht selten. Ebenso können in der 
Haut die sonderbarsten Sensationen auftreten, die meistens eine sexuelle 
Erregung maskieren. Der folgende Fall ist in dieser Hinsicht sehr lehrreich. 

Nr. 55. Herr V. 8., Offizier, 28 Jahre alt, erblich nicht belastet, klagt 
Ober ein lästiges Kribbeln und Ameisenlaufen im Gesicht. Des Tags hat er 
meistens Ruhe. Wenn er sich jedoch ins Bett legt, beginnt das Bohren, Brennen, 
Jucken, Kitzeln im Gesicht, so daß er nicht einschlafen kann. Alle bisherigen 
Mittel waren ohne Erfolg. Weder eine allgemeine Behandlung (Brom, Opium, 
Kaltwasserkur), noch lokale Applikationen von Menthol, Kokainsalben, Alkohol 
und Äthereinreibungen hatten einen Erfolg. Die erste Nacht nützte jedes Mittel, 
dann rannte er schlaflos durchs Zimmer, um erst gegen Morgen einige Stunden 
eines unruhigen, von Angstträumen gequälten Schlummers zu finden. In einem 
Lexikon fand er einen Aufsatz über Parästhesien. Die Diagnose war auf dem 
Zettel der Nervenklinik zu lesen, in deren Behandlung er stand. Dem Lexikon 
entnahm er, daß Parästhesien anch die Prodromalerscheinungen von Lähmungen 
sein können. Die Haut werde dann welk und schlaff. Die Muskeln atrophieren. 
Diese Mitteilung beunruhigte ihn nun im höchsten Grade. Er sah alle 10 Minuten 
in den Spiegel, um sich zu überzeugen, ob er die deutlichen Folgen der „Par- 
ästhesien" beobachten könne. Im Dienste mußte er sich noch beherrschen. Aber 
daheim oder im Kaffeehause starrte er halbe Stunden lang in den Spiegel. 
Endlich entdeckte er kleine Vertiefungen, die er vorher nicht gesehen hatte. 
6ogar ein Vergrößerungsglas besorgte er sich, nm sich mit Hilfe desselben besser 
beobachten zu können. 

Er demonstrierte mir anch die „deutlichen" Grübchen im Gesicht. Wenn 
ich ihm entgegnete, ich sehe eine normale Haut, fuhr er auf und meinte, er 
lasse sieb nichts wegsuggerieren. Er sei noch nicht verrückt. 



118 Erster Teil. Die Angstueurose. 

Sein Wahn hatte fast einen paranoischen Charakter (hypochondrische 
Wahnvorstellung). Trotzdem war es nur eine Angstneurose, der ein wenig 
Hysterie beigemengt war. Er hatte früher sehr fleißig onaniert. Dann litt er 
an psychischer Impotenz. Ein Versuch, einen Koitus bei einer Puella publica 
auszuüben, mißlang infolge allzu heftiger Ekelvorstellungen. Spater ging er 
schon zu den Madchen mit angstlicher Erwartung, ob es gehen werde. Eine 
hypnotische Behandlung, die Krafft-Ebing versuchte, mißlang vollständig. Die 
Hemmungsvorstellungen waren zu kraftig, so daß sie keine andere Suggestion zu - 
ließen. Dabei litt er fürchterlich unter seiner Abstinenz. Infolge Lektüre belehrender 
Schriften über Onanie machte er sich die heftigsten Vorwurfe, er habe seine 
Gesundheit zerrüttet, und hörte zu onanieren auf. Schon in den ersten Monaten 
der Abstinenz erkrankte er an Platzfurcht (Angsthysterie). Nach einigen Monaten 
besserte sich die Platzfurcht, statt dessen traten Angstvorstellungen unbestimmten 
Inhaltes auf. Hie und da auch heftige Angstanfalle mit leichtem 8chwindelgef0bl. 
Alle diese Symptome schwinden dann, um den „Parasthesien" Platz zn machon. 

Die Hellung kam durch einen glücklichen Zufall zustande. Er hatte des 
Morgens immer heftige Erektionen, ein Symptom, das uns ermöglicht, die psy- 
chische Impotenz von einer organischen leicht zu unterscheiden. Eines Morgens 
kam Bein Stubenmädchen, eine ältere, nicht sehr anmutige Person, in das 
Zimmer, um seine Kleider zu holen, die auf dem Sessel neben dem Bette lagen. 
Im Halbschlummer streckte er die Arme nach ihr aus. (Sie hatte schon langst 
sein besonderes Wohlgefallen erregt, hatte ihm auch deutliche Zeichen ihrer 
Gunst gegeben. Allein er traute sich nicht, etwas anzufangen, weil er eine 
Blamage fürchtete.) Wie er aber des Morgens im Halbdunkel des Zimmers sie 
leise berührte, beugte sie sich über ihn und küßte ihn auf die Stirne über den 
Augen, gerade wie es seine Mutter getan hatte und gerade an der Stelle, 
wo er so unter den Parasthesien gelitten hatte. Nach dieser Einleitung kam es 
(noch immer wie im Traume!) zu einem Koitus, den er vollkommen normal, ja 
sogar mit überraschender Potenz ausführte. Am nächsten Morgen war er über- 
aus glücklich, wie er nie im Leben gewesen. In der nächsten Nacht führte er 
den Koitus zehnmal aus, ohne am folgenden Tage eine Spur von Erschöpfung 
oder Müdigkeit zu zeigen. Dann kam er freudestrahlend zu mir und berichtete 
mir seine Heilung. Der Erfolg blieb auch ein dauernder. Nur daß er sich aus 
einem Erythrophoben in einen sogenannten „verfluchten Kerl" verwandelte. Er 
wurde ein Don Juan, beiratete dann, hatte aber immer neben seiner Frau 
noch einige Verhältnisse. 

Dieser Fall ist in mehrfacher Hinsicht sehr interessant and instruktiv. 
Er zeigt uns in klarer Weise das Entstehen von Angstradimenten. Die 
Parasthesien traten in einer „erogenen" Zone auf. Seine Matter hatte 
ihn als Kind täglich auf die Stirne and die geschlossenen 
Augen geküßt. Durch diese anschuldige Zärtlichkeit wurden aber Emp- 
findungen erotischer Natur in dem Kinde wachgerufen, die eben diese Hant- 
partie zn einer „erogenen Zone'' machten. In dieser Zone traten dann die 
Parasthesien auf Dort sah er, wonach sein Sinn lechzte, in symbolischer 
Weise lanter .Grübchen''. In den Spiegel starrte er, weil er dadurch die 
Erinnerung einer längst verschwundenen, seligen Zeit — natürlich unbe- 
wußt — heraufbeschwor. In diese Angst mischten sich Sexaalempfindungen, 
wie normalerweise die Libido sich immer mit Angst mischt. 

Fließ sagt: „Ein wenig Angst mischt sich in der schwellenden und 
strömenden Lust des normalen Geschlechtsaktes bei in Form einer leisen 
Beklemmung, einer Beschleunigung des Herzschlages und eines leichten 



Klinik der AngstneuroBe : Zittern und Schütteln, Parästhesien etc. ][Q 

Schweißanfluges der Haat. Gesteigert wird daraus der wahre Angstanfall 
mit all seiner körperlichen and seelischen Pein. Diese Steigerang findet 
statt, wenn die volle Auslösung des Sexnalgefühles gehemmt nnd ein Teil 
davon also gespeichert wird." Seiner Überzeugung nach haben wir in der 
Angst das gegengeschlechtige Stück unserer Libido vor ans. Aas 
dieser Gegengeschlechtigkeit heraas will er die verschiedenen Angstzustände 
(Senium, Kindheit usw.) erklären. Aach habe er beim Angstanfall häufig 
vorher eine Erweiterung der linken Pupille beobachtet. Die linke Seite des 
Körpers ist nach Fließ immer die gegengeschlechtige. Wir wollen diese 
Gelegenheit benutzen, um einige Bemerkungen einzuschieben. Wir fragen 
uns, wie kommen die Angstanfälle und wie die Angstradimente zustande? 
Freud sieht den Mechanismus der Angstneurose in einer Ablenkung der 
somatischen Sexualerregung vom Psychischen nnd einer dadurch verur- 
sachten abnormen Verwendung der Angst. Es flottiert ein StUck Angst frei 
hemm and assoziiert sich mit jenen Vorstellungen, die fähig sind, die Angst 
zu binden. 

Wir werden gleich einsehen, wie wichtig dieser Standpunkt für das 
Verstehen der Angstäquivalente ist. Wir wollen hier nur betonen, daß die 
Angst selber als Äquivalent auftreten kann. Sie bildet anter gewissen Um- 
ständen den einzigen Aasdruck der Sexualerregung. 

Einer meiner Patienten kann sich an sein erstes Angstgefühl deutlich 
erinnern. Er belauschte wiederholt als Knabe die Eltern beim Koitus und 
empfand dabei heftige Angstgefühle. Besonders wenn der Vater die Matter 
leise rief, wenn alle Vorbereitungen getroffen wurden, da hatte er ein be- 
klemmendes Angstgefühl, als wenn etwas ganz besonderes kommen müßte. 
Er hatte damals noch keine Ahnung, was die Eltern machen, wie ein Koitus 
ausgeführt würde. Er empfand nur die Angst and wußte, es gehe etwas 
vor sich, was ihm bisher nicht verständlich gewesen und worüber man 
nicht reden dürfe. 

Woher stammte seine Erregung beim Belauschen des Beischlafes, woher 
seine Angst? Aus dem Unbewußten. Manche werden es vorziehen, sich 
auf den Instinkt zu berufen. Aber der Instinkt ist nur die Erfahrung 
des Unbewußten. 

Die Angst ist also der Beitrag des Unbewußten zur Sexaalerregung. Die 
normale Sexualerregung setzt sich aus der (weiblichen) aus dem Unbewußten 
stammenden Angst und der (männlichen) Libido zusammen. 

Der an Angstneurose leidende Mann identifiziert sich während der 
Angst mit einem Weibe. .Wie Zentnerlast liegt's ihm auf der Brust/ ■ . . 
Die Angst wird geradezu als weiblich empfunden. (Vergleiche Adler, „Der 
psychische Hermaphroditismus im Leben und in der Neurose. Fortschritte 
der Medizin, 1910, Heft 16.) Das erklärt uns auch die größere Disposition 
der Frauen zur Angsthysterie. Der Angstliche benimmt sich ja wie ein 

Weib. Deshalb ist die Auffassung von Fließ , daß die Angst das 

gegengeschlechtige Stück unserer Libido darstellt, falsch. Häufig ist die 
Angst die unterdrückte Libido. Sie drückt auch den kriminellen Wunsch 
aus, vor dessen Erfüllung wir uns fürchten. 

Nun zeigt uns gerade die Angstneurose eine Reihe von Bedingungen, 
bei denen das normale Sexualgefühl in seiner Entspannung verhindert 
wird, da die Libido überhaupt als solche nicht zum Bewußtsein kommt 
und ins Unbewußte verdrängt wird. Dann siegt die unbewußte Komponente 
der Libido: die Angst. , 



120 Erster Teil. Die Angstneorose. 

Jede Sexualerregung mit verdrängter Libido wird zur Angst. Wo die 
Libido als solche nicht zum Bewußtsein kommt, wo sie maskiert ist, wo 
sie als peinlich empfunden und vom Bewußtsein abgedrängt wird, mani- 
festiert sie sich als Angst. Der Nenrotiker, dessen Sexualziel durch ethische 
Hemmungsvorstellungen verbarrikadiert ist, der seine Mutter, seine Schwester, 
die Frau seines Freundes liebt, dessen Erregung auf das Perverse, Homo- 
sexuelle geht und der diese Erregung nicht als sexuelle empfinden will, 
empfindet sie eben als Angst. 

Die Angst der Unerfahrenen beim ersten Zusammentreffen mit dem 
sexuellen Problem, die Angst der Greise, die sich schämen, noch Sexaal- 
erregung zu empfinden, die Angst der Kinder 6ind Beispiele dafür, daß die 
Sexualerregnng des Unbewußten sich als Angst äußert. Die Angst ist die 
Furcht vor der eigenen Libido. Jede Angst ist Furcht vor dem 
kriminellen Ich. 

Die Aufgabe der Psychotherapie ist es, den Angstaffekt 
als sexuelle Erregung und gehemmte Kriminalität zu demas- 
kieren und die Libido aus dem Unbewußten ins Bewußte zurück- 
zuversetzen. Denn dies Stück „frei flottierender Angst" wird flir andere 
Objekte disponibel und zeigt sich dem Bewußtsein in falschen Assoziationen. 

Die Angstäquivalente, die ohne Angstaffekt verlaufen, sind wieder 
eine Übersetzung der sexuellen Erregung. Es handelt sich um Erregungen 
von erogenen Zonen; die Libido ist gewissermaßen in maskierter Form 
„bewußt" worden, der Beitrag des Unbewußten wird weniger oder gar nicht 
empfunden oder als organisches Krankheitssymptom aufgefaßt. 

Ein Angstäquivalent entsteht also: 

1 . Wenn die Libido unterdrückt und vom ihr zugehörigen Sexualziel 
abgetrennt wird. 

2. Wenn die frei gewordene unbewußte Komponente der Libido, die 
Angst, eine andere Position besetzt. Diese Position kann eine erogene Zone, 
ein minderwertiges Organ (Adler) oder ein Locus minoris resistentiae (ein 
durch Krankheit geschwächtes Organ) sein. 

3. Durch Konversion. 

Auf diese Weise kommt es auch zu einer Verschiebung des Affektes 
oder der ursprünglich peinlich empfundenen sexuellen Vorstellung auf eine 
dem Bewußtsein gleichgültigere. Es ist eigentlich derselbe Mechanismus, wie 
bei den Zwangsvorstellungen, von denen ja der größte Teil falsch asso- 
ziierte, verschobene erotische Wünsche und Vorwürfe über eine lustbetonte 
Begebenheit der Kindheit sind. 

Die Sexualerregung im Traume äußert sich so häufig als Angst, weil 
eben die unbewußte Komponente der Libido in der Domäne des Unbe- 
wußten, im Traume sich leichter als Angst äußern wird. Weil alle die ver- 
drängten sexuellen und kriminellen Wünsche, weil alle Libido im Unbe- 
wußten zur Angst werden. 

Aber auch die „traumatischen Neurosen", die Schreckhysterien, werden 
uns verständlich. Der Schreck macht eben alle verdrängte Libido für einen 
Moment lang frei. Touristen beschreiben das Gefühl des Fallens in eine 
grausige Tiefe als Wollust; Gehenkte sterben mit einer Pollution. Der 
Schreck und das „psychische Trauma" wirken in gleicher Weise durch 
Entfesselung der im Unbewußten aufgespeicherten Angst. So wird uns die 
individuelle Disposition zur traumatischen Neurose begreiflich. 



Klinik der Angstneurose: Vasomotorische Phänomene etc. 121 

XTTT. Klinik der Angstneurose: Vasomotorische 
Phänomene, periodische Abmagerung und Krämpfe. 
Einfluß der Perioden auf die Angstanfälle und Angst- 
äquivalente. 

Von Parästhesien als Angstäquivalenten weiß auch Hecker (1. c.) zu 
berichten. Er beschreibt unter anderen „Kalt- und Taabsein der Glieder" . 
Auch ich kenne eine 35jährige, an Angstneurose leidende Frau, die wegen 
Kaltwerdens beider Vorderarme seit Jahren vergeblich behandelt wird. Ihr 
Mann ist vollkommen impotent. Ich glaube, daß die rätselhafte Krankheit, 
die unter dem Namen der „Akroparasthesie" beschrieben wurde, ihre in- 
timen Beziehungen zur Angstneurose haben dürfte. 

Besonders lehrreiche Beispiele von Parästhesien bei Angstneurose 
fahrt Bartenberg an. (Le nevrose d'angoisse. Paris 1902, Felix Alcan.) 

Ich führe hier eine seiner Beobachtungen an: 

Nr. 56. Frau H. heiratet mit 18 Jahren. Nach der Hochzeit beginnt sie 
sehr rasch abzumagern. Ein Kind stirbt an Meningitis. In der Nacht, die dem 
Weihnachtsfeste folgte, erwacht sie mit Herzklopfen, Atemnot, in kaltem Schweiß 
gebadet. Sie empfindet heftige Angst and schreit: „Ich fühle, daß ich sterben 
werde!" Die Krise endet mit einer reichlichen Stuhlentleernng. 

Am nächsten Morgen nach der Krise empfindet sie eine Art undefinier- 
barer Scham, eine beständige Angst, welche sie nicht mehr verlaßt. 

Nach 6 Wochen wiederholt sich der gleiche Anfall. Nach einigen 
Monaten der dritte. Die Angst, in einer solchen Krise zugrnnde za gehen, 
verlaßt sie nicht mehr. Auf der Straße packt sie die Angst so, daß sie 
rasch einen Wagen mietet, am nar za Haase za sein. Sie nimmt auffallend an 
Gewicht ab. Nach Suggestionsbehaodlung fast vollkommene Heilung. 

Sie erlebt zwei Jahre spater einen schweren psychischen Shock. (Der 
trunkene Gatte bedroht sie mit einem Revolver.) Sie kommt wieder sehr her- 
unter, bis sie der Tod des rohen Gatten wieder vollkommen beruhigt. Weitere 
acht Jahre spater erkrankt sie wieder. Diesmal mit heftigen, prolongierten 
Gähnkrämpfen abwechselnd mit Anfällen von Erbrechen. Zuweilen empfindet 
sie auch kalte Schauer von außerordentlicher Intensität. Ein anderes Mal 
Zittern der Muskeln, Krämpfe, allgemeines Erbeben. Endlich erscheinen 
ihr die Hände und Fuße „wie abgestorben", sie fühlt nicht mehr die 
Nadel, mit welcher sie arbeitet. Sie magert sehr rasch ab. 

Dieser Fall enthält das ganze Repertoire der Angstneurose. Hartenberg 
macht insbesondere auf die von Freud nicht erwähnten Symptome aufmerk- 
sam: Anfälle von Absterben der Finger und Zehen, Gähnkrämpfe, 
periodische Abmagerungen. 

Gegen die sexuelle Ätiologie scheint Hartenberg der Umstand zu sprechen, 
daß die Dame am Anfang der Ehe anästhetisch war, daß sie normalen Verkehr 
ausübt nnd daß sie zeitweilig völlige Abstinenz einhält. Aber gerade die An- 
ästhesie ist ein Zeichen, daß sie ihr Mann niemals befriedigt hat oder daß sie 
ibn nicht geliebt hat. Normaler Verkehr kann sehr schädlich sein, wenn der 
Mann an Ejaculatio praecox leidet, und die Abstinenz ist eine der Hauptur- 
sachen der Angstneurose. 

Als sehr interessantes Phänomen möchte ich die vom französischen 
Forscher Hartenberg zuerst hervorgehobene „periodische Abmagerung" 



122 Erster Teil. Die Angstneorose- 

betonen. Sie ist eigentlich nie ein primäres Symptom. Sie tritt nur als 
Folge der hartnackigen Anorexie auf, die ihrerseits wieder nur einem ge- 
heimen Ekel ihre Entstehung verdankt. Manchmal jedoch wird die Appetit- 
losigkeit und der Ekel geleugnet, so daß sich die auffallend rasche Abma- 
gerung fast gar nicht erklären läßt. Forscht man dann nach anderen 
Symptomen der Angstneurose, besonders nach Reizbarkeit, Atemnot, Herz- 
klopfen, synkopalen Zuständen, ängstlicher Erwartung und anderen Angst- 
znständen, so wird man in vielen Fällen bald dahinter kommen, daß die 
rasche Abmagerung nur eine Folge einer akut einsetzenden Angst- 
neurose ist. 

Nr. 57. Eine 40jährige, sehr korpulente, lebenslustige Dame beginnt auf- 
fallend rasch abzumagern und klagt ober lästige nächtliche Schweiße. Die sehr 
genaue Untersuchung ihres Hausarztes ergibt gar keinen Anhaltspunkt für 
irgend eine somatische Ursache der Abmagerung. Urinbefund vollkommen nor- 
mal. Sie wird mir zur Begutachtung Überwiesen. Ich erfahre, daß sie seit zwei 
Monaten sehr ängstlich geworden ist. Sie geht in kein finsteres Zimmer, sieht 
unter den Betten nach, bevor sie sieb schlafen legt. Dann hat sie auf der 
Straße sonderbare ängstliche Empfindungen, als ob schwarze Männer daher- 
kämen, die sie rauben und wegtragen würden. Sie übt mit ihrem Manne, bei 
dem sie vollkommen anästhetisch ist, Coitus interruptus seit 10 Jahren. Er hat 
ihr verhältnismäßig wenig geschadet. Seit einigen Monaten hat sie ein Verhält- 
nis mit einem alten Jugendfreunde. Dieser ist nicht imstande, ein Schutzmittel 
anzuwenden. Sie lebt in einer beständigen Angst, sie könnte gravid werden. 
Während des Koitus, vor dem sie in große sexuelle Erregung gerät, beherrscht 
sie immer nur der eine Gedanke: „Wenn nur nichts geschieht". Sie hat gar 
keinen Genuß, weil die Angst alle anderen Empfindungen nicht aufkommen 
läßt. Also eine Ablenkung vom Somatischen auf das Psychische. Sie gibt das 
Verhältnis auf und gewinnt in einigen Monaten ihr altes Gewicht und ihre 
vollkommene Gesundheit. 

Selbstverständlich bat auch der schwere psychische Konflikt zwischen 
Liebe nnd Pflicht eine bedeutsame Rolle beim Znstandekommen der Neu- 
rose gespielt. 

Charakteristisch für die Angstneurose ist anch das Moment, daß die 
Angstäqnivalente einander ersetzen können. Verfolgt man eine solche 
Reihe von Angstanfällen, so läßt sich in manchen Fällen unschwer ein ge- 
wisses periodisches Aufeinanderfolgen konstatieren, wie Fließ es ja deut- 
lich nachgewiesen hat. Gerade durch das Auftreten an periodischen Tagen 
können verschiedene Parästhesien als Angstäquivalente entlarvt werden. 
Das erste Mal ist mir der Nachweis bei einer an Angstneurose leidenden 
Dame gelungen, deren große Anfälle in sehr großen Intervallen erfolgten. 
Dazwischen aber lagen Tage, an denen sie Über Zittern der Hände nnd 
Absterben des Daumens klagte. Ein andermal hatte sie heftiges krampf- 
haftes Niesen, das am nächsten Tage spurlos verschwand. Es hat den An- 
schein, als ob das Absterben des Daumens eine gewisse symbolische Be- 
deutung hätte und durch Konversion entstanden ist. Der Daumen bedeutet 
im Märchen als Däumling 1 ) ein Symbol des Penis. Es handelt sich tat- 
sächlich um eine Dame, die die Witwenschaft sehr schwer erträgt, ihr 



') Vergleiche* die interessante Schrift von Dr. Franz Riklin : Wnnscberfüllang und 
Symbolik im Märchen. Wien nnd Leipzig, 1908, üeuticke. 



Klinik der Angstneurose: Vasomotorische Phänomene etc. J23 

Damnen ist ihr viel zu früh abgestorben. In einem anderen Falle starb der 
Finger ab, mit dem Patientin früher onanierte. 

Daß dieses Symbol anch einen Todeswunsch bedeuten kann, habe ich 
schon an anderer Stelle erwähnt. 

Einen ebenfalls infolge sexueller Abstinenz entstandenen Fall be- 
schreibt Hartenberg (1. c). Ich führe ihn deshalb hier an, weil er ein sel- 
tenes Symptom der Angstnenrose illustriert: perineale Krämpfe. Diese, 
ebenso wie der nervöse Tenesmos, Urindrang, Scheidenkitzel (Löwenfeld), 
Hodenschmerzen, Kitzeln in der Harnröhre, die Coccygodynie, gehören zn 
den seltenen and sehr schwer zn erkennenden Rudimenten der Angstneu- 
rose. Ich habe vor der Abfassung der ersten Auflage dieses Werkes nur 
einen Fall von Perinealkrämpfen beobachtet, hatte aber damals nicht das 
Verständnis für diese Dinge und betrachtete ihn als „nervöse Überreizung". 
Seither habe ich schon zirka sechs Fälle beobachten können, von denen 
ich einen hier anführen will. Doch lassen wir uns den Fall von Harten- 
berg erzählen. 

Nr. 58. Frau L., 37 Jahre alt, klagt über einen Zustand krankhafter Er- 
regung and unaufhörlicher Unruhe. Sie ist von unmotivierten Angstzuständen 
geplagt, die sich bei jeder Gelegenheit steigern, beim Empfang eines Briefes, 
wenn sie auf der Oasse einen Schrei hört, wenn sie glaubt, das Portemonnaie 
verloren zu haben. (Natürlich symbolisch. Portemonnaie = Taschchen = Va- 
gina.) Sie leidet an häufigem Herzklopfen, Magen- nnd Darmkrampfen. Da sie 
seit zwei Jahren in absoluter sexueller Abstinenz lebt, wird sie von heftiger 
Libido bedrAngt und von sehr schmerzhaften Perinealkrämpfen gepeinigt. Sie 
ist Sängerin. Seit einiger Zeit bat sich bei ihr eine Phobie entwickelt, so daß 
sie vor jedem öffentlichen Auftreten einige Tage krank ist. Im Moment, wo 
sie zu singen beginnt, fühlt sie einen Krampf in der Kehle und in den 
Atemmuskeln, der sie an der vollen Entfaltung ihrer Mittel hindert. 1 ) 

Die Kranke zeigt gar keine Zeichen von Hysterie, Neurasthenie oder 
eines organischen Leidens. 

Im Laufe der Behandlung verandern sich ihre Lebensbedingungen. Sie 
gibt ihre Abstinenz auf („eile reprit ses habitudes sexuelles"). Sechs Wochen 
nachher ist sie vollkommen geheilt. Die krankhaften Erregungen, die Angstzu- 
stande sind verecb wunden. 

Die Krämpfe im Perineum enden sehr oft mit einem ziemlich starken 
Lustgefühl. So beschreibt mir ein Kollege seine Perinealkrämpfe folgender- 
maßen: „Ich habe schon als Kind häufig an Diarrhoen gelitten. Mit sechs 
Jahren erkrankte ich an einer schweren Ruhr, die mit argem Tenesmus 
verbunden war. Dieser Tenesmus ist mir geblieben und kommt von Zeit 
za Zeit ohne besondere Veranlassung. Ich fühle einen starken Stuhldrang, 
kann aber gar keinen Stuhl entleeren. Ein heftiger Krampf im Rektum 
löst einen Schmerz aus, so daß ich schreien möchte. Dieser Schmerz 
geht allmählich in ein Lustgefühl über und endet mit einem 
förmlichen Orgasmus. Manchmal kommt nur ein Krampf in 
der Perinealgegend. der auf der Höhe mit einem abgedämpften 
Wollustgefühl verbunden ist." 



') Man beobachtet sehr häufig diesen Zusammenhang zwischen sexuellen Störungen 
und Hemmungen der Sprache und des Gesanges. Wir werden einen sehr interessanten Fall 
später bei den Analysen der Angsthysterien kennen lernen. Es bandelt sich in allen diesen 
Fällen am eine Verlegung von unten nach oben (Freud). 



124 Erster Teil. Die Angstneorose. 

Hier sehen wir einen Fall, der die Forechongen Adlers bestätigt. Der 
Dann dieses Patienten war sein minderwertiges Organ and zugleich seine 
erogene Zone. Die Perinealkrämpfe waren ein ausgesprochenes Angst- 
äquivalent. 

Der Fall ist deshalb interessant, weil auch seh' charakteristische 
Störnngen von Seite der Blase auftraten. Der Kollege litt mitunter an 
einer so heftigen Polyurie, daß er alle 10 Minuten urinieren mußte. Dies 
Symptom ist sehr häufig und entspricht einer großen sexuellen Erregung 
und Ableitung der Angst auf den Genitaltraktus. Außerdem kam es in 
diesem Falle zu heftigen Schmerzen in der Harnröhre, die sich beim 
Urinieren steigerten und schließlich auch in ein Lustgefühl übergingen. 

Störungen der Blase in Form von Blasenkrämpfen sind den Uro- 
logen wohlbekannt. Besonders die Gonorrhoe kann eine Angstneurose sehr 
komplizieren und die Heilung verzögern. Manchmal macht die Gonorrhoe 
die latente Angstneurose manifest. Solche Patienten leiden oft unter ent- 
setzlichen Blasenkrämpfen und haben dabei einen ganz klaren zweiten 
Urin (Zwei-Gläserprobe!). Man kann Gyon nur bestätigen, wenn er be- 
hauptet, die Gonorrhoe sei „der Prüfstein der schwachen Gehirne". 

Krämpfe aller Art sind bei der Angstneurose zu beobachten. Ich 
habe selbst eine Pseudo-Cholelithiasis beobachten können und soge- 
nannte „falsche Blinddarmentzündungen" gibt es die schwere Menge. 
Gerade die Angst vor der Blinddarmentzündung kann einen sehr ähnlichen 
Znstand hervorrufen. 

Nr. 59. Frau 8. B. kommt vom Lande herein, nm sich operieren zu 
lassen. Sie leidet an „Bancbkrämpfen", als deren Ursache alle Ärzte eine Er- 
krankung des Appendix annahmen. Prof. X. in Wien hatte ihr strenge Bett- 
ruhe durch zwei Wochen empfohlen. Die Patientin wohnte in Ungarn und 
mußte sofort nach Hause fahren, sonst würde der eitrige Appendix platzen 
und sie würde schwer krank werden. Also sofort nach Hause! 

Dabei mußte sie anf einem holprigen Wege mit einem schlechten Land- 
wagen zwei Stünden lang sich beuteln lassen, nm dann Über Auftrag des 
Chirurgen sich zwei Wochen so ruhig zu verhalten, daß sie sich nicht einmal 
allein von rechts nach links umdrehen durfte (!). Trotzdem wurden die Schmerzen 
immer arger und die Kranke entschloß sieb zur Operation. 

Ich wurde einen Tag vorher zu ihr ins Hotel gerufen. Die Dame wollte 
noch meine Ansicht hören, da sie sehr nervös war und sieb vor der Narkose 
fürchtete. 

Bei der Untersuchung zeigt sich eine enorme Druckeropfindlichkeit 
im Mac Burneyscben Pnnkte. Aber diese Druckempfindlicbkeit betrifft 
nur die Haut. Beim Kneifen der Haut schreit Patientin laut anf, 
wahrend sie beim intensiven Druck in der Tiefe, wenn er allmäh- 
lich und fast unmerklich gesteigert wird, gar keine Schmerzen 
empfindet. Dabei zeigt sie eine merkwürdig gesteigerte Peristaltik. In ihren 
Traumen spielen Manner, die ihr den Bauch mit einem großen Messer auf- 
schneiden, eine große Rolle. Sie ist eine unbefriedigte Frau, deren Mann voll- 
kommen impotent igt. Die Schmerzen sind ein Angstaqnivalent und nur neuro- 
pathischer Natur. Die Blinddarmentzündung besteht nicht. 

Ich verordne der Frau, die schon Wochen nur von Milch und Brei lebt, 
eine normale Kost. Vor Angst bebend ißt sie in meiner Gegenwart ein 
Schnitzel. Nur die logische Darlegung, daß sie ja in Wien sei und der Opera- 
teur zur Hand sei, sie setze sich keiner Gefahr aus, sie müsse ja ohnehin 



Klinik der Angstneurose: Vasomotorische Phänomene etc. 125 

operiert werden usw. bewegt die Dame zum Essen. Nach einigen Tagen hat 
sie die Angst überwanden nnd laßt sich alles gut schmecken. Nach 2 Wochen 
verläßt sie Wien. Nach einigen Jahren habe ich sie mit einem frischen, kräf- 
tigen Buben am Arm gesehen. 

Sehr charakteristisch ist der folgende Fall, den Alfred Meist publi- 
ziert hat: (Zur Pathogenese der Magendannneurosen. Wiener klin. Rund- 
schan, 1911, Nr. 22—24.) 

Nr. 60. „Es handelte sich um eine Dame, die vor einigen Jahren in 
meine Ordination kam, so schwach nnd abgemagert, daß sie sich kaum anf 
den Beinen erhalten konnte. Ihre Atmung war sehr beschleunigt und mühsam. 
die Stimmung tief deprimiert. Von weitem schon hörte man lautes Kollern in 
ihren Därmen. 8ie klagte über Appetitlosigkeit, Stuhlverstopfung, Erbrechen nnd 
ganz merkwürdige Anfälle, welche insbesondere nachmittags wiederholt auftraten 
und ihr das Leben zur Qual machten. Die Anfälle bestanden aus Atemnot nnd 
Herzklopfen, begleitet von so lauten gurrenden Geräuschen der Därme, daß 
die Frau jede Gesellschaft zu meiden gezwungen war. Das Leiden war nicht 
plötzlich aufgetreten, sondern hatte sich in den letzten Jahren allmählich ent- 
wickelt. Die beschriebenen Anfälle waren anfangs selten und von kurzer 
Dauer. Jetzt waren sie so häufig und andauernd geworden, daß die Frau qual- 
volle Stunden verbrachte. 

Im Schlaf sistierten die Anfälle, die Nachtruhe war ungestört. Patientin, 
42 Jahre alt, mittelgroß, zart gebaut, Körpergewicht 42 kg. Starke Abmagerung 
(18 kg in drei Jahren). Exophthalmus, Graefesches und Stellwagtches Symptom, 
Struma parenchymatös, der rechte Lappen bedeutend stärker entwickelt als 
der liuke, die Atmung momentan frei, ruhig (16 bis 20 Atemzuge in der 
Minute), von kostalem Typus. Der Lungenbefund normal; die Herztöne rein, 
die Herzgrenzen etwas ausgedehnt, die Herzaktion beschleunigt (88 bis 100). 
Puls sonst normal. Temperatur 37 8. Beim Stehen etwas Hängebauch. Menses 
regelmäßig, kein Partus, kein Abortus, kein Fluor. Während die Patientin diese 
Fragen beantwortet, bemerke ich eine tiefe Einziehung der Bauebdecken 
von einem Rippenbogen zum andern, die wellenförmig Ober das ganze Ab- 
domen nach abwärt» abläuft und von einem lauten gurrenden Geräusche 
begleitet ist. Ich sehe ferner, daß die Frau um Atem ringt; sie stockt mitten 
in der Rede und mnß sich schließlich aufsetzen. Lege ich die Bandfläche auf 
dag Abdomen, so taste ich ganz deutlich, daß sich die Bauchmuskeln kontra- 
hieren und daß die Kontraktiooswelle vom Epigastrium gegen das kleine Becken 
vorschreitet. Ist sie daselbst verschwunden, so taucht in kurzem eine neue Ein- 
ziehung im Epigastrium anf. Es handelte sich also nicht um eine „peristal- 
tische Unruhe" des Magens und Darmes, sondern um klonische Krämpfe 
der quergestreiften Muskeln der vorderen Bauchwand, welche die gurren- 
den Geräusche im Magen und Darm hervorbrachten. Hiebei sind Atmung und 
Herzaktioo Bebr beschleunigt: 26 bis 30 Atemzüge, 130 bis 140 Pulse in 
der Minute. Andere Muskelgruppen sind nach Angabe der Kranken von Krämpfen 
frei geblieben. Die Untersuchung des Harnes zeigte nichts Abnormes. 

Die erste Untersuchung ergab demnach eine Forme fruste der Basedow- 
sehen Krankheit, eine Atonie und Ptose des Magens, eine Darmatonie und einen 
Zustand hochgradiger Anämie und Unterernährung, endlich eine Neurose, deren 
Symptome sich auf das Herz und die Muskulatur der vorderen Bauchwand be- 
schränkten. Bei der zweiten, morgens vor dem Frühstück vorgenommenen 
Untersuchung fand sich noch Residoaliohalt im Magen; es handelte sich dem- 
nach auch um eine ziemlich schwere Insuffizienz des Magens. 



126 Erster Teil. Die Angatnearose. 

Vor allem galt es, den Kraftezustand der Patientin zu bessern; ich ver- 
ordnete ihr eine mehrwöebentliche Liegekar, eine reichliche, meist flussige und 
breiige Kost, wobei ich den Neigungen ihres Appetites weiten Bpielraum ließ. 

In der ersten Woche nahm Frau P. um J / t kg za, ebenso in der zweiten ; 
in der dritten Woche blieb das Körpergewicht stationär; in der vierten Woche 
ging es um >/, kg wieder zurück, da die Nahrungsaufnahme infolge Appetit- 
losigkeit sehr gering war. 

Von allem Anfang an hatte ich die Vermutung, daß die Anfalle id sogen 
hervorgerufen seien (Maladie des tics genöraux, Erinnerungskrampfe Jolly, Myo- 
spasma impulsiv« Oppenheim), and daß eine gründliche Psychoanalyse nicht 
nur die Entstehnngsart der Krämpfe aufhellen, sondern auch die letz- 
teren zur Heilung bringen könnte. 

Am nächsten Tage setzte ich der Patientin die Art and den Zweck der 
Frettdschen Psychoanalyse auseinander und faud sie bereit, sich einer solchen 
zu unterziehen. Ich lenkte das Gesprach sofort auf ihre Sexualtätigkeit and er- 
fuhr sehr bald zn meinem nicht geringen Staunen, daß Frau P. — nach 
22 jahriger Ehe — noch virgo war. Ihr Mann litt, wie ich spater erfuhr, 
in der ersten Zeit der Ehe an Ejaculatio praecox, om allmählich vollständig die 
Potentia coönndi za verlieren. 

In dem Kampfe zwischen der Jahre hindurch angesammelten Libido einer- 
seits und dem Schamgefühle der ehelichen Treue andrerseits waren die morali- 
schen Kräfte Sieger geblieben. Vor die Wahl gestellt, zwischen Mastur- 
bation, Ehebruch oder Neurose entschied sich das „unbewußte" 
der Patientin, auf dessen Boden sich der Kampf dieser psychischen Kräfte 
abspielte, für die Krankheit. 

Nach einigen Tagen war ich in der Analyse des Falles soweit vorge- 
schritten, um mir die Pathogenese des merkwürdigen Symptomenkomplexes er- 
klaren za können. Da der armen Frau das irdische Glück in Wirklichkeit ver- 
sagt war, so flüchtete sie vor der traurigen Realität in das Reich der Phantasie, 
in welchem sie uneingeschränkt glücklich sein konnte — alles natürlich im 
Unbewußten. In ihrem „Oberbewußtsein " hatte die Frau keine Ahnung von 
ihrem Unglück, ihren Wünschen und Kämpfen. Da ließ sich nun leicht nach- 
weisen — and dieser Nachweis mußte auch der Kranken klar und überzeugend 
gebracht werden, sonst wäre die Analyse ohne therapeutischen Effekt geblieben — , 
daß in dem Unbewußten der Kranken mehrere Phantasien tatig waren, die sich 
in einer Gruppe von Knotenpunkten trafen. Die zutage tretenden Symptome 
wahrend eines dieser merkwürdigen Anfalle waren vorerst die gemeinsamen 
Bestandteile zweier sexueller Phantasien, welche die Kranke — erklärlicher- 
weise — hauptsachlich beschäftigten. Die eine war die Phantasie eines regel- 
rechten Koitus, den ja die Frau aas der Erfahrung nicht kannte; die andere 
war die Phantasie einer Entbindung. Es war nämlich der heißeste Wunsch 
der Kranken, ein eigenes Kind zn besitzen. Die beiden Phantasien waren asso- 
ziativ miteinander verknüpft: „Wenn ich schon von meinem Manne nichts 
habe, o hatte ich doch ein Kind, dessen Besitz mich für die Entbehrungen 
meines Ehelebens entschädigen würde!" Und nan stellte es eich heraus, daß die 
Anfalle nicht zufällig and regellos auftraten, sondern daß sie förmlich wie die 
Gedanken, deren Stelle sie vertraten, auf assoziativem Wege hervorgerufen 
wurden. Sie stellten Bicb ein, wenn die Kranke den Besuch einer mit Kindern 
gesegneten Frau bekam, wenn in Gesellschaft das Gesprach auf das Thema 
Verlobung, Beirat, Entbindung kam, wenn sie eine Mutter sich mit ihren Kindern 
beschäftigen sah, wenn sie ein Liebespaar bemerkte und — wenn wir bei der 



Klinik der Angstaenrose : Vasomotorische Phänomene etc. 127 

Analyse das sexuelle Leben der Kranken berührten. Bei jedem Anlasse, der 
die Frau an Ehe und Kindersegen erinnern konnte, traten die Phantasien auf 
and riefen die Krämpfe, das Herzklopfen and die Atemnot hervor. Was der 
Hand der wackeren Frau beharrlich verschwieg, das schrie der Unter- 
leib selbst mit seinen gurrenden Geräuschen laut in die Welt hinaus: „Aach 
ich will mein Recht, ich will einen Mann, ich will ein Kind!" Nur war 
niemand da, der diese Sprache verstanden hatte. Nun war es klar, warum die 
Kranke im Schlafe verschont blieb und warnm die Anfalle vorzugsweise nach- 
mittags sich einstellten. Am Vormittag war die Frau zu Hause iu ihrer Wirtschaft 
beschäftigt, da hatte sie nicht Zeit, an sich and die Öde ihres Lebens zu denken. 
Am Nachmittag aber ging sie entweder spazieren, saß in einem öffentlichen 
Garten oder machte Besuche bei den Frauen ihrer zahlreichen Familie, and 
was sie sah und hörte, erweckte fort und fort die Gedanken: Ehe und Kind 
und hiemit die Anfalle. 

Nun wußte ich auch, warum die Krämpfe in den letzten Jahren so er- 
schreckend häufig geworden waren. Je alter die Frau wurde, am so starker 
wurde ihre Libido, um so größer aber auch ihre Angst, daß bald der Wechsel 
eintreten könne und hiemit die Hoffnung auf ein Kiud endgültig zerstört sei. Es 
kam, wie mir die Kran ankündigte, nunmehr eine Zeit, in der sie ihre Kur 
einschranken müßte, da sie genötigt wäre, ihrem Manne in seinem Berufe be- 
hilflich zu sein. Tatsächlich aber war unsere Analyse fast beendigt. Die Frau 
kam nicht mehr zur Ordination; ich fürchtete, sie durch ein unbedachtes Wort 
verscheucht oder ihr gar durch ein solches am Ende geschadet zu haben. 
Plötzlich kam sie nach sechs Wochen wieder. 

Ich merkte sofort an ihrem Gesichtsausdruck, daß eine große Veränderung 
an ihr vorgefallen sein müsse. Der leidende Zug war verschwunden, an seine 
Stelle war eine still vergnügte Miene getreten. Sie überreichte mir statt jeder 
Anrede ein Blatt Papier, auf dem folgendes geschrieben stand: 

„Geehrter Herr Doktor! Gemäß Ihrer Aufforderung, Dinge, die ich nicht 
mündlich berichten kann, aufzuschreiben, teile ich Ihnen mit, daß ich einmal 
mit meinem Manne ein Gespräch hatte, in dessen Verlaufe er die zufallige 
Frage auf warf, ob es nicht am Ende gut wäre, wenn er eich einmal von Prof. 
Freud untersuchen ließe. Ich habe ihn natürlich darin bestärkt. Der Professor 
schickte meinen Mann zu einem Spezialisten (Urologen, Anm. d. Verf.), der 
ihn seit vier Wochen in Behandlung hat, und zwar mit sehr gutem Erfolge. 
Und ich bin eine gesunde und glückliche Frau." 

Ich gratulierte der Dame zu den verspäteten Flitterwochen ihrer Ehe. 
Im Stillen freilich zweifelte ich nicht, daß die Erfolge der urologischen Be- 
handlung bloß ephemere sein würden. 

Ob sie, nunmehr im vollen Bewußtsein der Zusammenhange, aus Liebe 
mi ihrem Manne oder aus abnehmender Libido tapfer ihr Schicksal trug, ob 
sie müßig mastarbierte oder ob sie einen Hausfreund gefunden, habe ich seit- 
dem nicht erfahren. 

Zu den seltenen Fällen von Angstrudimenten gehören auch das 
krampfhafte Zusammenziehen des Schlundes (mit oder ohne Singultus) und 
die ösophaguskrämpfe. 

Nr. 61. Hecker (1. c.) beschreibt einen solchen Fall. „M. S., Student der 
Medizin, 22 Jahre alt, ohne hereditäre Anlage, leidet seit seinem zehnten 
Lebensjahre an Grübelsucht mit Angstanfällen heftiger Art, in denen er sich 
zuweilen die Haare raufte und Gegenstände zerriß. Keit Beginn seiner Krank- 
heit leidet er an eigentümlichen Scbluckbeschwenlen, die nur bei Genuß fester 



128 Erster Teil. Die Angst neu rose. 

Nahrungsmittel auftreten. Am schwersten wird es ihm, Fleisch and Brot- 
krume zu schlacken, etwas leichter geht es anffallenderweise bei Brotrinde." 

Dieeer Fall gehört sicher nicht zu den reinen Angstneurosen . Er 
zeigt eine deutliche hysterische Struktur. Besonders der Umstand, daß der 
Patient kein „Fleisch" schlucken kann, scheint eine symbolische Deutung 
zu ermöglichen. Auch kann er die Mitte des Brotes nicht essen, während 
es bei der Rinde leichter geht. Freud 1 ) hat einen ähnlichen Fall glän- 
zend analysiert. 

Nr. 62. „Kino von ihrem Hanne getrennt lebende Fran folgte beim 
Essen dem Zwange, das Beste stehen zn lassen, z. B. von einem Stuck ge- 
bratenen Fleisch nur die Runder zn genießen. Dieser Verzicht erklärte sieb 
durch das Datum der Entstehung. Er war am Tage aufgetreten, nachdem sie 
ihrem Manne den ehelichen Verkehr gekündigt, d. h. aufs Beste verzichtet 
hatte." 

Ich habe mehrere Fälle von Angstneurose gesehen , die unter dem 
Bilde einer ösophagusneurose verliefen. 

Nr. 63. Herr L. L., Kaufmann, 30 Jahre alt, merkt seit einiger Zeit, 
daß ihm die Bissen in der Speiserohre stecken bleiben. Er empfindet dabei ein 
heftiges Angstgefühl und maß einige Glaser Wasser trinken, um den Bissen 
herunterzubringen. Manchmal erbricht er die Speisen, worauf er sich bedeutend 
leichter fühlt. Er hat in zwei Jahren bei 10 kg abgenommen. 

Die Chirurgen denken an ein malignes Neoplasma. Allein das Leiden 
bleibt zwei Jahre stationär und die Sonde passiert anstandslos den Ösophagus. 

Auch die Diagnose eines Ösophagus-Divertikels wird in Erwägung ge- 
zogen. Die genaue Ösophagoskopie ergibt ganz normale Verhältnisse. 

Schließlich wird Patient täglich bougiert, was ihm einige Erleichterung 
verschafft, so daß er wieder um einige Kilo zunimmt. 

Die Anamnese ergibt, daß er mit seiner Frau fellatio treibt. Nach Re- 
gulierung des Sexuallebens auffallende Besserung der SchlockbeRcbwerden. 

Die psychische Genese dieses Symptomes wird sich spater aus der Ana- 
logie eines ahnlichen Falles ergeben. 

Einen Fall von Singultus (cum erectione penis) fuhrt Fließ als Angst- 
äquivalent an. Er liefert an Hand seines Materials den klaren Nachweis, 
daß die Äquivalente der Angst an periodischen Tagen einsetzen und als 
solche zn erkennen sind. Er unterscheidet bekanntlich männliche und 
weibliche Reihen (23 und 28 Tage), die sich bei einem und dem- 
selben Individuum konstatieren lassen, wodurch er ja als erster den 
exakten biologischen Beweis für den alten Gedanken erbracht hat, daß alle 
Menschen bisexuell angelegt sind. 

Ich führe hier einige Fälle von Fließ (Beziehungen zwischen 
Nase nnd weiblichen Geschlechtsorganen. Wien 1897) an. Sie sind fdr 
das Verständnis periodischen Geschehens von größter Bedeutung. 

Fließ unterscheidet also männliche Reihen, die ein Intervall von 23 Tagen, und 
weibliche Reihen, die ein Intervall von 28 Tagen zeigen. Dar beweisende biologische Nach- 
weis, d:iti Angstäquivalente tatsächlich an Stelle der Angstanfälle eintreten, ist eigentlich 
Fließ zu verdanken, der sich auch sonst als feiner Beobachter bekundete. So bemerkte er 
die von anderen Ärzten übersehenen Augjtäquivalente .Urtikaria* and den periodisch auf- 
tretenden Strophulus infantum. Besonders deutlich wird dieser Zusammenhang zwischen 
Urtikaria, die eigentlich nur eine besondere Form der Erregung der Uautnerven darstellt, 
nnd Pavor nueturnus. Ich habe schon früher erwähnt, daO die nächtliche Angst der Kinder 



') Zwangshandlung nnd Religiongubung. (Zeitschrift für Religionspsychologie, Bd. 1, H. 1. 



Klinik der Angstneurose: Vasomotorische Phänomene etc. 129 

dadnrch entsteht, daß die Kinder anf irgend eine Weise mit den Erscheinungen der Sexu- 
alität bekannt werden, sei es, daii sie den Koitus der Eltern belauscht haben oder von ge- 
wissenlosen Wartefrauen an den Genitalien gereizt wurden. Der Effekt ist gewöhnlich dag 
Auftreten von Angstzuständen, welche den kindlichen Typus der Angstneurose aufweisen. Die 
Zusammenhänge zwischen früh erwachter Sexualität und Pavor nocturnns zeigt uns auch 
«kr von Fließ beobachtete folgende Fall : 

Nr. 64. «Knabe Fritz L., 3*/ 4 Jahre, bat an Rachitis. Prurigo, Adenoiden und Phi- 
"»osis gelitten. In der Familie besteht die Neigung zur Urtikaria. Seit Jahresfrist bemerkt 
die aufmerksame Pflegemutter, daß der Kleine auffälliges Schamgefühl an den Tag legt, 
^oßerdem sich sehr markant für den nackten weiblichen Körper interessiert, ihn betastet etc. 
Seitdem Pavor nocturnns und abendliche Angst. Will nicht mehr wie früher ohne 
'■"'■hl einschlafen, fängt vor Angst zn schreien an etc. Der Prurigo, welcher jetzt alle 
^bergänge zur Urtikaria zeigt, kommt anfallsweise und vergeht wieder. Fast immer geht 
"n bis zwei Tage früher Singultos voran und der Penis wird dann steif. 

Die Termine sind seit dem 5. Oktober 1895 genau beobachtet. Sie sind folgende: 
6. Oktober 1895 : Urtikaria (4. Oktober Singultns). 

11. Oktober: Singultus, Penis steif. 

SO. Dezember: Prurigoknötchen. Appetitlosigkeit, Stnhlverstopfung (Singultus nicht 
kobachtet). 

25. Dezember: Urtikaria am Bücken. 
13. Jannar 1896: Singultus. 

&. Februar: Singnltns (am 7. Febrnar Prurigo, Urtikaria). 
. 16. Februar: Urtikaria. (14. Februar Singultus, Appetitlosigkeit, weinerlich, schlaf - 

'"■ Nach Ausbruch der Urtikaria völlig munter.) 

26. nnd 27. Februar: Singultnsanfall. 

2. März: Urtikaria, Verstopfung und Appetitlosigkeit. 
5. März: Urtikaria, Schmerzen an der Zange. 
23. März: Urtikaria. 

10. April: einige Urtikaria-Quaddeln ; vorher schreckhaft. 
8. Hai: Singultus. 

10. Mai: vereinzelte Quaddeln. 

12. Mai: zahlreiche Quaddeln, verstimmt. 

26 Mai: großer Urtikariaausbrnch and Singultos. 

Hieraus ergeben sich folgende Beihen : 

A 1 /, Männliche Beihen: 
1. Intervall 2. Intervall 

*1" S k -' tober 1896 20. Dezember 1896 ,,_ M ,. 

g* «'«.fcruar 1896 138 = 6x23 13. Januar 1896 K^* 9 **"* 

a - **J»i 1896 92 = 4x23 6. Februar 1896 S_oo , 

27. Februar 1896 »S-A*- 1 

Differenz der Beihe = Differenz der Beihe = 

S. Intervall 4. Intervall 

t ***iz 1896 26. Dezember 1895 M _, vOT , 

8 " *Ui 1896 46 = 2x23 2. März 1896 mZq^9o 

10. Mai 1896 w_axia 

Differenz = Differenz = 1 

6. Intervall 

6. März 1896 «,_,„„ . 

12. Mai 1896 t>o - a x za - i 

Differenz = 1 
B'/, Weibliche Beihen: 
I'/i Intervall TJ. Intervall 

14. Februar 1896 , ß , vM 16. Februar 1896 

10. April 1896 £o 10. Mai 1896 84 = 3 X 28 

8. Mai 1896 w 

Differenz = Differenz = 

„In diesen Beihen sind alle beobachteten Daten mit Ausnahme des ersten Termines 
4. und 5. Oktober enthalten. Für den Anschluß dieses Termines hat offenbar der Beob- 
achtnngszeitraum nicht ausgereicht." 

Stak»). .Narröaa AngiuavUuda and Ihre Babudlung. •Lad 



130 Erster Teil. Die Angstneurose. 

„Das frühzeitig« Schamgefühl, die erwachende Libido, -welche frnstrane Erregung zur 
Folge hat, und die Angst, die sich promptissime einstellt, ergeben eine klare Kette von 
Ursache nnd Wirkung." 

„Und der Singnltus dokumentiert seine sexuelle Herkunft durch die Erectio penis, 
welche ihn begleitet." 

Solche Beobachtungen werfen ein deutliches Licht auf den Rhythmus der Angstan- 
fälle. LOicenfeld macht in einer Kritik der Fr* arischen Angstneurose darauf aufmerksam, 
daß diese Theorie ganz und gar ungenügend wäre, das Auftreten und Ausbleiben der An- 
fälle im einzelnen zu erklären. Freilich bat Löxcenfeld nicht geahnt, daß einige Jahre 
nachher die Entdeckung von der Existenz periodischer Vorgänge im menschlichen Körper 
gemacht werden würde. Heute sind wir dem Verständnisse dieser Erscheinungen viel näher 
gekommen. Ich verweise zum Beispiel auf eine Beobachtung, die Dr. Hermann Sicoboda '). 
der sich nächst Fließ am intensivsten mit der Erforschung der Perioden beschäftigte, ge- 
macht bat. Sie lautet: „Der Zufall verschaffte mir Kenntnis von einem beweiskräftigen 
Fall. Ein junges Mädchen, mit Sexualgenuß und Neurosen in gleicher Weise unbekannt, 
kommt eines Abends mit einem Versucher zusammen, der sich die Sache zwar schließlich 
überlegt, aber doch in dem Mädchen eine große Erregung hervorruft, die unter diesen Um- 
ständen fr us trau bleibt. Vier Wochen lang vollständiges Wohlbefinden. Plötzlich, am 
28. Tage, ein ungeheuerer Angstanfall mit Selbstmordideen, Unfähigkeit allein zu bleiben, 
Befürchtungen aller Art — man bedenke nur die Schwierigkeit, um nicht zu sagen Un- 
möglichkeit einer Erklärung, irgend einer plausiblen Ätiologie nach 28 wohl verbrachten 
Tagen 1 Ist der Wissenschaft dieser Zusammenhang so lange entgangen, was soll man erst 
von Laien verlangen. Gerade diese anscheinende Undeterminiertheit von unangenehmen Zu- 
ständen steigert sie häufig bis zu einem gefährlichen Grade, sie ist vielleicht das Aller- 
schlimmste an ihnen." 

.Nach zwei Tagen war der Anfall zum größten Erstaunen der Tiefunglncklichen wieder 
spurlos verschwunden. Am 56. Tage kam er getreulich wieder in verminderter Intensität. 
Erwähnen muß ich noch, daß die Szene, welche den Anfall verursachte, nach 28 Tagen 
im Traum wiederkehrte, nur mit einigen charakteristischen Änderungen nnd einer Fort- 
setzung, welche der Frewfechen Wunschtheorie recht gibt." 

Eigentlich war es, wie er in diesem Buche erzählt, das merkwürdige Auftreten von 
Angstanfällen bei einem seiner Bekannten, das ihn auf die Perioden aufmerksam machte. 
Ein Freund fibergab ihm seine Aufzeichnungen, aus denen mit mathematischer Klarheit 
hervorging, daß die Angstanfälle 23 Tage nach einer sexuellen Schädlichkeit aufgetreten 
waren. Dabei zeigte sich, daß gewisse Asthmaanfälle als echte Angstäquivulente aufgefaßt 
werden mußten. Wer sich für die philosophisch-psychologische Seite dieser Frage interessiert, 
wird in den Büchern von Sicoboda mancherlei Anregung finden. 

Das Zustandekommen der einzelnen Anfalle mag ja nicht immer von 
periodischen Einflössen abhangen. Ich kenne zahlreiche Fälle meiner Erfahrung, 
bei denen unmittelbar nach der schädlichen Erregung der Anfall auftrat. 8o 
werden mir erfahrene Ärzte gewiß bestätigen, daß die schweren Angstkrisen 
besonders hanfig nach einem anbefriedigten Koitus losbrechen; daß oft nach 
einer heftigen zufälligen Erregung — was ja Löwenfeld betont hat — sogleich 
ein Angstaofall eintritt. Es ist gar keine Frage, daß derartige Erregungen die 
aufgespeicherte Angst frei machen können. Andrerseits Überraschen Angstattacken 
den Neurotiker an Tagen, an denen gar keine Schädlichkeit nachgewiesen 
werden kann. Beim besten Wohlbefinden wird er von Herzklopfen, nervösem 
Astbma uod Schwindel Übermannt. Wer sich nun Mflhe gibt, in solchen Fallen 
nachzuforschen, wird hie und da den Einfluß einer vor einer Anzahl von Tagen 
stattgefundenen Schädlichkeit nachweisen können. Häufig aber doch eine Asso- 
ziation, welche auch den psychischen Anschluß vermittelt. Solcher Beispiele 
könnte ich manche bringen. Ich kann es mir nicht versagen, noch einige Be- 
obachtungen von Fließ, der diesem periodischen Momente so große Aufmerksam- 
keit geschenkt hat, anzuführen. 

Nr. 66. .Der 42jährige Dr. D. leidet ebenfalls an Angstneurose, aber infolge von jahre- 
langer Ablenkung (Abstinenz). 



') Die Perioden des menschlichen Organismus in ihrer biologischen und psycholo- 
gischen Bedeutung. Wien 1904. 



Klinik der Angstneurose: Vasomotorische Phänomene etc. 131 

Seine Anfälle gruppieren sich während meiner Beobachtung so: 
Intervall 4. Oktober 1895 : Angstanfall nachts (glaabt erdolcht zu werden ; 6 kopiflee 

23 Stähle). 

24 27. Oktober: Migräne. 

23 20. November: Arhytbmieanfall, starke Blähungen, 5 Stähle. 

22 13/14. Dezember nachts: Starker Pavor, ängstliche Unruhe, häufige, dünn- 

23 breiige Stuhle. 

4. Januar abends : Starke Angst mit Herzklopfenanfall, dfinne Stähle. 
27.;' 28. Januar nachts: Aufschrecke a, dünne Stähle. 

Nr. 66. Viel länger habe ich einen anderen Patienten mit Abstinenzneurose verfolgen 
können, Herrn P. , 42 Jahre alt. 

Am 28-/29. April 1895 nachts: enormer AngstanfaU mit Arhythmie. Daneben schon 
früher nasale Beschwerden (Schnarchen, Armschmerzen, Schmerzen im linken Hypogastrium 
und der linken Nierengegend, welche auf Ätzung der Genitalstellen (1. Hai) völlig und 
dauernd verschwinden. 

Am 23. Dezember 1895: AngstanfaU. (Trifft auf der Straße Freunde und glaubt, 
öe wollten ihn überfallen. Zu Hanse angekommen, wird ihm ängstlich, er kann plötzlich 
das Dunkel des Zimmers nicht vertragen, legt sich ins Bett und bekommt typische Angat- 
diarrhöe.) 

Fernere Termine waren : 

3. Januar 1896: ängstlicher Traum. 

5. Januar: Angst und unmotivierte Wut. 1 ) 
29. März: Angstdiarrhöe. 
10. Apri): auffallend schlechtes Aussehen. 
12. April: Arbythmieanfall. 

22. April: ängstlicher Traum und Druck auf der Brust den ganzen Tag hindurch, 
26727. April : Arhytbmieanfälle. 
18. Juni: Angstanfall. 
. Daraus ergeben sich folgende Reihen: 

A. Weibliche: 

t. Intervall II. Intervall 

ft* -*-!>*•« 1895 252 = 9 X 28 23. Dezember 1895 . . , _ . 9a , 

öS J*nxaar 1896 84 = 3X 28 12. April 18% '"~' xa ' 

-*-Pi-il IH. Intervall 

2|.Aprni896 „ = , x og + , 

B. Männliche: 

I. Intervall IL Intervall 

jj*pm 116 = 5X23 SÄ? 1896 «»=3X23 

In diesem Beispiel ist die Existenz beider Arten von Reihen sehr deutlich." 

Löwenfeld meint, man möge in der Aufstellung von Angstäqui- 
valenten nicht zn weit gehen. Er verlangt als Kriterien für das Angst- 
äquivalent: 

1. Es muß bei Gelegenheiten auftreten, welche erfahrungsgemäß Anlaß 
zo Angstzuständen geben. 



') Die Zusammenhänge zwischen Angst und Wut sind viel intimer, als man glauben 
möchte. Es gibt Angstanfälle, die mit einem heftigen Zornausbrnch enden. Alle Angst- 
neorotiker sind jähzornig und furchten den eigenen Zorn. Man würde es nicht glauben, daß 
sich hinter leicht errötenden, scheuen Menseben Individuen mit allzustarker Kriminalität 
verbergen. Die Angst ist dann die Furcht vor der aktiven Kriminalität im Innern. Der Zorn 
ist der direkte Durchbruch der kriminellen Komponente, des zerstörenden Hasses. Deshalb 
müssen manche Zornige etwas zerbrechen oder auf den Tisch schlagen. Sie müssen symbolisch 
etwas vernichten. Nichts beweist meinen Satz: „Jede Angst ist die Angst vor sich selbst" 
besser, als diese Zusammenhänge zwischen Angst und Zorn. Aus der aktiven Kriminalität 
wird die passive Angst. Auch das Umgekehrte kann vorkommen. So igt manches schöne 
Beispiel heroischen Mutes nur motorisch umgewertete Feigheit. 

9* 



132 Erster Teil. Die Angstneorose. 

2. Es müssen Zustände vorliegen, welche erfahrungsgemäß Angstzn- 
stände bedingen, und andere Momente, welche die Angstzustände nicht 
stören, sich nachweisen lassen. 

Wenn beispielsweise, sagt er, eine Person an Platzangst leidet und 
sie lediglich bei gewissen Gelegenheiten (Theater, Gesellschaft etc.) von 
sogenannten Kongestionen oder Übelkeiten befallen wird, für deren je- 
weiliges Anftreten spezielle Ursachen sich nicht nachweisen lassen, so 
dürfen wir nicht im Zweifel sein, daß es sich um Angstäqaivalente handelt, 
da häufig anch die an Agoraphobie Leidenden auch beim Aufenthalt in 
von Menschen erfüllten Räumen von Angstzuständen befallen werden. 
Ebenso trägt er kein Bedenken, lästige nächtliche Schweißausbrüche eines 
seit Jahren abstinent lebenden Neurotikers als Angstäquivalent zu deuten, 
weil ihm der Zusammenhang zwischen Abstinenz und Angstzuständen als 
klinische Tatsache bekannt ist. Wir haben jedoch aus den Beobachtungen 
von Fließ- Stcoboda, denen ich einige meiner eigenen Erfahrungen hinzu- 
fügen kann (es sind nur einige, weil ich den Wert der periodischen Er- 
scheinungen für die Psychoanalyse nur sehr gering anschlage), erkannt, 
daß die Angstäquivalente an gewissen kritischen Tagen auftreten können, 
an welchen vielleicht kein Anlaß zu Angstzuständen gegeben ist. Freilich 
ist die genaue Erforschung dieses Gebietes noch unvollendet. Leider erst 
begonnen. Ich zweifle nicht, daß die weitere Beobachtung noch mannig- 
fache Überraschungen bringen wird und vieles, was jetzt als somatische 
Erkrankung gilt, wird sich auf psychische Ursachen zurückführen lassen. 
So erkrankte eine Dame meiner Beobachtung am 28. Tage nach einem 
Anfall wieder an einem Angstanfall. Der Tag war aber zufällig ihr Hoch- 
zeitstag. Ihr Mann, der ihr schon seit 2 Jahren aus Angst vor Gravidität 
nicht beischläft, ließ sie auch diesmal in Frieden. Der Gegensatz zwischen 
einst und jetzt löste den Anfall — allerdings an einem dazu disponierten 
(kritischen) Tage — aus. 

Nr. 67. Eine Ähnliche Beobachtung bringt der Dächst« Fall. Frau J. 8., 
52 Jahre alt, erkrankte am 27. Jnli an einer Herzschwäche, die von einem 
schweren Angstgefühl begleitet war. Am 24. August (28 Tage nachher) ein 
Anfall von schwerem Asthma bronchiale. Am 21. September Eintritt der Menses 
mit heftigen Schmerzen und Angstgefühlen. Am 19. Oktober wieder ein Anfall 
von Ohnmacht, Herzschwäche und Angst. Allerdings hatte der Mann in der 
Nacht vorher einen mißlungenen Koitusversuch gemacht. Er ist seit drei Jahren 
impotent. 

Wir müssen uns also zu der Anschauung bekennen, daß an besonderen 
„kritischen" Tagen Schädlichkeiten einen Angstanfall leichter auslösen 
werden. ___ 

XIV. Klinik der Angstneurose: Muskelkrämpfe, 
Tics und Schmerzen. 

Die Muskelkrämpfe sind eine häufige Begleiterscheinung des Angst- 
anfalles. Die Patienten geben verschiedene Beschwerden an: die Hände 
werden steif, ein Bein krampft sich zusammen, Wadenkrämpfe, Krämpfe 
und Krampfzustände in den dem Sympathikus unterstehenden Muskeln 
(Darm, Magen, Blase, Herz). Diese Krampfzustände sind den Physiologen 
leicht verständlich. Es kommt nur auf die Höhe des Reizes an. Die Zelle 
reagiert auf einen Reiz zuerst mit Erregung, wenn aber die Reizschwelle 



Klinik der Angstnenrose: Maskelkrämpfe, Tics and Schmelzen. | ){'-', 

tibertreten wird, mit Lähmung. Erregung nnd Lähmung sind Ausdrucks- 
formen der Reaktion auf äußere nnd innere Reize. Furcht und leichte 
Grade der Angst äußern sich in Erregung, große Angstaffekte, Schrecken 
nnd Entsetzen in Lähmung der Muskeln. Ein Furchtsamer schreit; einem 
Erschreckten versagt die Stimme. Die verschiedenen Muskelkrämpfe sind 
Zeichen ängstlicher Erregung. Dabei können z. B. die dem Sympathikus 
unterstehenden Muskeln erregt, die willkürlichen gehemmt sein. Das Über- 
tragen vom Psychischen ins Somatische vollzieht sich am raschesten in 
aasgefahrenen Bahnen. Leute, die auch sonst an Wadenkrämpfen leiden, 
werden im Angstanfall leicht Wadenkrämpfe bekommen. 

Doch das stimmt nicht für alle Fälle. Manchmal gelingt es, für das 
Zustandekommen eines bestimmten Krampfes in einer Muskelgruppe eine 
psychologische Erklärung zu finden. Der folgende Fall bietet noch in 
anderer Hinsicht ein gewisses Interesse: 

Nr. 68. Frau M. V., 29 Jahre alt, Mutter von vier Kindern, hereditär 
nicht belastet, erkrankt an nervösen Angstzuständen. Das hervorstechende Sym- 
ptom ist die außerordentliche Gereiztheit, nnter der die Kinder, der Mann nnd 
die Dienstboten sehr zn leiden haben. Anch klagt sie Ober Herzklopfen, Ab- 
magern und Verstopfang. Ich konstatiere, daß sie mit dem Manne Conus inter- 
raptas ausübt, verordne ein Okklussivpessar, worauf sich die Zustande auffallend 
rasch bessern. Die Frau wird ruhiger, nimmt wieder an Gewicht zu, der Stuhl 
regelt sich spontan ohne Abfahrmittel. 

Nach ungefähr zwei Jahren werde ich des Nachts zu der Patientin ge- 
rufen. Ich finde sie totenblaß, mit Schweiß bedeckt, laut jammernd im Bette 
sitzen. Nach einem ängstlichen Traume sei sie mit starkem Herzklopfen und 
großen Schmerzen in der Schulter aufgewacht. Sie hatte nnr ein Gefohl gehabt: 
.Jetzt werde ich sterben." Ein kalter Schweiß habe sich Ober ihren Körper 
ergossen, sie sei wie ohnmachtig aus dem Bette gefallen. Allein der unerträg- 
liche Schmerz habe sie wieder geweckt. Der rechte Arm sei ganz einge- 
schlafen, wie tot gewesen. Sie habe ihn nicht bewegen können. Vom 
Nacken aas packten sie unerträgliche Muskelkrampf e. 

Sie halt auch das Gesicht in der bekannten Schiefhalsstellung, die bei 
Kontraktur des Sternocleidomastoideas auftritt. Die Stelle hinter dem Processus 
mastoideus ist so empfindlich, daß die leiseste Berührung einen neuen Krampf 
hervorruft. Nach einer halben Stunde laßt der Krampf nach (warme Umschläge), 
das erregte Herz beruhigt sich, die Patientin erhält wieder ihre frischen roten 
Wangen. 

Die Aufklärung dieses sonderbaren Anfalles gelang mir ohne Schwierig- 
keit. Ich mußte dabei die beschämende Erkenntnis in Kauf nehmen, daß nicht 
das von mir verordnete Okklusivpessar die Patientin für einige Zeit geheilt hatte, 
sondern die Mitwirkung eines Dritten, den ich gar nicht ins Kalkül gezogen 
hatte. Unter den Freunden ihres Mannes befand sich ein baumlanger, hübscher 
Offizier, der sich lebhaft nm sie bewarb. Sie widerstand allen seinen Ver- 
suchungen, obwohl oder weil sie im Verkehre mit ihrem schwach potenten 
Manne meistens vollkommen anästhetisch war. (Nur wenn sie sich den Offizier 
vorstellte, konnte sie in letzter Zeit ein Gefühl erzielen.) Damals brach ihre 
Angstneurose aus. Vor dem Ehebruch scheute sie zurück, eigentlich nur aus 
dem einen Grunde, weil sie Kindersegen fürchtete. Sie hatte genug an den 
vier Kindern. Dann hätte sie es für eine große Sünde gehalten, ihrem Manne 
ein „fremdes" Kind unterzuschieben. (8ie war fromm nnd ging täglich in die 
Kirche, jedoch nie zur Beichte!) Als sie das Pessar erhielt, brach ihr Wider- 



134 Erster Teil. Die Angstnearose. 

stand. Sie gab sich dem geliebten Manne hin, fand volle Befriedigung und 
völlige Heilung. Aber die Liebe des von Frauen viel umworbenen Don Juan 
erkaltete bald. Ihre Zusammenkünfte wurden seltener, bis er die Beziehungen 
— ausgenommen die notwendigsten Besuche ihres Mannes wegen — voll- 
kommen abbrach. 

Jetzt wurde sie wieder nervös. Ihr war alles zuwider: die Kinder, der 
Mann, ihre Vergnügungen, die schönen Kleider. Wieder stellten sich Angstge- 
fühle, große Reizbarkeit, heftige Verstopfung ein. 

Auf den Koitus mit ihrem Manne hatte sie schon seit längerer Zeit ver- 
zichtet, mit der Motivierung: Er müsse sich schonen. (Er war oin schwächlicher, 
kränklicher Mann.) Am Abende vor dem Anfall war er nach langer Zeit 
wieder zu ihr „gekommen". Sie stellte sich, um Libido zn provozieren, den 
treulosen Geliebten vor und geriet in hochgradige Erregung. Allein die Eja- 
culatio praecox des Mannes ließ sie unbefriedigt und tief unglücklich nicht 
zur normalen Abfuhr der gesteigerten Libido gelangen. Sie schlief mit leisem 
Schluchzen ein. 

Mit den Muskclkrfimpfen hatte es folgende Bewandtnis: So lange sie noch 
Widerstand geleistet hatte, pflegte der Offizier Bio auf alle unbedeckten Stellen 
des Körpers zu küssen. Besonders auf den Nacken hinter dem Ohre. Diese 
Stelle nannte er seinen „Liebling" und behauptete, sie hatte den schönsten 
Nacken, den er je gesehen. Beim ersten Koitus hatte er sie so in den Nacken 
gebissen, daß sie vor Schmerzen aufschreien mußte. 

Jetzt waren die Krämpfe erklärt Nach dem mißlungenen Koitus träumte 
sie sich einen zweiten mit dem Geliebten. Der Angstanfall war ein vollkommener 
Ersatz fdr einen Koitus. Dnd die Schmerzen waren ja dieselben, die sie einmal 
empfunden. Nur daß sie noch stärker waren und länger andauerten. Der 
Muskelkrampf entsprach einer sympathischen Erregung der betreffenden Nerven. 

Doch diese merkwürdige Geschichte ist noch nicht zu Ende. Die Schmerzen 
verstärkten sich am Vormittag derart, daß man mich wieder holte. Ihr Mann 
hatte anch in seiner Verzweiflung instinktiv den Offizier zu Bilfe gerufen, 
dessen Dutzfrennd er war. Als dieser die Fran in solchen Krämpfen fand, ver- 
sprach er am Nachmittag wieder zu kommen. Schließlich mußte ich noch des 
Abends erscheinen, um ihr eine Morphiuminjektion zu verabreichen. Der Ge- 
liebte saß an ihrem Bette, hielt ihre Hände und sprach ihr Trost zu. 

Am nächsten Morgen treffe ich sie bei vollem Wohlsein. Sie hatte nicht 
geschlafen, obwohl sie durch die Injektion sehr schläfrig geworden sei. 

„Sie werden lachen, wenn ich Ihnen sagen werde, warum ich nicht ge- 
schlafen habe. Die Nase hat mich die ganze Nacht so gekitzelt." 

Nun ist das Jucken der Nase bei Intoxikationen eine bekannte Er- 
scheinung. Hier war jedoch das Symptom überdeterminiert. In Wien gilt das 
als untrügliches Zeichen, daß es einen großen Streit geben werde. Ich frage 
also: „Haben Sie sich vorgenommen, heute jemandem gehörig die Meinung 
zn sagen?" 4 

„Das können Sie sich denken!' gibt sie automatisch zur Antwort. 

Man sieht, das Leben kompliziert die Fälle. Wer in diesem Falle 
die Gleichung nur mit einem unbekannten Faktor berechnet hätte, wäre 
der Wahrheit niemals nahe gekommen. Schulfälle sind eben nur in Lehr- 
büchern zu finden. Jeder neue Fall bedeutet für uns ein neues Rätsel. 

Eine besondere Erwähnung verdient noch ein markantes .Symptom 
der Angstneurose, das auch im eben beschriebenen Falle eine Rolle spielt: 
Der abgestorbene rechte Arm. Ich habe dies Symptom einige Male 



Elina der Angstneorose : Muskelfcrümpfe, Tics and Schmerzen 135 

bei Frauen konstatiert, deren Männer schwer krank oder gestorben waren. 
Ebenso das Gefühl einer toten rechten Hand. (Viel häufiger beobachtet 
man Absterben eines Fingers 1 ); siehe Fall Nr. 56.) Es scheint Bich um 
eine Konversion zu handeln, bei der die Vorstellung, die rechte Hand (der 
Ernährer!) werde absterben, die Hauptrolle spielt. Auch Schwächeerschei- 
nuagen im linken Ann kommen vor, haben aber nicht diese psychische 
Wurzel. (Vgl. auch — S. 43 — ähnliche Erscheinungen bei Arteriosklerose.) 
Eine einschlägige Beobachtung, Schwächeerscheinungen des rechten Armes 
mit Muskelkrämpfen alternierend, ist die folgende: 

Nr. 69. Eine 45jährige, sehr korpulente Dame, die eineu kranken Mann 
zu betreuen hat, erwacht eines Nachts mit einem heftigen Angstanfall. Die 
rechte Hand ist wie gelähmt. Sie glaubt, der Schlag habe sie getroffen. Der 
herbeigeholte Arzt meint, sie wäre anf dem Arm gelegen. Seit damals häafiges 
Einschlafen und schmerzhafte Muskelkrämpfe des Annes anch während des 
Tages, leichte SchwindelgefUble, Herzklopfen. Nach dem Tode ihres Mannes 
tritt sie in meine Behandlung. Typische Angstneurose mit schweren, zu Ohn- 
macht fahrenden Herzanfällen. Der Zustand verschlimmert Bich, als sie einen 
anderen Arzt konsultiert, der ein vorgeschrittenes Fettherz konstatiert und eine 
Kur in Marienbad verordnet. Sie schiebt jetzt alle Angstgefühle auf das Herz. 
Ihre Redensarten sind: sie werde nicht lange leben, sie müsse bald sterben usw. 
Häufiges Aufseufzen wird ebenfalls anf die Verfettung zurückgeführt. 

Eine hydropathische Kur, Validol, Herzkahlapparat, beruhigende Psycho- 
therapie bringen eine allgemeine Besserung des Zustande«. Im fünfzigsten 
Lebensjahre Auftreten der Menopause ohne besondere Beschwerden. Im Gegen- 
teil, von da ab verschwinden die „Herzanfälle", nm einem vollkommenen Wohl- 
befinden Platz zu machen. Das Gewicht ist das gleiche geblieben. Eine genaue 
Konstatiernng der Herzgröße wegen der enorm großen Mammen nicht möglich. 
Herztöne vollkommen rein und laut klappend. 

Nachträglich frage ich sie wegen des ersten Anfalles, bei dem ihr die 
Hand abgestorben ist. Er ist — so erzählt sie — in der Nacht aufgetreten, 
nachdem sie der Hausarzt so erschreckt hatte. Er hatte sie aufmerksam ge- 
macht, daß ihr Mann an Verkalkung der Herzarterien leidet nnd ihr wegen 
der Gofabren der Aufregang sexuelle Abstinenz in der Ehe empfohlen. Schon 
einige Jahre vorher war die Potenz des Mannes auf ein bescheidenes Maß ge- 
sunken. Das „Absterben der rechten Hand" war ein prophetisches Symptom. 
Drei Jahre später starb der Mann des Nachts an einem Herzschlage und sie 
blieb mutterseelenallein und schlecht versorgt, mit einem Geschäfte, dem sie 
nicht gewachsen war, zurück. Die angeblichen Fettherzsymptome waren nur 
Symptome einer gewöhnlichen Angstneurose infolge von frustranen Erregungen 
and Abstinenz. Sie war eine Üppige, sinnliche Dame, die viel jünger aussah 
und den Männern Behr gefiel. Todeswünsche unbewußter Natnr mußten sie be- 
schäftigt haben. Denn ihre Trauer war unnatürlich lang und in jeder Hinsicht 
Übertrieben. Sie wollte ihr ganzes Leben fortan guten Werken weihen, trug 
nur schwarze Kleider und giog in kein Theater. Sie machte dann eine Erb- 
schaft und vermachte ihr ganzes Vermögen der Kirche. Wie ich später erfuhr, 
hatte sie bei Lebzeiten des Mannes eineu Geliebten. Dann wollte sie von ihm 
nichts mehr wissen. Sie lebte nur der Reue. 

Hier mögen eine Reihe von Erscheinungen flüchtig Erwähnung finden, 
die das hohe Interesse des Psychotherapeuten verdienen. Es sind dies die 



') Ein bekanntes Pballnssymbol. 



136 Erster Teil. Die Angstneurose. 

verschiedenen Krämpfe, die einen bestimmten Vorstellungsinhalt verwirk- 
lichen sollen. Wenn eine Frau z. B. immer mit dem Kopfe die Bewegung macht, 
als ob sie „Nein" sagen wollte, so werden wir forschen, was sich hinter 
dieser Bewegung verbirgt. Wir erfahren , daß diese Krämpfe zuerst in 
Angetan füllen aufgetreten sind, wobei die Patientin schrie: „Ich sterbe, ich 
überlebe das nicht !" Wir ernieren dann, daß diese Krämpfe die Erinnerung 
an einen Treubruch darstellen, bei dem sie zu ihrem späteren Be- 
dauern „Ja" sagte. Sie korrigiert das traumatische Erlebnis und sagt jetzt 
fortwährend: Nein. Es ist, als ob sie sich gegen eine neuerliche Ver- 
suchung schlitzen wollte und schon a priori immer „Nein" sagt. Es ist 
das häufige Symptom der „nachträglichen Korrektur". 

Diese Erscheinungen sind eigentlich den Tics zuzuzählen. Wie 
Brissaud treffend ausgeführt hat, stellen die Tics eine „systematische" 
Bewegung dar, sie ersetzen einen Akt. „Das unterscheidet sie von den 
Krämpfen, welche isolierte Muskelkontraktionen sind" (Janet). 

Solche Tics spielen bei der Angstneurose und Angsthysterie eine 
große Rolle. Bei unserem Material sind sie aber verhältnismäßig seltener 
als bei den Franzosen. Janet erzählt eine Reihe hochinteressanter Kranken- 
geschichten, die über ganz merkwürdige Tics berichten. Da gibt es Ja- 
und Neinsager; eine Frau mit einem Torticollis, der verschwindet, wenn 
sie mit dem kleinen Finger der linken Hand auf das Kinn drückt, Ver- 
zerrungen der Füße und Beine, Muskelkrämpfe der Wirbelsäule, die eine 
Skoliose vortäuschen, Männer, die 6ich die Haare ausreißen, Frauen, die 
eine Coxalgie vormachen usw. Leider fehlt uns in allen diesen Fällen die 
psychologische Erklärung, wie ich sie für meinen Fall von der Dame, die 
immer Nein sagt, geben konnte. 

Die Krämpfe (oder die Tics) können die Augenlider betreffen. Die 
Leute zwinkern dann immer mit den Augen , als wollten sie einen Fremd- 
körper entfernen. Manche Bewegungen sind geradezu komisch. Sagte doch 
Charcot mit Recht: „Der Tic ist die Karikatur eines Aktes." (Janet, Les 
Psychonevroscs.) Andere zupfen an der Nase, bohren, ziehen an den 
Kleidern usw. 

Ich konnte einen Kranken beobachten, der im Angstanfaü den Arm 
nach vorne ausstreckte, als wenn er schießen wollte. Dieser Mensch lebte 
mit der Phantasie, daß er eine bestimmte Person, den Verführer seiner 
Frau, niederschießen werde. Immer stehen diese Krämpfe im Dienste einer 
unbewußten Idee. Wenn eine Kranke an OesophaguBkrämpfen leidet, so 
will sie offenbar nicht essen, weil sie lebensüberdrüssig ist. Viele dieser 
Krämpfe sind Widerstandsbewegungen und Schutzmaßregeln. 

Ein sehr lehrreiches Beispiel ist der Vaginismus. Was wurden alles 
f Ur Hypothesen aufgestellt, um diese Erscheinung zu erklären ! Man einigte 
sich schließlich, den Vaginismus als ein Symptom der Hysterie aufzufassen. 

Weniger bekannt ist der Vaginismus als Zeichen einer Angstneu- 
rose. Er tritt häufig bei jungen Frauen auf, deren Männer unerfahren, 
relativ impotent oder nur ungeschickt sind. Die Frauen werden reizbar, 
weinerlich gestimmt, ängstlich, klagen über Herzklopfen, Schwindel, Ohn- 
machtsanfälie, Migräne ubw. Bekanntlich bricht die Angstneurose bei jungen 
Frauen sehr häufig durch, wenn sie noch anästhetisch sind, d. h. wenn 
die Sexnalabneigung noch nicht überwunden ist. Das ist ja die tiefste 
Wurzel der Dyspareunie. 



Klinik der Angstneurose : Mtiskelkrämpfe, Tics and Schmerzen. 137 

Kiieh (I.e.) unterscheidet scharf zwischen Vaginismns, sexueller 
Anästhesie, welche er immer als pathologisches Symptom, z.B. als Folge 
von Rückenmarkeerkranknngen oder Diabetes nsw. auffaßt, und Dyspa- 
reunie, welche früher auch Anaphrodisie benannt wurde. Ich kann da 
keinen besonderen Unterschied finden. Es handelt sich — die organischen 
Störungen ausgenommen — immer um Konversionssymptome. 

Überall, wo die Sexualabneigung die Oberhand hat, wird 
sich sexuelle Anästhesie konstatieren lassen, besonders häufig bei 
Hysterischen, aber auch bei den Angstneurotikern. Auch der Vaginismus 
ist auf unbewußte psychische Motive zurückzuführen. Die durch die. unge- 
schickten Versuche des Mannes erbitterte Frau verweigert demselben den 
Liebesakt. Der Vaginismus ist manchmal nur ein Symptom der 
Angst vor dem Koitus. 1 ) Diese Angst kann nur durch die Liebe zum 
Manne überwunden werden. Eine mir bekannte Dame produzierte ihrem 
Manne gegenüber Vaginismus, während sie einem Jugendfreunde keine 
Schwierigkeiten machte. Sie hatte diesen Mann ohne Liebe, aus kalter 
Berechnung geheiratet. Den Jugendfreund liebte sie über alle Maßen. Sie 
änßerte mir einmal, sie wolle nur ein Kind von ihrem Geliebten haben. 
Das war die psychische Wurzel ihres Vaginismns. Wir sehen, er hat 
eigentlich dieselbe Motivierung wie das nervöse Erbrechen, wie die Magen- 
krämpfe der Angstnenrotiker, wie die Idiosynkrasie gegen Fleischspeisen 
nsw. Schwere Fälle von Vaginismus erfordern eine psychoanalytische 
Behandlung. 

Anßer den Mnskelkrämpfen spielen auch die Muskelschmerzen bei der 
Angstneurose eine gewisse Rolle. 

Freud macht in seiner Arbeit über die Angstneurose darauf aufmerk- 
sam, daß viele der sogenannten rheumatischen Schmerzen nur Symptome 
einer larvierten Angstneurose sind. Ähnliches läßt sich mit noch größerer 
Berechtigung von den jetzt so modernen „gichtischen" Schmerzpunkten, 
gichtischen Neuralgien usw. sagen. Häufig tut gegen solche harnsaure 
Schmerzen eine Badekur Wunder. Aber nur, weil die Frauen den Schäden 
des Coitus interruptuB entzogen werden und hie und da in Badeorten neue 
Verhältnisse anknüpfen und weil die Männer in den Tagen der Knr ihre 
Gelüste in normaler Weise außer der Ehe befriedigen. Diese rätselhaften 
„rheumatischen" oder „ gichtischen" Schmerzen entstehen gleich den Par- 
ästhesien durch eine Art Konversion, d. h. durch Verwandlung eines 
psychischen Phänomens in ein somatisches. 

Nr. 70. 60 kannte ich eine Dame, die seit sieben Jahren Ober einen un- 
angenehmen Muskelschmerz nnd Muskel kram pfe im rechten Oberschenkel klagte. 
Massage, Elektrizität, Jodeinpinselangen hatten gar keinen Erfolg. Die Dame 
stand schon einige Jahre mit Angstneurose in meiner Behandlung. Außer den 
Kardinalsymptomen einer gesteigerten Ängstlichkeit litt sie an Herzklopfen, 
leichten Schwindelanfallen. Von Zeit zu Zeit trat auch Schlaflosigkeit auf, die 
dann besonders hartnackig war und die Patientin sehr herunterbrachte. Einmal 
machte ich den Versuch, den rätselhaften Schmerz im Oberschenkel psycho 
analytisch anzugehen. Es zeigte sich überraschenderweise, daß es sich um eine 
Konversion handelte. Patientin war in der Ehe nicht befriedigt. Nicht, daß ihr 

') Diese Angaben der ersten Auflage über Vaginismns wurden durch die Arbeit von 
Prof. Walthood, „Die psychische Ätiologie und die Psychotherapie des Vaginismns" 
(Münchener mediz. Wocben'scbr., 1909, Nr. 39), bestätigt. Auch Walthood, der mein Buch 
nicht gekannt bat, kommt zu dem Schlüsse, daß der Vaginismus durch eine Phobie bedingt sei. 



138 Erster Teil. Die Angstnenrose. 

Mann impotent war. Im Gegenteil! Er verfügte Über eine starke Potenz — 
sie blieb aber bei ihm immer anasthetisch. (Diese Beobachtung kann man Bebr 
häufig machen, wenn Frauen gezwangen sind, Manner, die sie weder lieben 
noch begehren, za heiraten.) Einmal in der Sommerfrische machte ihr ein 
Freund ihres Mannes den Hof und bewarb sich um ihre Gunst. Als sie bei 
einem Ausflüge im Grase ruhten, warf er sich auf sie und wollte den Beischlaf 
ausüben. Sie schrie, so laut sie konnte, denn sie war wohl zu einem unschul- 
digen „ Flirt", eventuell einem Kuß, aber nicht zum Äußersten zn haben. Sie 
schrie also und erreichte ihre Absiebt. Der (von ihr geliebte) Mann ließ von 
ihr ab. Aber einige Monate spater trat eine Angstnenrose auf ond sie begann 
Aber Schmerzen im Oberschenkel zu klagen. Es war jene Stelle, wo sie die 
kraftige Hand des Versuchers gefohlt hatte. Der Schmerz war durch Konversion 
entstanden. Tagelang hatte sie dort ein Brennen gefühlt, das sie sexuell sehr 
erregte. Anch gestattete ihr der Schmerz, nachdem sie die Erinnerung an das 
peinliche Erlebnis verdrangt hatte, mit ihrem Manne Ober den unangenehmen, 
sie erregenden Vorfall zu sprechen. Sie hatte bisher vor ihrem Manne kein 
Geheimnis gehabt. Die Sache mit dem Freunde hatte sie verschwiegen, weil 
sie nicht schuldlos gewesen. Weil sie die ersten Annaherangen, ja sogar einige 
Küsse ohne Widersprach geduldet hatte. So aber klagte sie Über dieses Er- 
lebnis, sie erzahlte ihm alles, freilich in symbolischer, versteckter Weise. Der 
Schmerz mahnte sie also an das Erlebnis, ohne ihr das Peinliche desselben 
znm Bewußtsein zu bringen. Die Analyse fahrte ein vollständiges Verschwinden 
der Schmerzen herbei. So wOrde sich mancher rheumatische Schmerz durch 
Konversion erklaren und durch Aufklarung heilen lassen. 

Nr. 71. Ein ähnlicher Fall ist noch interessanter. Eine 36jährige Dame 
leidet seit 14 Jahren an Kreuzschmerzen, die so unerträglich sind, daß sie 
wochenlang das Bett hüten muß. Der Schmerz strahlt im letzten Jahre in den 
Bauch aus. Ein berühmter Frauenarzt erklärt, es bandle sich um „ Adhäsionen " 
nnd Bchlägt eine Laparotomie vor. Sie holt meinen Rat ein. Ich informiere 
mich, nachdem ich objektiv keine somatische Erkrankung konstatieren konnte, 
nach der Psychogenese dieses Schmerzes. Es stellt sich eine denkwürdige Tat- 
sache heraus. Sie lebt eine unglOckliche Ehe mit einem Nearotiker, der sie 
nicht aus Liebe, sondern aus Berechnung geheiratet hatte und sie nun ans un- 
bewußten Motiven dafür büßen läßt. Das erstemal hatte sie diesen heftigen 
Kreuzschmerz in der Brautnacht empfanden. Damals hatte ihr der Mann bei 
der Defloration, die ihr so viel Schmerzen verursacht hatte, zugerufen: „Dn 
hast mich betrogen! Du bist keine Jungfrau mehr!'' Diese peinliche 
Erinnerung ist fast gänzlich vergessen. Sie spricht nie davon. Aber der 8chmerz 
im Kreuz ist die Fixierung dieser unangenehmen Szene. Die Krankheit ist die 
Strafe für ihren Mann, dem sie infolge der zahllosen Kuren große Kosten ver- 
ursacht hat. 

Nach Aufdeckung der psychogenen Wurzel (nach sieben Tagen!) 
verschwindet der Schmerz vollkommen. Nach einer heftigen Szene mit ihrem 
Manne ein neuer Rückfall. Der Schmerz ist aber nicht mehr so intensiv und 
verschwindet nach zwei Tagen, nm nie wiederzukehren. 

Besondere die sogenannten „Herzschraerzen" jugendlicher Individuen 
sind in den meisten Fällen ßeelische Schmerzen, die anf das Herz, als 
den Sitz aller Empfindungen, projiziert worden sind. Bei älteren Personen, 
die an Arteriosklerose leiden, ist die DitTerentialdiagnose, wie ich bereits 
ausgeführt habe, bedeutend schwerer. 



Klinik der Angstneurose : Mnskelkrämpfe, Tics and Schmerzen. 139 

Aber die Angaben: „Mein Herz schmerzt mich", „Es liegt mir was 
am Herzen", „Es drückt etwas aaf dem Herzen" sind auf .unglückliche 
Liebe" verdächtig and man versuche — wie ich das im Kapitel über 
Herzkrankheiten ausgeführt habe — niemals das Forschen nach seelischen 
Ursachen. 

Aber anch Mnskelkrämpfe, die wir als Beschäftigungsneurosen 
kennen, können auf dem Boden einer Angstneurose durch psychische 
Motive entstanden sein. Diese Zustände nennt Janet ebenfalls Tics. 

Nr. 72. Ich erinnere mich an einen Patienten, der, bei großem Bedürfnis, 
ans Angst vor Infektionen abstinent lebte. Er hatte typische Zeichen der Angst- 
neorose (Schwindel, Herzklopfen) und zeigte auch sogenannte neurastheni6che 
Symptome (Kopfdrnck, Dyspepsie, leichte Ermüdbarkeit, Rachialgie, Schlaf- 
losigkeit). Bei ihm trat erst nur bei gewissen Gelegenheiten, dann immer 
häufiger ein Schreibkrampf auf, der ihn hinderte, seinen Beruf auszufüllen. Er 
hatte bisher seinen ganzen Verdienst hergegeben nnd damit seinen Vater, den 
er aus verschiedeneu Motiven haßte, und die ganze Familie erbalten. Der Vater 
sollte gezwungen werden, za arbeiten. Die von der Angstnearose her disponible 
Angst wurde jetzt als Angst vor dem Schreibkrampfe verwendet. Sollte er ein 
Offert schreiben, so quälte ihn schon den ganzen Tag der Gedanke, ob er nicht 
durch den Schreibkrampf daran gehindert werden würde. Aus diesem Zirkel 
gab es kein Entrinnen. Er war bald nicht imstande, sich die einzelnen Posten 
der Auftrage zu notieren. Früher hatte er sich alles auswendig gemerkt. Er 
hatte auch jetzt noch diese Auftrage zu Hause seiner Mutter, an der er mit 
großer Liebe hing, diktieren können. Allein sein Unglück vergrößerte sich durch 
eine rapide Abnahme des Gedächtnisses. Er konnte sich keine Zahl und keinen 
Preis merken. Er gab ganz falsche Preise an, so daß er große Aufträge rück- 
gängig machen mußte. Er wnrde vollkommen untauglich für jeden Erwerb und 
setzte sich neben den Vater auf die Ofenbank. Die Schwestern erhalten jetzt 
das Baus mit den zwei arbeitsunfähigen Männern. Dabei jammert er, er möchte 
so gerne arbeiten, er möchte wieder gesund «ein; wenn nur die verteufelte 
Angst vor dem Schreibkrampf nicht da wäre! Der Versuch einer psychoanaly- 
tischen Behandlung mißlingt, da der Patient nach einigen Sitzungen ausbleibt. 
Die inneren Widerstände gegen die Heilung sind größer als der Wille zur 
Gesundheit.') 

Ich möchte nicht verallgemeinern. Aber ich glaube, ge- 
wisse Krampfzustände bedürfen noch genauer psychoanaly- 
tischer Durchforschung. Eine andere Berufsneurose zeigt ebenfalls die 
Macht der unbewußten Widerstände. Es sind dies die merkwürdigen Kehl- 
kopfkrämpfe, an denen die Hänger leiden, die ihren Beruf nicht lieben. 
So kannte ich einen sehr intelligenten jungen Mann, der sich gegen den 
Willen seines reichen Vaters für die Bühne ausbildete. Er bekam ein sehr 
mäßiges Monatsgeld und fand kaum sein Auskommen. Plötzlich begann 
seine schöne kräftige Stimme zu ermüden und er brachte nach einigen 
reinen Tönen keinen ordentlichen Ton mehr ans seiner Kehle. Ich konnte 



') Jantl m;icht bei der Beschreibung eines Falles von Scbreibkrampf eine sehr 
treffende Bemerkung, die etwas von den unbewußten Motiven des Krampfes verrät: „Bei 
dieser Kranken, die vom Kopieren lebt, ging dem .Schreibkrampf lange Zeit ein anderes 
Symptom vorher, das meiner Ansicht nach eine grolle Bedeutung hat nnd beim Schreib- 
krampf häutiger vorkommt, als man glauben sollte. Sie empfand eine enorme tiefgehende 
Abneigung (degout) gegen ihr Metier, sie hatte kaum den Mut. sich an ihre Kopien zu 
machen, sie hätte vorgezogen, alles andere (n'importe nuoi) «u arbeiten." 



140 Erster Teil. Die Angstneurose. 

ihm in der Psychoanalyse nachweisen, daß er Reue empfand und lieber 
zu Vätern nach Hanse wollte, als sich länger in der Fremde unter Ent- 
behrungen zu plagen. Es bestritt meine Ansicht heftig. Nach ein paar 
Jahren traf ich ihn wieder. Er war mittlerweile Mediziner geworden, hatte 
sich mit seinem Vater ausgesöhnt und will sich der Psychoanalyse widmen. 

Eine junge Sängerin ans guter Familie, die noch das Konserva- 
torium besacht, konsultiert mich aus den gleichen Gründen. Auch diese Dame 
war für diesen Beruf untauglich. Denn sie hatte eine engherzige „bürgerliche" 
Moral und fürchtete sich vor den erotischen Gefabren des Bühnenlebens. Ich 
gab ihr den Rat, das Bingen aufzugeben und einen anderen Beruf zu ergreifen. 
Sie folgte und gewann nach ein paar Monaten, nachdem sie sich glücklich 
verheiratet hatte, die alte Stimme wieder. 

Ich werde bei Besprechung der Angstbysterien über dieses Thema 
an Hand der Analyse einer Sängerin noch mancherlei zu sagen haben. 
Auch das Stottern, das interessanteste aller dieser Phänomene, wird ans 
später noch beschäftigen. Wir eilen zu einem anderen wichtigen Symptom 
der Angstneurose. 



XV. Klinik der Angstneurose : Schlaflosigkeit. 

Die große Erregung deB Zentralnervensystems dokumentiert sich bei 
den schweren Formen der Angstneurose in der psychischen Reizbarkeit, 
in dem raschen Wechsel der Stimmung, so daß das klinische Bild bald 
mit dem der Manie, bald mit dem der Melancholie entfernte Ähnlichkeiten 
aufweist. Die Patienten können sich in so hochgradiger Aufregung befinden, 
daß sie — glücklicherweise nie ernst gemeinte — Suicidversuche machen. 
Die Neigung zum Aufbrausen, die Umwandlung von Angst in 
Zorn ist ein charakteristisches psychologisches Moment im Leben der 
Angstnenrotiker. Sie sind ja alle Affektmenschen und jede Neurose ist eine 
Störung der Affektivität. Ein starkes Triebleben bringt sie leichter in 
Konflikte als die Normalmenschen. Ein breites Fundament von Haß fördert 
TodeBwttnsche und wird die Quelle endloser Vorwürfe und eines quälenden 
Schuldbewußtseins. Dann kommt es zu Bindungen der Affekte. Die Angst- 
nenrotiker können durch den Ausdruck völliger Teilnahmslosigkeit, durch 
den Mangel an jeder Lebensfreude den Eindruck von Melancholischen 
darbieten. Doch wird die Stimmung nie lange festgehalten. Und gerade 
dieser rasche Stimmungswechsel ist ein typisches Symptom der Angst- 
neurose. Aber auch andere zerebrale und spinale Symptome fehlen nicht: 
Migräne (sogar als typisches Angstäquivalent mit heftigem Erbrechen), 
Gähnkrämpfe, Schlaflosigkeit, lebhafte Steigerung aller Reflexe und selbst 
Halluzinationen (besonders in der Kindheit und bei Kombination mit Hysterie) 
sind gar nicht selten zu beobachten. 

Manchmal entwickelt sich auf dem Boden einer Angstneurose eine 
schwere Psychose. Doch gehören diese Fälle zu den seltenen und gerade 
die Angstneurose zeichnet sich ja vor allen aoderen Neurosen durch ihre 
leichte Heilbarkeit aus. Werden die schädlichen Ursachen beseitigt, die Ver- 
drängungen wieder bewußt gemacht und abgefertigt, die Konflikte ge- 
mildert, so tritt eine rasche Besserung des quälenden Zustandes ein. 

Häutig gehen die Befürchtungen der Kranken dahin, der Schlag werde 
sie treffen, sie seien rückenmarksleidend, ihr Gedächtnis habe gelitten; sie 



Klinik der Angstneurose : Schlaflosigkeit. 141 

fühlen das Nahen einer schweren Geisteskrankheit. Diese Befürchtungen sind 
jedoch vom Arzt durch beruhigende Auskunft nicht zu beseitigen, da es 
sich um Zwangsvorstellungen handelt, deren psychische Behandlung unum- 
gänglich notwendig ist. Aus dem Hang zum Nachdenken, aus der ängst- 
lichen Erwartung entstehen die Gewissensangst und Zweifelsucht, die 
.typische moralische Überbedenklichkeit", die Sucht zum Grübeln. Solche 
Angstzustände führen mitunter zu Schlaflosigkeit. Freilich darf man dabei 
die wichtigste Ursache der Schlaf losigkeit — die mangelnde sexuelle 
Befriedigung — nicht vergessen. Hinter allen Fragen, die dem Kranken 
ungelöst erscheinen, steckt immer die eine wichtige Frage: die sexuelle. 
Einförmig (als Überwertige Idee) oder rasch wechselnd (fast wie eine 
Ideenflucht) kreisen die Gedanken des Nachts, wenn der Angstneurotikcr 
den Ablenkungen des Tages entzogen ist. Die allgemeine Ängstlichkeit 
wird durch die Schrecken der Nacht noch gesteigert. Die aufgespeicherte 
Angst schreit nach Entladung; die Nacht ist gewissermaßen den sexuellen 
Gedanken reserviert. 

Die Schlaflosigkeit ist eines der unangenehmsten Symptome der 
Angstneurose. Tritt sie als Folge eines Angstaffektes auf, so ist sie leicht 
zu diagnostizieren. Die Kranken werden vor dem Einschlafen plötzlich von 
einem Angstgefühl überfallen, das sie in den meisten Fällen ins Organische 
verschieben. Sie fürchten, es werde etwas Schreckliches geschehen, der 
Schlag werde sie treffen, sie Rtünden am Beginne einer schweren Krank- 
heit, das Herz werde zu schlagen aufhören. Jetzt sei das Ende gekommen. 
So sei einem zu Mute, wenn man sterben müsse. Die Angstgedanken jagen 
nun einander in bunter Folge oder ein Gedanke — manchmal nur ein 
einziges, sinnloses Wort — kreist einförmig immer wieder durch das Feld 
des Bewußtseins. 

Das Studium dieser einzelnen Worte, die nur scheinbar sinnlos sind, 
ist sehr interessant. So sagte ein Neurotiker immer wieder: Mortateller! 
Mortateller! Es ist dies der Name einer Wurst, heißt aber in diesem 
Falle = Mord — a (ein!) — Teller und bezieht sich auf seine Vergiftungs- 
phantasien. Eine Dame, die stundenlang eine Melodie hersummen mußte 
und nicht schlafen konnte, sang mir die Melodie vor. Ich erkannte sofort 
das bekannte Lied „Ich bin eine Witwe, eine kleine Witwe usw." Hinter 
dieser harmlosen Melodie verbargen sich Todeswünsche gegen ihren Gatten. 
Noch häufiger kommt es vor, daß die von der Angstneurose Be- 
fallenen ruhig einschlafen und dann durch einen Angsttraum geweckt 
werden. Das bekannte Gefühl des Stürzens aus einer Höhe, des plötzlichen 
Falles, wobei der ganze Körper eine zuckende Bewegung macht, diese Sen- 
sation, die besonders in den ersten Stunden des Schlafes eintritt, ist ein 
bei Angstneurotikern sehr häufiges Symptom. 

Die Angstneurose bessert sich nur nach Änderung der 
ätiologischen Faktoren. Der Angstneurotiker schläft wieder ein, wenn 
seine Libido befriedigt wird. Ist das nicht der Fall, so ist der Schlaf 
kaum zu erzwingen. Am wirksamsten noch mit Brom, das die Libido 
herabsetzt. 

Sein Schlaf ist meist unruhig, von wilden, wirren Träumen erfüllt, 
ans denen er mit Schweiß bedeckt klopfenden Herzens erwacht, worauf 
er gewöhnlich lange keinen Schlaf finden kann. Es sind typische, erotische 
Träume, die ihn quälen. Die Frauen träumen von Messern, die ihre Brust 
durchbohren, von großen, wilden Männern, die ihnen nachlaufen, von 



142 Erster Teil. Die Angstneurose. 

riesigen Stieren, die sie verfolgen, von wiehernden Hengsten usw. Die 
Männer, daß sie sich in großen Gefahren befinden, daß sie bei einer 
Prüfung durchfallen, daß sie vor Gericht als Angeklagte stehen. Hie und da 
erschrecken Inzesttränme oder perverse Regungen (homosexuelle Träume !) 
das moralische Ich und erzwingen durch Erwachen die Kontrolle des Be- 
wußtseins. Die Träume verraten uns aber noch mehr. Der Neurotiker 
träumt von einem Mord , von Toten , von Verbrechen. Lernen wir einmal 
die Sprache des Traumes kennen und gewinnen wir einen Einblick, so 
finden wir mit Erstaunen , in welchem schweren Kampf sich der Angst- 
nenrotiker mit seinen kriminellen Impulsen befindet. 

Jede Angst ist die Angst vor sich selbst! 

In der Nacht erwachen die verbrecherischen Gedanken und verlangen 
Realisierung. Sie wollen mehr sein als blasse Schemen. Da erschrickt 
der Neurotiker vor dem eigenen Ich. Da gewahrt er den gähnenden Ab- 
grund seiner Seele. Und mancher kann nicht schlafen, weil er sich vor 
den bösen Gedanken des Traumes fürchtet. Janet erzählt einen solchen 
Fall, wie eine Kranke nach einigen Minuten ruhigen Schlafes mit furcht- 
baren Angstgefühlen erwacht und so die ganze Nacht in einer schier end- 
losen Qual verbringt. Ähnliche Fälle haben es mir bewiesen, daß solche 
Kranke sich vor ihren eigenen Phantasien fürchten. Die Analysen der 
Träume verraten uns diese Phantasien. 

Wir werden Gelegenheit haben, bei Besprechung der Angsthysterien 
(Phobien) eine ganze Reihe solcher Angstträume zu analysieren. Doch ver- 
gesse man nicht, daß ein Angsttraum auch die Einleitung einer schweren 
Infektionskrankheit darstellen kann. 

Ich wurde einmal als Mediziner von einem heftigen Angsttraom gequält. Ich schrie 
laut aus dem Schlafe. Es war das erstemal in meinem Leben. Damals war ich sohon im In- 
kubationsKtadinm eines schweren Typhus. 

Man wird solche Träume als verfeinerte Wahrnehmung eines von der bewußten Denk- 
arbeit befreiten Gehirnes ansprechen. Es liegt gar kein Anlaß vor, solche Traums als prophe- 
tische zn denten. 

Mein Sohn (9 Jahre) wacht des Nachts mit einem heftigen Angsttraom aal'. Ein Drache 
bnbe ihn verfolgt and hab' ihn .beißen" wollen. Er ist dieselbe Nacht vor Angst schlaflos. 
Nach zwei Tagen erkrankt er an einer schweren Halsentzündung. 

Ein unvermutet bei einem sonst nicht neurotischen Patienten auf- 
tretender Angsttraum, eventuell mit Schlaflosigkeit, soll den Praktiker immer 
an das Inkubationsstadium einer Infektionskrankheit mahnen. 

Natürlich werden die Fieberträume dieselben Komplexe verraten, wie 
die normalen Angstträume. Eine Analyse der verschiedenen Fieberphanta- 
sien wäre eine sehr dankbare Aufgabe für einen Psychoanalytiker. 

Geradezu wunderbar ist es, wie die Schlaflosigkeit der Neurotiker 
verschwindet, wenn die sexuelle Befriedigung die Erregung herabsetzt und 
die Angst bindet. Beim sexuellen Akte strömt immer etwas Angst ab, 
die sonst aufgehäuft die Menschen krank macht. Das kann man speziell 
bei vielen Frauen, deren Männer reisen, beobachten. Solange die Männer 
auf der Reise sind, schlafen sie elend. Sie motivieren die Schlaflosigkeit 
damit, daß sie nicht allein schlafen können, lassen auch eine Verwandte 
bei sich schlafen, weil sie sich vor „Einbrechern" fürchten. Die Psycho- 
logie dieser Angst ist zu durchsichtig. (Vgl. den Fall Nr. 75!) Kommt der 
(potente!) Mann nach Hause, so schlafen sie ausgezeichnet. Notabene, nur 
wenn es sich um normalen Geschlechtsverkehr und um eine Angstneurose 
infolge von Abstinenz handelt. Im anderen Falle (Coitus interruptus, Eja- 



Klinik der Angstneurose : Schlanosigkeit. 143 

calatio praecox) verschafft oft der Wegfall der schädlichen Reize ohne Be- 
friedigung, die die Libido nnr aufstacheln nnd nur neue Angstmassen frei- 
machen, die ersehnte Rahe and den gaten Schlaf. Ich verfüge über einige 
Beobachtungen dieser Art. 

Nr. 73. Frau H. C, 32 Jahre alt, leidet seit 4 Jahren an schweren Angst- 
anfällen. Sie wird plötzlich blaß, das Herz klopft heftig, sie fühlt einen solchen 
Schwindel, daß sie sich niederlegen muß. „Es ist, als ob mich eine stärkere 
Kraft nach hinten ziehen würde", sagt sie. In diesem Zustande fangt sie häufig 
fürchterlich zu schreien an: „Das wird mein Todeskampf sein! ßo maß ein 
Todeskampf sein!" oder: „Ich werde einmal so liegen bleiben nnd einschlafen." 
lu den letzten Jahren hat sie vor dem Anfall das Gefühl, als ob ihr die Füße 
anschwellen würden. Das ist keine Einbildung; die Fußsohle war 
wiederholt geschwollen. Ich habe es selbst konstatieren können. 1 ) Dabei 
steigt ihr das ganze Blut zn Kopfe und benimmt ihr den Atem. 

Sie ist hereditär nicht belastet, bat außer einem Ulcus ventriculi uod einer 
sekundären schweren Anämie keine Krankheiten mitgemacht. Sie hat drei Kinder. 
Seit dem letzten Kinde (5 Jahre) Coitns interruptus. Sie ist außerordentlich 
eifersüchtig und wie alle eifersüchtigen Frauen — unersättlich. Außerdem 
zeigt sie eine starke homosexuelle Komponente. (Tiefste Wurzel der Eifer- 
sucht!) 6ie behauptet mir gegenüber, vollkommen anflsthetisch zn sein. „Sie 
stehe auf solche Dinge gar nicht an." Ich weiß aber die Wahrheit aus 
dem Munde ihres Mannes, der einmal mit einer Gonorrhöe zu mir kam und mich 
befragte, ob das von einer übergroßen Reizung herrühren könne. Er habe heute 
Nacht — über jedesmaliges Verlangen seiner Frau und nach entsprechenden 
Manipulationen — den Koitus zehnmal (!) ausüben müssen. Sie sei jetzt fürchter- 
lich reizbar und mache ihm das Haus zur Hölle. 1 ) Der Mann, der früher immer 
zu Hause war, ist jetzt Reisender und laßt sie oft 6 Wochen allein. Zurückge- 
kehrt, übt er zweimal die Woche den Koitus mit ihr aus. Sie wirft ihm immer 
eheliche Untreue vor: „Da gibst dich anderweitig aus, folglich hast du für 
mich nichts übrig". 

Die Potenz dieses Mannes ist eine so große, daß er trotz des Coitus inter- 
ruptus bei ihr das Gefühl zweimaliger Befriedigung hervorrufen kann. In seiner 
Abwesenheit ist sie ohne Angstgefühl vollkommen schlaflos. Sobald der Mann 
wieder einrückt nnd seine Pflicht erfüllt, schlaft sie ruhig und traumlos. Nach 
längeren Pausen, wie wahrend der Menses, ist sie ebenfalls schlaflos oder 
schlaft sehr unruhig meistens erst des Morgens ein. 

Eine hübsche Erklärung findet das prämonitorische Anschwellen der Sohlen, 
das bei ihr auch als Angstäquivalent vorkommt. Ihr Mann pflegt sie — Bte ist 
überaus kitzlich — mit seiner großen Zehe an der Fußsohle zu kitzeln, wenn 
er sie zum Koitus animieren will. Das ist so seine Art, sie zum Tanze heraus- 
zufordern. Dieses Symptom leitet auch den Angstanfall ein. So stark ist die 
Erregung der peripheren Nerven, daß sie zeitweilig eine Transsudaten 
hervorruft. (Angionenrotiscbes ödem!) 



') Freud erzählte mir von einem an Platzangst (Angsthrsterie) leidenden Manne, der 
nich Oberschreiten eines Platzes ausgebreitete Ödeme an beiden Beinen aufwies. Ging sein 
Hausarzt mit ihm, so konnte er drei Standen lang marschieren, ohne ein Spar eines Ödems 
aufzuweisen. Allerdings hatte er dann auch keine Angstgefühle. 

') GrMparzcr sagt von der Katharina Fröhlich: „Sie zeigte alle Wirkungen 
der unbefriedigten Gescblechtsliebe. Sie ward argwöhnisch, heftig, zänkisch ." (Briefe and 
Tigt bucher.) 



144 Erster Teil. Die Angstneorose. 

Ödeme bei Angstneurose teils als Begleiterscheinung, teils als Äqui- 
valent, sollen nach Freuds mündlicher Mitteilung gar nicht so selten sein. 

Nr. 74. Herr A. K., ein 22jäbriger Mediziner, dessen Vater an progressiver 
Paralyse gestorben ist, leidet seit 4 Monaten an Schlaflosigkeit. Schon seit 
einem Jahre quälen ihn Angstgefühle unbestimmten Charakters. Er 
klagt außerdem über Zittern der Hände, über allgemeine Schwache und beson- 
ders über Energielosigkeit. Er ist nicht imstande, Beine Gedanken längere Zeit 
auf ein Thema zu konzentrieren. Er kann infolgedessen nicht mehr studieren. 
Er schweift immer wieder ab. Es fallen ihm Melodien ein, die er pfeifen 
muß; phantastische Bilder erscheinen vor seinem geistigen Auge in rascher 
Folge. Ein toller Wirbel von Bildern, Ideen, Erinnerungen und Wünschen lenkt 
seine Aufmerksamkeit ab. Immer begleitet eine bestimmte Melodie den ganzen 
Reigen. 

Vor dem Einschlafen empfindet er heftige Atemnot und Herzklopfen. 
Er findet mühsam einen unruhigen Schlummer, aus dem er nach einigen Stun- 
den mit Herzklopfen, Atemnot und Angstgefühlen erwacht Dann ist es mit dem 
Schlaf vorbei. 

„Was für eine Melodie hat Sie denn heute nicht studieren lassen?" 

Er pfeift mir ein Wienerlied vor, an dessen Text er sich nicht erinnern 
kann. Es ist mir wohlbekannt. Die Worte lauten: „Wiener Frauen, hold und 
schön — ach wie herrlich anzusehn." Er hatte das Lied wiederholt gehört und 
den Text vergessen. 

Ebenso zeigten alle anderen Melodien Beziehungen zum erotischen 
Komplex. 

Der junge Mann ist sexuell außerordentlich bedürftig. Er hatte lange 
Jahre hindurch täglich onaniert und später zweimal die Woche den Koitus 
ausgeführt- 

Vorträge und Broschüren belehrten ihn über die Gefahren 
des Geschlechtsverkehres und er entschloß sich, bis zur Ehe keusch 
zu bleiben. Einige Monate nach der schwer getragenen Abstinenz 
brechen die ersten Symptome der Angstneurose durch, die sich so 
steigern, daß er unfähig zu jeder Arbeit wird. Seine Abstinenz fällt ihm um 
so schwerer, als seine Wirtin, eine junge, lebenslustige Witwe, ihn zum Liebes- 
spiel herauszufordern scheint. Die Melodie, die ihn im Studium störte, bezieht 
sich auf die Wirtin. 

Schließlich siegen die Jugend und der Trieb über alle keuschen Vorsätze. 
Nach ein paar Tagen ist er vollkommen gesund und schläft regelmäßig 
10 Stunden eines tiefen, ununterbrochenen Schlafes. 

Die sexuelle Abstinenzbcwegnng hat eben zwei Seiten. Mancher ver- 
meidet die Infektion nur dadurch, daß er znm Neurotiker wird. Zwischen 
Neurose und Infektion bleibt dem Jüngling nur die bange Wahl — könnte 
man ein Wort Schillers variieren. 

Nun — ein anderes Bild ! 

Nr. 75. Frau N. Z., 32 Jahre alt, Mutter zweier Kinder, Modistin, er- 
krankt an quälenden nervösen Erscheinungen. Sie hat schwere Gemtttserschüt- 
terungen durchgemacht. Sie hat sich von ihrem sehr potenten Manne wider- 
willig scheiden lassen müssen, weil er, ein großer Don Juan, mit anderen 
Frauen eine UnmasBe Geld verbrauchte und sie in große Schulden stürzte. 6ie 
wurde nach der Scheidung tranrig, nachdenklich, sehr reizbar und weinte bei 
jeder passenden und unpassenden Gelegenheit. Sic stehe so einsam im Leben. 
Sie habe keine Seele auf Erden. 8ie sei ohne ein mitfühlendes Herz. Das waren 



Klinik der Angstneurose: Schlaflosigkeit. 145 

Uue gewöhnlichen Klagen. Allmählich wnrde sie schlaflos. Brom, Verona), Trio- 
nal usw. hatten nur geringen Erfolg. Eine Veränderung der Verhältnisse durch 
eine Reise an die Nordsee verschafft vorübergehend eine bedeutende Besserung. 
Die Patientin kommt fast gesund, frisch und munter nach Hause. Hier muß sie 
sich einer kleinen Operation unterziehen (Dammplastik). Im Anschloß daran 
setzt eine vollkommene Schlaflosigkeit ein. ßie verrat ihren Charakter aus der 
Art ihrer Traume. So erzählt sie einen Traum, bei dem sie nackt von mehreren 
Mannern an einen Baum gefesselt werden sollte. Eine Reproduktion der Situ- 
ation bei der Operation, die ihre sexuelle Phantasie sehr beschäftigt. Ein 
anderes Mal hatte sie trotz Verona! (0*60) gar nicht geschlafen. Sie habe so 
lebhafte Angst gehabt. Weshalb? Weil die Hausfrau (sie wohnt in einer Pension) 
lim! das Dienstmadeheu diese Nacht nicht zu Hause waren und so viele Manner 
da wohnen. Sie sei jetzt die einzige Dame im Hause. Wie leicht könne so ein 
junger Mann sich in der Türe irren! Und zu ihr eintreten! Ich mache sie auf- 
merksam, daß es dagegen ein sicheres Mittel gibt: das Absperren der Türe 
Das kann sie angeblich nicht. Wenn ihr bei Nacht schlecht werden sollte, wer 
könnte denn zu ihr kommen und ihr Hilfe bringen? So zeigt sich diese Angst 
vor den jungen Männern als ein versteckter, unterdrückter Wunsch. Als ich ihr 
das vorhalte, ist ihre erste Frage, ob sie wieder „verkehren" dürfe. Ich bejahe 
dies. Von dem Tage an ist sie vollkommen gesund. Sie hatte allerdings an der 
Nordsee die Bekanntschaft eines Mannes gemacht, der ihr Geliebter wurde. Ihre 
Angstneurose und Schlaflosigkeit war nur durch Abstinenz entstanden. 

Schlaflosigkeit tritt nach Operationen sehr häufig auf. 
Man war eine Zeitlang geneigt, diese Schlaflosigkeit auf den Schrecken, 
die Angst und die toxische Wirkung des Chloroforms zurückzuführen. 
Aas meinen Analysen kann ich nur zu einem Schlüsse kommen: Die 
Narkose und die Operation ist ein schweres Trauma für die 
sexuelle Phantasie der Operierten. Man denke, daß eine keusche 
Frau sich nackt vor mehreren Männern hinlegen und operieren lassen 
muß. Es ist ein so vollkommener Bruch mit allem bisher scheu Gehüteten, 
daß die Phantasie mächtig erregt werden muß. Die Träume nach der 
Operation beweisen, daß die Operationen der Ausgangspunkt von Verge- 
waltigungs- und Dirnenphantasien werden, die alle nach der Währung Lust 
ohne Schuld gearbeitet sind. 

Nr. 76. Frl. K. B., 36 Jahre alt, ledig, Magazineurin, hereditär belastet 
(Mutter litt an religiösem Wahn), krankt seit 7 Jahren an Schlaflosigkeit. Die 
Schlaflosigkeit tritt besonders auf, wenn Patientin etwas vor hat. Selbst ein 
Theaterbesuch ist imstande, sie in so große Erregung zu bringen, daß sie nicht 
schlafen kann. Sie geht dann wie mit einer fixen Idee herum, daß sie nicht 
schlafen werde. Zur Zeit der Menses schläft Patientin auch ohne Gemütserregung 
sehr unruhig und schlecht. Beim Einschlafen jagt dann ein Gedanke den 
mderen (Ideenflucht). Sie stellt sich verschiedene Fragen und gibt sich selbst 
Antworten. 

Über Angstgefühle klagt Patientin niemals, dagegen über Unlustgefühle. 
Manchmal ist sie lebensüberdrüssig, die Arbeit wird ihr zuwider. Überhaupt 
kränkt sie sich, daß ihre Arbeit so nichtssagend ist. Dasselbe könnte auch ein 
Kretin leisten. 

Patientin war schon sehr früh erotisch erregt. Mit 7 Jahren belauschte 
sie einen Koitus zwischen Vater und Mutter und dachte sich: „Das ist dasjenige, 
worüber die älteren Leute sprechen." Sie erinnert sich dunkel, daß sie damals 
aufgeschrien hat. Im 14. Lebensjahre menstruierte sie und hatte besonders beim 

Slekel, Nervöse Angataoetlnde und ihre Behandlung. 2.Autl, J() 



146 Erster Teil. Die AngBtiieuroBo. 

Lesen von Romanen wollüstige Gefühle. 8ie onanierte mit Hilfe der Ober- 
schenkel. Ferner hatte sie als Kind wollustige Empfindungen, wenn ein Kind 
geschlagen wurde oder wenn sie in Buchern von Folterqualen las. Da geriet sie 
in eine fürchterliche Erregung. Mit 19 Jahren lernte sie einen gleichaltrigen 
Mann kennen, der sie schon bei leiser Berührung in große Wallung brachte. 
Er ließ es jedoch nicht zum äußersten kommen; wie er sich ausdruckte, „wollte 
er die Blume nicht brechen". 

„Obwohl ich mich schlafend stellte und ihm alles gewahrt hatte, rührte 
er mich nicht an." 

Die Eltern dieses jungen Mannes kamen hinter diese Liebe und untersagten 
ihm den Verkehr mit Frl. B. K. Diese krankte sich darüber, daß der Mann 
ihrer Liebe den Wunsch seiner Eltern erfüllte, so sehr, daß sie sich mit einem 
Freunde, den sie gar nicht liebte, einließ. Diesem gab sie sich nur ans Rache 
hin, war aber während dieses ganzen Verhältnisses vollkommen anästhetisch. 
Nach einem Jahre starb der Bräutigam. Nun trieb sie bis zum 27. Jahre die 
Onanie weiter. Dann folgte ein neues Verhältnis, das sie sexuell fast vollkommen 
befriedigte. Nach Abbruch dieser letzten Beziehungen (sie hatte sich in der Wahl 
furchtbar getäuscht) kamen ihr Bücher in die Hand, die alle vor der Onanie 
warnten und die schrecklichen Folgen des weiteren behandelten. Sie nahm sich 
vor, die Onanie aufzugeben, was ihr nur teilweise, mit unvollkommenem Er- 
folge gelang. 

Es handelt sich in diesem Falle um eine typische Angstnearose in- 
folge sexueller Abstinenz. Während sie die Onanie verhältnismäßig gut er- 
tragen hat, ist sie nicht imstande, die Abstinenz auszuhalten. 

Dies ist eine der häufigsten Wurzeln der Schlaflosigkeit. In 
zahlreichen Fällen, die ich beobachtet habe, konnte ich immer wieder kon- 
statieren, daß es sich um Onanisten handelte, die einen heftigen Kampf 
gegen die Onanie führten. Nach einem onanistischen Akte schliefen sie ruhig 
ein. Ich kenne Individuen, für welche die Onanie das einzige wirksame 
Schlafmittel darstellt. Die hartnäckigsten Fälle von Schlaflosigkeit treten 
nach dem Aufgeben der Onanie auf. Oft treten dann gehäufte Pollutionen 
als Ersatz auf. Aber alle Pollutionen sind nur onanietische Akte mit Aus- 
schaltung des Bewußtseins. (Lust ohne Schuld — das uns so wohlbe- 
kannte Leitmotiv aller Neurotiker!) 

Nr. 77. Frau L. P., 42 J., nicht belastet, verheiratet, keine Kinder, ein Abortus 
vor 18 Jahren. Nach einer Bronchitis seit 3 Wochen Schlaflosigkeit, Atem- 
not, Stechen (innerhalb der Mamilla), Herzbeklemmungen. Erwachen mit Ruck 
nach dem Einschlafen, Schweißabsonderungen an Händen und Füßen, Appetit- 
losigkeit seit 8 Tagen, Obstipation, Kongestionen gegen das Gesicht, Zuckungen 
in der Nacht und Verstimmung. Sie denkt immer an die Krankheit und ans 
Sterben. Unglückliche Ehe — der Mann jähzornig, brutal, Ejacnlatio praecox — 
kein Orgasmus. Onanie in den ersten Jahren der Ehe — seit l 1 /, Jahren auf- 
gegeben. Ist sehr empfindlich (die Eltern sind sehr glücklich verheiratet ge- 
wesen !). Vernachlässigt sich, ist apathisch und hat an „gar nichts" eine Freude. 
Todesgedanken auf den Mann. 

Die drei Wochen, während sie im Bette lag, haben das Verlangen 
nach der Onanie geweckt, vor der sie sich fürchtet. Ein Arzt klärt sie über 
die Harmlosigkeit der mäßig betriebenen Onanie auf und nach zwei Wochen ist 
sie vollkommen gesund und erfreut sich eines tiefen Schlafes. Auch diese 
Patientin konnte ohne Onanie nicht leben. An Stelle der Lust trat dann als 
Äquivalent die Angst. 



Klinik der Angstneurose: Schlaflosigkeit. 147 

Auf dieses Angstäqnivalent macht schouHecker (I.e.) aufmerksam. Eigent- 
lich war hier die Schlaflosigkeit die Folge des sexuellen Reizznstandes. 
Mangel an Befriedigung, wie Libido ohne Abfuhr, ist eine Hanptnrsache der 
Schlaflosigkeit. In diesem Falle wnrde die ängstliche Erwartung vor dem 
sexuellen Akte, der das einzig wirklich begehrte Ziel war, auf die kleinen 
Fragen des Lebens verschoben. Ohne Kenntnis dieses Mechanismus „der 
Verschiebung" würden ans fast alle Phobien und Zwangsvorstellungen ein 
Rätsel bleiben. Freud aber hat nachgewiesen, wie der Affekt von der ver- 
drängten Vorstellung abgelenkt und an eine minder peinliche geknüpft 
wird, was ich zur Vereinfachung der Nomenklatur „Verschiebung" nenne, 
ein Ausdruck, den Freud geprägt und in der Traumdeutung in gleichem 
Sinne verwendet hat. 

Wie wichtig die Kenntnis einer „Verschiebung" für die Therapie 
werden kann, das beweist der folgende Fall von Schlaflosigkeit bei einer 
Angstneurose. 

Nr. 78. Herr C. W., 68 Jahre alt, mütterlicherseits hereditär beiastet, 
leidet seit einigen Monaten an Schlaflosigkeit. Ursprünglich habe er am Abend 
heftige Angstgefühle empfunden. Auch Herzklopfen. Ihm sei zumute gewesen, 
er müßte schwer krank werden oder ein schweres Unglück könnte über ihn 
kommen. Ich frage nach genauer Untersuchung, die gar keinen organischen 
Defekt ergeben hat, ob ihn vielleicht bestimmte Sorgen oder Kränkungen nicht 
schlafen ließen. Das verneint er. Er sei nur furchtbar aufgeregt. Besonders 
alterieren ihn die Geräusche. 

„Welche Geräusche?" 

„Sehen Sie", sagt er, „das ist merkwürdig. Das Rasseln der Wageu 
geniert mich nicht. Auch wenn auf der Gasse ein anderer Lärm herrscht, das 
geniert mich ebenfalls nicht. Aber wenn die Türen so heftig zuge- 
schlagen werden, das kann ich nicht vertragen. Da werde ich so auf- 
geregt, daß ich nicht schlafen kann." 

„Nun, dem ist ja leicht abzuhelfen. Geben Sie einfach den Auftrag, daß 
die Türen nicht zugeschlagen werden dürfen." 

„Bei mir zu Hause geschieht's ja nicht. Nur unter mir. Da wohnen zwei 
leichtsinige Burschen, die kommen immer so spät nach Hause, machen einen 
Lärm, schlagen die Türen ohne Rücksicht auf die anderen zu. Das regt mich 
auf — das läßt mich nicht schlafen." 

„Sie sagten „leichtsinnige Burschen". Inwiefern sind sie „leichtsinnige" 
Burschen?" 

„Ich weiß nur, daß sie immer spät nach Hause kommen. Außerdem 
spricht mau so Verschiedenes im Hause. Doch das gehört ja nicht zur Sache." 

„Sie irren. Alles gehört oder kann zur Sache gehören. Was erzählt man 
von den „leichtsinnigen Burschen"? 

„8ie sollen beide mit dem Dienstmädchen ein Verhältnis haben." 

„Ah — jetzt verstehe ich Ihre Aufregung. Sie glauben, daß die Burschen 
jetzt zu dem Mädchen hingehen." 

„Das glaube ich nicht; das weiß ich. Ich weiß genau, daß zuerst der 
eine hineingeht. Dann höre ich wieder die Türe zuschlagen . . . ." 

Nun wäre eigentlich die Schlaflosigkeit motiviert gewesen. Der alte Herr 
gerät beim Anhören dieses Geräusches in hochgradige sexuelle Erregung. Doch 
schien mir ein Mißverhältnis zwischen der Höhe des Affektes und der gefun- 
denen Tatsache zu bestehen. Ich forschte vorsichtig weiter. 

10» 



148 Erster Teil. Die Angatneurose. 

„Haben Sie nicht schon vorher an Schlaflosigkeit gelitten?" 

„Freilich — schon als kleines Kind war ich einmal drei Monate achlsQos." 

„Lagen Sie im Schlafzimmer der Eltern?" 

„Ja! Immer, bis zu meinem zehnten Lebensjahre." 

„Haben Sie dort Dinge erlauscht, die Sie nicht hatten hören sollen?" 

„Freilich, ich habe immer ängstlich gewartet, ob die Eltern miteinander 
„raufen" werden. Ich verstand nämlich gar nichts von diesen Dingen." 

„Haben Sie den Eltern zn erkennen gegeben, daß sie wach waren?" 

„Nein. Ich habe damals geschwiegen. Ich weiß nicht warum. Dann kam 
ich sehr herunter and man bemerkte, daß ich schlaflos war." 

„Und haben Sie spater im Leben nie an Schlaflosigkeit gelitten?" 

„Noch einmal vor sechs Jahren. Da hatte ich großen Kammer mit meinem 
Sohn. Der war Beamter in einem großen Hanse. Es war sehr schwer, ihm diese 
Stelle zn verschaffen. Und was für Kosten hat er mir gemacht, bis er so weit 
gekommen ist! Endlich ist er schon auf eigenen Füßen, da macht er mir die 
8chande .... und geht mit der Frau seines Chefs, einer nm 15 Jahre älteren 
Frau, durch. Jetzt lebt er mit ihr in Amerika." 

Nach einer Weile setzt er fort : 

„ Leider hat er sich auch an der Kasse vergriffen. Ich mußte, um meinen 
ehrlichen Namen zu retten und ihn vor dem Kriminal zu bewahren, den größten 
Teil des Schadens ersetzen. Was bat das Kind mir schon für Krankung ver- 
ursacht!" 

„Also Sie schlafen nicht, weil Sie an den Sohn denken. Doch hat das 
Zuschlagen der Türe nicht auch eine gewisse Beziehung zum Sohne?" 

„Natürlich. Einmal — er war damals noch nicht 18 Jahre alt, auch so 
ein leichtsinniger Bursche wie die zwei unter mir, — habe ich eine Türe zu- 
schlagen gehört. Ich stehe leise auf und sehe, daß das Bett meines Sohnes leer 
ist. Mir ahnt was Schlimmes. Ich gebe in die Küche and finde dort meinen 
Sohn im Bette des Dienstmädchens.. Wissen Sie — Herr Doktor — , ich war 
als junger Bursche auch kein Heiliger. Aber im eigenen Hause habe ich mir 
nichts angefangen. Außerdem hat das Mädchen, das wir aus dem Hause ge- 
jagt haben, von einem anderen ein Kind bekommen. Wer hat die Alimente 
zahlen müssen? Natürlich — ich für meinen Sohn." 

Es würde zu weit führen, die Psychoanalyse dieses Falles ganz auf- 
zurollen. Die Ursache der Schlaflosigkeit war kompliziert. Er war zeit- 
lebens ein in sexueller Hinsicht sehr bedürftiger Mensch gewesen. Die 
schwer zu ertragende Abstinenz der letzten Jahre hatte ihn zum Angst- 
neurotiker gemacht. Das Zuschlagen der Türe weckte verdrängte Vorstel- 
lungen: die Szene als Kind zn Hanse, die Erinnerungen an die leicht- 
sinnigen Streiche seines Sohnes. 

Aber das Wichtigste war, daß er noch heute mit Versuchungen 
zu kämpfen hatte. Seine geheimen Gedanken gingen anf sein Dienst- 
mädchen. 1 ) (Sein Sohn war in diesem Sinne erblich belastet.) Er hatte von 
jeher einen besonderen goüt für Dienstmädchen gehabt, sogar für die im 
eigenen Hanse. Es gab große Szenen, und seine Fran starb — so sagte 
man — infolge des Kummers an gebrochenem Herzen. Auch jetzt als 
alter Mann kämpfte er mit diesen Versuchungen. Die zugeschlagenen Türen 



') „Der Hang zum Kuchenpersonal" ist auf fixierte infantile Erlebnisse zurückzu- 
führen. Solche Männer haben in der Jugend vom Kücbenpersonal lebhafte erotische Ein 
drücke empfangen. 



Klinik der Angstneurose : Schlaflosigkeit. 149 

mahnten ihn an sein eigenes Dienstmädchen. Er fürchtete, daß die leicht- 
sinnigen Barseben zu seiner Köchin heraufkommen könnten. Er war 
eigentlich eifersüchtig. 

Die psychoanalytische Methode hatte hier einen glänzenden Erfolg. 
Nachdem ich ihm das Geheimnis „der zugeschlagenen Türe -1 enträtselt 
hatte, beruhigte er sich bald und konnte die ganze Nacht ohne Störung 
durchschlafen. 

Ein anderes Bild soll diesen Reigen von Krankengeschichten be- 
schließen. Es handelt sich um einen jener Fälle, bei denen ich noch 
vor zwei Jahren die Diagnose Neurasthenie gestellt hätte. Seit damals 
habe ich neue Erfahrungen gesammelt und weiß, daß es keine Neurasthenie 
mehr gibt. Ich habe sogar scherzhafterweise in einem engeren psycho- 
analytischen Zirkel einen Preis ausgesetzt, wenn man mir eine Neurasthenie 
zur Beobachtung Überläßt, in der ich nicht als tiefete Ursache einen psychi- 
schen Konflikt nachweisen kann. Die Neurasthenie als Aktnalnenrose im 
Sinne Freuds ist nicht haltbar und auch seine ältere Anschauung, sie wäre 
durch exzessive Mastnrbatio entstanden, bedarf einer Revision. Nun zu 
unserem Kasus! 

Nr. 79. Ein 24 jähriger Handelsschüler erkrankt an Unruhe, Mattigkeit, 
Kopf- und Rückenschmerzen, Verstopfung, mangelndem Appetit. Er ist nicht 
imstande, den Vortragen in der Schule zu folgen und kann auch nicht studieren. 
Er bat ein Gefühl, als ob ein eiserner Reifen seinen Kopf umklammern würde 
und ist „furchtbar" mißgestimmt. Die Eltern meinen, er habe sich überan- 
strengt. Er studiere zu viel und Bei zu ehrgeizig. Ich solle ihn ein paar 
Wochen auf den Semmering Bchicken. Ich kann nach einer längeren Unter- 
redung absolut keine psychische Wurzel dieser Beschwerden finden. Er hat 
bis vor einigen Wochen regelmäßigen Geschlechtsverkehr ausgeübt. Jetzt sei 
er so deprimiert, daß er an solche Dinge gar nicht denke. Die Moti- 
vierung erschien mir etwas fadenscheinig. Ich fragte, ob er unglücklich ver- 
hebt sei. Das verneint er lachend. Er fahrt auf den Semmering und kommt 
nach einigen Wochen vollkommen gesund und leistungsfähig heim. 

Wie groß war mein Erstaunen, als ich nach einem Monate Gelegenheit 
hatte, seinen Bruder, einen Juristen, mit den identischen Beschwerden zu be- 
handeln. Ich dachte schon an eine Identifizierung. Solche Falle kommen sehr 
hanfig vor. Aus verschiedenen Motiven! Meist aus Neid, daß der kranke 
Bruder verhätschelt wird usw. In diesem Falle dachte ich: „Aha! Der Junge 
will auch einige Wochen auf dem 8emmering verbringen." 

Ich mache also meinem Patienten den Vorschlag, ebenfalls einige Wochen 
auf dem Semmering, der seinem Bruder so gut getan habe, zu verbringen. 

Zu meinem Erstaunen erwidert er: 

„Ich gehe absolut nicht vom Hause weg. Ich stehe vor der Prüfung und 
habe keine Zeit, den schönen Damen am Semmering den Hof zu machen." 

„8ie meinen, daß Ihr Bruder am — — — " 

„Nicht ich meine. Ich weiß es. Er hat ja das Verhältnis in Wien noch 
fortgesetzt." 

„Weiß es die Mama? Ich kenne sie als sehr strenge Dame." 

„Die Mama kümmert sich nicht um die Sachen, die außerhalb des Hauses 
vorgehen. Dagegen ist sie im Hanse geradezu krankhaft eifersüchtig. Glauben 
Sie mir, daß sie das Stubenmädchen mitnimmt, wenn sie vom Hause weggeht? 
Aus Angst, ich könnte mit ihr etwas anfangen. 1 " 

„Sie geben ihr doch keinen Anlaß zu diesem Verdacht." 



150 Erster Teil. Die Angstneorose. 

„Anlaß! Was braucht meine Mama einen Anlaß? Sie glauben gar nicht, 
wie sie meinen Bruder mit der Eifersucht wegen unseres bildschönen Stuben- 
mädchens geplagt hat. Der Arme hatte keine Rahe bei Tag nnd Nacht. Er 
war ja in das Mädel rein verliebt! Sie kam einige Male in nnser Zimmer and 
in das Madchenzimmer, nm zu kontrollieren. Besonders bei Nacht." 

„Ist das jetzt besser? 

„Jetzt habe ich Ruhe. Ich habe meiner Matter das Offiziers- 
ehrenwort (er ist Lentnant in der Reserve) geben müssen, daß ich die 
Mali nicht anrühren werde. Nein, nnr daß ich nicht in ihr Zimmer 
gehen werde." 

„Jetzt verstehe ich Ihr Leiden. Sie bedanern dieses Ehrenwort. Sie 
können nicht einschlafen, weil Sie der Gedanke plagt, da könntest 
jetzt zur Mali gehen. Erst durch das Verbot ist sie Ihnen begehr- 
lich geworden. Denn das Verbotene übt anf uns den stärksten Reiz aos. u 

„Sie haben Recht. Ich dachte früher gar nicht an das Mädchen and 
habe den Bruder ausgelacht. Jetzt hat meine Mutter meine Gedanken gewaltsam 
auf das Madchen gelenkt. Doch davon, daß ich Ihnen das erzähle, werde ich 
ja nicht schlafen können. Was raten Sie mir?" 

„Ziehen Sie aus. Ich werde der Mama sagen, daß Sie in dieser Wohnung- 
nicht studieren können und sich irgendwo ein kleines Zimmerchen mieten müßten. tt 

„Was fällt denn Ihnen ein! Das wird die eifersüchtige Mama doch unter 
keinen Umständen zugeben. Nein! Nein! Ich gehe nicht ane dem Hanse." 

Ich wußte natürlich, daß der Junge sich von Mali nicht trennen wollte, 
und verordnete ihm etwas Pantopon gegen die Schlaflosigkeit. Die Beschwerden 
dauerten eine Weile nnd besserten sich dann ziemlich rasch. 

Ich hatte Gelegenheit mit ihm allein zu sprechen. „Wie stehen Sie mit 
Ihrem psychischen Konflikt?" 

Er lachte gezwungen. „Das ist eine eigene Sache. Sie wissen, daß ich 
der Mama geschworen habe, nicht in das Dienstbotenzimmer zu gehen. Ich 
habe einen Ausweg gefunden. Mali kommt einige Male der Woche zu mir. 
Die Mama schöpft keinen Verdacht, weil ich mit dem Mädchen sehr unfreund- 
lich bin und darauf bestehe, daß sie untüchtig ist und eigentlich entlassen 
werden sollte. Gerade deshalb behält sie die Mama." 

„Wie geht es Ihnen mit der Gesundheit?" 

„Ausgezeichnet. Ich schlafe wie ein Murmeltier and esse wie ein Bär." 

Hier sehen wir, wie ein Eid den armen Jttngling in einen schweren 
psychischen Konflikt brachte. So ein Eid ist eigentlich eine milde Form 
der Erpressung. Interessant ist auch der jesuitische Kniff, mit dem er sein 
Gewissen beruhigen konnte und seine Öffiziersehre intakt erhielt. Zum 
Verständnis der Schlaflosigkeit ist dieser Fall sehr wichtig. Hier war ea 
bei beiden Brüdern nicht die unbefriedigte Libido allein. Denn der Jurist 
hatte außer dem Hanse Verkehr. Aber seine Begehrungsvorstellnngen 
gingen auf eine bestimmte Person. In einem solchen Falle kann die Libido 
für andere Personen vollkommen erlöschen und der Geschlechtsverkehr 
bei anderen bringt, selbst wenn die Phantasie eine „Mali" vorzanbert, 
niemals die volle Befriedigung. Die einfachste Formel für Schlaflosigkeit 
wäre also: Es sind unbefriedigte Wünsche nnd psychische Kon- 
flikte (Angst vor der Zukunft, einem Gerichtsverfahren, einem moralischen 
nnd sozialen Zusammenbruch), die den Neurotiker nicht schlafen 
lassen. 



Die Angstnenrose der Kinder. 151 

Weitere Falle von Schlaflosigkeit sollen uns bei der Besprechung der 
„Phobien* resp. der Angstbysterie noch hie nnd da beschäftigen. Die libi- 
dinöse Erregung, ebenso wie psychische Ursachen, vielleicht sogar toxische 
Einflüsse wirken zusammen und erzeugen dieses unangenehmste aller Be- 
gleitsymptome der Angstneurose. 



XVI. Die Angstneurose der Kinder. 

Wir haben bisher nur von der Angstnenrose der Erwachsenen ge- 
sprochen. Die Angstneurose der Kinder ist wenig gekannt and wenig 
studiert. Sie äußert sich meistens in einer plötzlich auftretenden Ängstlich- 
keit der Kinder vor Finsternis und Alleinsein, nachdem sie vorher diese 
Angst nicht gekannt haben. Man verstehe mich recht. Ein kleines Kind 
furchtet sich im Dunkeln instinktiv. Wie Freud (Drei Abhandlungen zur 
Sexaaltheorie, S. 65) betont, ist dies sogar die Wurzel aller Angst- 
empfindungen. „Die Angst der Kinder ist ursprünglich nur der Ausdruck 
dafür, daß sie die geliebte Person vermissen; sie kommen darum jedem 
Fremden mit Angst entgegen; sie fürchten sich in der Dunkelheit, weil 
man in dieser die geliebte Person nicht sieht, und lassen sich beruhigen, 
wenn sie dieselbe in der Dunkelheit bei der Hand fassen können." Dies 
gilt für alle Kinder, für die gesunden wie für die nervösen. 

Allein man bemerkt eines Tages bei Kindern, daß bei ihnen ohne- 
besondere Motivierung eine gewisse Reizbarkeit und eine Art übertriebener 
Ängstlichkeit auftritt. Die Kinder, die bisher ruhig im dunklen Zimmer 
geblieben sind, weigern sich, allein zu bleiben, gehen in kein finsteres 
Zimmer hinein. Sie beginnen sich zu schämen und fangen an, außer- 
ordentlich viele Fragen zu stellen. „Vater! Warum sind die Bäume grün?" 
.Mutter! Warum hat der Mensch nicht vier Beine?" — und so geht es 
fort, ununterbrochen, in schier unendlicher Folge weiter. Hinter diesem un- 
endlichen Fragen steht eine Frage, welche die Kinder zu beschäftigen be- 
ginnt. Sie sind mit dem sexuellen Problem in Berührung gekommen. Sie 
fühlen eine sexuelle Erregung aus dem Unbewußten, die ihnen als Angst 
zun Bewußtsein kommt. Diese Angst entspricht einer nicht zur Befriedigung 
gelangenden Libido. Und die eine Frage, die sie beschäftigt, würde etwa 
heißen: Woher kommen die Kinder? Auch andere Zeichen zerebraler 
Beizung treten auf: Blinzeln der Augen, kleine choreatische Zuckungen, 
Grimassenschneiden, eine merkwürdige, bisher nicht beobachtete Unruhe, 
Zerstreutheit, Mangel an Aufmerksamkeit beim Lernen, falls die Kinder 
schon in die Schule gehen. Auch Beschäftigungen mit religiösen Problemen 
treten in den Vordergrund. „Ob der liebe Gott Alles sehe?" „Ob Alles 
wirklich sei und kein Traum?" 

Solche Kinder fangen an, schlaflos zu werden, an „Pavor noctur- 
„Somnambulismus" zu leiden. Schlaflosigkeit ist häufig das 
erste und einzig hervortretende Symptom der infantilen Angstneurose. 
J. Zappert hat eine sehr interessante Studie „Über Störungen des kind- 
lichen Schlafes" 1 ) geschrieben. Er erwähnt schon bei Säuglingen die 
raschen, zusammenzuckenden Bewegungen, die wir bei Erwachsenen bereits 
besprochen haben und die meiner Erfahrung nach auf einen ängstlichen 

') Wiener klinische Bandschau, 1905, Nr. 41—43. 



152 Erster Teil. Die AngstneuroBe. 

Traum (bei Erwachsenen Hinabstürzen, Fallen, wilde Tiere, großer Ab- 
grund, — bei größeren Kindern Drachen, schwarze Männer, Geister, der 
Wau-wau, der Mo-mo, der Teufel usw.) zurückzuführen sind. 

Die infantile Form der Angstneurose äußert sich beim Kinde häufig 
in Anfällen von nächtlichem Aufschreien. Zappert faßt diese Erscheinun- 
gen als Zeichen einer neuropathischen Konstitution auf. „Der Pavor" — 
sagt er — „stellt nur eine Form der psychogenen Erkrankungen des 
Kindesalters dar, deren äußerstes Glied die Hysterie bildet." Doch ebenso 
wie Enuresis 1 ) können — seiner Ansicht nach — auch in großen Inter- 
vallen auftretende Pavpranfälle als erstes Anzeichen einer Epilepsie 
aufgefaßt werden. So beschreibt er ein 8jähriges Mädchen, das in Zwischen- 
räumen von Wochen, Monaten, mehrere Nächte hindurch „Nicht so schnell f 
rief, unmittelbar, nachdem es ihm vor den Augen geflimmert hat (Anra?). 
Bei Tag traten hie und da Ohnmächten ein, die Zappert als „petit mal" 
anspricht. 

Nach meinen Erfahrungen darf man die Prognose nicht so schlecht 
stellen; man kann in solchen Fällen unschwer eine sexuelle Ätiologie nach- 
weisen. Es handelt sich meistens um Angstneurosen oder eigentlich um Angst- 
hysterien. Dies läßt sich durch genaue Beobachtung der Fälle beweisen. 
Auch ergibt sich daraus eine sehr rationelle Therapie und Prophylaxe des 
„Pavor noctnrnus" und der Schlaflosigkeit der Kinder. 

Eine geradezu klassische Schilderung des Pavor noctnrnus findet sich bei Dr. Karl 
Gustav Hesse ..'..'ober das Aufschrecken der Kinder im Schlafe nnd die psychisch- 
gerichtliche Bedeutung des Aufschreckens in den späteren Lebensaltern". 
(Altenbnrg 1846, Verlag von H. A. Pierer,) Da das Werk vergriffen ist, wollen wir hier die 
Ausführungen Heues einschalten. 

„Das nachtliche Aufschrecken der Kinder im Schlafe stellt sich in seinen Anfällen 
auf folgende Weise dar. Es befallt die Kinder eine halbe bis ganze, oder zwei Standen 
nach dem Einschlafen am Abend, manchmal auch früher oder spater. Selten kommt es im 
Wachen, dem kein Schlaf vorausgegangen ist. am Tage, nicht selten jedoch auch an diesem, 
weniger im natürlichen Schlafe, z. B. dem Mittagsschlafe oder nach oder vor diesem, oder 
beim Einschlafen, oder beim Erwachen aus demselben, im fieberhaften, und zwar bald karr 
vor demselben, während des Einschlafens, in demselben, oder beim Erwachen, oder einige 
Zeit nach demselben. Sind die Kinder sehr farchtsam and erinnern sich dieselben der 
Schrecken ihrer Anfälle, wenn auch nur dunkel, so kann schon die bloße Furcht, wenn sie 
in einem dunklen Zimmer allein sind, selbst im Wachen dieselben hervorrufen. 

Die Anfälle zeigen sich in einer Macht ein- oder ein paarmal, wobei die letzten 
auch nach Mitternacht kommen können. Kommen einige Anfälle vor, so ist der 
erste gewöhnlich der schlimmste. In schlimmeren, doch selteneren Fällen sowohl des 
idiopathischen I*idens, als anch vorzüglich bei fieberhaften Zuständen, Würmern usw. 
können aber auch die Anfälle weit öfter, alle viertel, halbe Stunden oder auch noch näher 
der Zeit nach aneinander, einen großen, oder den größten Teil der Nacbt hindurch folgen. 
Gewöhnlich geschieht dies aber nur mit einem oder einigen, welche die Akme der 
Krankheit bilden. Liegen die Anfälle nahe aneinander, so werden sie entweder noch durah 
kurzdauernden Schlaf unterbrochen, oder der Kranke kommt gar nicht dazu nnd aie bilden 
dann eine fortlaufende, nur durch Ruhepunkte, wobei die Kranken mehr oder weniger zum 
Bewußtsein kommen, unterbrochene Kette. 

Die Kinder schlafen vorher, ehe sie das Uebel befällt, ruhig, oder es geht ängst- 
liches Atemholen, Wimmern, Stöhnen, Röcheln, Seufzen, Umherwerfen im Bette, oder auch 
wiederholtes kurzes Auffabren oder Aufschreien vorher. Sie fahren dann wie von einem 
elektrischen Strome getroffen im Bette oder von ihrem sonstigen Lager auf, anter meist 
heftigem, meist fürchterlichem, mehr oder weniger groflem Schreck, Angst, 
Furcht oder wirkliches Entsetzen andeutendem eigentümlichem, oft sehr anhaltendem, durch- 
dringendem , kreischend-gellendem , manchmal weithin , selbst über die Straße hörbarem 



*) Gerade die Enuresis, die nach einer Periode, in der das Kind schon vollkommen 
bettrein war, wieder auftritt, ist ein typisches Symptom einer infantilen Angstneurose. Sie 
stellt gewissermaßen ein Äquivalent eines sexuellen Aktes dar. 



Die Angstneurose der Kinder. 153 

Schreien, oder Im niederen Grade des Znstandes nnd in den Nachlässen des Uebels, oder 
daxwischen mit dem Schreien abwechselnd, mit Weinen, Schluchzen nnd Jammern und eine 
ähnliche Gemüisstimmnng wie Schreien nnd Weinen usw. verratenden, oft in hastiger Folge. 
vielfach manchmal ganz nach der Art der Irren oder in taktmäßiger Betonung anf ein- 
ander wiederholten Ausrufungen, die zugleich als Hilferufe erscheinen, oder womit sie anf 
irgend eine sie bedrohende Gefahr, Gewalttätigkeit, schreckende Phantasmen, die ihrer Ein- 
bildung nach zugegen sind, usw. hindeuten, sich aber gewöhnlich nur auf einzelne Inter- 
jektionen, wie: ,0! Ol Ach! Acbl Oweh! Gott! Gott!" oder kurze Exklamationen. 
wie: .Ach mein guter Vater! Ach meine gute Mutter!" oder auf unartikulierte 
Töne nnd unverständliche Worte usw. beschranken. Einzelne fahren auch mit einem gewissen 
Vorgefühle des Anfalls auf, indem sie rufen: .Ach, jetzt kommt's!" In gelinderen Fällen 
der Krankheit und zu einer Zeit, wo dieselbe bereits von ihrer Stärke verloren hat. oder 
wo sie noch in schwachem Anfange begriffen ist, bleibt auch bisweilen das Schreien und 
Weinen ans, doch ist dies bei Kindern selten, öfter bei Erwachsenen, die sich mehr zu 
beherrschen vermögen, der Fall. Selten geht anch dem Toben eine heitere Phantasie oder 
Singen voraus, oder mischt sich in dies ein, was sich auch mehr bei Erwachsenen als bei 
Kindern trifft. 

Das Sprechen ist deutlich erschwert, oder erfolgt in krampfhaft überreizter Eile. 
Aber auch dann sind es au&er den schon genannten Ausdrücken nur einzelne ab- 
gebrochene Sätze, in denen der erschütternde Affektzustand des Aufschreckenden sich 
Laft zu machen sacht, oder unartikulierte Worte, unzusammenhängende, verworrene 
Reden. Der Ton der Stimme hat fast immer etwas eigentümlich Gereiztes, Gellendes, Rauhes, 
manchmal Heiseres. 

Dabei werfen sich die Kranken unruhig, entweder oft in fast konvulsivischen Be- 
wegungen vorzüglich mit den Händen und Füllen im Bette herum, krümmen sich manchmal 
heftig zusammen, als wenn sie Leibschmerzen hätten, entblößen sich, die Bettdecke weg- 
sebleudernd, machen Versuche sie zu zerreißen, oder ziehen sie, als sollte sie ihnen ge- 
nommen werden, auch wohl an sich, oder verkriechen sich unter ihr oder setzen sieb dann 
entweder bloß im Bette auf oder stellen sich darin manchmal kerzengerade in die Höhe. 
Sie bleiben entweder noch im Bette zurück, oder man muß sie durch Zureden oder Strenge 
dazu vermögen; oder, vorzüglich Größere, springen bei stürmischem Zustande aus dem 
Bette heraus ins Zimmer, treiben sich unruhig in demselben herum, umkreisen manchmal 
einen in der Mitte desselben stehenden Tisch, springen auch wohl auf Stühle, Bänke und 
Tische, suchen öfter die Türe, drücken auch wohl den Wunsch aus, aus dem ihnen schreck- 
lichen Orte wegzukommen, müssen oft mit Gewalt zurückgehalten werden, daß sie nicht das 
Zimmer verlassen , stürzen bisweilen , wenn ihnen niemand entgegensteht oder sie sich los- 
machen können, zur Türe des Zimmers hinaus, geben oder rennen in andere Zimmer, anf 
den Vorsaal, den Hausflur, zur Treppe hinab, selbst zur HaustUr hinaus ins Freie, wo sie 
gewöhnlich nicht weit gelangen und schneller als im Zimmer wieder zu sich kommen, oder 
anch erst, nachdem man sie wieder zurückgebracht hat, dazu gelangen. 

Die bald, wie bei Schnupfen, trüben und wässrigen, in der Bindehaut öfter mehr oder 
weniger, manchmal auffallend geröteten, in den Augenlidern gedunsenen, bald auch wieder 
glanzenden nnd wilden, stieren, bewegungslosen nnd in krampfhafter Ruhe verharrenden, 
selten rollenden Augen sind weit geöffnet, wie hervorgetrieben, entweder auf 
den Fußboden, gewöhnlich jedoch mehr in die Höhe nach der Wand, oder der Decke des 
Zimmers gerichtet, in starr suchender, gleichsam versteinerter Weise. Selten sind die 
Augenlider geschlossen. Die Pupille ist meistenteils mehr oder weniger erweitert oder 
gegen das Licht wenig empfindlich. Der gesamte Gesichtsausdruck gibt durch seine gespannte, 
starre, bisweilen auch zurückschreckende oder scheue Haltung sich als der Abglanz eines 
panischen Schrecks, oder großer Angst, Furcht, selbst des Entsetzens und der Verzweiflung 
zu erkennen nnd läßt weniger bei Kindern, öfter bei Erwachseneu zugleich auch Auf- 
wallungen des Zorns nnd der Wut durchblitzen, verrät aber durch seinen fremdartigen 
Ausdruck zugleich auffallend die Verwirrung des geistigen Innern. 

Die Umgebungen und die Angehörigen werden von dem Kranken entweder nicht er- 
kannt, oder nur undeutlich und ohne klare Unterscheidung, oder Personen erst, wenn diese 
sich ihnen mehr bemerklich gemacht haben, nachdem sie oft selbst erst längere Zeit ver- 
sucht haben, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. 

In der Regel kommt es aber auch dann nicht zu einem klaren, bewußten und an- 
haltenden Erkennen. Selten findet eine wirklich freie Wahrnehmung statt. Oft nehmen die 
Kinder von den Anwesenden gar keine Notiz, oder nur von denen, welche ihnen auf irgend 
eine Weise näher stehen, oder in ihren Wahn verflochten sind, oder sich mit ihnen besonders 
beschäftigen. Es ereignet Bich auch, daß die Kinder von den Umstehenden, vorzüglich beim 
ersten Bemerken derselben, oder wenn sie ins Zimmer treten, zurückschrecken, noch mehr 



154 Erster Teil. Die Angstneorose. 

geschieht dies vor fremden, ihnen bekannten oder unbekannten Personen. Dennoch soeben 
sie bald nachher oft die Ihrigen wieder, oder bitten sie, bei ihnen zu bleiben. Ebenso 
stoßen sie dieselben bald zurück, wenn diese sie anfassen, oder suchen sich von ihnen 
loszumachen, bitten anch wohl, daß man sie loslasse, schlagen wohl selbst nach ihnen, wenn 
Bie dies nicht tan, reißen Bich aach wirklich los, bald fahren sie wieder, wenn sie ihre 
Angehörigen auf den Arm oder Schoß nehmen oder anfassen, Hilfe suchend und heftig 
bewegt nnd sich fest, krampfhaft anklammernd in sie hinein. Wie vor Lebenden so sieht 
man die Kinder auch vor leblosen, durch Gestalt, Farbe oder Erleachtang aasgezeichneten 
Gegenständen, z. B. einem schwarzen Ofen, zurückschrecken und diese sieb ihnen in 
schreckende Erscheinungen, in ein Liebt, in eine Flamme verwandeln nsw. 

Aach der Sinn des Gehörs leidet auffallend. Die Kinder bleiben dabei meistens anf 
die stärksten Zurufe taub, oder sehen diejenigen, von welchen sie ausgeben, stier und ver- 
wandert an, als verständen sie dieselben nicht. Außerdem verhält sich der Gefählssinn 
meistens abgestampft. Dies beweist die meist große Unempfindlicbkeit der Kinder gegen 
Schläge. Außerdem verursacht dieser Sinn auch mancherlei illusorische oder phantastische 
Wahrnehmungen, wohin ich das Zusammenfahren und Erschrecken bei der Berührung, den 
Wahn, von Schlangen umschlangen, gebissen, geworfen, geschlagen zu werden, zu bluten 
zählen möchte. 

Die Organe der Bewegung des Körpers sind der Sitz mannigfaltiger krankhafter 
Erscheinungen. Charakteristisch ist besonders ein Zittern nnd Beben, bald am ganzen Körper, 
bald nur an einzelnen Teilen, vorzüglich an den Händen und Füßen, bald anhaltend, bald 
nur mit den periodischen Verschlimmerungen wiederkehrend und steigend, merklicher, wenn 
die Kinder sich aufrichten, oder angefaßt werden, als wenn sie sitzen und liegen, öfter 
fahren sie auch wie von elektrischen Schlägen getroffen zusammen, wobei der Körper starr 
tetanisch in die Höhe gerichtet wird. Hit den Händen verrichten sie mancherlei, den krampf- 
haften ähnliche, oder wirkliche krampfhafte Bewegungen, schlagen damit um sich, entweder 
bloß infolge ihrer innern krampfhaften Unruhe, oder als wollten sie sich verteidigen, etwas 
abwehren, oder schlagen damit auf das Bett, oder halten dieselben mit den von sieb ab- 
gewendeten Handflächen sehen vor sich hin, als wenn sie vor etwas zurückbebten, oder 
ringen sie wie verzweifelt, falten sie, oder klatschen mit denselben, mehr in bittender and 
flehender Gebärde, oder bilden damit eine Faust, oder zupfen und kratzen um Bette herum, 
oder halten sieb an einem Gegenstande an, als fürchteten sie zu fallen, oder schlagen in 
taktmäßig hämmernder Bewegung (mallcatio) nach der Mutter oder andern Personen. Die 
Füße werden entweder wild im Bett umhergeworfen, oder die Kinder stampfen mit krampfhaft 
eiliger Hastigkcit gegen die Bettpfosten oder machen, wenn sie stehen, schnell und kräftig 
stampfende Bewegungen auf dem Fußboden, oder sie schlendern und arbeiten mit denselben, 
als wollten sie sich von etwas losmachen, z.B. von sie umschlingenden Schlangen, oder 
ihnen anf den Leib rückenden Tieren anderer Art. Manche klagen über einen empfind- 
lichen Schmerz darin, stecken sie deshalb aus dem Bette heraus, fühlen diesen in die Hohe 
steigen, nnd knüpfen daran leicht die Bilder schreckhafter Tiere oder anderer Gestalten, 
die sie an sich von unten in die Höhe kommend wähnen. Bisweilen kommt es auch in 
vorübergehenden Zackangen in einzelnen Teilen, in den Armen, Füßen, im Gesiebt, Ver- 
drehung der Augen, Zähneknirschen, trismusartigen Anfällen, Herausstrecken der Zange, oder 
auch zu vorübergehender tetaniseber Steifigkeit einzelner Teile oder des ganzen Körpers. 
Sehr gewöhnlich ist auch Muskel- und Sehnenspringen, hauptsächlich beim Anfassen der 
Glieder bemerklich. Überhaupt erzeugt das Anfassen und Angreifen durch andere Personen 
nicht bloß Erneuerung und Verschlimmerung dieser, sondern auch anderer krampfhafter Zu- 
fälle, vornehmlich des Rückens, Zuckens, Zasammenfahrens und selbst des Gesamtzustandes, 
wie es dies auch bei mehreren anderen Nervenkrankheiten tut. So nahe auch dnreh diese 
krampfhaften Erscheinungen das Aufschrecken den wirklieben Krämpfen, 
insbesondere auch den epileptischen steht, so geht es doch nur selten in 
diese über ffischendorf, Rast). Die Kinder entwickeln dabei in allen ihren Bewegungen 
nicht bloß eine große Hast, Unruhe und Cbereiltheit, sondern sie führen diese auch mit 
einer erhöhten, krampfhaft gesteigerten, oft selbst das Maß des gesunden Zustandes über- 
steigenden Kraft ans. Was sie ergreifen, fassen sie mit großer Festigkeit und geben es 
lange nicht los. Selbst kleine Kinder klammern »ich manchmal so fest an die Angehörigen 
an, daß ihnen ihre Berührung schmerzhaft, ja empfindlich schmerzhaft wird. Es kostet oft 
große Anstrengungen, sie bei ihren Versuchen, aus dem Bette heraus zu springen, zu ent- 
wischen, sich los zu machen, zurückzuhalten, and sie zeigen zuweilen selbst tätliche 
Gegenwehr. 

Es gibt, wenn die Anfälle sehr stürmisch sind, nnd wenn sie ihre Akme noch nicht 
überschritten haben, kaum ein Mittel, die Kinder schnell zu beruhigen. Aufregende Be- 
handlung durch vieles Hineinreden, Zanken , gewaltsame Eingriffe, Züchtigungen wirken in 



Die Angstneurose der Kinder. 155 

der Regel mehr verschlimmernd ein. Eher beruhigt noch sanftes, mildes Zareden, 
schmeichelndes Verfahren, Erinnern an den Kindern liebe Gegenstände, 
Vorhalten oder Versprechen derselben and von noch besserem Erfolge scheint es 
m sein, wenn man die Kranken sich selbst überlaut, soweit dies geht, ohne daß sie Schaden 
nehmen. Übereilt einstürmendes, gewaltsames Verfahren kann die Kinder selbst in eine 
watähnliche Aofregnng versetzen. 

Was den Gegenstand des innern Aufruhrs anlangt, der die Kinder in sich darch so 
auffallende Zeichen verratenden Schreck, Furcht und Angst versetzt, so geben dieselben 
darüber von selbst oft wenig Auskunft, eher noch auf in den Anfällen, noch leichter auf 
in den Nachlässen derselben, oder wenn sie vorüber sind, an sie gerichtete Fragen. Nicht 
Wenige wissen aber überhaupt nichts anzugeben, was sie bewegt. Diejenigen, welche es 
vermögen, nennen dann schwarze Männer, alte Weiber, Räuber, bekannte oder 
phantastische, ihnen widrige, sie schreckende oder bedrohende Personen 
andrer Art, Geister, schreckende Tiere, als Schlangen, Bchwarze Hunde, 
Bären, Ratten, Katzen, Eulen, Krähen, sehr oft aach fearige Erscheinungen, 
Feuerkugeln oder Klumpen, Lichter, oder geben an, einzelne Gegenstände 
oder Personen, ihre Kleider, Fülle, die Bettdecke, das ganze Zimmer in 
Feuer zu sehen. Andere glanbten wunderliche Gestalten, rollende Räder oder 
einzelne, oder die meisten Gegenstände vergrößert, entstellt, verwandelt 
zu sehen oder gesehen zu haben. Ein Kind beschrieb seine Erscheinungen alB 
Sternchen oder Fäden, wie sie sieb als Augentäuschungen beim Schließen der Augen abends 
beim Einschlafen so gewöhnlich zeigen, die sich in großen Klumpen zusammen oder von 
der Decke des Zimmers berabspannen, so daß es bat, dieselben hinwegzunebmen. Ein er- 
wachsener Aufschreckender sah seine ihm in einem Nachtgewande entgegen- 
kommende Magd, die ihn beim Zusammenstoßen mit heißem Wasser über- 
schattete, für eine fremde weiße Gestalt an und bemerkte, daß es ihn 
siedend heiß überlaufe.') Oftmals kommt es den Kindern vor, als wenn sie von an- 
oder abwesenden Personen anf irgend eine Weise mit Schlägen usw. bedroht würden, nament- 
lich von ihren Eltern, Lehrern, als wenn sie wirklich geschlagen würden, als wenn jemand 
nach ihnen werfe , schießen wolle , als wenn Diebe nahe wären , als wenn sie von ihnen 
gefaßt würden, wobei sie wohl auch, „Räuber! Diebe! es packt mich," rufen. Sie 
bitten dann auch, daß man sie nicht schlagen, schießen möge. Ein andermal glauben sie 
wieder von anwesenden , oder nur durch den Zauber ihrer Phantasie vergegenwärtigten 
Personen geschimpft, geneckt, gereizt zu werden, oder sie befinden sich mit Gespielen in 
Zank, auf der Flucht, fürchten oder glauben von Hunden gebissen zu werden, zeigen 
selbst den gebissenen Teil und das aus demselben ausfließende Blut, oder haben das Gefühl, 
als wenn sich Schlangen um ihre Füße gewunden hätten, als wenn schwarze 
Männer sie mitnehmen, ihnen die Bettdecke wegreißen wollten, als wenn 
dergleichen unter dem Bette stäken, als wenn es im Zimmer nicht geheuer wäre, 
als wenn Geister darin wären. Einigen war es, als wenn sie sich an ganz fremden Orten 
befänden, als wenn sie durch enge Liicher gejagt würden, als wenn sie ins 
WasBer stürzten, versänken, allein anf einer furchtbaren weiten Einöde wären, mit 
oder ohne das Gefühl des Versinken-. Andere glaubten, manchmal wohl durch die Bettdecke 
getäuscht, unter Felsen, Holzstämmen nsw. zu liegen und anter denselben sich nicht 
hervordrängen zu können. Bisweilen machen sie die Anwesenden auf ihre Trugbilder 
aufmerksam und zeigen darauf hin. Häufig lassen sich die Ursachen ihrer Erscheinungen 
in Begegnissen oder Wahrnehmungen des vorigen oder der letztvergangenen Tage nachweisen. 
Von dem Ungrunde ihrer Gefühle und Phantasmen sind die Kinder nicht oder kaum 
vollständig zu überzeugen, and selbst Erwachsene werden, wenn es dazu zu kommen scheint, 
leicht wieder zweifelhaft und können sich nicht ganz von dem täuschenden Eindrucke der- 
selben losreißen. 

Der Atem ist oft ängstlich, kurz, erfolgt manchmal in zitternden, kurzen Stößen, 
mit ihnen folgenden längeren und tieferen Inspirationen und Schreien dazwischen. Bei 
gleichzeitigem Brustleiden kann derselbe sehr kurz, klein, schnell und Erstickung drohend 
■erden. Aber auch außerdem bildet bisweilen eine, wie die andern Zufalle, pulsweis oder 
periodisch eintretende oder aach anhaltendere Erstickungsnot eine Hauptrolle. 
Der Puls ist bald sehr beschleunigt, bald krampfhaft zitternd, härtlicb, bald auch 
voll, unterdrückt, langsam, kaum zu fühlen, schwach, ungleich. Fast immer ist heftiges, 
selbst noch einige oder längere Zeit nach den Anfällen dauerndes Herzklopfen zugegen. 
Die Carotiden klopfen jederzeit sehr stark. Einigemal ward öfterer Drang zum 
Urinlassen in den Anfällen bemerkt, wobei nur wenig abging und der Urin eine 



SchmittmMkr in Henkes Zeitschrift für Staatsarzneikunde, 41. Bd., I. H. 



156 Erster Teil, Die Angstneurose. 

wasserhelle Farbe hatte (Zimmermann, Rast). Selten pissen die Kinder in den Paroxysmen 
ins Bett. Beim Urinlassen in den Anrollen stellt sieb das Zittern bisweilen sehr lebhaft ein. 
Übrigens sacht man oft vergebens die Kinder dazu zu bewegen. 

Vermehrter Durst ist keine Eigentümlichkeit des Aufschrecken*-. Die Kinder ver- 
langen zwar öfter in den Anfällen oder vielmehr in den Nachlässen derselben, oder wenn 
sie vorüber sind, kaltes Wasser, doch ist dies keine allgemeine Erfahrung. Es geschieht 
dasselbe aneb hauptsächlich dann, wenn sie in früheren Anfällen von selbst, oder mehr von 
den Umstehenden dazu aufgefordert. Wasser getrunken haben. 

Die angemeine körperliche und geistige Aufregung verfehlt nicht, anoh in sehr vielen 
Fällen Schweiß zu erzeugen. Der Grad des Schwitzens ist verschieden, oft triefen sie 
formlich. Es gibt aber auch Fälle, wo die Kinder gar nioht schwitzen. 

Die Dauer der Anfälle beträgt im Mittel eine '/, — '/, Stande, steigt jedoch auch, 
wenn das Übel heftig ist, auf 1 — 2 Stunden und kann im schlimmsten Fall selbst den 
groBten Teil der Nacht einnehmen. In den gelindesten und gelinderen Fällen kann sie sich 
aber aac auf die Ausdehnung von noch nicht einer oder einigen Minuten beschränken. 
Bei längerer Ausdauer derselben treten immer längere oder kürzere, manchmal kaum merk- 
liche, freiere Zwischenzeiten oder Ruhepunkte ein. Ja selbst bei mittlerer Länge der Anfalle 
bemerkt man ein deutliches abwechselndes Steigen and Fallen der Erscheinungen, indem 
der Sturm sich mindert, die Kranken vom Schreien zu Weinen, Schluchzen, Seufzen und 
Marmeln übergehen, oder auch still werden, wobei dann zugleich die Sinne und das Be- 
wußtsein freier werden. 

Endlich geht nun der Zustand unter allmählicher, kaum je plötzlicher Beruhigung 
der Zufälle, bisweilen mit einem oder einigen tiefen Atemzügen, oder Seufzen, Gähnen. 
Schütteln, Aufstoßen, bisweilen auch Erbrechen, selten Diarrhöe, oder auch 
unmerklich vorüber und zu Ende, indem die Kranken aas dem Zustande quälender Ver- 
wirrung sich sammeln, wieder zu Bewußtsein gelangen, ihre Angst, Furcht and Schreck, 
sowie ihre bangen Gefühle und Trugbilder los werden. Dabei kommen sie erst eine Zeit 
lang zu m Erwachen , oder gelangen auch dazu in leichteren Fällen , selbst manchmal in 
schweren gar nicht, sondern schlafen gleich wieder ein. 

Von den Erscheinungen, welche sie gehabt haben, geben sie überhaupt mehr auf 
besonderes, oft mühsames Fragen, weniger von selbst Auskunft, oder kommen erst später 
und mehr allmählich darauf, oder sie erinnern sich des Vorgefallenen gar nicht, oder die 
Reminiszenz ist eine dunkle, traumhafte, selten ganz freie. 

Der zuletzt eintretende Schlaf ist häufig, vorzüglich anfangs, unruhig and mit 
ümberwerfen, Schnarchen, abwechselnd ängstlichem, kurzem, stoßweisem, dann auch wieder 
schwerem Atem, kurzem Aufschreien oder Weinen, oder Schluchzen, selten Lachen, leichtem 
Erwachen, wobei sich die Kinder bisweilen ängstlich und stier umsehen, Zucken, Zu- 
sammenfahren, vorzüglich bei der Berührung verbanden, bisweilen aber auch ruhig. Liegen 
die Anfälle sehr nahe aneinander, so ist der Zwischenschlaf meistens kein natürlicher, 
sondern betäubter, oder leicht störbarer, mit Verdrehen oder teilweisem Entblößen der 
Augäpfel nnd andern krampfhaften Zufällen, and aach oft mit stärkerem oder schwächerem 
Schweiß verbunden. Mitunter schlafen die Kinder nicht ohne Nachtlicht wieder 
ein, oder fort. Es ward auch beobachtet, daß ein langer, seihst ungewöhnlich langer 
Schlaf folgte, der wohl offenbar eine Art Krise des Zustandes bildete. 

Als den Anfällen in der Nacht, am Abend, am Tage, seltener am Tage oder einige 
Tage vorher vorausgehende Symptome, welche indes gewöhnlich nur einzeln vorhanden sind, 
oft auch fehlen, oder durch andere damit komplizierte Krankheitszostände versteckt, über- 
sehen werden, habe ich aufgemerkt: anruhigen, durch Träume, flüchtiges Auffahren, 
Sprechen, öfteres Erwachen, gestörten Schlaf, Kopfweh, öfteres Niesen, 
Kribbeln in der Nase, wie bei herannahendem Schnupfen. Scbwarzwerden oder Funkeln 
vor den Augen, Schwindel, Obrenklingen, Bläße and Küble der Haut oder wirkliches 
Frösteln, meist mehr örtlich, an den Händen, Füßen, der Stirn, im Rücken, Hitze im Kopfe, 
vorzüglich in der Stirn nnd in den Augen zwischen jenem, oder ihm folgend Verdrieß- 
lichkeit, Argerlichkeit, Mißtranen, Gleichgültigkeit, seltener überlustiges, 
aufgeregte? Wesen, Gähnen, Zerschlagenheit, bisweilen selbst Schmerz- 
baftigkeit der Glieder, Jucken in der Haut, zeitige Müdigkeit am Abend, 
ungewöhnlich stilles Wesen kurz vor den Anfällen, Mangel des Appetits, 
Übliobkeit, bisweilen Erbrechen, DrUcken in der epigastrischen Gegend, 
Leibweh, Neigung zu Verstopfung des Stahlgangs, bisweilen fremdartiges 
oder schüchternes Umsichsehen mit nach oben gerichteten, stieren Augen 
schon am Tage, oder eine besondere Schreckhaftigkeit, Ängstlichkeit and 
Furchtsamkeit. Deutlich geht bisweilen eine Art Aura vorher, die sich bald als eine von 
den Füßen bis zum Unterleibe, dann nach dem Herzen und der Brost, and endlich nach 



Die Angshieuroee der Kinder. 157 

dem Kopfe aufsteigende Angst erweist, oder auch als ein stechender, denselben Ver- 
bal nehmender, bisweilen aneh wieder abwärts gebender Schmerz, wie von Nadeln, äußert, 
oder such durch Ameisenkriechen, Stechen wie von feinen Nadeln in den Händen and Fußen, 
»der auch in andern Teilen der Haut oder Jncken nnd Brennen darin, oder darch das 
tograannte Pelzigsein in den Händen, wobei das Gefühl abgestumpft, die Bewegung er- 
schwert ist. Ich kenne einen Erwachsenen, der jederzeit durch gewisse Vorempftndangen 
*» Abend die Anfälle voraussagen konnte. Aach bei Kindern gelangt es bisweilen dahin." 

Aus diesen Schilderungen werden kundige Psychoanalytiker unschwer die sexuelle 
Ätiologie erkennen. Auch die Beobachtung von Hesse, daß. im Aufall eigentlich nur Zärt- 
lichkeit das Kind beruhigt, ist vollkommen richtig and verrät etwas von der geheimen 
Tendenz des Pavor nocturnus. 

Aach Prof. Ernest Jones kommt in einer darch ihren Literaturreichtnm imponierenden 
Arbeit „On the Nightmare* (Americ. Joum. of Insanity, Vol. LXYH, Nr. 3, Januar 
19lO) zur vollkommenen Anerkennung der sexuellen Theorie. 

Bendix (Lehrbuch der Kinderheilkunde, Urban&Schwarzenberg, 1907) 
empfiehlt in seinem trefflichen Handbuche eine Reihe bewährter Mittel 
S^en den Pavor, dieses die Eltern sehr erschreckende Leiden: 1. ein ge- 
räutoigeg Schlafzimmer, 2. ein hartes, nicht zu warmes Bett, 3. mäßiges 
r[ a chtmahl einige Zeit vor dem Schlafengehen, 4. Sorge für Stuhl und 
*pötleeren der Blase vor dem Schlafengehen, 5. Vermeiden von erregenden 
Erstellungen, 6. Beseitigung der Anämie und Brom. 

Alle diese Maßnahmen kommen sicherlich nur in zweiter Linie in 
•bracht Eine kansale Therapie muß auf die versteckten Wurzeln dieses 
8£j nicht so seltenen Leidens eingehen. Ich betone es noch einmal: Der 
rPavor nocturnus" ist die infantile Form der Angstneurose und 
'-ßtsteht, wenn die Kinder in irgend einer Form mit dem sexu- 
ellen Problem zusammenstoßen. Eine Analyse der Angstträume, eine 
genaue Durchforschung der Halluzinationen bringt immer dasselbe Material: 
Eine sexuelle Erregung durch Eltern, Erzieher, gewissenlose Dienstmädchen, 
Kameraden, eventuell durch Zufall. Die gruseligen Geschichten vom 
„schwarzen Mann" mögen ja auch eine gewisse Rolle dabei spielen. Aber 
welche? Gerade wie beim Erwachsenen als auslösendes Moment oder weil 
sie der bereits disponiblen Angst ein Objekt bieten. Dasselbe gilt von den 
Übertriebenen Folgen eines plötzlichen Schreckens (durch eine Katze, einen 
Hund, durch ein Geräusch, einen fremden Mann usw.). Jedenfalls war für 
das Entstehen der Neurose der Boden durch die sexuelle Erregung bereits 
geebnet. (Falsche Verknüpfung eines disponiblen Affektes!) Die einzige 
Ursache, die neben der sexuellen noch in Frage kommt, ist die kriminelle. 
Darauf wollen wir später noch zurückkommen. Jedenfalls kommen wir 
zur Formel: Die beginnende Verdrängung von dem Bewußtsein unerträg- 
lichen Vorstellungen und der Kampf gegen kriminelle Regungen sind die 
Ursachen des Pavor nocturnus. 

Ich weiß, daß die meisten Kinderärzte anderer Ansicht sind, daß sie 
Obstipation, Schnupfen, Überladung des Magens, adenoide Vegetationen, 
Optiknshyperästhesie und „Kohlensäureintoxikation" als Ursache des Pavor 
nocturnus ansprechen. Allein der erfahrene Henoch (Vorlesungen über 
Kinderkrankheiten, Berlin 1893), den ich für einen der feinsten und ver- 
läßlichsten Beobachter unter den Kinderärzten halte, sagt sehr treffend: 
„Die meisten Fälle von „Pavor nocturnus 11 boten keine Störung von seiten 
der Digestionsorgane dar, und ebensowenig konnte ich in den Respirations- 
und Zirkulationsorganen krankhafte Zustände konstatieren, insbesondere 
fehlten in meinen Fällen die „adenoiden Wucherungen". 



158 Erster Teil. Die AngstneuroBe. 

Ferner: „Eine Familiendisposition Tfil in manchen Fällen unleugbar; 
Kinder nervöser Eltern werden mit Vorbebe befallen." 1 ) 

Damit trifft Henoch den Nagel auf den Kopf. Es ist eine unumstöß- 
liche Tatsache, die auch Zappert betont: Die an Pavor nocturnns 
leidenden kleinen Patienten sind oft Kinder nervöser Eltern. 
Aber der Znsammenhang ist meistens ein ganz anderer, als die Anhänger 
der „hereditären Belastung" glauben. Eine genaue Durchforschung des 
häuslichen Milieus, in dem die nervösen Kinder aufgewachsen sind, be- 
weist, daß es einen typischen Weg gibt, auf dem diese armen Kleinen 
von den nervösen Eltern ebenfalls nervös gemacht werden. Meistens han- 
delt es sich um an Angstnenrose, Hysterie oder Zwangsneurose leidende 
Väter, deren Potenz sehr herabgesetzt ist oder es handelt sich um eine 
unglückliche Ehe, in der die Eltern nicht zusammenpassen. Die Frau 
fühlt sich in einer solchen Ehe nicht befriedigt. Sie erkrankt gewöhn- 
lich an einer Angstneurose. Ihr ungestillter Durst nach Zärtlichkeiten 
bewirkt nun eine enorme Reizbarkeit dem Manne gegenüber und eine 
übertriebene Liebe zum Kinde, das nnn dazu dient, alle ihre Bedürfnisse 
nach Zärtlichkeit zu befriedigen. Was solche Mütter mit dem Kinde 
treiben, ist manchmal geradezu ekelhaft. Es wird bei jeder Gelegen- 
heit auf dem ganzen Körper geküßt, gebissen und abgeschleckt. Ja — 
sogar Küsse auf die Analgegend habe ich wiederholt beobachtet. Daß so 
ein Kind ein unglückliches Geschöpf werden muß, liegt auf der Hand. 
Ein sehr scharfblickender Kinderarzt, Dr. Czerny in Breslau, hat in einem 
lesenswerten Büchlein „Der Arzt als Erzieher des Kindes" (Wien, Deuticke, 
1907) die mißlichen Folgen der Affenliebe in den ersten Lebensjahren 
geschildert und sich auf den Standpunkt gestellt, in vielen Fällen wäre 
die beste Therapie für kranke Kinder die Entfernung der Mutter aus der 
Umgebung des Kindes. Es ist die Pflicht der Kinderärzte, die Mutter 
rechtzeitig auf die schädlichen Folgen übertriebener Zärtlichkeit (nur 
um solche handelt es sich hier) aufzuklären. 

Man spricht in letzter Zeit sehr viel vom infantilen sexuellen Trauma, 
seit Freud in seinen „Studien über Hysterie" auf die pathogene Bedeutung 
dieser Tatsachen aufmerksam gemacht hat. Diese groben Schädlichkeiten 
müssen sicherlich in Betracht gezogen werden. Wir werden ja bald aus- 
führlich darüber sprechen. Aber es gibt auch chronische Traumen ! Die so- 
genannte „Zärtlichkeit" der Mütter kann unter Umständen gerade so 
schädlich wirken. Durch die permanenten Liebkosungen, Küssereien, Schlek- 
kereien, das Tätscheln, Hätscheln, Hutschen, werden die erotischen Instinkte 
de» Kindes frühzeitig wachgerufen, des Kindes, das nach Freuds treffen- 
dem Aussprache „polymorph pervers" veranlagt ist. Ebenso schädlich ist 
die Unsitte, die Kinder bei jeder Gelegenheit zu sich ins Bett zn nehmen, 
ja sie im Bette der Erwachsenen schlafen zu lassen. Freilich, die meisten 
Ärzte wissen von den schädlichen Folgen dieser Vorgänge gar nichts. 
Aber wir Psychotherapeuten, die wir die ganze, genaue Lebensgeschichte 
der Menschen erfahren, die wir uns um ihre infantilen Eindrücke und 
deren Verarbeitung kümmern, wir kennen den verheerenden Einfluß, den 
diese stürmischen unnatürlichen Liebkosungen in der Seele des Kindes an- 
richten. Wir sehen mit Betrübnis, daß so viele Neurotiker unter dem 



') Anch Mosso (La paaru, Milano 1901) Bagt: „Vi sono predisposti i flgli di ger.it ori 
molto eecitabili o affetti da malattie nervöse." 



Die Angstneurose der Kinder. 159 

schweren psychischen Konflikt der Inzestphantaaie leiden, daß die Zwangs- 
neurose, die Angst- und Konversionshysterie anf solche infantile Erlebnisse 
zurückzuführen sind. Ja, selbst für die „Dementia praecox" hat Abraham 
(über die Bedeutung sexueller Jugendtraumen fUr die Symptomatologie der 
Dementia praecox, Zentralbl. f. Nervenheilk., 1907, Nr. 238) die große 
Bedeutung des sexuellen Traumas nachgewiesen. 

Die vorsichtige Erforschung der Kinderseele bei dem Auftauchen der 
ersten neurotischen Symptome ist wichtiger als das Fahnden nach einer 
Schwellung der Nasenschleimhaut. Übrigens fassen ja viele Kinderärzte 
— so auch Henoch und Zappert — den Pavor als eine Neurose auf. 
Fragt man jedoch bei verschiedenen Kinderärzten nach, so erfährt man, 
daß sie sich für „adenoide Vegetationen" und „Anämie" und „Heredität" 
and „nervöse Stigmata" sehr eingehend interessiert haben, aber an eine 
sexuelle Ätiologie dieses Leidens gar nicht gedacht haben. Dabei bin ich 
überzeugt, daß eine genaue Nachfrage und vorsichtige Forschung in jedem 
Falle die Bestätigung unserer Annahmen ergeben würde. 

Ich habe immer als Ursache der Angst eine unterdruckte sexuelle 
Erregung oder kriminelle Phantasien finden können. Häufig bricht ja 
nach Freud die Angstneurose aus, wenn die jungen Mädchen zum ersten- 
mal mit dem sexuellen Problem zusammentreffen. Auch bei Kindern äußert 
sich eine unverstandene erotische Regung als Angstgefühl. So kann man 
bei manchen Kindern eine rasche Heilung dieser Angstanfälle erzielen, 
wenn man sie aus dem Schlafzimmer der Eltern schafft und ihnen getrennte 
Schlafräume zuweist. Häufig erlauschen Kinder Szenen aus dem ehelichen 
Leben, weil die Eltern glauben, das Kind schlafe schon fest und höre gar 
nichts. Man faßt noch immer törichterweise das Kind als asexuelles Wesen 
auf. Ich habe vor vielen Jahren in meiner Studie „Koitus im Kindes- 
alter" (Wiener med Blätter, 1894, Nr. 1) unter anderen Forderungen die 
eine besonders betont, daß die Kinder nie im Schlafzimmer der Eltern 
liegen sollten. Heute kann ich nach reicher Erfahrung von zwei De- 
zennien diese Forderung nur auf das wirksamste unterstützen. Es müssen 
nicht gerade die Eltern sein, von denen die schädlichen Wirkungen aus- 
gehen. Auch eine andere Person ungleichen Geschlechtes kann unter Um- 
ständen auf das Kind einen sexuellen Reiz ausüben , der ihm nicht zum 
Bewußtsein kommt, aber stark genug ist, um aus dem Unbewußten Angst- 
affekte auszulösen. Man kann im Verkehr mit Kindern nicht genug vor- 
sichtig sein. Das gilt auch bei den Kindern gleichen Geschlechtes. Ein 
sexueller Eindruck vom Vater oder Erzieher her auf einen Knaben 
kann, wie ich es aus meinen Psychoanalysen erfahren habe, im Aufbau 
einer bleibenden Homosexualität von großer Bedeutung sein. 
Ein wichtiger Wink für Erzieher, sich bei Kindern nicht sans facon 
gehen zu lassen. Die Schlaflosigkeit und der Pavor noctumus haben 
dieselbe Ätiologie und können auch zusammen beobachtet werden. 

Nr. 80. So kannte ich einen Knaben, der nachte lange Zeit schlaflos da- 
lag. Er konnte nie vor 1 Uhr einschlafen. Alle Mittel, die ihm berühmte Kinder- 
ärzte dagegen verordneten, blieben ohne Erfolg. Erzwang man heute durch ein 
Hypnotikum den Schlaf, so blieb er am nächsten Abend prompt wieder aus. 
Wahrend der Nacht pflegte der Knabe mit einem Pavor nocturnns zu erwachen. 
Er richtete sich in seinem Bette auf und schrie heftig, wobei er stereotyp ein 
Wort wiederholte: „Schlange, Schlange, Schlange!" 



160 Knier Teil. Die Angrtneurose. 

Wer durch Traumanalysen in die Symbolik des Geschlechtslebens einge- 
führt ist, wer die symbolische Sprache des Märchens lesen kann, dem wird es 
bekannt sein, dafi „Schlange" ') eines der hanfigst verwendeten sexuellen Sym- 
bole ist. Schon die Überlieferung der Bibel, nach der Eva durch die Schlange 
verleitet wurde, weist darauf hin, dafi diese Vorstellung im Volkabe wußtsei n 
seit Jahrtausenden schlnmmert. Dieser Knabe schlief in einem Zimmer mit einer 
jungen, sehr hübschen Gouvernante, an der er mit abgöttischer Liebe hing. 
Die Mutter hatte den Knaben einmal überrascht, wie er den Arm der Gouver- 
nante leidenschaftlich küßte. Vier Tage, nachdem die Gouvernante durch einen 
Hofmeister ersetzt worden war, waren Anfalle nnd Schlaflosigkeit vollkommen 
geschwunden. 

Er wartete einfach darauf, daß seine Gouvernante sieb ausziehen sollte. 
Er verschaffte sich so erotische Lustgefühle, die, in Angst verwandelt, im 
Traume zum Vorschein kamen. 

Andere Kinder sehen im Anfalle Feuer, besonders brennende 
Öfen, glühende Kngeln, große Messer, rote mit Glut erfüllte 
Höhlen, Messer, Kröten, Stiere, „schwarze Männer", wilde Tiere, 
Teufel, Diebe, Räuber und Mörder. Manche wieder reden ver- 
worrene Worte. Man gebe sich immer die Mühe, diesen Dingen nachzu- 
forschen — und man wird seltsame Überraschungen erleben. Alfred Adler 
erzählte mir von einem Kinde, das im Anfalle immer ein Geräusch piß- 
piß-piß produzierte, welches das Pissen onomatopoetisch ausdrückte. Dieses 
Kind hatte gewiß einen Erwachsenen beim Urinieren beobachtet, was auf 
ihn offenbar einen großen Eindruck gemacht hat. Einer sexuellen Ätiologie 
verdächtig scheinen mir ferner die Ausrufe „Fisch" (Schwanz?) und „Nicht 
so schnell"' (Reproduktion?) zu sein. Wie verdächtig auf Reproduktion ist 
der Ausruf: „Ach — jetzt kommts." (Hesse.) Ein Kind aus der Beob- 
achtung eines Kollegen rief: „Er zerdrückt mich! Zu viel! Das halt 
ich nicht aus." Ein Kind aus meiner Beobachtung (6 Jahre) schrie: „In 
meinem Bette sind Schweindeln und zerwühlen die Matratze." 
Die Analyse ergab, daß es Schweinereien der Dienstboten erlauscht hatte. 
Es wollte seiner Mutter die Beobachtungen erzählen, diese wehrte jedoch 
ab mit der Motivierung: Über solche Schweinereien dürfe ein braves Kind 
nicht sprechen. Hitschmann beobachtete ein Kind, das bei den Anfällen 
Buchstaben an den Wänden sah, die bald groß, bald klein wurden. 
(Vgl. Hesse, Phänomen der Erektion !) Ein anderes Kind, das an Angst- 
anfallen litt, schrie: „Nein! Nein! Ich habe das Pipi nicht angerührt." 

Ein anderes Kind sah im Anfall immer Mäuse. Die Analyse ergab, 
daß es seine Mutter nackt bei der Toilette gesehen hatte und die Vulva 
(das Möschen, auch die Maus, la souris genannt) auf ihn einen großen 
Eindruck gemacht hatte. Ein Kind von 4 Jahren schrie: „Ein Äff ist 
kein Chineser." Das Tertium comparationis beim Affen und Ghineser 
war der lange Schwanz. Es hatte den Penis des Vaters beim Zusammen- 
schlafen berührt. Andere Phantasien verraten Todeswünscbe und kriminelle 
Ideen. So erzählt mir ein Kollege, der an einer Angsthysterie litt und 
seinem Vater sehr feindlich gesinnt war: „Ich sah in meinen Kinderträumen 
Leichenwagen und immer wieder Leichenwagen. Im Pavor nocturnus soll 

') Vgl. Riklin, Wanscberfüllung and Symbolik im Märchen. Deaticke, 1908, and in 
meinem Bache „Die Sprache des Traumes" das Kapitel: .Was die Tiere im Traume 
bedeuten. " Man vergleiche übrigens die große Bolle, welche die Schlange in der Dar- 
stellung von Hesse, S. 154, spielt. 



Die Angstneurose der Kinder. 161 

ich ausgerufen haben: „Der Leichenwagen kommt im Galopp ins Zimmer! 
Mama! Mama!" Ich wurde sofort ruhig, wenn die Mama mich ins Bett 
nahm und war überaelig." 

Ich behandle einen Arzt, der in der Kindheit jahrelang an Pavor 
nocturna» gelitten hat. Noch jetzt hat er die Gewohnheit, im Schlafe auf- 
zufahren, wirr zu reden und zu schreien. Er erwacht manchmal aus Angst- 
t räumen. Dieser Patient hat verschiedene Male den Koitus seiner Eltern 
belauscht. Welche Nachwirkung dieses Trauma auf seine Psyche gehabt 
hat, das ersehen wir aus der Schilderung einer Szene in der Kindheit, 
die ich wörtlich mit der Analyse des Kollegen wiedergebe. Sie wirft auch 
ein interessantes Streiflicht auf den Wunsch der Kinder, schon „groß" 
zu sein. 

Nr. 81. „Den Empfindungskomplex des „Größenwahns" erlebte ich mit 
8 Jahren mm erstenmal, und zwar in einer Intensität, mit der er spater nie 
wieder aufgetreten ist. Ich war damals an einer Erkaltung oder verdorbenem 
Magen leicht erkrankt nnd mußte mehrere Tage im Bette zubringen. In einer 
Nacht hatte ich Btarkes Fieber nnd delirierte. Ich erinnere mich, daß ich meinen 
eigenen Körper als riesenhaft groß und schwer empfand. Arme und Beine 
waren wie Kirchturme, jeder Finger kam mir vor wie ein Felsblock. Das 
Atmen und die geringfügigsten Bewegungen schienen nahezu die Wucht eines 
Erdbebens zu haben und ich glaubte, mit einem ungeheuren Gewicht auf 
meinem Bette zu lasten. Dazu meinte ich bestandig ein unangenehmes Bansen 
und Brausen zu hören. Vermutlich war es mein erhitztes Blut. Jedes noch so 
leise Geräusch, das von außen kam, sei es entfernter Straßenlänn oder das 
Ticken einer Uhr, hatte einen eigenartigen unausstehlichen Charakter ange- 
nommen, der höchst charakteristisch, aber sehr schwer mit Worten zu beschreiben 
ist. Ich könnte ihn allenfalls vergleichen mit dem nervösen Seufzen eines 
Menschen, dessen Geduld aufs äußerste mißbraucht wird nnd der seinen Un- 
willen nicht laut werden lassen darf. In den Zehen und Fingern fühlte ich 
eine unangenehme Spannung. Dies sind die Phänomene, die in ihrem Zu- 
sammenwirken bei Tag oder bei Nacht, im Bette oder auch auf der Straße 
einen mehr oder minder starken Anfall von „Größenwahn" ausmachen. 

Jenes erste Mal kamen noch charakteristische Fiebertraume hinzu. Zeit- 
weise glaubte ich am Fuße eines Berges zu liegen, von dem große gelbe Baum- 
stämme herabrollten, die sieb mir auf die Brust zu walzen nnd mich zu er- 
drücken drohten. Dann träumte ich wieder von meinem Vater, daß er 
irgend eine gewaltsame Handlung vollführe, die mir ungeheuren 
Respekt vor ibm einflößte. Dann sah ich ihn wieder große Säcke mit 
Nüssen hin und her schütteln und bezog nun hierauf das Sausen in meinen 
Ohren, wie zuvor auf das Rollen der Stämme. 

Wie mir meine Pflegerin tags darauf erzählte, habe ich sie während 
dieses Traumes wiederholt angerufen: „Schüttle mir meine Nüsse! Hilf mir 
meinen Nußsack schütteln!" und dazwischen: „Ab, der Vater! Der kann's 
aber! Der kann's!" 

Ich erinnerte mich sodann genau an diese Ausrufe. Jene gewalttätige 
Handlung meines Vaters, die mir verworren, bald wie das Herabrollen von 
Stämmen, bald wie das Schütteln eines großen Sackes vorgekommen war, hatte 
eine aus Staunen und Grauen gemischte Empfindung in mir erregt und zu- 
gleich den Neid, es ihm gleichzutun. 

Der Ursprung des „Größenwahns" ist in Reminiszenzen an die frühe 
Kindheit zu suchen, da die Eltern dem Kinde noch wie Riesen vorkommen 

Btvke), Nen&M AsgBUaillode nnd lhro Bobandlnng. 2. An.i \\ 



152 Erster Teil. Die Angstnearose. 

mußten. Die Eltern sind die ersten Objekte der Liebe des Kindes, daher der 
Wunsch, so groß zu sein wie sie, es ihnen in allen Stücken gleicbzuton, 
kurz, die Identifizierung mit Vater oder Matter (Der kleine Gernegroß). Die 
reale Empfindung von ungeheurer Größe und Wucht des eigenen Körpers ist 
als Symptom von Hysterie aufzufassen, als die Erfüllung eines unbewußt ge- 
wordenen, weil verdrängten Wunsches, in Form einer Halluzination des Tast- 
und Körpersinnes und wohl auch des Gehörs. Denn das eigentümliche Brausen 
dürfte zurückgehen auf das Sausen des Blutes, das das hochgradig erregte 
Kind in den Ohren spürte, als es einen Koitus der Eltern beobachtete, oder 
auch auf Geräusche, die die Eltern beim Koitus hervorbrachten. Sodann ent- 
spricht die Empfindung der größten Schwere, mit der man auf seine Unterlage 
drückt, der Identifizierung mit dem Vater, der die Mutter drückt, die Angst 
vor dem Erdrücktwerden der Identifizierung mit der Mutter, der Druck in den 
Extremitäten, dem zur Zeit des ürerlebnisses des Kindes infolge der Erregung 
erhöhten Blutdruck. 

Die im Traume vorkommenden Baumstämme sind Symbole für den Penis 
des Vaters, auch wohl für seinen ganzen Körper und den der Mutter. Das 
Gelb entspricht der Hautfarbe. Die Nußsacke aus ungebleichter Leinwand sind 
nach dem Prinzip der Häufung wiederum Symbole für die Körper, eventuell 
auch für die Hoden. Das Schütteln der Sacke bedeutet die Koitusbewegungen. 
Meine Ausrufe beziehen sich auf das Staunen vor dem Vater und auf den 
Wunsch, es ihm gleichzutun. " 

Die Anfälle von Pavor noetnrnns setzen gewöhnlich die Eltern in 
derartigen Schrecken, daß ihnen gewisse Eigentümlichkeiten derselben ent- 
gehen. Aach die Ärzte sind von dem Anblick des schreienden, geängstigten 
Kindes so fasziniert, daß sie nicht dazu kommen, die psychischen Wurzeln 
der Anfalle bloßzulegen. 

Der Vorgang ist fast immer der gleiche. Das Kind springt im Bette 
auf, entblößt sich sehr häufig dabei, schreit sehr heftig und scheint voll- 
kommen geistesabwesend za sein. Es benimmt sich wie im Somnambulis- 
mus. Die Kinder handeln dabei aus unbewußten sexuellen Motiven in 
überaus raffinierter Weise. Sie verraten ein Stück ihres Sexaallebens in 
versteckter Weise. Sie entkleiden sich und fröhnen so ihren exhibitionisti- 
schen Neigungen, die bekanntlich bei allen Kindern außerordentlich stark 
betont sind und erst durch Erziehung unterdrückt werden. Und was das 
Wichtigste dabei ist: Sie locken die geliebte Warteperson (Mutter, Vater, 
Gouvernante) meist in sehr wenig verhüllendem und alles entblößendem 
NachtkofitUm an ihr Bett. Läßt man sie im Anfall ruhig gewähren, ohne 
sich am sie za kümmern, so hören diese Anfalle wunderbarerweise sehr 
rasch auf. Sie sind eben zwecklos, and das kleine hysterische Tenfelchen 
erreicht mit ihnen gar nichts. 

Einer meiner Patienten berichtete mir, er habe als Kind im fünften 
Lebensjahre jämmerlich des Nachts geschrien. Er wollte zu dem Kinder- 
mädchen ins Bett. Er erinnert sich deutlich, daß ihm das Betasten der 
Schamhaare einen großen Genuß bereitet habe. Dieser Patient kann keinen 
Koitus ausführen, wenn die Fraa nicht sein Membrum mit der Hand in 
die Vagina einführt. Diese häufige (relative) Impotenz ist auf die ver- 
schiedenen Manöver des Kindermädchens zurückzuführen *), das seinen Penis 



') Eine zweite Wurzel int das Betonen des passiven Momentes. Der NenrotUer 
bat seinen Aggressionstrieb (Adler) gehemmt nnd iueht die fremde Aggression. Er will 



Die Angstnenrose der Kinder, Jß3 

einfuhren wollte. Die ersten infantilen Eindrücke bestimmen die indivi- 
duelle Form des Sexuallebens! 

Aach für die einfache Schlaflosigkeit (ohne Pavor) gelten dieselben 
Grundsätze. Meistens wollen die Kinder nicht einschlafen, weil sie das 
Ausziehen der Erwachsenen beobachten möchten. Mitunter stellen sie sich 
schlafend and warten stundenlang, um die verschiedenen Szenen aus dem 
ehelichen Leben zu belauschen. Das „Nichteinschlafen wollen" der Kinder 
hat in vielen Fällen dieses Motiv. Das eine Kind verlangt, es möge ein 
Licht brennen, sonst könne es nicht einschlafen: es will die Entkleidung 
sehen. Das andere begehrt stürmisch, die Gouvernante müsse die Kerze 
abtropfen: es will die Gouvernante im Hemd sehen. Das dritte Kind kann 
aus Angst vor „schwarzen Männern" nicht einschlafen: es will zur ge- 
liebten Person ins Bett. 

Man glaubt es nicht, was für Raffinement die Kinder entwickeln, um 
zu den Erwachsenen ins Bett zu kommen. Wenn jemand im späteren 
Leben an Gewitterangst leidet, so hat diese Phobie nicht selten diese in- 
fantile Wurzel. Bei einem Gewitter kommen die Kinder ins Bett und 
werden vom Vater oder von der Mutter oder einer anderen geliebten 
Person umschlungen und gekost. Wenn sie erwachsen sind, äußert sich 
die einstige erotische, lustbetonte Erregung infolge der Verdrängung als 
Unlust und als Gewitterangst. 1 ) Neurotiker erzählen bei den Psychoanalysen 
derartige infantile Erlebnisse sehr häufig. So berichtete mir ein an Zwangs- 
neurose leidender Jurist, daß ihn als kleinen Knaben die Köchin während 
eines starken Gewitters ins Bett genommen, was bei ihm einen so starken 
erotischen Eindruck hervorgerufen habe, daß er noch heute nach 18 Jahren 
von diesem Vorfall träumt. 

Man irrt eben, wenn man nur die groben Reizungen der 
Sexualität für bedeutsam ansieht. Auch diese kleinen Begeben- 
heiten können fürs ganze Leben bestimmend wirken. 

Freud erzählte mir von einer Hysterischen, die im Beginne der psycho- 
analytischen Kar verschiedene Schatten an den Wanden mit Interesse verfolgte. 
Es stellte sich heraus, daß diese Halluzinationen auf ein wichtiges Erlebnis in 
der Kindheit zurückzufahren waren. Diese Erklärung kam erst einige Monate 
später im Verlaufe der Behandlung zutage. Diese Kranke hatte als Kind eine 
Gouvernante, deren Bett von dem ihren durch eine spanische Wand getrennt 
war. Jeden Abend nun wollte das Mädchen die vor ihm geheim gehaltene Szene 
der Entkleidung beobachten. Das war nar an den Schatten möglich, welche 
die einzelnen Phasen deutlich verrieten. Auch nach vielen Jahren im Kloster 
setzte sie diese Beobachtung mit Hilfe der Schatten fort. 

Man sieht, die Kinder haben für ihr Nichteinschlafenwollen viele 
Motive. Ich nenne nur einige: das Motiv des Sehens (diese werden dann 
die „Voyeurs"); das Motiv des Lauschens; das Motiv, ins Bett genommen 
zu werden; das Motiv, die geliebte Person immer in seiner Nähe zu haben. 
Auch unbewußte sadistische Motive (die geliebte Person zu quälen) kommen 
iu Betracht. 

Man sollte es nicht glauben, daß die Ärzte die Sexualität des Kindes 
beharrlich übersehen. Moll, der ein großes Buch über „Das Sexual- 

trdolden, am seine Schuld zu verringern. Er hat die innere Verteidigung: Du bist ja nicht 
schuldig, sie hats getan. Das gilt auch für die Frauen, deren Ideal immer die Vergewaltigung 
als idealste Form der Lust ohne Schuld bleibt. 

") Eine zweite Wurzel ist die „Angst vor der Strafe Gottes"! 

11* 



164 Erster Teil. Die Angstneurose. 

leben des Kindes" (Berlin 1909, H. Walther) geschrieben hat, steht den 
komplizierten Verhältnissen der Kindersexualität mit wenig Verständnis 
gegenüber. Dagegen benutzt Strohmayer (Vorlesungen über die Psych o- 
pathologie des KindesalterB, für Mediziner and Pädagogen. Tübingen, 
H. Lanpp, 1910) die Kenntnisse, die er den Psychoanalytikern verdankt, 
nnd warnt vor den überflüssigen Reizungen der Sexualität: „Darin wird 
unbedacht viel gesündigt. Die Überzärtlichen wissen nicht, daß sie durch 
gehäufte Liebkosungen, fortwährendes Küssen, Streicheln, Tätscheln, sogar 
meist auf erogene Zonen (Ohr, Mund, Hals, Nacken, selbst Gesäß) beim 
Kinde erotische Instinkte wecken, die zur Masturbation führen. Die 
wenigsten Erzieher und recht wenige Ärzte wissen, daß sich 60 geweokte 
frustrane sexuelle Erregung beim Kinde in AngBt, Schlaflosigkeit und 
Pavor nocturnuB verwandeln kann. Sonst würden manche Eltern vor- 
sichtiger sein in der Hütung der Mysterien ihres Ehebettes und in der 
teilweisen oder ganzen Prostitution ihres nackten Körpers vor ihren Kindern. 
Es ist doch zu merkwürdig, daß manche Fälle von Pavor nocturnns bei 
Kindern mit einem Schlage heilen, wenn man sie aus dem elterlichen 
Schlafzimmer entfernt oder sie aus den Händen einer hübschen, zärtlichen 
Gouvernante erlöst werden, und daß so viele Kinderhysterien mit kon- 
vulsivischen und deliranten Anfällen im Anfall erotische Mimik zeigen oder 
direkt den Koitus nachahmen. Auf all diese Dinge nachdrücklichst auf- 
merksam gemacht zu haben , ist ein Verdienst von Stehet. Auch daß 
perverse Anlagen im Kinde schlummern, wird leider 60 gut wie immer 
vergessen. Und doch ist es positiv sicher, daß schon Kinder von 3 bis 
5 Jahren ausgeprägte masochistische oder sadistische Scxualerregungen 
haben können. Eine einmalige Züchtigung aufs nackte Gesäß oder der 
Anblick irgend einer pädagogischen Grausamkeit, auch das manchmal im 
Spaß getriebene Beißen der Kinder kann zum Markstein in der Sexual- 
entwicklung nach der Perversität hin werden." 

Kennt man diese Eigenschaften der Kinder, so wird einem manches 
rätselhafte Leiden derselben klar und durchsichtig. Man ahnt es nicht, wie 
listig und verschlagen Kinder sein können. Ich kenne einen Schriftsteller, 
der im Alter von acht (!) Jahren ein mit pikanten Witzen gespicktes Büch- 
lein in der Lade seines Vaters fand. Eines Abends — es war eine große 
Gesellschaft beisammen — stellte sich der kleine Bengel hin und bat um 
Aufklärung eines Witzes, der gewiß einer der ordinärsten der Sammlung 
war und den er vollkommen verstanden hatte. Mit gut geheuchelter Un- 
schuld erzählte er die Zote, über die die ganze Gesellschaft lachte. Alles 
rühmte die unverdorbene Naivität des Knaben. Hätte er sich denn sonst 
getraut, diesen ordinären Witz aufzutischen? Dieses Kind handelte — wie 
es später gestand — aus bewußten Motiven. Wie vieles mag erst aus 
unbewußten zustande kommen? Man beachte den folgenden Fall: 

Nr. 82. Ein 13 jähriger Knabe erkrankt im Anschloß an eine Blinddarm- 
Operation an einem Ekzem des — Penis (!). Das Ekzem war außerordentlich 
hartnackig, trotzte jeder Therapie- Bei Tage verhielt sich der Knabe ganz 
ruhig. Die Mutter saß an seinem Bette, las ihm etwas vor oder beschäftigte 
sich in anderer Weise mit ihm. Am Abend, wenn sich alles zur Ruhe begab, 
die Mutter ins andere Zimmer ging, schlief er so ungefähr eine halbe Stunde 
oder lag ruhig mit offenen Augen da. Dann begann er einen merkwürdigen 
kindischen, jammervollen Bingsang, der sofort Beine Mutter an das Krankenbett 



Die Angstoeurose der Kinder. ]ßö 

lockte. „Warum — weinst du denn, Max?", fragte die Mutter. „Es juckt so, 
daß icb es nicht aashalte. Ich muß mich kratzen!" 

„Kratzen!" war für die Mutter ein Alarmruf. Sie fürchtete eine Ver- 
schlimmerung des Ekzems. Deshalb begann sie ihm umschlage mit Liquor 
Bonrowii usw. zu machen. 

Der Knabe hatte sein Ziel erreicht. Die Mutter saß neben ihm. Er ent- 
blößte sich vor ihr (Exhibitionismus) und sie befaßte sich stundeulang mit 
seinem Glieds. 

Natürlich wurde das Ekzem nicht besser. Dabei hatte der Knabe eine 
ausgesprochene Angstneurose. Er wnr sehr reizbar nnd ungemein ängstlich, in 
permanenter ängstlicher Erwartung. Man durfte vor ihm kein Wort sprechen, 
ao das sich etwa eine angstliche Vorstellung knüpfen konnte. Außerdem wurde 
er von einer hartnackigen Obstipation geplagt, die seine Mutter zwang, sich 
fortwahrend mit seinen vegetativen Funktionen zu befassen. 

Auch einige objektive Merkmale sexueller Erregung fehlten nicht. Beim 
Verbandwechsel machte der Penis immerwährend sonderbare Bewegungen, die 
einer halben Erektion glichen. Er kam für eine halbe Sekunde aus der horizon- 
talen Lage über die vertikale in eine neue horizontale Lage, um dann rasch 
iu die erste Situation zurückzuschnellen. Die Hoden waren in beständiger Be- 
wegung. Die als Kremasterreflex bekannte zuckende Bewegung ging fast ohne 
Unterbrechung vor sich. Manchesmal traten auch Schmerzen im Oberschenkel 
und Ameisenlaufen auf. Die letzte Woche klagte er über einen Tic convulsif 
im Oberschenkel. Kurz, man konnte sehen, daß sich die Nerven des Genitales 
und der benachbarten Region in hochgradiger Erregung befanden. 

Der Knabe stand in Behandlung eines sehr tüchtigen Spezialisten. Den 
machte ich auf diese Erscheinungen aufmerksam. Icb erzählto ihm nichts Neues. 
Der Knabe wur schon einmal viele Monate in einem Sanatorium in seiner Be- 
handlung gewesen. Damals wurde das Leiden erst geheilt, nachdem die Mutter 
von der Pflege weggeschickt und dem Knaben bei Nacht die Hilnde gebunden 
wurden. 

Ich machte auch jetzt der Mutter den Vorschlag, bei Nacht zum Knaben 
absolut nicht zu gehen, die Pflege einer alten Wärterin oder womöglich einem 
Wärter anzuvertrauen. 

Der Effekt war sonderbar genug. Dieselbe Frau, die mir vor einigen 
Tagen weinend versichert hatte, sie werde es nie im Leben vergessen, daß 
ich ihrem Kinde das Leben gerettet (durch eine auf meine Verantwortung 
gegen den Willen des Operateurs vorgenommene Laparotomie; es war bereits 
ein Abszeß im Douglas vorhanden!), dieselbe Frau wurde meine stille, aber 
desto erbittertere Gegnerin, die mir nach einigen Tagen die Entstehung einer 
interkurrenten Erkrankung als Folge meiner leichtsinnigen Behandlung vor- 
warf. Von ihrem Kinde ließ sie sich nicht trennen. Und auch der Knabe sah 
in mir instinktiv einen Gegner, der ihn in seinen erotischen Spielen stören 
wollte. Als der Knabe infolge seiner permanenten Schlaflosigkeit sehr herunter- 
kam, war natürlich wieder ich der Prügelknabe, der an seinem körperlichen 
Niedergange schuld war. So gefährlich ist es, wenn man bei Müttern mit 
einem hypertrophischen Zärtlichkeitsgefübl pädagogische Maßregeln versneben 
will. Daß die Mütter bei solchen Gelegenheiten auf die ihnen aus der Pflege 
und Betreuung des Kindes erwachsenden Lustgefühle nicht verzichten wollen, 
ist ja menschlich begreiflich. 

Ein anderes Kind von 5 Jahren konnte nicht einschlafen , wenn es 
nicht den Busen der Mutter zum Spielen in die Hand bekam. Es schrie 



166 Erster Teil. Die Angstneurose. 

bo lange „Basti" (Brust), bis man ihm zu Willen war. Nachdem ich dies 
bemerkt und verboten hatte, wird der Knabe mein erbitterter Gegner und 
ließ sich von mir nie wieder untersuchen. Er bekam heftige Wutanfälle, 
wenn ich seinen Körper berühren wollte. 

Ein ähnlicher Fall, wo die Mutter krank, das Kind vollkommen 
gesund war, wird uns noch bei der Besprechung der Hypochondrie be- 
schäftigen. 

Zu den Symptomen der kindlichen Angstneurose gehört außer dem 
„Pavor nocturnu6 tt , der allgemeinen Ängstlichkeit, der auffallenden Reiz- 
barkeit, dem Ekzem, der Enuresis, den anfallsweisen Diarrhöen, den 
kleinen Ohnmachtsanfällen (siehe den Fall „nicht so schnell" von Zappert) 
auch das Erbrechen. 

Dieses Erbrechen tritt meistens des Morgens auf, wenn die Kinder 
in die Schule laufen müssen. Es «i stiert oft an Sonn- and Feiertagen, 
wenn die Kinder sich ausschlafen können, and wurde deshalb als ein 
charakteristisches Zeichen der Schulnervosität aufgefaßt. Solche Kinder 
ängstigen sich vor der Schule, vor dem Lehrer oder der Lehrerin. Sie 
sitzen mit einer grübelnden Angst da, sie könnten geprüft werden und 
nicht entsprechen. Sie leiden manchmal an „nervösen Diarrhöen", ja, es 
passiert ihnen auch in der Schale etwas allzu Menschliches. Sie sind auch 
sehr häufig bis in die späteren Jahre hinein Enuretiker, ohne daß eine 
Spur von Epilepsie nachzuweisen wäre. Wir kennen die Ursachen des ner- 
vösen Erbrechens bei Erwachsenen. Das Erbrechen tritt besonders in den 
Vordergrund der Neurose, wenn die verdrängte erotische Vorstellung mit 
einem Affekt des Ekels kombiniert ist. Wir müssen un6 erst überzeugen, 
ob es sich nicht bei Kindern geradeso verhält. Solche Kinder fallen dem 
Lehrer auch durch die unangenehme Gewohnheit auf, daß sie jeden Moment 
auf die „kleine Seite" hinausgehen wollen. 

Gewiß spielt auch hier die Angst vor der Schule mit. Besonders, 
wenn dem Kinde seit Monaten gepredigt wird: „Warte, bis du nur in der 
Schule bist, da wird dich der Lehrer gehörig hernehmen." 

Aber andere Kinder hören derlei Drohungen auch und sie verhallen 
vollkommen wirkungslos. Die von der Angstneurose her disponible („frei 
flottierende") Angst bindet sich an diese im Vordergrunde stehenden Vor- 
stellungen. Einen tiefen Einblick in diese Schalnervosität gewährt der 
nachstehende Fall: 

Nr. 83. P. ß., ein sechsjähriger Junge, leidet seit dem Schulbeginne an 
heftigem Erbrechen, immer des Morgens, nachdem er sein Frühstück einge- 
nommen. Das ausgesprochen nervöse Kind krankt auch an Schlaflosigkeit, d. h. 
an schwerem Einschlafen und zeitweiligen Migräneattacken. Alle Maßnahmen, 
die ich treffen will, um den Knaben zu heilen, werden als unnötig zurückge- 
wiesen. Er bleibt im Schlafzimmer der Eltern, man laßt das Licht brennen, 
solange der kleine Tyrann es befiehlt. Außerdem muß die Mutter unzählige 
Male an sein Bett, um ihn ordentlich zuzudecken. Er verkühlt sich nämlich so 
leicht und fangt zu husten an, wenn er schlecht zugedeckt ist. Er hustet sonder- 
barerweise nur bei Nacht, wenn er Kälte empfindet, niemals am Tage. Er 
sperrt sich stundenlang in den Abort ein. Ich spreche die Vermutung aus, es 
bandle sich um sexuelle Erregangen, was die Eltern mit Entrüstung zurück- 
weisen. „So ein ahnungsloser, unschuldiger Engel!" 

Nach einigen Wochen werde ich wieder gerufen. Der Vater teilt mir mit, 
er habe den Knaben Überrascht, wie er den um zwei Jahre jüngeren Bruder 



Dia Angstaeorose der Kinder. 167 

masturbiert hatte. 80 beschaffen war das Kind, auf dessen Unschuld die Eltern 
tausend heilige Eide leisten wollten. 

Eine genaue Überwachung des Kindes durch einen intelligenten alteren 
Verwandten des Hauses hatte bald einen eklatanten Erfolg. Erbrechen und 
Schlaflosigkeit schwanden in einigen Tagen; auch die Migräneanfftlle kamen 
sehr selten. Das Kind hatte sich in auffallender Weise erholt. 

Man htlte eich davor, derartige kleine Onanisten durch Schrecken 
heilen zn wollen. Die Angst vor den Folgen der Onanie ist oft gefähr- 
licher als die Onanie selbst. Siehe die nächste Beobachtung J. V. 

Strohmayer (Vorlesungen über die Psychopathologie des Kindesalters 
D8w.) sagt mit Recht: „Ich warne Sie davor, das jagendliche Gewissen mit 
den sogenannten Folgen der „Jugendsünden " allzusehr zu belasten. Sonst 
wirkt die Furcht vor den Folgen der Onanie schlimmer als das 
Laster selbst." Viele Ausrufe im Pavor nocturnus beziehen sich auf die 
Drohungen wegen der Onanie. Z. B. „Nein! Ich werde es nie wieder 
tun!" oder: „Nanie, Nanie fort!" Hier ist bei Nanie Onanie zu er- 
gänzen, wie in dem Falle, den Kollega Reitler mir erzählte, bei dem 
„Onan der große Geist" Onanie bedeuten sollte. 

Ein Patient berichtete mir, er habe auch als sechsjähriger Schul- 
knabe an Erbrechen gelitten. Er war damals schon Onanist und nahm sich 
vor, als Schüler ein braves Kind zu werden, das vor seinen Eltern kein 
Geheimnis haben sollte. Er kam sich so schlecht und verworfen vor, daß 
er aus Ekel gebrochen hatte. 

Dieser moralische Einfluß des Schuibeginnes ist bei vielen Kindern 
zu beobachten. Eine kleine Patientin, die als Kind mit einem am zwei 
Jahre älteren Knaben koitusähnliche Spiele vorgenommen (siehe Fall 1 
meiner Studie: „Koitus im Kindesalter"!), verweigerte plötzlich dem Knaben 
die Mitwirkung mit der Motivierung: sie sei nun ein großes Mädi, gehe 
in die Schule und für eine Schülerin schicke sich so etwas nicht. 

Die Kinderärzte kennen diese Zusammenhänge noch viel zu wenig. 
Sie Übersehen diese Dinge. Ich kann noch mehrere ähnliche Beobachtungen 
aus meiner Erfahrung anfuhren, wenn ich auch nicht wie Fließ 1 ) (vgl. 
S. 129 den Fall des Knaben Fritz) die Anfälle nach Perioden geordnet 
habe. Dazu habe ich nicht die Muße gehabt. Bei der Beobachtung, die 
ich jetzt anführe, war es auch unnötig, weil der Anfall jede Nacht ge- 
kommen ist. 

Nr. 84. J. V., ein lOjähriger Knabe, steht wegen Tuberkulose eines 
Wirbelknochens in meiner Behandlung. Er liegt nun auf Anordnung des Ortho- 
paden im Gipsbette, was er anstandslos erträgt. Die Mutter freut sich über 
seinen tiefen ruhigen Schlaf. Dann erhalt er ein Gipsmieder, das die ersten 
Tage ebenfalls gut ertragen wird. Noch in der ersten Woche fangt der Knabe 
bei Nacht fürchterlich zu schreien an. Die Eltern suchen ihn zu beruhigen, 
fragen, was ihm denn eigentlich weh tue usw. Er blickt wie geistesabwesend 
in eine Ecke und schreit unartikulierte Laute, macht dann Abwehrbewegungen 
mit der Hand, verfällt hierauf in einen heftigen Weinkrampf und schläft dann 
weiter. Diese Szene wiederholt sich jede Nacht. Alle organischen Ursachen 
werden in Betracht gezogen, das Mieder aufgemacht, die Nase untersucht, nach 
Warmem gefahndet. Bei näheren Nachforschungen erfahre ich, daß der Knabe 
heftig onaniert hat. Vor einigen Tagen hatte ihn der Vater auf frischer Tat 



') Beziehungen zwischen Nase und weiblichen Geschlechtsorganen. Wien, Deutioke. 



168 Erster Teil. Die AngBtneorose. 

ertappt and heftig angeschrien: „Wenn dn das noch einmal machst, so 
achneide ich dir mit einem Messer das Ding da ab." Und um der 
Drohung noch mehr Nachdruck zu geben, zog er ein großes Federmesser aas 
der Tasche, so daß der erschreckte Knabe zu schreien anfing. 

Das Kind reproduzierte im Schlafe die schreckliche Szene. Die erzwun- 
gene plötzliche Abstinenz löste Ähnlich wie beim Erwachsenen eine Angstneurose 
aus. Eine Beruhigung des intelligenten Knaben war durch offene Aussprache 
leicht zu erzielen. Er wurde auch aus dem Schlafraume der Eltern entfernt. 

Kinder sollen immer ein eigenes Schlafzimmer erhalten, notabene 
wenn die sozialen Verhaltnisse es gestatten. Die Warteperson halte sich 
in einem benachbarten Baume anf. Diese Maßregel halte ich für sehr 
wichtig. Speziell die „Schlaflosigkeit" der Kinder, die immer auf sexu- 
eller Reizung beruht, ist so sehr rasch zu heilen. Meistens bestätigt der 
prompte Erfolg dieser Maßnahmen die Annahme. Erfahrene Kinderärzte 
wissen das längst. Nur glauben sie, das öftere Nachschauen der Mutter, 
ihre Nervosität und Unruhe sei die Ursache der Schlaflosigkeit, was für 
einige Fälle zutreffen mag. So erzählt Zappert: 

„Oft genügt scheu die Entfernung des Kindes aus dem Schlafzimmer der ängstlichen 
Matter, am in ein oder zwei Nächten rahigen Schlaf zu erzielen. Einen umge- 
kehrten Fall, der geradem wie ein Experiment sich unlieb', hat mir jüngst ein Kollege er- 
zählt : Ein Kind, das wegen Schlaflosigkeit schon vielfach behandelt worden war, mußte 
einmal wegen Erkrankung seiner Bonne im Schlafzimmer der Eltern übernachten; 
es schlief völlig ruhig. In sein froheres Schlafzimmer zurückgebracht, zeigten sich wieder 
die alten Erscheinungen der nächtlichen Unruhe. Erst als das Kind während eines aber- 
maligen Obemachtens bei den Eltern neuerdings ganz ruhig blieb, lernten es diese 
verstehen, daß nicht am Kinde, sondern an dessen Wartepereon die Schuld der Schlaf- 
losigkeit gelegen war. Fälle kindlicher Agrypnie, die in dem Momente geheilt waren, als 
die Kinderfrau gewechselt wurde, könnte ich Ihnen mehrere aufzählen; ja ich sehe es in 
meiner eigenen Familie, daß eines meiner Kinder, welches früher nnter der Obhut eines 
allzu nachsichtigen Kindermädchens recht schlechte Nächte verbracht hatte, sehr bald 
anter dem Regime einer energischen Kinderfrau ruhig wurde, aber immer wieder eine nn- 
rahige Nacht hat. wenn aas häuslichen Granden einmal nicht die Kinderfrau, sondern das 
sonst in anderer Verwendung stehende frohere Kindermädchen im Zimmer schläft." 

In solchen Füllen muß man immer an erotische Reizungen von seiten 
der Warteperson denken. Diese können onanistische Manipulationen oder 
unabsichtliche Erregung der Sinnlichkeit durch Streicheln, Küssen, Ausziehen 
vor dem Kinde sein. So wäre mir das Kindermädchen, von dem Zappert 
erzählt, sehr verdächtig. Nach meinen vorhergegangenen Ausführungen 
werden die obigen Angaben Zapperts auch durchsichtiger. Wir wissen ja, 
warum das Kind bei der Bonne, bei dem Kindermädchen nicht schlafen 
konnte. Wir können es wenigstens nach unseren Erhebungen mit ziemlicher 
Sicherheit annehmen. 

Am schlechtesten fahrt die Matter, welche wegen eines jeden Angst- 
tranmes die Kinder zu sich ins Bett nimmt. Solche Kinder produzieren 
dann leicht Angstträume, um ins Bett der Mutter zu kommen. 

Das beweist die folgende Beobachtung : 

Nr. 85. Das "jährige Madchen V. T. leidet au häufigen Augsttraumen 
und Urtikaria. (Urtikaria ist die sexuelle Hautkrankheit par excellence. Man 
denke an die Urtikaria, welche die Schwester Goethes — Kornelia — vor 
jedem Ball, bei dem sie sich dekolltieren sollte, durchmachen mnßte. Freilich 
es gibt auch eine toxische Urtikaria vom Darm aus. Doch wer weiß es, ob die 
sexuelle Urtikaria nicht gleichfalls durch ein Toxin entsteht?) Der Vater nahm 
das Kind immer nach einem solchen Angstschrei zu sich ins Bett, worauf es 
such bald beruhigte. Der Vorfall wiederholt sich monatelang jede Nacht. Dabei 



Die Angstneurose der Rinder. [Q'J 

stellt das Mädchen allerlei Ansprüche. Sie muß mehrere Sessel vor dem Bette 
babeD, das elektrische Licht maß breooen, der Hand maß zu ihren Füßen liegen 
und dergleichen mehr. Sie kommt in ein eigenes Zimmer mit einer Erzieherin, 
die den Auftrag erhalt, sie nicht ins Bett zu nehmen — und siehe da — 
□ach einigen Tagen sind die Angstträume vollkommen verschwunden. Die Urti- 
karia klingt langsam ab. Hier sehen wir, daß die sogenannte exsudative 
Diathese in die konstitutionelle Disposition der Haut und in die durch periphere 
Reiznagen derselben entstehenden Übererregbarkeit zerfällt. Ob nicht die Reize 
der Haut allein durch Streicheln, Kitzeln, Küssen, Tätscheln die Haut zu einer 
erogenen Zone machen können? 

Das Wechseln des Schlafzimmers and der Warteperson ist oft von 
kolossalem Einfluß. Diese einfache Maßregel wirkt Wander und besser als 
das viel mißbrauchte Veronal, das bei Schlaflosigkeit der Kinder wärm- 
sten s empfohlen wurde! 

Ich führe hier noch eine Beobachtung meines Kollegen Dr. M. Mergler 
an, die ich einer persönlichen Mitteilung verdanke: 

Nr. 86. Der Knabe Fritz, 4 Jahre alt, erscheint hereditär schwer be- 
lastet. Der Vater hatte eine Lues durchgemacht, die Mutter war eine Hysterika. 
Der Knabe war nach dreimaligem Abortus zur Welt gekommen, war ihr ein- 
ziges Kind nnd wurde infolgedessen mit übertriebener Zärtlichkeit behandelt. 
Das Kind erwachte nun seit einiger Zeit einige Male in der Nacht, schrie 
fürchterlich und zeigte die Zeichen großer Angst. Alle der Mutter 
vorgeschlagenen Mittel halfen nichts. Die Mutter verbrachte schlaflose Nächte 
am Bette ihres Kindes und versuchte, wenn sie das Nahen eines Anfalles zu 
beobachten glaubte, den Anfall dadurch zu kapieren, daß sie das Kind aus 
dem Schlafe rüttelte. Dr. Mergler ordnete nun an, das Kind müsse für sich 
allein einen getrennten Schlafraum erhalten, und siehe da! Von diesem 
Momente an hatte das Kind keinen Anfall mehr bekommen. 

Man kann es nicht oft genug wiederholen: Meistens ist es nur die 
übertriebene Zärtlichkeit der Erzieher, die die ersten Sexualgeflihle auslöst. 
Auch unvernünftige Züchtigungen können zu schweren Perversionen (Sa- 
dismus und Masochismus) führen, wie unsere Psychoanalysen beweisen. 
Alle Extreme sind schädlich. Grausamkeit der Eltern wirkt fast ebenso 
wie die übertriebene Zärtlichkeit, dadurch, daß allzu früh erotische Sen- 
sationen provoziert werden. Diese dunklen Sexualgefühle äußern sich als 
Angst nnd Wut. Grobe erotische Reizungen können von Warte- oder Pflege- 
personen ausgehen. Daß dies geradezu in verbrecherischer Weise geschieht, 
das beweisen unsere Erfahrungen der Psychoanalyse. Ich werde später 
über einen Knaben berichten, an dem der Diener seines Vaters schon mit 
6 Jahren die Fellatio geübt hat. Das freilich sind nur die Extreme, ebenso 
wie der 5jährige Knabe, der mir einmal mit einer Gonorrhoe vorgestellt 
wurde, die er von seiner 13jährigen Schwester akquiriert hatte (!). So 
sehen in Wirklichkeit die asexuellen Kinder ans. Dann entsetzt man sich, 
wenn plötzlich durch einen Skandalprozeß die Tatsache verderbter Kinder 
neu entdeckt wird. Man mache nur die Augen auf und man wird diese 
Dinge nicht übersehen können ! 

Nr. 87. Der Leichtsinn und Unverstand der Eltern erreicht oft unbe- 
greifliche Dimensionen. „Ein Bild aus dem deutschen Familienleben* 
möchte ich am liebsten deu Fall benennen, den ich im folgenden publiziere. 
Es bandelt sich am einen 9jährigen, etwas blutarmen, sonst gesunden, von ge- 
sunden Eltern stammenden Knaben, der seit einigen Monaten an Migräne, 



170 Erster Teil. Die Aiigntnenrose. 

OhnmacbtsanfllleD and Psvor nocturna« leidet. Schon vor einem Jahre 
konsultierte mich die Matter wegen der abendlichen Angstanfalle des überaus 
intelligenten Knaben. Er fange des Abends zu schreien an, wenn man ihn 
allein im Zimmer lasse, habe gruselige Visionen (weiße Geister in weißen Ge- 
wandern!) und beruhige sich erst, bis er von der Mutter ins Bett genommen 
werde. Eine genaue Beobachtung ergab, daß der Knabe onanierte. leb verord- 
nete strengere Bewachung des Knaben, verbot strenge, ihn ins Bett zu nehmen 
und machte die intelligenten Eltern darauf aufmerksam, daß sie speziell vor 
diesem frühreifen Knaben in ihren Gesprächen und Handlungen sehr vorsichtig 
sein mußten. Dem Knaben hielt ich eine kleine Strafpredigt, ohne ihn allzu- 
viel zu schrecken, erklärte ibm, ich wisse von allen seinen Unarten, er möge 
diese Dinge lassen, die paßten für Kinder nicht. Ins Bett der Mutter 
werde er unter keinen Umstanden mehr kommen. Der Knabe beruhigte sich 
bald und die Angstanfälle verschwanden. 

Interessant ist die Fortsetzung, die den ganzen unberechenbaren Unver- 
stand der Eltern als Erzieher enthüllt. Ich werde wieder einmal „dringend" 
zu dem Knaben gerufen, weil er „ schwer krank" sei. Er sitzt mit leidendem 
blassen Gesicht vor dem . Lederstrumpf " und liest. Die Mutter erzählt, der 
Knabe leide täglich an Migräne. Des Abends beginne er zu schreien: „Ach 

— mir wird schlecht! Ich sterbe! Ich falle in Ohnmacht! — mein Kopf 

— mein armer Kopf!" Daraufhin nehme ihn die Mutter ins Bett und er be- 
ruhige sich allmählich. 

In seinem Kopfe scheine etwas nicht nichtig zu sein. Der Knabe, der 
früher lauter „Einser" nach Hause gebracht habe, komme jetzt mit Mttbe durch. 
Manchmal bringe er auch „Fünfer" nach Hause und dem Lehrer gebe er ganz 
„verdrehte" Antworten. Neulich sagte er (ein Schüler der vierten Klasse): 
6 + 2 sind 20. Auch im Klavier mache er gar keine Fortschritte. 

„Und wie steht es mit seinen erotischen Reizungen?" frage ich die 
Mutter. 

„Ach — Sie mochten gar nicht glauben, wie schlimm der „Schlankl" 1 ) 
ist. Im ersten Stock wohnt eine Baronin — wir nennen sie so, weil sie die 
Maitresse eines Barons ist — , die ist eine sehr fesche, üppige Frau und nimmt 
den Buben immer auf den Schoß. Natürlich gebt sie im Hause immer dekolle- 
tiert herum. Wissen Sie, was mein Sohn gestern der Köchin gesagt hat? Mir 
traut er sich so etwas nicht zu sagen, der Mistbub! „Die Baronin ist eine 
fesche Frau, die hat einen schöneren Basen als die Mama." 

„Und da lassen Sie den Knaben täglich hinaufgeben?" 

„Was soll ich denn machen? Der hat seinen eigenen Kopf. Vorige 
Woche waren wir im Kolosseum bei „Polkatraum". (Eine sehr derbe, zoten- 
hafte, eindeutige Parodie.) Der Knabe ist natürlich mitgegangen, weil es mein 
Mann so wollte. Dort singt eine Soubrette ein Lied von einem breiten Bette. Zu 
Hause sagt dann der Knabe: „Ich weiß, wozn man ein breites Bett braucht, 
wenn sie es auch nicht gesagt hat." 

„Wie benimmt sich der Kleine, wenn er zu Ihnen ins Bett kommt?" 

„Er umarmt mich, küßt mich und sagt mir: Jetzt habe ich gar keine 
Äugst mehr. Manchmal wird er so stürmisch, daß ich es abwehren muß." . . . 

Ein Kommentar ist überflüssig. Die Mutter war von mir gewarnt worden. 
Es waren keineswegs rohe Menschen aus den Tiefen der Großstadt. . . . Trotz- 



*) Wiener DialekUnsdrnck. Hat eine gewisse „anerkennende" erotische Betonung, wie 
das ahnlich gebrauchte »schlimm". 



Die ÄDgatfuinroee der Kinder. 171 

dem wollte die Matter nicht den Zusammenhang sehen, weil aie offenbar die 
feurigen Umarmungen des Sohnes immer auf Rechnung der Kindesliebe setzte 
und auch aaf ihren Lastgewinn bei der Sache nicht verzichten wollte. 

In diesem Falle wollte ich einmal die Angst durch die Angst heilen. Ich 
Dahin den Knaben scharf ins Gebet and sagte ihm, ich wisse, weshalb er jeden 
Abend nnd nachts dieses Manöver aufführe. Er werde sein Ziel nicht mehr er- 
reichen. Im Gegenteil. Er komme ins Kabinett hinein, wo er dann ganz allein 
werde schlafen müssen. Aach sonst zeigte ich ihm, was mir von seinem Treiben 
verstandlich war. Er versuchte nicht einmal zo leugnen. 

Schon die nächste Nacht waren die abendlichen Ohnmachtsanfalle ver- 
gchwnnden. Er schlaft jetzt jede Nacht sehr rahig im Kinderzimmer. Freilich 
wäre in einem solchen Falle die beste Therapie die Entfernung des Knaben ans 
diesem Milien, die Trennung von seiner Matter. Diese letztere Maßregel er- 
seheint mir am so wichtiger, als jüngere Geschwister im Hause sind, darunter 
ein 5 jahriges Madchen, die alle in der Gefahr schweben, von dem Kleinen all- 
zufrüh aufgeklart und zn sexuellen Akten verleitet zu werden. 

Wir werden bei schlaflosen und an Angstneurose leidenden Kindern 
immer an frühzeitige erotische Erregungen denken müssen, Regungen, die 
entweder durch die übertriebene Zärtlichkeit, Strenge oder durch unver- 
ständliche Nachlässigkeit der Eltern zustande gekommen sind. In anderen 
Fällen wird man nicht fehlgehen, nach einem sexuellen Trauma zu 
suchen. Es ist unglaublich, wie häufig solche Szenen in der Erinnerung 
der Menschen auftaueben und wie selten sie den Ärzten und Eltern 
bekannt werden. Sexuelle Attentate spielen im Leben der Kinder eine 
große Rolle. 

Die Kinder erzählen diese Attentate sehr selten; eine instinktive 
Scheu hält sie davon ab. 

Freilich, in manchen Fällen erweisen sich diese Erzählungen von 
Neurotikern über infantile sexuelle Traumen als Phantasien. Immer ist je- 
doch ein wahrer Kern dahinter. Das Material, mit dem sie bauen, ist echt. 

Jedenfalls sind infantile sexuelle Traumen viel häufiger, als wir bis- 
her geglaubt haben. Man trifft sie auch häufig in der Anamnese gesunder 
Menschen, das heißt in bezug auf ihre Nerven gesunder Menschen. Nicht 
alle Kinder reagieren eben auf Bolche Traumen mit einer Neurose. 

Abraham (Das Erleiden sexueller Traumen als Form infantiler Sexual- 
betätigung, Zentralbl. f. Nervenheilk., 1907, S. 249) macht darauf aufmerk- 
sam, daß sich die Kinder verschieden verhalten, wenn sie ein solches 
Tranma erleben. Die einen erzählen es sogleich ihren Erziehern. Die anderen 
schweigen, als ob sie auch ein geheimes Schuldbewußtsein hätten. Die 
ersteren, das wären die Gesunden. Die zweiten trügen schon die Veran- 
lagung der Neurose in sich. Sie kommen dem Versucher gewissermaßen 
auf halbem Wege entgegen. Oder sie wehren diese sexuellen Attentate nicht 
energisch genug ab, was das römische Recht als eine „vis haud ingrata" 
bezeichnet. Ein 9jähriges Mädchen wird in einen Wald gelockt, dort eine 
Vergewaltigung versucht. Es gelingt dem Kinde, sich zu befreien, es eilt 
nach Hanse und erzählt den Angehörigen nichts von dem Geschehenen. 
Auch später bewahrt es sein Geheimnis. Warum handelt es so? 

Es ist nach Abraham nicht die Scheu, die das Kind abhält, zu reden, 
sondern das geheime Schuldbewußtsein. Warum ist das Kind überhaupt in 
den Wald mit dem Nachbarn gegangen ? Es erzählt diesen Vorfall nicht, 
weil es den Gewinn der Vorlust (Freud) schon als Sünde ansieht. 



172 Erster Teil. Die Augstueurose. 

So verlockend diese Annahme klingen mag, durch meine Erfahrun- 
gen wird Bie nicht bestätigt. Eine meiner schwersten Hysterischen hat die 
zwei Attentate, die an ihr versacht wurden, sofort ihren Eltern erzählt. 
Es handelte ßich nicht nm Phantasien, sondern nm von anderen Zeugen 
bestätigte Wirklichkeit. 

Man wird jedenfalls gut tun, den Angaben der Kinder über eventu- 
elle Attentate nur bedingten Glauben zu schenken und sich immer erst za 
Überzeugen suchen, ob nicht der Wunsch der Vater der sexuellen Phan- 
tasie gewesen. Mancher Unschuldige ist schon auf diese Weise in schweren 
Verdacht gekommen. In solchen Fällen kann die genaue Kenntnis der in- 
fantilen Form der Angstneurose, die ja häufig nur die Einleitung einer 
Ang6thysterie ist, einen sicheren Anhaltspunkt geben. Anfälle von Pavor 
nocturna«. Schlaflosigkeit, Obnmachtsanfälle, Bettnässen, nervöse Diarrhöen, 
Erbrechen, auffallende Schambaftigkeit, Urtikaria, machen die Aussagen 
zum mindesten sehr verdächtig, selbstredend, wenn diese Symptome schon 
vor dem Tranma dagewesen sind. 

Tritt aber die Angstneurose oder Angsthysterie nach dem Trauma auf, 
so haben die Aussagen der Kinder große Wahrscheinlichkeit für sich, wenn- 
gleich sie noch immer nicht absolut beweisend sind. Denn auch die Phan- 
tasie eines Traumas kann anter Umständen eine Neurose erzeugen. 

Diese Dinge sind deshalb so wichtig, weil Bie uns auch den derzeit 
einzigen gangbaren Weg zur Prophylaxe der Neurosen zeigen. „Das „Vor- 
bild" der Eltern ist der „Anschauungsunterricht" der Kinder", 
so sagt ein treffender Ausspruch. Czerny (1. c.) rät allen Ernstes in manchen 
Fällen, die Kinder dem unglücklichen Einflüsse der Eltern zu entziehen. 
„Man glaubt vielfach, es handle sich um Vererbung krankhafter Erschei- 
nungen, während eine Übertragung durch Erziehung vorliegt." 

Dies gilt besonders für die „einzigen" Kinder ■), die ja nur in seltenen 
Fällen den großen Schäden übertriebener Zärtlichkeit entgehen. Auf diese 
Weise wird der Neo-Malthusianismus zu einem wichtigen Faktor in der 
Ätiologie der Neurosen. Je kinderreicher eine Familie ist, desto natürlicher 
wird das Verhältnis zwischen Kindern und Eltern. Mit Recht sagt Czerny: 
„Der ununterbrochene Verkehr mit Erwachsenen ist für das Kind ebenso 
gefährlich wie das Alleinsein." Die größte der Gefahren ist neben größerer 
Strenge jedoch — und ich glaube dies bewiesen zu haben — die über- 
triebene Liebe der Eltern and Erzieher. 

Ich kann es mir nicht versagen, die trefflichen Worte zu zitieren, die 
Freud (l. c.) darüber sagt: „Ein Zuviel von elterlicher Zärtlichkeit wird 
freilich schädlich werden, wenn es die sexuelle Reifung beeinflußt, auch 
dadurch, daß es das Kind „verwöhnt", unfähig macht, im späteren Leben 
auf die Liebe zeitweilig zu verzichten oder sich mit einem geringeren Maß 
davon zu begnügen. Es ist eines der besten Vorzeichen späterer Nervosität, 
wenn das Kind sich unersättlich in seinem Verlangen nach Zärtlichkeit 
der Eltern erweist. Man überschätzt die Wirkung aller Kinderschrecken 
und gruseliger Erzählungen der Kinderfrauen. Kinder, die zur Ängstlichkeit 
neigen, nehmen nur solche Erzählungen auf, die an anderen durchaus nicht 
haften bleiben wollen. Das Kind benimmt sich dabei wie der Erwachsene, 
indem er seine Libido in Angst verwandelt, sowie er sie nicht zur 

') Vgl. die wertvolle Arbeit von J. K, Friedjung, „Die Pathologie des einzigen Kindes" 
(Wiener med. Wochenschr, Nr. 6, 1911) und Seier, »Das einzige Kind und seine Erziehung", 
Verlag Otto Gmelin. München 1910. 



Die Angstneurose der Kinder. 173 

Befriedigung zu bringen vermag, und der Erwachsene wird sich dafür, 
wenn er durch unbefriedigte Libido neurotisch geworden ist, in seiner Angst 
wie ein Kind benehmen." 

Wir wollen uns aber nicht der Täuschung hingeben, das Kind werde 
asexuell geboren und erst durch die Traumen sexuell gemacht. Das ent- 
spricht keineswegs unseren Erfahrungen, die sich gerade in den letzten 
Jahren bedeutend erweitert haben. Das Kind ist nach einem treffenden 
und vielzitierten Ausspruch Freuds „polymorph pervers". Die Traumen 
bestärken diese erotische Anlage und fixieren bei dazu Disponierten die 
Perversion. Doch nicht in allen Fällen. Man muß zugestehen, daß Kinder 
Traumen überstehen, ohne einen besonders bemerkbaren Schaden zu 
leiden. Daß es in dem einen Falle zur Neurose kommt, in dem andern das 
Kind gesund bleibt, hängt außer der „nervösen" oder besser gesagt „psy- 
chischen Disposition" von den Hemmungen ab, die das Kind in seinem 
Milieu mitbekommen hat. Deshalb überstehen Kinder gewöhnlicher Leute 
die Traumen ohne jeden Schaden, während Kinder eines hochkulturellen 
Milieus schwer neurotisch werden. Die religiösen und ethischen Hem- 
mungen bereiten den psychischen Konflikt vor. 

Wie weit unsere Annahmen von der Pansexualität des Kindes richtig 
sind, das hat die in ihrer fundamentalen Bedeutung noch zu wenig ge- 
würdigte „Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben" (Jahr- 
blich für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen, I. Band, 
1909) von Freud ergeben. Auch die Analyse eines vierjährigen Mädchens 
durch Jung („Über Konflikte der kindlichen Seele", Jahrb. f. psychoanal. 
und psychopath. Forschungen, II. Band, 1910, Franz Deuticke, Leipzig und 
Wien) hat unsere Kenntnisse der Kindersexualität bedeutend erweitert. Wir 
wissen es direkt aus dem Kindermunde, daß die Kinder schon in den ersten 
Lebensjahren sich über die geschlechtlichen Verhältnisse Gedanken machen 
und daß sie eigene Sexualtheorien (Freud, Über infantile Sexualtheorien, 
Sammlung kleiner Schriften zur Nenrosenlehre, zweite Folge, Franz Deuticke, 
1909, Leipzig und Wien) bilden, die für die späteren Erscheinungen der 
Neurose determinierende Kraft haben. 

Auch der Charakter des Kindes und seine besondere Disposition wurde 
uns durch die charakterologischen Arbeiten von Alfred Adler vertraut gemacht. 
Dieser Autor (Über neurotische Disposition, Jahrbuch, I. Band) weist auf die 
große Empfindlichkeit der Kinder, ihre Nachträglichkeit und ihre 
Rachsucht hin. Die Überempfindlichkeit gehe auf organische Über- 
empfindlichkeiten zurück. Bei diesen Kindern finden sich Lichtscheu, Hyper- 
ästhesien des Gehörs, der Haut, größere Schmerzempfindlichkeit, besondere 
Erregbarkeit der Vasomotoren, erhöhtes KitzelgefUhl und muskuläre Erreg- 
barkeit. Die zur Neurose Disponierten brächten schon aus der Kindheit 
eine „psychische Anaphylaxie" mit. Infolge der Hemmungen bilde sich 
der nach innen gekehrte Aggressionstrieb in ein schweres Schuldgefühl um, 
das, aus dem Bewußtsein gestoßen, gewissermaßen ein abstraktes Schuld- 
gefühl sei. So wenden sich die Hemmungen gegen den Aggressionstrieb und 
aus der Aggression werde Feigheit. So macht Gewissen Feige aus uns 
allen." 

Einen weiteren Ausbau erhielten diese Kenntnisse durch meine 
Entdeckung von der allgemeinen Verbreitung der kindlichen 
Kriminalität. 



174 Erster Teil, Die Angstneoroee. 

Meine Ansichten weichen ja von denen Freuds insoferne ab, als 
ich nach langjährigem Forschen auf diesem Gebiete zur Erkenntnis ge- 
kommen bin, daß ohne Beteiligung der Psyche Überhaupt keine 
Neurose zustande kommt; das heißt, jede Neurose ist eine seelische 
Krankheit; oder wenn ich die Terminologie der modernen französischen 
Schule anwenden soll, jede Neurasthenie ist für mich eine Psychasthenie 
und jede Psychasthenie geht auf einen seelischen Konflikt zurück ') Dieser 
seelische Konflikt hat seine Wurzeln entweder im Sexualleben oder im 
Kriminellen. Da mir das Kriminelle der weitere Begriff zu sein scheint, 
weil es ja alles Verbotene oder Sündhafte in sich faßt, so möchte ich 
mich für die Formel entscheiden: „Der Neurotiker erkrankt, weil 
sich seine psychische Energie im Kampfe zwischen dem Krimi- 
nellen und den ethischen Hemmungsvorstellungen aufreibt." *) 

Viel tiefer in das Problem der Neurose führt uns eine andere Er- 
wägung. Alle Neurotiker zeigen einen merkwürdigen Typus, den wir 
als „psychischen Infantilismus" bezeichnen. Kindlich ist ihr Denken, 
kindlich ihr Fühlen und kindlich ihr Handeln. Sie machen einen 
kindischen Eindruck. Es würde zu weit führen, wollte ich hier die Ur- 
sachen dieses psychischen Infantilismus ausführen. Jede Enttäuschung im 
Leben, jedes Mißgeschick, das den Neurotiker befällt, dient dazu, um ihn 
in eine glückliche Zeit zurückzuführen, da er für seine Handlungen noch 
nicht verantwortlich und von reicher Liebe umgeben war. Alle Neurotiker 
sehnen sich nach dem Paradies der Kindheit. 

Doch wie verträgt sich die oben aufgestellte Behauptung von der 
geheimen Kriminalität aller Neurotiker mit ihrem Infantilismus? Sollte man 
nicht a priori annehmen, daß die Kranken, da sie nun kindlich denken, 
auch immer rein und unschuldig denken müßten? Diese Annahme wäre 
freilich nur gerechtfertigt, wenn man das Kind als ein unbeschriebenes 
weißes Blatt Papier auffassen würde, etwa wie der Dichter, der den Aus- 
spruch getan: „Dies' Kind, kein Engel ist so rein." Nun haben gerade 
unsere Forschungen über die Psyche des Kindes geradezu über- 
raschende Resultate ergeben. Freud konnte auf Grund seiner Erfahrungen 
angeben, daß das Kind „polymorph pervers" sei. Ich kann den Satz 
dahin erweitern, daß ich die sicherlich von vielen Seiten anfänglich mit 
Opposition und auch mit Entrüstung aufgenommene Behauptung aufstelle, 
das Kind sei auch „universell kriminell", und zwar im weitesten Sinne 
des Wortes. 

Es würde zu weit führen, wollte ich mein ganzes Material, das mir 
zur Verfügung steht, hier ausbreiten. Ich stehe ganz auf dem Standpunkte 
Lombrosos, für den das Kind einen Urtypus der Menschheit repräsentiert. 
Das biogenetische Grundgesetz Haeckels hat auch für die Seele de6 Menschen 
Beine volle Berechtigung. Auch die Psyche des Menschen macht eine Ent- 
wicklung in aufsteigender Linie mit. Auch die Psyche des Menschen ent- 
wickelt sich vom Urmenschen mit seinen verbrecherischen Urtrieben bis 
zu den hochstehenden Kulturmenschen mit allen seinen ethischen Hemmungen 
und idealen Forderungen. Das Kind repräsentiert mir jene Stufe der 
Menschheit, da das Verbrechen noch nicht Verbrechen, sondern eine Form 

') Die Psychasthenie Janeis deckt sich nicht vollkommen mit dem Bilde der 
Angstneurose nnd Angsthysterie. Er nennt nämlich auch die Zwangsneurose 
Psychasthenie. 

*) Vergleiche meinen Aufsatz „Berufswahl und Kriminalität" in //. Gros»' 
Archiv, Band 41. 



Die AngBtneuroBe der Kinder, 176 

des Selbsterhaltungstriebes war. Aach Alfred Adler 1 ) steht auf diesem Stand- 
punkte, wenn er sagt: „Jedes Kind ist ursprünglich feindselig zu seiner 
Umgebung eingestellt." 

Das Kind erweist sich mir in allen Psychoanalysen als absolut 
egoistisch und voll von verbrecherischen Plänen. Einige kleine Beispiele 
mögen diese Ausführungen bestätigen. Jung teilt mit, daß ein vierjähriges 
Mädchen auf die Frage des Vaters: „Höre einmal, was würdest du sagen, 
wenn du heute Nacht ein Brüderchen bekämst?" die prompte Antwort 
gibt: „Dann würde ich es töten." Ich habe mir derartige Aussprüche 
wiederholt berichten lassen und erst in den jüngsten Tagen erzählte mir 
ein Patient, sein dreijähriger Neffe habe seinen eben geborenen Bruder 
bedroht und kategorisch erklärt, er wolle ihm den Kopf abhacken. Derartige 
Aussprüche werden von Stadelmann*) als Kinderfehler und als Disposition 
zur Epilepsie aufgefaßt. Ich kann diese Angaben nicht bestätigen. Vieles 
von dem, was wir Epilepsie nennen, ist nur Hysterie, wie ich an anderer 
Stelle in dem Kapitel „Die psychische Behandlung der Epilepsie" aus- 
führen werde. 

Was die starke Kriminalität des Kindes betrifft, die so offen ab 
Grausamkeit durchbricht, so ist sie sicherlich im Sinne von Stadelmann*) 
als Vorbote einer Neurose aufzufassen. Je stärker die kriminellen Instinkte 
durchbrechen, desto größere Verdrängungsarbeit mnß dann geleistet werden, 
desto mehr Sicherungen gegen diese kriminellen Instinkte müssen aufge- 
baut werden (Adler). Viele, ja vielleicht die meisten neurotischen 
Symptome sind nur Schutzmaßregeln gegen die kriminellen 
Triebe. Z.B. mein an Platzangst leidender Kassier (Nr. 1) schützte sich durch 
diese Angst vor der Defraudation. Denn wie kann ein Mensch nach 
Amerika durchgehen, der nicht einmal einen freien Platz überschreiten kann? 
Doch kehren wir zum Kinde zurück: Außer den schon erwähnten 
blutigen Aggressionsabsichten (Mord durch scharfe Instrumente) auf die Ge- 
schwister zeigt das Kind auch eine Menge anderer Phantasien. Auch das 
Vergiften spielt eine große Rolle im Pbantasieleben des Kindes. Viel mehr, 
als wir es, in den alten Anschauungen befangen, glauben würden. Ich will 
nur einen fall meiner Erfahrung erwähnen, der mir ebenfalls in den letzten 
Wochen mitgeteilt wurde. Ein 28 jähriger, an Zwangsneurose leiden- 
der Chemiker teilte mir mit, daß er als kleines Kind von seiner Mutter 
gewarnt wurde, Kupferkreuzer in den Mund zu nehmen, da sie giftig 
wären; er könnte sich mit „Grünspan" vergiften. Dieser Chemiker hatte, 
als er 6 Jahre alt war, vier Geschwister, die er deshalb haßte, weil sein 
Zärtlichkeit8bedürfnis ein unendlich großes war, und weil er sich darüber 
kränkte, diese Zärtlichkeiten wie auch die verschiedenen Leckerbissen und 



') Der Aggressionstrieb im I/eben und in der NeuroBe. Fortschritte der Medizin, 1910. 

*) Kinderfehler in Schule and Haas als Frähzeichen der konstitutionellen Epilepsie. 
(Ked. Klinik, 1910, Nr. 52.) 

') Stadelmann berichtet von einem fünfjährigen Jungen, der Enten mit Wollast 
lertrampelte. Dieser kleine SadiBt stach Hunden, Katzen. Pferden die Augen aus and zer- 
drückte Goldfische im Aquarium. Ein zehnjähriger Knabe erwürgte eine Ziege and weidete 
lieh an den Qualen. Auch die Freude am Obszönen wird von diesem Autor zur Frühdiagnose 
der „konstitutionellen" Epilepsie verwendet. Dem hysterischen Kinde wird wohl eine gran- 
same Phantasie, aber keine Aggression zugeschrieben. Nach meinen Erfahrungen zeigt sich 
hier nur der Unterschied zwischen Tatmenscben und Phantasiemenschen. Der Verbrecher ist 
der Tatmensch. Der Neurotiker ist ein Verbrecher mit Hemmungen, daher ein Phantasie- 
menseb. 



176 Erster Teil. Die Angatneurose. 

Geschenke mit diesen Geschwistern teilen zu müssen. Er warf nun (im 
Alter von 6 Jahren .') einen Kupferkreuzer in die Milchkanne mit der offenen 
Absicht, seine Geschwister zn vergiften. Kurz nachdem er dies getan hatte, 
empfand er fürchterliche Angst; denn er hatte sich geweigert, von der ver- 
gifteten Milch zu trinken nnd fürchtete nun, daß man in der Küche den 
Kreuzer finden werde und so seine grause Tat der Mutter bekannt werden 
würde. „Nicht eine Sekunde lang", gesteht er, „habe ich Rene gehabt 
oder mich gefürchtet, die Geschwister konnten Schaden leiden. Im Gegen- 
teil, das habe ich ja herbeigewünscht." (Ist es nicht sonderbar, daß dieser 
Mensch dann ein Chemiker wurde, der immer mit Giften zu tun hat?) 

Außer mit den Vergiftungsideen beschäftigen sich die Kinder gerne 
mit den Vorstellungen des Erschießens. Ich glaube, die bekannten For- 
schungen von Groo» über „die Spiele der Kinder" bedürfen einer Er- 
weiterung durch die Erfahrungen der Psychoanalyse. Vielen Spielen der 
Kinder liegen kriminelle Phantasien zugrunde. Die Kinder spielen Soldaten, 
weil ihnen die Uniform, Säbel und Gewehr große Freude machen; aber 
sie spielen auch, weil der Soldat eine Mordwaffe trägt nnd er- 
schießen kann. 1 ) Man bedenke, daß das Kind sich in der Welt der 
Großen bedrückt nnd unterdrückt fühlt. Seinem egoistischen Willen Btehen 
die erziehenden Kräfte gegenüber. Wie kann es sich gegen die mächtigen 
Gegner wehren? Dazu dient außer der erwähnten Giftphantasie auch die 
Phantasie des Erschießens. Ich weiß wohl, daß das Kind seine Umgebung 
liebt, aber es liebt nur aus egoistischen Motiven. Wer sich seinem Egoismus 
entgegensetzt, ist sein Feind. Und Erzieher müssen sich über den Willen 
des Kindes hinwegsetzen können, wenn sie aus dem kleinen Urmenschen 
einen hochwertigen Kulturmenschen schaffen wollen. Alle Erziehung scheint 
nur ein Problem zu sein: den Haß in Liebe zu wandeln. Das ist die, 
sagen wir, physiologische, kulturelle Aufgabe der Kinderliebe: das Kind 
maß lernen, seine asozialen Triebe aus Liebe zu unterdrücken. Deshalb 
ist jede Erziehung durch die Furcht verkehrt. Alle diese Eingriffe in seine 
Wünsche und Begierden betrachtet das Kind alB störend und reagiert 
darauf mit kriminellen Phantasien. Diese kriminellen Phantasien können 
aktiver oder passiver Natur sein. Die passiven Phantasien betreffen die 
großen Einwirkungen von außen (Krankheit, Blitzschlag, Oberfahren usw.). 
Alle diese Phantasien (z. B. der Bruder solle überfahren werden, das Hans 
des Lehrers solle abbrennen usw.) spielen eine große Rolle und werden 
dann beim Aufbau neurotischer Symptome durch das Schuldbewußtsein in 
Angst vor der gleichen Strafe verwandelt. Zu den aktiven kriminellen 
Phantasien gehört das Soldatenspiel. Wie häufig sieht man Kinder ihr 
Holzgewehr erheben nnd hört sie scherzhaft sagen, jetzt schieß ich dich nieder 
oder ähnliches. Wir sollten diese Äußerungen etwas ernster auffassen und 
uns überhaupt noch intensiver als bisher mit der Erforschung der Kinder- 
psyche beschäftigen. Hier ruht die Lösung vieler Rätsel. 

Noch größeren Widerspruch dürfte ich finden, wenn ich die Behaup- 
tung aufstelle, auch die anderen Spiele der Kinder, und zwar die belieb- 
testen, harmlosen Spiele zeigen eine deutliche kriminelle Färbung. Das 



' l Erst vor einigen Tagen beobachtete ich ein Rind, das mit einem Spielgewehre im 
Zimmer herumging nnd jedem anrief: Ich schieße dich tot! Aach dem Vater sagte das Kind 
dieselbe Drohung. Vor kurzer Zeit erschoB ein sechsjähriger Knabe in Italien seinen 3j ihrigen 
Bruder ans Eifersucht! Gefragt, ob es ein Zufall gewesen, betonte der Knabe hartnäckig, 
daU er den Bruder aus Haß tüten wollte. 



Die Angstaeurose der Kinder. 177 

Kind spielt Eisenbahn, weil die Freude an jeder Bewegung dem Kindes- 
altcr eigen ist. Gewiß! Aber die Eisenbahn ist auch ein Mordinstrument, 
sie kann auch „Überfahren". Dafür könnte ich viele Beispiele bringen. 
Ein 5jähriger Knabe schreit sein Kindermädchen an: „Gehen Sie ans 
dem Weg, sonst werde ich Sie überfahren." Später erzählt er dem Vater 
triumphierend: „Heute habe ich die Anna überfahren, sie ist in der Mitte 
ganz entzwei and mansetot". 

Auch die Feuerwehrspiele hängen mit der Phantasie des Brandstiftens 
zusammen. Daß Kinder gerne zündeln, ist ja von jeher bekannt und ich sage da 
wohl nichts Neues und nur Wohlbekanntes, wenn ich betone, daß bei rätsel- 
haften Brandstiftungen immer danach zu fahnden ist, ob nicht ein 
Kind den Brand gelegt haben könne. Unendlich häufig kann man diese 
Phantasien bei Kindern beobachten, welche sich dann in neurotischer Ver- 
zerrung als Angst vor dein Verbrennen äußern 1 ) Alle diese kriminellen 
Phantasien beschäftigen uns in dieser Form der Umkehrung. Ein Neuro- 
tiker klagt über Angst vor Infektionen und Vergiftung; die Analyse ergibt, 
daß er sich in seiner Kindheit lebhaft mit Vergiftungsideen beschäftigt hat. 
Ein anderer hat eine entsetzliche Gewitterangst; er hat als Knabe den 
verbrecherischen Wunsch gehabt, ein Blitzstrahl möge seinen allzustrengen 
Vater treffen. Ein dritter kann keine spitzen Gegenstände sehen; die Analyse 
weist nach, daß er verschiedene Mordideen mit Messern und Stricknadeln 
gehabt hat. So rächen sich nach dem Prinzip der Talion die kriminellen 
Phantasien; die Angst wird dann in den Dienst der Hemmung gegen diese 
Phantasien gestellt. Sie ist zugleich Schutz und Strafe. 

Wir werden bei den Analysen der Angsthysterien (Phobien) diese Er- 
fahrungen nur unterstreichen können. Die pädagogische Hygiene des Kinder- 
lebens, dieses Thema würde ein Werk für sich erfordern. Das wäre auch 
die LöBung einer brennenden Frage, der Prophylaxe der Psychoneurosen. 
Ich hoffe, daß meine Ausführungen dazu beitragen werden, das Ver- 
ständnis für diese eminent wichtigen Vorgänge des Kindesalters anzubahnen. 
Wenn sie nnr dazu dienen, die törichte Annahme als falsch zu erweisen, 
daß das Kind asexuell und frei von kriminellen Regungen sei und nnr 
„verderbte" Kinder etwas von „diesen Dingen* wüßten, haben sie schon 
ihren Zweck erfüllt. 

Es bleibt aber eine der unvergleichlichen Ruhmestaten von Freud, 
uns durch die Psychoanalyse das Verständnis der Kinderseele und des 
Trieblebens eröffnet zu haben. Noch läßt sich heute nicht sagen, wie weit 
die Folgen dieser Taten reichen. Ich glaube, sie bahnen einer neuen Zeit 
die Wege. Das Verständnis des Menschen muß beim Verständnis 
des Kindes beginnen. Und wie wenig haben wir vor Freud von dem 
Kinde und seinen Seelenregungen gewußt! 



') Ein Kind ans meiner Beobachtung schrie in den Anfüllen von „Pavor noctnrnns" 
„Ich verbrenne." Bei Tage phantasierte es immer vom Feuer und zündete gerne Papier an, 
nenn es allein war. Die kriminellen Phantasien vermengen sich mit den sexuellen and sind 
in vielen Fällen kaum zu trennen. So heißt in diesem Falle „Ich verbrenne" auch: leb 
verzehre mich ans Leidenschaft. Doch deckt sich der „Sadismus", in den manche Kol- 
legen die Kriminalität aufgehen lassen wollen, nicht vollkommen mit dem Kriminellen. 
Diebstahl, Betrog, Loge sind kriminelle Delikte, die man nicht als sadistische Begangen 
bezeichnen kann. Die einfachste Formel wäre doch: Das Kriminelle ist das durch die Ge- 
setze und die Ethik Verbotene, das Unmoralische in jedem Sinne. 



St.ktl , NarrOM AngatraKtod* and ihn BahandlaBf. i. Ab«. 12 



ZWEITER TEIL 

Die Angsthysterie. 



XVII. Einige einfache Beispiele von Angsthysterie. 

Wir haben uns bisher eingehend mit der Angstneurose beschäftigt. 
Es ist dies die einfachste Form jener Neurosen, deren hervortretendes 
Symptom die Angst ist. Allein schon bei der Durchsicht einiger Kranken- 
geschichten fällt uns die eminente Beteiligung der Psyche an der Symptom- 
bildung auf. Wir haben diesem Verhalten bisher Rechnung getragen, indem 
wir sagten, daß sich die Angstneurose sehr häufig mit Erscheinungen der 
Hysterie verbindet. Oft schien es unmöglich, das Gebiet abzugrenzen und 
zu bestimmen, was auf Rechnung der Angstneurose und was auf das Konto 
der Angsthysterie zu schreiben ist. 

Nun müssen wir der Frage der Beziehungen zwischen Angstneurose 
nnd Hysterie näher treten und zu diesem Zwecke die Definition der Hysterie 
ins Auge fassen. 

Die auffälligste und bisher eigentlich allein studierte Form der Hysterie 
verdient den Namen: Konversionshysterie. 

Die Konversion, d. h. die Umsetzung eines psychischen Elementes 
in ein körperliches Symptom, wird heute allgemein als das charakteristi- 
sche Kennzeichen einer Hysterie angesehen. 

„Über den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene" (Neuro] 
Zentralbl., 1893, Nr. 1 und 2) lautete die bekannte Arbeit von Breuer 
und Freud, welche den Nachweis brachte, daß die verschiedenen Symptome, 
welche für spontane, sozusagen idiopathische Leistungen der Hysterie galten, 
in ebenso stringentem Zusammenhang mit dem veranlassenden Trauma 
stehen, wie die traumatische Unfallshysterie. „Der Hysterische leidet größten- 
teils an seinen Reminiszenzen." In den „Studien über Hysterie" (Deuticke, 
Wien und Leipzig 1895) wurde dieser Satz an zahlreichen Analysen er- 
wiesen und der Begriff der Konversion in die Medizin eingeführt. „Bei 
der Hysterie 1 ', sagt Freud (Die Abwehr-Neuropsychosen. Neurol. Zentralbl., 
1899, Nr. 10 und 11 und in „Sammlung kleiner Schriften zur Neurosen- 
lehre", die alle diese bedeutsamen kleinen Arbeiten Freuds enthält. Deu- 
ticke, Wien und Leipzig 1906), „erfolgt die Unschädlichmachung der un- 
verträglichen Vorstellung dadurch, daß deren Erregungssumme ins 
Körperliche umgesetzt wird, wofür ich den Namen der Konversion 
vorschlagen möchte." 



Einige einfache Beispiele von Angstbysterie. 179 

Freud erkennt demnach das für die Hysterie charakteristische Moment 
nicht in der Bewußtseinsspaltung (Janet), sondern in der Fähigkeit zur 
Konversion. 

Dieser Standpunkt Freuds ist hente der fast allgemein anerkannte. 
Wie hat sich beispielsweise Kraepelin dieser Anffassnng genähert, wenn er 
die Hysterie folgendermaßen charakterisiert: „Als einigermaßen kenn- 
zeichnend für alle hysterischen Erkrankungen dürfen wir vielleicht die 
außerordentliche Leichtigkeit nnd Schnelligkeit ansehen, mit 
welcher sich psychische Zustände in mannigfachen körper- 
lichen Störungen wirksam zeigen, seien es Anästhesien oder Par- 
Ssthesien, seien es Ausdrucksbewegungen, Lähmungen, Krämpfe oder 
Sekretionsanomalien. ') 

Die Konversionshysterie umfaßt eigentlich das klassische Sym- 
ptomenbild der Hysterie: Lähmungen, Kontrakturen, Anästhesien, Astasie, 
Abasie, Clavus, Globus, SingultuB, Erbrechen, Aphonie, Störungen der 
Sinnesorgane, Krämpfe, die großen und die kleinen Anfälle. 

Die Scheidung zwischen Hysterie und Angstneurose wäre also einfach 
so zu bestimmen, daß alles, was den psychischen Mechanismus der Kon- 
version erkennen läßt, der Hysterie zuzurechnen ist, während die Symptome 
der Angstneurose sich auf die im vorigen Abschnitte behandelten somati- 
schen Einflüsse zurückführen. 

Allein ein genaueres Studium der Fälle von Angstneurose belehrt 
uns, daß die Symptome derselben immer einen psychischen Mecha- 
nismus verraten, welcher mit dem der Hysterie identisch ist, nur 
daß er nicht zur Konversion, sondern zur Angstentwicklung 
ffihrt. Die Angst ist gleichsam das einzige Symptom, in welches 
die psychische Erregung konvertiert ist. Die Ätiologie, die Rolle der 
Verdrängung nnd die psychischen Prozesse bis zur Konversion sind für 
beide Fälle die nämlichen. Diesem Sachverhalt wird nach unserer Meinung 
am besten Rechnung getragen, indem man neben dem Typus der Kon- 
versionshysterie den der Angsthysterie aufstellt. Die Angstneurose 
wäre dann, um einen Ausspruch Freuds zu modifizieren, als die soma- 
tische Vorstufe und Grundlage der Angsthysterie zu bezeichnen 
(1. c. pag. 84).») 

Sowie im einzelnen Krankheitsfalle Angstneurose und Hysterie sich 
beliebig vermengen können, so zeigen auch die zur Beobachtung gelangen- 

') Klinische Psychiatrie. Leipzig, J. A. Barth. 

') Seifmond and Janet (1. c. IV, pag. 102) unterscheiden „eine hysterische Form* 
und eine „psychastbenisobe Form" der Angst. 

Es handelt sich am einen Mann von 23 Jahren, der an Brostangst leidet and Störun- 
gen der Respiration infolge von Kontraktaren zeigt: „L'emotion persistant incomplete 
d'nne maniere sabconBciente entretient la contractare, et c'est cette gene materielle de 
li respiration, qai caase l'angoisse. Ici, l'angoisse a son point de depart dans une gGne 
reelle de la respiration causi» par des accidents hysteriques oa par un etat sabconscient 
en debors de l'esprit du malade.* 

„C'est la forme hvsteriqae de l'angoisse.* 

Der zweite Fall betrifft eine 33jährige Dame mit Errütangsangst, Platzangst, AngBt 
vor Lokalen, in denen Menschen sitzen, Angst vor dem Omnibus usw.: „die Leute sehen Rie 
in". „En an mot ici il n'y a pts de troubles organiques, permanents, les troobles organiques 
viennent a la snite d'un travail mental, cerebral, et meme d'un travail qai est oon 
scient. C'est la rnmination du scrupaleux, qai umene l'angoisse. Nons croyoas meme qae 
1« premier troable est cerebral : c'est parce que )e malade n'est plus maitre de sa täte, de 
«es idees, qa'il s'emotionne et s'aftole. C'est la forme psyebasthenique de l'an- 
goisse, c'est l'angoisse des scrapuleax." 

12» 



180 Zweiter Teil. Die Angsthysterie. 

den Neurosen die mannigfaltigsten Vereinigungen von Angst nnd Symptom- 
bildnng nnd erweisen sich als Kombinationen der beiden klinischen Typen : 
Angsthysterie und Konversionshysterie. Wovon es abhängt, daß der Ver- 
drängungsvorgang im einzelnen Falle zur ausschließlichen Konversion, zur 
ausschließlichen Angstentwicklung oder zn einem variablen Gemenge von 
beiderlei Ergebnissen führt, ist derzeit nicht zu sagen nnd harrt noch der 
theoretischen Aufklärung. 

Der Name „Angsthysterie" wurde mir von Freud vorgeschlagen. Der 
Unterschied zwischen Angstneurose und Angsthysterie wird von Freud 
scharf betont und festgehalten. Er ist nach ihm ein qualitativer. Nach 
meiner Auffassung nur ein quantitativer. Da bei mir die Aktualneurosen 
entfallen, wäre es eigentlich konsequent gewesen, nur die Angsthysterie zu 
beschreiben nnd die Angstneurose in sie aufgeben zn lassen. Alle Angst 
wäre dann nur eine Neurose, die man meinetwegen anch Hysterie nennen 
kann. Ich habe diesen Schritt nicht getan und die Scheidung aus didakti- 
schen Gründen beibehalten. Doch wenden wir uns von den meist sterilen 
theoretischen Betrachtungen dem fruchtbaren Boden der klinischen Erfah- 
rung zu. 

Beginnen wir gleich mit einem Fall, der uns in klarer Weise die 
Schwierigkeiten der Diagnose vor Augen führt und die Macht der psycho- 
therapeutischen Behandlung verstehen lehrt. 

Nr. 88. Ein von gesunden Eltern stammender, etwas fettleibiger Mann 
mit leichter Struma, 34 Jahre- alt, erkrankt an heftigen Attacken von Herz- 
klopfen, die von sehr quälenden Angstgefühlen begleitet sind. Schon als Stu- 
dent hatte er sich einmal von einem Spezialisten für Herzkrankheiten 
untersuchen lassen, der bei ihm eine „offenbar angeborene Tuchykardie" kon- 
statiert hatte. Der jetzige Anfall hatte sich an eine heftige „Angina lacunaris" 
angeschlossen. Außerdem war der Kranke ein leidenschaftlicher Raucher. Der 
behandelnde Professor diagnostiziert eine Myocarditis infectiosa nach Angina in 
einem fettig degenerierten Nikotinherz, rat dem Kranken, nach einigen Wochen 
der Rübe eine leichte Entfettungskur in Franzensbad vorzunehmen. Der Pa- 
tient folgt diesem Rate, laßt seine Kanzlei — er war Advokat — im Stich und 
fahrt nach Franzensbad. Daselbst wird er nach der ersten Wrcbe von einem 
fürchterlichen Angstanfall heimgesucht. Er wacht des Nachts mit einem Schrei 
auf, weckt seine Frau, alarmiert das ganze Haus. Er bat die Empfindung, 
seine letzte Stunde sei gekommen. Einige Ärzte and ein Professor umstehen rat- 
los das Lager des Kranken, der seine letzten Anordnungen trifft. Der Anfall 
klingt leise ab. Patient fahrt nach Wien zurück. Hier legt er sich sofort wieder 
ins Bett und erklärt, er könne keinen Schritt mehr machen. Er habe das 
sichere Gefühl, er werde nach einigen Schritten sterben. Heine Frau halt er 
bei jedem Anfall fest bei den Händen und laßt sie nicht von seiner Seite. Eid 
anderer Professor diagnostiziert eine Vagnsnearose. Er verordnet große Dosen 
Brom, die den Patienten vorübergehend beruhigen. Er leidet trotzdem noch sehr 
lange an Schlaflosigkeit, kann schließlich obne Brom nicht mehr leben. 

Drei Jahre nachher nehme ich ihn in Behandlung. Ich konstatiere in corde 
objektiv außer der erwähnten Tachykardie leichten Grades nichts Pathologisches, 
stelle die Diagnose „Angsthysterie" und schlage psychotherapeutisches Verfahren 
vor. Der Patient willigt ein und ist nach kurzer Zeit vollkommen hergestellt. 
Trotz einiger Abstinenzerscheioungen unangenehmer Natur gibt er das Brom 
auf, das er durch volle drei Jahre aaf Rat des Professors täglich eingenommen 
hatte. (Insgesamt zirka sechs Kilogramm Brom!) 



Einig« einfache Beispiele von Angsthysterie. 181 

Die Analyse ergibt eine Reibe sehr bemerkenswerter Fakten, die alle 
beim Znstandekommen einer Angsthysterie eine große Rolle spielen. Er hatte 
durch sechs Jahre vor Ausbrach seiner Krankheit den Coitus interrnptns geübt, 
and zwar so, daß er die Ejakulation hinansgescboben hatte, um die volle Be- 
friedigung; seiner Frau zu erzielen. (Eine sehr schädliche Form des Coitus iuter- 
raptas.) Damit war aber die Ätiologie dieses Falles noch nicht erschöpft. Beim 
großen Anfall in Franzensbad hatte er die Empfindung gehabt, er stehe als 
Angeklagter vor dem Schwurgerichte. Ja, der Anfall hatte sich an einen solchen 
Tranm angeschlossen. (Sanctü ') hatte in einem solchen Falle von einer Traum- 
nenrose gesprochen, wie er ja tatsächlich — Ursache und Wirkung verwech- 
selnd — von Traumpsychosen spricht.) Unser Patient hatte geträumt, er stehe 
als Angeklagter vor den Geschworenen. Trotzdem er dies den Ärzten in Franzens- 
bad mitgeteilt hatte, wurde der Traum als Folge seiner Herzaffektion aufge- 
faßt und verabsäumt, nach einer psychischen Wurzel seiner Angst zu forschen. 
Die Psychoanalyse des Falles lieferte uns die volle Aufklarung. Dali der Zustand 
sieb gerade im Herzen festsetzte, wäre im Sinne Adlers damit zu erklaren, daß 
dieses Organ ein minderwertiges war. Der Patient litt schon seit seinen Stu- 
denten jähren an Tachykardie ; ein Bruder leidet ebenfalls an einer Herzneurose 
mit Tachykardie. Der Coitus interruptus hatte die Angstneurose begründet. Als 
neues psychisch bedeutsames Moment kam aber hinzu, daß der Advokat eigent- 
lich im Anschlüsse an einen sehr peinlichen Vorfall erkrankt war. Er hatte sich 
in Beiner Kanzlei einer Klientin gegenüber etwas zuschulden kommen lassen. 
Fremde Personen, die davon erfahren hatten, drohten mit der Anzeige an die 
Advokatenkammer und das Geriebt. Seine ganze Stellung stand in Frage. Er 
hatte den Eindruck, daß er einer Erpresserbande in die Hände gefallen war. 
Die Schwurgerichtssitzung, die er geträumt, war nur die Antizipierung seiner 
wachen Befürchtungen. Sein Angstgefühl die Angst vor dem bürgerlichen Tode. 
Er konnte nicht in Franzensbad bleiben, weil er fürchtete, in Wien könnte 
mittlerweile gegen ihn ein entscheidender Streich geführt werden, ohne daß er 
ihn rechtzeitig parieren würde. Er konnte seine Wohnung nicht verlassen, weil 
er aus verschiedenen kleinen Anzeichen — allerdings ohne Berechtigung — 
schloß, die Nachbarn wußten schon etwas von seiner Affare. Also, weil er sich 
schämte. 

So war jedes seiner neurotischen Symptome eigentlich „bewußt" moti- 
viert. Aber die Macht seiner Verdrängung war so groß, daß er diese Sym- 
ptome immer wieder auf sein organisches Leiden schob. Den Ärzten sagte er von 
den peinlichen Vorfällen kein Wort, einfach, weil sie ihn nicht danach fragten. 

Allein die Psychoanalyse dieses Falles ergab noch mehr. Er hatte ein- 
mal einen Traum, in dem er sich selber neben sich liegen sah, aufge- 
dunsen, zyanotisch, röchelnd, in den letzten Zügen. Aus diesem Traume erwachte 
er mit Herzklopfen und Angstgefühlen. Die Deutung war nicht schwer. Wer 
war der Teil von ihm, sein „zweites Ich", das er neben sich liegen sah? Doch 
nur seine Frau, die er während der Aogstanfälle krampfhaft festhielt, an die 
er sich förmlich klammerte. Im Traume sah er sie als eine zyanotische Ster- 
bende in den letzten Zügen. — Dieser Traum entsprach einem mächtigen un- 
bewußten Wunsche. Seine Frau war infolge eines Ulcus ventriculi wiederholt in 
Lebensgefahr gewesen. Der Wunsch 5 ) — o, möchte sie sterben — war tat- 

') S. de Sanelia, Die Traume. Karl Marhold, Halle a. d. 8. 

*) Dieser Wunsch spielt bei Angioneurosen und Angsthysterien eine große Roüe. 
Eine treffliche Schilderung eines solchen seelischen Zustande* hat uns Sudermann in der 
Novelle „Die Geschwister" geliefert. 



182 Zweiter Teil. Die AngsthyBterie. 

sachlich wiederholt der Erfüllung nahe gewesen. Er hatte seine häßliche Frau 
als armes Madchen aas Liebe geheiratet. Er beschäftigte sich anch sehr inten- 
siv mit Malerei ; war mehr Künstler als Dilettant. Sie stand seinen künstlerischen 
Bestrebungen immer im Wege. Sie war ihm hinderlich bei seinen Liebesaben- 
teuern. Deshalb spielte er mit dem unbewußten Gedanken, wie es nach ihrem 
Tode sein werde. Als Reaktion darauf trat eine Übertriebene Zärtlichkeit 
auf. Er klammerte sich an sie mit dem Kufe: „Verlaß mich nicht!" Weil er 
das Gegenteil gewtinscht hatte. Vielleicht spielten auch kriminelle Regangen mit. 
Ich habe in diesem Falle noch nicht darnach geforscht, glaube aber ans seiner 
neurotischen Angst vor einer Nikotinvergiftung auf einen kriminellen Gift- 
komplex schließen zn können. Der Traum von dem röchelnden zyanotischen 
Körper könnte darauf deuten. 

Es ist dies eine Erscheinung, die wir bei jeder Angsthysterie beobachten 
können. Wir müssen nur danach forschen und es wird sich immer ein Todes- 
gedanke feststellen lassen. Meist handelt es sich am den Tod des anderen 
Teiles, manchmal anch am den Tod von Kindern oder von Verwandten. Der 
Angstnenrotiker räumt in seinen Traumen alle Hindernisse unbarmherzig ans 
dem Wege. Er spielt mit dem Tode. Beine Angst ist der unterdrückte Wunsch 
und entspricht dem geheimen Spiel seelischer Kräfte, die nach der Vernichtung 
eines sonst teuren Wesens verlangen, ist mit anderen Worten „das böse Ge- 
wissen". Weitere Beispiele sollen uns noch tiefer in dieses Thema fuhren. 

Wir haben also bei unserem Kranken schon drei Komponenten der Angst- 
hysterie herausgefunden : den Coitus interraptus, den psychischen Konflikt (re- 
spektive das böse Gewissen) and die Vorstellung vom Tode eines geliebten 
Wesens, Wir sehen an diesem Beispiele ganz klar, wie sich auf dem Boden 
einer Angstneurose die Angsthysterie durch Hinzutreten der Verdrängung ent- 
wickelt. Es fehlt nns noch das Fundament jeder Neurose — das Infantile. Docb 
wir forschen weiter — nnd siehe da, es kommen auch die sexuellen Traumen 
der Kindheit zutage. 

Bei Erforschung der tieferen Schichten ergab sich, daß der Patient, eben- 
so wie sein Bruder, an merkwürdigen Erstickangsanfallen litt, die nur wahrend 
der Naoht auftraten. Er erwachte dann mit Atemnot nnd krähte einige Male. 
Das sah fürchterlich aus, es war aber bald vorüber. Diese Anfalle von Laryngo- 
spasmus familiaris waren die Imitation eines Geräusches, das er daheim bei 
seinem Vater wahrend des Koitus gehört hatte. Daher das Auftreten wahrend 
der Nacht, im Schlafe, und daher das Auftreten der gleichen Erscheinung bei 
seinem Bruder, der anter denselben Jugendeindrücken gestanden. Also eine 
erbliche Belastung durch das Milieu, die offenbar eine viel größere Rolle spielt 
als die viel gelästerte hereditäre Belastung durch das kranke Keimplasma. 

Wir sehen an diesem Beispiel, wie viele Faktoren beim Zustande- 
kommen einer Angsthysterie — am eine solche handelt es sich hier offenbar 
— mitspielen. Der Coitus interrnptas, der die Angstneurose erzengt hat, 
die begründete Angst vor einer peinlichen Gerichtsaffare, der schwere 
psychische Konflikt zwischen ethischen Hemmungsvorstellungen and den 
kriminellen Todeswünschen, die Belastung durch einen sexuell erregenden 
Eindruck in der Jugend. 

Dieser Fall beweist, wie wichtig die psychische Behandlung und Er- 
forschnng einer jeden Phobie ist. Daß die Technik der Psychotherapie 
keine einfache ist, erwähne ich nur nebenher. Viele Mißerfolge von Autoren, 
die angeblich mit der Freud&chen Methode behandelt haben, rühren daher, 
daß die Betreffenden die Technik der Psychotherapie nicht verstanden haben. 



Einige einfache Beispiele von Angsthysterie. 183 

Über diese wollen wir später des Ausführlichen sprechen. Jetzt will ich 
nur erwähnen, daß man jedesmal mit dem ungeheuren Widerstände der 
Kranken zn kämpfen hat nnd daß die Kunst des Arztes darin besteht, 
diesen Widerstand zn brechen. Es handelt sich ja nm unbewußte psychi- 
sche Regangen and Verdrängungen peinlicher Vorstellangskomplexe, sozu- 
sagen um wichtige Geheimnisse, die niemand leicht preisgibt. Die an Phobie 
Erkrankten leiden gerade an jenen Geheimnissen, von denen Grillparzer 
so treffend sagt : „ Jedes Herz hat seine Geheimnisse, die es vor sich ängst- 
lich verbirgt. * Trotzdem wird es bei einiger psychologischen Kenntnis in 
den meisten Fällen gelingen, hinter das Geheimnis der Phobie zu kommen. 
Die wertvollsten Anhaltspunkte liefert dem kundigen Arzte die Analyse der 
Traun) e, welche die Patienten uns arglos erzählen und die uns bei ent- 
sprechender Deutung gewöhnlich ein Stack des Rätsels enthüllen. Meistens 
ist es ein Angsttraum und wir erfahren auf diese Weise, worin das wahre 
Wesen der betreffenden Angst besteht. 

Es gibt Angsthysterien, die sich dem Arzte nur in Traumbildern ent- 
schleiern. Ich könnte mindestens ein Dutzend diesbezüglicher Beispiele er- 
zählen. Greife auf gut Glück aus meiner Reihe eines heraus. 

Nr. 89. Eine Frau leidet an der Phobie, sie könne nicht allein .losgehen. 
Sie bleibt aueh nicht allein im Zimmer. Sie ist eine altere Dame, die bereits 
zwei große, Ober zwanzig Jahre alte Söhne bat. Jahrelang sitzt sie im Zimmer 
and ist kaum zu bewegen, des Abende auszugehen. Als Motiv gibt sie an, es 
„werde ihr auf der Gasse schlecht", sie werde wieder einen „Anfall" bekommen. 
Sie hatte schon mehrere Anfälle auf der Straße nod im Zimmer durchgemacht, 
die die Ärzte als nervöse erklärt haben. Sie bleibt zitternd stehen, wird blaß 
nnd klagt über Herzklopfen. Sie hat das Gefühl, es gehe mit ihr zn Ende. Vor- 
übergehend in der Sommerfrische bessert sich der Zustand, so daß sie weite 
Spaziergänge unternehmen kann nnd sogar einmal ein Konzert besucht, bei 
dem sie zwei Standen im dichten Gedränge ausdauernd stehen kann(!). Nach 
dieser flüchtigen Besserung tritt wieder eine Verschlimmerung des Leidens ein. 
Ein psychotherapeutischer Versuch, die Patientin zn behandeln, stößt auf große 
Widerstände. Sie erzählt eine ganz belanglose Anamnese, die offenbar das 
Wichtigste verschweigt. Seit 14 Jahren übt sie Coitns interruptns ans nnd ist in 
den letzten Jahren vollkommen anästhetisch. Es ist dies ein Fall, den man bei 
Frauen, die den Coitns interroptns pflegen, sehr häufig trifft. Sie schützen sich 
gegen die Schaden frustraner Erregung durch vollkommene Anästhesie, die gar 
keine Erregung aufkommen läßt. Gerade solche Personen können einen sie auf 
ihr sexuelles Leben examinierenden Nervenarzt zum besten halten, indem sie 
betonen : „Ich bin vollkommen kalt und unempfindlich, mir ist es ganz gleich- 
gültig, ob mein Sfann den Geschlechtsverkehr ausübt oder nicht." Auf diese 
Weise kann man eine große Reihe von Angstnenrosen ausfindig machen, die 
bei oberflächlicher Analyse die Schlußfolgerung erlauben dürften, Sexualität und 
Angstgefühl hätten miteinander gar keinen Zusammenhang. In Wirklichkeit aber 
ist die Anästhesie nur eine relative, das heißt, sie beschränkt sich bloß auf das 
Objekt, das den Koitns ausführt, nnd anf diese Art der Vita sexnalis. Läßt man 
sich durch den Widerstand nicht abhalten, vorsichtig weiter zu forschen, oder 
bringen uns die Patienten einen ihrer Träume, was sie ja das erstemal ganz 
ahnungslos machen, so zeigt es sich, daß das PhantaBiel eben dieser Kranken 
sich vorwiegend mit sexuellen Dingen in geradezu hypertrophischer Weise be- 
schäftigt, daß sich hinter der scheinbaren Anästhesie schranken- 
loses Überwuchern sexueller Phantasien, die besonders gern Per- 



184 Zweiter Teü. Die Angstbysterie. 

Versionen nnd Inzeste betreffen, verbirgt. Selbstverständlich werden 
diese tiefsten Geheimnisse nicht leicht preisgegeben. Gelingt es aber, den 
Schleier zu lüften, Verdrängungen za lösen, so kann man sicher eine bedeu- 
tende Besserung des Zustandes herbeiführen. 

In unserem Falle betonte die Patientin ihre sexuelle Indifferenz. Eine 
Motivierung der Angstzustande war nicht zu finden, bis sie mir der erste Äugst- 
träum brachte. Dieser lautete: 

„Ich sehe meinen Bonn ohne Kopf auf dem Diwan liegen ; ich bin ganz 
entsetzt. Er sagt: „Fürchte nichts, der Doktor wird mir einen anderen Kopf 
aufsetzen." Sie erwacht mit einem Angstschrei. 

Der Traum knüpft an Erlebnisse des Vortages an. Mutter und Sohn 
hatten einen heftigen Disput miteinander. Er meinte erregt: „Du wirst mir 
keinen anderen Kopf aufsetzen." Sie 'beschloß, sich bei mir über den Sohn za 
beklagen. Man sieht, daß der Traum ihr diesen Wunsch bereits komplett er- 
füllt hat Ihr Sohn laßt sich von mir (denn ich bin der Doktor des Traumes) 
einen neuen Kopf aufsetzen. Da er es selbst sagt, so ist es ein Beweis, daß er 
diese Leistung akzeptiert hat. Damit ist aber das Batsei dieses Traumes noch 
lange nicht gedeutet. Wenn ihr dieser Traum einen Wunsch erfüllt, weshalb 
dann der Angstschrei, mit dem sie erwachte. Angst ist ein unterdrückter 
Wunsch, meistens unterdrückte Sexualität. Wo steckt die Verdrängung in diesem 
Traume? Ich frage sie, weshalb sie geschrien hat. Da fallt ihr als Nachtrag 
ein, daß der Kopf, der am Boden gelegen ist, zu schreien begonnen hat. und 
erst darauf hatte sie Angst empfunden. Ferner fallt ihr die Beschneidung ihres 
Sohnes ein. Auch damals bat das Kind so fürchterlich geschrien. Der Beschnei - 
der sei so ungeschickt gewesen und hatte fast einen Teil des Kopfes (der 
Glans peois) mitgeschnitten. Halten wir uns noch vor Augen, daß der Kopf 
(durch eine Verlegung von unten nach oben) ein Symbol des Schwanzes ist. 
Jetzt war der Traum viel deutlicher. Er war, wie jeder Traum, mehrfach de- 
terminiert und ließ mehrere Deutungen zu. Er war eine Reminiszenz der Be- 
schneidung, bei der ein Teil des Kopfes abgeschnitten und von einem Doktor wieder 
angenaht wurde. Wenn aber dieser Eindruck so nachhaltig war, daß er noch 
nach 25 Jahren plastisches Material für den Traum abgeben konnte, so war 
das nur dadurch zu erklaren, daß sich ihre unbewußten Gedanken mit dem 
Sohne beschäftigten. Mit anderen Worten, daß verdrängte Inzestgedanken 
die Ursache dieser Angsthysterie waren. Tatsächlich war dies der Fall. 
Ihre ewige geheime Angst ging auch dabin, ihr Sohn werde sich infizieren und 
es werde ihm das Glied zerfressen werden, wie sie es einmal in einem medi- 
zinischen Atlas eines Zimmerherrn gesehen hatte. Er werde dann ohne „Schwanz" 
leben müssen. Andererseits hörte sie, derartige Leiden seien jetzt sehr leicht 
zu kurieren, wenn man rechtzeitig einen Doktor um Rat frage. 

Auf wunderbare Weise entschleiert uns dieses Krankheitsbild außerdem 
den sonderbaren Gedankengang einer Hysterischen. Ihr Mann hatte sie jahre- 
lang vernachlässigt, war immer ins Gasthaus oder Kaffeebaue gegangen, ohne 
auf sie viel Rücksicht zu nehmen. Jetzt rächt sie sich dafür an seinem Sohne, 
deu sie ebenso abgöttisch liebt, wie sie einst den Mann geliebt hatte. Ihr 
Mann hatte sie immer zu Hanse gelassen und war allein weggegangen. Sie 
zwang jetzt ihren Sohn, fortwährend bei ihr zn bleiben, so daß er in kein Gast- 
oder Kaffeehaus gehen konnte. Entfernte er sich, so bekam sie ihren Angst- 
anfall. Diese Phobie ergibt für die Therapie schlechte Aussichten. Wenn der 
unbewußte Wunsch der Kranken einem so mächtigen praktischen Bedürfnisse 
entgegenkommt, die Krankheit sich also in der Ökonomie des Lebens als 



Einige einfache Beispiele von Angsthysterie. 185 

außerordentlich verwendbar erwiesen bat, wird dieser den Äußersten Widerstand 
aufbieten, um das Geheimnis nicbt zu verraten and gesund zn werden. Ihr 
fehlt der Wille zur Gesundheit, da sie dnrch die Krankheit alles erreicht, 
was sie an Liebe von ihrem Sohne fordern kann. 1 ) 

Nr. 90. Ein ahnlicher Fall ist der folgende : Eine Dame liegt schon zebn 
Jahre zu Bett Sie hat Angst vor dem Aufstehen und vor dem Herumgehen. 
Wie man einen Versuch macht, sie aus dem Bette zu bringen nnd auf einen 
Stuhl bequem zu setzen, bekommt sie Angstanfalle, sie werde diesen Transport 
nicht überstehen und an Herzschlag zugrunde geben. Kennt man die psychische 
Quelle dieser Krankheit, so wird es einen nicht wundernehmen, daß sie allen 
therapeutischen Bestrebungen intensiven Widerstand entgegenbrachte. Die ganze 
Krankheit war, wie im vorhergebendem Falle, eine Reaktion auf die schlechte 
Behandlung ihres Mannes. Erstens strafte sie ihn für sein rohes, tyrannisches 
Benehmen durch die Krankheit, zweitens erzwang sie dadurch seine liebevolle 
Aufmerksamkeit. Denn ihr Mann war nur zärtlich und entgegenkommend, wenn 
sie krank war. Auch verbargen sieb hinter dieser Angstvorstellung verschiedene 
sexuelle Motive autoerotischer Natur, auf die ich nicht naher eingehen will. Ich 
habe den Fall nur als Beispiel dafür angeführt, daß bei Patienten, welche eine 
Flucht in die Krankheit vornehmen, um sich gewisse Vorteile im Leben zu 
erkämpfen, eine Heilung viel schwerer ist und eine längere Behandlung vor- 
aussetzt, wobei der Denkfehler des Kranken durch den persönlichen Einfluß 
des Arztes korrigiert werden muß. 

„Die Flucht in die Krankheit" ist ein häufiges Motiv der Phobie. 
Immer ist die Phobie der Ausweg des Kranken aus einem schweren psychischen 
Konflikt, und die bei oberflächlicher Betrachtung scheinbar sinnlosen Angst- 
vorstellnngen erweisen sich als psychisch vollkommen motiviert. 

Auch die folgende Beobachtung zeigt eine auf dem Boden der Angst- 
neorose sich entwickelnde Angsthysterie. 

Nr. 91. Herr S. V., ein 44 Jahre alter Geldbriefträger, aus einer voll- 
kommen gesunden Familie, konsultiert mich wegen Platzangst Das Leiden be- 
gann vor ungefähr zwei Jahren mit einer kaum bemerkbaren psychischen 
Depression. Er wurde mutlos, zeigte wenig Energie und begann von vagen 
Angstgefühlen gequält zu werden. Waren viele Menschen in einem Zimmer, so 
wurde ihm merkwürdig schwül zu Mute. Er mußte hinaus, um nicht zu er- 
sticken. Er hörte auf, ins Theater und in die Kirche zu gehen. Einmal sollte 
er über eine scbmale Brücke gehen, die einen kleinen Bach übersetzte. Er be- 
kam ein heftiges Angstgefühl, ßchwindel und konnte nicht hinüber. Von diesem 
Tage an litt er auch an Platzangst. 

Der Zustand verschlimmerte sich immer mehr. Er verlor den Appetit. 
Sein Schlaf wurde unruhig und von schrecklichen Angstträumen gequält. 
Stundenlang lag er mit klopfendem Herzen da und warf sich hin und her, ohne 
Schlummer finden zu können. Auf der Gasse hatte er allerlei unangenehme 
Empfindungen, so daß er am liebsten zu Hause geblieben wäre. Er ging nur 
die notwendigen Dienstwege. Er hatte Angstvorstellungen: An seiner Toilette 
«ei etwas nicht in Ordnung, so daß ihn alle Leute auslachten. Er wohnte im 
vierten Stocke. Er konnte auch nicht mehr in die Nähe des Fensters gehen. 
Er wurde sofort von Schwindel befallen. In seinem Amte gab es ein kleines 



') Eine «eitere Determination des Traumes: Sie identitiziert sich mit ihrem Sohne. 
Ich bin der Doktor, der ihr einen neuen Kopf darch die Psychoanalyse aufsetzen soll. 
Auch uralte kriminelle Gedanken schimmern durch das Tranmgewebe. 



186 Zweiter Teil. Die Angsthysterie. 

Fenster, durch das er seinen Kollegen Briefe reichen mußte. Er war nicht im- 
stande, dasselbe zn öffnen, so daß er sich krank melden maßte. 

Er wurde wegen „Neurasthenie" zeitweilig beurlaubt and der übliche» 
Behandlung unterzogen, die gar keinen Erfolg hatte. 

Die Psychoanalyse ergab die vollkommene Aufklärung des dunklen Falles. 
Er übte seit 14 Jahren Coitas interraptus aas. Leichte Symptome einer Angst- 
nearose waren schon seit 8 Jahren zn konstatieren (Reizbarkeit, Diarrhöen, 
Augstträurae, nervöses Asthma!). Vor zwei Jahren starb unvermutet sein ein- 
ziger Sohn. Er machte sich Vorwürfe, er hatte nicht alles getan, um ihn za 
retten. Er wäre mit ihm zu strenge gewesen, hätte ihn wiederholt grandios 
geschlagen usw. 

Hinter diesen Vorwürfen steckte ein viel tieferer Vorwurf. Er hatte da- 
mals die Bekanntschaft eines hübschen, jungen Mädchens gemacht nnd verliebte 
sich in sie. Er sann auf Mittel and Wege, am sich von seiner Fraa zu be- 
freien. Da erkrankte sein Sohn. Einen Moment lang hatte er mit dem 
Gedanken gespielt: „Was halt dich bei deiner Fran zurück, wenn 
der Junge jetzt stirbt? Dann bist du ja frei und kannst die andere 
heiraten." 

Außerdem gab es noch einige schwere psychische Konflikte. Der Vor- 
mund des Madchens war in seinem Amte gewesen und hatte sich bei seinem 
Vorstand beschwert. Der Vorstand hatte ihm ins Gewissen geredet. Er sei doch 
ein Alterer Mann und solle doch das Mädchen nicht unglücklich machen. Er 
schämte sich daher, ins Amt zu gehen und wiederholte sich endlos die Worte 
seines Vorgesetzten. Was half alle Überredung und Logik gegen die Macht 
seiner Leidenschaft? Er begann sich auszumalen, ob es nicht das Beste wäre, 
mit dem Mädchen durchzugehen. Er war Geldbriefträger and hatte oft große 
Summen in seinen Händen. Wenn er nun mit einigen Tausend Golden durch- 
gehen würde? (Vgl. Fall Nr. 1, S. 9.) Allein — er war zu schwach za so 
einem Verbrechen. Bei ihm blieb alles Phantasie. Eine Phantasie, die er ener- 
gisch verdrängte. 

Eine Ehe wäre auch nach der Scheidung von seiner Frau nicht möglich 
gewesen. Er war katholisch. Es war eine traurige Liebe voll von trüben Stun- 
den ohne Aassicht auf Erfüllung der brennenden Sehnsucht. Beiden Menschen 
wuchs die Leidenschaft über den Kopf. 

Eines Tages wollte das Madchen sich ihm vollkommen hingeben. Er aber 
war so aufgeregt, daß er vollkommen impotent war. (Er konnte das Fenster 
— symbolische Bezeichnnng der Vagina — nicht öffnen !). Er wurde lebens- 
überdrüssig und dachte eine Zeitlang daran, sich vom vierten Stocke auf 
das Pflaster zu werfen. Seine Angst vor dem Fenster, seine Schwindelanfälle, 
seine Angst, man könnte ihm etwas ansehen, alle diese Zustande waren psy- 
chisch begründet. Der Schwindel auf der Brücke überfiel ihn nn dem Tage, als 
er sich vornahm, das Madchen um jeden Preis za besitzen. 

Der Mann war ein Verbrecher ohne den Mut zum Verbrechen. Seine Phobie 
erwies sich als symbolische Darstellung eines schweren Seelenkampfes zwischen 
Trieb und Pflicht. 

Nach der Psychoanalyse trat eine rasche Besserung ein. Das Madchen 
mußte auf meinen Rat Wien verlassen. Er versieht wieder seinen Dienst nnd 
findet auch mit seiner Fraa ein leidliches Aaskommen. 

Noch deutlicher zeigt die kriminelle Wurzel der nHchste Fall Nr. 92. 

Ein Beamter erkrankt an Schlaflosigkeit, Unfähigkeit zur Arbeit and 
schwerer psychischer Depression. Er hat eine ziemlich verantwortungsvolle 



Einige einfache Beispiele von Angsthyaterie. 137 

Stellung, der er sich nicht mehr gewachsen fühlt. Infolgedessen quälen ihn 
Sorgen, er werde seinen Posten bald verlieren; seine Frau und sein einziges 
Rind würden dann brotlos sein usw. Es ist ihm unmöglich, einen Geschäfts- 
brief zu Ende zu schreiben, eine Kolonne Ziffern zu addieren. Daheim spricht 
er seit Wochen kein Wort, ist sehr mißgestimmt und brütet stundenlange vor 
sich hin; er ist sehr reizbar, gerät auf kleine Anlässe hin in Wut, läßt sich 
zu Tätlichkeiten gegen seine Frau hinreißen und ist dann reuig und weint 
ebenso übermäßig wie bei den geringsten anderen Anlässen. Ich will hier nicht 
den ganzen Hergang der Psychoanalyse mitteilen. Sie währte nicht lange. In 
14 Tagen kam ich auf den Grund der Krankheit. Die langjährige Beschäfti- 
gung mit solchen Kranken führt zu einer gewissen Technik des Dnrcbschauens, 
die diesmal nicht einmal besonders schwer war. Der Mann hat eine Frau ge- 
heiratet (die schon einige Jahre vorher seine Geliebte war), weil sie in die 
Hoffnung gekommen war. Er fühlte sich als Ehrenmann zu diesem Schritte 
verpflichtet. Das Mädchen war arm und brachte gar uichts in die Ehe mit als 
die Schulden für die Einrichtung und Ausstattung; er ist ehrgeizig und trug 
sich immer mit Plänen herum, selbständig zu werden. Auf alle diese Pläne 
maßte er jetzt verzichten. Er hatte gleich nach der Hochzeit mit seiner Frau 
heftige Szenen, bei denen er sich sogar zu Tätlichkeiten hinreißen ließ. Seit 
drei Monaten leidet er an der schweren Depression, die ihn arbeitsunfähig 
macht. Auf den Grund seiner Depression brachte mich ein stereotyper Traum, 
der sich in der Zeit seiner Krankheit einige Male wiederholte. Er träumte 
immer wieder, daß seine Frau und sein Kind mit Leuchtgas vergiftet waren ; 
im Traume hatte er vergessen, den Gashahn zuzudrehen. Er wachte dann (im 
Traume) auf) und fand Frau und Kind bewußtlos röchelnd; darauf schrie er 
auf und erwachte nun wirklich mit Herzklopfen und einem schweren De- 
pressionsgefühle. Es war nicht schwer zu erkennen, daß die kriminellen Ge- 
danken des Mannes dahin gingen, sich durch eine Lenchtgasvergiftung von 
seiner Frau zu befreien. Sie hatten in der Wohnung gar kein Gas, wie aber 
seine Frau mir nachher erzählte, hatte er sich schon Monate lang mit der Idee 
getragen, Gas einzuleiten und mit ihr wiederholt das „Für und Wider" be- 
sprochen. Der Gedanke, auf diese Weise sich die verlorene Freiheit wiederzu- 
erobern, war offenbar eine Zwangsvorstellung. (Solche Zwangsvorstellungen 
brechen häufig als stereotype Träume ins Bewußtsein). Kurz, der Kranke ge- 
stand mir offen, daß er sich gedacht habe, wenn Frau und Kind sterben 
würden, wäre er ein freier Mann, er könnte seine Stellung, mit der er unzu- 
frieden war, verändern, dazu sollte ihm das Leuchtgas verhelfen und als ich 
ihn daranf aufmerksam machte, daß er derartige kriminelle Phantasien hegen 
müsse, so gestand er mir nach einigem Zögern zu, daß er sich tatsächlich auch 
im Bewußten mit derartigen Phantasien beschäftigt und sich sehr energisch 
gegen 6ie zur Wehr gesetzt habe. Weitere kriminelle Phantasien dieses Mannes 
gingen dahin, seine Familie zn vergiften. Diese Phantasien waren jedoch nur 
blitzartig in seinem Bewußtsein aufgestiegen und vollkommen verdrängt worden. *) 

') Die Erklärung dieses interessanten psychischen Phänomens, daß man träumt. 
man sei erwacht, ebenso wie die Ausführungen über den sogenannten „Traum im Traume" 
finden sieb in meinem Werke „Die Sprache des Traumes". (J. F. Bergmann, Wies- 
baden 1911.) 

') Der ursprüngliche verbrecherische Wunsch wird verdrängt und durch eine harm- 
losere Zwangsvorstellung oder einen Zweifel ersetzt. Hier war der Ersatz die scheinbar 
nicht bedeutsame Frage: Soll ich mir Gas einleiten oder nicht V (Näheres darüber in meiner 
Abhandlang „Zwangszustände, ihre psychischen Wurzeln nnd ihre Heilung".) 
(Mediz. Klinik, 1910, Nr. 5-7.) 



188 Zweiter Teil. Die Angstbsyterie, 

Er war sich ihrer nicht mehr bewußt. Der Erfolg der Bewußtmachung dieser 
kriminellen Plane war ein geradezu verblüffender. Er konnte wieder schlafen, 
arbeiten ond die Rene über seine bösen Gedanken hatte auch insofern wohl- 
tätige Folgen, als sich sein Verhältnis zu seiner Familie vollständig änderte. 
Er wurde zärtlich und aufmerksam; seine Frau, die nach Wochen zu mir kam, 
um sich bei mir zu bedanken, versicherte mir, sie hatte nie geglaubt, daß eine 
solche Veränderung mit einem Menschen vorgehen könne. Hier war es die 
Aufdeckung der verschiedenen kriminellen Phantasien, von denen ich hier nur 
eine erwähnt habe, und die vollkommene Aussprache, welche einen so wunder- 
baren Erfolg zeitigte. Solcher Beispiele könnte ich noch viele anfuhren. Ja, 
ich habe schon gesagt, daß meiner Ansicht nach alle Neurotiker in gewissem 
Sinne Verbrecher ohne den Mut zum Verbrechen sind. 

Diese Krankengeschichten gewähren uns einen tiefen Einblick in die 
Psychogenes? der Angsthysterien. In allen Fallen ist es die Verdrängung, 
welche sich mit somatischen Faktoren verbindend zur Angstentwicklung 
geführt hat. 

Unsere Wunsche sind wie „revenants". Die Hoffnungen werden be- 
graben and mit ihnen die unausgesprochenen Wünsche unter die Decken 
des Bewußtseins verdrängt. Aber sie pochen immer wieder an die Wände 
ihres Gefängnisses und verlangen hinaus. Wenn wir dieses Pochen der 
unterirdischen Wünsche hören, erfaßt uns die dumpfe Angst. Wir fürchten 
uns eigentlich vor uns selbst. 

In den nächsten Kapiteln will ich einen sonderbaren Reigen von 
Kranken anführen. Es wird uns gegönnt sein, Menschen zu sehen, wie 
eie wirklich sind, nicht, wie sie scheinen. Wir öffnen die Gräber 
der versunkenen Wünsche und wie aus der Büchse Pandoras entweichen 
die wilden Leidenschaften. Allein sie können das Licht der Sonne nicht 
vertragen. Sie erbleichen und sterben, um nie wieder zu erscheinen. Nur 
der verdrängte Gedanke kann dauernd als revenant das Gleichgewicht 
unserer Seele stören. 



Xvill. Analyse einer Angsthysterie. 

Nr. 93. Eine „nervöse" Dame, erblich nicht belastet, konsultiert 
mich in meiner Ordinationsstunde wegen eines „Herzfehlers'. Sie leidet 
unter Anfällen von heftigem Herzklopfen, die stundenlang dauern und von 
quälender Angst begleitet sind; mehrere Male im Jahre kommt es sogar zu 
bedrohlichen Erscheinungen von Herzschwäche, wobei der Puls aussetzt und 
sie nur mit Hilfe von Kampferinjektionen, schwarzem Kaffee und Cham- 
pagner wieder zum Bewußtsein gebracht werden kann. Gestern hatte sie 
wieder einen schweren Anfall. Sie wollte ihren Hansarzt nicht mehr rufen, 
weil sie mit ihm anzufrieden ist. Er sei in letzter Zeit „oberflächlich" ge- 
worden und gebe sich keine Mühe. Sie wendet sich nun an mich mit der 
Bitte, sie in Behandlung zu nehmen. Die 30jährige, etwas blasse, aber 
wohlgenährte Frau zeigt bei der Untersuchung vollkommen gesunde Or- 
gane; auch an dem angeblich kranken Herzen ist außer einer leichten 
Irregularität und Beschleunigung des Pulsschlages nichts Pathologisches 
wahrzunehmen. Eine kleine Struma parenchymatös fällt kaum auf. 

Eine nähere Schilderung der Herzanfälle verrät sofort den neuropa- 
thischen Charakter dieser Affektion. Sie fühlt vor dem Anfall eine Aura, wo- 



Analyse einer Angsthysterie. Ig9 

bei sie eine Art Wollustempfindung hat. Es ist ein „süßes Sterben". Dann 
kommen Angstgefühle, die sich immer heftiger steigern, bis sie die Ge- 
wißheit hat: Jetzt ist deine letzte Stande gekommen. Ich schlage ihr eine 
psychische Kur vor, auf welchen Vorschlag sie nm so freudiger eingeht, 
als ihr bisher alle Wasserkaren, Strophantas, Digitalis, Koffein, nichts ge- 
nützt hatten. 

Ich fordere die Patientin auf, mir zuerst ihre genaue Lebensge- 
schichte zu erzählen. Es ist Behr merkwürdig, womit Menschen beginnen, 
wenn man ihre Lebensgeschichte hören will. Meist sind es wissentlich oder 
unbewußt falsche Angaben, die oft erst nach Wochen korrigiert »-erden. 
Macht man sie dann auf den Widersprach aufmerksam, dann wollen sie 
sich nicht erinnern, ursprünglich etwas anderes gesagt zu haben. Meine 
Patientin erzählt mir nun eine belanglose harmlose Jugend. Sie sei mit 
mehreren Geschwistern ohne sonderliche Sorgen und Erregungen im elter- 
lichen Hause aufgewachsen, wisse sich absolut an kein sexuelles Faktura 
za erinnern, das imstande gewesen wäre, sie aus dem seelischen Gleich- 
gewichte zu bringen. Sie habe mit 22 Jahren ihren Mann, der das Muster 
eines idealen Gatten sei, aus Liebe geheiratet; ungefähr vier Jahre nach 
der Ehe habe der nervöse Zustand begonnen. Sie fühlt sich geschlechtlich 
vollkommen befriedigt, liebt und achtet ihren Mann über alles, ist Mutter 
von drei Kindern. Als Ursache ihrer Krankheit sieht sie den fortwährenden 
Arger und das Moment an, daß sie für den ganzen Haushalt allein auf- 
kommen muß. Ihr Mann verdient sehr wenig. Sie leitet ein großes Geschäft, 
dessen Verantwortung auf ihren Schultern lastet. „Ich habe mich einfach 
überarbeitet; ich bin diesen Sorgen und Anstrengungen nicht gewachsen. 
Bald soll ich den hohen Zins bezahlen, bald die verschiedenen Forderungen 
meiner Gläubiger. Bald sind die Kunden unzufrieden. Alles drängt durch- 
einander, so daß mir manchmal ganz wirr im Kopfe wird." 

Man versetze sich nun in die Lage eines Arztes, der diese Anamnese 
hört nnd etwa eine Krankengeschichte verfaßt. Er wird wieder zum Schlüsse 
kommen, daß die Ansicht Freuds von der sexuellen Ätiologie der Neurosen 
eine falsche ist, daß Sorge, geistige Überanstrengung und Überarbeitung 
die Schrecken der Neurose erzeugen. 

Es ist mir wiederholt passiert, und ich werde später auf solche 
Fälle zurückkommen, daß Kranke durch acht bis vierzehn Tage alle psy- 
chischen Emotionen aufgezählt und die sexuellen beharrlich geleugnet 
haben. ') 

Ich begnüge mich am ersten Tage mit diesen Ausführungen und be- 
strebe mich, das Vertrauen der Patientin zu gewinnen. Die zweite Sitzung 
widme ich der Genese der Anfälle: „Wie sind die Anfälle entstanden? 
Bei welcher Gelegenheit sind sie ausgebrochen? Der letzte Anfall wird 
Ihnen am besten in Erinnerung sein," sage ich; „erzählen Sie mir etwas 
darüber." 

„Ach, an den erinnere ich mich sehr gut; es war mein Hochzeits- 
tag. Wir hatten den Besuch eines befreundeten Ehepaares erhalten, das 
vor uns eine dramatische Szene aufführte. Ich regte mich damals schreck- 
lich auf. Herr X. machte seiner Gattin heftige Vorwürfe, daß sie mit dem 



1 1 Die „Aufregungen" sind ein beliebter Sundenbock für die verschiedenen Neurosen. 
In Wirklichkeit erkranken die Menschen eher an dem Mangel von Anfregnngen. Aufregungen 
sind meistens Anregungen and nervöse Leute können ohne Aafregangen nicht leben. 



190 Zweiter Teil. Die Angsthysterie. 

Dr. W. mehr als erlaubt kokettiere, ja, er verstieg sich sogar znr Be- 
hauptung, sie hätte mit ihm ein Verhältnis." 

„Weshalb hat Sie denn das so sehr erregt?" 

„Weil — " und hier stockte die Patientin einen Moment — „weil 
der Arzt, der beschuldigt wurde, eben unser früherer Hausarzt war." 

„Den Sie aufgegeben haben, weil er „oberflächlich" wurde? — " 

„Eben derselbe." 

„DaB erklärt noch immer nicht ihre große Erregung." 

„Ja, es handelte sich um eine nahe Verwandte! Frau X. ist die 
Schwester meines Mannes." 

Eine genauere Nachfrage ergibt eine gewisse Rivalität zwischen ihr 
und der Dame, der der Ehebruch vorgeworfen wurde, und eine ausge- 
sprochene Neigung zum Hausarzt, von dem sie vor dem Anfalle erfahren 
hatte, daß er ihr gewissermaßen „untreu" gewesen. Nicht daß sie ein 
Verhältnis mit ihm gehabt hatte! — Niemals sei ein unerlaubtes Wort 
gefallen, aber eine stille Sympathie hätte zwischen ihnen geherrscht und 
er hätte ihr in ganz offener Weise sozusagen den Hof gemacht. Sie war 
schon lange auf die Schwägerin eifersüchtig. An diesem Abend war es ihr 
klar geworden, daß er auch mit der anderen ein verbotenes Liebesspiel 
getrieben. Kaum hatte das befreundete Paar den Streit beendet, als sie mit 
einem lauten Aufschrei 1 ) niederfiel und von einem Schüttclkrampf gebeutelt 
wurde. Es war der stärkste Anfall, den sie je gehabt hatte. Sie mußten 
einen fremden Arzt aus der Nähe rufen, der eine halbe Stunde zu tun 
hatte, um sie ins Leben zurückzurufen. 

Weiteres Nachforschen ergibt, daß drei ähnliche Anfälle ebenfalls an 
Hochzeitstagen, einmal an ihrem eigenen und zweimal an Hochzeits- 
tagen von ihren Freundinnen stattgefunden hatten. Nähere Auskünfte ver- 
weigert sie und verbreitet sich des Ausführlichen über ihre Jugend, 
über zahlreiche Männer, die ihr den Hof gemacht, wie schön und vielbe- 
gehrt sie gewesen wäre u. dgl. Dinge mehr. Ein typischer Zug bei Frauen, 
die mit der Wahl ihres Mannes nicht zufrieden sind. Sie überfliegen 
immer in der Phantasie die Reihe von Männern, die sie hätten haben 
können. . . . 

Erst nach drei weiteren Sitzungen gelingt es, nach Abtragung der 
oberflächlichen Schiebten etwas tiefer in ihr Seelenleben einzudringen. Dies 
geschieht mit Hilfe eines Traumes. Es ist nämlich sonderbar: Jedesmal, 
wenn die Patienten einem inneren Widerstände begegnen, träumen sie dann 
ziemlich lebhaft einen Traum, der dem Arzte in klarer Weise über all das 
Auskunft gibt, was sie ihm verschweigen wollten. Freilich spricht der 
Traum seine Bonderbar verstellte symbolische Sprache, die man erst durch 
die Traumdeutung übersetzen muß. 

Sie sieht den Kaiser in der Hofburg, wie er zwei Pferde 
abwechselnd besteigt, ein großes schwarzes und ein kleines 
weißes. „Kaiser" ist eines der bekanntesten Symbole und bedeutet im 
Traume fast immer den Vater. Ich durchschaue das Traumgespinst auf 
den ersten Blick, erkenne, daß es sich um eine sexuelle Szene zwischen 
Vater und Mutter handelt, welche in der Phantasie noch erweitert wurde. 
Es scheint eine Kombination einer Tatsache und einer Phantasie zu sein. 



') Der Schrei war nicht der bekannte Schrei des Schreckens and des Entsetzens. 
Es war der Schrei des Zornes, der sieb anf diese Weise maskiert entladen konnte. 



Analyse einer Angsthysterie. 191 

Ich hUte mich aber wohl, etwas von der Kenntnis des Traumes zn ver- 
raten und gehe auf seine Dentnng ein : Ich frage die Patientin, was ihr 
zum Traume einfällt, worauf sie mir prompt FamilienBzenen zu erzählen 
beginnt, bis sie schließlich auf den Kernpunkt der Sache kommt. Sie habe 
als kleines Kind den ehelichen Verkehr zwischen ihren Kitern wiederholt 
belauscht und sei dabei, obwohl sie nicht recht gewußt habe, um was es 
sich handle, in große Erregung geraten. Der Traum läßt sich sehr leicht 
als die Erfüllung eines infantilen Wunsches deuten, des Wunsches, daß die 
„Reitttbung" auch mit ihr vorgenommen werden möge. Das große schwarze 
Pferd repräsentiert die Mutter, das kleine weiße das Kind, sie selber. (Die 
Matter ist groß und schwarz. Seit damals beneidet sie die Mutter und 
wünscht sich an ihre Stelle.) 

Nun ist der Damm gebrochen und eine Flut von Erinnerungen steigt 
übermächtig in ihr auf. Die von mir vorgelegte Deutung wird nicht ab- 
gelehnt, im Gegenteile bestätigt und durch eine Fülle von Erinnerungen 
erweitert. Während sie früher jede Masturbation geleugnet hat, gibt sie 
die Onanie zu, gesteht auch dieselbe mutuell mit einer Freundin getrieben 
za haben. (Homosexuelle Komponente ihrer Neurose; sie fehlt niemals, 
wie wir sehen werden.) 

Das ganze, halb aus Wahrheit, halb aus Phantasie gewebte Gespinst 
der verdrängten Erotik wird langsam entwirrt. Mit jedem Tage befindet 
sie sieh besser und freier. Aber noch immer gibt sie an, hie und da von 
Herzklopfen befallen zu werden. Noch immer sind wir nicht auf den tief- 
sten Grund der Krankheit gekommen. 

Eine Reihe anderer Träume bringt uns ein Stück weiter. Der nächste 
Traum lautet: Drei alte Juden tanzen auf dem Fleischmarkt 
herum, und ich bekomme darüber einen bo fürchterlichen Zorn, 
daß ich mit Herzklopfen erwache. Die drei alten Juden, durch Um- 
kehrung aus drei jungen Christen entstanden, sind ihr Mann und zwei 
Brüder desselben. Einer derselben handelt immer wie ein Jude ! Vor eini- 
gen Tagen waren sie alle in einer Gesellschaft, worauf sie allein nach 
Hause ging, während ihr Mann sich ausgebeten hatte, die Brüder zu be- 
gleiten und noch ein wenig lustig zu sein. Damals war ihr der Gedanke 
gekommen, die drei könnten etwas Böses im Schilde führen und eventuell 
in ein verrufenes HauB (Fleischmarkt) gehen. Sie habe tagsüber diesen 
Gedanken immer verdrängt. Der Traum sollte ihr Gewißheit bringen. Sie ist 
eifersüchtig. Die typische Eifersucht unbefriedigter Frauen. Sie bekommt 
zu wenig, weil sich der Mann anderweitig ausgibt. Außerdem verraten 
sich Inzestgedanken auf ihre Schwäger. 

Und nun entladet sieb alles, was an unausgesprochener Feindseligkeit 
(sexueller Ablehnung) zwischen den Ehegatten vorhanden ist, auf das Haupt 
des Mannes. Er wird als leichtsinnig geschildert; er habe einen guten 
Posten verloren ; sie müsse das ganze Haus erhalten ; er sei jähzornig und 
aufbrausend und wisse sie nicht recht zu behandeln. Er habe kein Ver- 
ständnis für ihre Tüchtigkeit, für ihre Eigenart und ihr sonderbares Wesen. 
Und schließlich gesteht sie, daß Bie in letzterer Zeit wiederholt sexuell 
nicht befriedigt war. Der Mann leidet an Ejaculatio praecox. Ihre Be- 
schwerden stammen also zum Teil von einer Angstneurose ab. Die Herz- 
anfälle sind Äquivalente eines Angstanfalles. 

Wir arbeiten weiter. Eine Woche lang geht es noch immer über 
ihren Mann los. Der ganze unterdrückte Haß, die unterdrückte Qual einer 



192 Zweiter Teil. Die Angsthysterie. 

schlechten Ehewahl entladen sich. Der nächste Traum lautet folgender- 
maßen: Ich komme auf die Gasse und sehe, daß dort ein Bett 
Bteht. In dem Bette liegt eine schwarze Person, die mit meinem 
Manne sehr zärtlich ist. Ich werde sehr zornig und sage: Warte, 
wenn du so bist, so werde ich dir schon zeigen, laufe zornig 
weg und ein großer Herr mit einem schwarzen Bart läuft mir 
über die Stiege nach und folgt mir ins Zimmer. Er will mich 
küssen und zärtlich sein, ich lasse es aber nicht zu und finde 
gerade noch Kraft, ihn zur Tür hinauszudrängen und sie hinter 
ihm zu schließen." 

Die Analyse dieses Traumes war sehr leicht: Das „Bett auf der 
Straße 11 repräsentiert im Traume die Dirne. Der Traum enthüllt den Teil 
ihrer Gedanken, die die vermeintliche Untreue ihres Gatten betreffen. Er 
war es ja, mit dem die Frau im Bette gespielt hatte. Sie ertappt ihn und 
will an dem Ungetreuen Rache nehmen. Sie sucht nach einem berechtig- 
ten Anspruch für eine Revanche auf sexuellem Gebiete. (Zimmer = Frauen- 
zimmer ; Türe = Vagina.) Ferner ergibt die Analyse des Traumes, daß 
unter dem sie verfolgenden Manne ich, der behandelnde Arzt, gemeint bin. 
Es beginnt die Übertragung. Außerdem steckt noch eine Reminiszenz an 
einen sexuellen Angriff im Traumbilde, an einen Vergewaltigungsversuch, 
dem sie vor zwei Jahren fast erlegen wäre. („Ich finde noch die Kraft, 
ihn zur Türe hinaus zu drängen.") 

Was während der folgenden Tage über den Ehemann gesagt wird, 
ist nicht gerade schmeichelhaft; während sie sich früher als die glück- 
lichste Frau schilderte, die den besten Mann hat, bestrebt sie sich jetzt, 
auf jede mögliche Weise begreiflich zu machen, daß es eigentlich kein 
Wunder gewesen wäre, wenn sie ihm die Treue gebrochen hätte. Logisch 
setzt sich dieses Thema fort, so daß in den folgenden Träumen und Ana- 
lysen sämtliche Verehrer, die sie bisher gehabt, auftauchen. Natürlich ge- 
hört zu diesen auch der letzte Arzt, Dr. W., zu dem Bie, wie sie jetzt zu- 
gibt, eine große Neigung hatte, was wir ja als Anlaß des letzten Anfalles 
erkannt haben. Die weitere Analyse ergibt, daß die Anfälle an Hochzeits- 
tagen von Freundinnen und immer mit einer gewissen Empfindung von 
Eifersucht nnd Neid verquickt waren. Es ist, alB ob sich von ihrer 
eigenen Hochzeitsnacht eine große Enttäuschung bis in diese 
Zeit fortpflanzen würde, die, im Unbewußten wirkend, an derartigen kriti- 
schen Tagen die Anfälle hervorruft. 

Endlich gesteht sie, daß sie ihren Mann eigentlich gar nicht aus 
Liebe geheiratet hat; ihre Liebe habe einem anderen gehört. Auch dieser 
war merkwürdigerweise ein Mediziner gewesen, der ihr einige Jahre den 
Hof gemacht hatte, wobei sie sich wiederholt umarmt und geküßt hatten. 
Nach solchen Umarmungen sei sie fürchterlich aufgeregt gewesen, hätte 
Nächte lang nicht schlafen können, wobei sie sich in sexuellen Phanta- 
sien erging. Eines Tages erklärte ihr der Mediziner, der inzwischen Doktor 
geworden war, er habe sich die Sache reiflich überlegt, sie seien beide 
arm, sie könnten es zu nichts bringen, es wäre das beste, sie verzichteten 
aufeinander. Darüber sei sie sehr unglücklich gewesen und hätte sich 
lange Zeit nicht trösten können. 

Diese Geschichte muß ich in ihrer breiten Ausführlichkeit durch drei 
Tage hören, wobei mir kein Detail erspart wird. In solchen Fällen heißt 



Analyse der Angsthysterie. 193 

es Gednld haben ond warten, bis nene Sparen aaftanchen. Wieder bringt 
ans ein Tranin die neae Fährte. 

Heute nachts habe ich in meinem Zimmer gebadet, da kam 
die Frau N. herein und sagte: Ach, sie baden jetzt, das ist ja 
aasgezeichnet, da werde ich gleich mitbaden. Sie setzte sich zn 
mir ins Bad hinein, wobei sie mir fortwährend Komplimente 
machte: Sie haben einen schönen Körper, er ist weiß wie Mar- 
mor. 1 ) Was weiter geschehen ist, weiß ich nicht. 

Natürlich hätte uus der Schluß des Traumes wertvolle Aufklärungen 
bringen können. Aber die meisten erotischen Träume sind bo versteckt, 
daß sie die brutale Szene, den Schlußakt nie bringen. Dies ist nur in den 
Pollutionsträumen der Fall, wo sich die Sexualität unverhüllt zeigt. In 
diesen Fällen „verdrängter Sexualität" heißt eB immer typisch: „Was 
weiter geschehen, weiß ich nicht." Oder: „An den Schluß kann ich mich 
nicht erinnern." Natürlich! Sonst wäre ja die ganze Maskierung der Sexu- 
alität überflüssig. In diesem Falle ist es sehr zu bedauern, denn gerade 
die Fortsetzung dieses Traumes hätte uns interessiert; es handelt sich 
offenbar um eine homosexuelle Phantasie. 

„Was wissen Sie von dieser Frau?" frage ich. 

„Sie kommt häufig zu mir, ist eine auffallende Schönheit, die mir 
sehr gefällt." 

Wir spinnen diesen Faden weiter und nun tauchen eine Menge weib- 
licher Gestalten auf, mit denen sie in Freundschaft lebte, unter anderen 
auch das Mädchen, mit dem sie mutuelle Onanie getrieben hat, und schließ- 
lich ihre Mutter. Es ergibt sich mit Klarheit, daß es die Mutter war, die 
die ersten sexuellen Neigungen in ihr geweckt hat. Es habe ihr immer 
ein ungeheures Vergnügen gemacht, wenn die Mutter sich auszog, und Bie 
brüllte als kleines Baby schrecklich, so oft sie ans dem Zimmer entfernt 
wurde, wenn die Mutter Toilette machte. Sie fingierte selbst Krankheiten, 
um nachts ins Bett der Mutter genommen zu werden, was ihr immer 
großes Vergnügen bereitet bat. Noch heute ist ihre Neigung zur Mutter 
eine unendlich tiefe und starke. Ich mache sie darauf aufmerksam, daß 
alle Menschen bisexuell veranlagt Bind, der eine mehr, der andere weniger, 
daß offenbar eine homosexuelle Komponente in ihr tatig sei, die vielleicht 
schuld trage, daß ihre Ehe bisher keine glückliche gewesen. 

Nun aber kommt eine merkwürdige Tatsache : Unter jene weiblichen 
Personen, zu denen sie eine große Zuneigung hatte, gehörte auch die 
Schwester ihres jetzigen Mannes, dieselbe Schwägerin, die bei ihrem letzten 
Anfalle eine große Rolle spielte. Kurz nach dem Bruche mit ihrem ersten 
Bräutigam war sie zur Beruhigung ihrer aufgeregten Nerven aufs Land ge- 
fahren, woselbst sie bei der Familie ihres Mannes freundliche Aufnahme 
fand. Die Schwägerin war nämlich ihre Jugendfreundin. Sie verabsäumte 
keine Gelegenheit, bei der sie sie stürmisch umarmen und unzähligemale 
küssen konnte. „Sie lebten wie die Turteltauben." Am Lande nun hatte 
sie zu wiederholten Malen mit der Schwester das Bett geteilt. Mutuelle 
Onanie leugnet sie, sie hätten sich immer umarmt gehalten, sich geküßt, 
sich um die gegenseitigen Schönheiten des Körpers beneidet, sie gepriesen 
und dergleichen, bis sie nach unendlichen Liebkosungen einschliefen . . . 



') Hier verrät sich die starke Selbstliebe (Narzisgismus) der Kranken. 

Stek«), NtrrOM Ang«Un«tlnd« und Ihre B<sh»ndlang. 2. AnB. 13 



194 Zweiter Teil. Die Angsthysterie. 

Die Szene beim letzten Anfalle wirkte in zweifacher Weise erregend. 
Sie war auf Dr. W. eifersüchtig. 1 ) Aber ebenso eifersüchtig auf ihre Schwä- 
gerin. Diese Liebe zum schönen Mädchen spielte eine große Rolle beim Zu- 
standekommen ihrer Ehe. 

Einmal sei es gekommen, daß ihr jetziger Mann gezwungen war, 
im selben Zimmer zu schlafen. Kaum daß sie sich niedergelegt hatten, 
war der Bruder ins Zimmer gekommen und hatte sich im Finstern ent- 
kleidet. Er sei aber, als die Schwester schon fest schlief — und sie erfreute 
sich immer eines tiefen Schlafes — zu ihrem Bett gekommen und habe sie 
ganz leise von rückwärts, ohne daß es die Schwester merken konnte, 
wiederholt anf Stirn und Augen geküßt. Das habe sie damals besonders 
erregt und als er nach zwei Tagen um ihre Hand anhielt, war sie außer- 
stande, sie ihm abzuschlagen. 

Wir sehen hier etwas, was im Leben sehr häufig vorkommt, den Um- 
weg der Leidenschaft über eine zweite Person. Die Schwester hatte die 
homosexuelle Komponente in ihr mächtig aufgewühlt und ihre Sexualität 
gewaltig erregt. Es ist dies ein Beispiel von Transskription der Libido von 
der homosexuellen auf die heterosexuelle Seite, ein Vorgang, der ebenso bei 
der Fixierung der Homosexualität in Betracht kommt. In diesem Zustande 
war sie selbstverständlich dem Verlangen des Mannes leichter zugänglich 
und ließ sich leichter ins Minnespiel locken, konnte sich leicht vormachen, 
daß sie zu dem Bruder eine große Neigung hatte. Dabei mag im Unbe- 
wußten der Gedanke mitgewirkt haben : Wenn du den Bruder heiratest, 
wird dir die Schwester noch näher kommen und bleibt dir erhalten. Auch 
die große Ähnlichkeit mit der Freundin spielte dabei mit. 

Ähnliche Fälle habe ich öfter beobachtet. Wir werden noch ein männ- 
liches Gegenspiel kennen lernen. 

Solche Umwege sind es, die den Unerfahrenen verlocken und leicht 
über seine eigene Leidenschaft hinwegtäuschen. 

Ich habe nun einige Sitzungen mit Erinnerungen an jene Zeit, mit 
Freundinnen, mit anderweitigen Verehrern und Verehrerinnen zu tun, wo- 
bei mir jedesmal vorgehalten wird, wie groß ihre Enttäuschung gewesen 
sei, wie bald sich die anfängliche Zärtlichkeit des Mannes in rücksichts- 
lose Brutalität verwandelte. Die Patientin, die sich während der Kur sehr 
wohl befunden hat, wird wieder sehr erregt, man fühlt, daß die Analyse 
einem Knotenpunkt zuschreitet. Es kommen verschiedene Erinnerungen ex- 
hibitionistischer Natur. Sie sei einmal überrascht worden, als sie sich an- 
kleidete, sie habe selbst Verschiedenes durchs Schlüsselloch beobachtet. 
Sie hätten einmal in der Vorstadt gewohnt, wo sie das Leben und Treiben 
der Prostituierten beobachten konnte. Sie sah Herren ein- und ausgehen, 
was mit anderen Kindern lebhaft besprochen wurde. 

Schließlich ein Traum: Sie ist in einem Salon, wo sie Über- 
zieher und Regenschirme verkauft. Der Traum läßt sich leicht als 
eine sexuelle Phantasie deuten. Sie hat als Kind den Wunsch gehabt, eben- 
falls eine Hetäre zu sein. „Überzieher" ist zu klar, um noch gedeutet zu 
werden. Das führt wieder zu einer Menge neuer Themen. Sie verdächtigt 
ihren Mann, weil sie mehrere Kondoms in seinen Taschen gefunden hatte. 
Weshalb trage er diese bei sich herum, wenn er sie nicht außer dem 

") Diese bomnseiuelle Wurzel ist bei der Eifersucht immer zu konstatieren. Wir 
sind nur auf solche Personen eifersüchtij;, die wir selber liebenswert und liebenswürdig finden. 



Analyse der Angsthysterie. 195 

Hause verwenden wolle? Er könnte sie js ganz gnt in der Lade halten. 
Sie sei sicher, daß er sie betrüge. Regenschirm, ein in die Hohe gehender 
Gegenstand, ist ein häutiges Phallnssymbol. Sie ist im Tranni eine Dirne. 
Sie hat seit Jahren geschäftliche Verbindungen mit einem „Salon", wo 
Begenschirme und Überzieher gebraucht werden. 

Traum folgt auf Traum. Im letzten eine offene, nicht mehr bildlich 
verdeckte sexuelle Phantasie. Sie ist auf der Straße; ein Herr spricht 
sie an. Im Knopfloch hat er statt einer Rose ein Mittel, das 
sonst als Schutz gegen Kindersegen verwendet wird. Plötzlich 
fühlt sie einen Congressus a posteriori. Weitere Enthüllungen über 
sexuelle Phantasien, die nicht in Erfüllung gegangen sind, folgen in bunter 
Reihe, bis schließlich unter großer Aufregung das wichtigste Bexuelle 
Trauma der Jugend auftaucht. Plötzlich fällt es ihr ein, sie begreift 
nicht, daß sie es bisher vergessen hat. Sie war noch ein kleines 
Schalmädchen (6—7 Jahre), da rief sie der Zimmerherr, der bei ihnen 
wohnte, ins Zimmer, öffnete seine Hose und zeigte ihr seinen erigierten 
Penis. Zugleich mit dieser Erinnerung tritt mit heftigster Affektbetonung 
©in Anfall von Herzklopfen, Angst und Krämpfen ein, so daß wir die 
Sitzung unterbrechen müssen. 

Am nächsten Tage empfängt mich die Patientin heiter lachend. Sie 
fühlt, es sei ihr ein Alp vom Herzen genommen; sie ist außerordentlich 
aufgeräumt. Die weitere Analyse ergibt, daß sie dieses Jugenderlebnis die 
ganze Zeit beherrscht hat. Besonders sei ihr die enorme Größe des Phallus 
aufgefallen, der sich in ihrer Phantasie von Jahr zu Jahr vergrößerte. 
Auch beim Mediziner fühlte sie bei den Umarmungen einen ungeheuer großen 
Phallus. In ihrer Hochzeitsnacht merkte sie mit Schrecken, daß der ihr be- 
stimmte Phallus nicht im geringsten an die ungeheuren Dimensionen des 
ihrer Phantasie vorschwebenden heranreiche. (Nebenbei bemerkt, verfügt 
ihr Mann über einen normal ausgebildeten, eher großen Penis.) Auch die 
erwarteten Freuden der Brautnacht sind nicht eingetroffen — wegen ihrer 
onanistischen Praktiken war sie anästhetisch') — , so daß sie einige Stunden 
lang vor Aufregung weinte. Schon damals hatte sie Angstgefühle und 
Herzklopfen. 

Offenbar entstanden die Anfälle anf zweierlei Weise. Eine Wurzel 
reichte Ina in die früheste Kindheit zurück und reproduzierte das Erlebnis 
mit dem Studenten, das in der Phantasie bis auf alle Möglichkeit zu Ende 
geführt wurde. Andrerseits tauchten an Hochzeitstagen — an solchen traten 
ja die großen Anfälle ein — die im Unbewußten gebliebenen Enttäuschun- 
gen über den kleinen Phallus des Mannes auf. Als Ersatz dafür trat Be- 
wußtlosigkeit, Herzklopfen und jener Anfall auf, der in seinem ganzen 
Verlaufe das deutliche imitatorische Bild eines Kongressus gab. Jeder An- 
fall war gleich dem Traume eine Wunscherfüllung, wobei sie sich in diesem 
Momente gewissermaßen für alles, was ihr das Leben nicht gebracht hatte, 
entschädigte. Es war eine Brautnacht nach ihrem Sinne. Es kommen 
noch eine Unmenge erotischer Erlebnisse aus den ersten Kinderjahren, die 
verdrängt und vergessen waren, zur Sprache. 

Von da ab fühlte sie sich bedeutend besser, es war aber noch ein 
großes Stück Arbeit zu leisten. Es galt noch, die Patientin zu erziehen 
und ihre Ehe zu einer glücklichen zu machen. Und auch das ge- 



>) Ein Teil der Anästhesie ist auf Rechnung ihrer Homosexualität zu schieben. 

13* 



196 Zweiter Teil. Die Angsthysterie. 

lang in vollkommener Weise. Erstens klärte ich sie über das Mißverständnis 
auf, lehrte sie, ihre Forderungen auf ein bescheidenes natürliches Maß re- 
duzieren; zweitens gelang es mir, Verschiedenes in ihrem Benehmen dem 
Manne gegenüber zu korrigieren. Sie war bisher sehen, kalt, verschlossen 
gewesen, hatte immer erwartet, daß der Mann der aggressive Teil sein 
müsse. Er war eine jener Naturen , die immer zur Erotik gereizt, „animiert" 
werden müssen, sich auch gern reizen lassen, und nur aus diesem Grande 
hat er die feilen Reize der Dirnen seiner schönen Frau vorgezogen. Sie 
wird belehrt, daß es lächerlich ist, wenn eine Frau glaubt, mit der voll- 
zogenen Trannng habe die Eroberung des Mannes aufgehört; sie müsse 
dann erst recht daran gehen, ihren Mann täglich aufs neue zu erobern. 

Sie wird ein bißchen über die notwendige Koketterie und das Raffi- 
nement in der Ehe aufgeklärt. Dem Manne hingegen wird bedeutet, daß er 
niemals auf eine gesunde Frau rechnen könne, wenn er sein sexuelles Be- 
dürfnis außerhalb des Hauses befriedige und seiner Fran nicht liebevoll 
entgegenkomme. Und siehe da! Das große Wunder gelingt! Ein neuer 
Liebesfrühling fängt für die beiden Menschen an; sie blüht auf, wird 
jünger, ist überglücklich, er ist der zufriedenste und treneBte Gatte, den 
man sich denken kann, und kann nicht begreifen, daß er jemals seiner 
Frau untreu werden konnte. Er kann es nicht fassen, daß seine Frau sich 
so verändert hat, daß sie nicht mehr so reizbar und nervös ist. 

Nach einem halben Jahre, während welchem ich immer von Zeit zn 
Zeit eine kleine Beichte und Absolution vornehme, muß die Frau einen 
schweren psychischen Shock (Konkurs des Geschäftes!) überstehen, den sie 
so aushält, daß man an ihrer völligen Gesundung nicht zweifeln kann. 
Sechs Jahre sind seit dieser Kur verstrichen. Anfälle und Herzklopfen sind 
vollkommen geschwunden. Zwei Geburten wurden leicht überstanden. Die 
Ehe ist in jedem Sinne eine tadellose und glückliche. 

Oberblicken wir die ganze Krankengeschichte! Auf dem Boden einer 
Angstneurose, die kurz nach der Hochzeit zum Vorschein kam, entwickelte 
sich eine Hysterie, deren Grundlagen bis in die frühe Kindheit zurück- 
reichen. Wir finden alle charakteristischen Kennzeichen einer schweren 
Neurose: Infantile Traumen, Verdrängungen, Anlagen zn sexuellen Perver- 
sionen, ein überquellendes erotisches Phantasieleben. Interessant ist die 
Psychogenese der schweren Anfälle mit Verlust des Bewußtseins, die irrtüm- 
licherweise für Ohnmächten infolge Herzschwäche gehalten wurden. Charak- 
teristisch ist ferner die Phantasie vom gigantischen Phallus. Wir werden 
ihr noch einigemale begegnen. Hingegen vermissen wir die charakteristi- 
schen Gedanken vom Tode eines lieben Wesens. Im Grunde genommen 
liebte diese Frau ihren Mann viel mehr, als sie ihn haßte. Das ermög- 
lichte die komplette Heilung. 



XIX. Ein Fall von Angsthysterie mit Obsession. 

In einem psychischen Konflikt sieht auch Freud das Wesen der 
Hysterie. Die Hysterie bricht nach ihm regelmäßig aus, wenn dieser psy- 
chische Konflikt dahin führt, daß eine unerträgliche Vorstellung ins Unbe- 
wußte versenkt wird. Das Ich wird zur Abwehr erweckt und zur Ver- 
drängung aufgefordert. „Die Abwehr", sagt er (Zur Ätiologie der Hysterie, 



Bin Fall von ingsthysterie mit Obsession 197 

Wiener klin. RnndBchau, 1896, Nr. 22 — 26), „erreicht dann ihre Absicht, 
die unerträgliche Vorstellung ans dem Bewußten zu drängen, wenn bei der 
betreffenden bisher gesunden Person infantile Sexualszenen als an bewußte 
Erinnerungen vorhanden sind und wenn die zu verdrängenden Vorstellun- 
gen in logischen assoziativen Zusammenhang mit diesem infantilen Erlebnis 
gebracht werden können." 

Eine solche Verdrängung fährt entweder zur Eonversionshysterie, d. h. 
zur Übertragung der psychischen Symptome ins Physische oder zur Angst- 
hysterie. An Stelle des verdrängten Gedankens treten Schmerzen, Lähmun- 
gen, Parästhesien, die in einem gewissen geistigen Kausalnexus mit dem 
verdrängten Gedanken stehen, oder es entwickelt sich eine Phobie, die den 
gleichen Kausalnexus aufweist. Neurosen, die infolge der Abwehr uner- 
träglicher Vorstellungen entstanden sind, nennt Freud „Abwehrneurosen''. 
(Die Abwehr-Psychoneuro8en, Neurolog. Zentralblatt, 1894, Nr. 10, 11.) 
„Wenn bei einer disponierten Person die Neigung zur Ab- 
wehr herrscht und doch zur Abwehr einer unerträglichen Vor- 
stellung die Trennung derselben von ihrem Affekt vorgenommen 
wird, so maß dieser Affekt auf psychischem Wege bleiben. Die 
nun geschwächte Vorstellung bleibt von aller Assoziation im 
Bewußtsein übrig, ihr frei gewordener Affekt aber hängt sich 
an andere, an sich unerträgliche Vorstellungen an, die durch 
diese falsche Verknüpfung zu Zwangsvorstellungen werden." 
So entstehen die Obsessionen (Zwangsvorstellungen), die bei der Angst- 
hysterie gar nicht so selten sind. 

Während die Zwangsneurose eine scharf charakterisierte Psycho- 
neurose ist, lassen sich Obsessionen (Zwangsvorstellungen) in vielen 
Fällen von Angsthysterie nachweisen. Nur müssen wir den Begriff „Zwangs- 
vorstellungen" und „Zwangsneurose" scharf von einander trennen. Jede 
Zwangsneurose produziert zahllose Zwangsvorstellungen . Aber nieht jeder, 
der an einer Zwangsvorstellung leidet, ist schon Zwangsneurotiker. Nur 
wenn der Zwang im Mittelpunkt des klinischen Bildes steht, hat man das 
Recht, von einer Zwangsneurose zu sprechen. 

Jede Unterdrückung eines peinlichen Gedankens, jede Verdrängung') 
kann eine Art Zwangsvorstellung herbeiführen, die wir wegen der schär- 
feren Scheidung „Obsession" nennen wollen. Eine einschlägige Beobachtung 
sollen wir jetzt kennen lernen: 

Nr. 94. Herr Z., ein SOjähriger, sehr kräftiger, organisch vollkommen 
gesunder Mann, leidet seit drei Jahren an heftigen Schwindelanlallen und 
Angstgefühlen. Das erste Mal ist ihm ein solcher Schwindelanfall in der 
Kirche passiert. Er ist ein sehr frommer Mann, ein fanatischer Klerikaler, 
der sich auch politisch betätigt und täglich in die Kirche geht. Eines 
Sonntags vormittags hatte er nun einen sehr peinlichen Schwindelanfall, 
daß er umzufallen drohte. 1 ) Er leidet auch in der Kirche an quälenden 
Angstgefühlen. Das Blut steigt ihm zu Kopfe, seine Schläfen hämmern, 



') „Wo immer neurotischer Zwang im Psychischen auftritt, rührt er von Verdrän- 
gungen her." (Freud, Sammlang kleiner Schriften zur Kearosenlebre, S. 120.) 

") Die Beligion spielt in der Psychogenese der Neurosen eine größere Bolle, als wir 
es bisher geahnt hatten. Sie ist es ja, welche die erotischen Regungen als Sünde empfinden 
lallt and wird so die Grundlage des psychischen Konfliktes. Alle Naurotiker sind 
fromme Menschen, mögen sie sich noch so sehr als Freigeister gebärden. Ihr Atheismus 
ist nur Trot« und Empörung gegen übermächtige infantile religiöse Strömungen. 



198 Zweiter Teil. Die Angsthysterie 

er bekommt fürchterliche Angst. Auch topophobische Symptome fehlen 
nicht. Wenn er sich nur wenige Schritte weiter von seiner Wohnung ent- 
fernt, so bat er das Gefühl: Zu Hause könnte etwas Schreckliches pas- 
sieren. Er verläßt seinen Bezirk seit drei Jahren nicht mehr. Seit einigen 
Monaten hat sich sein Zustand bedeutend verschlimmert. Er kann nur noch 
einige Straßen ohne Angstgefühl passieren. Seit einigen Tagen kann er in der 
Mariahilferstraße nur bis Nr. 40 gehen. Darüber kommt er nicht hinaus. 
Er hat schon alle möglichen Kuren versucht. Alle innerlichen Heilmittel, 
Wasserkuren, Elektrizität, waren ohne Einfluß auf seine Angstgefühle. Die- 
selben steigern sich zu noch schwereren Krankheitserscheinungen. Trotz 
seiner großen Frömmigkeit bat er schon einige Jahre nicht gebeichtet. Er 
sagte seinem Pfarrer, daß er in der „Stadt" beichten war. 

Einige Tage plage ich mich mit dem Patienten, ohne einen Anhalts- 
punkt zum Verständnis seiner Phobie gefunden zu haben. Er hat in der 
Jugend mäßig onaniert, nie etwas Besonderes erlebt, hat eine normale „vita 
sexualis". Von einem psychischen Konflikt will er nichts wissen. 

Da berichtet er mir eines Tages von einer Obsession. Sein Kutscher 
kündigte ihm den Dienst, weil er eine fixe Stellung in der Irrenanstalt ö. 
erhielt. Herr Z. sagte ihm: „Ich kann Sie nicht zurückhalten, ich sehe 
ein, Sie erhalten dort eine Lebensstellung und sind pensionsberechtigt, was 
Sie ja bei mir nie erzielen können." Seit damals verfolgt ihn der Gedanke, 
er werde von diesem Kutscher sicherlich noch einmal in die 
Irrenanstalt nach G. hinausgeführt werden. Er sehe den Wagen 
vor sieh, mit dem ihn der Kutscher hinausfahre, und könne den Gedanken 
weder bei Tag noch bei Nacht los werden, ja die peinliche Vorstellung ver- 
folge ihn sogar bis in den Traum. 

Ich beginne sofort mit der Psychoanalyse: „Was fällt Ihnen denn 
zuerst ein, wenn Sie an diese Fahrt denken?" 

„Daß der Kutscher in Kahlenbergerdorf halten wird." 

„Warum gerade in Kahlenbergerdorf?" 

„Weil das am Wege liegt." 

„Es gibt aber noch andere Gasthäuser zwischen Wien und Gugging. 
Muß es gerade Kahlenbergerdorf sein ? Haben Sie nicht einen besonderen 
Grund, an Kahlenbergerdorf zu denken?" 

„Nein." 

„Was wird der Kutscher in Kahlenbergerdorf machen?" 

„Er wird absteigen, ein Glas Wein trinken und dem Wirte sagen: 
Jetzt führe ich Herrn Z. nach G., er ist irrsinnig geworden. Aber halt! 
Da fällt mir ein, daß meine Eltern, als sie noch Brautleute waren, einmal 
nach Kahlenbergerdorf gefahren sind und sehr spät nach Hanse gekommen 
sind. Mein Vater hat sich vor seinen Schwiegereltern damit entschuldigt, 
daß er den Zug versäumt hat. Wir haben die Eltern oft damit gehänselt, 
als wir schon erwachsen waren." 

„Sie glauben also, daß dieser Ausflug nicht so unschuldig war und 
daß 6ich der Vater irgend welche Rechte vor der Hochzeit herausge- 
nommen hat." 

.Ja, das haben wir geglaubt und die Eltern immer damit gehän- 
selt: „Die Jausenstation in Kahlenbergerdorf!" — Das war dann so ein 
ständiger Ausdruck für ein Brautpaar, da6 vor der Hochzeit ein Kind er- 
halten hat." 



Ein Fall von AngBthysterie mit Obsession. 199 

„Es hat den Anschein, als ob Ihre kindliche Phantasie sich mit dieser 

Szene mehr beschäftigt hätte, als Sie mir bisher zugegeben haben. Hat Sie 

der Vorfall oder vielmehr die Erzählung von demselben nicht sehr erregt?" 

„O ja, es war eine der erregendsten Phantasien meiner Kindheit. Ich 

stellte mir oft vor, wie sich die Matter benommen haben mag." 

„Damit geben Sie aber zu, daß Ihr sexuelles Begehren in sündhafter 
Weise auf die Mutter gerichtet war." 

Herr Z. schweigt, das Thema scheint ihm peinlich zu sein. Ich gehe 
scheinbar nicht weiter darauf ein und frage: 

„Haben Sie vielleicht den Geschlechtsverkehr der Eltern belauscht?" 
„Sehr häutig, ich war damals 1 1 Jahre alt ; die Schlafzimmer lagen 
nebeneinander, und ich habe wiederholt nicht geschlafen, um lauschen zu 
können." 

„Hat Sie das nicht erregt?" 
„Bedeutend, ich habe dabei immer onaniert." 
„So, das haben Sie ja bisher verschwiegen ; offenbar war Ihre Phan- 
tasie während des Onanierens bei der Mutter?" 

Herr Z. schweigt, dann sagt er: „Sie erinnern mich, daß ich schon 
als ganz kleines Kind ein großes Vergnügen gehabt habe, wenn die Mutter 
sich entkleidet hat ; ja, ich habe jede Gelegenheit benutzt, um einer solchen 
Ent- und Umkleidungsszene beizuwohnen." 

„Sie sehen also, daß die Zwangsvorstellung schon einen gewissen 
Grund zur aflektiven Färbung hat, d. h. mit anderen Worten: Weil ich 
so früh geschlechtlich erregt war, weil ich so früh onaniert 
habe, weil ich in geschlechtlicher Perversität meine Gedanken 
anf die Mutter gerichtet habe, werde ich irrsinnig werden und des- 
halb der Gedanke, daß der Kutscher in Kahlenbergerdorf halten wird. 
Aber bitte, sagen Sie mir, was Ihnen noch zu dieser Sache einfällt." 

„Der Kutscher, den ich entlassen habe, sieht einem anderen sehr 
ähnlich, mit dem ich etwas Bedeutsames erlebt habe, das mir völlig ent- 
schwanden war und das mir plötzlich auftaucht. Ich war am Lande bei 
meiner Tante, woselbst mich ein kleiner Junge die Onanie lehrte und mich 
in die Geheimnisse des Geschlechtslebens einweihte. Er verriet mir eines 
Tages, daß der Katscher meiner Tante einen ungeheuer großen Penis habe 
und empfahl mir, denselben einmal anzusehen. Ich genierte mich auch gar 
nicht und verlangte von dem Kutscher, er möge mir sein Membrum zeigen, 
worauf er erwiderte: „Dös geht net so billig, dös kost an Gulden." Es 
ließ mir keine Ruhe, ich machte meiner Mutter vor, die Uhr sei verdorben, 
der Uhrmacher verlange einen Gulden für das Richten und schwindelte 
auf diese Weise den Golden, eine für unsere damaligen Verhältnisse hohe 
Summe, heraus. Den Golden gab ich dem Kutscher, der mich auf den Heu- 
boden führte, woselbst er mir sein Glied zeigte, das sich merkwürdigerweise 
in voller Erektion befand und tatsächlich eine ungewöhnliche Größe hatte." 
„Was geschah weiter?" 
„Daran kann ich mich nicht erinnern." 

„Hat der Kutscher nicht von Ihnen gewisse Liebesdienste verlangt?" 

Herr Z. schweigt längere Zeit und meint endlich stockend: „Ich 

glaube, wir wurden dann gestört, der Kutscher wurde hinnntergernfen." 

Ich merke, daß dahinter noch mehr steckt, was Herr Z. mir jetzt 

nicht anvertrauen will, schließe aber aus seinem Räuspern und Würgen, 

der Kutscher hätte von ihm eine Einführung des Penis in den Mund ver- 



200 Zweiter Teil. Die Angsthystori«. 

langt, was er nicht strikte ablehnt ; er könne sich nicht erinnern. Ich mache 
ihn aufmerksam, daß es etwas ganz Außergewöhnliches ist, daß ein Knabe 
eine so hohe Summe fiir den Anblick eines mannlichen Gliedes opfert, eine 
Summe, für die er ebenso den Genuß der weiblichen Genitalien hätte haben 
können. Dieser Vorgang lause mit großer Sicherheit anf eine homosexuelle 
Komponente in seinem Wesen schließen. 

Und nun kommen eine Reihe homosexueller Erinnerungen : Der Knabe, 
mit dem er onaniert hat, andere Freunde, bis er darauf kommt, daß ihm 
sein Gymnasiallehrer einmal den Auftrag gegeben hatte, den Vater zu ihm 
zu senden. Dieser scheint den Vater darauf aufmerksam gemacht zu haben, 
daß er onaniere. Denn an demselben Tage habe der Vater auf einem 
Spaziergange das Thema auf die Onanie gebracht und ihm kundgegeben, 
daß er durch das Laster schwer erkranken werde, daß er den Verstand 
verlieren könne, blöd werden müsse und ähnliche Prophezeiungen mehr. 

„Das haben Sie doch nicht geglaubt?" 

„Nein, aber der Knabe, der zuerst mit mir onaniert hat, ist mir dieser 
Tage begegnet." 

„So, so! Was hat er Ihnen denn gesagt?" 

„Er ist jetzt Magistratsdiener. Er vertraute mir an, er habe jetzt 
sein Bureau zwischen dem Bürgermeister und dem Magistratsdirektor. Das 
machte mich ganz stutzig und ich fragte ihn, wie hoch sein Gehalt wäre. 
Er sagte : 20.000 K. Da habe ich sofort erkannt, daß der Mann den Ver- 
stand verloren habe, denn ein Magistratsdiener hat höchstens 2000 K und 
ist nicht, wie er mir nachher gesagt hat, der intime Duzfreund des Bürger- 
meisters und Magistratsdirektors." 

„Das hat Sie also gewaltig verstimmt, weil Sie geglaubt haben, es 
wären dies die sichtbaren Folgen der Onanie?" 

„Ja, unwillkürlich habe ich mir gedacht, er ist vom Onanieren so 
blöd geworden." 

„Nun ist es ja ganz klar. Hinter dem Kutscher, der Ihnen gekündigt 
hat, verbirgt sich der Kutscher, der Sie an Ihre Onaniezeit erinnert und 
mit dem Sie irgend einen Sexualakt ausgeführt haben. Hinter Kahlenberger- 
dorf verbirgt sich auch der Vater, der Sie vor der Onanie gewarnt und 
Ihnen Blödheit prophezeit hat. Alles verdrängte Vorstellungen, die schon 
imstande wären, die Zwangsvorstellung hervorzurufen. Allein ich vermute, 
daß das Geheimnis dieser Obsession noch nicht vollkommen aufgelöst ist. 
Haben Sie mir schon alles darauf Bezügliche gesagt ? Oder fällt Ihnen noch 
etwas ein?" 

Und nun kommt das Merkwürdigste. Herr Z. erzählt mir verschie- 
dene Dinge, die seinen Vater aufs empfindlichste belasten. Den Vater, den 
er ungemein verehrt, geradezu als einen Heiligen betrachtete, von dem habe 
er aber nach dem Tode Sachen gehört, die einfach unglaublich seien. 
Sein Vater habe ein armes Mädchen verführt, dieses, nachdem er zwei 
Kinder gezeugt, sitzen lassen, um eine Andere, Reichere zu heiraten; er 
habe sich Seitensprünge erlaubt und dergleichen Beschuldigungen mehr. 

In diesem Bestreben , den Vater zu belasten , den er jetzt während 
der Analyse mit dem Empfinden eines sexuellen Rivalen bei der Mutter be- 
trachtet, sucht er auch eine Entschuldigung für seine eigenen Absichten. 

Das Wichtigste kommt in der nächsten Sitzung. Er bat selbst seit 
vielen Jahren ein Verhältnis mit einer Frau, die er jetzt am liebsten sitzen 
lassen möchte. Er möchte über sie hinweggehen. Sie ist vierzig Jahre alt. 



Analyse einer Angsthysterie mit Obsession. 201 

Deshalb kann er Aber Nr. 40 nicht hinausgehen. Im Hanse lebt 
auch eine junge Nichte, die ihm angeblich ganz gleichgültig ist. Er ist 
aber sehr aufgeregt, weil ein Beamter nm ihre Hand angehalten hat, ein 
Hangerleider, der nichts hat. Ein armer Schlacker. Er wird nie zugeben, 
daß die Nichte sich so unglücklich macht und „diesen" Menschen hei- 
ratet. Das spräche er nicht ans Eifersucht. Nor aas dem Gefühle seiner 
Verantwortung als Onkel heraas. 

Am nächsten Tage gibt er zn, ein wenig eifersüchtig zu sein. Die 
Nichte schläft im Zimmer, durch das er morgens passieren muß, am ins 
Bureau zu gehen. Vor einigen Tagen sah er ihren entblößten Basen, was 
ihn sehr aufgeregt habe. Er will nicht daran denken und muß es doch 
unwillkürlich. Auch einmal in der Kirche, als von „ unbefleckter Emp- 
fängnis" die Rede war, da habe er sich gedacht, wenn er ihr nur bei- 
schlafen könnte, ohne sie zu schwängern. 

Damals ist ihm so schlecht geworden. Jetzt weiß er es. Das war 
der erste Anfall in der Kirche. Er möchte sich schon mit dem Mädchen, 
die ihm sehr sinnlich scheine, einlassen, aber die Schwägerin passe ihm 
zn sehr auf. 

Zum ersten Male taucht der Name der Schwägerin, der Frau seines 
Bruders, auf. Er gesteht endlich, daß dies die Frau ist, mit der er seit 
10 Jahren ein Verhältnis hat. 

Sein Bruder ist seit fünf Jahren tot. Er mochte ja diese Frau gerne 
heiraten, um die Sünde noch gutzumachen. Er fürchtet aber, die Leute 
werden dann reden: Aha, er muß mit ihr schon viele Jahre ein Verhältnis 
haben. Wenn er aber die Junge heiraten würde, so wäre das Gerede ein 
für alle Male vorüber. Wie er 40 Jahre alt war, hat er das Verhältnis 
begonnen. Wieder die wichtige Zahl 40! 

Seine Anfalle in der Kirche Bind jetzt begreiflich. Er ist ein frommer 
Mensch; eigentlich so fromm geworden, um Buße für seine Sünden zu 
tun. Er beichtet nicht mehr, weil ihm ein Beichtvater den Rat gegeben 
hat, die Schwagerin zu heiraten und den sündhaften Verkehr in einen 
von der Kirche legitimierten zu verwandeln. 

Sein Her/, and seine Sinne gehören dem Mädchen. Er hat Angst, 
sich zu entfernen: sie könnte ihm inzwischen verloren gehen. Die Leute 
könnten sein Geheimnis erfahren. 

Nach der psychoanalytischen Aufklärung des Falles — die Be- 
handlung dauert zwei Monate — wurde die Nichte aas dem Haus ge- 
schickt. Nach einigen Monaten heiratete er seine Schwägerin and war 
bald vollkommen geheilt. Seine Frömmigkeit hat sich seit damals gesteigert. 
Er macht häufig Wallfahrten und schreibt seine Heilung der Wirkung 
einer Wallfahrt nach Mariazeil zu. 



XX Analyse einerQAngsthysterie mit Obsession.: 

Nr. 95. Frau A. R., eine große, kräftige, zirka 35jährige Frau, er- 
krankt in akuter Weise an einer „Angstneurose". Heftige Angstanfälle 
wechseln mit periodischen Verstimmungen, während derer sie tagelang 
kein Wort redet und in eine Ecke starrt. Sie kann genau das Datum an- 
geben, wann der erste Anfall eingesetzt hat. Sie ist eine fromme Jüdin, 



202 Zweiter Teil. Die Angsthysterie. 

die nach der Periode das von dem Ritas vorgeschriebene Bad zu nehmen 
pflegt, um für ihren Mann wieder rein zu sein, d. h. mit ihm wieder ver- 
kehren zn können. Sie nahm einmal das Bad, ging dann nach Hanse, 
tlanbte sich verkühlt zn haben. Wie gewöhnlich übte ihr Mann mit ihr 
en Koitus aus. Wie immer in den letzten Jahren war sie dabei in große 
Erregung geraten, ohne befriedigt zu werden. Der Gatte, litt nämlich an 
Ejaculatio praecox. Sie schlief unbefriedigt ein und erwachte nach einigen 
Stunden mit einem fürchterlichen Angstgefühle. Sie mußte aus dem Bette 
springen, fing jämmerlich zu weinen an. Sie hatte das Gefühl des nahen 
Todes. Nach diesem Anfall blieb sie einen Tag einsilbig, wortkarg, in 
tieftrauriger Verstimmung. Immer peinigte sie ein Gedanke, der sich 
stereotyp wiederholte: „Meine armen Kinder! Was wird mit meinen 
armen Kindern geschehen." Die Anfälle wiederholten sich Beit dem 
ersten und hatten immer denselben Verlauf. Jedesmal folgte dem Anfalle 
die melancholische Depression. Jedesmal begleitete ihn die Angstvorstellung 
von den Kindern. Später verschlimmerte sich das Übel, so daß die Kranke 
fortwährend an ihre Kinder dachte. Immer mit der Formel: „Was wird 
aus meinen Kindern werden?" . . . Bloß in der Schwangerschaft (Pa- 
tientin hatte fünf Kinder) zeigte 6ich vorübergehend eine leichte Bessemng, 
die auch in der Laktationsperiode anhielt. Gleich nach der Entwöhnung 
trat wieder der Status quo ein. Auch diese Patientin hatte eine leichte 
Struma. Ihr Halsumfang hatte in der Krankheit um zirka 2 cm zu- 
genommen. 

Die Psychoanalyse dieses Falles ergab eine außerordentlich lebhafte 
sexuelle Phantasiearbeit der Patientin mit Neigung zur Pervereion (Fellatio!). 
Die wertvollsten Aufschlösse über ihre unbewußten Gedanken lieferte, wie 
immer in diesen Fällen, die Traumanalyse, deren vollständige Beherrschung 
zur Durchführung einer Analyse unbedingt notwendig ist. Gleich der erste 
Traum führte uns in medias res. „Eine Hand hat mich berührt, so 
daß ich eine Art Angst hatte. Ich hatte ein ganz normales Ge- 
fühl. Dann war ich im Wochenbett und hatte sieben Kinder auf 
einmal. Die Damen sagten: Frau K. fehlt ja nichts, sie war nur 
in der Hoffnung." 

Bei jedem Angstneurotikcr verraten seine Träume die tiefste Be- 
deutung seines Angstgefühles. Hier war das Angstgefühl auf die Berührung 
mit einer Hand geschoben, die sie als groß und braun schildert, kurz 
als die Hand eines Mannes, den sie kennt, dem sie eine große sexuelle 
Potenz zutraut, da er einmal in einer Nacht den Koitus siebenmal aus- 
geführt hatte, wie es ihr der eigene Mann als Wunder erzählt hatte. Der 
Traum erfüllt ihren Wunsch nach einem Ehebruch, ein Wunsch, der zu- 
gleich ihre Angst ist. Sie hatte (im Gegensatze zu dem Koitus mit ihrem 
Manne) das normale Gefühl. Notabene nur durch Berührung mit der 
Klitoris (infantiler Typus 1). Die sieben Kinder bezogen sich auf die sieben- 
fache Wiederholung des Koitus. Ferner gibt der Traum eine genügende 
Erklärung ihres Leidens. Ihr fehlt ja nichts, sie ist ja befriedigt, sie ist 
wieder in der Hoffnung, d. h. in einer Zeit, da es ihr immer bedeutend 
besser gegangen ist. 

Der zweite Traum war kurz, aber inhaltsschwer. Sie sah eine 
Prozession — nicht einen Leichenzug — , ihr Mann war nicht 
dabei. Der Pfarrer war unter der großen Menge. 



Analyse einer Angsthysterie mit Obsession. 203 

Die Deutung dieses TrauroeB enthüllte, daß es sich am dae Begräbnis 
ihres Mannes handelte. Ihr Mann war nicht dabei, da er im Sarge lag, 
das heißt, sie konnte ihn nicht sehen. Die Verneinungen des Traumes 
bedeuten nur die Betonung seiner Anwesenheit, entstellt durch die Zensur 
des Vorbewußten (Freud). Es gibt keine Verneinung im Traume. Dem 
evangelischen Pfarrer war vor einigen Wochen die Frau gestorben. Er 
soll jetet eine andere heiraten. Ein Beweis, daß ihre Gedanken auf einen 
anderen gingen. 

Aufschluchzend gestand die Patientin unter Tränen, sie habe gestern 
einen sehr schlechten Tag gehabt. Plötzlich sei ihr im Wachen der Ge- 
danke gekommen, was jetzt geschehen wurde, wenn ihr Mann unvermittelt 
schwer krank würde. Sie sah ihn immer im Bette und sich zu Füßen des 
Bettes als Pflegerin. Der Gedanke, Kranke zu pflegen, war ihr schon 
einige Male im Traume erschienen. So habe sie denselben Traum von 
ihrem Bruder geträumt, einige Tage, bevor er geheiratet habe. Der 
Bruder war ihre erste und stärkste Liebe. Auch ihm wünschte sie 
im Traume lieber den Tod, bevor sie ihn einer anderen gönnte. Ebenso 
brachte ihr der Traum die Erfüllung des schon als Tagtraum aufsteigen- 
den, mit Schreck empfangenen Wunsches bub dem Unbewußten : möchte 
mein Mann schwer krank werden, so daß er auf meine Pflege angewiesen 
wäre. möchte er sterben! 

Diese psychische Wurzel werden wir in fast keinem Falle von Angst- 
hysterie vermissen. Was der Liebe im Wege steht, wird im Traume und 
in den Dämmerzuständen des Tages, wo das Unbewußte herrscht, aus 
dem Wege geschafft. Solche Kranke sind sehr zerstreut und träumen 
während des Tages. Wir werden einige solche Tagträume zu analysieren 
noch Gelegenheit haben. Als Reaktion auf diese sündhaften Wünsche tritt 
dann das schwere peinigende Geflibl des Schuldbewußtseins auf, das 
bei keiner schweren Neurose, ja bei keiner Neurose überhaupt fehlt. 1 ) 

Der dritte Traum unserer Patientin spinnt den Gedankengang weiter: 
Ich habe einen jungen Mann gesehen. Ich habe ihn nicht näher 
gekannt. Wir waren in großer Gesellschaft; aber meinen Mann 
habe ich nicht gesehen. Es waren noch einige Damen da. Der 
junge Mann fragte, wieviel Kinder jede hat. Eine sagte drei, 
die andere vier. Da ist mir im Traum die Zahl sieben auf- 
gefallen. Dann hat er mich gefragt: „Wie viel Kinder haben 
Sie denn?" Ich habe stolz gesagt: .Ich habe fünf Kinder." 

Der junge Mann ist ein Jugendbekannter, der geheiratet hat und keine 
Kinder hat. Natürlich drehen sich die Gedanken um die sexuelle Potenz 
dieses Mannes. Siehe die Zahl sieben aus dem ersten Traum. Ihr Ideal 
ist eben ein Mann, der den Koitus siebenmal in einer Nacht zusammen- 
brächte. Sie würde diesem Mann sicherlich Kinder gebären. Sie hat ja tat- 
sächlich 5 Kinder. Daß sich aber der wichtigste Teil des Traumes verbirgt, 
bestätigt der Nachtrag, der immer das Wichtigste bringt. Er lautet: „Dann 
habe ich meinen Mann weinend gesehen." Sie wachte mit Herz- 
klopfen und einem Angstgefühle auf.*) 



') Das Schuldbewußtsein ist noch tiefer motiviert. Die Kranke hat neben der „pas- 
siven Kriminalität" (den Todeswfinschen!) noch aktive kriminelle Gedanken. 

*) Es würde zu weit führen, die Details der Traamanalysen auszaführen. Ich hebe 
nnr die wichtigsten Momente hervor. 



204 Zweiter Teil. Die Angsthysterie. 

Damit enthüllte sie eine neue Komponente ihres Angstaffektes. Sie 
spielte mit dem Gedanken, sich scheiden zn lassen und den jungen Mann 
zu nehmen. Denn von diesem Manne hatte sie gehört, er lasse sich 
von seiner Fran scheiden, da sie keine Kinder habe. 

Ihre Zwangsvorstellung, was werden meine Kinder machen? 
war also berechtigt. Was sollte mit den Kindern geschehen, wenn sie sieh 
scheiden lassen würde and wenn ihr Mann sterben würde? 

Sie maß aaf jede mögliche Weise von ihrem Manne fortkommen. Der 
vierte Traum schlägt eine neue Lösung vor: Er hat sein Geschäft ver- 
kauft. Wir waren alle bestürzt darüber. Wir haben auf ihn ein- 
geredet, bis er selbst zur Einsicht gekommen ist, was er getan 
hat. Es hat einen Kampf gekostet, bis er es wieder zurückbe- 
kommen hat. 

Geschäft ist hier Symbol für ihren Geschlechtsteil. Ähnlich gebraucht, 
wie Werkstatt, Laden. Ihr Mann verkauft sie an einen andern. „Wir 
waren alle bestürzt darüber" — als Gegensatz zu deuten: Ich war darüber 
sehr erfreut. Er hat es freiwillig getan. Er liebt sie aber doch. Er will sie 
nicht lassen. Er will Bein Geschäft zurückbekommen. Sie sieht sich in 
diesem Traume, dessen Analyse bis in die Kindheit führend (sie hat mit 
ihrem Bruder „Geschäft" und „Vater und Mutter* gespielt) hier kaum in 
großen Zügen angedeutet ist, von zahlreichen Bewerbern (Käufern) um- 
geben. So leicht macht sie es ihrem Manne, an dessen ehelicher Treue 
sie zu zweifeln Ursache hat, nicht. Es wird einen harten Kampf kosten. 

Ihre weiteren Wünsche enthüllt der fünfte Traum, der uns das Phä- 
nomen der Übertragung vor Augen führt. Ich, der Arzt, beginne in ihren 
Träumen eine Rolle za spielen. Sie überträgt ihre Affekte und Wünsche 
auf meine Person. Der Traum lautet: Ich sehe mich auf der Straße 
am and sehe die Frau K., meine Hebamme. Ach, sage ich: Sie 
sind auch da. 

Die Einfälle, die sie dazn bringt, führen zu meiner Person; ich gebe 
hier gleichfalls nur die Resultate wieder: Sie ist zu einer neuen Schwanger- 
schaft gerüstet. Das Kind soll von mir kommen. Zur Sicherheit erscheint ihr 
im Traume die Hebamme Frau K. auch in Wien, die bewährte Wehefrau, ohne 
die sie nie entbinden würde. Das Schwergewicht liegt auf dem Wörtchen 
„auch". Außerdem Anspielung auf das Leben einer Dirne. (Ich sehe mich 
aaf der „Straße!") 

Lost man diese Übertragung nicht auf, so bleibt häufig die Psycho- 
analyse stecken und man kommt nicht weiter. Ich erkläre der Patientin, daß 
es sich nm sexuelle Wünsche, die meine Person betreffen, handelt. Sie gibt 
mir zu, daß jeder Mann, der in ihren Gesichtskreis tritt, von ihr sofort 
erotisch gewertet wird. Sie gesteht, eich auch mit meiner Person beschäftigt 
zu haben. 

Mit der offenen Aussprache wird das Stadium der Übertragung leicht 
überwunden. Trotzdem spielt meine Person in den nächsten zwei Träumen 
eine gewisse Rolle. Der sechste Traum entschleiert uns das Wesen ihrer 
Perversion. 

„Es war ein großes Volksfest anf dem Lande. Da waren wir, 
mein Mann und einige Bekannte. Es waren sehr viele Leute. 
Aber die anderen waren mir fremd. Aber beim Rückweg habe 
ich dann meine Amme mit den zwei Kindern vermißt. (Das kleine 
und das große Kind.) Ich habe mit einer Rabbinerin darüber ge- 



Analyse einer Angstbysterie mit Obsession. 205 

sprechen, ob sie nicht die Amme gesehen hat. Sie sagte: Sie hat 
sie nicht gesehen, sie weiß nicht, wo sie ist." 1 ) 

Die Auslegung dieses Traumes ist sehr kompliziert. Der Anfang ist 
eine Darstellung durch das Gegenteil und lautet: „Es war ein kleines Fest 
in der Stadt. Weder mein Mann noch eine andere bekannte Seele waren 
zugegen. Es ist ein Geheimnis (viele Leute bedeuten immer ein großes 
Geheimnis); keiner hat was davon gemerkt. Ich war mit einem, der mir 
nahe steht, beisammen. (Die anderen waren mir Fremde.) Nachträglich fällt 
ihr ein, daß sie große Angst beim Volksfest empfunden habe. Der Traum 
zeigt eine große Lücke. Das Wichtigste ist vergessen. Es geht etwas im 
Traume vor, das ihr Angst macht. Man kann es leicht erraten : Ein sexueller 
Vorgang. Beim Rückweg vom Feste vermißt sie ihre Amme. Sie hat nie- 
mals eine Amme gehabt. Aber die Kinder erklären erst den Traum. Das 
„Kind" im Traume bedeutet fast immer das „Kleine* — das heißt das 
Genitale. Das kleine und das große Kind sind in diesem Falle der schlaffe 
und der erigierte Penis. Und die Amme ist niemand anderer als der be- 
gehrte Mann, an dem sie die Fellatio ausübt. (Sie ist noch immer Lutscherin 
wie in der Kindheit.) Die Rabbinerin, der Typus einer frommen Frau, re- 
präsentiert die Vorwürfe, die sie sich ob dieser Phantasie macht. Die ihr 
wohlbekannte Eabbinerin hat neun Kinder. Trotzdem weiß sie von diesen 
Dingen nichts. (Sie hat sie nicht gesehen, sie weiß nicht, wo sie ist.) 
Hier erwachte die Patientin mit heftigen Angstgefühlen. 

Man glaube ja nicht, daß diese Analyse so leicht vor Bich ging. 
Ich forderte die Patientin auf, ihre Einfälle zu diesem Traum unbeeinflußt 
zu sagen. Ihr Widerstand gegen die Enthüllung der geheimen Phantasie 
äußerte sich dadurch, daß ihr nichts einfiel. In diesem Fall half ich mir 
mit dem schon erwähnten Kunstgriffe. Ich ließ sie von dem rätselhaften 
Worte des Traumes, Amme, die nächsten Assoziationen aufsagen nnd ge- 
langte so auf Umwegen zn ihren verborgenen Gedankengängen. Diese 
Methode („freie Assoziationen") führt manchmal am raschesten zum Ziel. 
Man beachte z. B. die Assoziationen, die dem Worte „Rabbinerin" folgen: 
„Kind, Vater, Eltern, Haus, Möbel, Leben* . . . Diwan, Bett, 
Lampe, Flamme, Ofen . . . Felder, Ackerbau, Theater, Schau- 
spieler, Gesang, Krankheit, Doktor, Blumen, Garten, Spiegel, 
Vorhänge, Brunnen. Flnß . . . Theorie, Misanthrop, Philan- 
throp . . . Bruder, Waschtisch, Geschäft, Keller, Wirtshaus, 
Heiterkeit, Hotel, Kaffeehaus, Wohnhans, Kinderstube, Tempel, 
Gebet, Grund, Pflug, Schnee, Unwetter, Sturm, Meer, Schiffs- 
unfall, Wüste, Löwe." 

Nun könnte man glauben, daß dies eine Reihe zufällig gewählter 
Worte darstellt. Das ist keineswegs der Fall. Es zeigt sich, daß sich 
wichtige Vorstellungskomplexe auf diese Weise verraten. Daß gewisse Worte 
immer wiederkehren, bis sie durch die Analyse eine verblüffende Lösung 
gefunden haben. Anch gelten die von Jung (Diagnostische Assoziations- 
studien, Leipzig 1906) gefundenen Gesetze für diese freien Assoziationen. 
Bevor wichtige Vorstellungen auftauchen sollen, gibt es lange Pausen. Es 
muß erst ein innerer Widerstand überwunden werden. So in meinem Bei- 
spiele bei den Worten „Diwan", „Felder", „Theorie" und „Brnder". 



') Die Traume sind alle mit der oft wunderlichen Stilistik der Kranken wortlich 
wiedergegeben. 



206 Zweiter TeU. Die Angathysterie. 

Meine Methode hat der von Jung gegenüber große Vorteile. Denn Jung 
wählt beliebige Reizworte und es hängt nur vom Znfall ab, ob die unter- 
suchte Person ihre Vorstelluogskomplexe preisgibt. Ich lasse von einem 
Reizworte aus oder auch nach freier Wahl die Assoziationen wie an einer 
Spule abhaspeln. Es ist die von Freud geübte psychoanalytische Methode, 
bei der die Patienten ihre Einfälle frei in Assoziationen vorbringen. Nur 
daß ich die Schlagworte notiere, die mir willig, fast ohne Widerstand ge- 
geben werden und dann den hinter jedem Worte stehenden Gedanken zu 
entziffern trachte. 1 ) 

Analysieren wir einmal die uns vorliegende Assoziationsreihe: Die 
Worte „Kind", „Vater", „Eltern" beziehen sich auf häusliche Szenen, 
die sie zu Hause bei ihrer frommen Mutter (ironisch Rabbinerin genannt) 
beobachtet hat. Diese Spur führt zu Inzestgedanken. Sie hat manches da- 
heim belauscht. Haus, Möbel, Leben (sich ausleben!) führen zu „Diwan", 
eine Szene aus der Brautzeit. Bett, Lampe, Flamme, Ofen, lauter 
sexuelle Symbole, die nach einer großen Pause zu „Felder" führen. Hier 
taucht eine unangenehme Erinnerung aus der Jugend anf. Sie war ein 
kleines Mädchen und ging mit mehreren Kolleginnen aus der Schule über 
die Felder nach Hause. Da kam ihnen ein Mann entgegen, dessen Hose 
offen war und der ihnen lachend einen gewaltigen, erigierten Penis 
zeigte. 

Solche Erinnerongen sind sehr häufig. Durch die Phantasie vergrößert 
sich der Penis ins Übermenschliche. Die sexuelle Schwäche des Mannes 
läßt den Wunsch nach dem gewaltigen Phallus aus der Kinderzeit immer 
wieder hervortreten. Bei manchen Patientinnen handelt es sich nur um 
Phantasien. In diesem Falle wird die Erinnerung darch eine Freundin be- 
stätigt. Auch „Ackerbau" bringt ein infantiles Erlebnis. Wieder ging sie 
mit einigen Mädchen über die Felder. Auf einem Acker half ihnen ein 
Knecht die Blumen pflücken. Plötzlich hob er ihr Kleidchen in die Höhe und 
erlaubte sich einen unsittlichen Griff. Sie flohen alle schreiend davon und er- 
zählten zu Hause gar nichts von ihrem Erlebnis. Sie heuchelten überhaupt 
eine unglaubliche Naivität. Daher die Worte „Theater", „Schauspieler", 
die übrigens immer noch die sexuelle Bedeutung des „Spielens" haben. 
Auch vor mir spielt sie Theater. Sie singt mir etwas Falsches vor. „Ge- 
sang, Krankheit, Doktor." Sie möchte, ich solle mich wieder Knecht 
im Acker benehmen. „Blumen, Garten." Der Doktor zu Hause hat sie 
untersucht. „Spiegel, Vorhänge" (damit man nicht sieht, daß sie aus- 
gezogen ist), Brunnen (Blase und Urethra), Fluß . . . (sie hat an Fluß 
gelitten). Wieder kommen ihre Gedanken auf meine Person. Ob ihr die 
Kur etwas nützen wird. Nach einer langen Pause taucht das Wort „Theorie" 
auf, was einen Vorwurf gegen meine Kur enthält (Die Praxis wäre ihr 
lieber!) Ich bin ein Misanthrop. Der Philanthrop ist der Bruder, dessen 
„Geschäft" sie vor dem „Waschtisch" wiederholt gesehen hat. Auch 
hat sie deutliche Erinnerungen an erotische Spiele im Keller. Im „Wirts- 
haus" habe 6ie einmal ein Bauer gefragt, ob sie einen „Großen" brauche. 
Die Bauern hätten alle gelacht („Heiterkeit"). „Hotel, Kaffeehaus, 
Wohnhaus." Erinnerungen an die Hochzeitsreise der Freundin. „Kinder- 
stube, Tempel", Symbol gleich Geschäft. Jetzt kommen die Gedanken 



') Freud erwähnt in den „Stadien aber Hysterie", dafl ihm eine Patientin die Ein- 
fälle in Worten brachte. 



Analyse einer AngsthyBterie mit Obsession. 207 

an das Bad vor dem kritischen Verkehr mit ihrem Manne. „.Schnee, Un- 
wetter, Sturm" — sie hat sich verkühlt. „Meer,Schiffsunfall u —ein 
Bekannter ist ertranken; ihr Mann hätte mit dem Schiffe fahren sollen. 
Die „Wüste" ist tot wie das „Grab -1 , voller „Steine". Aach einem 
Toten stellt man einen Stein, Er, der Mann, ist vom Stamme der „Loewi". 
Das waren die Priester. Sie ist ja eigentlich anch eine Priesterin, sie ist 
die Rabbinerin selber. Sie hat leider weder das große noch das kleine 
Kind des Doktors — denn ich bin die Amme des Traumes (bei der sie 
trinken möchte) — gesehen. 

Ich habe diese Gedankenkette ausführlich mitgeteilt, um einen Begriff 
von der Schwierigkeit und der Dauer einer ordentlichen Traumanalyse zu 
geben. Sie enthüllt uns die schrankenlose sexuelle Phantasie der Kranken, 
deren Angstgefühle eben durch die Verdrängung dieser dem Bewußtsein 
peinlichen Vorstellungen entstanden sind. 

Der siebente und letzte Traum — sie hat mir gewissermaßen sym- 
bolisch sieben Kinder geschenkt — enthält die Absage an meine Person 
nnd die Tatsache einer neuen Geburt. In diesem Traume war kein Angst- 
affekt mehr nachzuweisen: Meinen Mann und nnsern Doktor habe 
ich gesehen in Büchern blättern. Ich bin aneinem andern Tisch 
mit einem andern Herrn gestanden und habe das Kind angezogen. 
Am Tisch war eine ganz gewöhnliche Brennlampe. Der Körper 
war herausgenommen und das Kindsmädel setzt das Kind in 
die Lampe hinein. Ich schreie: Was hast du da gemacht, and 
will das Kind herausnehmen. Wie ich mit dem Anziehen fertig 
war, war die linke Seite blauschwarz verfärbt. 

Absage an mich und den Mann, die wir Bücherhelden sind und mit- 
einander abrechnen. Sie benötigt uns nicht. Sie liegt in einem andern 
Bett (Trennung von Tisch und Bett!) mit einem andern Herrn (ein be- 
stimmter Mann, der die siebenfache Potenz ihres Mannes besitzt) und hält 
den Penis (Kind!). (Sie zieht den Penis an. Reproduktion von ehelichen 
Tatsachen.) Brennlampe = Vagina, Kindsmädchen = Amme = Geliebter. 
Phantasie eines Koitus, gegen den sie sich anstandshalber sträubt. (Was 
hast da gemacht?) Sie ist gravid. Sie hat immer in der Gravidität die 
Krampfadern auf der Unken Seite. 

Die Psychoanalyse ergibt noch eine Reihe weiterer wichtiger Momente: 
Die Unzufriedenheit mit ihrem Manne, die vom sexuellen auf das soziale 
und ethische Gebiet verschoben wird. Den peinigenden Gedanken, daß 
ihre Kinder ihr eigentlich ein Ballast seien, daß sie ohne die Kinder wieder 
heiraten könnte. Den Wunsch durchzugehen und nicht zurückzukommen. 
Wir sehen wieder dasselbe Bild. Wegen der Ejacolatio praecox ihres 
Mannes nie befriedigt, ist ihr sexuelles Bedürfnis auf die Tätigkeit der 
Phantasie angewiesen. Sie schreit nach der Sünde nnd sacht Auswege, 
am auf andere Weise zur Erfüllung ihrer Wünsche zu gelangen. Sie spielt 
mit dem Gedanken, ihr Mann and ihre Kinder könnten sterben. Ihre 
Angst ist Todesangst. Ihre Angstvorstellung böses Gewissen. Verdrängung 
der peinlichen Vorstellung vom Tode des Mannes und Übertragung auf 
die Kinder. Ihre Obsession „Meine armen Kinder" ist logisch vollkommen 
begründet. „Was geschieht mit meinen Kindern! Die armen Kinder!" — 
— soll heißen: „Mein Mann ist gestorben, ich bin mit einem anderen 
durchgegangen. Die Kinder sind Waisen." 



208 Zweitor Teil. Die Afigsthyiterie. 

Man merkt, wie schwere psychische Konflikte es sind, die diese 
armen Kranken in ihrem Innern auskämpfen. Immer ist es eigentlich die 
Tagend, die sie neurotisch macht. Eine anbefriedigte Frau hat eigentlich 
nar die Wahl zwischen der Sünde und der Neurose. 

Überblicken wir noch einmal die ganze Krankengeschichte und wir 
werden das Entstehen einer schweren Neurose begreiflich finden. Infantile 
Traumen in Hülle und Fülle. Inzestgedanken auf den Bruder und den 
Vater. Von Jugend auf eine heuchlerische Verdrängung einer mächtigen 
Erotik. Die Entstehung einer Angstneurose durch Ejaculatio praecox des 
Mannes. Quälende Eifersucht wegen der Untreue des Mannes. (Er hatte 
ein Verhältnis mit einer anderen Frau.) Schwere psyohische Konflikte 
zwischen Begierde und Pflicht. Eine schrankenlose Phantasie mit Neigung 
zur Perversion. Aktive und passive kriminelle Phantasien ! Eine durch Ver- 
drängung entstandene Obsession. (Meine armen Kinder!) Die Folge waren 
derart melancholische Verstimmungen, daß man für ihren Verstand fürchtete 
und ernstlich daran dachte, sie in einer Irrenanstalt unterzubringen. 

Nach der Kur bessert sich der Zustand rasch. Sie führt freilich diese 
Besserung auf eine Wasserkur zurück, die sie während der Kur gebraucht 
hat. Das ist uns Psychotherapeuten nichts Neues. Wir sind die Freunde 
unserer Patienten, solange sie uns brauchen. Wenn sie gesund sind, 
hat ihnen immer etwas anderes geholfen. In diesem Falle hatte die Pa- 
tientin vor der Psychoanalyse mehrere Wasserkuren ohne jeden Erfolg ab- 
solviert. Während der Auflösung ihrer Verdrängungen reagierte sie in der 
Kur mit großer Aufregung, die allmählich bis auf fast vollständige Gene- 
sung abklang. Die Symptome der reinen Angstneurose (Reizbarkeit, ängst- 
liche Erwartung, Herzklopfen) sind geblieben, da ja die Ejaculatio prae- 
cox des Mannes nicht behandelt wurde. Die Hysterie wich der Psycho- 
therapie vollkommen bis auf den Rest, den eben alle Menschen mit sich 
herumtragen. Ein interessantestes Detail ! Die Struma nahm ohne jede 
lokale Behandlung um 3«» ab. 

Auch in diesem Falle von Angsthysterie finden wir die charakteri- 
stische Phantasie vom gigantischen Phallus, die Neigung zur Perversion, 
die Gedanken vom Tode eines nahestehenden Wesens. Auch hier drängt 
das Unbewußte zur Sünde und zum Verbrechen, während das Bewußtsein 
mit Aufgebot aller verfügbaren Energien die wilden Triebe niederringt .... 



XXI. Ein Fall von Topophobie. 

Nr. 96. Frau F. K., 30 Jahre alt, von gesunden Eltern stammend, 
begibt sich wegen „Platzangst" in meine Behandlung. Ungefähr 10 Jahre 
sind es her, da setzten bei ihr Angstanfälle ein, anfangs nur spärlich und 
des Nachts im Bette, später sich allmählich steigernd. Eines Tages empfand 
sie heim Überschreiten eines Platzes ein heftiges Angstgefühl. Jetzt wird 
sie derart von Angst gequält, daß sie keinen Schritt mehr allein gehen 
kann. Sie muß sich immer von einer Gesellschaftsdame begleiten lassen. 
Sieht sie viele Menschen auf einmal, so wird ihr auch ängstlich zumute. 
Deshalb geht sie in kein Theater. Besonders peinlich sind für sie Einkäufe. 
Tritt sie in ein Geschäft, so wird sie von heftigen Angstanfällen befallen, 
so daß sie kaum die notwendigsten Worte sprechen kann. Selbst in Be- 



Ein Fall von Topophobie. 209 

gleitung ihres Mannes tränt sie sich keine weiteren Wege zn gehen. Von 
Jahr zn Jahr nimmt ihre Bewegungsfreiheit ab. Sie ist jetzt auf ein paar 
Gassen beschränkt, die sie in Gesellschaft ihrer Begleiterin, der Schwester 
oder ihres Mannes passieren kann. Jeder Versuch, sie zu bewegen, über 
diese Gassen hinauszugehen, scheitert. Einen Platz kann sie absolut nicht 
Überschreiten. Sie macht keinen Ausflug, geht in kein Theater, in kein 
Konzert. Vorher, ehe sich das Leiden so verschlimmert hatte, hatte sie 
Wasserkuren in Gräfenberg, Ealtenleutgeben, Sulz, Purkersdorf fast ohne 
jeden Erfolg durchgemacht. Auch Massage, elektrische Prozeduren, Brom, 
Opium, Arsenik, eine Mastkur waren ohnmächtig gegen ihr Leiden. 

Ich nahm sie in psychotherapeutische Behandlung und ließ mir zuerst 
ihre Krankengeschichte erzählen. Dieselbe wird sehr lückenhaft vorgebracht; 
Patientin erinnert sich kaum an grobe Details. Aus ihrer Kindheit weiß 
sie nur einige allgemeine Begebenheiten nebensächlicher Natur zu berichten. 
Ihr Widerstand gegen die Kur ist ein unendlich großer. Es fällt ihr, wenn 
sie Unfälle, berichten soll, gar nichts ein. Auf die Frage nach ihrem Ge- 
schlechtsleben erfährt man, daß sie seit, ca. 10 Jahren den Coitus inter- 
ruptus pflegt. In den letzten Jahren ist sie fast vollkommen anästhetisch. 
Selten, daß sie irgend ein Gefühl beim Verkehr hat. Sie sei überhaupt, 
so gibt sie an, eine „kalte" Natur und froh, wenn ihr Mann sie in 
Ruhe lasse. 

So dauert diese Kur eine Woche, ohne daß wir um einen Schritt 
weiter in der Erkenntnis dieser Phobie gekommen wären. Sie schweigt 
hartnäckig, und auf die Aufforderung zu sprechen, was ihr einfällt, sagt 
sie immer: „Mir fällt gar nichts ein. Was soll ich denn sprechen? Sie 
wissen schon alles. Alles, was ich zn erzählen gehabt habe, habe ich Ihnen 
gesagt. * Sie war angeblich bis zur Hochzeit über sexuelle Dinge völlig un- 
aufgeklärt, hat nie onaniert, niemand anderen geliebt als ihren Mann. 

Nach der ersten Woche bringt sie mir einen Traum. Die Deutung 
geht unter großen Widerständen vor sich , und häutig muß ich statt der 
gewöhnlichen Methode , Einfälle aufsteigen zn lassen , die Assoziations- 
methode gebrauchen. Mit der ersten Traumanalyse breche ich einen Teil 
ihrer Widerstände. Fast jeden Tag bringt sie mir dann einen neuen, so 
daß ich kaum imstande bin, alle Träume bis auf den Rest zu deuten. 1 ) 
Aber immerhin gelingt es mir, mit Hilfe des Traumes bis zum Kern der 
Phobie vorzudringen und der Patientin noch während der Kur eine auf- 
fallende Besserung und Erleichterung zu verschaffen. Beginnen wir also 
die Traumanalysen in der Reihenfolge, wie sie uns gebracht wurden. 

1. Tranm. Ich war bei einem Kränzchen und war nicht ganz 
wohl, bo daß ich nicht tanzen konnte. Es war eigentlich eine 
Unterhaltung und danach ist getanzt worden. Später sind meine 
beiden Kinder hereingekommen und haben mitgetanzt. Bei 
„Kränzeben" fällt ihr die Hochzeit ein. Sie hatte am Tage der Hochzeit 
die Menses und konnte am Tanze nicht teilnehmen. Auch ihr Mann war 
am Hochzeitsabend unwohl. Sie blieb daher noch einige Tage bei ihrer 



') Es ist dies eine der Formen, wie die inneren Widerstände sich äußern. Durch 
die Überproduktion von Traumbildern soll eine genaue, bis in die innersten Tiefen dringende 
Analyse anmöglich gemacht werden. Es ist übrigens gar nicht notwendig, die Traumanulyse 
iu Ende zu führen. Die Kranken bringen neue Träume, welche das unerledigte Material 
behandeln. (Vergleiche Freud, „Die Traumdeutung in der Psychoanalyse". Zentralblatt für 
Psychoanalyse, II. Bd., Heft 3.) 

Slekol, NerröM Angflteast&oda und Ihre BehuidlnDf?. -. Anfl \\ 



210 Zweiter Teil. Die Angsthystorie. 

Matter, bevor sie ihrem Manne zum — Tanze — übergeben worden ist. 
(Danach sind meine beiden Kinder hereingekommen.) Das heißt, die Folge 
dieses Liebestanzes war die Gebart der beiden Kinder. Tanzen wird in 
diesem Traume für koitieren gebraucht. Insofern wäre der erste Teil des 
Traumes verständlich. Er lautet in der Übersetzung aus der symbolischen 
Sprache (Kränzchen ist mit Bezug auf Jungfernkranz gewählt): Ich war 
bei meiner Hochzeit unwohl und konnte deshalb nicht koitieren. Es war 
eine harmlose Unterhaltung, der Koitus ist erst nachher gekommen. Die 
Folgen waren meine beiden Kinder. 

Jetzt bleibt allerdings als Bätsei das Bild des Traumes, daß die 
beiden Kinder mitgetanzt haben. Das Rätsel ist leicht zu erklären, wenn 
man aus vielen Traumanalysen die Erfahrung geschöpft hat, daß im Traume 
Kinder, besonders „die Kleine" und „der Kleine" Symbole für die Geni- 
talien sind. Der Kleine (im Volksmunde so genannt) bedeutet sehr häufig 
sowie „der Knabe" den Penis, „die Kleine" eben wie die „Tochter" die 
Vagina. Tatsächlich ergeben sich diese beiden Ausdrucke als Ausläufer 
einer langen Assoziationsreihe. Der Satz „Die Kinder haben mitgetanzt" 
bezieht sich auf die Inanspruchnahme der Genitalien beim Koitus (hereinge- 
kommen = herausgekommen). Außerdem tauchen ihr zu ihren Kindern zwei 
Einfälle auf. Ihr lljähriger Knabe — er schläft im Zimmer der Eltern — 
leidet an Erektionen und Schlaflosigkeit. Vor einigen Wochen hat er sie 
gefragt: „Du Mama, was soll ich machen, mein Kleiner geht mir so in 
die Höhe." Die Tochter zeigt Neigung zur Onanie. Patientin beschäftigt 
Bich im Geiste sehr viel mit den Erektionen des Knaben. Sie scheint auf- 
steigende Inzestgedanken gewaltsam zu unterdrücken. Sie ist eifersüchtig. 
Sie hatte vor einigen Tagen den Knaben überrascht, als er die Gouver- 
nante mehrmals hintereinander auf den nackten Arm küßte. Sie nahm 
einen Stock und prügelte ihn. Die Erziehungsabsicht wurde offenbar durch 
die Eifersucht unterstützt. 

Der Traum ist jedoch noch bedeutend Uberdeterminiert. Sie war als 
Mädchen bei einem Kränzchen, das für sie große Bedeutung hatte. Dort 
lernte sie einen jungen Mann kennen, der einen solchen Eindruck auf sie 
machte, daß sie sich in ihn verliebte. Sie gaben sich häufig ein Rendez- 
vous und trafen einander zufällig, besonders wenn sie auf den Markt ging, 
um einzukaufen. Die Eltern erfuhren von dieser Neigung und setzten alle 
Hebel in Bewegung, um jede weitere Zusammenkunft zu hintertreiben. 
Zwei Jahre später wurde ihr von ihrer Mutter ihr jetziger Mann vor- 
gestellt, den sie als gehorsame Tochter über Wunsch ihrer Eltern ohne 
Liebe heiratete. 

Der Traum drückt aber noch eine weitere Beziehung aus. Ihr Mann 
pflegt seit vielen Jahren den Coitus interruptus, der ihr schadet. Darauf 
bezieht sich: Sie ist nicht ganz wohl und kann nicht tanzen. Auch 
ist der jetzige Tanz nicht nach ihrem Sinn. Sie möchte vor dem Koitus 
eine längere Unterhaltung, eine Art Liebeswerben durchmachen. Ihr Mann 
aber besorgt seine ehelichen Pflichten wie ein Geschäft. Der Traum hat 
ihr diesen Wunsch erfüllt. Es war eine Unterhaltung und danach 
ist erst getanzt worden. Außerdem enthüllt der Traum auch eine ihrer 
stärksten Perversionen : ihre exhibitionistische Neigung. Und zwar mittelst 
der im Traume so häufig vorkommenden Verkehrung ins Gegenteil. „Da- 
nach sind meine beiden Kinder hereingekommen" bedeutet: Vorher sind 
die beiden Kinder herausgekommen und bezieht sich auf die Entblößung 



Ein Fall von Topophobie. 211 

der Genitalien. Dieser letzte Teil der Deutung wird von der Patientin 
energisch abgelehnt. Sie hat nie einen derartigen Gedanken gehabt. Sie 
beschäftige sich Überhaupt niemals mit sexuellen Dingen. Sie sei nicht 
wie die anderen Frauen, die gern schlüpfrige Witze hören etc. 

Am nächsten Tage bringt sie mir einen zweiten Traum und sagt: 
„Nun, bei diesem Traum werden Sie absolut nichts Verfängliches finden. 
Das ist ein harmloser Traum. Ich bin neugierig, wie Sie den erklären 
werden.* 

Dieser „harmlose" Traum lautet: Ich war mit meiner Mama am 
Platze einkaufen. Ich kaufte Äpfel und Orangen. Es war auch 
ein Paket Zucker in der Tasche. Die Frau sagte, ich soll nicht 
soviel einkaufen, die Tasche ist schon voll, der Zucker kann 
herausfallen, jemand kann ein brennendes Zündhölzchen darauf 
werfen und der Zucker wird brennen. Sie frug, ob die Tasche 
nicht zerrissen ist. Karfiol wollte ich auch kaufen, doch war 
in der Tasche kein Platz mehr. 

Nachträglich fällt ihr ein, als wir den Traum nochmals durchlesen: 
Ein Wachmann stand daneben. Die Frau sagte mir: „Der Wach- 
mann wird Sie anzeigen, wenn er sieht, daß Sie die Tasche so 
offen tragen und so viel einkaufen." 

Diese Nachträge zu Träumen enthalten gewöhnlich das Wichtigste. 
Dieser Traum war mir deshalb von Bedeutung, weil sie angab, sie hätte 
auf dem Platze ein Angstgefühl gehabt, daß der Wachmann sie doch ein- 
sperren werde. Dann sei sie erst mit Herzklopfen, schweißgebadet erwacht. 
Außerdem hatte ja die Patientin angegeben, daß sie beim Einkaufen von 
Angstgefühlen überfallen werde. Es war darum anzunehmen, daß dieser 
Traum eine Erklärung für die Platzangst und den Teil der Phobie, der sich 
auf Einkäufe bezieht, bringen werde. Allein, durch die Deutung des ersten 
Traumes belehrt, war Patientin nicht dazu zu bringen, einen Einfall zu dem 
Traume zu bringen. Immer sagte sie: „mir fällt gar nichts ein", so daß 
ich genötigt war, die Traumdeutung über einen kleinen Umweg zu führen, 
mittelst eines Kunstgriffes, der allerdings erst bei größerer Übung gestattet 
ist. Soviel war mir aus früheren Analysen bekannt, daß Äpfel, Orangen, 
Zündhölzchen, Karfiol sehr häutig als männliche sexuelle Symbole gebracht 
werden, während Zucker (sexuelle Süßigkeiten) und speziell Tasche ausge- 
sprochen weibliche Symbole darstellen. In dem Traume befand sich die 
Frage, ob die Tasche nicht zerrissen sei. Ich frage auf gut Glück: „Haben 
Sie nicht einen Dammriß überstanden?" „Das stimmt," sagt Patientin, 
„ich habe acht Nähte bekommen und soll jetzt noch einmal operiert 
werden. " 

„Nun jetzt sehen Sie schon ein, was die zerrissene Tasche bedeutet." 
Jetzt war unter Heiterkeit der Widerstand besiegt. Darauf kam Ein- 
fall auf Einfall und die Deutung ergab sich ziemlich leicht. Der erste Teil 
des Traumes führt bis nach Graz zurück ; dort spielt die Szene, wo sie als 
Mädchen allein einkaufen gegangen ist und ihren Geliebten getroffen hat. 
Während sie das damals heimlich allein tat, besorgte sie den Einkauf im 
Traume mit der Mutter. Die Mutter, die sie an der Heirat mit dem Ge- 
liebten verhindert hatte, war jetzt bei der sexuellen Szene dabei. Sie 
macht bereits mit dem ersten Satz ihre ganze Hochzeit rückgängig. „Ich 
kaufe Äpfel und Orangen" beziehen sich auf männliche sexuelle Or- 
gane. „Es war auch ein Paket Zucker in der Tasche." Ihr Mann 

14* 



212 Zweiter Teil. Die Aogsthysterie. 

sagte ihr wiederholt, sie sei sehr süß und schmecke ihm sehr gut. „Die 
Frau sagte, ich soll nicht soviel einkaufen, die Tasche ist schon 
voll," bedeutet, ihre Tasche sei schon vergeben, sie sei schon von ihrem 
Manne besetzt, sie habe gar kein Recht mehr, auf dem Liebesmarkt Ein- 
käufe zu machen. Und nun setzt ihre Angstvorstellung ein und wir lernen 
begreifen, worum sich ihre Angst dreht. .Der Zucker kann heraus- 
fallen, jemand kann ein brennendes Zündhölzchen darauf 
werfen und der Zucker kann brennen." Sie hat Angst, daß sie Fener 
fangen wird. Sie kränkt sich Über den Dammriß. Sie würde sich gern 
einen Karfiol kaufen (häufigstes Symbol für einen sehr großen Penis), 
doch war kein Platz mehr in der Tasche. Es erfüllt einerseits einen Wunsch 
nach einer sehr engen kleinen virginalen Vagina, daß trotz der zerrissenen 
Tasche kein Karfiol mehr hineingeht, enthält aber das Bedauern, daß die 
Tasche von anderen minderwertigen Einkäufen besetzt ist, so daß der 
fremde Karfiol keinen Platz mehr findet. 

Das Wichtigste und das Verständnis ihrer ganzen Angst enthüllt der 
Nachtrag. Zu ^Wachmann* fällt ihr ihr eigener Mann ein. Und das hätte 
man eigentlich schon vorher erraten können. Der Wachmann bedeutet im 
Traume fast immer die Ehefrau oder den Ehemann, kurz jene Ehehälfte, 
welche über die Treue der anderen zu wachen hat. (Wachmann kann aber 
auch mitunter die Angst vor einer GcrichtsatFäre ausdrücken.) In diesem 
Falle bedeutet Wachmann .Ehemann" und es heißt in der Übersetzung, 
als ob die Frau, bei der sie einkaufen wollte (der Geliebte), sagen würde : 
.Dein Mann wird dich ja einsperren lassen, wenn er daraufkommt, daß 
du so schamlos bist und dich mit anderen Männern einläßt." (Wenn er 
sieht, daß Sie die Tasche so offen tragen und soviel einkaufen.) 

Dieser Traum erklärt ihre Angst folgendermaßen: Sie war in der Ehe 
unzufrieden und sexuell unbefriedigt. Sie sehnte sich danach, eine Sünde 
zu begehen, einen großen Penis (Karfiol !) kennen zu lernen und die Liebe 
in vollen Zügen zu genießen. Sie fürchtete jedoch, vom Manne ertappt zu 
werden. Andrerseits enthüllt das Traumbild ihre starke Neigung zur Exhibi- 
tion: sie trägt ihre Tasche offen zu Markte, trotzdem sie zerrissen ist. 

Ihre Angst, allein auszugehen, gewinnt nach diesem Traume eine ge- 
wisse Berechtigung. Sie hat tatsächlich Grund, sich vor sich selbst zu 
fürchten. Den tiefsten Kern dieses Traumes bildet ein Inzestgedanke. Sie 
ging nicht mit der Mutter, sondern mit dem .Vater" einkaufen. Ihre 
ersten jugendlichen Begehrungsvorstellungen gingen auf den Vater. Es 
folgen eine Fülle diesbezüglicher Erinnerungen. 

Der dritte Traum scheint der Patientin ebenfalls harmlos und belang- 
los. Er lautet: Uns vis-ä-vis wohnt eine Kräutlerin. Ich ging zu 
ihr Karfiol kaufen. Da sah ich eine bekannte Frau, die auch 
Karfiol kaufte. Mir war er zu teuer. Da ließ die Kräutlerin zwei 
Kreuzer nach und ich habe doch gekauft. 

Die bekannte Frau, eine Frau au6 der Nachbarschaft, hat einen 
sehr schlechten Ruf. Sie soll nicht nur ein Verhältnis, sie soll mehrere 
Verhältnisse haben. Die Kräutlerin, die vis-ä-vis wohnt, das ist meine 
Wenigkeit. Ich wohne in der Luftlinie schräg vis-ä-vis. Sonderbar, warum 
ich als Kräutlerin bezeichnet werde. Ihr fällt die Erinnerung ein, daß der 
Bürgermeister Dr. Lueger einmal gesagt hatte: Eine Kräutlerin sei ihm 
lieber und verstehe mehr von der Medizin als die Doktoren. Es beginnt 
das von Freud entdeckte Phänomen der Übertragung und zugleich die 



Ein fall von Topopbobie. 2L3 

Ablehnung derselben seine Wirkung zn Oben. Patientin befaßt sich mit 
meiner Person, wobei zunehmende Neigung und Zutrauen mit unbewußten 
Widerständen kämpfen. Diese Übertragung ist unbedingt notwendig, soll 
die Kn r zu Ende gefuhrt werden können. Man könnte dies roh ausdrucken : 
die Patientin verliebt sich in den sie behandelnden Arzt Er muß es je- 
doch verstehen, sie rechtzeitig darauf aufmerksam zu machen, daß diese 
Übertragung ein bei jeder Kur auftretendes Phänomen ist und daß diese 
Verliebtheit keine „echte", sondern ein Widerstandsphänomen ist, sonst 
wäre diese Kur nicht zu Ende zu fähren. In diesem Traume läßt sie sich 
mit mir ein. Ihre Zweifel, ob ich der Mensch sein werde, mit ihr ein Ver- 
hältnis einzugehen, werden dadurch beseitigt, daß sie die Übel beleumun- 
dete Nachbarin bei mir sieht. Wenn ich mich mit der eingelassen habe, 
werde ich auch für sie zu haben sein. „Mir war er zu teuer" bezieht 
sich auf die hohen Kosten der Kur. Ich werde unbedingt nachlassen 
müssen, sonst kann sie bei mir keinen Karfiol einkaufen. „Dann läßt sie 
zwei Kreuzer nach" bezieht sich auf eine Reminiszenz. Als kleines 
Mädchen begegnete sie täglich auf dem Wege zur Schule einem sehr statt- 
lichen älteren Herrn und fragte ihn jedesmal „aus Hetz", wie spät es sei. 
Einmal schenkte er ihr zwei Kreuzer und sagte: „Du bist ein hübsches 
Mädchen". Sie erinnerte sich auch, daß sie einmal beobachtete, wie er 
urinierte, und daß ihr die Größe seines Penis besonders aufgefallen sei. 
„Dann ließ er zwei Kreuzer nach und ich habe doch gekauft" 
bedeutet: .Wenn ich so geraten wäre, wie jener stattliche Herr, der ihr 
zwei Kreuzer gegeben hatte, so würde sie doch bei mir einkaufen. Dieser 
Traum ist eine förmliche Liebeserklärung, was ich ihr mitteile, und ent- 
hält auch Bedenken gegen die Kosten der Kur. Die erstere Deutung be- 
streitet sie, die zweite gibt sie gern zu. 

Schon in der nächsten Sitzung bringt sie mir einen Traum, der in 
ziemlich versteckter Weise das Spiel ihrer Phantasie mit meiner Person 
kundgibt. 

„Ich war bei einem Doktor und sollte schon fortgehen. Da 
kam mir beim Anziehen ein flüssiger Leim auf Papier in die 
Hand. Ich wollte ihn zuerst nach Hause nehmen, doch fürchtete 
ich, mich schmutzig zu machen und sah mich um, wo ich ihn hin- 
werfen könnte. Endlich warf ich ihn in den Ofen und betropfte 
dabei Erde und Teppich. Ich machte mir damit die Hand klebrig. 
Ich sah einen offenen Waschtisch und ging mir die Hände zu 
waschen. Es war nur schwer mit Seife herunterzubringen. Am 
Waschtisch hing ein Handtuch. 

Natürlich bin ich der Doktor. Sie liegt bei der Kur auf einem Divan 
und wenn die Stunde um ist, muß sie aufstehen. Sie träumt sich ein 
anderes Ende. „Ich war bei einem Doktor und wollte schon fortgehen. Da 
kommt mir beim Anziehen (umzukehren in „Ausziehen") ein flüssiger Leim 
in die Hände." Sie beschreibt den flüssigen Leim: Er liegt auf kreisrundem 
Papier genau in der Mitte. „Ich wollte ihn zuerst nach Hause nehmen, 
doch fürchtete ich, mich schmutzig zu machen" enthüllt eine wichtige 
Komponente ihrer Angst. Der flüssige Leim ist das Sperma. Es handelt 
sich um einen Koitus. Allein sie fürchtet, sie werde ihre Ehre beflecken. 
Während sie sich im ersten Traum vor dem Wachmann fürchtete und ihre 
Angst als Furcht übersetzt lautete: Mein Mann könnte es erfahren, 
beruht die zweite Komponente ihrer Angst auf ethischen Hemmungsvor- 



214 Zweitor Teil. Die Angsthysterie. 

Stellungen: Sie fürchtet, sich schmatzig za machen. Es ist dies ein 
moralischer Schmutz, der mit Seife schwer heran terzu bringen ist. „Ofen" 
ist ein häufiges Symbol für Vagina. Selbstverständlich gehört das Sperma 
in den „Ofen". Alles andere bezieht sich anf Reminiszenzen an intime 
häusliche Szenen. Ihr Mann hatte einmal einen Teppich mit Sperma be- 
fleckt, als er bei Tag einen Coitus interruptus vollzog. Er hat die Gewohn- 
heit, sich immer nach dem Koitus die Hände zu waschen. Das Handruch 
hatte Bie tags vorher an meinem Waschtisch hängen gesehen. Sie verlegt 
also die ganze Szene in meine Wohnung. 

5. Traum. Ich war mit meiner Mama am Tandelmarkt and 
wollte dort Brot und eine Kinderwanne kaufen. Ich sah nicht 
weit davon ein Selchwarengeschäft. Meine Mama ging hin und 
ließ sich eine geschnittene Wurst geben. Die Selcherin erzählte, 
ihre älteste Tochter spiele Klavier nnd werde jetzt bei einem 
Konzert mitwirken. 

Mama hat erzählt, daß ihre Tochter auch bei einem Konzert 
gespielt habe und viel Applaus fand. Mich schickte die Mama 
allein die Wanne kaufen, doch bekam ich unterwegs Angst und 
ging zurück ins Geschäft. 

Nachtrag: Meine Mama sagte der Selcherin: „Geben Sie nicht 
zu kleine Portionen, Sie werden sich noch in den Finger 
schneiden." 

Dieser Traum ist ans zwei Gründen ein bedeutsamer: er ist ein Angst- 
traum und enthüllt uns ihre Angst nnd zweitens enthält er eine Verhöhnung 
ihres Mannes. Der erste Satz ..Brot und eine Kinderwanne" bedeutet ihre 
Versorgung in der Ehe. Ihr Mann ist vergrämt, hat keine Lebensfreude 
und gehört schon zum alten Eisen („Tandelmarkt"). Auch macht ihre 
Mama dem Manne Vorwürfe wegen seiner sexuellen Enthaltsamkeit; ge- 
schnittene Wurst für beschnittenen Penis. Die Portionen sind der Frau za 
klein. Wir werden weiter sehen, daß sie sich noch einmal über die Klein- 
heit des Penis ihres Mannes lustig macht. Die Konzertszene, bei der sie so 
viel Applaus gehabt hat, ist ihre Brautnacht. In diesem Traume gibt ihr 
die Mama das Recht, ihrem Manne die Treue zu brechen, als wenn sie ihr 
sagen würde: Wenn dein Mann dich derart vernachlässigt und nicht zu- 
friedenstellt, so hast du das Recht, dir ohne deine Mutter einen anderen 
Mann zn suchen. „Mich schickt die Mama allein die Wanne zu 
kaufen." Hier setzt die Angst wieder ein und sie geht zurück in das 
Geschäft, d. h. zu jenem Mann, der, wie schon der erste Traum verrät, 
das Ganze zu geschäftlich abmacht. Dies sind nur einige bedeutsame Stellen 
aus dem Traum. Das Wichtigste erfährt man wieder, wenn man überall 
die „Mutter" durch den „Vater" ersetzt. Der Vater, ein starker Esser, 
wirft der Mutter wiederholt vor, sie gebe ihm und den Kindern zu kleine 
Portionen. Sie solle sich nicht in den Finger schneiden. Ihr Mann tröstete 
sie wegen des Dammrisses. Er habe sich früher bei ihr wiederholt Erosi- 
onen zugezogen (Finger = Penis). 

6. Traum. Frau Engel, meine Schwester, ihre Kleine und ich 
gingen spazieren. Mit Frau Engel ging ein Herr und gab ihr 
Veilchen. Ich wollte mir meine Boa richten lassen, doch stand es 
nicht dafür. Der Kürschner verlangte zuviel und da will ich 
mir lieber eine neue kaufen. Die Boa von Frau Engel gefiel mir. 
Sie war modern und paßte mir sehr gut. Ich frage nach dem 



Ein Fall von Topopbobie. 215 

Preise. Sie sagt 35 Golden. Wir kamen zu einer aufgerissenen 
Grube. Es waren Bretter dartlbergelegt zum Hinübergehen. Ich 
ging zuerst. Ein Mann half mir, damit ich nicht falle. Wie ich 
drUben war, sah ich schon Fran Engel und meine Schwester 
drüben. Doch machten sich beide schmutzig. Die Kleine von 
Frau Engel versteckte sich oft. 

Dieser Traum zeigt wieder deutliche Beziehungen zu meiner Person. 
Frau Engel, eine Witwe, soll meine Frau darstellen. Daß sie meine Frau 
zum Engel macht, soll in der Sprache des Traumes heißen, daß sie sie 
sterben läßt. 1 ) Auch macht sie die Rivalin und ihre eigene Schwester zu 
schlechten Frauen. „Sie machen sich beide schmutzig." Dabei treten 
die ersten homosexuellen Anwandlungen auf. Sie denkt an das Kind der 
Frau Engel. Die Deutung ist aus früheren Träumen ersichtlich. Der Kürsch- 
ner bin ich. Die Kur ist ihr zu tener. Sie begehrt die Boa der Frau Engel. 
Die Zahl 35 hat eine mehrfache Bedeutung. 350 Gulden (10x35) hatte 
sie mir bisher bezahlt. Auch hatte die alte Boa 35 Gulden gekostet. Ihre 
Eltern waren 35 Jahre verheiratet und im letzten Sanatorium, nach dem 
ihre Sehnsucht geht, wenn sie mit der Kur unzufrieden ist, hatte sie 
Zimmer Nr. 35. Zum Begleiter der Frau Engel fällt ihr ihr Mann ein.*) Es 
ist, als ob sie mit meiner Fran einen Tansch eingehen wollte. Sie tritt ihr 
ihren Mann ab, verlangt jedoch dafür mich und die Boa. Bei Boa fallen 
ihr folgende Assoziationen ein: oben breite, unten schmälere Wände; 
Brunnen; Boa constrictor; Riesenkraft; Umarmung; ersticken (!). Die auf- 
gerissene Grube bezieht sich auf ihre Tasche. 

Nachträglich fällt ihr ein, daß zwei Arbeiter dort gestanden sind 
und Erde hinzugeschüttet haben. Die Erde hatte eine grau-grünliche 
Farbe. Bei Arbeiter fallen ihr ein Bäcker und ein Gemüsehändler 
ein. Der Bäcker, von dem die Semmeln und Hausbrote sind und der 
nicht einnehmend ist (ihr Gatte). Der Gemüsehändler, ein ordinärer, 
sehr kräftiger Kerl (meine Wenigkeit). Sie hat also im Traume gewisser- 
maßen zwei Männer damit betraut, ihre Bedürfnisse zu stillen (aufge- 
rissene Grube ausfüllen!). Bretter ist ein häufiges Symbol für Frauen- 
zimmer. „Der Mann half mir, damit ich nicht falle", ist der Kernpunkt 
des Traumes. Das ist ihr Mann, der sie vor dem Sündenfall bewahrt. Und 
sie hat sich nicht schmutzig gemacht, während Frau Engel und ihre 
Schwester sich schmutzig gemacht haben, wobei Frau Engel alle jene Un- 
tugenden zeigte, die ich ihr im zweiten Traume nachgewiesen hatte. Sie 
rächt sich an meiner Deutekunst, indem sie meine Frau herabsetzt. Zweite 
Bedeutung von Schwester = Bruder. 

7. Traum. Eine alte, häßliche Frau, von welcher ich schon 
einmal Marmelade gekauft habe, kam zu mir. Mein Mann er- 
laubte nicht, daß ich kaufe und rief aus dem Zimmer: Sie ist 
sehr falsch und raffiniert und ich soll nichts von ihr kaufen. Ich 
schicke sie zu einer bekannten Frau und sage ihr, daß ihr diese 
abkaufen wird. Sie schenkt mir eine Photographie, wo drei Leute 
und sie photographiert sind. Sie hat auf dem Bilde einen Girardi- 
hut und fragt, ob ihr der Hut paßt. Beim Fortgehen sagte sie: 
-Ich habe Ihnen das Bild gegeben, weil ich Sie nach der Frau 



') Vergleiche die Kapitel Hber „Todessymbolik* (Die Sprache des Traumes). 
*) Ihr Mann soll mit den Engeln verkehren, d. h. sterben! 



216 Zweiter Teil. Die Angsthysteria. 

Engel am liebsten habe." Sehr klar durchsichtiger Traum, der noch 
alle Zeichen der Übertragung zeigt. Frau, alt, klein, häßlich, ist durch 
L'mkehrung als Mann, jung, groß, schön zu erkennen, mit welchen Attri- 
buten Patientin im Traum meine Person belegt hat. Allerdings supponiert 
der Traum, daß sie bereits Süßigkeiten bei mir gekauft hat. Ihr Mann 
zeigt sich wieder als Hemmnis, macht sie aufmerksam, daß ich falsch 
und raffiniert bin, sie solle nichts bei mir kaufen. Tatsächlich hat er seinen 
Widerstand gegen die Kur bereits in den ersten Tagen geltend gemacht 
und über die großen Kosten gejammert. Die Photographie mit den drei 
Leuten, wo ich auch drauf bin, hat sie in meinem Vorzimmer gesehen. Es 
ist meine Familie. Am Schlosse mache ich ihr eine direkte Liebeserklärung, 
indem ich ihr sage, daß ich sie nach meiner Frau (Engel) am liebsten 
habe. Eine besondere Bedeutung hat der Girardihut. Ihr fallen dazu die 
Assoziationen ein : Strohhut; brennt leicht; steifer Hut; Band; Fisch; Brief- 
tasche; Kondom (sie hat in der Brieftasche ihres Mannes ein Kondom ge- 
fanden, das sie sehr beunruhigt hat; ob er ihr nicht die Treue gebrochen 
hat?). Das Kondom hat so komisch ausgesehen wie ein Girardihut. 1 ) Sie 
beschäftigt sich also in Gedanken schon damit, ob ich welche Mittel an- 
wenden werde, den Kindersegen zu verhüten. 

In diesem Stadium ist es von größter Wichtigkeit, die Übertragung 
energisch abzulehnen, aber die Anhänglichkeit so weit zu erhalten, daß 
man die Patientin während der Kur über die Zeit der schweren Widerstände 
hinwegbringt. 

Der 8. Traum deutet bereits an, daß ich die Übertragung zum Teil 
abgeschlagen habe: 

Ich und meine Schwester gingen ins Theater. Auch unsere 
Eltern waren dort, saßen aber abgesondert von uns. Auch eine 
Tante 6aß für sich. Wir suchten unsere Loge und mußten über 
dunkle Stiegen und haben nichts gesehen. Da gingen wir her- 
unter zum Billeteur, er möge uns bessere Sitze geben. Die Loge 
war dunkel und klein. Der Billetteur trug eine Persianermutze, 
einen langen, schwarzen Mantel und großen Schnurrbart. Ich 
erzählte der Tante höhnisch, die Schwiegermutter habe mir 
Sardellen zum Essen mitgegeben. Die Bedeutung des Symboles „Loge 11 
für das weibliche Genitale findet sich wiederholt in der Freudachen Traum- 
deutung. Von besonderer Wichtigkeit ist der Anfang des Traumes. Meine 
Schwester und ich gingen ins Theater. Das soll in der Übersetzung heißen: 
Zwischen meinem Bruder und mir ist in der Kindheit etwas vorgefallen. 
Wir taten dasselbe, was die Eltern taten (auch die Eltern waren dort). 
„Auch eine Tante, welche extra saß", bedeutet eine Reminiszenz an eine 
Tante, die sich von ihrem Manne hatte scheiden lassen, weil er verschie- 
dene Stttcklein aufgeführt hatte. .Suchten unsere Loge auf dunklen 
Stiegen - , offenbar die wichtigste infantile Reminiszenz. Es fällt ihr zur 
Loge ein: Laube; Milchhalle; Wald; Erdbeeren; Brosche; Schachtel. Es 
steigt dunkel eine Erinnerung auf, daß sie mit ihrem Bruder auf den 
dunklen Stiegen, die von dem Geschäfte ihrer Eltern in die Wohnung ge- 
führt haben, öfters ..gespielt" habe. Das Spiel bieß: Vater und Mutter. 



') Vergleiche Freud, „Nachträge zur Traumdeutung", I. Der Hut als Symbol des 
Mannes (des männlichen Genitales). Zentralblatt für Psychoanalyse, I. Jahrg., Heft 6/6, 
Seite 187. 



Ein Fall von Topophobie. 217 

Aach erfüllt ihr der Traum einen Wunsch bezüglich der zerrissenen Tasche. 
Denn „die Loge ist dunkel and klein". Der Billetteur in der Persianer* 
miitze mit langem, schwarzem Mantel etc. ist eine Kombination einer Reihe 
von jungen Leuten, die ihr den Hof gemacht haben. 1 ) Der wichtigste Teil 
des Traumes ist der letzte Satz. Sie hat von ihrer Schwiegermutter Sar- 
dellen bekommen. Zu Sardellen fällt ihr ein: Fische; kopflos; verdorben; 
ranzig; mariniert. Nun ist Fisch im Traum ein Symbol, bei dem das Haupt- 
gewicht auf den Schwanz gelegt wird. Sie macht sich vor der Tante, die 
sich von ihrem Mann hatte scheiden lassen, über ihren eigenen Mann 
lustig. Auch sie hat ja einen Grund zur Scheidung. Ihr Mann ist ein Fisch 
ohne Kopf. Ein kopfloser Mensch, der schwer verdaulich ist. In höchst 
geistreicher Weise enthält auch dieser Traum eine Anspielung auf die ge- 
ringe Potenz ihres Mannes, auf den kleinen Penis. Hier in diesem Traume 
taucht zum ersten Male ein offener Inzestgedanke an den Bruder auf, der 
ans später noch einmal begegnen wird und der offenbar den Kernpunkt 
dieser Hysterie bedeutet. Das wichtigste Erlebnis der Kindheit, das große 
traumatische Bedeutung hatte und durch hysterische Phantasien endlos vari- 
iert wurde, war gewiß zwischen ihr und dem Broder vorgefallen.*) 

Ein sehr heiterer Traum ist der nächste: Ich gehe hinüber zur 
Gemüsefrau: Äpfel kaufen. In einer geteilten Kiste befinden 
sich auf der einen Seite bessere, auf der anderen Seite schlech- 
tere Äpfel. Ich wollte von den besseren zuerst ein Viertel, dann 
ein Halbes kaufen. Die Schwester hilft mir aussuchen. Ich will 
noch Äpfel aus der Kiste nehmen. Es sitzen zwei Leute darauf. 
Mit Mühe finde ich noch ein paar Äpfel. Ich ersuchte die Leute 
aufzustehen. 

Nach den vorangegangenen Deutungen kann ich mir die Sache leicht 
machen. Ich frage sie, ob ihr Mann nicht fehlerhaft gebaut ist. Sie gibt 
zu, daß der eine Testikel größer ist als der andere. Sie glaubte, es wäre 
dies der normale Zustand. Deshalb findet sie auch bei der Gemüsefrau in 
der Kiste auf der einen Seite bessere, auf der anderen schlechtere Äpfel. 
Weitere Beziehungen ergeben sich aus der Assoziation : bessere Hälfte. Der 
Bruder spielt wieder herein. Zwei Leute, die auf der Kiste sitzen, gleich- 
bedeutend mit den zwei Arbeitern, die die Grube zuschütten. Sehr lustig 
der letzte Satz: „Ich ersuchte die Leute aufzustehen/ Eine Verkleidung 
für das Bemühen, bei ihrem Mann eine Erektion zu erzeugen. Das '/« und 
'/, kg bedeutet das kleinere und größere Gewicht; natürlich bezieht sich '/« 
auf das häusliche. Es fallen ihr die Assoziationen ein: Licht, Kohle, Spar- 
herd (Verspottung ihres Mannes), Bürste, Seife, Schirm, Spinat, Handtuch, 
Waschtisch, Kinderzimmer und schließlich Ehemann; beim 1 / t kg: Mehl- 
speise, rohes Fleisch, Zucker, Bluse (wurde gestern zertrennt), Brief (hat 
sie gestern von ihrem Bruder erhalten) und dann Bruder ein. In diesem 
Traume werde ich und der Mann dem Bruder gegenübergestellt und wir 
ziehen selbstverständlich den kürzeren.») 



') Auch bier stellt die Mutze das männliche Genitale dar. Der Scbnnrrbart die Crines 
pubis. Die Stiege als Koitnssymbol siebe Freud, „Die zukünftigen Chancen der psycho- 
analytischen Therapie" (Zentralblatt für Psychoanalyse, I. Jahrg., Heft 1./2). 

') Im Gegensatz zu ihrem Manne, der Jade und beschnitten ist (Fisch ohne Kopf!), 
hat der Billetteur einen langen schwarzen Mantel, der häutig die Vorhaut symbolisiert. Der 
Mantel ist meistens auch ein Symbol des Vaters. 

') Überdies homosexuelle Regungen und Todesgedanken (Riste = Sarg). Sie will Tote 
lebendig, d. h. nieder aufstehen lassen: Den toten Vater und einen toten Bruder! 



21g Zweitor Teil. Die Angsthystori«. 

10. Traum. Mit der Schwester und anderen Leuten eine hohe 
Kapelle erstiegen. Unterwegs zurückgeblieben und die Gesell- 
schaft verloren. Es war dunkel, wir zündeten eine Kerze an. 
Wir sahen noch einen Leuchter mit einer Kerze stehen. Nehmen 
sie zu uns, falls unsere nicht reichen sollte. Wir sind schon sehr 
hoch, in der Höhe des Stephansturmes. Ich wollte schon um- 
kehren- Die Schwester jedoch drängte zum Weitergehen. Endlich 
sahen wir die Kapelle erleuchtet, den Bischof im langen weißen 
Mantel, die Gesellschaft, Erwachsene sowie Kinder in gleicher 
Toilette. 

Sehr leicht zu deuten. Und von größter Wichtigkeit, weil sie sich bei 
der Stelle „wollte schon umkehren" an ein heftiges Angstgefühl erinnert. 
Kapelle = Vagina. Die Schwester ist der Bruder. Erinnerung an einen Aus- 
flug. Die angezündete Kerze sehr häufiges Symbol für erigierten Penis. 
Ihr stehen im Traume zwei Kerzen zur Verfügung. Immer eine in Reserve, 
falls die andere nicht reichen sollte. Sie steht in der Höhe des Stephans- 
turmes. (Ihr Bruder iBt ein großer Steiger!) Das wichtigste Moment ist: 
Ich wollte schon umkehren. Der Bruder drängte zum Weitergehen. 
Bischof in langem weißen Mantel, die Kinder und Großen in gleicher 
Toilette: Exhibitionsgedanken. Symbolische Darstellung eines Koitus mittelst 
Kondoms. Phantasie einer Szene zwischen ihr und dem Bruder, außer dem 
sie noch einen seiner Freunde in Reserve hat. In der Kindheit haben 
beide Knaben mit ihr gespielt und sie betastet. Daran erinnert sie sich 
plötzlich ganz deutlich. Der Freund heißt Stephan. Sie glaubt nicht, daß 
es mehr gewesen war als ein bloßes Betasten. 1 ) 

11. Traum. Meine Schwester und ich wollten Bpazieren gehen. 
Ihre Kleine steht vor dem Tor. Das Fräulein kommt sie holen, 
sagt ihr, sie soll adieu sagen. Das Kind grüßt, läuft uns ein 
zweitesmal aus Spaß nach, bleibt auf einer neben dem Hause 
befindlichen Wiese stehen. Dort sehe ich einen Leiterwagen, 
der Kutscher ist bemüht, ein Pferd einzuspannen. Ein zweites 
Pferd steht uneingespannt. Auch sehe ich einen Stier auf der 
Wiese. Das Pferd läuft um den Stier herum, derselbe wird wild, 
stößt bei der zweiten Runde mit den Hörnern in die Kleine. Ich 
sehe das Kind fallen. Will in ein nebenan befindliches Klosett 
flüchten, doch will ich das Kind nicht allein dort lassen. Nie- 
mand traut sich hin. 

„Meine Schwester und ich wollten spazieren gehen", infantile Erin- 
nerungen an Begebenheiten mit ihrem Bruder. Ihre Kleine steht vor dem Tor: 
der Penis vor der Hosen tu re. Das Fräulein kommt sie holen: der Bruder 
soll heiraten. Lauter sexuelle Phantasien. Der Stier als Sinnbild der 
zeugenden Kraft. Schließlich Phantasie eines Koitus: Stier und die Kleine. 
Deutliche Erinnerung an Onanie im Klosett und an Szenen, in denen der 
Bruder eine Rolle spielte. .Niemand traut sich hin" bezieht sich auf ihre 
Angst. Ihre Angst in diesem Traume ist der Wunsch nach einem Stier, 
der ihr die Hörner in den Bauch stoßen könnte. Das Klosett neben der 
Kleinen iBt der Anus. Niemand traut sich hin: das Bedauern, daß der Anus 



') Der weiße Mantel erscheint hier als Erklärung des schwarzen Mantels im achton 
Traume und deutet auf den Voter. Die .erluschene Kerze" ein Symbol des toten Vaters. 



Ein Fall von Topophobio. 219 

nicht benutzt wird. Ferner das Bedauern, daß sich niemand an sie heran- 
wagt. Die zweite Perversion in ihrem Phantasieleben. 

12. Tranm. Ein sehr wichtiger Traum, weil er wieder ihre ausge- 
sprochene Neigung zu Perversionen enthüllt. 

Ich habe mit einigen Leuten einen Ausflug zu einem Schlosse 
gemacht. Daneben befand sich ein großes Wasser. Unterwegs 
fand ich auf der Erde einige Schwämme, Johannisbrot und 
Schokolade. Dort angelangt, hat meine Cousine ein Lied vor- 
getragen. Mein Sohn hat es gekannt und mitgesungen. Am Heim- 
wege erzählte ich, daß er Französisch lernt. Auch sah ich ein 
Pferd, einen Tempel und einen Richter. 

Nachtrag: Der Richter hat zwei Frauen verurteilt, mich aber 
freigesprochen. 

Die Analyse geht mühsam unter großen Widerständen vor sich. Bei 
Schwämme fällt der Patientin ein: Viele Leute haben Schwämme gegessen. 

„Was für Schwämme waren das?" frage ich. 

Sie erwidert: „Herrenpilze, Steinpilze." 

Johannisbrot ergibt eine Menge Assoziationen: Als Kinder hatten sie 
es ungemein gern gegessen; sie hatten es im „Geschäft". Im letzten Bade- 
orte sah sie „Johannisfener" („sieht im Dunklen Behr hübsch aus"). Jo- 
hanna heißt eine ihrer Bekannten, die ihr sehr unsympathisch ist. Der 
Mann der Johanna ist ihr sehr sympathisch, gefällt ihr Behr gut, ein 
reizender, blonder Mann. Ihr Mann macht ihm im Geschäfte große Kon- 
kurrenz. Zu Schokolade fällt ihr ein: Verschmähe ich nie, e6se ich sehr 
gern, stecke ich in den Mund und zuzle daran. Ferner: Klavierspiel, Speise- 
kasten, Violine, Bogen, Kredenz, Schale, Brief. 

Deuten wir den erten Teil des Traumes: Das Schloß, neben dem 
Bich ein großes Wasser befindet (über die Assoziation: „Heute nachts wird 
ein Schlößchen gefährdet sein") bedeutet das Genitale in der Nähe der 
Blase. Schwämme, Johannisbrot, Schokolade sind Symbole für den Penis. 
Sie haßt Johanna und rächt sich an ihr auf zweierlei Weise: Ihr Mann 
macht sie durch die Konkurrenz brotlos und sie bemächtigt sich des Penis 
des begehrten fremden Mannes. Sie ißt also in zweifacher Beziehung 
Johannens' Brot. Welcher Art das Essen ist, darüber belehrt uns der 
nächste Satz: das Französische. Der Sohn lernt Französisch — es bandelt 
sich um die französische Liebe (Fellatio). Das Lied, das die Cousine singt, 
hat den Refrain: „Tu ne tombes pas" (Du fällst nicht). Mit der Cousine 
hatte sie ein wichtiges Erlebnis. Sie ging mit ihr über ein Feld spazieren, 
als ihnen ein Herr entgegenkam, der die Hose weit offen hatte und sie 
durch den Anblick eines geradezu gigantischen Penis heftig er- 
schreckte. Natürlich würde die genaue Deutung dieses Traumes allein ein 
kleines Büchlein füllen. Wichtig ist der Nachtrag: Pferd, Tempel und 
Richter. Pferd als Symbol des großen Penis, Tempel für Vagina; der 
Richter, da fällt ihr ein: mehrere haben Schwämme genommen, zwei sind 
bestraft worden (zwei Frauen, die von ihren Männern getrennt wurden). 
Ich bin freigesprochen worden. Die ganze zügellose sexuelle Phantasie der 
Patientin enthüllt sich in diesem Traum. Sie treibt Fellatio, eine Perver- 
sion, die auch in späteren Träumen angedeutet ist, und wird trotzdem 
freigesprochen. Es ist der erste sexuelle Traum, in dem sie keine Angst 
empfindet. Auch am Tage fühlt sie sich etwas freier. Sie kann bereits bis 



220 Zweitor Teil. Die Angstbystorie. 

zu mir and ins Bad ohae Begleitung gehen. Die Aassichten zur günstigen 
Beendigung der Kar sind aasgezeichnete. 

Mit einem Male kommt von außen eine gewaltige Störung. Ihr Bruder 
erscheint in Wien und soll hier ein Mädchen kennen lernen, das ihm „an- 
getragen" wurde. Die alte Liehe erwacht offenbar; sie wird schrecklich 
aufgeregt. Der Zustand beginnt sich wieder zu verschlimmern. Sie bringt 
mir Träume, in denen die phantastischen Variationen des sexuellen Themas 
wiederholt werden. Nach einigen Tagen taucht unter großen Angstgefühlen 
der Traum vom Tode ihres Mannes auf. Infantile Reminiszenzen an ihren 
Bruder spielen eine große Rolle. Der Mann kommt täglich fragen, wann 
die Kar schon zu Ende sein werde. Die Kosten (auf die er früher bereit- 
willig einging) seien ihm zu hoch. 

Sie kommt täglich zu spät zur Stunde, was für die Fortsetzung der 
Kur von übler Vorbedeutung ist. Indessen bringt sie mir wieder einen 
interessanten Traum. 

13. Traum. Die Schwester sollte mit ihrem Dienstmädcheu 
wechseln. Wir gehen ans mit einem Buch erkundigen. Auf der 
Stiege sehen wir noch andere Leute, wir gehen rasch, damit sie 
uns nicht vorkommen. Die Frau schaut ins Buch, sagt, dieses 
Mädchen spricht nur böhmisch und französisch. Sie lobt das 
Mädchen nicht, sagt aber auf unsere Fragen, sie macht ihre 
Arbeit nett. Die Frau hat auch ein Vermittlungsbareau, wir 
fragen, ob sie uns nicht ein passendes Mädchen besorgen kann; 
sie sagt, wenn wir warten können, schon; doch heute hat sie 
nichts; die Schwester sagt, sie wird dieses Mädchen aufnehmen. 
Neben der Wohnung erscheint mir das Bad, wir sind dort und 
plötzlich hören wir aus der Wohnung, wo wir uns erkundigen 
waren, die Kinder fest weinen, Vater und Mutter Bich schimpfen. 
Im Vorübergehen sehen wir beim Fenster eine alte Frau, welche 
weint. Die Badedienerin sagt, man soll die Anzeige machen. 

Sehr komplizierter Traum. Es handelt sich um den Bruder, der eine 
Braut erhalten soll. Zahlreiche Phantasien, die sich auf einen Zahnarzt 
beziehen, der angeblich wegen seiner Potenz berühmt und berüchtigt ist. 
Das Wichtigste, die Reproduktion einer belauschten Koitusszene der Eltern : 
Die Kinder weinen, die Eltern schimpfen sich und raufen. Alte Frau = 
ein junger Mann. Die Anzeige machen: Reminiszenz an die Erzählung 
einer Freundin, die ihr die Geheimnisse des Ehelcbens ihrer Eltern anver- 
traut hat. Ferner Erinnerungen an eine Magd, die ihr alles erzählt hat und 
sie wiederholt onanierte. 

Wir sehen hier sehr deutlich, wie die sexuelle Symbolik auch die 
kleinen Besorgungen des Alltags durchsetzt. .Ein Dienstmädchen wechseln" 
bedeutet für eine Hausfrau eine Lebensfrage. In diesem Traume ist das 
Dienstmädchen das weibliche Wesen, das ihrem Bruder die sexuellen Dienste 
leistet. Das war sie ja in der Jugend. Das möchte sie wieder sein. „Sie 
macht ja ihre Arbeit nett." ( r Sie kann im Konzert auftreten.") Sie kann 
die Liebe auch auf böhmische (so nannte ihr Dienstmädchen den Goitus 
in anum) und französische Art ausführen. Der Traum erfüllt ihr den 
W uu seL. Der Bruder nimmt sie als Dienstmädchen. („Die Schwester sagt, 
sie wird dieses Dienstmädchen aufnehmen.") Eine besondere Erwähnung 
verdient das „Buch im Traume. Es ist dies der typische Dirnentraum, 
den selbst die anständigsten Frauen — und gerade diese — zu träumen 



Ein Fall von Topophobie. 221 

pflegen. Damit sie bei Tag anständig sein können, sind sie eben in Traumen 
der Nacht Dirnen. Sie ist also eine Dirne, die ein „Buch" hat. Die Szene 
anf der Stiege wiederholt sich in einigen Träumen. Da ist ja das wichtigste 
Erlebnis ihrer Jagend vorgefallen. Sie erinnert sich noch nicht daran, daß 
die Knaben dort mit ihr mehr getan haben, als sie früher angegeben. 

Die Analyse nähert sich einem kritischen Funkle. Die raufenden 
Eltern (Raufen = kindlicher Eindruck einer Begattung6szene) geben ihr das 
Vorbild, das Bie in den Spielen „Vater und Mutter" nachahmte. 

Viel wichtiger ist der nächste Traum: 

14. Traum. Ich gehe mit meiner Kleinen meinen Mann er- 
warten. Unterwegs sehe ich in der Luft einen großen schwarzen 
Vogel. Ich sage, das ist ein Raubvogel und erkläre das der 
Kleinen. Er kommt unseren Köpfen näher. Ich gebe ihm einen 
Stoß und er fliegt in die Höhe. 

Sie hat sich im Traum gewundert, daß der Vogel so leicht in die 
Höhe gegangen ist. Die naheliegende sexuelle Erklärung einer Erektion ' ) 
stimmt auch mit der Deutung ..die Kleine" für Vagina. Es handelt sich 
um die Phantasie eines ungeheuer großen Penis, der leicht in die Höhe 
geht nnd den sie trifft, während ihr Mann noch nicht da ist. Sie geht 
ihren Mann erwarten und das passiert ihr unterwegs. 

Aber der Vogel hat noch eine andere Bedeutung. Er ist der Todes- 
vogel. a ) Sie hat am Abend vor dem Einschlafen davon gesprochen, daß 
der Mann ihrer Freundin plötzlich gestorben ist. Ihre Freundin kann den 
Tod ihres Mannes nicht überwinden. Ihr kommt die Sache im Traum 
viel leichter vor. Der Vogel geht leicht in die Höhe, Die Todesgedanken 
beziehen sich also auf ihren Mann. Sie hat die Empfindung, sie möchte 
lieber sterben, bevor sie so weiter lebt. 

Daß der Vogel den Köpfen näher kommt, ist eine Verlegung von 
unten nach oben. 8 ) 

Wir sehen also in diesem Falle das merkwürdige Zusammentreffen 
verschiedener Momente: C'oitus interruptus, der die Angstneurose aaslöst-, 
einen schweren psychischen Konflikt, der zur Verdrängung und Hysterie 
führt. Infantile Traumen im Überfluß. Ihre Vorstellungen schwingen zwischen 
Todesgedanken und glühender Lebenslust; als Symbol des Lebens und der 
Lebenslust das Bild eines gigantischen Penis, in dem letzten Traume aber 
zugleich den Todesgedanken verkörpernd. Eros und Thanatos. Wir sehen 
hier ferner Anknüpfungen an infantile Szenen, in denen sie einen riesigen 
Penis gesehen hat, wahrscheinlich durch die Phantasie ins Maßlose ver- 
größert. Wir sehen hier die unterdrückte Neigung zu Perversionen (Fcllatio, 
Exhibition, Coitus in anutn). Wir sehen homosexuelle Neigungen, auf die 
ich nicht näher eingegangen bin, und wir sehen die Inzestgedanken auf 
den eigenen Bruder und Vater, ja sogar auf die Mutter und Schwester. 

Nach diesem Traume wuchsen die Widerstände der Patientin. Es 
fiel ihr nichts ein. Sie brachte auch keinen Traum. Nach einigen Tagen 
sprach sie den Wunsch aus, sich zu ihren Verwandten zu begeben und 



') Interessante Daten aber den „Vogel" als Phalluss.vmbol linden sich bei A. Maeder, 
„Essai d'interpretation de quelques rüves" (Arcbives de Psychologie, Tome IV, Nr. 24). 

*) Vergleiche die Kapitel „Todessymbolik" in meinem Buche .Die Sprache des 
Traumes'. 

") Die viel wichtigeren Todesgedanken auf ihre Tochter und Begehrungsvorstellungen 
aaf ihren Sohn habe ich damals noch nicht herauslesen können und übersehen. 



222 Zweiter Teil. Die Angsthysterie. 

so brach sie die Knr ab, ehe ich imstande war, die Rätsel dieser Phobie 
bis auf den letzten Rest za lösen nnd alle Verdrängungen zu heben. Ihre 
Angst, allein auszugehen, war Angst vor ihrer eigenen Schwäche. Sie hatte 
das Bewußtsein, daß sie ihrem Manne leicht untreu werden könnte, und 
so spielte auch hier die Angst die wichtige Rolle eines Tugendwächtere 
im Dienste der häuslichen Moral. 

Der größten Verdrängung — wie in allen Fällen dieser Art — waren 
ihre GefHhle gegen den Mann unterworfen. Ihm wünschte sie eigentlich 
den Tod, um die Freiheit zu erlangen. Diese „unbewußte" Grausamkeit 
der Neurotiker darf uns nicht überraschen. Wir werden sie typisch in 
allen Fällen wieder finden. Sie zeigt, daß die Ehe das Zustandekommen 
einer Hysterie begünstigen kann, wenn sie nicht aus Liebe geschlossen 
wird. Sie zeigt ferner, daß die Kranken das Bestreben haben, ihre Angst 
vor dem Tode auf einen anderen zu schieben. Wenn schon Einer sterben 
soll, so soll es lieber der „Andere" sein. 

Die Ursache der Verschlimmerung und der plötzlichen Unterbrechung 
der Kur war die Verlobung des Bruders. Da flammte noch einmal die 
alte Liebe auf, die sie um keinen Preis aufgeben wollte. Ihre Angst wurde 
wieder namenlos groß. Folglich hatte die Kur für sie keinen Wert mehr. 
Der Geiz ihres Mannes tat das Übrige. Sie ging angeheilt von dannen. 
Es fehlte ihr in diesen Tagen der Wille zur Gesundheit. 1 ) 



XXII. Eine Berufsneurose (Angst- und Konversions- 
hysterie). 

Nr. 97. Eines Tages stellte sich mir in der Ordination ein großer, 
kraftiger, blühend aussehender Mann vor, der Über verschiedene Angst- 
affekte klagte. Er war von Beruf Rabbiner und mußte geistig sehr viel 
arbeiten. Bis vor sechs Jahren hatte er die Mühen seines Berufes sehr 
leicht ertragen. Um diese Zeit machte er eine große Aufregung durch und 
unmittelbar nach derselben setzte seine Krankheit ein. Er blieb eines 
Tages mitten in einer Rede stecken und konnte nicht weiter. Von diesem 
Momente wurde er vor jeder öffentlichen Funktion von ängstlichen Unlust- 
geftthlen befallen. Vor jeder Rede, ja vor dem kleinsten öffentlichen Gebete 
hat er die peinlichsten Angstgefühle, es werde nicht weitergehen, er 
werde stecken bleiben. Selbst wenn das Gebetbuch vor ihm auf- 
geschlagen daliegt, passiert es ihm, daß er mitten im Lesen, wenn auch 
nur für einen Moment, stecken bleibt. Er war nicht mehr imstande seinem 
Berufe gerecht zu werden. Er sollte jeden Samstag eine größere, freie 
Rede halten. Das war einst sein größtes Vergnügen und sein größter Stolz. 
Seit der großen Aufregung zitterte er die ganze Woche nnd legte sich 
immer die Frage vor, ob er nicht stecken bleiben wfirde. Aus der großen 
Umgebung kamen täglich zu ihm verschiedene Menschen, die seinen Rat 
in schwierigen Fragen einholten. Er verlor auch die Sicherheit solchen 
Leuten gegenüber. Er begann oft zu stottern und zu stammeln und 
blieb mitten in einem Satze stecken. Wenn er allein war, konnte er ohne 



') Ich habe sie nach Jahren niedergesehen. Sie ist bedeutend gebessert, aber noch 
immer nioht von ihrer Phobie geheilt. 



Eine Berufsneorose (Angst- und KoDversioiiEbysterie). 223 

jede Störung die längsten Gebete heruntersagen. Nor vor andern Menschen 
trat diese Störung ein. Gegen das Leiden habe er bisher in Berlin, Wien 
und l'aris vergeblich Heilnng gesacht. Er war in Scheveningen, Homburg, 
Wiesbaden. Gainfarn etc. gewesen. Er hatte sich einige Monate in Wöris- 
hofen aufgehalten. Alles vergeblich! Außerdem klagt er über ein Gefühl 
von Hitze in den Armen und Beinen. Dieses Gefühl steigert sich manchmal 
bis zu schiittelfrostartigen Anfällen. (Häufige Temperaturmessungen haben 
jedoch niemals eine erhöhte Temperatur nachweisen können.) Seit drei 
Jahren sind die linke Hand und der linke Arm vollkommen 
gefühllos. 

Die objektive Untersuchung ergibt einen organisch gesunden Menschen. 
(Ans der Anamnese ist nachzutragen, daß der jetzt 42jährige Mann in 
seinem 21. Lebensjahre an Tuberkulose des Hodens erkrankte, welches 
Leiden nach einem Kurgebrauch der Haller Bäder und des Haller Jod- 
wassers vollkommen heilte.) Spuren dieser Erkrankung sind noch nach- 
zuweisen. Außerdem ist objektiv noch eine vollkommene Anästhesie der 
linken oberen Extremität zu konstatieren. Nadeln lassen sich tief ein- 
stechen, ohne daß der Patient das geringste empfindet. Aber auch an 
manchen anderen Partien der linken Seite des Körpers findet sich eine 
deutliche Hypästhesie. Die Empfindung für thermische Reize ist in der 
linken Extremität gänzlich aufgehoben, sonst normal. Reflexe leicht gesteigert. 

Ich machte dem Patienten den Vorschlag, eine psychische Kur zu 
versuchen. Patient, der, wie erwähnt, schon alle Heilmethoden vergeblich 
angewandt hatte, ging mit Freuden auf den Vorschlag ein. Ich übernahm 
dann mit einigem Zagen die Behandlung. 

Die Schwierigkeiten einer Psychoanalyse waren in diesem Falle 
enorme. Die mir vollkommen fremde Gedankenwelt eines Rabbiners, ein 
Kauderwelsch aus deutschen und hebräischen Worten, die mir unbekannt 
waren, die natürliche Scheu eines so frommen Mannes, seine unbewußte 
Gedankenwelt zu enthüllen, vereinigten sich zu anfänglich fast unüber- 
windlichen Hindernissen. 

Daß es mir trotzdem gelungen ist, einen großen Erfolg zu erzielen, 
danke ich einerseits meiner Energie, andrerseits der hohen Intelligenz des 
Kranken, der an geistige Arbeit gewöhnt war und später leichter auf 
meine Absichten eingehen konnte. 

Vor allen Dingen mußte ich dem Patienten das Wesen einer psycho- 
analytischen Kur erklären. Ich eröfihete ihm einen Ausblick auf die be- 
kannte Theorie von Breuer und Freud. Ein schweres infantiles Trauma 
wäre von seinem Bewußtsein abgedrängt worden. Verschiedene — man 
könnte so sagen — pathogene Gedanken wären von ihm ins Unbewußte 
versenkt worden und hätten einen wirren Knäuel gebildet. Diese ver- 
drängten Gedanken wären es, welche die Angstaffekte hervorrufen. Diese 
verdrängten Gedanken hätten auch Empfindungslosigkeit der Hand herbei- 
geführt. 

„Wieso können Gedanken eine schwere körperliche Erkrankung her- 
beiführen? Wieso kann sich Geistiges in Körperliches verwandeln?" 
fragt der erstaunte Patient. 

„Wir wissen noch nicht, wie das vor 6ich geht. Aber die Tatsache 
als solche ist unbestreitbar." . . . 

Wir begannen die Kur. Man erspare mir die mühevollen Umwege, 
auf denen ich zu meinen Resultaten gekommen bin. Die Gespräche unserer 



224 .'weiter Teil. Die Angstbysterie. 

Sitzungen würden einige Bände füllen. Ich will mich also begnügen, die 
wichtigsten Ergebnisse der jeweiligen Sitzung mitzuteilen, wobei ich manches- 
mal die Ergebnisse mehrerer Sitzungen in eine Schilderang zusammen- 
schmelzen muß. 

Patient soll mir die Geschichte seines ganzen Lehens erzählen. Da 
gibt es wenig Interessantes. 

Mit fünf Jahren hat er zu studieren angefangen, mit 18 Jahren 
geheiratet. 

„Haben Sie onaniert?" 

Ich muß dem Patienten den Begriff der Onanie näher erklären, wo- 
rauf er mit allen Zeichen ehrlicher Entrüstung ausruft: 

„Nein, mit -solchen Sachen" habe ich nie zu tun gehabt. 
Ich habe erst am Tage meiner Hochzeit erfahren, daß es solche 
Sachen gibt". . . 

Patient erzählt darauf lauter belanglose Begebenheiten. Die Geschichte 
seiner Tuberkulose, seiner Reisen usw., bis er auf die große Aufregung 
kommt, die ihn angeblich krank gemacht habe. 

Er habe mit seinem älteren Bruder einen heftigen Streit gehabt. 
Dieser hätte vom Vater nach seinem Tode das Geld erhalten, während er 
die Bibliothek, eine Sammlung historischer, wertvoller Bücher, bekommen 
hätte. Nun sei der Bruder nach einigen Jahren, nachdem er das ganze 
Geld verloren, wiedergekommen und habe stürmisch seinen Anteil von den 
Büchern verlangt. Die Bücher sind von der eigenen Hand des Vaters, 
Großvaters und Urgroßvaters geschrieben, eigene Familienurkunden, die 
bis über 300 Jahre zurückreichen. Alle Gedanken seiner Ahnen, die eben- 
falls Rabbiner gewesen, liegen in diesen Büchern begraben. 

Es gab einen heftigen Streit zwischen den erregten Brüdern. Der 
Rabbiner stellte sich vor den Bücherschrank und schrie in höchster Er- 
regung: „Ich werde die Btlcher nicht aus der Hand geben, eher wird 
man mich von den Büchern wegnehmen." 

Diesen letzteren Satz hat er nachträglich bitter bereut. Er habe ihm 
viele schwere Stunden der Reue bereitet, weil er es als eine Versündigung 
gegen Gott betrachtet habe. Er habe befürchtet, Gott werde ihn beim Worte 
nehmen und ihn von den Büchern wegnehmen. 

So suchte der Patient mir seine große Aufregung begreiflich zu 
machen und mir den schweren Konflikt zu erklären. Aber mir fehlten die 
tieferen Motive. Wegen eines solchen Streites wird man nicht krank, wenn 
nicht tiefere Gemütszonen dabei beteiligt sind. Ich ließ also vorläufig die 
Sache auf sich beruhen. Hiermit war die erste Sitzung zu Ende . . . 

Die nächstfolgenden Sitzungen vollzogen sich unter so schweren Wider- 
ständen des Patienten, daß ich wiederholt die Absicht hatte, die Kur ab- 
zubrechen. Er habe mir nichts mehr zu sagen, er sei fertig mit seinen 
GestBndnissen. Was solle er noch erzählen, was ich nicht schon wisse? 

In diesen schweren Tagen hatte ich einen großen Bundesgenossen: 
die Arbeit des Unbewußten. Während er die Kenntnis sexueller Abweichun- 
gen von der Norm, z. B. der Onanie, leugnete und fremde Frauen nicht 
einmal gesehen haben wollte, sagte seine unsichere Ausdrucksweise: es 
ist nicht wahr. 

Hätte ich ihn locker gelassen, dann hätte ich ähnlich wie so viele 
Forscher behaupten können : „Die Hysterie muß nicht auf einem sexuellen 
Trauma beruhen, die Theorie Freuds ist falsch ; ich habe einen Fall genau 



Eine Beraiineorose (Angst- and Konversionsbysterie). 225 

geprüft, der mir darch 14 Tage seine Anamnese erzählte, und konnte nicht 
den Schatten eines sexuellen Traumas, geschweige denn ein sexuell ab- 
normes Leben entdecken." Ich ließ mich in meiner Überzeugung nicht be- 
irren nnd dachte an den Aussprach Freuds, daß eigentlich die Kunst der 
Psychotherapie darin besteht, das beharrliche Nein ihrer Patienten ebenso 
beharrlich zu überhören; ich verblieb energisch bei meinem Standpunkt. 
Es müßten noch andere Dinge die Ursache der Krankheit sein, die er mir 
mangels an Vertrauen nicht eingestehen wollte. 

Ob er nicht onaniert habe? „Nein!" Ob er nicht an einem Obermaß 
sexueller Phantasien kranke? .Nein!" Ob nicht außer dem erwähnten 
BUcherstreite noch andere Erlebnisse zwischen ihm und seinem Bruder vor- 
gefallen? „ Keine Spur." 

Er habe bis zum Tage seiner Hochzeit in völliger Unkenntnis der 
Sexualität gelebt. In der Hochzeitsnacht sei seine Mutter ins Zimmer ge- 
kommen und habe dem jungen Paare die nötigen Weisungen gegeben. 
Seit damals lebe er mit seiner Frau glücklich und zufrieden und habe nie 
— nie im Leben — einen sündigen Gedanken gehabt. 

Wie sollte ich diese Mitteilung mit meiner vorgefaßten Meinung in 
Einklang bringen? Es war meine erste größere Analyse. Ich dachte schon 
daran, meine Bemühungen bei diesem frommen, heiligen Manne aufzugeben. 

Den ersten Fortschritt in der Erkenntnis der Krankheit brachte mir 
ein Traum, der in doppelter Weise wirksam war. Erstens eroberte er mir 
das Vertrauen des Patienten, zweitens brach er seinen Widerstand und riß 
mit einem Rucke den Schleier von den Hüllen seines unbewußten Seelen- 
lebens. 

Es war ein Traum, in dem sehr viel von Soldaten die Rede war, 
die, eine eigentümliche Stellung einnehmend, nach rückwärts gebeugt, ihre 
Bajonette nach vorwärts gegen den Feind ausstreckten und dabei so selt- 
sam lachten. Der Anführer dieser Soldaten packte ihn am Barte und sagte 
ihm: .Warum bist du bo stolz geworden und willst von mir nichts wissen?' 
Die ganze Analyse des Traumes kann ich hier nicht geben, sie würde uns 
zu weit führen. Es handelt sich um einen homosexuellen Traum, der die 
Wiederholung einer gesehenen pornographischen Photographie war, in der 
auf dem Membrum ein Bajonett aufgepflanzt war. Der Anführer, den er 
mir näher beschrieb, war durch „Verdichtung"* dreier Personen entstanden, 
aus seinem Bruder, einem Freunde und einem Diener ihres Hauses. Der 
Diener, jetzt schon ein alter Mann, hat ihn in der Jugend betreut. Ich 
weise darauf hin, daß der Traum vermuten läßt, es hätte zwischen ihm, 
dem Diener und dem Freund irgend ein Sexualverhältnis bestanden. Der 
Patient leugnet das entschieden, ist sogar etwas gekränkt, meint, auf 
diese Weise würden wir nicht vorwärts kommen, hier sei gar nichts zu 
holen, die Kur helfe ihm Oberhaupt nichts, er fühle sich bedeutend schlechter 
als vorher. Er möchte am liebsten abreisen. 

Am näcbsen Tage kommt er jedoch pünktlich zur festgesetzten Stunde 
und beginnt: Er sehe jetzt ein, da6 leugnen nütze nichts, er wolle mir 
seine Jugendgeschichte nicht geschminkt, sondern aufrichtig erzählen. 

Er war ein Knabe von 5 oder 6 Jahren, als der im Traume erwähnte 
Diener eineß Abends an sein Bett geschlichen kam, mit seinem Penis zu 
spielen begann und an ihm die Fellatio ausführte. Das hatte er so längere 
Zeit fortgesetzt; er selbst habe sich passiv verhalten und nichts anderes 
getan, als den Penis des Dieners in der Hand gehalten. Während er diese 

Stokfll, NsrrOR« Angitanatftada and Ihr« Behandlung. 2. Anfl. ] .', 



226 Zweiter Teil. Die Angsthystexie. 

Worte spricht, beginnt er heftig zu husten, wird blaurot im Gesiebt, ich merke 
deutlich, daß er nicht die Wahrheit gesagt hat, sondern daß er einen ähn- 
lichen Vorgang auch mit dem Diener vorgenommen haben muß. Der Diener 
lebt noch in seinem Hause und erfreut sich noch heute seiner großen 
Liebe, obwohl von „diesen Dingen", seit er verheiratet ist, selbstverständ- 
lich nicht mehr die Rede sein kann. Die große Zuneigung zum Diener er- 
klärt sich aus der Fixation der ersten sexuellen Neigung. Die spätere 
Analyse ergibt, daß der Diener wiederholt frech und keck mit ihm war, 
ihm allerlei Grund zur Unzufriedenheit gegeben und er es trotzdem nicht 
übers Herz gebracht habe, ihn unsanft anzufahren, geschweige denn ihm 
den Dienst zu kündigen. 

Und nun strömt ein so reiches Tatsachenmaterial, daß die Zeit nicht 
ausreicht, um alles zu besprechen und aufzunehmen. Er bat selbst seit der 
frühesten Kindheit onaniert, mit dem Bruder Onanie getrieben ; er bat wohl 
seiner Frau nie die Treue gebrochen, ist aber von vielen zügellosen Phan- 
tasien Tag und Nacht gequält. Alles, was er sieht, hört, liest, empfindet, 
gestaltet sich zu sexuellen Bildern, die er nicht meistern, nicht bannen, 
mit denen er nicht fertig werden kann. 

Ein zweites Moment taucht auf, das den Zorn, den er gegen seinen 
Bruder hat, etwas tiefer motiviert. Sein Bruder, der ein Lebemann ist und 
Frauen nachjagt, hatte seiner Frau in auffallender Weise den Hof gemacht, 
ja, einmal hätte er beide überrascht, wie sie zusammen aus dem Keller 
gekommen seien, wo sie angeblich etwas gesucht haben. Er kann wohl 
nichts Bestimmtes behaupten, ist auch bereit, auf die Treue seiner Frau 
zu schwören, nichtsdestoweniger bat er seinem Bruder damals heftige Vor- 
würfe gemacht, weil er auf diese Weise den Ruf seiner Frau gefährdete. 
Aber noch tiefer läßt sich die Rivalität mit seinem Bruder motivieren. 
Derselbe hat früher als er geheiratet, ihn wiederholt ins Schlafzimmer 
seiner Frau geführt, wo er ihm dieselbe sogar einmal in einer Bekleidung 
gezeigt hatte, die eigentlich gar keine Bekleidung mehr war, gewisser- 
maßen um ihn zu reizen und ihm die Schönheit seiner Frau vor Augen 
zu halten, als wollte er sagen: .Siehst du, das alles besitzeich, während 
du gar nichts hast." Er bat auch in der Abwesenheit seines Bruders sich 
immer bei der Schwägerin aufgehalten, mit ihr gespielt, „Dummheiten ge- 
trieben", ohne es jedoch zum äußersten kommen zu lassen. Sie waren ja 
damals noch alle Kinder. 

Unter anderen Erinnerungen taucht auch die an ein Seebad auf, in 
dem er mit seiner jungen Frau einen ganzen Sommer verbrachte. Diese 
Zeit war die glücklichste seines Lebens; er war immer sexuell außer- 
ordentlich erregt und hatte auch das Gefühl, daß er seine Frau befriedigte, 
was sonst nicht immer der Fall war. Die Genese dieser Potenz erklärt 
sich in sehr einfacher Weise. Der Freund, der in der Verdichtung des 
Traumes den Dritten gespielt hatte, war auch hier als der Dritte anwesend 
und wußte durch Zweideutigkeiten seine Leidenschaft zu steigern. Schließ- 
lich pflegten sie vor der Frau einen Ringkampf aufzuführen, der mit seinem 
Siege endete, weil er der Stärkere war. Er warf seinen Gegner zu Boden, 
stemmte ein Knie auf seine Brust und ließ ihn dann ruhig nach Hause 
gehen. Nach einem solchen Ringkampfe war er sehr erregt und pflegte 
sofort den Koitus auszuführen. Ganz deutlich läßt sich erkennen, daß es 
die homosexuelle und sadistische Komponente seines Wesens war, die, sehr 
stark ausgebildet, sich in diesem Falle mit seiner heterosexuellen kombi- 



Eine Berafsnenrose (Angst- and KonvenionshyBterie). 227 

nierte, am seine Leidenschaft aufs äußerste zn steigern. Er gesteht dies 
auch unumwunden zn. Er hat häufig homosexuelle Träume, überhaupt die 
absonderlichsten Träume, die alle das Thema sexueller Pervereionen vari- 
ieren. So erfahre ich immer mehr ans seinem Seelenleben, merke, daß der 
Mann, der ein so frommes, einsiedlerisches Leben führt, in der Phantasie 
der grüßte Don Juan ist, dessen Phantasien selbst die Erlebnisse eines 
Marquis de Sade in den Schatten stellen. Trotzdem gelingt es noch immer 
nicht, die Lösung seiner merkwürdigen neurotischen Symptome zu finden, 
der Arm bleibt anästhetisch; das Stottern beim Beten ist nicht behoben. 

Eines Tages erzählt er mir einen neuen Tranm: „Ich stand in einem 
Zimmer, das merkwürdig viereckig, eigentlich länglich gebaut 
war. Ich lag in einem Bette und ober demselben hing ein zweites, 
in dem sich eine Fran befand." Dieser Traum brachte die Lösung 
eines großen Teiles seiner Neurose. Zwei seiner wichtigsten, immer wieder- 
kehrenden Phantasien kamen durch das Traumbild an die Oberfläche. Das 
Zimmer ließ sich unschwer als ein Schlafcoupe in der Eisenbahn deuten. 
Er gab zu, daß er zwei Möglichkeiten kenne, wie er den Satzungen seiner 
Religion treu bleiben und doch seiner Frau die Treue brechen könnte. 
Wenn er im Coupe schlafen würde (dies ist einer seiner häufigsten 
Träume) und über ihm eine Dame liegen würde, die auf ihn 
herabfiele, so könnte eventuell eine Situation Zustandekommen, 
die der des Koitus sehr ähnlich wäre, den er ohne sein Dazu- 
tun ausgeführt hätte. Es wäre gewissermaßen eine Sünde wider 
Willen. Die zweite Möglichkeit, die er bei der Gelegenheit auch erwähnt 
(eine seiner häufigsten Phantasien), ist: Er befindet sich in einem Walde 
nnd wird von Räubern überfallen; der Räuberhauptmann setzt ihm die 
Pistole an die Brust und sagt: Entweder dn führst mit der Dame, die 
hier vor dir liegt, den Beischlaf aus oder ich schieße dich nieder (force 
majeure.!). In einem solchen Falle wäre es auch eine Sünde wider Willen, 
die Gott sicherlich verzeihen würde, weil er ja nur mit Hilfe dieser Sünde 
sein I>eben retten könnte. Zugleich mit der Deutung dieses Traumes ist 
aber eine seiner Obsessionen gelöst. Er leidet gewissermaßen an einer 
Reiseneurose. 

Nach drei Monaten Daheimbleibens erfaßt ihn eine drückende Unruhe, 
er kann nicht mehr arbeiten und beschließt, irgendwohin zu fahren, Pro- 
fessoren zu konsultieren oder einen berühmten Badeort aufzusuchen. Er 
fährt immer bei Nacht, immer im Schlafcoupe; offenbar drängt ihn die 
stille Hoffnung, eine üppige Dame werde über ihm liegend auf ihn herab- 
fallen. Er fährt der Erfüllung seines geheimsten Wunsches nach: Genuß 
ohne Sünde. An diesem Beispiel ersehen wir sehr schön den Mechanis- 
mus einer Obsession. Der klare Wunsch nach einem sexuellen Erlebnis ist 
ins Unbewußte verdrängt und maskiert sich durch verschiedene leichter 
erreichbare Wünsche, wie Konsultationen von Professoren, Besuche von 
Freunden, Aufsuchen von Kurorten n. dgl. Dinge mehr. Das Wichtigste, 
ja das einzig Wichtige bei diesen Wünschen ist die Reise. Es duldet ihn 
auch nicht lange in einem Kurorte, er verliert leicht die Geduld und fährt 
weiter, möglichst weit, immer bei Nacht, immer im Schlafwagen. 

Die zweite Phantasie von den zum Koitus zwingenden Räubern war 
ebenfalls die Ursache einer zwangsartigen Handlung. Er lief in den Kur- 
orten tagelang in den Wäldern herum. Immer in der Hoffnung, es werde 
seine Unschuld durch die Gewalt der Umstände ein schnelles Ende finden. 

15« 



228 Zweitor Teil. Die Angsthysterie. 

Er war ein frommer Mann, der es mit den Geboten der Religion sehr 
genau nahm. Diese zwei Phantasien waren Kompromisse zwischen den 
Forderungen des Triebes und den Satzungen seines Glaubens. Natürlich 
hatten beide Phantasien einen starken homosexuellen Einschlag. Denn in 
den Schlafcoupes liegen offenbar nur Männer Über den Männern. Außer- 
dem ist der Revolver ein bekanntes Phallussymbol. Er erwartete eine 
homosexuelle Vergewaltigung durch einen Räuber seiner Ehre. 

Die weitere Analyse dieses Traumes soll uns der Erkenntnis dieses 
Falles näher bringen. 

..Im Traume haben Sie eine Dame gesehen. An wen erinnert Sie 
diese Dame?" 

„An niemanden," antwortete er. Er schweigt fast eine halbe Stunde. 

„Es wird Ihnen doch irgend ein Name einfallen, wenn Sie Ihre Ge- 
danken zusammennehmen." 

„Absolut keiner!" *) 

Einige Minuten vergehen, endlich sagt er: „Jetzt fällt es mir plötz- 
lich ein. Die Dame bat genau das Gesicht meiner Hausfrau, bei der ich 
im Sommer wohne." 

„Welche Rolle spielt die Hausfrau in Ihrem Leben?" 

„Ich kenne sie nicht näher." 

„Ist sie jung oder alt?" 

„Sie ist eine junge, auffallend schöne, sehr hübsch gewachsene, 
starke Frau." 

„Also gewissermaßen Ihr Ideal, wie Sie es mir in unseren Ge- 
sprächen geschildert haben? Und Sie hatten gar kein Erlebnis mit ihr? 
Nicht einmal in Ihren Phantasien?" 

„Jetzt fällt mir etwas ein. Ich habe doch etwas mit ihr erlebt. Nach 
den Satzungen meiner Religion ist es mir verboten, einer fremden Dame 
die Hand zu reichen, überhaupt eine Frau mit begehrlicher Lüsternheit 
zu betrachten. Eines Morgens, als wir gerade aufs Land gekommen sind, 
gehe ich früh in den Garten, die Hausfrau kommt mir gerade entgegen 
und sagt mir: .Ich freue mich, daß Sie wieder hier sind und wünsche 
Ihnen, daß Sie einen angenehmen Sommer verleben sollen." Darauf reicht 
sie mir die Hand/ 

„Und Sie?" 

„Ich vergesse mich und strecke ihr meine Hand entgegen, die sie 
mir warm drückt. Wie ein heißer Strom zuckt es durch die Hand und 
von da durch den Körper. Etwas Ähnliches habe ich nie empfunden." 

„Und kurze Zeit nachher hat Ihre Hand das Gefühl verloren?" 

Der Patient rechnet einen Augenblick nach, dann sagt er: „Das 
stimmt wohl. Muß das aber im Zusammenhang sein? Übrigens, Sie können 
Recht haben; ich habe mir heftige Vorwürfe gemacht, daß ich es getan 
habe, war fortwährend von dem Gedanken verfolgt, daß Gott mich dafür 
bestrafen werde. Und jetzt fällt es mir erst ein, daß ich, als meine Hand 
schwächer wnrde und ich die Kraft verlor, wirklich glaubte, die Strafe 



') Wenn man in einer Analyse auf einen so hartnäckigen Widerstand des Patienten 
stoßt, wenn die Assoziation sich nicht einstollen will, so kann man mit Sicherheit darauf 
gefaßt sein, daß es sich um wichtige Dinge handelt, die vom Bewußtsein verdrängt sind, 
and deren Hebung mit heftigen UnlustgefUhlen verbunden ist. Diese Unlnstgefuhle äußern 
sieb in der Kor alt hartnäckiger Widerstand gegen die Fragen des Arztes. 



Eine Berafsneorose (Angst- and Konversionsbvsterie). 229 

Gottes sei schon gekommen. Das Bild dieser Frau jedoch verfolgt mich, 
sie ist es, die den Hauptbestandteil meiner Phantasien bildet." 

„Und die Sie im Eisenbahnconpä zu finden hoffen?" 

„Stimmt! Jedesmal wenn ich in einen Zng komme, fallt mir die 
Frao ein und immer hoffe ich, einmal werde es doch der Zufall zustande 
bringen, daß sie das Coupe mit mir teilt." 

Als Patient am nächsten Tage zu mir kam, war er bedeutend frischer. 
Die Anästhesie seiner Hand und des Armes war vollkommen 
geschwunden. 

Jetzt schreitet die Arbeit rapid vorwärts. Als ungeheure Entlastung 
empfindet es der Patient, daß er seine geheimen Gedanken endlich einmal 
ohne Scheu mitteilen kann. Er hatte keinen Menschen, mit dem er über 
diese Dinge sprechen konnte. 

Sein Blick wird freier, sein Wesen ungezwungen. Die Kunst der 
Psychotherapie besteht nicht nur darin, die Verdrängungen zu lösen, 
sondern auf das allgemein Menschliche dieser Dinge hinzuweisen. Jeder 
dieser Neurotiker kommt sich als schwerer Verbrecher vor. dessen äußeres 
Leben einen heuchlerischen Gegensatz zu seinen wirklichen Gedanken 
bildet. Da muß nun der Arzt eine große erzieherische Arbeit leisten, ein 
Stück seiner Persönlichkeit muß er opfern und dadurch, daß er dem 
Kranken vertraut, ihm gewissermaßen Eigenes beichtet, seine Beichte 
erleichtern. Schon dieses Moment, das individuelle Schicksal in ein all- 
gemeines zu verwandeln, verschafft eine ungeheure Entlastung. 

Mein Patient verlebt glückliche Tage; er fühlt sich fortschreitend 
besser und bemüht sich, selber die Verdrängungen zu heben. Das Thema 
wendet sich seiner Ehe zu, in der er offenbar nicht glücklich ist. Seine 
Sexualität kommt nicht auf ihre Kosten. Erst in geringen Andeutungen, 
dann immer lauter erheben sieh Anklagen gegen seine Frau, die sich zu 
Verdächtigungen verstärken. Man vergleiche das mit den anderen Fällen. 
„Ehe und Neurose" wäre ein interessantes Kapitel, das ich mir versagen 
muß, hier ausführlich zu behandeln. Ich weise nur darauf hin, daß ein 
großer Teil von Neurosen durch eine unglückliche Ehe zur Entwicklung 
gelangt. 

Auch die Zeit der Übertragung auf meine Person ist durchzumachen ; 
er hat verschiedene erotische Träume, bei denen ich eine große Rolle 
spiele. Die Analyse derselben bringt uns wieder tiefer in sein Seelenleben 
hinein. Schließlich bemerkt man an einer fast dramatischen Steigerung, 
daß alles der Lösung zuschreitet. Patient wird fürchterlich anfgeregt. Die 
Stimme versagt ihm zeitweilig. Es sind geistige Wehen, die der Aus- 
stoßung eines psychischen Fremdkörpers vorangehen. Die Lösung war 
selbst für mich überraschend. Nach einer Traumanalyse, die uhb durch 
zwei Stunden beschäftigte, stoße ich in den Traumgedanken wiederholt 
auf ein altes Buch, das sein ganzes Sinnen erfüllt. Es ist merkwürdiger- 
weise dasselbe Buch, das sein Bruder von ihm zurückverlangt hatte, das 
die Ursache des großen Streites war. In diesem Buche befindet sich eine 
Stelle, die vom Geschlechtsleben handelt. Patient gibt zu, schon früher 
als Kind beim Lesen ähnlicher Stellen der Bibel und anderer heiliger 
Schriften, wo von erotischen Vorgängen die Rede war, sehr erregt gewesen 
zu sein und mit Eifer diesen Fragen nachgeforscht zu haben. Das erwähnte 
alte Buch (Handschrift) aber enthält sehr bedeutende Ausführungen über 
Erotik, gewissermaßen eine Symbolik der Erotik. Es hat ihm immer ein 



230 Zweiter Teil. Di« Angsthysterie. 

ungeheures Vergnügen gemacht, in diesem Buche zu lesen. Ich weise 
darauf hin, daß der Konflikt mit seinem Bruder jetzt tiefer motiviert er- 
scheint. Früher waren es nur alte Bücher, um die es sich gehandelt hat, 
jetzt zeigt sich dieser Konflikt in einem ganz anderen Lichte. 

Der Bruder war in zweifacher Weise sein Rivale. Erstens hat er 
ihm seine Frau prahlend gezeigt und ihn gewissermaßen herausgefordert, 
sich in sie zu verlieben, was auch geschehen ist. Andrerseits hat der 
Binder seiner eigenen Frau den Hof gemacht, ja, Patient hat lange mit 
dem Verdachte gekämpft, ob zwischen dem Bruder und seiner Frau nicht 
„etwas" vorgefallen 6ei. Dann ist der freie Bruder ein Don Juan, während 
er in seinem frommen Berufe ein Asket sein muß. Dazu kommt noch das 
Moment, daß er gerade das Buch, dem er so viele erotische Anregungen 
verdankte, in das seine sexuellen Phantasien mündeten und das gewisser- 
maßen seine erste Geliebte gewesen, rauben wollte, wie die beiden andern 
(Frau und Schwägerin). Das erklärt auch die Reue über die Worte: Ich 
werde die Bücher nicht aus der Hand geben, eher wird man 
mich von den Büchern wegnehmen. 

Die Anästhesie der linken Hand erweist sich als zweifach deter- 
miniert. Erstens durch die Berührung mit der Hausfrau, zweitens durch 
sein flachartiges Gelöbnis, die Bücher nicht aus der Hand (mit der er 
onaniert hat!) zu geben. Es klingt gerade so, als sollte er sich von einem 
geliebten Wesen trennen. „Eher wird man mich von den Büchern weg- 
nehmen." 

Das alles bestätigt der Kranke. Ich frage ihn nach einigen Symbolen, 
die in diesem Buche stehen, und plötzlich gerät er in große Aufregung. 
Er müsse mir etwas gestehen, was ihm sehr peinlich sei, auch nur zu 
denken, waB ihn jahrelang verfolge und was er kraft seiner Bemühungen 
längst vergessen habe. Im Buche seines Urgroßvaters stünde eine Er- 
klärung des jüdischen Ausdruckes für Gott (Adonai), dessen Buchstaben 
sexuelle Symbole bedeuten. Der erste Buchstabe stelle eine Phase des 
sexuellen Aktes, der zweite eine andere, der dritte und vierte Mann und 
Frau vor. Es folgen nun wichtige Enthüllungen über sein Verhältnis znr 
Schwester. Dabei bekommt Patient einen Krampfanfall, es schüttelt ihn 
am ganzen Körper, er beginnt zu stottern, während er in der ganzen Kur 
klar und fließend gesprochen hatte. Die Inzestgedanken auf die Mutter 
und Schwester treten offen zutage. 

Nun ist die ganze Neurose klar. Er ist beim Beten immer bei dem 
Worte „Golt der Herr" stecken geblieben. In dem Moment, als er es 
aussprechen wollte, blieb er stecken, weil die verdrängten Gedanken die 
vier Buchstaben, die sexuelle Symbole waren, aus dem Unbewußten auf- 
tauchen ließen. Diese ihm als frommen und heiligen Manne peinlichen 
Vorstellungen wollte er verdrängen. Die Verdrängung gelang nur zum Teil. 

Das Verdrängende waren seine religiösen Hemmungsvorstellungen. 
Das Verdrängte drang jedoch mächtig in das Verdrängende ein. Seine 
religiösen Akte durchsetzten sich mit einer geheimen sexuellen Symbolik. 
Er blieb — nicht ohne tiefere Determinierung — mitten in der Rede 
stecken. Er blieb auch immer beim Worte ..Adonai" stecken, weil dieses 
Wort ihn sowohl an seine sündigen Begehrungsvorstellungen als auch an 
seine Hemmungen erinnerte. Denn der Gott der Juden ist ein strenger. 
unbarmherziger, strafender Gott. Er fürchtet die Strafen für seine schweren 
Vergehen. Für seine Onanie, seine sündhaften Wünsche, die die Schwägerin 



Eine Berufsneurose. 231 

and alle anderen schönen Fraaen wie gierige Geier umkreisten, für die 
sexuellen Erregungen, die er während heiliger Handlungen empfand. Er 
hatte ferner andere schwere Sünden auf dem Gewissen. Er hatte seinem 
Bruder den Tod gewünscht, auch seiner eigenen Frau, um alle Hindernisse 
aas dem Wege zu räumen. Sein ganzes lieben war ein unaufhörlicher 
Kampf mit der Sünde. Den ganzen Tag erfüllten ihn die sexuellen Phan- 
tasien, durchsetzten sein Denken, Handeln, Fühlen. Vor ihnen gab es keine 
Flucht. Sie waren durch die Verdrängung zu treibenden Kräften im Un- 
bewußten umgewertet worden. Sie wurden niemals von dem Individuellen 
ins Allgemein-Menschliche aufgelöst. Er kam sich als der Verworfenste 
aller Menschen vor. Er, der fromme, heilige Mann, der Stolz seiner Gemeinde, 
der Enkel einer berühmten Rabbiner-Familie, der das Wort Gottes predigen 
sollte, — war ärger und verworfener als das schlimmste Mitglied seiner 
Gemeinde. Der große Streit mit dem Bruder machte einen Teil der ver- 
borgenen, fixierten Affekte aus. Das seelische Gleichgewicht war ohne 
fremde Hilfe nicht mehr herzustellen. Dies alles machte ich dem Hoch- 
intelligenten klar — er hatte es schon im Laufe der Kur selber eingesehen. 

Mit dieser Erklärung schloß die für mich denkwürdige Sitzung. Hat 
der Psychotherapeut nach langem Ringen mit den dunklen Rätseln endlich 
einmal die Lösung gefunden, so ist er für seine Mühe reichlich belohnt. 
Das Gefühl gleicht dem aller zähen Entdecker, denen es endlich gelingt, 
ihre Gedanken zur Tat werden zn lassen. Ähnliches muß ein Chirurg empfin- 
den, der eine schwere, lebensrettende Operation glücklich vollbracht hat. 

Am nächsten Tage versucht Patient in einem Bethause vorzubeten, 
was ihm mühelos und ohne Stocken gelingt. Er erinnert sich plötzlich 
seiner häuslichen Pflichten, während er früher noch Monate in Behandlung 
bleiben wollte; es drängt ihn, nach Hause zu fahren. Nach einigen Sitzungen, 
während derer wir noch unwesentliche Details erledigen und einige kleine 
Zwangsvorstellungen auflösen, fährt er nach Hause. 

Nach fünf Jahren schickt er mir seine Tochter zur psycho-analy- 
tischen Behandlung. Er ist seit der „psychischen Kur" vollkommen gesund 
und seinem Berufe in jeder Hinsicht gewachsen. 



XXTTT. Eine Berufsneurose. 

Nr. 98. Herr I. B., ein rumänischer Priester, 43 Jahre alt, von ge- 
sunden Eltern stammend, krankt seit zwei Jahren an einer Angstvorstel- 
lung, die ihn für seinen Beruf geradezu untauglich macht. Es handelt sich uro 
eine jener Berufsneurosen, wie ich sie im vorhergehenden Falle analysierte 
und wie sie Bechtereff (Zcntralblatt für Nervenheilkunde, 1903, „Über 
krankhafte Angst von professionellem Charakter, Angst des Sakraments- 
tragens bei Priestern") freilich ohne psychologische Motivierung beschreibt. 
Bechtereff macht nämlich darauf aufmerksam , daß diese Krankheit bei 
Priestern in Rußland in letzterer Zeit von ihm sehr häufig beobachtet 
wurde, und schildert zugleich eingehend einen Fall, dessen sehr bemerkens- 
werte Angst nach dem Ausspruche des Kranken folgendermaßen lautet: 
„Es scheint mir während des Tragens der Sakramente, es könnte von der 
Schulter das Tuch herabfallen. Oder es könnte die kleine Decke, die die 
Sakramente verhüllt, zu Boden fallen. Es stellt sich an Händen und Füßen 
ein Zittern ein; etwas in meinen Armen und Beinen ist nicht in Ordnung." 



232 Zweiter Teil. Die Angsthysterie. 

Bechtereff erwähnt auch, daß in diesem Falle die neurasthenischen Erschei- 
nungen sehr wenig ausgesprochen waren, weiß uns aber von der Psycho- 
genese dieser Angst nichts mitzuteilen. Wir erkennen gleich, daß es sich 
um eine Psychoneurose, und zwar um eine ausgesprochene Angsthysterie 
handelt, bei der eine genaue Psychoanalyse sicherlich den Nachweis liefern 
würde, „daß die Symptome die sexuelle Betätigung der Kranken darstellen". 
Die Analyse jedes neuen Falles beweist immer wieder die Ausführungen 
Freuds: 

„Nicht nur, daß ein guter Teil der hysterischen 'Symptomatologie direkt 
aus den Äußerungen der sexuellen Erregtheit herstammt, nicht nur, daß 
eine Reihe von erogenen Zonen in der Neurose in Verstärkung infantiler 
Eigenschaften sich zur Bedeutung von Genitalien erhebt; die kompliziertesten 
Symptome selbst enthüllen sich als die konvertierten Darstellungen von 
Phantasien, welche eine sexuelle Situation zum Inhalte haben. Wer die 
Sprache der Hysterie zu deuten versteht, kann vernehmen, daß die Neurose 
nur von der verdrängten Sexualität der Kranken handelt. Man wolle nur 
die Sexualfunktion in ihrem richtigen, durch die infantile Anlage umschrie- 
benen Umfange verstehen. Wo eine banale Emotion zur Verursachung der 
Erkrankung gerechnet werden muß, weist die Analyse regelmäßig nach, 
daß die nicht fehlende sexuelle Komponente des traumatischen Erlebnisses 
die pathogene Wirkung ausgeübt hat." 

Doch kehren wir zu unserem Falle zurück. Der Priester, von dem wir 
sprechen wollen, leidet an einer ähnlichen Angstvorstellung wie der Rabbiner 
im vorhergehenden Kapitel. Er kann öffentlich schwer sprechen. Sein Krank- 
heitsbild zeigt eine Reihe von quälenden Symptomen, die ich mit den Worten 
des Kranken selbst wiedergebe: 

„Ich versehe in einer kleinen rumänischen Gemeinde die Funktionen 
eines griechisch-orientalischen zweiten Priesters. Als ich meinen Posten vor 
23 Jahren antrat, war ich von den Lehren meines Meisters beseelt, der 
uns eindringlich gepredigt, daß man auch die kleinste Funktion nur er- 
baulich, würdevoll, heilig — also langsam vortragen müsse. Bald jedoch 
fand ich, daß das Publikum für diese Art nur bei feierlichen Gottesdiensten 
Verständnis habe und daß ihm diese Art bei Gottesdiensten an Wochen- 
tagen oder an Feiertagen bei Stellen, auf die wenig Gewicht gelegt wird, 
wegen der Zeit, die sie in Anspruch nimmt, nicht behagt. Namentlich unsere 
Präfekten und andere Würdenträger, denen der häufige Gottesdienst zur 
Last ist, und die als die Spitzen der Behörden in der Kirche den Geistlichen 
zum „Fertigwerden" mahnen, sind Gegner meiner Art. Rechnet man 
hinzu, daß meine Art, da sie längere Zeit in Anspruch nimmt, auch viel 
anstrengender ist als die andere, so ist es kein Wunder, wenn ich das 
Bedürfnis habe, diese Art abzulegen. Allein ich kann aus meiner Haut 
nicht heraus. Diese Auffassung des Vortrages ist mir auf den Leib ge- 
schnitten und hat mir einen großen Ruf als Prediger gemacht. Da ich aber 
ein entgegenkommender Mensch bin, streiten oft zwei Mächte während des 
Vortrages in mir. Die eine Macht ist das Bewußtsein, daß es nur sognt 
ist, wie ich es mache, daß es meinem Naturell oder meiner Gewohn- 
heit (ich weiß es nicht, ob ich durch Angewöhnung mit Leichtigkeit an- 
ders vortragen könnte) nur so liege und mir nur so wohltue; die 
zweite Macht ist der Wunsch, den Anwesenden das häufige Anhören der 
zumeist immer gleichen, also uninteressanten langen Rezitative zu ersparen, 
resp. dieselben abzukürzen. Ich pflege also oft ganze Absätze zu stehlen, 



Ein« Berufsnearose. 233 

wenn es gebt und ich an bemerkt still in den Bart hinein brummen kann. 
Das würde mich weiter nicht beunruhigen, wenn ich nor diesem Diebstahl 
unterworfen wäre. Allein, wenn ich das nächste Mal dieses Überspringen 
nnterlasBen möchte , geht es nicht. Ich werde, wenn ich zu dieser Stelle 
gelange, fürchterlich aufgeregt und um es mir zu ersparen, in dieser Auf- 
regung zu rezitieren, falle ich in die Gewohnheit des Unterdrückens zurück. 
Diese Klippe, die ich vor mir sehe, beunruhigt mich oft während der ganzen 
Punktion. Bei ungünstigen äußeren Einwirkungen ist die Sache immer ärger. 
So macht die große Kälte oder Hitze in der Kirche, vorheriger Ärger, Um- 
stände, die auf meine Laune und Lust zum Fungieren schädlich einwirken, 
meine Aufregung großer. 

Als ich nun vor 6 Jahren plötzlich mit einer längeren Nebenfunktion 
belastet wurde, regte mich von vornherein der Gedanke auf: Werde ich 
für diese Funktion, die dem Publikum Nebensache ist, die ich aber dessen- 
ungeachtet meiner Natur oder Gewohnheit gemäß vortragen muß, die nötige 
Geduld haben? Ich zelebrierte die Funktion unter Aufregung von A bis Z, 
produzierte mich dabei, um nur nicht in der Aufregung unwillkürlich in ein 
Negligefahrwasser zu geraten, und diese Leistung in der Aufregung 
erzeugte in mir solches Übelbefinden, daß meine Herztätigkeit fast auf Null 
reduziert war und ich nach Beendigung dieser Funktion abtreten und das 
weitere dem Kooperator überlassen mußte. 

Vor l 1 /» Jahren hatte ich vor meinen Schülern die Vorlesung der 
Geschichte von Ahasveros und Esther zu vollziehen. Diese Funktion dauert 
bei mir eine volle Stunde. Denn ich zeige viel Vortragskunst dabei. Da 
ich infolge einer tagsvorher erlebten Gemütserregung sehr schlechter Laune 
war, leistete ich diese Funktion in einer großen Aufregung von vorne- 
herein und die infolgedessen naturgemäß schwerere Atmung während des 
Vortrages erzeugte wieder ein Übelbefinden. Es wurde mir sehr übel, das 
Blut wich aus dem Kopfe und Herz und Puls standen fast still. Seit da- 
mals fungiere ich nicht ohne Riechfläscbchen, habe immer Angst, daß mir 
übel wird, hatte schon wiederholt ähnliche Zustände beim Fungieren, die 
ich aber aushielt, weil ich Essigäther bei mir hatte, an dem ich roch. Auch 
Validol wirkte sehr günstig auf meine Stimmung. Ich möchte noch erwähnen, 
daß ich schon vor 6 Jahren bei der Vorlesung des Kapitels von Deborah 
einen ähnlichen Anfall durchgemacht habe. 

Meine Frage an die Wissenschaft lautet: Warum besitze ich nicht 
jene Rücksichtslosigkeit, die sich über die unberechtigten Wünsche 
einiger Menschen gleichgültig und ruhig hinwegsetzt, nachdem 
ich sehe, daß ich diesen Wünschen nicht entsprechen kann und nachdem 
ich als Künstler weiß, daß die Wünsche vollständig ungerechtfertigt sind." 

So lautet die Darstellung der Krankengeschichte mit den Worten des 
Kranken. Wir bemerken sogleich, daß die angegebenen Motive unmöglich 
die einzigen und die wichtigsten sein können, daß sich hinter diesen Fra- 
gen offenbar ganz andere Fragen verbergen. Die Aufregung kann unmög- 
lich daher stammen, daß der Präfekt die Länge des Gottesdienstes als 
eine Fessel empfindet. Ist er mehr Priester oder Künstler? Als Künstler 
betrachtet er sich, weil er eine gründliche musikalische Ausbildung ge- 
nossen und eine sehr schöne Stimme hat. Wir lassen uns also vom Kran- 
ken weitere Symptome berichten und fragen ihn, ob er selbst diese Krank- 
heit auf besondere Aufregungen zurückführt. An besondere Aufregungen 
will er sich nicht erinnern. Doch findet er seinen Beruf als solchen 



234 Zweiter Teil. Die AngsüiyBterie. 

drückend and unangenehm. Er hätte gern die weltliche Hochschale bezogen 
und wäre ein Gelehrter, Professor, Arzt oder gar Sänger geworden. Statt 
dessen sitze er in einer kleinen Gemeinde mit seinen Fähigkeiten and 
seiner herrlichen Stimme. Besonders auf letztere legt er Gewicht. Er hätte 
es sicher bei entsprechendem Glück zu einem berühmten Konzertsänger 
bringen können, wäre vielleicht Opernsänger geworden. Auch empfindet 
er kleinliche Sekkaturen seines Berufes sehr drückend. Es gibt Stellen im 
Alten und Neuen Testamente und Gebete, die ihm direkt lächerlich er- 
scheinen. Das ewige Wiederholen einer und derselben Gebetsformel, noch 
dazu an ein und demselben Tage mehrere Male, müsse jedem denkenden 
Menschen lästig werden. Er erklärt sich das Zustandekommen der Angst- 
gefühle durch eine Störung im Sprachorgane. Die Lippe werde offenbar 
steifer und die Zunge verliere ihre Geschmeidigkeit infolge der Ermüdung. 

Er hat mit zirka 14 Jahren zu onanieren begonnen und die Onanie 
bis zur Ehe fortgesetzt. Er gesteht freimütig, daß er auch jetzt noch zu- 
weilen, doch selten onaniert. Er lebt in glücklicher Ehe, hat eine sehr 
schöne Frau, die ihm vier Kinder geboren hat. Seine Lebensgeschichte 
ist bald erzählt. Es ist unglaublich., wie wenig den Leuten einfällt, wenn 
man sie auffordert, die Geschichte ihres Lebens zu erzählen. Die ganze 
hysterische Amnesie verrät sich gewöhnlich aus den kolossalen Defekten, 
die diese erste Darstellung enthält. Es ist eigentlich die wichtigste Auf- 
gabe des Seelenarztes, diese Defekte auszufüllen, die hysterische Amnesie 
aufzuheben. Das beste Mittel bietet uns, wie ich schon des öfteren ausge- 
führt habe, die Traumanalyse. Da alles, was mir der Patient vor dem 
ersten Traume erzählte, ziemlich belanglos war, will ich die Analyse dieses 
Falles sofort mit der Analyse des ersten Traumes beginnen. Der Traum 
lautet: 

„Meinen Großvater, der schon sehr lange tot ist, den habe 
ich gesehen und mit ihm über Verschiedenes gesprochen. Was, 
weiß ich nicht. Ich glaube über „Klosett". Meine Frau war auch 
dabei. Dann habe ich geträumt, daß ich an Wochentagen eine 
längere Funktion ausübe, die ich nie hätte machen sollen, und 
habe Angst gehabt. Als Nachtrag fällt ihm ein: Der Großvater hat 
im Pissoir etwas gerichtet. Er wollte etwas reparieren. Im 
Pissoir waren vier Schnäbel und daran wollte er etwas richten." 

Der Traum ist deshalb von großer Bedeutung, weil er offen die Angst 
enthüllt, die den Patienten quält, an Wochentagen eine Funktion auszu- 
üben, der er nicht gewachsen ist „und die er nie hätte machen sollen", 
und wir die berechtigte Hoffnung hegen, ans der Analyse des Traumes 
zur Erkenntnis dieser Angst vorzudringen. Ich fordere also den Patienten 
auf, die Einfälle, die ihm zu den einzelnen Sätzen aufsteigen, unbeeinflußt, 
ob er sie für wichtig oder nichtig hält, vorzubringen, und erfahre von 
ihm folgende Tatsachen, die ich nur in gedrängter Kürze wiedergebe. Die 
Analyse dieses Traumes hat sich durch ca. 14 Tage hingezogen und würde 
für sich allein in ihrer Ausführlichkeit den Rahmen dieses Buches aus- 
füllen. Ich verzichte also auf alle Umwege und Ausflüchte und gebe die 
nackten Tatsachen wieder. 

Der Traum enthält in erster Linie Gedanken, die sich mit dem Groß- 
vater beschäftigen. Damit hat es folgende Bewandtnis: Unser Pope hatte 
schon ein Gymnasium absolviert, als der Großvater, der vermöge seiner 
Wohlhabenheit über alles zu entscheiden hatte, das Machtwort aussprach, 



Eine Berufsneorose. 235 

er müsse ins Seminar. Ursprünglich sehr fromm erzogen, hatte er das 
Schicksal gehabt, im Gymnasium auf sehr freisinnige Lehrer zo stoßen, 
die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, den Kindern die Idee des Fort- 
schrittes and der Aufklärung beizubringen. So lernte der Knabe alle Zere- 
monien, die ihm im Elternbanse als etwas Heiliges und Erhabenes vor- 
kamen , auch in einem anderen Lichte betrachten. Der freiere Geist 
kämpfte mit dem Klerikalismus. Mehr der Not gehorchend als dem eigenen 
Triebe, gab er das Studium der Philosophie auf und trat in ein Seminar 
ein. In seinem späteren Leben jedoch hat er sehr bedauert, daß er das 
Studium nicht fortgesetzt hat. Er hält sich für einen höheren Beruf be- 
stimmt. Er glaubt, daß er als Gymnasialprofessor oder Philosoph glück- 
licher gewesen wäre. In diesem Traume wagte er es, dem Großvater, der 
Zeit seines Lebens eine große Autorität für ihn war, die Wahrheit zu 
sagen. Daß das gewaltsame Hineinzerren eines Menschen in einen Beruf, 
für den er nicht paßt, eigentlich eine „Schweinerei" ist. Darauf bezieht 
sich: „Mein Großvater, der schon lange gestorben ist, den habe ich ge- 
sehen und mit ihm über Klosett gesprochen." Der zweite Teil derTraum- 
gedanken gebt auf jene Zeit zurück, da er beim Großvater gelebt hat. Da 
lernte er die Onanie kennen. Er weiß nicht mehr durch wen. Damals 
flüchtete er oft in das Klosett, um dort ungestört onanieren zu können. 
Um jene Zeit war auch eine gewisse homosexuelle Neigung bei ihm aus- 
gebrochen. Er ging mit dem Großvater in das Bad und interessierte sich sehr 
lebhaft für die Männer, die er dort nackt sah, und machte vergleichende 
Studien über die Größe des Penis. Ferner kommt im Traume ein kleiner 
Satz vor. der anfangs weniger verständlich scheint. „Meine Frau war auch 
dabei." Er ist auch mit seiner Frau nicht zufrieden. Sie ist hochfahrend, 
stolz, gibt sich mit fremden Leuten nicht gern ab und das schadet ihm 
in seinem Berufe. Dann macht sie sich auch direkt über seinen Beruf und 
seine Frömmigkeit lustig. Er hat auch, nur über Veranlassung seiner Frau, 
versucht, aus der Kutte zu springen und zwei Jahre von Scbriftstellerei 
zu leben. Da ist es ihm allerdings nicht am besten gegangen und so 
mußte er nolens volens zu dem Berufe eines Geistlichen zurückkehren. 
Das erklärt zum Teil den Nachtrag des Traumes: „Im Pissoir waren vier 
Schnäbel und daran wollte der Großvater etwas richten." Die vier 
Schnäbel sind seine vier Kinder, die er füttern mußte. 

Er hat sich oft gesagt: „Wenn die Kinder nicht da wären, würde 
ich schon aushalten und mich durchsetzen können. Aber ich habe vier 
Schnäbel zu füttern." In diesem Traume zeigt der Großvater den guten 
Willen, ihn aus seiner schmutzigen Lage (Pissoir, Klosett) zu befreien. 
Wir werden später sehen, daß dieser Traum Uberdeterminiert ist und daß 
die wichtigsten Bedeutungen erst später auftauchen. Doch schon jetzt 
drängt sich uns die Vermutung auf, daß der Satz „Meine Frau war 
auch dabei" noch eine andere Bedeutung haben muß. Der Großvater ist 
lange tot. Er sieht seine Frau in Gesellschaft des Großvaters. Er wirft 
also seine Frau zu den Toten. Er wünscht, seine Frau möge tot sein. 1 ) 
Dieser Gedanke vom Tode des anderen Gatten fehlt — wie ich wiederholt 
betont habe — in keiner Angsthysterie, die man analysieren kann, und 
ist gewissermaßen die Grundlage jenes erdrückenden Schuldbewußtseins, 
das die Leute so traurig und so lebensmüde macht. Es muß aber irgend ein 



'] Vergleiche die Todessymbolik in „Die Sprache des Traumes". 



236 Zweiter Teil. Die Angatbysterie. 

treibendes Motiv im Spiele sein, daß er die Gegenwart seiner Fran so 
lästig empfindet. Das leugnet er vorläufig, gibt nur Abwehrgedanken in 
bezng auf ihr Wesen zu; wir werden jedoch später erfahren, daß bei 
dieser Auffassung des Traumes der Kernpunkt seiner Neurose durch- 
schimmert. Dieser verdrängte Gedanke muß mit seiner Angst im intimen 
Zusammenhange stehen. Denn unmittelbar darauf wurde er im Traum bei 
einer längeren Funktion an Wochentagen, die er nie macht, von heftigen 
Angstanfällen Überfallen. Wir vermuten also, daß uns dieser Angsttraum 
mehr von seiner Angst verraten wird, und gehen auf die weitere Analyse 
desselben ein. Er erzählt, daß er nur bei den Gebeten an Wochentagen 
von heftiger Angst befallen wird, besonders gegen den Schluß zu, daß er 
aber an Feiertagen und Sonntagen von dieser Angst befreit ist. Unter 
seinen Erinnerungen taucht eine auf, welche für die Analyse dieser Angst 
von großer Bedeutung ist. Er hat — seit er sich erinnert — nur an 
Wochentagen onaniert. Er hat es an Feiertagen, weil er keine Sünde 
auf sich nehmen wollte, nicht getan, und weil er sich nach einem Onanie- 
akte immer etwas schlaff und matt fühlte und „alle seine Kräfte", wie er 
sich ausdrückte, brauchte. Auch ist er nicht imstande, ohne eine gewisse 
erotische Anregung an Wochentagen zu funktionieren. Am Sonntage gibt 
es viele Menschen in der Kirche, darunter auch schöne Frauen. Er hat 
das Gefühl, daß er nur für diese spricht und singt. An Wochentagen sind 
nur wenige Männer und ein paar alte Weiber da. Da hilft er sich damit, 
daß er sich eine junge, schöne Frau vorstellt. Ein Freund habe ihm ein- 
mal gesagt: Wenn man sich etwas Freundliches vorstellt, verscheucht man 
die Angstgedanken. Das ist aber nur eine nachträgliche Motivierung, denn 
er pflegt diese Phantasieerregung schon viel länger, als er den Freund 
kennt. Die Funktion an Wochentagen geht also folgendermaßen vor sich. 
Sie beginnt mit der erotischen Vorstellung eines schönen Frauenkörpere 
und verläuft unter dem Bilde einer geistigen Onanie. Ähnlich wie beim 
Koitus kommt er am Schlüsse seines Gebetes in ein rascheres Tempo und 
empfindet Angst dabei, weil es sich um eine Libido handelt, die nicht zur 
Abfuhr gelangt. 1 ) Außerdem hat er die typische Angst des Onanisten, durch 
die Onanie sein Leben verkürzt zu haben. Schon frühzeitig war ihm ein 
Buch in die Hand gekommen, welches vor der Onanie sehr eindringlich 
warnte und ihm allerlei schlimme Folgen, wie Gedächtnisschwäche, Para- 
lyse, Rückcnmarksleiden, Auszehrung prophezeit hatte. Seit damals fuhrt 
er einen heftigen Kampf gegen die Onanie und unterliegt immer; denn er 
onaniert noch jetzt, obwohl er verheiratet ist. Nach jedem onanistischen 
Akte empfindet er ein heftiges Reue- und Angstgefühl, daß er sich wieder 
dem Grabe um einen Schritt näher gebracht habe. Jetzt wird uns der Satz 
verständlich: „Dann habe ich geträumt, daß ich an Wochentagen eine 
längere Funktion auszuüben habe, die ich nie mache, nie hätte machen 
sollen." Er träumt eben, daß er das erstemal onaniert. Im Traume ist 
es eine Funktion, die er nie macht. 

Es steht noch die Erklärung für die „längere Funktion" aus. 
Er hat von jeher die Gewohnheit, sowohl den Koitus als die Onanie 
möglichst in die Länge zu ziehen. Ein jeder Akt muß bei ihm lange 
dauern. Er muß erbaulich, mit Muße ausgeführt werden, nm dadurch das 



') Aach die Furcht vor der Strafe Gottes spielt bei dieser Funktion eine große Bolle, 
Er ist ein Gotteslästerer! 



Eine Bernfsneorose. 237 

Lustgefühl zd steigern. Wir sehen die Anknüpfung an seinen Beruf. Er 
sagt auch von seiner Vortragsweise, daß sie erbaulich und langsam vor 
sich gehe. Am Schlüsse eines sexuellen Aktes (Onanie oder Koitus) hält 
er sich zurück, um ja nicht in ein rasches Tempo zu geraten. Wir sehen 
wieder einen Hinweis auf seine Angst, am Schlüsse des Gebetes in ein zn 
rasches Tempo zu geraten. Mit diesem Hinweis ist jedoch der ganze In- 
halt des Traumes noch lange nicht erschöpft. Es scheint sich offenbar 
auch um eine längere Funktion bei einer anderen Frau zu handeln, denn 
dies ist ja der Sinn des Traumes. Seine Frau hat er aus dem Wege ge- 
räumt; sie ist, wo der Großvater ist, bei den Toten, und er nimmt die 
Funktion, die er sonst mit seiner Frau vornimmt, mit einer anderen vor. 
Wir werden sehen, daß im nächsten Traume die volle Bestätigung dieser 
Ansicht von dem Patienten selbst gebracht wird. 

Freud behauptet, daß ein jeder Traum eine Anknüpfung an das In- 
fantile haben muß. Nicht immer läßt die fortschreitende Analyse die Mög- 
lichkeit zu, nach dieser Anknüpfung zu forschen. In diesem Falle, wo die 
Analyse des Traumes aus dem einfachen Grunde, weil keine anderen vor- 
läufig nachfolgten, bis in die intimsten Zusammenstellungen verfolgt wurde, 
kam ich auch auf die vollständige Lösung, welche uns den Nachtrag von 
den vier Schnäbeln in überraschender Weise aufklärt. Es fiel dem Patienten 
ein, daß er einmal von dem jungen Dienstmädchen des Großvaters ge- 
badet wurde, wobei dieses Dienstmädchen mit seineu Genitalien spielte 
(Alter ungefähr 4 Jahre!). Das Klosett ist der Ausdruck fUr die große 
Kloake resp. das Symbol für Anus und Penis. Das Kind unterscheidet 
ja nicht zwischen Genitalien und Anna. Ihm imponiert das „ganze Klo- 
sett" als Genitalorgan. Die Scham wird ihm für die hintere Funktion 
ebenso wie für die vordere anerzogen und so kommt es, daß in späteren 
Jahren durch Fixation infantiler Eindrucke der Anus die Rolle einer ero- 
genen Zone spielt. Unser Patient hat in der Kindheit die Zeit sehr gerne 
am Klosett verbracht. Noch heute bereitet ihm das Absetzen des Stuhles 
ein gewisses Wohlbehagen. Dieses Dienstmädchen nun scheint nicht nur 
mit ihm, sondern auch mit seinen Brüdern dieselbe abscheuliche Mani- 
pulation getrieben zu haben. Denn der Nachtrag des Traumes wird klar, 
wenn man den Großvater durch sein Dienstmädchen ersetzt: Das Dienst- 
mädchen hat im Pissoir etwas gerichtet, es wollte etwas reparieren. Es 
waren im Pissoir vier Schnäbel (4 Knaben) da und da wollte sie etwas 
richten. Es ist, als ob er das Dienstmädchen anklagen würde, sie hätte 
die Schuld an seiner Krankheit, was ja tatsächlich der Fall ist, da 
gerade dieses frühe sexuelle Trauma die Gedanken des Knaben in die 
erotischen Bahnen gelenkt hatte. Andrerseits bewahren die Kinder solchen 
Personen gegenüber etwas von der Anhänglichkeit, die man seiner ersten 
Geliebten schuldet. Ahnlich kann die Frau nie den Mann vergessen, der sie 
zuerst besessen hat. Carpenter sagt, daß der Mann, dem das Weib zuerst 
den Leib hingibt, wie sein Charakter auch sein mag, einen unabänder- 
lichen Anspruch auf deren Herz bewahrt. So habe ich nicht bemerkt, daß 
jemals in einem Falle, wo es sich um Verführung eines jugendlichen In- 
dividuums oder eines Kindes handelt, bei dem es Lustgefühle empfunden 
und nicht Schmerzen auszustehen hatte, ein reiner Affekt des Hasses oder 
der Abwehr ohne starke Strömung der Liebe zu der verführenden Person 
nachzuweisen war. 



238 Zweiter Teil. Die Angsthysterie. 

Als wichtige Erinnerung fällt dem Patienten noch ein Erlebnis ein, 
das seine Stellang zu seiner Frau scharf präzisiert. Er hatte ursprüng- 
lich eine andere geliebt, so geliebt, daß er darüber fast den Verstand 
verloren hätte, und konnte sie nicht erreichen. Er war damals noch zu 
jung. Er gibt noch eine Reihe von Anspielungen und Anknüpfungen, die 
anzuführen hier unmöglich ist. 

Nach diesem Traume dringen dem Patienten eine Fülle von Erleb- 
nissen auf, die sich alle auf Eroberungen beziehen. In jedem Städtchen 
hatte er ein anderes Mädchen. Überall gefiel ihm bald ein Mädchen, bald 
eine Frau, bald aber auch deren mehrere. Und alle wurden sie in der 
Phantasie sein Eigen. Alle besaß er beim Onanieren oder er stellte sie 
sich an Wochentagen beim Gebete vor. 

Noch tiefer in das Problem seiner Krankheit bringt uns der zweite 
Traum: Ich habe von einer Frau König eine Wohnung mieten 
wollen. Sie war aber nicht zu haben. Sie wurde mir für später 
zugesagt. Der Ort ist nicht der Ort meines gegenwärtigen Auf- 
enthaltes, sondern mein Geburtsort. 

Handelt es sich in einem Traume um eine Wohnung mit vielen 
Zimmern, so geht man nicht fehl, wenn man an „Frauenzimmer" denkt. 
Wir schreiten jedoch ohne Voreingenommenheit an die Analyse des 
Traumes und fragen, was ihm wohl am Traume am auffallendsten war. 
Er sagt: die Gestalt der Frau. Es war eine alte kleine Frau, die mit dem 
Rücken zu ihm stand und die er darum nicht sehen konnte. Ich dachte 
mir, da der Mann in Rumänien lebt, wo es keinen Kaiser („Kaiser" be- 
deutet im Traum immer oder fast gewöhnlich „Vater") gibt, sondern einen 
König, ob „Frau König" hier nicht die Mutter bedeuten sollte. Zuerst 
natürlich, ob er überhaupt eine Frau König kennt. Er kennt eine solche, 
hat aber keine Beziehungen zu ihr, sie ist ihm in keiner Weise aufgefallen. 
Er weiß nicht, wieso ihm gerade dieser Name einfallen konnte. Die weitere 
Frage, an wen ihn die alte Frau erinnerte, beantwortet er spontan: an 
meine Mutter, behauptet aber, daß ihm weiteres zu diesem Thema nicht 
einfalle. Wir versuchen, diesen Widerstand nicht durch unvorsichtige 
Deutungen zn umgehen und lassen ihn seine Erinnerungen weiter erzählen. 
Es fällt ihm ein Dienstmädchen ein, das ihm den Koitus zugesagt hat. 
Als er aber bei Nacht zu ihr kam, sagte sie, sie habe den „roten König" 
und er könne heute nicht zu ihr kommen. Sie versprach ihm aber, ihn 
nach einigen Tagen zu verständigen, bis sie gesund sein werde. Mittler- 
weile wurde sie entlassen. Wir sehen also, daß die Wohnung, die er mieten 
wollte und die ihm für später zugesagt wurde, in einer Bedeutung die 
Vagina darstellt. Ferner fällt ihm eine junge Frau ein, die Kiralyi heißt. 
Das ist, wie ihm bekannt ist, der ungarische Ausdruck für König. Diese 
Frau kommt ihm sehr entgegen und er hat die Empfindung, daß sie nicht 
Bchwer zu erobern wäre. Allein er läßt sich niemals mit einer Frau ein, 
wenn es Folgen haben könnte, aus einem, wie er sagt, sehr naheliegenden 
Grunde: Wenn diese Frau dann von ihm ein Kind hätte, so 
könnte leicht der Fall eintreten, daß eines seiner Kinder mit 
diesem Kinde aus Unwissenheit des nahen Verwandtschafts- 
verhältnisses Blutschande treiben könnte. 

Diese Schutzvorstellung dient ollen bar dazu, um ihn abzuhalten, sich 
mit den vielen Frauen einzulassen, die ihn sexuell reizen. Es scheint 
aber auch eine Abwchrvorstellung zu sein. Eine Abwehrvorstellung gegen 



Eine Berofsneurose. 239 

die eigenen Inzestgedanken. In der weiteren Analyse des Traumes produ- 
ziert er eine Menge von Inzestgedanken. Er hat die Frau seines älteren 
Bruders geliebt, ja er liebt and begehrt sie vielleicht noch heute. Freilich 
hat er nie, auch nur mit einer Miene diesen Gedanken verraten. Es tauchen 
aber auch Inzestgedanken an seine Mutter auf. Er lag mit ihr einmal in 
einem Zimmer, da er schon 16 Jahre alt war. Da onanierte er und stellte 
sich dabei seine Mutter vor. Er erinnert sich, sie auch als Kind öfters be- 
obachtet zu haben. Jetzt wird der Traum noch deutlicher. Der letzte Satz 
hieß ja: Der Ort war mein Geburtsort. Dort hatte er Beine Mutter gesehen. 
Der Geburtsort war jedoch der Leib der Mutter. Seinen Geburtsort besuchen, 
heißt in der Sprache des Traumes sehr häufig, einen Inzest mit der 
Mutter ausführen. Wir durchblicken seine Liebe zur Mutter : „Sie war aber 
nicht zu haben." „Wohnung suchen" heißt hier in der Traumsprache einen 
sexuellen Verkehr suchen. Der Traum reproduziert eine Inzestphantasie 
aus dem 16. Lebensjahre und eine viel frühere aus den Kinderjahren, die 
uns durch eine Deckerinnerung, deren Analyse später folgen soll, bekannt 
wird. Dieser Gedanke war ihm sehr peinlich, und er hat das Möglichste 
getan, ihn zu verdrängen. Als Kompromiß aus dem Durchbruch und der 
Verdrängung dieses Inzestgedankens waren manche seiner Symptome zu 
verstehen. 

Damit ist der Traum aber nicht zu Ende gedeutet. Die wichtigste 
Aufklärung ergibt das Moment, daß ihm eine Frau einfällt, die in seinem 
Leben eine große Holle gespielt hat und die Regina Kaiser heißt. (Regina=die 
Königin.) Diese Frau hatte schon als sehr junges Mädchen in seinem Eltern- 
hause verkehrt und sich von ihm manchen Kuß rauben lassen. Es glimmte 
eine Art stiller Liebe zwischen beiden, ohne daß sie darüber etwas ge- 
sprochen hatten. Nach seiner Hochzeit sah er sie als aufgeblühtes, herrlich 
schönes Mädchen wieder und es gelang ihm, ihr einige Male unbemerkt 
einen halb erwiderten Kuß zu rauben. Als er seine letzte Pfarre bezog, 
war es einer seiner Anziehungspunkte, daß dieses Mädchen als junge Frau 
dort wohnte. Er verkehrte mit ihr und ihrem Manne sehr freundschaftlich, 
bis die Frauen eines Tages zu streiten begannen. Herr K. machte nämlich 
seiner eigenen Frau den Hof. Darüber wurde Regina so eifersüchtig, daß 
sie bei einer kleinen Gelegenheit einen Streit vom Zaune brach und sie die 
gegenseitigen Beziehungen abbrachen. Diese Frau haßt nnd verachtet 
er jetzt. Aber er gibt zu, daß er sie einmal gelieht, ja daß er sie schon 
als ehrbare Ehefrau des öfteren geküßt habe. Er gesteht auch, daß er 
sich mit dem Gedanken getragen, wie das wäre, wenn er sie zu seiner 
Frau machen könnte. Jetzt verstehen wir, warum er in dem ersten Traume 
seine Fran zur Seite schiebt (sie ist dort, wo der Großvater ist). Er ist in 
dem zweiten Traume mit Regina noch befreundet. Wohl hat sie seine Wer- 
bungen abgeschlagen (im Traume heißt es: Sie war aber nicht zu haben). 
Aber der Traum eröffnet ihm eine neue Perspektive : er wird sie sich noch 
erringen. (Sie wurde mir für später zugesagt.) Der Traum verrät die Identi- 
fizierung der Frau Kaiser mit seiner Mutter. Sie ist eine Nichte der Mutter 
und ihr sehr ähnlich. Die Wunscherfüllung des Traumes liegt in dem Um- 
stand, daß sie noch zu erreichen ist und daß der böse Streit der Frauen 
ihre Liebe zu ihm nicht verringert hat. 

Wir sehen also, daß die Frau König des Traumes die Verdichtung 
mehrerer Personen darstellt, und zwar: 1. seine Mutter; 2. das menstruierende 
Dienstmädchen ; 3. Frau Kiralyi und 4. Frau Regina Kaiser. 



240 Zweiter Teil. Die Angsthyeterie. 

In den folgenden Tagen befindet sich der Patient permanent in hoch- 
gradiger Aufregung. Der Gedanke, daß Frau Kaiser ihn so gekränkt 
hat, beherrscht ihn fortwährend. Wenn er nur wüßte, wie er sich an ihr 
rächen könnte ! Eine Menge von kleinen Details bringt den klaren Beweis, 
daß er in Frau Kaiser verliebt gewesen, daß die kleinen erotischen An- 
regungen ihrer Gesellschaft für ihn unentbehrlich waren. Den Rest, der 
ihm zu wünschen übrig blieb, erledigte er prompt beim on artistischen Akte 
und bei seinem Gebete. Denn er stellte sich auch Regina als freundliche 
Gestalt beim Beten vor. Immer mehr ergibt die Analyse das Resultat, daß 
bei diesem Kranken das Gebet direkt als onanistischer Akt ausgeübt 
wurde. Vor dem Beten (notabene nur an Wochentagen) hat er ein dumpfes 
Gefühl der Beklemmung, das er angeblich durch schöne Bilder verscheu- 
chen will. Er stellt sich also eine schöne Frau (meistens Frau Kaiser) vor, 
worauf die Aufregung etwas nachläßt, um sich gegen Schluß des Gebetes 
jedoch heftig zu steigern. 

Die weiteren Aufklärungen, die er darüber gibt, machen es verständ- 
lich, warum er bei der Lektüre der biblischen Geschichte von Esther einen 
so heftigen Angstanfall erlitt, daß er fast ohnmächtig wurde. Diese Ge- 
schichte trug sich nach den Erzählungen der Bibel folgendermaßen zu: 
Der König Ahasver wollte seinen Völkern und Fürsten die Schönheit seiner 
Frau, der Königin Vasti, zeigen. Die Königin weigerte sich jedoch, dem 
Befehle nachzukommen, so daß der erboste König die sieben Fürsten von 
Persien und Medien um ihre Ansicht fragte, was mit einer solchen Köni- 
gin zu geschehen habe. Die Fürsten gaben dem König den Rat, die Ge- 
mahlin zu verstoßen und sich eine andere, die Schönste im 
ganzen Königreiche, zu wählen. Man ließ nun alle Jungfrauen zu- 
sammenbringen und aus ihnen wählte er die schönste, Esther, die Tochter 
des Mordechai. Diese Geschichte führte auf dem Geleise unbewußter Asso- 
ziationen zu seinen eigenen geheimen Gedanken. Auch er hatte mit dem 
Gedanken gespielt, seine Frau zu verlassen und sich eine andere Frau und 
Königin (Regina Kaiser) zu erwählen. Damals aber war der vollständige 
Bruch zwischen ihnen schon eingetreten. Dieser Traum, oder sagen wir 
dieses unbewußte Spiel mit den Gedanken war mit einem Male zu Ende. 
Der Gegensatz zwischen der unangenehmen Gegenwart und seinen ge- 
heimen Wünschen, das Schuldbewußtsein seiner Frau gegenüber vereinig- 
ten sich, um in ihm jenen Angstanfall auszulösen, welcher die Einleitung 
seiner schweren Neurose werden sollte. 

In ähnlicher Weise erklärt es sich, warum er nach der Lektüre der 
Geschichte von Deborah schon vor sechs Jahren einen heftigen Anfall er- 
litt. Zwei Stellen waren es, die ihn damals mächtig erregt hatten und die 
er auslassen wollte. Die Stelle, da das Weib des Komiten Heber den König 
Cisera in ihr Zelt lockte und ihm, während er schlief, einen Nagel in 
seine Schläfe stieß, und die Stelle, wo dann die Beute verteilt wurde und wo 
es heißt, .ein Mädchen oder mehrere Mädchen für jeden Mann a . Die erste 
Stelle war eine Anspielung auf eine Form der Perversion, die er häufig 
an sich hatte ausüben lassen (Fellatio). Nagel ist ein außerordentlich 
häufiges Symbol für Penis. Nagel in der Schläfe — symbolisches Bild für 
„Penis in ore". 1 ) Noch bedeutsamer war die zweite Stelle, daß jeder Mann 



') Noch wichtiger sind die kriminellen Phantasien, die in einem Vatermord gipfeln. 
Diese Fährte wurde damals nicht verfolgt. 



Eine Bernfsnearose. 241 

ein oder mehrere Mildchen erhalten sollte. Er erinnert 6ich, daß diese 
Stelle schon in seiner Kindheit beim Lesen der Bibel einen großen Ein- 
druck anf ihn gemacht hatte, eine Empfindung, als wenn er die Eroberer 
um diese Beute beneiden würde. Überhaupt waren alle erotischen Stellen 
der Bibel Quellen für seine Phantasietätigkeit und haben nicht zum wenig- 
sten dazu beigetragen, die Verquickung zwischen religiösem Akt und der 
Sexualität zu fordern. Eine genane Analyse der ttberschlagenen Stellen in 
den Gebeten (die er beim Beten auslassen maßte) ergibt einen ähnlichen 
Befund. Er empfindet Widerstände bei allen Stellen, wo von Liebe und 
„Empfängnis" des Gebetes, von Empfängnis Überhaupt die Rede ist. Er 
empfindet Widerstände bei allen Stellen des Gebetes, wo von der Allwissenheit 
Gottes gesprochen wird, weil sich sein Schuldbewußtsein meldet, weil er 
sich für einen so argen Sünder hält, der durch das Hineintragen der Se- 
xualität in das Gebet den Gottesdienst geschändet und entweiht hat. Des- 
halb stockt er bei den Stellen, die eine gnädige Aufnahme des Gebetes 
befürworten, deshalb zittert er, wenn er vor den offenen Angen Gottes 
sprechen oder singen soll. Nach dieser Erklärung mochte der Patient nur 
wissen, weshalb er in den letzten Jahren auch bei dem Königsgebet stecken 
geblieben ist und Angst empfunden hat. Er zeigt mir die betreffende Stelle. 
Diese lautet: 

„Kaiser und König! König aller Könige!" — Die Aufklärung fällt 
ihm jetzt selbst ein. Er hat unbewußt an Regina Kaiser, die ihm die 
königliche Herrscherin, die Schönste aller Schönen, die Königin aller 
Königinnen ist, gedacht. Er möchte noch wissen, warum er einzelne Gebet- 
stellen, die ganz indifferent sind, überschlagen hat. Er nennt eine Stelle: 
„In deinem Königreiche sollen sich alle an diesem Tage dem Genüsse 
weihen." Immer ist eine Anspielung an Regina nachzuweisen. 

Nach einer längeren Pause, in der es gelingt, eine Menge von kleinen 
wichtigen Erinnerungen und Verdrängungen zu heben, bringt er wieder 
einen Traum: Ich erzähle meinem Präfekten, daß der Geistliche 
X. an einer Angstneurose leidet und nicht mehr in die Kirche 
kommen kann. An diesem Kollegen hat er sich einmal in feiner Weise 
gerächt. Jetzt rächt er sich an ihm zum zweiten Male, indem er ihm ge- 
wissermaßen die ganze Krankheit überträgt. Aber der Traum enthüllt noch 
Rachegedanken Regina gegenüber. Denn die Fortsetzung des Traumes 
lautet: Der König läßt sich von mir darüber Bericht erstatten. 
Als wenn er das Bedürfnis hätte, der Frau Kaiser ins Gesicht zu schreien: 
Du bist an meiner Angstneurose schuld. Dn sollst wissen, daß ich deinet- 
wegen nicht mehr in der Kirche erscheinen kann. Er hat Herrn Kaiser 
einen Brief geschrieben, der einen übersichtlichen Bericht über die ganze 
Tratschaffaire enthielt nnd mit einigen ungeschminkten Wahrheiten über 
dessen in doppeltem Sinne schuldige Frau gepfeffert war. 

Seine Stimmung wird ruhiger, er fühlt schon etwas mehr Zuversicht 
und hofft auf das Gelingen der Kur. Assoziationsexperimente, die wir vor- 
nehmen, zeigen diesen Fortschritt sehr deutlich. In den ersten Experi- 
menten war auf das Wort „Regina" eine große Pause und dann die Asso- 
ziation r Groll" gekommen. Nach „Gebet" kam nach einer großen Pause 
„kunstvoll". Dann kamen zwei Assoziationen, die sehr bezeichnend waren : 
„Frau — begehrenswert"; „Ehefrau — ehrenwert". Damit gestand er eigent- 
lich den tiefsten Grund seines Konfliktes. Auf „Vorwürfe" kam die Asso- 
ziation „berechtigt". 

8t»ktl, NerrOM AngnauBt&nd« und ihr* Bshindlnng. •:. Aifl. ](J 



242 Zweiter Teil. Die Angathysterie. 

Einige Tage vor Schloß der Kur kam auf „Regina" die Assoziation 
„Sympathie"; auf „Beruf die Assoziation „Brot", während sie früher 
„unerträglich" gelautet hatte. Auf „Mädchen" die Assoziation „gute Laune 
machend''; auf „Laster" „sehr angenehm". Auf „Angst" die Assoziation 
„weg damit" und auf „Heilung" „sicher". 

Auch die frei aufsteigenden Wortreihen, die ich ihn sagen ließ, 
zeigten die ganze Stimmnngsveränderung des Patienten, der sich nach 
Lösung aller Verdrängungen in sichtlich freierer und besserer Laune 
befindet. 

Eine Deckerinnernng ist noch zu erklären: Er sieht sich und seinen 
Bruder in weißen Höschen halb nackt dastehen. Er glanbt, die Erinnerung 
ins zweite bis dritte Lebensjahr zurUckverlegen zu können. Es ist über- 
haupt seine erste Erinnerung. In Wirklichkeit ergibt die Nachforschung, 
daß diese Erinnerung erst viel später aufgetreten ist. Erst nach dem 
zwanzigsten Lebensjahre begann er, diese Erinnerung zu reproduzieren, 
unzweifelhaft eine Deckerinnernng im Sinne Freuds (Psychopathologie des 
Alltagslebens, Berlin 1907). Diese Deckerinnerungen bewahren gleichgültige 
und nebensächliche Eindrücke, während die sich darunter verbergenden 
affektreichen und eindrucksvollen verschwunden sind. Freud sagt darüber: 

„Da es bekannt ist, daß das Gedächtnis unter den ihm dargebotenen 
Eindrücken eine Auswahl trifft 1 ), stände man hier vor der Annahme, daß 
diese Auswahl im Kindesalter nach ganz anderen Prinzipien vor sich geht 
als zur Zeit der intellektuellen Reife. Eingehende UnterBuchung weist aber 
nach, daß diese Annahme überflüssig ist. Die indifferenten Kindheitser- 
innerongen verdanken ihre Existenz, einem Verechiebungsvorgang. Sie 
sind der Ersatz in der Reproduktion für andere wirklich bedeutsame Ein- 
drücke, deren Erinnerung sich durch psychische Analyse aus ihnen ent- 
wickeln läßt, deren direkte Reproduktion aber durch einen Widerstand ge- 
hindert ist. Da sie ihre Erhaltung nicht dem eigenen Inhalte, sondern 
einer assoziativen Beziehung ihres Inhaltes zu einem anderen, verdrängten, 
verdanken, haben sie auf den Namen Deckerinnerung, mit welchem ich 
sie ausgezeichnet habe, begründeten Anspruch." 

So verschweigt auch unsere Deckerinnernng das wichtigste und ver- 
rät nur ein verfälschtes Detail. Denn nachträglich fällt dem Patienten ein: 
Er sieht seine Mutter, wie sie die beiden Kinder lachend betrachtet. Und 
als weiteres Detail fällt ihm ein, daß sein Vater wiederholt mit offenen 
Hosen im Zimmer herumgegangen, so daß er sein Glied sehen konnte. 
Daß sein jüngerer Bruder zu dieser Zeit gar keine Hosen tragen konnte, 
sondern ein Kleidchen, taucht ihm auch erst nachträglich auf. Versucht 
man jedoch, diese Deckerinnerung mit dem Schlüssel der Traumdeutung zu 
enträtseln, so ergibt sich, daß seine Mutter beide „Kleinen" *) sieht und 
diese beiden sind er und der Vater, dem er sich durch diese Erinnerung 
als gleichwertiger Rivale zur Seite stellt. Er hat ja denselben Gedanken 
im zweiten Traume ausgesprochen. Jetzt fällt es ihm auch ein, daß der 
Vater mit ihm manchmal sehr hartherzig umgegangen ist und ihn ohne 
Grund bei kleinen Versehen sehr geschlagen hat. In solchen Momenten 



') Ein ähnlicher Gedanke findet sich bei Nietzsche: „Das habe ich getan" — sagt 
mein Gedächtnis. „Das kann ich nicht getao haben" — sagt mein Stol» and bleibt uner- 
bittlich. Endlich — gibt das Gedächtnis nach, (Jenseits von Gut and Böse.) 

') Der Kleine = das Kind = ein Pballuesvmbol. 



Eine BernfimeoroBe. 243 

Übermannte ihn ein Haßgefühl gegen den Vater. 1 ) Das ist ein typisches Er- 
lebnis. Muthmann macht darauf aufmerksam, daß sich eine Stelle, welche 
von der Liebe des Kindes zu seiner Matter handelt, im Stendhal*) findet, 
der in seinen Jugenderinnernngen folgendes erzählt: 

„Ich war immer in meine Mntter verliebt. Ich wollte meine Mutter 
immer küssen und wünschte, daß es keine Kleider gäbe. Sie liebte mich 
leidenschaftlich und schloß mich oft in ihre Arme. Ich kttßte sie mit so- 
viel Feuer, daß sie gewissermaßen verpflichtet war, davon zu gehen. Ich 
verabscheute meinen Vater, wenn er dazu kam und unsere Küsse unter- 
brach. Ich wollte sie ihr immer auf die Brust geben. Man geruhe sich zu 
vergegenwärtigen, daß ich sie verloren, als ich kaum 7 Jahre alt war. Sie 
starb in der Blüte und Schönheit ihrer Jugend. So habe ich vor 46 Jahren 
das verloren, was ich am meisten auf Erden geliebt habe." *) 

Mit der Lösung dieser Deckerinnerung und der Aufdeckung der In- 
zestgedanken ist die schwerste Verdrängung beseitigt. Patient fühlt sich 
von Tag zu Tag wohler und bringt mir noch zwei Tage vor dem Ab- 
schied einen Tranm: Ich bekam von einem Assistenten Jungmann 
(der heute tot ist — natürlich) auf Empfehlung meines Freundes 
Weiser ein Zeugnis über mein Wissen. In meiner Wohnung be- 
merkte ich, daß das Zeugnis meinen Namen nicht enthält. 
Später traf ich den Assistenten, teilte ihm das mit nnd er ver- 
sprach, mir ein anderes Zeugnis zu schreiben und zu über- 
senden. Am Schlüsse des Traumes war ich im Theater und sah 
Kainz im Tartüff. Der Traum ist leicht zu deuten. Der Patient nimmt 
die Deutung selbst vor. Jungmann war einer seiner Lehrer und hat ihm 
als Assistent des Professors einmal ein sehr gutes Zeugnis über ein Kollo- 
quium gegeben. Später traf er den Lehrer, als er das Grab seines Vaters 
besuchte. Der Mann war in verwahrlostem Zustande und klagte ihm seine 
Not, als ob er von ihm eine Unterstützung hätte erbitten wollen. Er gab 
ihm aber nichts, aas Scham, seinen früheren Lehrer zu beschenken, und 
machte sich nachher noch viele Jahre darüber Vorwürfe. 4 ) Weiser 
war einer seiner Kollegen, einer der besten und hellsten Köpfe, sein in- 
timer Freund, ein großartiger Redner, einstens sein Vorbild. Als ich ihn 
aufforderte, von Jungmann aus eine Reihe von Namen zu nennen, kommt 
er nach einigen anderen Lehrern auf mich, was ich von Anfang an ge- 
wußt habe. Weiser, sein Vorbild, ist Professor Freud, der ihn zum Assi- 
stenten Jungmann — der bin ich — zur Behandlung geschickt hat. Wäh- 
rend er die Weisheit des Professors durch die Assoziation Weiser ge- 
wissermaßen unterstreicht, macht er sich teilweise über meine Jugend 
lustig. Andrerseits enthält das Traumbild das Bedauern über die großen 
Ausgaben der Kur. Auch die leise Befürchtung, ich konnte etwas von den 
mir durch ihn anvertrauten Dingen verraten; ich bin für ihn überflüssig, 
abgetan, gewissermaßen ein Toter. Deshalb wirft er mich im Traume zum 



') Man beachte die Stelle von der Ermordnng des Königs Cisera durch einen Nagel ! 

') v. Stendhal, Henry ßeyle, „Bekenntnisse eines Egoisten". 

') Beiches Material aber Inzestneigungen der Rinder linden sich im Zentralblatt für 
Psj-cboanalyse (Bd. I. u. II.). 

* ) Der Vorwarf gebt tiefer. Der Lehrer wird mit dem Vater identifiziert. Er empfindet 
eine heimliche Schadenfreade darüber, daß es dem Lebrer schleoht gebt and will nichts 
tan, um seine Not za lindern. Der Vorwurf trifft also seine Herzlosigkeit und seine Haß- 
regnngen. Er ist ja auch in der Deckerinnerung der .Assistent seines Vaters". 

16* 



244 Zweiter Teil. Die Angsthysterie. 

toten Lehrer („der schon heute tot ist — natürlich"). Ich sterbe eines 
natürlichen Todes. Ich habe ihm in der Tat ein Zeugnis gegeben, 
welches seinen längeren Anfenthalt in Wien ermöglicht hat. Ich bin aach 
sein Lehrer. Ich habe ihm ein neues Wissen beigebracht: die Erkenntnis 
der Zusammenhänge seiner Krankheit. Bleibt noch die Analyse der sonder- 
baren Tatsache, daß das Zeugnis seinen Namen nicht enthält. Und da 
fällt ihm ein, daß das Zeagnis noch ein rätselhaftes Wort enthalten hatte. 
Weiser, sein Kollege, hatte in der Schule einen Spitznamen, weil er ein 
Liebchen hatte, das Esther hieß. Deshalb wurde er Estherlus genannt. 
Und im Zeugnis stand mit großen Lettern geschrieben: Karester, eine 
Zusammenziehung von Cara (teuer) und . . . wieder Esther, der Königin 
seines Herzens, mit anderen Worten: Regina Kaiser. Das Zeugnis enthielt 
ihren Namen, Bein Name jedoch fehlte. Das hängt damit zusammen, daß 
ich die Hoffnung ausgesprochen hatte, der abgerissene Faden werde sich 
wieder anstückeln lassen und die Freundschaft bald wieder hergestellt 
sein durfte. In diesem Traume ist die Hoffnung auf ein neues Zeugnis 
ausgedruckt. Ferner fallen ihm im Anschluß an Jungmann junge Männer 
und einige homosexuelle Erinnerungen an seine Kindheit ein, die beweisen, 
daß diese Komponente bei der Übertragung seiner Gefühle auf meine Per- 
son auch zum Gelingen der Kur mitgeholfen hat. 

Der Schluß des Traumes (Kainz-TartUff) enthüllt den Vorsatz, seinen 
Beruf nicht mehr so schwer zu nehmen und ohne Gewissensbisse den 
Leuten etwas vorzuheucheln. Er will ein Schauspieler des Lebens werden. 
Sein Vorbild wird Tartüff sein. Er tröstet sich mit dem Bewußtsein, daß 
er nicht schlechter ist als alle anderen Menschen, daß ihn Milieu, Veran- 
lagung und Erlebnisse in die erotische Bahn gedrängt haben, er tröstet 
sich ferner mit dem Bewußtsein, daß er in einem so schönen Berufe so 
vielen Menschen durch Trost und durch die Erbaulichkeit seines Gebetes den 
Seelenfrieden wiedergeben kann, den er sich durch offenes Aassprechen 
mit mir wieder vollkommen errungen hat. 

Ich möchte am Schluß der Analyse noch auf einige Punkte aufmerk- 
sam machen. Lesen wir die vom Patienten mir Ubergebene Schilderang 
seiner Krankheit aufmerksam durch, so fällt uns besonders die geheime 
sexuelle Symbolik auf. Ich verweise nur auf doppelsinnig gebrauchte Aus- 
drücke: „Fertig werden", ferner „daß es nur so gut ist, wie ich 
es mache" usw. Das ganze Gebet vollzieht sich im Zeichen des Erotis- 
mus. An einer Stelle seiner Krankengeschichte brachen die unbewußten 
Gedanken offen durch. Er gebraucht nämlich den Ausdruck „Neglige- 
fahrwasser". Er fürchtet in ein Negligefahrwasser zu geraten. Das 
findet seine Erklärung in dem Umstände, daß Regina Kaiser ihn wieder- 
holt in einem verführerischen Neglige empfangen hatte. Einmal hatte sie 
ihn in höchster Aufregung rufen lassen. Sie hatte ihren Mann bei einer 
Untreue ertappt und wollte sich von ihm scheiden lassen. In der Erregung 
vergaß sie — oder war es unbewußte Absicht — , daß das Neglige vorne 
nicht geschlossen war. Er sah ihre schöne Büste. Kurze Zeit nachher kam 
es zum Bruche zwischen den beiden Frauen. Frau Kaiser hatte offenbar 
von ihrem Freunde ein größeres Entgegenkommen erwartet. Sie wollte 
sich revanchieren. Wie glücklich sind manche Frauen, wenn sie das Un- 
glück haben, sich revanchieren zu dürfen. Er jedoch hatte weder den 
Mut zu einer Sünde, noch die Kraft, auf die geliebte Frau zu ver- 
zichten. 



Angst vor dem Erröten (Erytbropbobie). 245 

Die heftigen Anklagen, die Patient gegen den Präfekten nnd seine 
Frau in der Kur erhoben hatte, waren Anklagen gegen seine eigene Per- 
son — nach außen projiziert. 

Wir sehen, wie die Aufregungen der jüngsten Zeit die latente Neu- 
rose, die schon jahrelang bestand, manifest machten. 

Er fährt beruhigt und genesen nach Hause. 

Nach einigen Wochen erhalte ich von ihm einen Brief, in dem er 
mitteilt, daß er ohne jedes Angstgefühl auch an Wochentagen fungiert 
und sich vollkommen gesund fühlt. Er dankt mir nochmals herzlich für 
seine komplette Heilung. 

Wahrlich, fllr 6 Wochen — solange dauerte die Kur — ein schöner 
Erfolg der psychoanalytischen Methode ! ') 



XXIV. Angst vor dem Erröten (Erythrophobie). 

Fragmente einer Analyse. 

Nr. 99. Mit einem sehr sonderbaren Wunschzettel führt sich der 
24jährige Mechaniker S. S., der von mir hypnotisiert werden will, ein. 
Dieser Wunschzettel lautet: 

Wünsche an den Hypnotismus: 

1. Abgewöhnung der Zwangsgedanken : Furcht, Verwirrtsein, Erröten, 
Ausweichen des Blickes. 

2. Ablegung der Onanie. 

3. .Stärkung der Augennerven, so daß Arbeiten längere oder kürzere 
Zeit ohne Glas möglich. 

4. Stärkung des Gedächtnisses. (Durch Obiges geschwächt.) 

5. Sicherheit im Auftreten und ruhiges Ausführen aller Berufsar- 
beiten, auch wenn Personen im Räume sind, die beobachten, fixieren, in 
die Arbeit sehen; Sicherheit beim Eintreten in öffentliche Lokale oder 
sonstige Räume. 

6. Ausfallen der Haare an den rasierten Stellen im Gesicht und an 
den Händen. 

7. Lustigkeit und Frohsinn und Vergessen des ganzen bisher durch- 
gemachten Leidens der Neurasthenie. 

8. Aneignung schöner, ruhiger Schrift. 

9. Stärkung der Zahnnerven. 

10. Aufhören des Schwindels beim Drehen (Tanzen). 

Man könnte im ersten Momente glauben, daß es sich vielleicht um 
eine Dementia praecox handelt, weil einzelne dieser Wünsche so absurd 



') Epikrise: 

Nach vier Jahren bekam ich zufällig Kenntnis von dem Befinden des Expati- 
enten. Eines Tages kam eine Dame in meine Ordination, die an Platzangst litt. Sie bätte 
gehört, daß ihr Pope an ähnlichen Aogstzaständen gelitten habe and geheilt worden sei. 
Herr J. B. gab ihr meine Adresse, bat sie, tirü&e zu bestellen and auszurichten, er wäre 
vollkommen gesund. Auf die Frage, welcher Art die Behandlung wäre, meinte der Pope: 
Der Doktor S. wird ihnen die Tropfen geben, die mir so gut getan haben. Dabei habe er 
eigentümlich gelächelt. Die Dame, welche die weite Reise nach WieD unternommen hatte, 
verlangte nun in allem Ernste die wanderbaren Tropfen and war sehr enttäuscht, als sie 
horte, es handle sich nur am eine „psychische" Behandlang. 



246 Zweiter Teü. Die AngstbyBterie. 

klingen. Eis zeigt sich aber bei genauerer Betrachtung, daß im Mittel- 
punkte dieses Krankheitsbildes eine Angsthysterie steht, daß die Erythro- 
phobie '.las den Patienten am meisten belästigende Symptom ist. Die 
Erankheitsgeschichte des Patienten gebe ich nach seinen Aufzeichnungen 
wörtlich — mit der Mischung aus Pathos, Aufrichtigkeit und Unbeholfen- 
heit — wieder: 

„Erinnerungen aus meiner Jugendzeit: 

Als ein Wiener Großstadtkind kam ich zur Welt. Out gepflegt wuchs 
ioh heran und kam zur Schule. Vollendete als guter Schüler die fünf 
Volksschulklassen, nichts wissend von dem, was sich in der Welt draußen 
abspielte. Ich kam in die Bürgerschule. Erst jetzt erfuhr ich, daß Menschen 
nicht nach ihren Eigenschaften, sondern kraft ihrer Religion beurteilt 
werden. Ich war oft der einzige Jude in der Klasse. Daß ich trotz der 
verschiedenen Nergeleieo glücklich gewesen sein mußte, erinnert mich 
eine Episode, als wir einmal, zu meiner Schwester Geburtstag, den „Ver- 
schwender" von Ferdinand Raimund spielten und ich den Regisseur machte. 
Damals erzielte ich als Valentin mit dem Hobellied einen großen Erfolg. 
Ich war gerade zwölf Jahre alt. Das ist das Alter, wo jeder Knabe be- 
ginnt, an dem religiösen Kult seiner Väter teilzunehmen. Mein Vater hielt 
mich strenge in diesen Dingen, doch schon frühzeitig tat ich es nur mit 
Widerwillen. Da kam das böse 13. Lebensjahr, das UnglUcksjahr der 
Onanie. Ich turnte einmal, als ich allein zu Hause war, auf einem Sessel, 
ich kam zwischen den Beinen auf die Lehne zu sitzen, ich suchte einen 
Rnhepunkt. Diese Position schien nicht unangenehm zu sein, ich blieb in 
ihr, die Lage wurde angenehmer und das erste Mal in meinem Leben 
empfand ich ein Gefühl, das an die Seligkeit im Himmel mahnte. Das 
Gefühl behagte mir und ich wiederholte es, so oft ich konnte. Und es 
ist natürlich, daß die Kraft, die nicht verbraucht wird, wenn die Kinder 
sich nicht austoben, die überschüssige Energie zur Onanie wird. Ich durfte 
nur selten vom Hause weg und wenn ich mich verspätete, gab es Schelte. 
Unmittelbar nach der Entdeckung der Masturbation wurde mir die Sache 
zu eintttnig und ich mußte etwas finden, um meine Sinnlichkeit aufzu- 
stacheln; ich war ein unterdrücktes Kind, sah nichts um mich, was mir 
erotische Gedanken geben konnte, suchte aber eine Aneiferung zur Onanie. 
Ich verfiel auf sadistische Neigungen. Wie diese über mich kamen, weiß 
ich nicht, wahrscheinlich als Erinnerung an meine früheste Kindheit, wo 
ich harte Schläge bekam, wenn ich schlimm war. Meine Neigungen sind 
platonischer Natur oder Träumereien bis auf eine harmlose Kinderei, wo 
wir als Buben Vater und Sohn spielten! Nach dem Beginne der Onanie 
dachte ich nur selten an sadistische Dinge. In späterer Zeit, als die Sym- 
ptome der Neurasthenie sich mehrten, ich immer neue Kränkungen er- 
fuhr, empfand ich immer mehr Freude, mit Onanie Sadistik (!) zu ver- 
binden, diese beiden geheim zu halten als Entschädigung oder als Rache 
an der bösen Welt. Ich ward ein zurückgezogener Junge, lebte nur mit 
dem Laster der Onanie. Da kam mir das Buch „Vom imponierenden Auf- 
treten" in die Hand. Darin las ich, daß die Onanie auf die Dauer schäd- 
lich wirke; ich, in meiner Aufregung, las nur, daß Onanie schädlich sei. 
Da trat eine Krise ein. 

Ich konnte mich dem Laster nicht entziehen, wußte, daß es schäd- 
lich sei; tat es seltener und dachte mit Angst an die etwaigen Folgen. 
Also zu Furcht und Verwirrtsein kam die Angst vor den schädlichen 



Angnt vor dam Erröten (Erythrophobie), 247 

Folgen der Onanie. Ich lief von einem Arzte zum andern. Keiner wußte 
mir zn helfen. Ich wnrde Aber ärztlichen Rat dreimal einer verschiedenen 
elektrotherapentiachen Behandlang unterzogen ; zwei Landaufenthalte, Me- 
dizinen en ma&se, eine Kaltwasserbehandlung usw. blieben ohne Erfolg. 
Ich wurde mittlerweile ans einem Lehrjungen ein Gehilfe, immer von den 
Zwangsgedanken, Furcht, Angst begleitet. Ich machte über ärztlichen Rat 
eine Fußreise von Wien nach Dresden, um dem Leiden und den häus- 
lichen Zwistigkeiten zu entfliehen. Da ich gern las, dies nur abends mög- 
lich war, mein Vater aber immer stark ruhebedürftig war und wir um 
9 Uhr zur Ruhe gehen mußten, war nämlich im Hause häufig Streit ent- 
standen. Ich erhielt von Dresden einen Posten nach Passau an der Donau, 
verlebte dort durch neun Monate die schöne Freiheit; nur Angst und Er- 
röten traten im Geschäfte auf. Ich übersiedelte nach Linz, die Zwangs- 
gedanken traten seltener auf, doch fühlte ich jetzt ganz deutlich die Folgen 
meiner Einsiedelei. Ich besuchte eine weitverwandte Familie, ich versuchte 
gesellschaftsfähig zu werden, doch Furcht und Erröten vereitelten dies, ich 
zog mich zurück, denn ich konnte als verschüchterter junger Mann vor 
schönen Mädchen nicht bestehen. Bald darauf verließ ich zu Fuß Linz, 
um mit einem Kollegen nach Italien zn wandern. Doch von Meran wandte 
ich mich nach Wien. Die sadistischen Träumereien wurden zu täglichen 
und nächtlichen Phantasien, oft wachte ich mit starrem Glied und Samen- 
erguß auf und morgens war ich so müde wie am Abend zuvor. Ich kam 
also nach Wien von den Erinnyen meiner Zwangsgedanken verfolgt. Ich 
hatte keine Ausdauer mehr! Ich gab die Posten nacheinander auf, die 
meisten freiwillig, die andern, weil ich keinen Arbeitseifer hatte und 
flttchtig war. Ich laborierte wieder. Man riet mir Landaufenthalt. Seit dem 
Tode meines Vaters herrschte Friede im häuslichen Kreise. Ich bin jetzt 
am Ende meiner Geschichte. Es erübrigt mir nur, verschiedene seelische 
Konflikte zu beleuchten. Die onanistische Tätigkeit und die Furcht vor 
den schlechten Folgen, die Abneigung gegen den ergriffenen Beruf in 
früherer Zeit — jetzt ist es mir mehr egal geworden — , die sadistischen 
Neignngen und deren Verdrängung, die große Abneigung, der Haß gegen 
Andersgläubige und Passivität dabei oder die fürchterliche Erregung, die 
jetzt mehr einer bitteren Kaltblütigkeit Platz gemacht hat, der seelische 
Konflikt — denn es ist mir dies eine Herzenssache — als selbständiger 
Mensch einer ehrlichen politischen Partei anzugehören, ich befand mich 
lange im Kampfe mit mir selber, ob ich Sozialdemokrat, Freidenker oder 
Zionist werden muß. Zum Schlüsse gebe ich mich der Hoffnung hin, daß 
es mit vereinten Kräften gelingen wird, zu einem guten Ausgang zu 
kommen. Das Vordrängen des sadistischen Gedankens aufzuheben, dafür 
einem lebensfähigen Gedanken Platz zu schaffen, muß schon einen großen 
Erfolg bedeuten. " 

Man merkt dieser Krankengeschichte an, daß deren Verfasser sich 
aus verschiedenen Büchern Über seine Krankheit orientieren wollte. (Die 
Ausdrücke „Verdrängung" und „psychischer Konflikt" waren die Frucht 
der Lektüre meiner kleinen Broschüre: Die Ursachen der Nervosität.) 
Über seine sadistischen Phantasien befragt, gibt er an, daß ihn eine be- 
sondere Lieblingsphantasie beherrsche. Er sieht kleine nackte Knaben, die 
er mit Ruten auf das Gesäß schlägt. Da er mit vielen Lehrlingen zu tun 
hat, die ihm sozusagen Untertan sind, so müsse er sich manchmal be- 
herrschen, um dieselben nicht grausam zu behandeln. 



248 Zweitor Teil. Die Angsthysterie. 

Ich verlange eine Schilderung seiner Angstzustände, die er mir im 
folgenden gibt: 

„Angtftzustlir.de beim Betreten eines Lokals. 

Wenn ich mich auch vor dem Betreten eines Lokals oder irgend 
eines Baumes frei von allen Zwangsgedanken oder Angstznständen fühle, 
im Augenblicke des Betretens überfällt mich ein Gefühl oder ein Zwang 
meiner Nerven, der sich in Anspannung meines Gehirns ausdrückt. Etwa 
das Gefühl der Furcht vor etwas Unbestimmtem. Diese Anspannung der 
Nerven ist von einer fieberhaften Unruhe begleitet, die mich zwingt, in 
jeder Sekunde tätig zu sein. Verschwindet nicht, wenn Personen im Räume 
sind; wenn die Personen den Raum verlassen und ich allein bin, atme 
ich frei auf. Kommen sie zurück, tritt der gleiche Zustand wie früher auf. 
Die Anspannung des Gehirns und die fieberhafte Unruhe begleiten mich 
vom Eintritte am Morgen bis zum Ausgange am Mittag. In der Mittags- 
pause bin ich gewöhnlich frei von Angst und Furcht und den Erscheinun- 
gen vom Vormittag; nachmittags tritt die Anspannung etwas schwächer 
ein. Ich schreibe es der Nahrungsaufnahme zu. Ich nehme deshalb viel 
zu mir, ohne deshalb vielleicht das Bedürfnis dafür zu haben. Wenn ich 
mit jemandem im Beschäftigungsraume spreche, hört die Anspannung 
meistens auf, es tritt Erröten und Ausweichen des Blickes auf. 
Ich muß mich zwingen, den Blick einer Person ruhig zu erwidern, jedoch 
beim zweiten Blick ist meine Kraft gebrochen, ich muß den Blick von 
ihr wenden, ich kann sie nimmerdar ansehen. Es gelingt mir dann selten, 
wenn ich der Person antworte, daß ich ihren Blick aushalte. Wenn der 
Chef oder irgend ein Vorgesetzter den Raum betritt und mir einen Blick 
zuwirft, ruft dies das Gefühl wie das Bewußtsein eines schlechten Ge- 
wissens hervor. Tritt da eine Person an meine Seite, so verstärkt sich 
die Anspannung und ich stecke meinen Kopf in die Arbeit. Als Lehrling 
war ich in einem großen Saal beschäftigt, von Angesicht zn Angesicht 
standen mir Gleichgültige gegenüber, sie sahen mich ab und zu an, ohne 
mich zu fixieren. Ich erinnere mich noch genau : Ein hinter mir stehender 
Gehilfe rief mich, ich hörte es nicht, der Mann hatte mich gehaßt aus 
Gründen der Glaubensverschiedenheit. Ich hatte vor ihm nicht Furcht, 
sondern Respekt und eine ziemliche Portion Achtung. Als er rief und ich 
es nicht hörte, schrie er, ich ging hin und er schrie mich an: „Bist du 
sehwerhörigV" Ich war erschrocken. Später wiederholte sich der Vorgang 
am selben Tage, diesmal war ich bedeutend mehr erschrocken und konnte 
sogar keine Antwort geben, ich glaubte bestimmt an ein Ohrenleiden. Bald 
danach stellte sich die Furcht ein, ich glaubte mich beobachtet 1 ) und 
gleichzeitig ward die Anspannung aktiv. Ich ging zu einem Ohrenarzt, 
der ließ mich dreimal wöchentlich durch vier Wochen zu sich kommen. 
Von dem Tage des obigen Vorfalles faßte ich Abneigung gegen diesen 
Gehilfen. Er brachte mir seine Andersgläubigkeit zum Bewußtsein. Dieser 



') Dieser Beobachtungswahn könnte den Kindrock erwecken, man habe es in 
diesem Falle mit einer Wahnidee, einem Symptom einer Psychose zu tnn. Eine Dementia 
praecox war jedoch mit Sicherheit auszuschließen, obwohl der Wandertrieb auch zur Vor- 
sicht bei der Diagnose mahnt. Die Sicherheit gab mir die Beobachtung seines Charakters. 
Er hatte volle Krankheitseinsicht und zeigte ein überaus feines Gewissen. Weder seine 
ethischen noch seine ästhetischen Anschauungen verrieten irgend eine Abstumpfung. Im Ge- 
genteil! Er war wie alle Neurotiker hypermoralisch. Aus dem Konflikt zwischen Trieb und 
Moral entstand die Neurose. 



Angst vor dem Erröten (Erythrophobie). 249 

Vorgang fiel in den Anfang meiner Lehrzeit. Es war mit mir eine Ver- 
änderung vorgegangen, als ich in die Schichte der Arbeiter trat. Ich bin 
ein Kind bürgerlicher Eltern, kam durch die Arbeiter in eine Gesellschaft 
von Freimütigkeit, Offenheit nnd von verrohten Sitten. An all das mußte 
ich mich gewöhnen. Ich war nicht znfrieden. Ich hatte die Berufswahl 
nicht selbst getroffen; meine Eltern waren nicht schlüssig, mein Vater 
sagte nur „Handwerk hat goldenen Boden''. Ich hatte damals noch keinen 
eigenen Willen, war Duckmäuser, Onanist, ich wußte nicht, welchen Beruf 
ergreifen. Ich fügte mich. Mein Vater sagte, ich wäre kein großes Geistes- 
kind und ich könnte keinen besseren Beruf ergreifen. Also, ich mußte 
mich den Sitten und Gebräuchen meiner neuen Ära anpassen. Dadurch 
wurde ich aber meinem Hause etwas entfremdet. Besonders als ich anfing zu 
merken, daß ich einen schlechten Beruf ergriffen. Auch sonst behagte mir 
die bürgerliche Behäbigkeit meiner Eltern nicht mehr; ihre knechtische 
Religion, ihre sonstigen Anschauungen. Ich blieb vom Tempel aus, ließ 
immer mehr von meinem täglichen Gebete aus, es trat ein Spalt zwischen 
den Anschauungen meines Vaters und den meinen ein, der sich zur Kluft 
erweiterte. Als mitbestimmend an diesem Verhältnis halte ich die Onanie, 
daß ich das angenehme Gefühl der sinnlichen Befriedigung vor ihnen ver- 
heimlichte, es oft täglich ein- bis dreimal genoß, es als Geheimnis vor 
meinen Eltern trug, das gab dem Spalte neue Nahrung. 1 ) Ich fühlte 
mich in meiner Sinnlichkeit berauscht, hielt aber andere für überflüssig, 
wurde einsam, ungefällig und ging immer allein, kannte keinen Schul- 
kollegen mehr, las aber mit Begierde die Organe der Arbeiter. Ich wurde 
widerspenstig, gegen die Religion gleichgültig und die Eltern unaufrichtig. 
Da traten Familienstreitigkeiten ein. Mein Vater war lange ohne Beschäf- 
tigung. Im Hause herrschte Geldmangel und unaufhörlich gab es Streitig- 
keiten vor den Kindern. Wir mußten Partei nehmen. Wir drei Kinder 
neigten zur Mutter, weil die Mutter besser mit uns war und weil sie 
Recht hatte. Es gab sehr häßliche Szenen zu Hause, gerade in der Zeit 
mit dem Vorfall in meinem Geschäfte." 

Weiteres ist aus dem Patienten nicht herauszubringen. Das ist alles, 
was er weiß. 

Nun versuche ich über den unabweislichen Wunsch des Patienten •) 
die hypnotische Behandlung. Ich erwähne gleich an dieser Stelle, daß ich 
dies nur in Ausnahmsfällen tue, weil ich durch die hypnotische Behandlung 
den Patienten wohl momentan heilen, ihm aber für spätere Zeit keine 
Waffe in die Hand geben kann. Bei der Psychoanalyse lernt der Patient 
sich selber erkennen und kann dann später sein eigener Psychotherapeut 
werden. 

Die Hypnose gelingt insoweit, als der Patient in einen leichten 
Schlummer verfällt, ohne daß ich mich mit ihm in Rapport setzen kann. 
Er ist aber damit zufrieden. Er wird nach jeder Sitzung viel ruhiger und 
fühlt sich bedeutend besser. Ich benütze die Hypnose nur als Umweg zur 
Analyse. Ich möchte die Wurzeln seiner Neurose bloßlegen. Aber ich forsche 
vergebens nach den tieferen Ursachen seiner sadistischen Neigungen ; er 



1 ) Ein unmögliches Bild! Offenbar wegen der geheimen sexuellen Symbolik in dieser 
Form angewendet. 

') Patienten, die am jeden Preis hypnotisiert werden wollen, sind immer Maso- 
chjsten. Aach dieser Kranke wies, wie alle Sadisten, eine starke Neigung zun Maaochia- 
nius auf. 



Zweiter Teil. Die Aogathysterie. 

kann sich an nichts Bestimmtes erinnern. Sein Vater bat ihn wohl sehr 
geqaält, aber es wäre nicht von Bedeutung gewesen. Er hat weder die 
Mutter geliebt noch den Vater gehafit. Ich merke, daß es sich um Wider- 
stände handelt, die nicht so leicht zu lösen sind, and fordere ihn in der 
nächsten hypnotischen Sitzung auf, mir einen Traum zn bringen, der zur 
Entstehung seiner Krankheit eine Beziehung hat. Darauf bringt er mir einen 
Traum, in dem er den Vater zweimal aufgehängt sieht. Im Anschluß daran 
gesteht er unter Erröten, was er mir bisher verschwiegen hatte, daß sich 
sein Vater erhängt hat. Die Motter wollte sich von dem aufbrausenden, 
arbeitsscheuen Vater scheiden lassen, sie hatte erklärt, sie könnte für ihn 
nicht mehr sorgen. Sie ließ den Vater vors Gericht zitieren. Des Abends 
fand man ihn erhängt. Der Verstorbene war zeitlebens ein sehr gewalt- 
tätiger Mensch gewesen. Es fallen ihm verschiedene Szenen ein, in denen 
er sich sehr beherrschen mußte, um sich nicht auf den Vater zu stürzen 
und ihn zu schlagen. Eine Woche später bringt er einen Traum, in welchem 
er mit seinem Vater disputiert. Er erregte sich bei diesem Dispute so heftig, 
daß er sich anf den Vater stürzen wollte. Das Nähere hat er beim Er- 
wachen vergessen. Der Traum reproduziert eine vorgefallene Szene. Er bat 
als erwachsener Mann in einem Buche gelesen und der Vater hat ihm das 
Buch aus der Hand gerissen. Er wollte sich auf den Vater stürzen, be- 
herrschte sich aber im letzten Moment. Er fuhr damals weg und ging in 
die Welt und erhielt die Nachricht vom Selbstmorde in Meran. Damals war 
er wochenlang unglücklich. Er machte sich Vorwürfe, er wäre mit dem 
Vater nicht liebevoll genug gewesen. Die Mutter hätte ihn nicht rechtzeitig 
verständigt. Diese Vorwürfe sind natürlich nur die Reaktion auf den 
Haß, den er zeitlebens gegen den Vater hegte, ein Haß, der ihn in die 
Ferne trieb. 

In den nächsten Sitzungen kreisen Beine Gedanken um das Thema 
der Onanie. Er erinnert sich, daß er fürchtete, man merke ihm die Onanie 
an; er werde wegen des Lasters als junger Mann sterben. (Alle Erythro- 
phoben sind Onanisten, die sich entlarvt glauben.) Er hat verschiedene 
dumme Streiche angestellt. Er erzählt auch, daß er einmal ein lOjäbriges 
Mädchen in ein Gebüsch gezogen und sie dort auf den Hintern geschlagen 
hat. Das Mädchen beklagte sich darüber, sein Vater aber meinte, so 
etwas werde sein Kind nicht tun. Das Mädchen müsse sich das „ausge- 
dacht'- haben. 

Die hypnotischen Sitzungen werden dabei fortgesetzt. In der letzten 
Hypnose verlangte ich von ihm, er möge mir wieder einen Traum bringen. 
Und zwar einen Traum, der das tiefste Geheimnis Beiner Neurose verrät. 
Die Suggestion wirkte. 

In der nächsten Sitzung bringt er mir folgenden Traum: Meine 
Schwester war bei ihrer Freundin anf Besuch. Dort erlitt sie 
einen Schlaganfall und starb in der Wohnung ihrer Freundin. 
Diese teilte mir den Fall pneumatisch mit. Ich gehe hin und es 
steigt mir der Gedanke auf, ob meine Schwester eines natür- 
lichen Todes gestorben ist. Ich bringe mir darum zugleich zur 
Feststellung einen Arzt mit. Beim Erwachen befinde ich mich 
in einem Zustande, in dem ich mir Vorwürfe mache, daß ich sie 
etwa lieblos behandelt hätte und bei ihr ans Unlust und Schmerz 
den Scblaganfall herbeigeführt hätte. Er glaubt, sich den Traum 
so erklären zu können : er sei der Schwester einmal nachgelaufen, sie sei 



Angst vor dem Erriilen (Erythrophobie). 251 

über einen Sessel gefallen nnd schlug sich eine Beule. Er erhielt damals 
kein Essen Und eine Strafe. Der Traum sei die Erinnerung dieses Vor- 
falles. Zu „Freundin" fällt ihm noch eine Erinnerung ein. Er war, als sie 
noch ein Kind war, bei ihr in einem geschlossenen Kabinett and hob ihr 
den Rock auf, da er glaubte, sie schlafe. Sie stellte sich schlafend. Später 
aber sagte sie den Eltern, daß er ihr den Rock aufgehoben habe. Er 
leugnete es und sein Vater glaubte es wieder nicht. Die Freundin ist das 
einzige weibliche Wesen, zu dem er eine gewisse Neigung hat. Sonst fällt 
ihm zu dem Traume absolut nichts ein, nur daß icb der Arzt wäre. Ich 
mache ihn darauf aufmerksam, daß der Schluß des Traumes offenbar den 
Kern seiner Krankheit bedeutet und daß ich den Schluß durch Umkehrung 
ungefähr so deuten würde: er mache sich Vorwürfe, weil er die Schwester 
zu liebevoll behandelt und aus Lust und Freude bei ihr einen Schlaganfall 
herbeigeführt habe. Mit ihrem Tode beseitige er einen lästigen Zeugen 
seiner Vergangenheit. Er jedoch leugnet diesen Zusammenhang energisch. 
Seine Schwester sei ihm immer gleichgültig gewesen, es wäre auch nie- 
mals zwischen ihnen irgend etwas von Bedeutung vorgefallen. Auch zu 
„pneumatisch" weiß er keinen Einfall zu melden. 

Eine Woche später jedoch macht mir der Patient folgende Mitteilung: 
Er war ungefähr 13 Jahre alt, Reine Schwester 14'/«. Da kam er eines 
Nachmittags nach Hause und sah seine Schwester onanieren. Er trat an 
sie heran, fragte sie, was sie mache, und versetzte ihr einen leichten 
Schlag auf das Gesäß. Sie gab auf die Frage keine Antwort, sondern 
sagte: „Hebe mir die Kleider auf und schlage mich auf das Gesäß". Er 
kam dieser Aufforderung gern nach und schlug sie kurze Zeit, wobei er 
sadistische Phantasien hinzudichtete. Beim Schlagen produzierte die 
Schwester öfter einen Flatus (pneumatisch!). Das tat er auch an den drei 
folgenden Tagen. 

Masochismus und Sadismus bei zwei allerdings von einem kranken 
Vater abstammenden Geschwistern mußten eine gemeinsame infantile 
Wurzel haben. Ob er sich an keine Szene der ersten Kindheit erinnern 
könne, welche diese krankhaften Neigungen bei ihm und seiner Schwester 
hervorgerufen? Erst will er sich an keine Begebenheit traumatischen 
Charakters erinnern. Ich befehle ihm in Wachsuggestion: Sie werden sich 
jetzt bestimmt erinnern. Sogleich ruft er: „Jetzt fällt mir die Szene ein. 
Nicht nur eine! Viele Szenen! Wie konnte ich dieselben nur vergessen 
haben?!" 

Dann gibt er an, daß sein Vater ihn und seine Geschwister sehr gern 
geschlagen habe. Sein Vater war „Neurastheniker" nnd lag immer am Sofa. 
Oft sprang er plötzlich auf und schlug eines der Kinder. Wenn sein 
Vater schlug, so hob er immer das Hemd auf, um die roten Striemen zu 
sehen, die er mit der flachen Hand erzeugt hatte. 1 ) Nach der Züchtigung 
verlangte er von dem Knaben, er möchte ein Bedürfnis verrichten, ein 
kleines oder großes, „weil das sehr gesund sei". (Seine Mutter war niemals 



') Einen ähnlichen Fall erzählt Jung. Es handelt sieb am ein siebenjährige« Mäd- 
chen. „Als sie einmal Schläge von ihrem Vater auf die entblößten N'ates erhielt, verspürte 
sie eine deutlich» sexuelle Erregung. Später geriet sie aacb in sexuelle Erregung, wenn sie 
■ah, daß ibr jüngerer Bruder vom Vater in gleicher Weise gezüchtigt wurde.* (Die Freud- 
ache Hysterietbeorie, Monatechr. f. Psych, u. Neurologie, Bd. XXXIII, Fl 4.) Auch Routaeaua 
berühmte Konfession gehört ram gleichen Kapitel: Erziehung und Neurose. 



Zweiter Teil. Die Angstbysterie. 

dabei.) Ähnliche Prozeduren führte der Vater auch mit den Schwestern auf, 
die beide ebenfalls sadistisch veranlagt sind. 

Erwähnen will ich, daß der Patient in den letzten Monaten die 
Arbeit aufgegeben hatte, weil er sich einbildete, durch Ausruhen des Kör- 
pers die Krankheit zu heilen. Natürlich kam er um so tiefer in die sadi- 
stischen Phantasien und Angstvorstellungen hinein. Ich gab ihm den strikten 
Auftrag, sich sofort um eine Stellung umzusehen, da bekanntlich ge- 
rade die Arbeitslosigkeit solchen neuropathischen Individuen vorzüglich 
behagt und sie dann sehr schwer zur Arbeit zu bringen sind. Meinem 
Auftrage kam Patient auch nach und fand eine Stelle. Eine Zeitlang 
fühlte er sich vollkommen wohl. Nach einer Woche brachte er mir einen 
schriftlichen Bericht, der folgendermaßen lautete: „In der vergangenen 
Woche waren die Angstgedanken bei der Ausübung des Berufes geschwun- 
den. Ich triumphierte schon. Sonntag war stationär. In der Nacht von 
Sonntag auf Montag hatte ich einen Traum: Ich liege neben meiner 
Schwester und onaniere mit ihr gemeinsam. Ich spüre Samen- 
erguß, wache auf und bin mit Samenstoff durchnäßt. Der Traum fiel 
gegen 6 Uhr frUh. Ich stand auf und ging meinem Berufe nach. Die 
Angstgedanken waren wieder meine Begleitung, mein Zustand war derselbe 
wie früher. Ich empfand und empfinde Zwangsvorstellungen, Angst, Furcht 
auf der Straße wie bei der Ausführung des Berufes." 

Nnn war es klar, daß Inzestgedanken auf die Schwester die wichtigste 
Ursache seiner jetzigen Beschwerden waren. Wohl spielten auch homosexu- 
elle Gedanken mit. Aber wie in den meisten Fällen von erworbener Homo- 
sexualität war auch hier die Flucht vor dem Weibe nur die Flucht vor 
einem Inzest. Der kurze psychoanalytische Versuch hatte einen Teil seiner 
unbewußten Regungen bewußt gemacht. Leider konnte ich die Analyse 
nicht durchführen. Der Kranke war tagsüber beschäftigt und am' Abend 
war meine Zeit anderweitig in Anspruch genommen. 

Da eine psychoanalytische Behandlung des Falles unmöglich war, 
beschränke ich mich auf eine kurze Belehrung über die Schäden der Ona- 
nie, die lange nicht so groß seien, als er es glaube, gebe ihm beruhigende 
Suggestionen, erkläre ihm. daß die sadistischen Neigungen die Folge seiner 
Jugenderlebnisse seien. Ich trachte ihn psychisch zu entlasten und das 
Gefühl, er wäre der Verworfenste aller Menschen, seine brennende Reue 
über seine Jugendsünden und wilden Phantasien zu mildern. Ich trachte, 
ihn in die ßuhn des normalen Sexuallebens zu bringen. Ein Koitus bei 
einer Puella publica geht mit normaler Empfindung vor sich und die 
Onanie hat er vollkommen aufgegeben. Sadistische Phantasien treten nur 
selten auf. Allerdings hat Patient eine wichtige Forderung erfüllt. Er hatte 
die gemeinsame Wohnung, die er mit den Schwestern geteilt hatte, ver- 
lassen und wohnte nun allein. Die Angst vor dem Erröten war die Angst, 
man merke ihm die Onanie an. Man lese aus seinen Augen die sadisti- 
schen Vorgänge. Man wisse etwas von der Liebe zu seiner Schwester. 

Der Fall ist deshalb so interessant, weil ich Gelegenheit gehabt habe, 
auch mit seinen Schwestern eine kurze Psychoanalyse vorzunehmen. Sie 
sind beide Masochistinnen und Sadistinnen. Die Geschichte mit dem Vater 
ist keine Phantasie, wie man vermuten konnte, sondern vollkommene 
Wahrheit. 

Diese Beobachtung beweist uns in überzeugender Weise die Ent- 
stehung der masochistischen und sadistischen Perversionen infolge einer 



Angst vor dem Erröten (Eryttaropbobie). 253 

schlechten Erziehungsmethode der Eltern. Aach ergibt sieh aas diesem Falle, 
daß die Belastung durch das Milieu so leicht eine hereditäre Belastung 
vortäuschen kann. »Sicherlich — der Vater dieses Patienten war ein ab- 
normer Mensch. Aber außer der direkten Vererbung kommen hier insbe- 
sondere die infantilen Traumen in Betracht. 

Eine genaue Psychoanalyse würde in diesem Falle noch viel intimere 
Beziehungen aufdecken. Wir arbeiteten bloß zehnmal und jedesmal bloß 
eine halbe Stunde. Dessen ungeachtet war aber der Erfolg ein sehr schöner. 
Der Patient ist, was die Hauptsache int, arbeitsfähig und arbeitet sehr gerne. 
Er errötet nicht mehr so häufig und hat die Angstgefühle nur sehr selten. 

Noch ein Moment möchte ich besonders hervorheben: Seine Angst 
vor dem Betreten eines Geschäftes. Sie hat eine ganz andere infantile 
Wurzel, als seine anderen Angstvoreteilungen. Er hat in der Kindheit ein 
gewisses Geschäft (das Absetzen des Stuhles) vor Vater und Schwester mit 
Lust getan. Diese skatologischen Neigungen wurden dann als haßlich und 
widerwärtig verdrängt. Sie äußerten sich dann in der Angst, ein Geschäft 
zu betreten. 

Nach 10 Monaten besucht mich der Kranke wieder und bringt mir 
folgendenden Bericht: 

„Um Über mein Befinden ein Bild zu geben, das nach einer Unter- 
brechung der Ordinationen von 10 Monaten sich wesentlich gebessert hat, 
ist es notwendig, die hauptsächlichsten Beschwerden bei Beginn der Kur 
aufzuzählen. 

Vor allem waren es Angstgefühle, die sich beim Zusammentreffen 
mit Menschen äußerten. Unter dieger Gruppe war die Angst, mit Menschen 
völlig ruhig, klar und anregend zu plaudern, sie ruhig anzusehen und 
dabei rasch zu denken, heiter zu sein nsw. die bedeutendste. 

Weiter war ich willens, vorläufig ohne Stellung zu bleiben, um so 
schneller und bequemer eine Heilung herbeizuführen. 

Ich war damals der festen Meinung, unheilbar krank zu sein. Nach 
der erfolglosen Konsultierung hervorragender Ärzte nahm ich mir sogar 
Selbstmordgedanken vor, die ich immer hinausschob. Die Furcht, daß mir 
starke Onanie geschadet bat, konnte ich nicht loswerden. 

Um nun einen Übersichtlichen Bericht zu geben, werde ich mich an 
die eben geschilderten Beschwerden halten, um mich so über die Besserung 
derselben verbreiten zu können. 

Was die Angstgefühle, im allgemeinen betrifft, haben sie sich ver- 
ringert. So die Angst im Beruf, bei meiner Arbeit, bei Verkehr mit meinen 
Kollegen, soweit sich der Verkehr im engen Rahmen beschränkte; wenn 
sich der Verkehr mit mehreren Kollegen oder in einem größeren Saale 
vollzog, konnte ich nicht immer meine Rahe bewahren. Und ich war nicht 
Herr der Situation und nicht Beherrscher meiner Mienen und Gedanken. 
Ich sehnte dann immer einen baldigen Schluß der Unterhaltung herbei. 
Dieser Zustand hat sich also wenig verändert. 

Im Verlaufe der Kur nahm ich meine Stellung wieder auf. Ich arbeite 
manchmal mit großer Lust und Geschicklichkeit, doch nicht konstant; das 
Bleibende ist der Wechsel : ich habe manche Tage absolut keine Arbeits- 
lust, doch sind es meistens Tage, wo ich meinen Blick in die Zukunft 
schweifen lasse. 

Ich bin mir darüber nicht in leisem Zweifel, daß meine Krankheit 
heilbar ist; ich weiß es gewiß, daß es meiner Energie gelingen wird, das 



254 Zweiter Teil. Die Anyatb ynterie. 

verirrte Schäfchen, die Seele, wieder zurückzufahren zu fruchtbarer Be- 
tätigung. 

Was die Onanie anbelangt, muß ich bekennen, daß ich sie noch 
weiter betreibe, und zwar dann, wenn — nennen wir das Ding beim 
rechten Namen — ich kein Geld habe und wenn ich starken Trieb be- 
sitze. Was meine sadistischen Phantasien anbelangt, so sind sie noch 
häufiger als früher, und gebe ich dem viel Schuld, da dies geeignet ist, 
meine Sicherheit beim Auftreten ins Wanken zu bringen. 

Eine der Beschwerden, vielleicht die wichtigste, ist, wie bereits er- 
wähnt, die Gesellschaftsunfähigkeit infolge der erlittenen seelischen Ent- 
gleisung. 

Ich habe nun, nachdem ich beschäftigt bin, wenig Zeit, über Ver- 
gangenes nachzudenken; jedoch die Seele beschäftigt sich des Nachts mit 
mir, 6ie will nicht ruhen und ich habe viele Träume. Wirre und unklare 
Träume, die mir schlechte Ruhe bringen; meistens Bind es keine freund- 
lichen Träume, sondern in der Regel schlimme Träume. Ich führe oft 
furchtbare Kämpfe aus, geistige Kämpfe, denn wenn ich morgens er- 
wache, glaube ich nicht 6 oder 8 Stunden geschlafen zu haben. Dumpfer 
Kopf und Vergessen des Traumes sind die Frtthboten am Morgen. Ich 
suche nun durch Nahrungsaufnahme diesen Zustand wett zu machen. 

Ich bin am Schlüsse meines Berichtes angekommen, ich will nur er- 
wähnen, daß die durchgemachte Kur mir eine bedeutende Besserung 
brachte. Der Mechaniker." 

Ich hatte damals noch nicht die nötigen Kenntnisse, um einen voll- 
kommenen Erfolg zu erzielen. Die Hauptsache ließ ich außer acht, weil 
ich sie nicht kannte. Alle an Erythrophobie leidenden Neurotiker Rind 
schwere Kriminelle, die den scheuen Verbrecher spielen. Auch in dieser 
Krankengeschichte finden sich genug Anspielungen auf seine Verbrecher- 
natur (der Sadismus, der Traum vom Tode der Schwester, der Sohlag- 
anfall asw.). 

In einem anderen Fall von Angst, „ein Geschäft zu betreten", konnte 
ich das Vorhandensein folgender Phantasie konstatieren: Der Betref- 
fende wollte in dem Geschäfte etwas stehlen und eventuell den 
Verkäufer, wenn er allein war, ermorden. Diese Phantasie stieg in 
ihm auf, wenn er das Geschäft betrat, und dieser Phantasie schämte er 
sich. Auch unser Mechaniker ist ein Phantasieverbrecher wie alle Erythro- 

E hoben. Je scheuer und schüchterner der Mensch ist, desto mehr 
at er von seinen böBen Gedanken zu verbergen. Man lasse sich 
von dem Erröten nicht irre führen! Auch die Afiekte haben die Neigung, 
Verschiebungen einzugehen. Angst erscheint für Begierde und Scham, kann 
ein Äquivalent des Zornes sein ; die Schamesröte des Keuschen ersetzt 
die Röte des Zornigen. Ich habe in meinem Werke „Die Sprache des 
Traumes" von einer symbolischen Gleichung der Affekte gesprochen. Bei 
der Erythrophobie wird der Zorn von der Angst vor dem Erröten abge- 
löst. Es ist die Furcht vor dem eigenen Zorn. Die Schüchternheit ist eine 
„Sichernng8tendenz" und soll den Neurotiker immer wieder beruhigen, 
daß er seinen kriminellen Instinkten nicht nachgeben wird. Wie kann ein 
solcher Feigling eine solche Tat begehen? Man beobachtet bei den Ery- 
throphoben immer eine große Neigung zu Zornesausbrüchen. Sie waren 
schlimme, trotzige Kinder, die an Watanfällen gelitten, sich auf dem 
Boden gewälzt und mit den Füßen gestrampelt haben. Manche geben an, 



Eisenbahnangst, Prüfungsangst and psychische Impotent. 255 

sie hätten sich in der Kindheit im Zorne so „ verkeucht ", daß nie den 
Atem verloren hätten. 

Leider habe ich bei diesem Fragmente einer Analyse die kriminellen 
Regungen gar nicht berücksichtigt. Man merkt aber ans den Badistischen 
Phantasien, daS dieser Kranke gerade mit seinen kriminellen Regungen 
nicht fertig wird nnd daß er offenbar den lichtscheuen Verbrecher spielt, der 
in steter Angst lebt, man lese aas seinem Gesichte seine finsteren asozialen 
Gedanken. — Wie fein erklärt uns dies seine politischen Neigungen! Als 
Kompensation der asozialen Bestrebungen wurde er Sozialist und er- 
langte so wieder die Möglichkeit zu hassen. Ans dem Vaterhasse wurde 
der Haß gegen die Besitzenden und gegen den Kapitalismus. Noch einen 
Schritt weiter nach oben oder nnten und er wird Philanthrop oder Anarchist. 
Er sucht soziale Motive für seine individuellen Konflikte. 



XXV. Eisenbahnangst, Prüfungsangst nnd psychische 

Impotenz. 

Auch die kleinen Phobien des Alltags bei Erwachsenen erweisen sich 
als der psychologischen Analyse zugänglich. Interessant sind in dieser 
Hinsicht die Fälle von Eisenbahnangst, die deutliche Beziehungen zum Ge- 
schlechtsleben zeigen. Freud bemerkt darüber in seinen „Abhandlungen 
zur Sexualtheorie" (Denticke, 1906): 

„Das Wiegen wird bekanntlich zun Einschläfern unruhiger Kinder regelmäßig an- 
gewendet. Die Erschütterungen der Wagenfahrt and später der Eisenbahnfahrt üben eine so 
faszinierende Wirkung anf ältere Kinder ans, dafi wenigstens alle Knaben irgend einmal im 
Leben Kondukteure nnd Katseber werden wollen. Den Vorgängen auf der Eisenbahn pflegen 
sie ein rätselhafte« Interesse von außerordentlicher Hohe zuzuwenden und dieselben im Alter 
der Phantasietätigkeit (kurz vor der Pubertät) tum Kern einer exquisit sexuellen Symbolik 
n machen. Der Zwang zu solcher Verknüpfung des Eisenbahnfabrens mit der .Sexualität 
gebt offenbar von dem Lnstcharakter der BewegangsemptinduDgen aus. Kommt dann die 
Verdrängung hinzu, die so vieles von den kindlichen Bevorzugungen ins Gegenteil um- 
sehlagen läBt, so werden dieselben Personen als Heranwachsende oder Erwachsene auf 
Wiegen and Schaukeln mit Übelkeit reagieren, durch eine Eisenbahnfahrt furchtbar er- 
schöpft werden oder au Angstanfällen auf der Fahrt neigen und sich durch Eisenbahnangst 
vor der Wiederholung der peinlichen Erfahrung schatten." 

Ein jeder Fall von Eisenbahnangst läßt sich psychologisch erklären 
und die See- und Eisenbahnkrankheit scheint mir nur eine be- 
sondere Form einer Angsthysterie zn sein. 

Nr. 100. Ich hatte einen Patienten in Behandlung, der an einer sehr 
schweren Angsthysterie erkrankt war. Er fürchtete rückenmarkleidend zu 
werden, hatte manchmal die Überzeugung, daß er es schon wäre, ver- 
brachte schlaflose Nächte, weil er so heftige Angstanfälle hatte, daß der 
Arzt viele Stunden an seinem Lager sitzen mußte, um ihn zu beruhigen. 
Er machte jede Woche die Schrecken des Todes mit, nahm jedesmal von 
seinen Lieben Abschied und dergleichen mehr. Ich muß aus Gründen der 
Diskretion verzichten, auf seine Krankheitsgeschichte näher einzugehen. 
Nnr ein Detail will ich erwähnen. Der Patient litt unter der Tunnelangst. 
Da er zahlreiche Professoren konsultierte und verschiedene Anstalten auf- 
suchte, mußte er viel reisen. Dieses Reisen war für ihn eine besondere 
Qual, da er vor jedem Tunnel aussteigen mußte. So konnte er beispiels- 
weise nach Baden bei Wien nicht ohne Unterbrechung fahren, weil ein 



256 Zweiter Teil. Die Angsthysterie, 

kleiner Tunnel zu passieren war. Er stieg eine Station vorher ans, pas- 
sierte die Strecke dann mit einem Wagen und stieg dann eventuell wieder 
in die Eisenbahn ein. 

Die Analyse ergab folgende Beziehungen dieser Angst zu seinen Er- 
lebnissen. Sein Vater war sehr früh gestorben und seine Mutter war eine noch 
junge, lebenslustige Frau. Während sie sich nm die Erziehung der anderen 
Kinder nicht viel kümmert«, bewies sie für ihn eine förmliche Affenliebe. 
Sie nahm ihn überall mit, auch auf ihre Reisen, die sie mit ihren Lieb- 
habern unternahm. Die erste dieser Reisen unmittelbar nach dem Tode 
ihres Mannes ging über den Semmering, der bekanntlich sehr viele Tun- 
nels hat, nach Italien. Der Knabe, der damals vier Jahre alt war, merkte 
nun in den Tunnels — das Coupe war verfinstert — , daß etwas zwischen 
seiner Mutter und dem fremden Herrn da, der sich „Onkel" nannte, vor- 
fiel. Es mögen nur Liebkosungen gewesen sein, aber die schon damals 
reiche und durch verschiedene Beobachtungen auf das Sexuelle gelenkte 
Phantasie des Knaben dichtete etwas dazu. Bei dieser Gelegenheit will 
ich nochmals betonen, daß Phantasien denselben schädlichen Ein- 
fluß haben können wie Erlebnisse. Es ist ganz gleichgültig, ob es 
sich bei Hysterischen um ein psychisches Trauma handelt, das sie wirk- 
lich erlebt haben, oder um eines, das nur in der Phantasie existiert, das 
sie sich aber aus Anhaltspunkten in ihren Erlebnissen konstruiert haben. 
(Das Material ist echt, die Verwendung eine falsche.) Die verdrängte 
Vorstellung wirkt als solche in verderblicher Weise. So bei unserem 
Kranken die peinlichen Erlebnisse seiner Kindheit. Seine Mutter, die er 
überaus liebte, hatte sich in diesem Falle als Dirne erwiesen. Dadurch 
kam er in neue schwere Konflikte und endete durch Selbstmord. Die 
psychische Behandlung konnte ich nicht durchführen, da ich vierzehn 
Tage nach Beginn derselben verreisen mußte. Ich zweifle aber nicht daran, 
daß gerade in solch schweren Fällen die Psychotherapie nach der analy- 
tischen Methode Freuds die einzige ist, die eine Aussicht auf vollkommene 
Heilung oder große Besserung gestattet, wobei freilich in Erwägung zu 
ziehen ist, daß eine solche Behandlung recht lange dauern kann und an 
die Geduld des Arztes und Patienten große Anforderungen stellt. 

Ich habe den Fall nur erwähnt, um die Genese der Tunnelangst, 
die sich übrigens nach der Analyse bedeutend besserte, zu erklären. Un- 
mittelbar danach konnte der Patient dieselben Tunnels am Semmering 
ohne jeden Anstand passieren. 

Andere Formen der Tunnelangst gehen auf Geburts-, Mutterleibs- und 
Koitusphantasien zurück. Auch religiöse Motive spielen bei der Tunnel- 
angst eine Rolle. Bei einem meiner Neurotiker entdeckte ich die Phantasie, 
er fahre in die dunkle Hölle ein. Die Eisenbahn wird häufig mit dem Teufel 
verglichen. Der Eingang in den Tunnel symbolisiert das Höllentor. Wegen 
seiner kriminellen Phantasien fürchtet der Neurotiker das Strafgericht 
Gottes und die ewige Verdammnis. Der Tunnel weckt seine ewige latente 
Höllenangst und macht sie manifest. 

Aber auch das Gegenteil der Eisenbahnangst, das Verlangen nach 
Eisenbahnfahrten, laßt sich durch die Psychoanalyse leicht erklären. Einen 
diesbezüglichen Fall, den Rabbiner (Kapitel XXI), haben wir ja aus- 
führlich besprochen. 

Ich habe einen an „Dementia praecox" leidenden 18jährigen Bur- 
schen, der große Remissionen zeigt, in genauer Beobachtung. Was an ihm 



Eisenbahnangst, Prüfungsangst und ps.vcbische Impotenz. 257 

besonders auffällt, ist eine leidenschaftliche Liebe zur Bewegung mit Rad, 
Wagen, Eisenbahn und Schilf. Sein letztes Ideal ist ein Motorrad. Sonst 
apathisch und verschlafen, wird er lebendig, wenn die Rede auf das Mo- 
torrad kommt. Auch in der Eisenbahn gerät er in große Erregung. Seine 
Augen glänzen, die stockende Rede wird fließend. Nach einer Fahrt mit 
dem Motorrad oder der Eisenbahn wird er für einige Stunden impotent. 
Er leidet auch an Pollutionen. Immer träumt er dabei, daß er fährt. Ent- 
weder er steigt mit einem Luftballon in die Höhe, er fliegt mit zwei 
Flügeln, oder er fährt Motor, hat dann eine wollüstige Empfindung und 
wacht mit einer Pollution auf. Seine Mutter hatte die Gewohnheit, ihn als 
Kind in die Höbe zu schupfen und wieder aufzufangen, wobei er ein aus 
Angst und Libido gemischtes wunderbares Gefühl hatte. Dieses die Wurzel 
seiner Eisenbahnneurose. 

Häufig wird die Eisenbahnangst, die Seekrankheit, die Angst vor 
Schaukeln auf Erlebnisse der Kindheit zurückzuführen sein, bei denen diese 
Aktionen ursprünglich mit Lust verbunden waren, dann peinlich empfun- 
den wurden, so daß die Gegenvorstellung von Lust, nämlich der Ekel 
resp. die verdrängte Komponente der Libido, die Angst sich in den Vor- 
dergrund drängen. Eine andere wichtige Wurzel der Eisenbahnangst ist 
die kriminelle. Diese Kranken hatten alle mit der Phantasie gespielt, die 
Eisenbahn werde einen gehaßten Rivalen, z. B. den Bruder oder den ge- 
fürchteten Vater, überfahren. Nach dem Prinzipe der Talion fürchten sie 
dann die Strafe Gottes. Was sie andern gewünscht, werde sich an ihnen 
vollziehen. Sie würden sicher überfahren werden. So steckt hinter jeder 
Phobie die alte infantile kriminelle Phantasie. Wer sich vor 
Feuer fürchtet, hat einmal den Brandleger spielen wollen. Wer kein Blut 
sehen kann, der war einmal in seinen Phantasien ein Mörder. 

Ahnliches wie von der Eisenbahnangst kann ich von allen anderen 
Phobien behaupten. Sehr häufig begegnet man der „Prüfungsangst", 
welche von manchem Arzte nur als Symptom gesteigerter allgemeiner 
Ängstlichkeit aufgefaßt wird. Prüfungsangst in ihrer schweren Form ist 
eine Neurose. Es gibt Studenten, die glänzend vorbereitet sind, den Stoff 
vollkommen beherrschen; trotzdem sind sie nicht imstande, zur Prüfung 
zu gehen. Sie haben die Empfindung, sie wären noch nicht fertig, im 
letzten Momente finden sie eine klaffende Lücke in ihrem Wissen, sie 
fürchten eine Blamage, und so vergeht Jahr um Jahr, sie werden alte 
Häuser und geben entweder das Studium vollkommen auf oder machen 
schließlich unter besonders mächtigem Druck der sozialen Verhältnisse 
ihre Prüfung. Auch diese Neurose zeigt deutlich Beziehungen zu einer 
kranken Vita sexualis. Einer meiner Patienten gestand mir, daß jede seiner 
Prüfungen schon am Gymnasium von Pollutionen begleitet war. Je heftiger 
die Angstaffekte waren, desto lustbetonter war der sie begleitende sexuelle 
Zustand. Dieser Patient war nicht imstande, auf der Hochschule seine 
Prüfungen zu absolvieren, und gab das Studieren auf. Als Ersatz für die 
Prüfungsangst trat dann eine hartnäckige, von Angstanfällen begleitete 
Schlaflosigkeit auf. Er wurde im Bett von heftigem Herzklopfen befallen, 
hatte das Gefühl, es müßte etwas Schreckliches geschehen, und wälzte 
sich schlaflos die meisten Stunden in seinem Bette hin und her. Diese 
Angst war leicht zu heilen. Patient lebte mit seiner Schwester in gemein- 
schaftlichem Haushalte. Ihre Zimmer grenzten aneinander, ihr Verhältnis 
war immer ein sehr zärtliches gewesen. Wie mir einige Traumanalysen 

■■:■■ h:i, Nerrflw AnmUoicSnde ""i Ihre Babtndlang. 2. Aufl. }7 



258 Zweiter Teil. Die Angsthyrterie. 

bewiesen, war das Begehren dieses Kranken auf seine Schwester gerichtet. 
Dieser Inzestgedanke war vom Bewußtsein rollkommen verdrängt worden. 
Des Abends, wenn die Begierde erwachte, regte sich mit ihr auch die 
Vorstellung, es müßte mit ihm etwas Schreckliches geschehen. Dieses 
Schreckliche war eben der Inzest, den er ebenso wünschte, als er ihn ans 
ethischen Gründen verabscheute. Die Heilung dieses Falles war sehr leicht 
durchzuführen. Die Schwester zog zu einer Tante (übrigens litt sie auch 
unter ähnlichen Umständen), und der Patient mietete sich eine andere 
Wohnung, wo die Umgebung nicht mit den erregenden Vorstellungen 
assoziativ verknüpft war. Nach einigen Tagen waren die Angstgefühle 
geschwunden und der Patient erfreute sich eines außerordentlich tiefen 
festen Schlafes. 

Ich habe häutig gefunden, daß sich hinter Phobien unterdrückte Per- 
versionen, alte kriminelle Phantasien und besonders unterdrückte Inzest- 
gedanken nachweisen lassen. Die Prüfungsangst speziell ist immer eine 
verschobene Angstvorstellung. In Wirklichkeit bezieht sich die Angst auf 
etwas ganz anderes als auf die Prüfung. Sie ist aber nach dem Mechanis- 
mus der Zwangsvorstellung von einer dem Bewußtsein peinlichen auf eine 
minder peinliche Vorstellung verschoben und wird nun von jenem Affekte 
begleitet, der die peinliche Vorstellung begleiten sollte. Diese Erfahrung 
kann man auch beim normalen Menschen machen. Bekanntlich ist der 
PrUfungstraum einer der häufigsten Angstträume des Normalmenschen. Er 
träumt, er stehe vor einem Examen und könnte es nicht bestehen. Meistens 
träumt man einen solchen Traum , wenn man vor einer wichtigen Ent- 
scheidung im Leben steht, aber auch häufig, wenn Libido und Potenz im 
offenbaren Mißverhältnis zueinander stehen, wenn man sich vor einer 
sexuellen Blamage fürchtet. 

Nr. 101. Einer meiner Patienten träumte folgendes: „Ich stehe vor 
der Prüfung im Latein. Ich bereite mich aus einem Buch zur 
Matura vor. Ein Ausdruck „Stirrbrück" fällt mir auf. Ich habe 
etwas Angst, daß ich nach so viel Jahren mein Latein vergessen 
habe nnd die Prüfung nicht bestehen werde." 

Die Analyse ergibt folgendes: Der Patient glaubt schon seit Jahren, 
es gehe mit seiner Potenz abwärts. („Er ist mit seinem Latein zu Ende.") 
Er hat jetzt die Bekanntschaft einer überaus kräftigen Dame gemacht, die 
ihm so viel Avancen macht, daß er im Unbewußten mit dem Gedanken 
spielt, sich mit ihr in ein Verhältnis einzulassen. Der Ausdruck „Stirr- 
brück" erklärt die ganze Situation. Er sollte richtiger heißen „Stierbrücke", 
d. h. die Brücke, die ein Stier passieren muß. Das hat folgende Be- 
wandtnis. 

1. Der Stier verdichtet sich aus folgenden Vorstellungen: 

1. Stier: als Sinnbild der rohen tierischen Kraft. Diese Dame braucht 
offenbar einen Stier. 

2. Stier: Wiener Ausdruck für ausgepumpt, ohne Geld sein, am Ende 
seiner Kräfte stehen. 

3. Stier: ein Violinktlnstler , der sich durch Ausschweifungen ums 
Leben gebracht. 

4. ßtirrl: ein Fisch (Symbol für Schwanz) ohne Gräten, d. h. ein Pe- 
nis ohne kräftige Erektion. 

II. Die Brücke bedeutet: 



Eisenbahnangst, Prüfungsangst und psychische Impotenz. 

1. die Brücke, die za passieren der Kranke sich nicht traot. Man hatte 
ihm eine Anekdote von einem Regisseur erzahlt, der, einer jungen Novize auf 
den Penis zeigend, gesagt haben soll: Nnr Ober diese Brücke führt der Weg 
in mein Theater. 

2. Brilck hieß der Hausherr, wo er als junger Stadent wahrend des 
Gymnasiums wohnte, wo er eine Reihe erotischer Abeoteaer erlebte nnd sich 
tatsächlich als Stier bewiesen hatte. 

3. Brücke war sein Prüfer in Physiologie, bei dem er das Examen 
glänzend bestanden hatte, obwohl er nicht got vorbereitet gewesen. 

Aas diesen latenten Traumgedanken ergibt sich etwa der Inhalt: Da 
hast dich vor Latein and der Physiologie so gefürchtet nnd hast glänzend 
bestanden (beide Prüfungen hat er mit „Auszeichnung" absolviert) and da 
wirst auch die Prüfung bei dieser Dame, die ja gar nicht so spröde ist 
(Brücke!), besteben. 

Die Prüfungsangst der Neurotiker entschleiert sich immer als sexuelle 
Angst. Meistens sind diese Leute auch impotent. Der Furcht vor dem 
Weibe entspricht ihre Furcht vor dem Prüfer. . . . Eine weitere Wurzel 
ißt die geheime Religiosität dieser Neurotiker. Jede Prüfung wird zur 
Prüfung vor Gott, der sie wägen und zu leicht finden wird. Alle diese 
Menschen sind eigentlich sehr fromme Menschen, die scheinbar frei sind. 
Sie haben den Glauben im Intellekt überwunden, stecken aber mit dem 
Affekte im alten Kinderglauben. 1 ) 

Nr. 102. Nachstehender Fall ist von mir sehr genau analysiert worden. 
Ich beginne mit der Beschreibung seiner Angstzastände, die ich seinerzeit 
schon an anderer Stelle publiziert habe. Es bandelt sich ebenfalls um 
einen Mediziner, der sich schon seit 15 Jahren für sein Doktorexamen 
vorbereitet. Die Schilderungen sind seinen Tagebüchern, die er mit pein- 
licher Genauigkeit führt, entnommen: 

Herr Z. K., Cand. der Medizin, wird mit seinen Prüfungen nie fertig. 
Nicht, daß er faul wäre. Er ist der fleißigste unter allen Hörern; er ist 
der erste im Kolleg; er stenographiert gewissenhaft jeden Vortrag seiner 
Lehrer mit. 

Aber wie ein Schreckgespenst steht vor ihm der Termin der Prü- 
fung und immer wieder legt er sich die Frage vor, ob er alles genau 
wisse, ob er auch den ganzen Stoff bis aufs letzte I-Tüpferl beherrsche. 
Wie, wenn ihm der Prüfer gerade durch einen Zufall eine Frage vorlegen 
würde, die er nicht beantworten könnte? 

Kalter Schweiß überläuft ihn bei diesem Gedanken. Nein! Dieser 
Gefahr darf er sich nicht aussetzen. Er maß mit dem absoluten Gefühl 
der Sicherheit zur Prüfung gehen. Und er studiert bis tief in die Nacht 
hinein, läßt sich Spezialwerke kommen, weil die Lehrbücher ihm nicht 
ausführlich genug erscheinen. Für ihn existiert keine Lustbarkeit, keine 
frohe Stunde, keine dnrchbummelte Nacht. Er hat nur einen Wunsch: er 
mOchte schnell fertig werden, am die ungeheure Last davonschleudern zu 
können. Allmählich reift in ihm das Gefühl der Sicherheit. Jetzt weiß er 
es sicher: er wird die Prüfung bestehen. Es geschieht etwas Unerwartetes. 



') Goethe, der große Seelenkenner, sagt vom Harfenspieler im .Wilhelm Meister" : „Der 
Verstand hatte unseren Bruder frei gemacht, aber sein Herz war weich; die früheren Ein- 
drücke der Religion worden lebhaft und die menschlichen Zweifel bemächtigten sich 
seiner. Der ungebundene, freie Verstand sprach ihn los, sein Gefühl, seine Religion, alle ge- 
wohnten Begriffe erklärten ihn für einen Verbrecher." 

17» 



260 Zweiter Teil. Die An&stbysterie. 

Er erscheint bei den Prüfungen der anderen and setzt sich nnter die zu- 
hörenden Kollegen, nnter jene armen Strandräuber, die ihre ganze Hoff- 
nung darauf setzen, daß sie die wichtigsten Fragen, die der gestrenge 
Herr Professor stellt, durch häufiges Hören der Prüfungen beantworten können. 

Merkwürdig! Wie wenig die Studenten wissen! Was hätte er an 
Stelle dieser Kandidaten alles sagen können! Welch reiches Wissen steht 
ihm zu Gebote! Sein Entschluß steht fest. Er wird sich noch morgen zur 
Prüfung melden. 

Schon abends beginnt aber seine Siegeszuversicht einem leisen Miß- 
trauen zu weichen. Wenn es aber doch ein Zufall gewesen wäre, daß er 
alles so gut gewußt hatte? Wäre es nicht vernünftig, noch einmal hinzu- 
gehen und noch einmal sein Wissen mit dem der anderen Kandidaten zu 
vergleichen? Gedacht, getan. Er geht wieder in den Prüfungssaal und setzt 
sich in den Hintergrund, um nicht aufzufallen. Er sitzt einsam dort, kaum 
daß ihn hie und da ein alter Bekannter grüßt. Wer sollte ihn auch hier 
kennen? Seine Kollegen sind längst fertige Doktoren und zu dieser jungen 
Generation, die hier die Bänke füllt, hat er keine Beziehungen. Nur hie 
und da taucht einmal ein bekanntes Gesicht auf. Es sind meistens Kol- 
legen, die ihre Jahre fröhlich bei Verbindungen verbracht haben, Bumm- 
ler, alte Häuser. Wer ihm das gesagt hätte, daß er, der Beste in seiner 
Klasse, mit diesen alten Häusern, für die er immer nur mitleidsvolle Ver- 
achtung gehabt hatte, auf einer Bank werde sitzen müssen! 

Ach, wenn er jetzt dort sitzen würde, wenn er nur den Mut gehabt 
hätte, eich früher anzumelden! Wie hätte er heute glänzen können! Denn 
wieder zeigt ihm die Prüfung, daß er alle Kandidaten, die dort sitzen, an 
Wissen weit überflügeln könnte. 

Zornig, mißmutig und doch voller Zuversicht eilt der Kandidat nach 
Hause. Morgen wird er sich anmelden, komme was da wolle. Er leistet 
sich einen heiligen Eid, der ihn binden soll. Diesmal wird er sich von 
seinen Angstgefühlen nicht unterkriegen lassen. Diesmal wird er nicht das 
Opfer seiner kindischen Feigheit werden. 

Er führt den Vorsatz aus. Er ist angemeldet. Drei Wochen trennen 
ihn von seiner Prüfung. Rastlos sitzt er über seinen Büchern und Überfliegt 
die ihm wohlbekannten Seiten. Hie und da bemerkt er eine Lücke in 
seinem Wissen. Täuscht er sich nicht? Hat ihn nicht sein Gedächtnis im 
Stich gelassen? Was wäre geschehen, wenn ihm der Professor gerade 
diese Frage vorgelegt hätte? Seine Unruhe wächst. Er wird schlaflos. Wie 
eine schreckliche Vision taucht vor ihm das Bild der Prüfung auf. Er 
sieht sich zitternd und stammelnd vor dem Prüfer, unfähig, ein Wort zu 
sprechen. Nein, nein! In diesem Zustand ist er nicht fähig, eine Prüfung zu 
bestehen. Er muß sich erst ausruhen, seine Nerven beruhigen, neue Spann- 
kräfte sammeln. So geht es absolut nicht. 

In dieser Stimmung sucht er mich auf und bittet um eine Hypnose. 
Er erinnert sich, daß Krafft-Ebing einmal eine Hebamme, die an Prüfungs- 
angst gelitten hatte, durch eine gelungene Hypnose von der Angst befreite. 
Sie stellte sich ruhig zur Prüfung und bestand sie mit Auszeichnung. 

Nun gelingt diese Hypnose bei diesen Phobien in den seltensten 
Fällen. Die Hemmnngsvorstellungcn sind stärker als die Macht der Sug- 
gestion. 

So mißlang auch in diesem Falle die Hypnose. Dagegen hatte die 
Psychotherapie einen vollen Erfolg. Es zeigte sich, daß der Mann früher 



Eisenbitbnangst, Prüfungsangst und psychischr Impotenz. 261 

relativ impotent gewesen . Bei jeder Puella publica versagte seine Potenz 
vollkommen und zu anderen Mädchen oder Frauen traute er sich nicht 
hin. Dabei hatte er heftige nachtliche Erektionen, besonders des Morgens. 

Die weitere Analyse ergab, daß er mit seinem Vater in heftigen 
Streit lebte. Wie er sagte, wegen der Prüfung. Allein die nähere Nach- 
forschung bewies, daß er schon vor seinen Prüfungsnöten sich mit dem 
Vater nicht vertragen konnte, so daß er infolge dessen nicht daheim 
wohnte. Er hatte verschiedene sonderbare Neigungen: Er unterhielt sich 
am liebsten mit älteren Damen, grübelte viel Über die Ehe seiner Eltern 
nach. Er brachte mir mehrere Beweise vor, daß er nicht der Sohn seines 
Vaters: wäre. Er machte seine Mutter dadurch gewissermaßen zur Dirne. 
Er glaubte sichere Beweise zu haben, daß sein Vater impotent sei. Er sei 
seinem Vater gar nicht ähnlich und dergleichen Dinge mehr. Endlich ge- 
stand er mir, daß er seine Mutter als Kind so geliebt hatte, daß er schon 
damals auf den Vater eifersüchtig gewesen. Er hatte erst in den letzten 
Tagen einen Traum mit einer Pollution gehabt, worüber er sich so auf- 
geregt hatte, daß er einen ihm befreundeten Pfarrer um Rat gefragt habe, 
ob es eine Sünde sei, wenn jemand im Traume eine Blutschande begehe. 

Kurz, hinter seiner Impotenz steckte eine in6 Unbewußte verdrängte 
Liebe zu seiner Mutter, ein Inzestgedanke. (Vergleiche den Fall Nr. 1 des 
Bankbeamten, der an Platzangst litt!) Seine Liebe war durch die Ver- 
drängung am Grunde seiner Seele verankert. 

Mit Hilfe der Psychoanalyse wurden diese Verdrängungen gelöst und 
der Patient konnte ruhig zur Prüfung gehen. Er nahm einige Tage vorher 
größere Dosen Validol und konnte ohne besondere Angst und Aufregung 
den lang ersehnten Doktorhut erringen. 

Wir werden hinter jeder Prüfungsangst schwere Verdrängungen ver- 
muten. Die Angst ist verschoben, bezieht sich auf ein sündhaftes sexuelles 
Begehren. Hinter der Prüfung vor dem Lehrer verbergen sich andere für 
den Kranken weit bedeutsamere Prüfungen. Wie wird er vor dem Weibe 
bestehen? Und noch bedeutsamer: Wie wird er vor Gott bestehen. Jeder 
Neurotiker ist ja ein geheimer Verbrecher. Er hat allen Grund, die Prüfung 
vor Gott zu fürchten. Eine ähnliche Bedeutung haben die Prüfungsträume, 
die nach meiner Erfahrung besonders bei Dichtern sehr häufig vorkommen. 
Die Angst vor der Mathematik oder dem Latein hat eine besondere symboli- 
sche Bedeutung, die ich in „Die Sprache des Traumes" eingehend be- 
sprochen habe. Die Neurotiker, die an Prüfungsangst leiden, sind häutig 
Erythrophoben , haben Scheu vor Gesellschaften und vor den Menschen 
überhaupt. In vielen Fällen werden wir eine relative Impotenz kon- 
statieren. 

Es gibt verschiedene Formen von Impotenz. Wir wollen hier nur von 
jener sprechen, die eigentlich nur eine Angst vor der Impotenz darstellt. 
Manche Männer erleben irgend einmal eine sexuelle Blamage. Da setzt sich 
bei ihnen der Gedanke fest, sie wären impotent. Diese Angstvorstellung 
beherrscht nun ihr ganzes Denken und hindert den automatischen Ablauf 
des Sexualaktes. Wenn sie sich dem Weibe nähern, so sind sie nur von 
der einen Vorstellung beherrscht: Wird es gehen oder nicht? Natürlich 
geht es dann nicht. Solche Kranke haben des Nachts, meistens des Mor- 
gens, die kräftigsten Erektionen. Für sie gilt das kluge Wort Alberte: „Bei 
der psychischen Impotenz feiert die Diplomatie einer schönen Frau ihre 
größten Triumphe." Aber auch der energische und Vertrauen einflößende 



262 Zweitor Teil. Die Angsthystorie 

Arzt kann da leicht Wnnderheilungen erzielen. Besondere heilsam wirkt 
das Verbot des Koitus. Wenn man so einem Kranken einige Monate Ab- 
stinenz auferlegt, kann man sicher sein, daß er nach einiger Zeit trium- 
phierend kommt und von seinem Erfolg erzählt. Besondere wenn man ihn 
beruhigt, die sichere Wiederkehr der Potenz versprochen und irgend eine 
suggestiv wirkende Therapie eingeleitet hat (Psychropbor, Einpackung 
mit kaltem Ruckenschlauch, Elektrisieren). Diese Fälle haben alle den 
gleichen Typus. 

Nr. 103. Herr J. W., ein sonst sehr potenter Mann, will auf der 
Reise ein Stubenmädchen koitieren. Er ist absolut impotent. (Wie wir 
nachträglich erfuhren, hatte das Mädchen einen Ausschlag im Gesichte, 
und er hatte tags zuvor vernommen, daß ein Freund infolge einer Gehirn- 
syphilis plötzlich ins Irrenhaus gekommen.) Er glaubt nun fest, er sei im- 
potent. Er kommt zu mir mit der Bitte, ihm zu helfen. Sonst werde 
er sich erschießen. Er sei in der Fremde schon impotent gewesen. Er 
sei dann von der Reise nach Hause gekommen und es sei bei seiner 
Frau auch nicht gegangen. Ich machte ihm klar, daß die Impotenz in- 
folge einer verdrängten Ekel- und Angstvoreteilung (Lues !) akut entstanden 
sei, daß seine Krankheit eigentlich nur eine Angst vor der Angst vorstelle. 
Er möge nach Hause gehen, des Abends ein Glas alten Weines trinken, 
20 Tropfen Validol nehmen und ein Kapitel aus einem pikanten Buche 
lesen. Das andere werde sich schon geben. Am nächsten Tage stellte er 
sich mir geheilt vor. 

Solche Fälle kennt jeder Praktiker. Aber andrerseits sehr hartnäckige, 
die jeder Therapie trotzen. Nach meinen Erfahrungen ist die sicherste 
Behandlung die psychoanalytische. Maximilian Steiner (Die funktionelle 
Impotenz des Mannes und ihre Behandlung, Wiener med. Presse, 1907, 
Nr. 42) unterscheidet bei der psychischen Impotenz des Mannes drei Ka- 
tegorien: 1. angeborene, 2. in der ersten Kindheit erworbene, 3. Impotenz, 
die im späteren Alter bei einem zufälligen Anlaß anftritt, also diejenige, 
die wir vorher bebandelt haben). 

Während die erste Gruppe sich aus geistigen Minderwertigkeiten zu- 
sammensetzt und eine schlechte Prognose gibt, ist bei der zweiten Gruppe 
die Bedingung zur Impotenz in der ersten Kindheit erworben worden. Im 
fünften oder sechsten Lebensjahr bekomme der Geschlechtstrieb Form und 
Richtung. Dr. Steiner behauptet: 

„ Es kommen in diesem Belange nicht nur die Äußerungen des Auto- 
erotismus in Betracht, sondern auch die Eindrucke, die dem Kinde von 
seiner Umgebung, Eltern, Erziehern, namentlich aber von den Geschwistern 
zufließen. Was die letzteren betrifft, habe ich eine Wahrnehmung gemacht, 
deren Nachkontrollierung ich erbitte. Ich habe nämlich gefunden, daß fast 
alle Patienten, die mich wegen mangelhafter Potenz konsultierten, in der 
Kindheit ohne Schwestern 1 ) oder zumindest ohne gleichalterige Schwe- 
stern aufgewachsen waren. Selbst wenn dieser Befund anderen Beobachtern 
nicht so regelmäßig aufstoßen sollte, scheint mir dieser Defekt doch die 
Veranlassung dafür abzugeben, daß unsere Patienten auch im späteren 
Leben nicht das richtige Verhältnis zum Weibe linden. Das Weib wird für 
sie daher schon in jungen Jahren zum Mysterium. Die Phantasie der ge- 



*) Diese Beobachtung seheint mir das Spie! eines Zufalls. Sie widerspricht meinen 
Erfahrungen. 



Eieenbahnangst, Prüfungsangst and psychische Impotenz. 263 

wohnlich sehr aufgeweckten Kinder wird ungebührlich in Ansprach ge- 
nommen, so daß sie in der Zeit der Pubertät gleichsam die Perversionen 
mitbringen, die durch die in dieser Zeit erfolgende Revolutionierung des 
Organismus noch bedeutend genährt und vergrößert wird. Patienten dieser 
Art erschöpfen sich in den verschiedensten frustranen Erregungszuständen, 
wenn sie zum Verkehr mit dem Weibe übergehen. Niemals finden sie im 
bloßen Koitus ihr Auslangen. Da das Weib an sich durchaus nicht den Er- 
wartungen entspricht, die sie sich in der Phantasie von ihm machten, 
müssen sie diese auch während des Koitus zu Hilfe nehmen. Der Koitus 
gelingt nur unter den verschiedensten Hilfsvorstellungen, die keines- 
wegs willkürlich sind, sondern, wie wir bei Besprechung der Therapie 
Beben werden, den im Unbewußten liegenden Erinnerungsbildern 
der ersten Kindheit entnommen sind. Patienten dieser Kategorie finden, 
wenn sie unbehandelt bleiben, kaum je ein Weib, das sie vollkommen be- 
friedigt, sie leiden infolgedessen an einem ewigen Durste, einem Übermaße 
von Libido, das selbst bei normaler psychischer Veranlagung mit der 
Zeit notwendig zur sexuellen Erschöpfung und zu den ersten , Versagern" 
führen muß." 

„Die Prognose der zweiten Kategorie, wo die Ursache der Erkran- 
kung in die Kindheit verlegt werden muß, ist unter Umständen eine gün- 
stige, jedoch nur dann, wenn es gelingt, die im Unterbewußtsein 
schlummernde, das sexuelle Leben beherrschende Vorstellung 
in die bewußte Empfindung zu rufen. Das ist unter Umständen 
leicht, sehr oft aber äußeret schwierig und nur vom gewiegten Psycho- 
therapeuten bei hingehendster Arbeit erreichbar. Ich kann mich hier un- 
möglich darauf einlassen, diese Methode ausführlich zu erörtern, und ver- 
weise diesbezüglich nur auf die Arbeiten Freuds, die dieses Thema be- 
handeln. Kasuistisch schwebt mir als Paradigma dieser Gattung der Fall 
eines Herrn vor, der bis zum 38. Jahre impotent war. Die Veranlassung 
zu seiner Neurose war die verdrängte Liebe zur eigenen Mutter gewesen 
(Odipus -Motiv) Alle therapeutischen Verfahren, die der Genannte versucht 
hat, waren erfolglos geblieben; nur die nach mehrmonatlicher Analyse 
gelungene Aufdeckung des merkwürdigen (nach Freud durchaus nicht 
seltenen) Zusammenhanges vermochte vollkommene Heilung zu bringen." 

Dieser Patient fühlte sich dann so sicher, daß er kurze Zeit nach der 
Behandlung ein junges Mädchen heiratete. Der Fall zeigt große Ähnlichkeit 
mit dem von mir vorher beschriebenen von „Prüfungsangst". In beiden 
Fällen handelte es sich um Angsthysterien, bei denen verdrängte Kinder- 
phantasien die Ursache der schweren Neurose waren. 

immer wieder finden wir, daß die Angstvorstellungen verschoben sind. 
Sie sind vom sexuellen Gebiet auf den Beruf „transponiert" worden. Oder 
sie sind von dem einen Sexualobjekt abgedrängt und mit einem andern 
falsch verknüpft worden. 

Manche Fälle jedoch sind komplizierter und zeigen eine eigenartige 
Mischung von Angsthysterie und Zwangsneurose. Ich bebalte mir vor, 
darüber ein ausführliches Werk, das viele genaue Psychoanalysen ent- 
halten wird, zu publizieren.') Das Thema ist zu bedeutsam, um sich in das 
Prokrustesbett eines oder einiger Kapitel zwängen zu lassen. So einfach 
sind die Verhältnisse nicht, wie Steiner sie hier schildert. Es kommen 



') Es wird der III. Band der -Störungen des Trieb- and AfTektlebens" sein. 



264 Zweiter Teil. Die Angsthysterie. 

jedoch bei der psychischen Impotenz mannigfache Faktoren in Betracht, 
unter denen auch das Oedipusmotiv eine große Rolle spielt. 

Nur einige Bemerkungen will ich hier hinzufügen. Alle diese Falle 
zeigen ein sexuelles Trauma in der Jugend, bei dem ein Familienmitglied, 
die Mutter oder die Schwester (ja in einem meiner Fälle die Großmutter) 
eine Rolle spielt. Der Inzestgedanke bildet die Grundlage dieser Neu- 
rosen. 

Nr. 104. Ein Behr lehrreiches Beispiel, wie das unvorsichtige Beispiel der 
Eltern das Lebensglück eines Menschen zerstören kann, publiziert Dr. Ernst 
Bloch. (Ein Beitrag zur Frewdschen Sexualtheorie der Neurosen, Wiener klin. 
Wochenschr., 1907, Nr. 52.) Es handelt sich nm einen schweren Neurotiker, 
der an psychischer Impotenz leidet. Im Alter von fünf Jahren wachte er 
durch ein Geräusch auf, das die Eltern bei der Kohabitation produzierten. Er 
hörte seiner Mutter „ Stöhnen", was ihm ein gewisses Lustgefühl verursachte. Er 
versuchte nun, dies Beispiel nachzumachen. Er weckte sein 4jahriges Schwester- 
chen aus dem Schlafe und wollte an ihr Gewalt anwenden. Sie schrie er- 
schreckt auf, die Eltern wurden auf sein Vorhaben aufmerksam gemacht und 
der Vater prügelte ihn gehörig durch. Die Szene vergaß er spater voll- 
kommen. Nach der Hochzeit zeigte es sich, daß er unfähig war, einen Koitus 
auszuüben. Er hat wohl genügende Erektionen. Wenn er jedoch zu seiner Frau 
ins Bett steigt, schwindet die Erektion sofort. Er ist acht Jahre verheiratet 
und lebt neben seiner Frau. Einigemale der Woche hat er Pollutionen nach 
kraftigen Erektionen. Die erlauschte Szene aus der Kindheit taucht immer vor 
seinem geistigen Auge auf. Das Bild der Mutter stellt sich zwischen seine Frau 
und ihn. Es ist dies eine echte Obsession, durch Verdrängung entstanden. 
Beine Sexualität ist bei der Mutter verankert. Sein Schuldbewußtsein stammt 
ans derselben Quelle. 

Der Fall ist geradezu typisch. Ich muß mir hier versagen, auf dieses 
Thema des Näheren einzugehen. Die meisten Angsthysteriker und Zwangs- 
neurotiker zeigen eine relative psychische Impotenz, die ja zum Teil mit 
geheimer Neigung znr Perversion zusammenhängt. Eine psychische Im- 
potenz zeigt acht charakteristische Momente: 

1. Ein Inzestgedanke ist immer nachzuweisen. 

2. Das Schuldbewußtsein wirkt als Hemmung. Dieses Schuldbewußt- 
sein ist Reue über die Onanie und böses Gewissen wegen der Inzest- 
phantasien. 

3. Die Erinnerung der ersten sexuellen Aggression ist durch ver- 
schiedene Momente unlastbetont. Besonders ist dies der Fall, wenn wie in 
der vorhergehenden Beobachtung auf die Aggression Schläge erfolgten. 

4. Eine deutliche homosexuelle Komponente und andere unbewußte 
Perversionen verringern die Energie des heterosexuellen Triebes. 

5. Die Impotenz ist zum Teil Strafe nnd wird aus unbewußten Mo- 
tiven der Buße für die kriminellen Phantasien freiwillig festgehalten. 

6. In der Lust der Askese findet der Impotente Ersatz für die ver- 
lorene Lust. 

7. Die Impotenz wird aus unbewußten Motiven der Frömmigkeit 
und aus ethischen Prinzipien zur Sicherung der Reinheit verwendet (Flucht 
in die Krankheit). 

8. Die Überschätzung des Sexualobjektes, die eine vertrau- 
liche Annäherung verhindert. In diesen Fällen wird der Koitus als 
Herabwürdigung und Bescbmutzung des Objektes empfunden. Hierher 



Eisenbabnangst, Prüfungsangst und psychische Impotenz. 

zählen die Menschen, die bei einer Dirne sehr potent sind und bei der 
anständigen Frau versagen. 1 ) 

Hier schließe ich ein Fragment einer Analyse von psychischer Im- 
potenz an, das besonders das Prinzip der Vergeltung ') illustriert. In diesen 
Fällen spielt die Phantasie der Kastration eine große Rolle. Die Kinder 
tragen sich aus Rache dafür, daß ihnen bei der Onanie die Kastration 
angedroht wurde, mit kriminellen Phantasien, den Vater zu entmannen. 
Stirbt dann der Vater, so tritt tiefe Reue und als Folge der Selbstbe- 
strafung Impotenz ein. Die Menschen strafen sich immer dadurch, daß sie 
sich das Liebste und Beste entziehen. Doch kann die Askese dann selbst 
zur Lust, werden, wenn die masochistische Komponente stark genug ent- 
wickelt ist. 

Nr. 105. Ein 24jäbriger Mediziner kommt in höchster Erregung zu mir. 
Ee wäre ihm etwas Schreckliches passiert. Er liebe seit vielen Monaten ein 
Mädchen, das seine Liebe erwidert. Seit Monaten dränge er sie, sie möge sich 
ihm ganz hingeben. Das Madeben hatte alle Anträge entrüstet zurückgewiesen 
and den Verkehr mit ihm abgebrochen. Vor einigen Tagen schrieb sie ihm, 
sie müsse in zwei Wochen einen ungeliebten Mann auf SVunsch ihrer Eltern 
heiraten. Sie wolle aber noch vorher ihm angehören. Er wäre nun in fürchter- 
licher Erregung, von permanenten Erektionen gepeinigt herumgelaufen, bis die 
Stunde des Rendezvous gekommen. Sie gingen ins Hotel. Hier war er so 
aufgeregt, daß er weinte. Zu seiner großen Bestürzung sei dann keine 
Erektion aufgetreten, obwohl er bisher immer ohne jede Störung den Koitus 
hatte ausführen können. 

Dies ist die kurze Vorgeschichte. Jetzt sei er so aufgeregt, daß er schon 
seit Wochen nicht studieren könne. Er habe auch die sonderbarsten Träume, 
die er sieb nicht erklären könne. Sein Vater sei schon vor Jahren gestorben. 
Er war ein bartherziger nnd strenger Vater, den er direkt gehaßt hatte. Die 
Mutter wäre immer sehr lieb and zärtlich mit ihm gewesen. Er habe nun 
geträumt, es wäre alles umgekehrt gewesen: Er hatte im Traume einen 
lieben und sehr zärtlichen Vater, während die Mutter eine entsetzliche 
Megäre war. Er habe sich nun auf die Mutter gestürzt und sie er- 
würgt. Dann stand er vor Gericht und mußte sich wegen eines Mutter- 
mordes verteidigen. 

Er will sich offenbar des Einflusses der Mutter erwehren und seinen 
Haß gegen den Vater entwurzeln. 

Iu einem anderen Traume ging er mit zwei Mädchen, den 
Töchtern eines Landesgerichtsrates, spazieren und stand plötzlich 
wieder vor Gericht. 

Wir merken aus diesen Träumen, daß einerseits ein starker krimineller 
Komplex vorhanden sein muß, andrerseits die Angst vor den Folgen eines Ver- 
brechens, das ihn vors Gericht bringen könnte. Dazu stimmt ein stereotyper 
Traum, der sich periodisch wiederholt. Er geht spazieren und steht plötz- 
lich vor einem Ungeheuern Abgrund. Darauf erwacht er mit Angst und Herz- 



') Diesen Typus bat Gerhart Hauptmann glänzend in Beinern tiefsten Drama Gri- 
selda beschrieben. Der Markgraf vergewaltigt Kubmägde und versagt bei Damen seines 
Standes ! 

') Ferenczi, der in seiner Arbeit .Analytische Deutung nnd Behandlung der psy- 
chosexuellen Impotenz beim Manne" (Psych.-neur. Wochenschrift, X. Jabrg., Nr. 36 u. 36, 
1908) meine Resultate bestätigt, sagt Bebt treffend: „Die sexuelle Hemmung ist ein 
Verbot des Unbewußten." 



266 Zweiter Teil. Die Anggtbyaterie. 

klopfen. Er steht in Wahrheit vor einem Abgrund. Ich schlage ihm die Psy- 
choanalyse vor, anf die er gerne eingeht. 

Der erste Tranm, den er mir bringt, ist merkwürdig genug. Er lautet: 

Ich sali mit einer Frau, von der ich eben nur das weiß, daß 
es eine Frau war, in dem Winkel einer in eine tiefe Mauer einge- 
bauten, flachbogigen Nische. Wir beide saßen lange Zeit dort still- 
schweigend. Plötzlich beugte sich um die Ecke ein Wesen, dessen 
Gesicht von innen heraus wie mit einer elektrischen Lampe durch- 
leuchtet war. Mit seinen glOhenden Angen sah es nns lange an und 
sagte: 0! 

Die Auflösung dieses Traumes ist dem Geübten, der die religiöse Sym- 
bolik des Traumes kennt, nicht schwer. Die Frau in der Nische der Mauer 
ist die Mutter Gottes. Er ist das Christuskind (Christusneurose 1 ). Sein zweites 
Ich, wie er glaubt das „moralische", in Wahrheit aber das „lüsterne" Ich starrt 
die Mutter Gottes mit glühenden Augen an. Die erste Determination laßt schließen, 
daß ihn ein inneres Licht erleuchtet hat und er deshalb das Madchen ge- 
schont hat. Offenbar hatten moralische Hemmungsvorstelluogen die Potenz auf- 
gehoben. Das Madchen sollte in zwei Wochen heiraten Hatte er ein Recht, die 
Jungferschaft dem rechtmäßigen Manne vorzuenthalten? Könnte der Mann nicht 
bemerken, daß sie keine virgo mehr war und sie mit Schimpf und Schande 
heimschicken? 

Die zweite Bedeutung des Traumes geht auf eine glühende Liebe zur 
Mutter zurück. Er sieht seine Mutter mit glühenden Augen an. Doch was be- 
deutet das rätselhafte „0"? Dem Patienten fallt dazu gar keine Assoziation ein. 

.Kennen Sie kein Gedicht, in dem das „0" eine große Rolle spielt?" 

„Ja, irgend eine Ballade gibt es, die so schließt." 

„Wie heißt sie und was behandelt sie?" 

„Ich weiß es nicht. " 

„Ich werde Ihnen zn Hilfe kommen. Sie heißt: Edward." 

„Richtig, Edward." 

„Wovon handelt sie?" 

„Von einem erschlagenen Ritter, der vom Pferd fallt." 

r Nein. Sie beginnt: Edward, was ist dein Schwert so rot, Edward, Edward." 

„Ich habe geschlagen meinen Geier tot, Mutter o Mutter. 0!" 

„Richtig — jetzt weiß ich ea schon." 

„Wissen Sie auch den Schluß?" 

„Nein, die letzte Strophe habe ich ganz vergessen." 

„Edward bat seinen Vater erschlagen, er will das büßen und auf Erden 
soll sein Fuß nicht rub'n, dann flucht er der Mutter und nun kommt am Schlüsse 
die grandiose Steigerung der Ballade: „Denn Ihr, Ihr rieteta mir !0!" Gerade 
dieses „0!" fordert immer die Kunst des Vortragenden heraus." 

„Das weiß ich, denn ich habe die Ballade vor einigen Tagen lant in 
meinem Zimmer vorgetragen." 

Ich zeigte ihm, wie stark die Verdrängung des Vatermordgedankens sein 
müsse. Im ersten Traum Bei dieser Gedanke in der Umkehrung erschienen. Er 
habe den Vater geliebt und die Mutter erschlagen. Im zweiten Traume steckte 
er in den latenten Traumgedanken. 1 ) 



') Vgl. „Die Spr. des Traumes". 

*) Vergleiche A. J. S torfer, «Zur Sonderstellung des Vatermordes". (Schriften «ur 
angew. Seelenkunde. Leipzig and Wien, Franz Deaticke, 1911.) 



EisenbahnaDRst, Prätangsangst and psychische Impotenz. 267 

„Ich habe diese Nacht noch einige interessante Träume gehabt", meint der 
Patient und liest mir den nächsten Traum vor, der als Traumbild ein Kuriosnm 
bedeutet und wirklich sehr interessant ist. 

Daran schlössen sich noch zwei Traume, die wir zugleich im Zusammen- 
hange mit dem ersten mitteilen wollen. 

I. Ich träumte von einer unermeßlich hohen, in einen Winkel 
von ca. 60 — 7U° eingestellten Ebene, die von einer Beschaffenheit 
wie Majolika war; die Farbe war gelblich, an maucben Stellen an 
Farbe gleich der menschlichen Haut. Der Anfang und das Ende 
dieser Ebene waren mit Nebelmassen verhüllt. Über die ganze glatte 
Fläche waren Aufsätze in symmetrischer Anordnung verteilt, welche 
Aufsätze die Form eines Sechseckes hatten, 1 m im Durchmesser and 
ca. 50 cm von der Aufsatzfläche sich erhoben. Auf dieser Fläche 
bewegten sich nackte junge Männer und nackte Mädchen, teils allein, 
teils in inniger Umschlingung. Alle hatten die Füße in einer eigen- 
artigen Stellung, und zwar so, daß über- und Unterschenkel genau 
vier Flächen dieser sechsseitigen Aufsätze angepaßt waren: Alle 
diese jungen Leute bewegten sich nach unten zu und verschwanden 
allmählich in den unteren NebelmaBsen. Die Bewegung war sehr 
gonderbar. Es war wie das Gleiten eines Blattes in einem ruhig 
dahinfließenden Wasser. Im Schwimmen bleibt das Blatt an irgend 
einem Hindernisse hängen, löst sich wieder los und so wiederholt 
sich dasselbe Spiel. Alle diese jungen Leute schwammen in der Luft 
auf solch einen Aufsatz zu, setzten sich darauf, blieben eine Weile 
sitzen, lösten 6ich von diesem Sitz ab, schwammen wieder weiter, 
etc. . . . Und alle in der eigenartigen Fußhaltung. Ich selbst folgte 
den anderen Vielen ganz allein nach in auch einer solchen Stellung. 
Als ich auf die Aufsätze kam, wo die anderen eben geweilt, merkte 
ich, daß diese so eigentumlich schmierig und schleimig seien, und 
ich rief mit einem deutlichen Gefühl von erstauntem Unglauben 
aus: „Ihr koitiert? u Ein spöttisches Gelächter war die Antwort. 

II. Ich ruhte als Soldat in den Manövern in einer Holzhütte, die 
so lange wie mein Körper bis zu den Knien war und von der offenen 
Seite durch den schweren Flügel eines geöffneten Tors einer Scheune 
verschlossen war. Die Füße bis zu den Knien, über denen sich go- 
rade die untere Kante des ßcheunentors sich befand, waren mit 
Stroh bedeckt, welches ich dnrch das Tor hindurch sah. Plötzlich 
hörte ich jemanden mit lauter Stimme aus einer nicht zu ergründen- 
den Richtung „Miloakaberg" rufen. 

IU. Mein Ich war in zwei Teile gespalten. Der eine Teil stand 
hinter einem Tisch, auf dem flach ausgebreitet viele große hellgrüne 
Äpfel lagen. Der andere Teil stand vor dem Tische unter anderen 
Leuten. Die Äpfel waren in der Horizontalebenc des Auges so, daß 
man von den Zuschauern nur die erste Reihe sah. Der erste Teil 
meines Ichs, der hinter dem Tische stand, sagte: „Ich bitte Saturner. " 
Der eiste Tra um ist ein seltener Typus. Es ist ein sogenannter „Vater- 
leibstraum". Die Einfälle des Patienten bestätigen die Deutung. Er ist Medi- 
ziner. Ich frage, ob er jetzt mikroskopiert. 

Natürlich. Jeden Tag. 

„An was erinnern Sie die Sechsecke V"* 

„Das sind Blaseoepitbelien." 



268 Zweiter Teil. Die AnRBtb.vsterie. 

Nun ist die Deutung klar. Die schiefe Ebene mit Hantfarbe int der Penis. 

Aber warum die Zahl 60—70? 

„Wie alt war Ihr Vater, als er starb?" 

„65 Jahre!" 

„Also zwischen 60 und 70!" 

In diesem Tranm ist er ein Samenfaden und schwimmt nach der infan- 
tilen Sexualtheorie in der Blase hemm, bis er znr Matter kommt. Die Hinder- 
nisse sind Zellen. Ihm fallt die Phagozytose ein. Er kommt durch die Luft, in 
die Vagina (schmierig-schleimig!) and konstatiert, daß es ein Koitus ist. 

Der nächste Traum ist eine Matterleibsphantasie. ') Er ist im Mutterleibe, 
Stroh fängt bekanntlich leicht Feuer. Das rätselhafte Wort „Miloakaberg" 
erklärt sich folgendermaßen: 

Er zerlegt es in Mit .... oaka .... und .... Berg. Zu Mil fällt 
ihm ein, daß seine Matter Mila heißt. Zu oaka sagt er: „Man kann auch 
Mi ... . und loaka .... trennen. Dann habe ich das Bedürfnis, ein k hin- 
zuzugeben, also kl oaka," Das ist aber die Kloake, wie sie die Schnabeltiere 
haben, oder die Vagina der Matter. Das Wort heißt also: Der Schamberg der 
Matter oder die Kloake and der Berg der Mila. 

Der letzte Traum bringt wieder eine Religionssymbolik. Die Äpfel sind 
bekanntlich in der Bibel das Symbol der verbotenen Sttnde. Der Traum erzählt 
uns von schweren Sünden. Was bedeutet aber das rätselhafte „Ich bitte Sa- 
turner!" Ihm fällt zuerst satis ein. Dann ist er fertig. Ich mache ihn auf- 
merksam, daß Saturner das Wort Satarn enthält. Ob er etwas von Satarn 
and den Satarnalien wüßte? Das wären Bacchanalien mit stark erotischem Ein- 
schlag gewesen. Langsam führe ich ihn darauf, daß Saturn auch Kronos heiße und 

von Zeus „zerstückelt wurde" .... fügt er hinzu. „Nein, entmannt 

wurde er." 

„Jetzt wissen Sie, warum Sie impotent waren. Sie hatten die Phantasie, 
den Vater zu entmannen. Zur 8trafe wurden Sie nach dem Gesetze der Talion 
impotent. Haben Sie geweint, als der Vater starb?" 

„Nein, ich konnte keine Träne herausbringen." 

„Sehen Sie. Vor dem Mädchen haben Sie das nachgeholt. Es war ein 
Opfer, um die Manen des toten, von Ihnen schwer gekränkton Vaters zu ver- 
söhnen. 

Nun bringt er weitere Einfälle. Er müsse in letzter Zeit immer das Wort 
Gift aassprechen. Er habe auch eine Zeitlang an Sypbilisangst gelitten und eine 
harmlose Balanitis trotz der Versicherung aller Ärzte für Syphilis gehalten. Er 
furchte sich auch vor Paranoia, Tabes and Paralyse. 

Ich mache ihn aufmerksam, daß sich hinter dieser unmotivierten Syphilis- 
angst der Verdacht verbirgt, vom Vater hereditär mit Lues behaftet zu sein. 

Wir kommen auf das Wort Saturner zurück. Ob er wisse, daß die Blei- 
vergiftung Satarnismns heiße. 

„Freilich. Ich habe vor einigen Jahren eine Bleivergiftung durchgemacht, 
weil ich bleihaltige Farben beim Malen verwendet habe. Ich wollte dem Arzte 
nicht glauben und hielt die Gingivitis für eine sekundäre Lues." 

Jetzt wissen wir auch die Bedeutung des Wortes Satis. Er hat genug 
der Sünden aufgehäuft. Sein Vater ruft ihm ein Satis, das auch ein abgekürztes 
Satyriasis ist, zu. 

Er ist angeblich ein Atheist. Aber er liest die Bibel aus poetischem Inter- 
esse. Er besucht die Kirchen, weil er sich dort Stimmung holt und dort be- 

') Vgl.: Die Spr. des Tr. das Kapittl „Mntterleibst räume*. 



Eisenbahnaugst, Prüfungsangst and psychische Impotenz. 269 

rohigt. — er möchte gerne fromm sein, wenn er es könnte! Er geht nur des 
Sonntags in die Hofkapelle, nm die Kirchenmusik zu hören. Er ist ein Frömm- 
ling, der sich seine Frömmigkeit nicht eingestehen will. Er hat einen stereotypen 
Traum: 

„Ich lese in einem Bache, das mir sehr gefallt und das ich nie 
recht gelesen habe. Ich lese laot und wache auf und lese noch im 
Halbschlnmmer weiter. Dann wache ich auf nnd sehe noch die Let- 
tern und kann kein Wort, von dem, was ich gelesen habe, entnehmen. 

Dies Buch ist, wenn wir von der erotischen Bedentang (Mutter?) absehen, 
die Bibel, das Bach aller BUcber, and das Gebetbuch. Er betet im Traume and 
schämt sich am Tage seiner Frömmigkeit. 

Wir sehen, er leidet an einem schweren Schuldbewußtsein seinem Vater 
gegenüber. Er wollte den Vater töten! (Edward und Zeus!) Er will selber ein 
Gott sein. (Christus!) Er träumt von großen medizinischen Erfindungen, die der 
Menschheit nutzen werden. Es ist eine Transformation der religiösen Erlösungs- 
ideen. Damit schloß die erste Sitzung. 

Ich führe diese AnalyBe nicht weiter. Sie zeigt uns die Vereündigungs- 
ideen des Kranken und seine Bestrafung. Sein toter Vater wird sein 
Richter und ruft ihm ein donnerndes: iSatis! zn. 

Andere Impotenzen beruhen auf kriminellen Phantasien. Besonders 
unbewußte Sadisten, die das Weib ermorden oder erwürgen wollen, werden 
leicht impotent. Die Impotenz ist dann eine Schatzmaßregel gegen die 
kriminellen Triebe. Hierher gehörende Krankengeschichten muß ich mir 
flir den dritten Band dieses Werkes reservieren. 

Nnr noch zwei kurze Beispiele traumatischer Aggressionslähmang. 

Ein 28 jähriger Mediziner leidet an Impotenz. Er legte sich als 
ttjähriger Knabe zu seinem Bruder ins Bett und versuchte einen sexu- 
ellen Akt. Zufällig kam der Vater ins Zimmer und prügelt« den Kleinen 
ganz erbärmlich. Jedesmal, wenn er eine sexuelle Aggression ausführen will, 
empfindet er eine Hemmung. Wie eine Warnung aus fernen Tagen: Es 
wird wieder mit Schlägen enden. 

Eine andere Beobachtung : Ein 34jähriger Advokat leidet an psychi- 
scher Impotenz. Die Analyse ergibt, daß er als ftjähriger Knabe von seiner 
Mutter Schläge bekommen hat, weil er in ihrem Bette sich unziemliche 
Griffe erlaubte. 

Beide Fälle zeigen Inzestphantasien auf die. Mutter, Haß gegen den 
Vater, Schuldbewußtsein wegen Onanie, Prüfungsangst, Angst vor öffent- 
lichen Produktionen, Reden. 

Soviel an dieser Stelle. Ein Gesichtspunkt ergibt sich aus diesen Bei- 
spielen mit absoluter Sicherheit: die einzig rationelle Behandlung der psy- 
chischen Impotenz ist die analytische Methode Freuds. Gerade beim Ab- 
schluß dieser Arbeit gelang es mir, einen sehr schweren Fall von psychi- 
scher Impotenz, der seit Jahren bereits vergeblich mit den bisherigen 
Methoden behandelt wurde, nur durch die Psychoanalyse zu heilen. Die 
Psychoanalyse allein ist imstande, alle Hemmungen zu Überwinden, die 
das Entstehen einer kräftigen Erektion verhindern. Diese Hemmungen sind 
innere Widerstände, deren sich der Kranke in keinem Falle vollkommen 
bewußt ist. 

Auch bewußte Widerstände kommen in Betracht. Infolge der jahre- 
langen Abstinenz entwickelt sich bei den psychisch Impotenten eine Angst- 
neurose. Die „frei flottierende Angst" dient nun dazu, die Hemmungen 



270 Zweiler Teil. Die Angnthysterie. 

zu verstärken. Meistens handelt es sich um Angst vor Infektionen, die so 
stark werden kann, daß die Syphilidophobie das ganze Krankheitsbild 
beherrscht. Einer meiner Patienten, ein Arzt, konnte sich selbst trotz 
jedesmaliger genauer Untersuchung des Sexaalobjektes nicht von dieser 
Phobie emanzipieren. Sie war eben auf dem Boden einer Angstnenrose 
entstanden und hatte die Angsthysterie in unangenehmer Weise kompliziert. 
Es ist ein arger Circaius vitiosas, aas dem es ohne das Machtwort des 
Arztes fast gar kein Entrinnen gibt. Mit den ersten Erfolgen, d. h. nach 
aktiver sexueller Betätigung schwindet die Angstnenrose and die Furcht 
vor einer Infektion Überschreitet nicht mehr die Grenzen des Normalen. 
Allerdings muß zuerst die Angsthysterie geheilt werden. Andrerseits ist 
die Syphilidophobie eine Sicherungsmaßregel, welche die Reinheit des 
Kranken vor Versuchungen beschützen soll. Die Syphilis wird zum Sym- 
bol des Unreinen (und des Inzestes). Die Kranken zittern nm ihre ewige 
Seligkeit und schaffen sich die Hölle auf Erden, am den Himmel zn 
erobern. 

Gerade die psychische Impotenz fordert den ganzen Scharfsinn, die 
größte Aufmerksamkeit und feinste diplomatische Kunst des Psychothera- 
peuten heraas. Aber sie hat einen großen Vorteil: sie beweist die Macht 
der Psychotherapie an den Erfolgen, die der Kranke nicht abzuleugnen 
versucht, wie es leider in so vielen anderen Fällen vorkommt. 



XXVI. Die Berufsneurose einer Sängerin. 

Künstler erkranken sehr leicht an nervösen Angstzuständen, die sich 
auf ihren Beruf" beziehen. Schauspieler fürchten, sie könnten ihr Gedächt- 
nis verlieren. Sänger zittern um ihre Stimme. Klavierspielerinnen leiden 
an der Angst, sie könnten beim Vorspielen stecken bleiben. Violinspieler 
hegen Befürchtungen, eine plötzliche Lähmung des Armes könnte sie in 
ihrem Berufe hindern. Derartige nosophobische Zustände weichen meist 
der beruhigenden Suggestion des Arztes. 

Viel schwerer zu heilen sind Künstler, die einmal Öffentlich plötzlich 
versagen oder die infolge von Angstzuständen überhaupt nicht mehr auf- 
treten. 

Solche Störungen sind meist sehr komplizierter Natar and nar durch 
eine gründliche psychoanalytische Kur zu beheben. Ich will zur Aufhellung 
dieser dunklen Gebiete als bescheidenen Beitrag die komplette Analyse 
einer solchen Berufsneurose einer Sängerin publizieren. Sie ist zugleich ein 
wichtiges Docnment humain zur modernen Kulturgeschichte. Sie enthüllt 
ans mehr vom wirklichen Leben, als wir aus Zeitungen, Romanen and 
Dramen erfahren können. 

Nr. 106. Fräulein N. R. — nennen wir sie mit ihrem Vornamen Na- 
stasia — , eine 32 Jahre alte Konzertsängerin, leidet seit zwei Jahren an 
Angst vor dem öffentlichen Auftreten. Sie ist auch daheim nicht imstande, 
das kleinste Lied zu singen. Aach vor vielen Menschen, besonders vor 
Frauen hat sie Angst. Sie geht in kein Theater, in kein Konzert; sie hat 
die Empfindung, die Frauen sähen sie von oben herab an. Sie bekrittelten 
sie and fänden sie lächerlich. Sie spotteten über sie. Sie weint oft viele 
Standen im Tage. Ihre Stimme wird zuweilen schon beim Sprechen rauh. 



Die Berofanearose einer Sängerin. 271 

Beim Singen bringt sie nicht einen Ton heraus. Manchmal hat sie Taedinm 
vitae. Sie fragt mich, ob ich nicht der Ansicht bin, daß sich ein Krebs 
in ihrem Halse bilde. Allein die objektive Untersuchung ergibt vollkommen 
normale Organe. Ich teile ihr mit, daß es sich am ein seelisches Leiden 
handelt and schlage ihr die psychoanalytische Behandlang vor, auf die 
sie mit Freuden eingeht. 

Ich will nun versuchen, die Erkenntnisse in der Reihenfolge wieder- 
zugeben, wie ich sie von ihr erhalten habe. Die Anamnese ist lückenhaft. 
Aber wir halten uns an das Prinzip, in den ersten Standen die Patienten 
sprechen zu lassen, was sie wollen, ohne durch vordringliche Fragen ihre 
Gedanken aus der Bahn zu treiben. Wenn auch die Krankengeschichte 
äußerst lückenhaft und fragmentarisch zum Aasdrucke kommt, so sieht 
man doch schon an ihrem Aufbau, wo ungefähr die verdrängten Vor- 
stellungskomplexe zu suchen sind. Man merkt schon an der ersten Erzäh- 
lung, wo der Kern der Neurose liegen wird. 

Sie stammt aus einer gesunden Familie, ist hereditär nicht belastet; 
ihr Vater starb an einem Krebs des Mastdarmes. Aus den ereten Kinder- 
jahren weiß sie nichts von Bedeutung mitzuteilen. Sie wuchs in Petersburg 
als Tochter eines Lehrers auf, hatte keine Freundinnen und Gespielinnen, 
was ihrer Ansicht nach auf ihr ganzes Leben eingewirkt hat. Sie war als 
Kind sehr fromm und beschäftigte sich viel mit religiösen Fragen. Trotz- 
dem war sie mit 14 Jahren nicht zu bewegen, sich konfirmieren zu lassen, 
da sie alles wörtlich nahm und nicht die Kraft in sich verspürte, für ein 
religiöses Leben die volle Verantwortung zu Übernehmen. Über einzelne 
Stellen in der Bibel und im Gebetbuche konnte sie tagelang grübeln. Erst 
mit 17 Jahren konfirmierte sie. Das ging aber nicht so glatt; man mußte 
sie mit Bitten und Drohen dazu zwingen. Mit der ganzen Welt war sie 
unzufrieden. Die Menschen fährten ihrer Ansicht nach kein christliches 
Leben. Sie wollte sogar selbst Predigerin werden und das Wort Gottes 
verkünden. Das Abendmahl nahm sie aber bei der Konfirmation nicht. 
Sie hatte in sich nicht die Überzeugung, daß sie sich im Augenblicke der 
heiligen Handlung genug rein fühlen werde. Sie hatte eine schöne Stimme 
und wollte in der Kirche singen, um Gott gefällig zu sein. Hier fiel ihr 
prachtvolles Organ einem Organisten auf, der ihrer Mutter den Antrag 
machte, er werde sie im Gesänge unterrichten und aasbilden. Sie machte 
auch große Fortschritte. Leider verliebte eich der Lehrer in seine Schülerin 
so leidenschaftlich, daß er ihr einen Heiratsantrag machte. Ihr war der 
Manu gleichgültig. Solange sie bei ihm war, stieß er sie sogar ab. Nur 
wenn sie allein war, hatte sie eine Empfindung für ihn, die sie aber nicht 
als Liebe, sondern als „Muttergefühl" bezeichnet. Er sah bald das 
Hoffnungslose seines Werbens ein und schickte sie zu einem anderen 
Lehrer. Auch dort war sie nicht zufrieden, so daß sie eines Tages den 
Entschluß faßte, ganz allein nach Berlin zu fahren und sich dort aus- 
bilden zu lassen. 

Die Erzählung ihrer Reise klingt sehr romanhaft und zeigt ganz den 
phantastischen Charakter hysterischer Frauen. Wie ich mich jedoch später 
überzeugt habe, ist die Patientin durchaas wahrheitsliebend und hat auch 
in dieser ersten Erzählung nichts hinzugedichtet. In den Zug, der sie von 
Petersburg nach Berlin führen sollte, stieg in Warschau ein auffallend 
schöner, elegant aussehender Mann, ein Professor aus Warschau, ein. Sie 
kamen ins Gespräch und sie hatte die ganze Zeit über das Gefühl, als 



272 Zweiter Teil. Die Angsthysterie. 

ob ihr der Mann etwas antan könnte. Er benahm sich jedoch tadel- 
los und versprach, sie in Berlin zn protegieren. Er habe dort einflußreiche 
Freunde. Sie fuhr in Berlin in die ihr empfohlene Pension, wahrend er 
versprach, sie am nächsten Tage zu besuchen. Er kam auch wie ver- 
sprochen, sprach sie gleich mit dem Vornamen „Nustasia" an und tat 
sehr vertraulich. Sie folgte ihm jedoch, weil sie glaubte, sie könne nicht 
anders. Er führte sie dann in einem Wagen zu Beinen Freunden. Während 
der ganzen Zeit dachte sie: Was wird er nur mit dir machen? 1 ) Und 
dann kam sie in ein elegantes Palais, wo er sie in eine prachtvolle Woh- 
nung brachte und einem älteren amerikanischen Ehepaare vorstellte, das 
sich ihrer sofort warm annahm. Es waren Sonderlinge, die an ihr großen 
Gefallen fanden. Der Professor mußte jedoch bald wegfahren, ohne daß 
es zu Vertraulichkeiten zwischen beiden gekommen wäre. Nach Jahren 
wollte er einmal zärtlich werden, um sieb, wie er sagt, seinen Lohn zu 
holen, allein sie ging auf sein Bitten nicht ein. Sie studierte fleißig. Un- 
gefähr nach einem Jahre kam der Bruder de6 Professors nach Berlin, ver- 
hebte sich in sie und machte ihr einen Heiratsantrag. Er war „fabelhaft" 
reich und bat sie, ihm nur nicht nein zu sagen, sonst müßte er sich das 
Leben nehmen. „Sie können ruhig überlegen," sagte er, „nur „nein" 
dürfen Sie mir nicht sagen, sonst nehme ich mir das Leben." Sie war 
nicht imstande, diesem Manne das Jawort zu geben und verließ eines 
Nachts Berlin, um zu ihren Eltern nach Petersburg zurückzukehren. Mitt- 
lerweile hatte sich ihr Schicksal vollzogen. Sie hatte eine Empfehlung an 
einen berühmten Violinkünstler erhalten. Als sie in sein Zimmer einge- 
treten war, empfand sie etwas wie eine völlige willenlose Unterwerfung. 
Es war, als ob der Mann sie hypnotisiert hätte. Sie wußte gleich, diesem 
Manne wirst du gehören, der kann mit dir tun, was er will. Aus Peters- 
burg rief sie ein Telegramm ihrer Freunde zurück. Sie solle nur ruhig 
nach Berlin kommen. Der reiche Bewerber werde nicht mehr in sie dringen 
und er wolle warten, bis ihr spröder Sinn erweicht sei. Der arme gute 
Junge starb zwei Jahre später an Krebs des Kehlkopfes. Mittlerweile 
war ihre Ausbildung vollendet, jeder lobte ihre prachtvolle Stimme und 
Auffassung und sie ging an eine Provinzbuhne, um etwas Routine zu er- 
langen. In den ersten Tagen schon lud der Direktor sie zu sich in seine 
Wohnung zu einer Besprechung und gab ihr zu verstehen, daß sie ihm 
sehr gut gefalle und er das Möglichste tun werde, um ihre Ausbildung zu 
fördern, wenn sie sich ihm gegenüber nicht unfreundlich erweisen werde. 
Dann versuchte er den Arm um ihre Taille zu legen und sie zn küssen. 
Sie sagte dem Direktor einige energisch abweisende Worte und das Er- 
gebnis war, daß sie während der ganzen Saison nur ein einziges Mal und 
da nur aushilfsweise auftreten konnte. So begann ihre Laufbahn! Nicht 
besser ging es ihr bei ihrem zweiten Engagement. Dort war es wieder 
der Kapellmeister, der sie nach dem Studieren einer Partie umarmte und 
küssen wollte, was sie mit einem Schlag ins Gesicht und dem Zurufe: 
„Sie sind ein unverschämter frecher Mensch!" erwiderte. So begann auch 
hier für sie ein wahres Martyrium. Sie wurde gekündigt und nahm den 
Kampf mit dem Kapellmeister dadurch auf, daß sie ein Konzert gab, das 



') Diese Frage zielt auf die Kar. Ebenso das Gefühl, als ob ihr der Mann etwaB 
antan könnte In der ersten Stande spielen Gedanken über den Seelenarzt, der die Kur 
durchführt, eine große Rolle. Auch in dieser Erzählung. 



Die Berufsneuroae einer Sängerin. 273 

dem Publikum ihre Begabung beweisen sollte. Das Konzert hatte einen 
glänzenden Erfolg, aber die Freude an ihrer Buhnenkarriere wurde ihr 
gründlich verdorben and sie wurde Konzertsängerin. Sie reiste — bald 
bertthmt geworden — dnrch die ganze Welt, verdiente sehr viel und gab 
sehr viel aus. Mittlerweile war sie die Geliebte des Mnsikers geworden. 
Nennen wir ihn Pawlow. Ihr Ruhm wachs und ihre Erfolge waren Behr 
groß. Wie sie angibt, aber nur darum, weil sie ihr ganzes Unglück, ihre 
ganzen Enttäuschungen in den Gesang hineinlegen konnte. Sie behauptet, 
sie habe auf der Bühne jedesmal „onaniert". Das habe die Leute so hin- 
gerissen. Das letzte Mal sang sie in Petersburg einen Zyklus russischer 
Volkslieder. Der Erfolg war ein außerordentlich großer, aber nach dem 
Konzert fühlte sie sich so müde und abgespannt, daß sie sich dachte: Ich 
kann nicht mehr singen. Sie bekam vor ihrer eigenen Stimme Angst. 
Und seit damals ist sie nicht imstande, auch nur einen Ton zu singen. 

So die Erzählung ihres Lebenslaufes. Ich mache sie auf einige 
Sonderbarkeiten dieser Krankheitsgeschichte, die so Wichtiges verschweigt 
und Kleinliches hervorhebt, aufmerksam. Besonders auf die Konfirmation. 
Man merke hier deutlich, daß sie sich viel mit sinnlichen Dingen be- 
schäftigt hat, weil das der Umweg wäre, auf dem die Grübelsucht über 
übersinnliche Fragen entstünde. Sie will — nnd das sagt sie über- 
zeugend — physisch nie onaniert haben. Sie hatte von sexuellen Dingen 
bis spät nach der Konfirmation keine Ahnung. Wieso es kommt, daß sie 
das Abendmahl nicht nehmen wollte? Das erklärt sie sich nur mit Über- 
spanntheit. Sie habe schon mit dreizehn Jahren derartig überspannte Dinge 
an sich gehabt. So habe sie beispielsweise einen größeren Aufsatz über 
die platonische Liebe verfaßt. Damit schließt die erste Sitzung. Bemerkens- 
wert ist, daß sie eine Stunde lang von den Männern erzählte, die sie zu- 
rückgewiesen. Ein leises Bedauern über so viel verschmähte Liebe, über 
das verlorene Vermögen des Bewerbers, das nun ihr eigen wäre, klang 
durch die Entrüstung deutlich durch. Außerdem produzierte sie sich vor 
mir mit ihren wunderbaren Erfolgen, ihrem originellen Wesen und ihrer 
Sprödigkeit. 

Das nächste Mal versuche ich, da ihr spontan gar nichts ein- 
fällt und sie einen großen Widerstand gegen die Psychoanalyse aufbringt, 
die Umstände herauszufinden , unter denen sie damals zu Bingen auf- 
hörte. Sie berichtigt, es wäre nicht ein Zyklus russischer Volkslieder, 
sondern der eines jungen Dichters gewesen ; die Geschichte war ungeheuer 
traurig und schilderte eine Wanderung einer verlassenen Mutter mit ihrem 
Kinde durch Sibirien. Das hatte sie so fürchterlich erregt. Das Publikum 
war so ergriffen , daß mehrere Frauen in Ohnmacht fielen und alles im 
Saale schluchzte und bebte. Irgend eine Beziehung zwischen dem Vorge- 
tragenen und ihren persönlichen Erlebnissen ließ sich kaum finden. Sie 
hört zu sprechen auf. Es fällt ihr gar nichts mehr ein. Sie habe mir be- 
reits alles gesagt. Ich versuche daher ein Assoziationsexperiment und 
fordere sie auf, mir einige Worte zu nennen, die ihr willkürlich einfallen 
werden. Sie beginnt sofort und sagt die Reihe: Hund, Baum, Wald, 
Weg, Blume, Quelle, Förster, Berge, Sonne, tiefe Schatten, 
Wind, Fluß. Vor Fluß gibt es eine längere Pause. Dann kommen die 
Worte Reh, Wegweiser, Heidekraut, Stein. Ich pflege das dann so 
zu machen, daß ich mir zu den Worten noch ein bis zwei Assoziarions- 
worte sagen lasse. In diesem Falle lauten die Assoziationen : Hund — treu ; 

8t«kel, Ner»a« AngtUoiUnde nnd Ihn Babudlnng. ". AoB. lg 



o 



274 Zweiter Teil. Die Angsthyaterie. 

Baum — Busch; Wald — kühl; Weg— breit; Blume— rot; Quelle — frisch; 
Förster — gesund; Berge — Aussicht; Sonne — warm; tiefe Schatten — Ruhe; 
Wind — Streit; Reh — Schönheit; Wegweiser — erreichen; Stein — überwinden. 
Nun lasse ich mir die Assoziationen erklären und siehe da, es zeigt sich, 
daß diese Assoziationen der Ausdruck für gewisse verdrängte Komplexe 
sind. Oft erscheint ein Wort, rätselhaft, willkürlich gewählt, es dauert 
8 bis 4 Stunden und urplötzlich kommt dann die Erklärung. Der Hund 
ist treu — sie führt jetzt ein Hundeleben. Das wichtigste hat sie mir 
nämlich noch nicht erzählt. Daß P. verheiratet ist und eine Frau in 
Petersburg hat. Die Frau will sich von ihm nicht scheiden lassen, obwohl 
er schon seit 10 Jahren gar nicht mit ihr lebt. Sie kommt sich manchmal 
vor, als wäre sie willenlos. Der Hund ist das Symbol der Treue. (Eine 
spätere Erklärung des Symboles „Hund" kommt in einem Traume nach.) 
Auch sie ist treu. Aber es kränkt sie, daß sie mit P. nicht verheiratet sein 
kann. Es sind ihr alle besseren Häuser verschlossen, weil sie nicht seine 
rechtmäßige Gattin ist; deshalb geht sie in keine Gesellschaft. Sie kann 
auch mit P. nicht zusammen wohnen. — „Baum, Wald und Weg" — 
ihr liebster Aufenthalt ist der Wald. Wenn sie so mit P. durch den Wald 
geht, da Überkommt sie eine „fast sinnlose" Liebe. — Sie ist immer 
keusch und zurückhaltend. Aber wenn er im Walde so vor ihr hergeht, 
da ist es ihr, als müßte sie ihm zurufen: Umarme mich und nimm von 
mir Besitz. Sie konnte — das ist die einzige Situation im Leben — ihn 
auffordern, mit ihr so zärtlich zu sein, wie er es des Nachts zu sein 
pflegt. Warum das im Walde vor sich geht, das ist ihr nicht begreiflich. 
Aber auch anderen Männern gegenüber könnte sie bei einem Spaziergange 
im Walde schwach werden. Baum, Wald und Weg führen jetzt direkt in 
den sexuellen Komplex. „Blumen — rot" — ein uraltes Symbol. Blumen 
pflücken (deflorer!) gebräuchlicher Ausdruck für Liebesgenüsse suchen. 
Quelle — häufiges Symbol für Blase. Selbstverständlich gehört zum 
Blumenpflücken im Walde ein gesunder Förster. Berge (Schamberg), 
Sonne (Lebensfreude), tiefe Schatten (hat man um die Augen, wenn man 
zu viel lebt), Wind (momentan nicht erklärlich — scheint Beziehungen 
zu einem Analkomplex zu haben, die noch später auftauchen werden), 
führen zu Floß, allerdings nach einem langen Widerstände (10 Sekunden!). 
Darauf fällt ihr ein, daß sie als Mädchen an Fluß gelitten hat und sich 
damals sehr unrein vorgekommen ist. 1 ) Es kam eine Madame und spritzte 
sie täglich aus. Das Waschen war als Kind überhaupt ihre große Leiden- 
schaft. „Ich habe rasend gern gewaschen," sagt sie, „besonders die Pup-